FRAGEN ÜBER FRAGEN
ERNST VON SALOMON (1902 - 1972)


[Kadett Salomon 1918] [Ernst v. Salomon] [Ernst v. Salomon 1951]

"Das mußt Du zugeben: Die Zeit, in der wir leben, ist die interessanteste
Zeit der Weltgeschichte. Und noch niemals hat es eine Generation
gegeben, die so viel und so Vielfältiges erlebt hat wie wir...!" -
"Sicher. Aber sei mir nicht böse: ich möchte es lieber lesen!"

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EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE

ES STEHT GESCHRIEBEN . . .
Große Schriftsteller des 20. Jahrhunderts

Nein, liebe Leser, bessere Fotos Ernst von Salomons hat Dikigoros nicht auftreiben können - der kleine Kadett war halt nicht sehr fotogen, und der Zivilunke wird ihm nicht gerecht; aber im Alter hat Dikigoros ihn sich immer genau so vorgestellt wie auf dem Bild rechts oben: engagiert, kämpferisch, voll in Aktion, wie hier bei einer verbalen Saalschlacht. [Persönlich kennen gelernt hat er ihn leider nie - das ist die Schuld seines Vaters, der ihn zwar in den 1960er Jahren zu allen möglichen und unmöglichen Verwandten und Bekannten in Schleswig-Holstein mitgenommen hat, aber nicht zu Salomon. Er kannte ihn ja auch nicht persönlich, sondern nur seinen Bruder, mit dem zusammen er in der Festung Kurland im Dreck, pardon, im Schnee gelegen hatte; und hatte Salomon nicht in einem seiner Bücher ausdrücklich geschrieben, daß er von Kriegserinnerungen nichts mehr hören und sehen wollte? Also nahm er ihn statt dessen zu einem anderen Kieler Ex-Kadetten mit, genauer gesagt zu seinem Denkmal im "Rosengarten" von Eutin, wo eine Tante - die jüngste Schwester seiner Großmutter - lebte: Detlev v. Liliencron - aber das ist eine andere Geschichte.] Der konnte noch frei sprechen (und wenn es sein mußte brüllen), auch wenn ein Mikrofon des Radio-Senders direkt daneben stand, nicht wie die heutigen Luschen von "Schriftstellern" bei "Podiums-Diskussionen", die allenfalls ablesen können (wenn überhaupt das). Da würde sich ein braves Paß-Foto doch gar nicht machen.

Da Dikigoros die Überschrift so gewählt hat, wie er sie gewählt hat, beginnen wir gleich mit der ersten Frage, die sich dem, der Salomons Bücher gelesen hat, unwillkürlich aufdrängt: Wie war es möglich, daß jemand, der wegen schlechter Leistungen in Deutsch und Fremdsprachen vom bürgerlichen Gymnasium abgehen mußte, mehrere Jahre in der Verblödungs-, pardon Kadettenanstalt, danach mehrere Jahre in irgendwelchen Freikorps und schließlich noch einige Jahre im Zuchthaus verbrachte, ein so hervorragendes Deutsch gesprochen und geschrieben hat? Und das in einer Zeit, da seine "gebildeten" Zeitgenossen, Akademiker und Berufs-Schriftsteller, die Döblin, Kafka und Mann, ein so greuliches, grottenschlechtes Deutsch schrieben (angeblich absichtlich) - und auch noch stolz darauf waren? Und um die zweite Frage gleich anzuhängen: In der Zwischenkriegszeit gab es doch eine ganze Reihe großartiger Schriftsteller, die alle in einer ähnlichen Sprache und in einem ähnlichen Stil schrieben - "Wolf Durian", "Hans Fallada", Erich Kästner, Hugo Hartung (was wohl nicht allein damit erklärt werden kann, daß sie z.T. den selben Verlags-Lektor hatten :-) - warum ist Dikigoros ausgerechnet auf den jüngsten von ihnen, den heute fast vergessenen Ernst von Salomon verfallen, da er doch an anderer Stelle geschrieben hat, wie toll er als Kind z.B. Durians "Kai aus der Kiste" fand? Nun, auf dieser "Reise durch die Vergangenheit" geht es ihm nicht um Bücher, sondern um die Lebensgeschichten ihrer Verfasser, und da waren die der Erstgenannten halt weniger interessant: Durian und Fallada waren vernagelte Kommunisten, die nach dem Krieg in die DDR gingen bzw. dort blieben und bald in der Versenkung verschwanden, weil es dort noch viel weniger erlaubt war als im Dritten Reich, den Mund bzw. das Tintenfaß auf zu machen; Fallada saß wie Salomon im Zuchthaus, aber er war kein politischer Überzeugungstäter, sondern ein ganz gewöhnlicher Krimineller; und Kästner war ein Muttersöhnchen, nie richtig erwachsen geworden, geschweige denn gereift - nicht umsonst waren seine größten Erfolge, wie auch die Durians, Kinderbücher. (Was übrigens ebenso rätselhaft ist wie Salomons Schreibleistung. Würde Dikigoros über Fallada, Kästner & Co. schreiben, müßte er hier fragen: "Wie war es möglich, daß jemand, der aus einem gut-bürgerlichen Haus kam, so hervorragend das ärmliche Arbeiter-Milieu schildern konnte? Wie, daß jemand, der selber keine Kinder hatte, so hervorragend für sie schreiben konnte?) Außerdem sind zumindest Fallada und Kästner heute bekannt genug, da sie sich als brave Anti-Faschisten gut instrumentalisieren lassen zu Feigenblättern der heutigen Gutmenschen; und auch Hartung ist war nicht durch "Der Himmel war unten" - seine ganz persönliche Geschichte des Endkampfes um die "Festung" Breslau anno 1945 -, aber dafür durch seinen Roman "Ich denke oft an Piroschka", genauer gesagt durch dessen Verfilmung mit Lilo Pulver, dauerhaft im Gedächtnis der Nachwelt erhalten geblieben. (Salomons Filme waren ungleich besser, wie wir noch sehen werden; aber sie sind heute entweder offiziell verboten oder inoffiziell verpönt, werden jedenfalls nicht mehr gezeigt.) Es ist also nicht notwendig, jene Schreiber hier oder anderswo vor dem Verdrängt- oder Vergessenwerden zu bewahren.

[Exkurs. 1994, also fast eine Generation nach Salomons Tod, hat es zum ersten Mal ein deutscher Student gewagt, eine Dissertation über Ernst von Salomon zu schreiben. Das ist an sich sehr löblich; aber wie das so ist mit Dissertationen: Man will ja damit zum "Dr." promoviert werden, und da hat man gewisse Rücksichten auf den gutmenschlichen Zeitgeist zu nehmen, nicht nur als Doktorand, sondern auch als Doktorvater; die Fakultät kann schließlich keine Arbeit annehmen, die nicht politisch korrekt ist, und da gilt es gewisse Kompromisse zu machen. Dikigoros kennt das aus eigener Erfahrung; denn auch er hat über einen Schriftsteller promoviert, der freilich weniger durch seine autobiografischen als durch seine juristischen Werke berühmt geworden ist - viel berühmter als Salomon -; er hat ihm später auch eine Webseite gewidmet, und er kann Euch versichern, daß sich darin keine einzige Zeile wieder findet aus seiner Doktorarbeit, die er heute im Rückblick für grottenschlecht hält; es ist ihm jedesmal peinlich, wenn er sie wieder zitiert findet. Aber das erklärt sich recht einfach: Der Titel war gut gewählt, d.h. er ziert jede "wissenschaftliche" Bibliografie (für Nicht-Akademiker: hinter diesem hochtrabenden Ausdruck verbirgt sich nicht mehr als das deutsche Wort "Bücherverzeichnis", also eine Aufzählung der Bücher, die ein angehender "Wissenschaftler" gelesen zu haben vorgibt, bevor er sich selber ans Werk gemacht hat :-), und deshalb werden halt auch immer ein, zwei Sätze daraus zitiert, mehr oder weniger sinnlos aus dem Zusammenhang gerissen. Aber Dikigoros hat es seinerzeit genauso gemacht, und so schleppt sich halt jener Rattenschwanz "wissenschaftlicher" Zitate und Plagiate, angefangen bei den Regenwürmern, die laut AristotÚlis aus Schlamm entstehen, von Generation zu Generation durch die Universitäten; und so darf man sich nicht wundern, wenn die "akademische Forschung und Lehre" bei einem immer umfangreicheren Ausstoß an bedrucktem Papier immer weniger Wissen schafft - weshalb Dikigoros persönlich meist zutreffender von "akademischer Forschung und Leere" schreibt. Besagter Doktorand wählte freilich nicht einmal den [Unter-]Titel seiner Dissertation gut, sondern völlig irreführend: "Revolutionär ohne Utopie". Das war zwar in der Sache nicht einmal verkehrt, denn Salomon war in der Tat ein ganz nüchterner Mensch ohne Illusionen und Utopien; aber beim unbedarften Leser, der Salomon nicht kannte - und das waren nun mal 99% aller Deutschen - wurde dadurch der Eindruck eines cynischen Revoluzzers ohne Ideale erweckt, und der ist schlicht falsch. Gewiß, der Herr Doktorand beschäftigte sich durchaus auch mit Salomons "Idealismus", aber auch dabei gelangte er zu dem eher fragwürdigen Schluß, daß dieser auf den Idealismus Schillers zurück gehe. Einige Jahre später, inzwischen ordentlich zum Dr. phil. Markus Klein promoviert, veröffentlichte er rechtzeitig zu Salomons 100. Geburtstag eine erweiterte Fassung seiner Dissertation; aber auch um im deutschsprachigen Raum einen Verlag zu finden, der nicht in "seriösen" Kreisen als völlig verfemt gilt, muß man halt noch Rücksichten nehmen, jedenfalls wesentlich mehr als auf einer Webseite, wie sie Euch Dikigoros hier anbieten kann. Ob diese Pflicht zur "Rücksichtnahme" so weit geht, daß man Salomon wider besseres Wissen als "amoralischen Zynisten" und "Terroristen" bezeichnen muß, der sein eigenes Leiden furchtbar wichtig nahm und gleichzeitig gegenüber dem Schicksal anderer unempfindlich war - wie es in der Werbung für jenes Buch skandalöserweise geschieht - mag dahin stehen. Immerhin ist es noch das geringere Übel gegenüber solchem Schwachsinn, wie ihn z.B. das überwiegend aus deutschen Steuergeldern finanzierte jüdische, pardon kalifornische Simon-Wiesenthal-Center in die Welt und ins World Wide Web gesetzt hat: Salomon sei nach dem Rathenau-Mord von Hindenburg amnestiert worden, der Titel seines ersten Buches habe "Die Geachteten" gelautet etc. Exkurs Ende.]

Und last but not least: Salomon war der einzige der hier genannten, der praktisch immer über sein eigenes Leben geschrieben hat, nicht über irgendwelche Fantasie-Gestalten - die Lebensgeschichte der anderen muß man mühsam in irgend welchen Biografien aus dritter Hand nachlesen, und das ist natürlich längst nicht so spannend. Ja, spannend ist der richtige Ausdruck für Salomons Lebensgeschichte, und fesselnd - und wie er sie in seinen Büchern darstellt, damit übertrifft er bei weitem die erfundenen Erlebnisse eines Carl May oder die tatsächlichen Erlebnisse eines Sven Hedin (die er als Lektüre mit in die Kadettenanstalt nahm). [Eine Ausnahme muß Dikigoros freilich einräumen: Den Aufstand der so genannten "Landvolkbewegung" Ende der 1920er Jahre hatte bereits Fallada anno 1931 in seinem Roman "Bauern, Bonzen und Bomben" ausführlich beschrieben; dagegen waren die paar Seiten, die Salomon - der daran beteiligt war und dafür sogar 1929 für kurze Zeit erneut im Gefängnis gesessen hatte - ihm 40 Jahre später in "Deutschland Deine Schleswig-Holsteiner" widmete, gar nichts; beide Autoren brachten es übrigens fertig zu verschweigen, daß es sich um einen politisch inspirierten Aufstand gegen das korrupte Weimarer System handelte, und daß die Blut- und Boden-Ideen der Aufständischen später von den National-Sozialisten übernommen wurden.]

Dabei schreibt Salomon - Markus Josef Klein zum Trotze, der ihm bzw. seiner Verleumdung den Dr.-Grad verdankt - ganz ohne Pathos, ohne Selbstmitleid, ohne Effekthascherei, ohne künstlichen Heroismus oder Patriotismus, ohne Versuch zu rechtfertigen oder zu beschönigen, ohne all das, wovon sich seine Zeitgenossen, die Autobiografisches über den Krieg und die Nachkriegszeit zu Papier brachten, die Beumelberg, Dwinger, Jünger, Thiess und wie sie alle hießen, deren Werke ein Literatur-Historiker der Nachkriegszeit mal boshaft als "Leutnants-Literatur" bezeichnet hat, nie ganz frei machen konnten. Salomon be-schreibt eigentlich nur, er läßt die Fakten sprechen und enthält sich jeglicher Wertungen, ja selbst Reflexionen. [Dikigoros schreibt das hier so anerkennend, aber es gibt auch andere Stimmen, wie sie auf einer weit verbreiteten, halbamtlichen Webseite der BRD süffisant zitiert werden, die das als "eindrucksvolle Prosa, der allerdings die Selbstreflexion fehle", verurteilen.] Selbst in den Dialogen, die er wiedergibt, tauchen nur selten Meinungen auf. Ein Schreiber ohne Meinungen? Kaum - aber er überläßt es dem Leser, sich seine eigene Meinung zu bilden, eine Kunst, die heute selten geworden, fast schon ganz verschwunden ist. (Nein, auch Dikigoros ist kein solcher Künstler, Ihr braucht ihm nicht zu mailen - jedenfalls nicht deswegen :-) "Roman-Reportage" nannten die Franzosen (bei denen Salomon heute bekannter und populärer ist als bei seinen deutschen Landsleuten) das und stellten ihn in eine Reihe mit den Kommunisten Malraux und Hemingway - zu Unrecht. Die beiden letzteren schreiben in ihren Romanen keine Reportagen, sondern fantasieren sich irgend etwas zusammen, was sie bestenfalls aus dritter Hand erfahren oder sich womöglich nur ausgedacht haben, vor allem die eigenen Heldentaten. (Salomon beschreibt, was er getan hat, nie als Heldentat.) Und politisch? Salomon war etwas, wofür mal jemand den treffenden Ausdruck "National-Bolschewik" geprägt hat, d.h. jemand, dem die National-Sozialisten zu bürgerlich und zu wenig elitär waren. Ja, liebe Leser, das scheint ein Widerspruch in sich zu sein, da Ihr heute gewohnt seid, beide Adjektive politisch "rechts" einzuordnen. Aber zumindest Ihr, liebe Ossis, müßtet doch wissen, daß z.B. die Stasi auch immer sehr auf die nationalen Interessen der DDR bedacht war und sich bei der Auswahl ihrer offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter stets bemühte, eine Elite heran zu ziehen (mit welchem Erfolg auch immer :-)

Nein, Salomon war kein Leutnant (obwohl er immer Wert darauf gelegt hat, daß er es doch gewesen sei. Stimmt, aber erst nach dem Krieg, nicht mehr als "ordentlicher" Soldat, sondern als Freikorpskämpfer; auch der Kunstmaler Adolf H. wurde ja nach dem Krieg noch zum Unteroffizier befördert; gleichwohl blieb er im Volksmund stets der "böhmische Gefreite"). Dwinger auch nicht, aber als der Fähnrich - der wie Salomon in Kiel geboren war, und dessen Mutter wie die Salomons aus Rußland stammte - nach sieben Jahren Krieg und Bürgerkrieg nach Deutschland zurück kehrte, das er mit 16 Jahren als Kriegsfreiwilliger verlassen hatte, brauchte er acht Jahre, bevor er begann, darüber zu schreiben. Als der Kadett Ernst v. Salomon 16 Jahre alt war, ging der Erste Weltkrieg zuende, bevor er an die Front kommen konnte, und als er 1928, sechs Jahre nach dem Attentat auf Walter Rathenau, in die Freiheit zurück kehrte, begann er sofort zu schreiben, über den Bürgerkrieg in und um Deutschland, gegen seine inneren und äußeren Feinde, und über die Gedanken, die ihn damals bewegten. Gedanken, die nachzuvollziehen uns Heutigen so schwer fällt, weil wir seit 1945 mit dem Märchen gefüttert werden, daß die "Weimarer Republik" eine ach-so-schöne und edle Demokratie gewesen sei, die leider von den bösen Nazis zerstört wurde. Wenn wir Salomons Erstlingswerk "Die Geächteten" glauben dürfen - und wir dürfen wohl, müssen sogar, denn es erschien 1930, also drei Jahre bevor seine Veröffentlichung mit dem Makel der verlogenen Katzbuckelei vor dem National-Sozialismus hätte behaftet sein können -, dann empfanden die Menschen das damals in ihrer Mehrheit umgekehrt: Für sie war die "Weimarer Systemzeit" etwas, das so schnell wie möglich überwunden werden mußte - Salomon hatte noch 1961 in einem Brief an seinen Verleger Rowohlt aus Anlaß der Neuauflage den Mut, sie "eine amoralische Epoche" zu nennen -, und Salomons Bücher sind wahrscheinlich die besten Zeitdokumente, uns diese Gedankengänge zu überliefern und zu erläutern - besser jedenfalls als jede andere zeitgenössische Quelle, die Dikigoros kennt. Zugleich sind sie eine der besten zeitgenössischen Quellen für die Geschichte der "Freikorps" - ohne deren Lektüre auch Dikigoros diese Erscheinung nicht verstünde. Wie konnte ein 16-jähriger, der vier Jahre Krieg miterlebt hat - wenn auch nicht an der Front - sich zu solchen militärischen Ersatzeinheiten melden, die sich der SPD-Regierung und ihrem Kriegsminister, dem selbst bei seinen eigenen Genossen als "Bluthund" verschrienen Gustav Noske, zur Verfügung stellten, obwohl sie in ihrer überwiegenden Mehrheit diese Regierung ablehnten? Wie konnte er sein Leben im Ruhrpott, in Oberschlesien und im Baltikum aufs Spiel setzen, obwohl seine Heimat Schleswig-Holstein war und obwohl er genau sah, daß sie nach jedem Einsatz wieder um die Früchte ihrer Anstrengungen betrogen wurden? "Pardon", hätte Salomon geantwortet, "ich bin kein Schleswig-Holsteiner, sondern Preuße". Das wäre eine typisch Salomonische Antwort gewesen, also eine zwiespältige. In seinen Augen besagte "der Zufall seines Geburtsorts" (Kiel) gar nichts - und da hat er recht: Ein Pferd, das in einem Schweinestall geboren ist, bleibt dennoch ein Pferd - und umgekehrt. Aber das ius sanguinis hilft ihm da ebenso wenig weiter wie das ius solis, denn er stammte väterlicherseits von Lothringern (vielleicht auch von nach Lothringen - Mirecourt - eingewanderten Italienern) ab, und mütterlicherseits von Baltendeutschen aus Reval, die es nach Sankt Peterburg verschlagen hatte. Schau mal an - er hat diesen Bezug nie hergestellt, ja die Herkunft seiner Mutter in "Die Geächteten" nicht einmal erwähnt; aber das wäre immerhin eine Erklärung für sein Freikorps-Engagement im Baltikum.

Ach so, warum Salomon sich dennoch als Preuße fühlte? Seine Eltern hätten für ihn gewählt, schrieb er an anderer Stelle, denn Preuße werde man nicht durch Geburt, sondern durch Wahl. Hm... schwer zu glauben, nicht wahr liebe Leser? Aber auch Dikigoros' eigene Großeltern wurden, was sie wurden, durch Wahl: sein Großvater väterlicherseits wurde 1919 vor die Wahl gestellt, Pole zu werden oder seine Heimat zu verlassen, und er wählte Deutschland. Ob er auch Preußen wählte (was er als Posener formell gewesen war)? Dikigoros weiß es nicht. Die Eltern seiner Mutter verließen Ofen - das nun "Buda-Pescht" genannt wurde - einige Jahre nach dem verhängnisvollen "Ausgleich" von 1867, sein Großvater, weil er kein zwangsmadyarisierter Ungar werden wollte, seine Großmutter, weil sie keine Ungarin bleiben wollte (für eine Nichte Andrassys ein bemerkenswerter Entschluß :-) Aber ob sie deshalb "Österreicher" werden wollten? Wahrscheinlich nicht, denn sie erzogen ihre Töchter nicht zu "Österreicherinnen", sondern zu Deutschen. Dikigoros - der sie kaum kannte, denn sie waren eigentlich drei Generationen älter als er; sein Opa war längst tot, als er geboren wurde, und seine Oma starb, als er noch ein Kind war - hat sie nie fragen können; er bezweifelt auch, daß er eine wahrheitsgemäße Antwort bekommen hätte - in solchen Fragen belügen sich die Menschen gerne selber; und anders als Salomons Verleger Rowohlt - der im Nachwort zu einem seiner Bücher schrieb, er wisse zwar nicht, ob das, war darin stehe, richtig sei, aber es sei zumindest aufrichtig geschrieben, und dieses Wissen reiche ihm - reicht ihm das in solchen existentiellen Fragen nicht aus.

Wie dem auch sei - warum beteiligte sich Salomon am Mord an Rathenau, dem dritten Schlüssel-Erlebnis seines Lebens nach der Cadetten-Anstalt und den Freikorps-Kämpfen? Von den politischen Attentaten jener Jahre kann Dikigoros die meisten nachvollziehen: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu erschießen, war kein Mord - denn die Tat geschah nicht aus niederen, sondern durchaus ehrenwerten Beweggründen -, und auch dem fetten, korrupten Matthias Erzberger weinte kein billig und gerecht denkender Zeitgenosse eine Träne nach. (Zu seiner Beerdigung hatte die Zentrumspartei in ganz Deutschland getrommelt und dennoch nur 30.000 Schäflein für ihre Hammelherdeihren Trauerzug zusammen gekarrt bekommen :-) Aber warum wollte jemand ausgerechnet Rathenau umbringen, einen der ganz wenigen fachlich kompetenten und persönlich integren Wirtschaftsminister, die Deutschland je hatte? Nun - genau das scheint Rathenau zum Verhängnis geworden zu sein, denn seine Attentäter wollten ja gerade einen heraus ragenden Repräsentanten des verhaßten Weimarer Systems treffen. (Aus jedem der nüchternen, sachlichen Sätze, mit denen Salomon die Flucht der Reichsregierung von Berlin nach Weimar beschreibt, trieft stumme Verachtung. Nein, er nennt weder die Flucht noch die Fliehenden feige, er schildert einfach nur, was war.) Persönliche Motive? Salomon selber hatte keine. Vor der Tat fragt er seinen Freund Kern, den Attentäter: "Wenn wir gefaßt werden, was sollen wir dann als Motiv angeben?" Antwort: "Gott, das ist doch völlig gleichgültig, sagt irgendwas, das die Leute verstehen, die gewohnt sind, den Zeitungen zu glauben, z.B. daß Rathenau einer der Weisen von Zion ist oder seine Schwester mit Radek verheiratet hat oder sonst irgendeinen Quatsch, halt das, was Euch die Zeitungen vorkauen werden, dann freuen sie sich." Die Tat selber - an der Salomon nicht beteiligt war - beschreibt er kommentarlos aus drei Quellen: Der Kurzmeldung des Berliner Tageblattes, einem Augenzeugenbericht aus der Vossischen Zeitung und dem Kommentar einer Rathenau-Freundin ("Den Edelsten habt ihr aus feigem Hinterhalt ermordet... keine Strafe, die euch trifft, sei schwer genug!"). Dann folgt ein Absatz Zitate - was Rathenau selber über leben und sterben, kämpfen und töten geschrieben hat. Drei Jahrzehnte später - in dem bereits erwähnten Schreiben an seinen Verleger zur Neuauflage - zitiert er eine "Notiz", die er "wiedergefunden" habe: "Morden darf nur, wer zeugen kann; wer so überzeugt von der Einzigartigkeit einer Frau oder einer Idee ist, daß er nur in ihr eine Zukunft sieht. Morden und Zeugen sind Komplementäre; nur der darf zeugen, der auch für seine sinnliche oder geistige Überzeugung morden kann!"

Das ist sicher starker Tobak für Euch, nicht wahr, liebe Leser? Aber die meisten "primitiven", d.h. körperlich und geistig gesunden Naturvölker teilen diese Auffassung (wobei sie keinen Unterschied machen zwischen "Morden" und anderen Formen des Tötens - Krieg, Jagd, Zweikampf oder was auch immer), und Dikigoros teilt sie auch (nicht nur wegen des hübschen Wortspiels mit "zeugen" und "überzeugen"): Im Dschungel von Neu-Guinea darf bis heute kein Jüngling eine Frau haben, der nicht im Krieg war; genauer gesagt: Er darf keine Kinder zeugen, bevor er nicht Feinde getötet hat - das ist eine sehr praktische Regel, die der Übervölkerung, die anderswo in der Dritten Welt einen so bedrohlichen Umfang angenommen hat, wirksam vorbeugt. Ihr meint, das sei doch ungeheuerlich und unmoralisch, und die Papua-Neger hätten es damit nicht besonders weit gebracht? Ja, gewiß, Salomon nennt es sogar selber so, d.h. nicht ganz - und darin liegt der Clou: er nennt es nicht un-, sondern amoralisch, und das meint er natürlich ganz im Sinne seines Lieblings-Schriftstellers Nietzsche, der die Moral der christlichen Nächstenliebe als der Natur schädliche Heuchelei verdammt. Ja, pardon, liebe Leser - was ist denn "moralischer"? Ungeborene Kinder im Mutterleib zu töten? (So wie es manche für unmoralisch halten, auf die Jagd zu gehen, um "wilde" Tiere im Wald zu erlegen, die vorher wenigstens noch eine Zeit lang in natürlicher Freiheit gelebt haben, während sie nicht die geringsten moralischen Skrupel haben, "Nutz"-Tiere" von der Wiege bis zur Schlachtbank im Rinder- und Schweine-KZ oder in der Lege-Batterie zu halten?) Oder der Spruch, daß, wer [über]zeugen will, bereit sein muß, dafür zu sterben, statt zu töten? Im Sinne der Bevölkerungs-Politik mag das aufs gleiche hinaus laufen; aber Dikigoros findet das pervers. (Es ist wie bei den "Helden" bzw. denen, die dafür gehalten werden, bloß weil sie die scheinbar wichtigste Voraussetzung für "Heldentum" erfüllen, nämlich für irgendetwas - König, Volk, Vaterland, eine Idee oder sonstwas - gestorben zu sein. Für Dikigoros sind Helden nur diejenigen, die den Kampf überlebt haben und deshalb für König, Volk, Vaterland oder ihre Ideen weiter leben können - sonst war ihr Einsatz umsonst. Und wenn die Voraussetzung des eigenen Überlebens das Töten anderer ist... aber darüber schreibt er an anderer Stelle mehr.)

Als Salomon beschreibt, wie die Polizei den Attentäter Kern erschießt, trieft wieder jede seiner Zeilen, obwohl ganz nüchtern und sachlich geschrieben, vor Verachtung: Ein vorwitziger Polizist hatte Kern auf der Burg von Bad Kösen gestellt, genauer gesagt war er ihm vor die Pistole gelaufen und winselte um sein Leben: Er habe doch Frau und Kinder... Kern ließ ihn laufen. Als seine Munition alle war, warf er nur noch mit Steinen aus dem Fenster; und als auch die alle waren, kam der tapfere Polizist zurück - und erschoß ihn. Er wurde "für seinen Mut und seine Entschlossenheit" vom Polizeipräsidenten belobigt. Punkt. Hat Salomon die Tat eigentlich bereut? Na klar hat er, sehr bald sogar; aber weder ob des toten Rathenaus noch ob der Konsequenzen für ihn selber - die kannte er ja noch nicht, als er, noch in Freiheit, d.h. auf der Flucht, in eine Kneipe kommt und mit anhören mußte, wie ein fetter, vollgefressener "Geschäftsmann" (es war die Zeit der einsetzenden Hochinflation und der Hungersnot, der immer noch jeden Tag tausende Mitteleuropäer zum Opfer fielen) zwei seiner Kollegen am Stammtisch folgenden Witz erzählt: "Rathenau kommt in den Himmel; dort trifft er Erzberger. - Das müssen wir aber begießen, meint der und bestellt eine Flasche Wein bei Petrus, aber der letztere sagt nur: Nee, ich darf keinen Wein ausschenken, und der Wirth ist noch nicht da." Wie Ihr der Schreibweise entnehmt, liebe Leser, ist damit kein Kneipenwirt gemeint, sondern der damalige deutsche Reichskanzler Joseph Wirth, der etwa so beliebt war wie 80 Jahre später Gerhard Schröder und Fußpilz zusammen. Aber urplötzlich erkennt Salomon an diesem schlechten Witz, für welche Art von Leuten ("schleimige Lumpenkerle" nennt er sie) er und seine Freunde da die Drecksarbeit gemacht haben, wofür sein Freund Kern gestorben ist und wofür er in den Knast gehen wird, und daß sie wieder so verraten und verkauft worden sind (oder sich selber verrraten und verkauft haben?) wie wenige Jahre zuvor in den Freikorps. In dem Augenblick wurde er zu dem, was man später einen "National-Bolschewiken" nennen sollte.

Exkurs. Zur gleichen Zeit schrieb ein anderer Deutscher ein Buch, dessen Titel zum Schlagwort werden und das ihn auf einen Schlag weltbekannt machen sollte (aber nicht reich, denn die Erträge seines Bestsellers, der 1918 und 1922 in zwei Teilen erschien, fraß die Inflation auf) Oswald Spengler. "Der Untergang des Abendlandes" ist ein ebenso dickes wie dummes Buch, das aus einer Fülle richtiger Fakten die falschen Schlüsse zieht und nur den Treppenwitz für sich hat, daß das Abendland sich - wenngleich aus ganz anderen Gründen als Spenglers vermeintlich zwingenden Kreisläufen von der Barbarei über die Kultur zur Zivilisation und wieder von vorne - tatsächlich seinem Untergang nähert. (Nein, die Bücher seiner Epigonen - von Arnold Toynbee bis Paul Kennedy - sind nicht besser; im Grunde genommen sind sie allesamt Charly Murx auf den Leim gegangen, der behauptete, es gäbe in der Geschichte so etwas wie eine "Gesetzmäßigkeit"; aber die gibt es gerade bei dem, was er "Überbau" nannte, nicht!) Nebenbei aber schrieb Spengler ein viel interessanteres Buch, das leider nicht annähernd den gleichen Publikums-Erfolg hatte: "Preußentum und Sozialismus".
(...)
Exkurs Ende.

Vom anschließenden Prozeß schreibt Salomon wenig: Die Richter verstanden ihn nicht, und er verstand sie nicht, die Staatsanwälte, Untersuchungsrichter und Reichsgerichtsräte am neu geschaffenen "Staatsgerichtshof", die noch wenige Jahre zuvor brave, Wilhelm II treu ergebene Diener des Kaiserreichs gewesen waren - und insgeheim wohl immer noch waren -, sich aber nun mit moralischer Entrüstung über die Feinde des Weimarer System, pardon der Weimarer Demokratie erhoben und sie zu hohen Zuchthausstrafen verurteilten, obwohl sie doch gar keine Kriminelle waren, sondern "politische Überzeugungstäter". Und wieder trieft jede Zeile vor Verachtung. Ein paar Seiten später hat Salomon seine Strafe abgesessen und schwankt zwischen zwei Extremen: "Es ist vorbei und alles war umsonst" und "Nein, der Kampf war noch nicht zu Ende". Dann schläft er mit dem tröstlichen Gefühl ein: "Ich wußte, daß wir nicht geirrt haben konnten."

Dikigoros hat oben geschrieben, daß Hans Fallada in "Bauern, Bonzen und Bomben" besser über den Aufstand des "Landvolks" geschrieben habe als Salomon. Nun, im Grunde genommen haben beide diese Geschichte - in die sie wohl auch beide mehr oder weniger stark persönlich verwickelt waren - stark verfremdet; denn Salomon schreibt darüber ja nicht erst in "Deutschland, Deine Schleswig-Holsteiner", sondern schon in "Die Stadt", das er 1930-32 im französischen Exil verfaßte, und dessen Übersetzung unter dem Titel "La ville" in Frankreich ein bis heute immer wieder neu aufgelegter Bestseller ist, während das Original in Deutschland praktisch nicht zu bekommen ist, obwohl es nie offiziell verboten wurde - die heimliche Zensur der politisch-korrekten Gutmenschen, die über unsere Medien wachen, funktioniert auch so. Die "Landvolkbewegung" gilt heute als national-sozialistisch - so sahen sie auch schon die Nazis, die sie für sich, d.h. als ihre Vorläufer vereinnahmten. Na klar: Blut und Boden, Gegnerschaft zur "Weimarer Republik"... Heute herrscht eine Tendenz, alles, was im "Dritten Reich" gut geheißen wurde, als "faschistoïd" schlecht zu machen und per Strafgesetzbuch zu verbieten oder es wenigstens durch ungeschriebene Gesetze zu ächten. Salomon sah das genau umgekehrt: Die Nazis hatten vieles, was an sich gut und richtig war, usurpiert und mißbraucht, um darauf ihr eigenes Süppchen zu kochen; aber das war noch lange kein Grund, es in Bausch und Bogen zu verdammen. (Dikigoros' Vater sah das übrigens genauso - aber der war voreingenommen, denn auch er hatte seinen Salomon gelesen, mit großer Begeisterung, denn er schilderte ihm die Jahre, die er zwar schon selber miterlebt hatte, aber eben nur als Kind, das noch zu jung war um zu begreifen, was um ihn herum vor sich ging in jener "interessantesten Zeit der Weltgeschichte". Er drückte es bloß einfacher aus als Salomon: "Um zu wissen, was ein anständiger Mensch, ein guter Deutscher und ein echter Kamerad ist, dafür hätten wir weder die Belehrungen der Nazis gebraucht noch den Krieg!" Was Dikigoros an die Worte erinnert, die ein bekannter FDP-Politiker kurz nach dem Krieg öffentlich zu sagen den Mut fand: "Um zu wissen, was ein guter Demokrat und Liberaler ist, hätten wir weder die Belehrungen der Amerikaner gebraucht noch die der Engländer. Wir Schwaben waren schon Liberale und Demokraten, als die noch die Indianer in Nordamerika und die Neger in Afrika massakriert haben. Und weniger Rassisten und Antisemiten als die Nazis waren die auch nicht.")
(...)

* * * * *

Dann ging Salomon nach Wien, freilich in ein anderes Wien, als Adolf H. es noch kennen gelernt hatte - ein schlimmeres, so wie es Dikigoros aus den Schilderungen seiner eigenen Mutter kennt, die dort aufgewachsen ist, wo nicht mehr die morbide Dekadenz der ausgehenden Habsburgerzeit unter einem Karl Lueger, sondern Not und Elend herrschten. Auch Salomon sah die Armut und die Arbeitslosigkeit - theoretisch durch die Brille des berühmten Volkswirtschafts-Professors Spann (dessen Gast er war), praktisch etwa durch die Schwierigkeit, beim Einkaufen einen 100-Schilling-Schein gewechselt zu bekommen - solche Probleme hatte Dikigoros' Mutter freilich nicht. (Aber Dikigoros will sich nicht wiederholen; für alle, die das Thema interessieren sollte, hat er darüber an anderer Stelle mehr geschrieben.) Natürlich - natürlich! - stand auch damals schon der "Anschluß" ans Reich zur Debatte, den die alliierten Besatzer 1919 den Deutsch-Österreichern gewaltsam verwehrt hatten, ebenso wie die harmlose Zollunion anno 1930 - die ihnen einen Krieg gegen die Weimarer Republik wert gewesen wäre! Auch der Anschluß - übrigens nicht nur der Ostmark, sondern auch Böhmens und Mährens - war also keine Erfindung der National-Sozialisten, ganz im Gegenteil: Hitler war doch der erste gewesen, der lautstark auf Südtirol verzichtet und darüber sogar ein Buch geschrieben hatte! (Aber das dürft Ihr, liebe gesetzestreue BRD-Untertanen, ja nicht gelesen haben.) Konrad Henlein, der Führer der Sudetendeutschen (den Salomon damals persönlich traf) hatte sogar arge Vorbehalte gegen Hitler & Co. - wie pflegte Professor Spann zu sagen (wenn man Salomon glauben darf): "Das sind doch Untermenschen, schlimmer als...!" A propos schlimmer: Wenn Ihr gedient habt, liebe Leser, und Eure Militärzeit schrecklich fandet (ja, auch Dikigoros hat da einiges gestunken, aber so wild war es denn doch nicht, daß er sie in ganz rabenschwarzer Erinnerung behalten hätte :-), dann müßt Ihr unbedingt das Buch lesen, das Salomon dort verfaßte: "Die Kadetten". Da werden wohlgemerkt nicht ein paar arme Schweine von Rekruten geschurigelt, sondern die künftigen Eliten des Landes, Officiere aller Waffengattungen in spe, Söhne adeliger Herrschaften wie Salomon selber, zu "Führungs-Persönlichkeiten" "erzogen". Einige Kritiker haben es "eine Verherrlichung des Preußentums" genannt, und all die Dummköpfe, die es wahrscheinlich gar nicht gelesen haben, schreiben das bis heute immer wieder gedankenlos ab. Aber wie schon gesagt: bei Salomon gibt es keine "Verherrlichungen", nur nüchterne, sachliche Schilderungen, so auch hier. Leser der damaligen Zeit, der Systemzeit, die sich angesichts der kleinen, unscheinbar grauen Reichswehr nach der mächtigen "schimmernden Wehr" der "herrlichen Zeiten" von Kaiser Wilhelm zurück sehnten (vor allem wenn sie nicht selber gedient hatten - schon gar nicht im Krieg -, sondern hauptsächlich als Zuschauer bei Paraden geglänzt hatten), mögen es als "Verherrlichung" empfunden haben; aus heutiger Sicht ist es dagegen in höchstem Maße abschreckend. Ob es an den Kadettenanstalten anderer Länder anders zuging, und wenn ja, ob besser oder schlechter? Dikigoros weiß es nicht, Salomon wußte es auch nicht, es ist auch müßig. Es gibt halt Leute, die müssen zu einer ordentlichen Erziehung geprügelt werden, und Salomon - der wie gesagt an einem bürgerlichen Gymnasium gescheitert war - gehörte dazu. Andere zerbrachen an der Kadettenschule - er nicht, er war aus hartem Holz geschnitzt, und das schreibt Dikigoros (der, wie seine treuen Leser wissen, weder ein Militarist noch ein Antimilitarist ist) ganz wertungsfrei - er hätte nicht mit Salomon tauschen wollen.

* * * * *

Wenige Tage, nachdem Die Kadetten auf den Markt gekommen war, berief Reichspräsident Paul v. Hindenburg den "böhmischen Gefreiten" Adolf H. zum neuen Reichskanzler, und Salomon reiste sofort nach Berlin, empfand freilich die Feiern zur "Machtübernahme" (oder, wie er in den Nachkriegsdiktion schrieb, "Machtergreifung") der National-Sozialisten "wie etwa das Erntefest im Schrebergartenverein" - eine Auffassung, die er freilich schnell korrigierte, wohl spätestens als sein alter Bekannter Ernst Röhm (dessen großzügiges Angebot, mit einem hohen Rang in die SA einzutreten, er klugerweise ausgeschlagen hatte) in der "Nacht der langen Messer" über die Klinge springen mußte. Ja, die "alten Bekannten"... Kern, der Rathenau-Attentäter, hatte sich 1922 von Salomon mit den Worten verabschiedet: "Wenn Hitler seine Stunde begreift, ist er der Mann, für den ich ihn halte. Ein Jahr später ist ein Jahrzehnt zu früh." Das war profetisch, und Salomon hatte das wohlgemerkt im Jahre 1930 geschrieben (anders als Goethe, der seine "profetischen" Worte vom "Beginn einer neuen Epoche der Weltgeschichte" anläßlich der Kanonade von Valmy erst Jahrzehnte später im Rückblick formulierte :-), konnte also nicht gepfuscht haben. Nun war das Jahrzehnt herum, auch Hitler hatte gesessen - wenngleich um einiges komfortabler als Salomon -, und es begann die Epoche der Weltgeschichte, die tatsächlich zum "Untergang des Abendlandes" führen sollte. In Deutschland nannte und nennt man sie gemeinhin "das Dritte Reich" (nach einem anderen Schlagwort, das auf den Titel eines Buches von Moeller van den Bruck, dieser wiederum auf Joachim von Fiore, den so genannten "Chiliasmus" aus der neutestamentarischen Offenbarung des Johannes, und letztlich auf die jüdische Messias-Mythologie zurück ging - aber das ist eine andere Geschichte), das eigentlich tausend Jahre (daher das Wort "Chiliasmus") dauern, pardon währen sollte, es aber nur auf gerade mal ein Dutzend brachte. (Salomon nannte es denn auch nie so, sondern stets - mit betonter Umständlichkeit - "die Zeit der national-sozialistischen Regierung in Deutschland" :-)

Kam nun, nach dem tröstlichen Einschlafen in der schönen "Gewißheit", nicht geirrt haben zu können, das böse Erwachen? Ach was. Zwar erschienen in den Jahren 1933-1945 nur noch zensierte, pardon gekürzte Auszüge der bisherigen Salomon-Bücher unter anderen Titeln wie "Der Putsch", "Die Verschwörer", "Putsch und Verschwörung" oder "Das Buch vom deutschen Freikorpskämpfer" (eine verstümmelte Version von "Die Kadetten" erschien unter dem gleichen Titel), aber das bedeutete nicht, daß Salomon "verstummt" wäre, wie einige oberflächliche Nachrufer behauptet haben. Er veröffentlichte bloß keine neuen autobiografischen Bücher mehr - was hätte er auch schreiben sollen? Seine Biografie war "aufgearbeitet", wenngleich die Jahre im Zuchthaus etwas kurz gekommen waren - aber da war Falladas "Wer einmal aus dem Blechnapf fraß" einfach nicht zu toppen. (Übrigens erkannten gebildete Leser damals ohne weiteres, worauf dieser Titel eine Persiflage war: auf das Goethe-Gedicht "Wer nie seyn Brot mit Thränen aß", das Königin Louise von Preußen 1806 auf der Flucht vor NapolÚon mit ihrem Ring in ein Fenster geritzt haben soll.) Jeder andere Versuch wäre danach als schlechter Abklatsch zum Ladenhüter geworden, das wußte Salomon nur zu gut, denn er arbeitete inzwischen als Lektor für den Rowohlt-Verlag. Als solcher glaubte er sich das Urteil erlauben zu können, "daß nach 1933 keine nennenswerten Bücher mehr geschrieben wurden", auch nicht von seinen Freunden und (vermeintlich) Gleichgesinnten, die er alljährlich auf den von Hans Grimm veranstalteten "Lippoldsberger Dichtertagen" traf. Dennoch hörte Salomon nicht mit dem Schreiben auf; er sattelte lediglich um: auf das Schreiben von Drehbüchern für das neue, zukunftsträchtige Medium Film, die heute völlig zu Unrecht so gut wie vergessen sind. Daß sie - wenngleich von ihm selber herunter gespielte - "nicht ohne" waren, kann man schon daraus ersehen, daß die Filme nach dem Zweiten Weltkrieg fast ausnahmslos von den alliierten Besatzern verboten wurden und überwiegend noch heute auf dem inoffiziellen Index stehen - denn nichts anderes bedeutet es, wenn die noch existierenden Filmrollen im Archiv der so genannten "Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung" verschwinden, welche die BRD in vorauseilendem Gehorsam der inoffiziellen Selbstzensur errichtet hat. Deshalb hat sie Dikigoros auch nicht auf seiner Filmseite vorgestellt und nimmt die Gelegenheit wahr, hier wenigstens ein paar Worte am Rande über sie zu verlieren, denn sie sind es allemal wert:

"Kautschuk" aus dem Jahre 1938 erzählt die Geschichte des Henry Wickham, der 1876 unter Lebensgefahr Samen des Gummibaums von Brasilien nach England schmuggelte. Man hat ihn einen "englandfreundlichen" Film genannt, aber das ist so nicht richtig. Es ist ganz einfach ein Abenteuerfilm, der weder Freundschaft noch Feindschaft verrät. Die Teile, die Wickhams "Heldenmut" zeigen, gehen auf seine eigenen Schilderungen zurück, die später vielfach angezweifelt wurden, aber das kann man Salomon schwerlich anlasten. "Aber die Grundtendenz ist doch england-freundlich", werden einige sagen, "denn der Film zeigt doch, wie die Engländer den Brasilianern das Monopol für Gummi entrissen und es damit der ganzen Welt zugänglich machten." Na ja, deshalb taten sie es wohl nicht, sondern in erster Linie, um es in ihren eigenen Kolonien anzubauen - erst in Ceylon, dann auch und vor allem in Malaya. Ja, es war eine Tat von weltgeschichtlicher Bedeutung, denn ohne die Gummireifen hätte es weder Autos noch Flugzeuge gegeben, weder die furchtbaren "Materialschlachten" den Ersten Weltkriegs noch die Terror-Bombardements des Zweiten... Hoppla, liebe Leser, glaubt Ihr das wirklich? Mag ja sein, daß die Brasilianer nicht in der Lage gewesen wären, allein so viel Gummi zu produzieren, daß es für vier Jahre Weltkrieg gedauert hätte - aber dann wäre bestimmt schon früher jemand auf den Gedanken gekommen, synthetischen Kautschuk herzustellen. Ihr, liebe deutsche Leser, kennt den Begriff "Buna" sicher nur als irgendwelchen "antifaschistischen" Publikationen, die den Nazis unterstellen, das Zeug hergestellt zu haben, um den Zweiten Weltkrieg vorzubereiten. Tatsächlich war es so, daß die Engländer den Deutschen seit 1918 (und natürlich auch schon seit 1914) keinen Kautschuk mehr verkauften, so daß die letzteren schon Anfang der 20er Jahre gezwungen waren, einen Ersatzstoff zu suchen. Sie fanden ihn in Butadien, aus dem sie unter Beigabe von Natrium synthetischen Kautschuk herstellten, erst in Leuna an der Saale, südlich von Merseburg (das, liebe Wessis, ungefähr zwischen Halle und Leipzig liegt), dann auch in Schkopau, wo die Nazis 1936 die "Buna"-Werke bauten. Insofern wirkte der Film "Kautschuk" irgendwie antagonistisch, zumal Anton Zischka gerade den Bestseller "Wissenschaft bricht Monopole" (eines der wenigen Bücher, die Dikigoros noch von seinem Großvater bekam) geschrieben hatte. Gewiß, auch Wickham hatte ein Monopol gebrochen, und vielleicht auch mit einigem Heldenmut; aber die wahre Heldentat, die jeglichem Monopol erst richtig den Garaus machte, war doch die der Chemiker, die Butadien erfunden hatten.

Exkurs. Nein, keine Angst, liebe Kohl-Freunde, Dikigoros wird hier nichts über den Skandal um den Erwerb der Buna- und Leuna-Werke aus der Konkursmasse der DDR durch die französische Firma Elf Aquitaine für eine symbolische DM gegen Milliarden Subventionen aus dem deutschen Steuersäckel (von dem eine erkleckliche Provision in die Taschen des dicken Kanzlers geflossen sein soll) schreiben, von über etwas Grundsätzlicheres. Die Brasilianer schrien natürlich laut "Diebstahl"! Dabei hatte Wickham die 70.000 Samen gar nicht geklaut, sondern ordnungsgemäß gekauft und bar bezahlt. Aber gemeint war natürlich die Ausfuhr, die Brasilien ja verboten hatte. Mit welchem Recht? Wer hat das Recht auf eine Erfindung? Der Erfinder natürlich. Wer hat den Gummibaum erfunden? Der liebe Gott. Und auch wenn die Brasilianer ein Sprichwort haben, das da lautet: "Gott ist Brasilianer", wird Er sicher nicht die Absicht gehabt haben, den Gummibaum allen seinen anderen Schäfchen vorzuenthalten. Vielmehr sollte er doch wohl überall dort angebaut werden, wo er wachsen und sich vermehren konnte - und das tat er nun mal besonders gut auf der Halbinsel Malaya. Aber im Ernst, liebe Leser? Mit welchem Recht wollen Menschen, die durch eine Laune der Natur - oder nennt es ein Geschenk Gottes - in den Besitz wertvoller natürlicher Rohstoffe gekommen sind, diese allen anderen Menschen vorenthalten bzw. jene zwingen, sie künftig nur bei ihnen zu kaufen, statt sie billiger bei sich selber oder bei Dritten herzustellen? Dikigoros hat oft genug geschrieben, wem er das "moralische Recht" an solchen Rohstoffen zuspricht: denen, die am meisten daraus machen. Wer selber bis heute nicht in der Lage ist, Autoreifen herzustellen, hat kein Recht, anderen Gummi vorzuenthalten; wer selber nicht in der Lage ist, etwas Sinnvolles mit Erdöl anzufangen, wie die Wüstenscheichs, unter deren Sand es nun mal herum liegt, hat kein Recht, es anderen vorzuenthalten bzw. es ihnen nur für teures Geld zu überlassen. (Wobei man trefflich streiten kann, wie "sinnvoll" manche Länder das Erdöl verwendet haben und noch verwenden - aber auch diese Frage ist müß, denn ohne Petroleum hätten die Leute halt auch die Entwicklung der Hydrierwerke eher forciert und statt Petroleum synthetisches Benzin hergestellt - Kriege wären durch den Mangel an Betriebsstoff jedenfalls ebenso wenig verhindert worden wie durch den Mangel an Naturgummi für Reifen.) Aber es geht ja noch viel weiter. Ein Verbrecherstaat wie Thailand, nein ein Verbrechervolk wie die Thais - denn in diesem Punkt sind sie sich mal alle mit ihrer Regierung einig - will allen Ernstes anderen verbieten, den Hunger auf der Welt mit der Entwicklung neuer, besserer und billigerer Reissorten zu bekämpfen, weil sie glauben, als einzige das Recht zum lukrativen Verkauf von Reis auf dem Weltmarkt zu haben und fürchten, daß solche Konkurrenz ihnen das Geschäft mit dem Hunger verderben könnte. (So stünden z.B. die unfähigen Kanaken in "Indonesien" stünden knapp sechs Jahrzehnte nach dem Abzug ihrer holländischen Kolonialherren ohne den thailändischen Reis, den sie mit dem Geld aus Ölverkäufen an die Japaner - die übrigens keinen Reis importieren oder exportieren, sondern nur ihren eigenen subventionieren - bezahlen, längst vor dem Verhungern. Von den 130 Millionen faulen, aber gefräßigen Einwohnern jenes muslimischen Terror-Staates wären nicht einmal 10 Millionen in der Lage, sich selber zu ernähren, nämlich die Christen in Minangkabau und auf den Molukken.) Exkurs Ende.

Wir bleiben, d.h. Salomon bleibt in den Tropen. Auch der Film "Kongoexpress", zu dem er 1939 das Drehbuch schrieb, ist eigentlich ein unpolitischer Film, wenngleich da ein edler Deutscher auf einen bösen Franzosen trifft - aber der letztere opfert sich schließlich aus Liebe für die deutsche Frau, und wir dürfen Salomon wohl glauben, daß er die Franzosen ebenso wenig gehaßt hat wie die Engländer. Er hat es doch einmal ganz deutlich gesagt: "Ich hasse die Amerikaner...

Dennoch ist auch "Sensationsprozeß Casilla" von 1939 weniger ein USA-kritischer als ein Justiz-kritischer Film; und Salomon hat das bittere Ende - das historische Vorbild des Angeklagten Casilla, Bruno Hauptmann, wurde 1936 als vermeintlicher Mörder hingericht (aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr) - abgemildert, ja ins Gegenteil verkehrt: Im Film wird Casilla frei gesprochen...

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1941, auf dem Höhepunkt des Kampfes gegen England, erschien der Film "Carl Peters" - der bis heute nicht nur in der Murnau-Stiftung "archiviert", sondern ganz offiziell verboten ist (wie fast alle deutschen Filme, die sich kritisch mit der Geschichte des britischen Kolonialreichs befassen). Nun muß man ehrlicherweise sagen, daß Salomon das Leben der Titelgestalt (Hans Albers' wohl beste Rolle - sein Pech, daß sie verboten wurde und er deshalb als "Münchhausen" und Reperbahnsänger in die Filmgeschichte eingegangen ist) doch ziemlich idealisiert hat, als ach-so-aufrechten Kämpfer gegen britische Kolonial-Greuel sowie Unfähigkeit und Korruption der deutschen Parlamentarier (schon zu Kaisers Zeiten!). Insofern wäre der Film heute aktueller denn je, denn die korrupten Eingeborenen-Regime, die heute im ehemals britischen Afrika herrschen, sind ein direktes Erbe jener Kolonialherrschaft - die Stammes-Häuptlinge, die vor der Ankunft der Briten herrschten, hatten das zwar auch meist mit "diktatorischer" Gewalt getan, aber sie waren zugleich auch patriarchalische Führer, die von ihren Stämmen anerkannt wurden - und daran fehlt es halt seit dem Abzug der Kolonialmächte aus den von ihnen mit dem Lineal auf der Landkarte gezogenen "Staaten". Und der Parlamentarismus, die Parteienherrschaft? Muß Dikigoros Euch darüber noch mehr schreiben? Immer deutlicher zeichnet sich ab, daß sie unheilvoller ist als jedes Regime, das vor ihr herrschte oder nach ihr herrschen könnte; es gibt wohl kein Regierungssystem in der Geschichte, das nach so kurzer Zeit durch das Auseinanderklaffen von Anspruch/Versprechen und Wirklichkeit derart diskreditiert ist das auf allen Gebieten so vollkommen versagt hat, wie die "parlamentarische Demokratie" in Form der Parteienherrschaft. Dikigoros glaubt nicht, daß sie sich nur annähernd so lange halten wird wie die Häuptlings-Herrschaft in Afrika. Freilich war Carl Peters in Wahrheit auch kein Engel - wer wüßte das besser als Dikigoros, der selber eine Kurzbiografie von ihm ins Netz gestellt hat...

Aber konnte Salomon das denn schon ahnen? Er konnte - verlaßt Euch drauf! Als er erklären sollte, warum er [die Weimarer] Republik und "Demokratie" ablehnte, tat er das mit dem Hinweis, daß diese Staatsform Hitler an die Macht gebracht habe, den der alte Revolutionär und National-Bolschewik Salomon als Verräter betrachtete und von Herzen verachtete. (Er hätte nie von der "Hitler-Diktatur" gesprochen, sondern allenfalls abfällig von der "Hitler-Demokratie"; für die Militär-Diktatur seines Vorgängers, des Generals Schleicher - der ohne demokratisch-republikanische Mehrheit regierte -, hatte er dagegen durchaus gewisse Sympathien.) In seinen Augen war Hitler der erste und letzte Kanzler Deutschlands, der von sich behaupten konnte, vom Demos (Volk), also demokratisch gewählt worden zu sein. Das mag in Euren Augen und Ohren starker Tobak sein, liebe Leser, aber nehmen wir das doch ruhig einmal wörtlich (Salomon war - wie Dikogoros - ein großer Wörtlich-nehmer :-). "Republik" kommt vom lateinischen "Res publica [Öffentliche Angelegenheit]", d.h. die alten Römer betrachteten eine Staatsform als die ideale, in welcher die Politik öffentlich statt fand, d.h. daß jeder Bürger (und sogar jeder Nicht-Bürger!) mit ansehen konnte, was und wie es von den Regierenden gemacht wurde. Im alten Rom fanden die Debatten erst auf dem Forum Romanum, dann im Senat statt - sie waren offen und "öffentlich" im wahrsten Sinne des Wortes, und nur das ermöglicht dem Staatsbürger eigentlich eine echte Mitwirkung an der politischen Willensbildung; denn wer sein Kreuzchen, d.h. seine Wahlentscheidung unwissend treffen muß, d.h. ohne hinter die Kulissen der Politik schauen zu können (geschweige denn in die Gehirne der Politiker, die gewählt werden wollen, weil sie aus ihren Herzen die sprichwörtlichen Mördengruben machen), der ist de facto politisch entmündigt. In der Weimarer Zeit war das (noch) nicht der Fall - im Gegenteil: Daß es - im Parlament und auf der Straße - des öfteren zu Tumulten unter den Anhängern unterschiedlicher politischer Richtungen kam, war eigentlich ein gutes Zeichen, nämlich ein Zeichen von politischer Offenheit. Hitler hatte immer offen gesagt, was er wollte, innen- wie außenpolitisch - deshalb war es eine verdammt schlechte Ausrede, wenn sich jemand nach dem Krieg damit heraus reden wollte, er habe "Mein Kampf" nicht gelesen. Das brauchte er nicht, denn alles, was darin stand - und noch viel mehr - hatte Hitler auf hunderten, ja tausenden öffentlichen Veranstaltungen ganz frei von der Leber gesagt. Jeder konnte es wissen, jeder mußte es wissen. Punkt. Heute ist das anders. Die Bundes-"Republik" Deutschland ist keine echte Republik mehr, ist es wohl von Anfang an nie gewesen. Obwohl heute von Seiten der Regierung so viel politisches Material ver-öffentlicht wird wie nie zuvor, dient das doch nicht der Information der Untertanen, sondern ganz im Gegenteil der Des-Information, d.h. es soll nicht nur nicht informieren, sondern den Informations-Konsumenten Sand in die Augen streuen, sie mit belanglosen Inhalten überfüttern, so daß sie darunter andere "Nachrichten" nicht mehr wahr nehmen bzw. sie nicht mehr als wichtig[er] erkennen. Was heuer im Bundestag öffentlich" daher geschwätzt, pardon parliert und debattiert wird, ist nur noch zum Fenster hinaus gelabert, für die Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsender - die wahren politischen Entscheidungen finden ganz woanders statt, in den Parteigremien hinter verschlossenen Türen, also unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Wenn die heutigen Politiker in den Krieg, pardon in den offenen Wahlkampf ziehen, dann nur, um ihr Wahlvieh nach Strich und Faden zu belügen und zu betrügen, es im wahrsten Sinne des Wortes für dumm zu verkaufen - denn der Preis ist hoch und wird von Mal zu Mal höher, wie die Staatsverschuldung zeigt -, denn wenn sie wagen würden, ihm offen die Wahrheit zu sagen, dann wäre das Ergebnis womöglich eine Revolution, gegen welche die Ereignisse der Jahre 1933 ff. gar nichts waren...

Warum Dikigoros das hier so ausführlich schreibt? Um seine persönliche Meinung breit zu treten? Nein - wegen der Pointe, und die steht dieser seinen persönlichen Meinung diametral entgegen. Wenn nämlich Salomon heute noch am Leben wäre, dann hätte er Dikigoros mit einiger Sicherheit entgegen gehalten: "Was wollen Sie eigentlich mit Ihrem Republik- und Demokratie-Fimmel? Seien Sie doch froh, daß es keine Demokratie mehr gibt. Stellen Sie sich vor, in den muslimischen Ländern der Welt würden freie Wahlen abgehalten: Die Fundamentalisten würden überall an die Macht kommen, von Marokko über Algerien, Ägypten, Sa'udi-Arabien und Pakistan bis nach Malaysia und Indonesien. Sie hätten sofort einen neuen Weltkrieg, denn das ist es, was die Volksmassen wollen, und wer weiß, ob es in anderen Ländern nicht ähnlich wäre, wenn jeder frei seine Meinung äußern und Wahlpropaganda machen dürfte, wofür er wollte! Der Mensch ist nicht für Demokratie und Freiheit gemacht, das haben schon Caesar und Augustus gewußt, als sie die Republik abschafften. Wenn die Menschen nicht permanent von Staats wegen verdummt und dumm gehalten würden, hätten wir längst eine neue Revolution und womöglich Bürgerkrieg; und glauben Sie mir aus eigener Erfahrung, da ist das, was Sie im Moment erleben, das geringere Übel." Dikigoros hätte darauf vielleicht geantwortet, daß er den Weltkrieg gegen den Islām - wenn er nicht ohnehin schon längst im Gange sei - für unausweichlich halte, und je eher er offen und offensiv geführt würde, d.h. solange wie die Nicht-Muslime noch eine reelle Chance hätten, ihn zu gewinnen und die Muslime auszurotten, umso besser. Und was den Bürgerkrieg anbelange, so hätten den doch auch seine, Salomons Freunde, die gescheiterten Hitler-Attentäter, billigend in Kauf genommen, um ihre Ziele durchzusetzen, ebenso wie sein Urgroßvater, auf den er so stolz war, der seinerzeit an der Verschwörung ("Conspiration") des Generals Pichegru und am gescheiterten Attentat auf Napoleon Bonaparte beteiligt war. Und Salomon hätte darauf geantwortet: "Wenn Sie wissen wollen, warum ich in meinem Herzen auf Seiten der Verschwörer vom 20. Juli stand: weil sie ehrlich bemüht waren, diese verfluchte Republik und diese verfluchte Demokratie zu beseitigen, die Leute wie Napoleon Bonaparte und Adolf Hitler hervor gebracht hat!"

Tja, an diesem Ereignis kommt Dikigoros nicht vorbei, obwohl er nicht glaubt, daß Salomon es ebenso treffend geschildert hat wie etwa das Leben im Kadettenkorps vor oder die Kämpfe der Freikorps nach dem Ersten Weltkrieg. (Dabei hätte er das durchaus gekonnt, denn er hatte Kontakte - und seien es nur indirekte - zu den Hauptakteuren, und er war zumindest ihr Sympathisant, auch wenn er persönlich vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Frage eines Canaris-Mitarbeiters, ob er bereit sei, bei einem Attentat auf Hitler mitzuwirken, mit der Bemerkung verneint haben will, der Mord an Hitler wäre ein ebenso unsinniges Verbrechen wie es der Mord an Rathenau war). Das mißlungene Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 und der stümperhafte Putschversuch einiger Wehrmachts-Offiziere, zu dem es den Auftakt bildete, berührt nicht nur die grundsätzliche Frage nach der Berechtigung des Tyrannenmordes (darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr); es läßt sich wohl auch nicht mit dem simplen Hinweis auf die Tatsache abtun, daß die Verschwörer - allen voran der saubere Ex-Nazi Stauffenberg - keine Helden, sondern Feiglinge, Versager und Verbrecher waren, nicht bereit, ihr bißchen Rest-Leben konsequent einzusetzen, um ein Gelingen des Attentats sicher zu stellen, sondern stümperhaft vorgingen, sich vorzeitig aus dem Staube machten und das Leben ihrer Mitverschwörer zumindest mit krimineller Fahrlässigkeit - wenn nicht sogar mit bedingtem Vorsatz - aufs Spiel setzten (und dann ja auch verspielten). Nein, diese Feststellung hätte einem Ernst von Salomon nicht ausgereicht. Ihm ging es - und den meisten "moralisierenden" Nachbetrachtern des 20. Juli geht es noch heute - vielmehr um den (vermeintlichen) Gewissenskonflikt, in dem ein braver, frommer Offizier steckte, der auf Hitler vereidigt worden war und nun vor der Frage stand, ob er diesen Eid brechen durfte oder nicht. Salomon vertritt da einen klaren Standpunkt: Er betrachtet den Eid schlechthin als "unanständige Spekulation auf den Anstand der Menschen, die ihn leisten", also brauche man ihn nicht zu halten. Aber Salomon war kein religiöser Mensch und macht es sich vielleicht zu einfach. Die meisten heutigen - die in der Regel ebenso unreligiös sind - machen es sich etwas weniger leicht, aber auch nicht allzu schwer. Sie behaupten einfach, daß Hitler seinen Eid ja auch gebrochen habe, und zwar als erster, die anderen also von ihm "befreit" gewesen seien. Aber wer so argumentiert, übersieht zweierlei: Erstens wurden die Soldaten einseitig auf Hitler vereidigt, nicht etwa Hitler auch auf die Soldaten - es handelte sich also nicht um einen synallagmatischen Vertrag nach dem Motto: Wenn die eine Seite ihn bricht, ist auch die andere Seite nicht mehr an ihn gebunden (wie es noch im mittelalterlichen Lehenswesen war), und zweitens leistet man den Eid ja nicht gegenüber einer Person, sondern gegenüber Gott - und wo kämen wir hin, wenn jeder nach dem Motto handeln würde: "Der X oder Y hat seinen Eid vor Gott gebrochen, also brauche ich auch meinen nicht zu halten!"? Das wäre eine gefährliche Argumentation, gefährlich vor allem wenn auch die Herrschenden ihren Amtseid, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden, regelmäßig brechen. Nein, da ist die Argumentation Salomons schon konsequenter...

Aber ist sie auch richtig? Salomon meinte, wer so viele Systeme mit erlebt habe und auf so viele Ordnungen vereidigt worden sei - erst das Kaiserreich, dann die "Weimarer Republik", dann das "Dritte Reich", dann die "Bundesrepublik Deutschland" (oder die "Deutsche Demokratische Republik" oder die "Republik Österreich") - wie die Deutschen seiner Generation, der könne doch am Ende gar nicht mehr wissen, welcher Eid der "richtige" gewesen sei... Damit kommen wir der Antwort schon näher, die da lautet: Die Wirksamkeit eines Eides unterliegt zwei Voraussetzungen: Erstens muß er freiwillig geleistet sein, und zweitens müssen die Bedingungen, zu denen er geleistet wird, fortbestehen ("clausula rebus sic stantibus" nannten das die alten Römer). Beginnen wir mit der Vereidigung der Wehrmachts-Soldaten auf Adolf Hitler: Wer als Wehrpflichtiger eingezogen wurde - wie z.B. Dikigoros' Vater - leistete den Eid nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen, für den galt er also von vornherein nicht. (Aber wie schrieb Joachim Fernau, der große Cyniker des 20. Jahrhunderts: "Die Ungefragten waren immer und überall die treuesten...") Wer dagegen Berufssoldat, zumal Berufsoffizier war - wozu einen nichts und niemand zwang, auch nicht in den Jahren 1933-45 - wußte, worauf er sich einließ; er leistete den Eid also freiwillig und war an ihn gebunden. Auch Dikigoros war freiwilliger Zeitsoldat, leistete den Eid auf das Grundgesetz also freiwillig. Fühlt er sich darum heute noch an diesen Eid gebunden? Nein. Punkt. - Warum nicht? Weil der Oberbefehlshaber gewechselt hat oder das Staatsoberhaupt? Ach was - darauf wurde er doch nicht mehr vereidigt, sondern auf die Verfassung. Was ist das? Salomon hat es einmal definiert - etwas anders als Dikigoros das auf der Universität gelernt hat, aber nicht unbedingt schlechter: "Jeder Staat sucht sich in seiner Existenz durch einen höheren Sinn zu rechtfertigen. Er ist bestrebt, sich eine bestimmte Aufgabe zuzuweisen, und trachtet danach, sich in den Zustand zu vesetzen, der geeignet ist, der Durchführung dieser Aufgabe zu dienen. Die Absicht eines Staates wid also immer in der Verfassung abzulesen sein, die er sich gegeben hat... Ein Staatsangehöriger kann in die Verlegenheit geraten, für den Staat, dem er angehört, getötet zu werden oder selber töten zu müssen. Bei dieser Alternative ist die erstere Möglichkeit sicher abscheulich; aber die zweite Möglichkeit ist noch ungemein abscheulicher, weil sie die tätige Mithilfe des Einzelnen verlangt. Und es müßte dem Einzelnen wohl doch der Wunsch zugestanden werden, zuerst einmal gründlich untersuchen zu dürfen, für welches Gebilde mit staatlichem Anspruch er vielleicht bereit wäre, etwas so Abscheuliches zu tun, wie einen anderen Menschen zu töten."

Nun, im Gegensatz zu den meisten seiner Kameraden (und anderen Zeitgenossen) hatte Dikigoros das Grundgesetz der BRD sogar gelesen, bevor er sich freiwillig zur Bundeswehr meldete; und wenngleich das selbstredend nicht das ausschlaggebende Motiv für diese seine Meldung war, so war er doch in seiner jugendlichen Naïvität guten Glaubens und guten Gewissens, daß man auf das, was in jenem Papier stand, einen Eid leisten konnte (selbstverständlich mit religiöser Beteuerungsformel, sonst wäre es ja kein Eid)! Aber während den meisten seiner heutigen Zeitgenossen gar nicht aufgefallen ist, daß das "Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland" zwischen dem Jahr seiner Entstehung - 1949 - und heute sich ungleich stärker verändert hat, nein verändert worden ist - als etwa die Reichsverfassung von Weimar zwischen dem Jahr ihrer Entstehung - 1919 - und dem Jahr ihrer Außerkraftsetzung - 1945 - durch die alliierten Besatzer, ist Dikigoros bewußt, daß jemand, der sich nach wie vor dem Grundgesetz einschließlich der Präambel in der Fassung, auf die er seinerzeit vereidigt wurde, und des Artikel 20 Abs. IV (wer ihn nicht kennt: bitte nachlesen! Und wer meint, daß andere Abhilfe möglich sei, möge Dikigoros bitte mailen, wie!) verpflichtet fühlte und danach handelte, heute als Verbrecher angesehen würde. [Dabei sind die ungeschriebenen Änderungen des Grundgesetzes noch gar nicht berücksichtigt. So steht z.B. in Art. 20 Abs. II immer noch, daß alle Staatsgewalt vom Volke ausgehe, und in Artikel 21, daß die Parteien bei der politischen Willensbildung des Volkes lediglich mitwirkten; tatsächlich aber geht längst alle Staatsgewalt von den politischen Parteien aus, und das Wahlvolk wirkt bestenfalls alle paar Jahre durch Beisteuerung eines Kreuzchens auf einer unveränderbaren Parteienwahlliste an deren Willensbildung mit; es kann kein ernsthafter Zweifel bestehen, daß wir in einer Parteien-Diktatur leben, in der es auch keine Gewaltenteilung mehr gibt - wobei es in der Praxis nicht darauf ankommt, ob es sich um eine Ein- oder Mehrparteien-Diktatur handelt, und ob die Parteien alle vier Jahre wechseln können oder nicht; denn die Politik, die sie machen, ist - nicht nur in Zeiten einer "Großen Koalition" - doch mehr oder weniger die gleiche.]

Um mit Salomon zu sprechen: 1949 war die Aufgabe, welche sich der Staat BRD in seiner Verfassung gab, noch "die Wiedervereinigung Deutschlands"; und wenngleich die offiziellen Kommentierungen dazu lauteten, daß damit selbstverständlich "nur" die Grenzen von 1937 gemeint seien, war doch jedem billig und gerecht denkenden Deutschen klar, daß die Mehrheit der "Verfassungsväter" damit die Vorkriegsgrenzen von 1939 meinten. (Dikigoros nicht. Ernst von Salomon - der als Preuße über Bismarck ganz anders dachte als er - möge ihm verzeihen, aber als halber Ostmärker meinte er die Grenzen des Deutschen Bundes von 1866, d.h. ohne Ost- und Westpreußen, aber dafür mit der Ostmark - einschließlich Südtirols und der Mark Krain -, Böhmen und Mähren. Und er war sicher, daß die Menschen dort den selben Wunsch hegten: Die Tschechen hatten erst wenige Jahre zuvor gezeigt, daß sie die Nase von der "Tschecho-slowakischen sozialistischen Volksrepublik" mitsamt den sowjet-russischen Panzern gestrichen voll hatten, und die Slowenen dachten über Titos "Jugo-slawische föderative sozialistische Republik" genauso.) Deshalb braucht, nein darf er sich an seinen damaligen Eid gar nicht mehr gebunden fühlen, denn das wäre Hochverrat. Hochverrat an den Verrätern, pardon an den Machthabern (so sagt man doch heute, wenn man von Herrschern ohne Legitimation spricht, oder?) die das Grundgesetz 1990, nach dem Zusammenschluß von BRD und DDR, neu formuliert und dabei kackfrech hinein geschrieben haben, damit sei "die Wiedervereinigung Deutschlands vollendet". Was soll's, auf das Grundgesetz in seiner heutigen Form ist Dikigoros nie vereidigt worden, es geht ihn also nichts an, oder jedenfalls nur insoweit, als er es als Rechtsanwalt anwenden muß wie alle anderen Gesetze, von der Dosenpfandverordnung bis zum Denkmalschutzgesetz, die ja auch laufend geändert werden, je nachdem wie es den Regierenden in den Kram paßt, und ohne die geringste Rücksichtnahme auf die - geschweige denn Befragung der - regierten Untertanen. Und um auf Salomon zurück zu kommen: Auch Dikigoros betrachtet heute den erzwungenen Eid auf jenes geduldige - und wandelbare - Stück Papier als eine unanständige Spekulation auf den Anstand der Menschen, die ihn leisten.

Bleibt die Frage: Hatte sich Hitler und das, wofür er stand, bis zum 20. Juli 1944 so stark geändert wie etwa das Grundgesetz bis heute, so stark, daß es den Attentätern das moralische Recht gab, sich von ihrem Eid entbunden zu fühlen? Hm... natürlich ändert sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens in gewisser Hinsicht: Hitler alterte stark, wurde kurzsichtig, bekam den Parkinson'schen Tatterich, verfiel Quacksalbern wie Dr. Morell usw. Aber darum geht es hier wohl nicht - das ist nichts anderes, als wenn das Exemplar des Grundgesetzes von 1949, das Dikigoros noch irgendwo im Keller herum stehen hat, im Laufe der Jahre vergilbt, die Eselsohren, mit denen er es versehen hat, allmählich brüchig werden und sich am oberen Rand eine dicke Staubschicht bildet - geschenkt. Die Frage ist vielmehr: Hat Hitler seine Politik seit dem Zeitpunkt, als Stauffenberg (freiwillig!) sein Anhänger wurde (1931), seit er an die Macht kam (1933) oder seit die ersten Soldaten auf ihn vereidigt wurden (1935) so wesentlich geändert, daß der Eid damit hinfällig wurde? Vorsicht, liebe Leser, wenn Ihr diese Frage bejahen solltet, dann setzt Ihr Euch in diametralen Widerspruch zur staatlicherseits verkündeten, strafbewehrten Meinung der amtlich besoldeten Historiker, denn die sind der Meinung, daß Hitler von Anfang an bis zum Ende... Und in diesem Punkt muß ihnen Dikigoros sogar einmal zustimmen! Was aber folgt daraus? Richtig: Der Eid war nicht hinfällig, die Herren Attentäter des 20. Juli 1944 waren also nicht nur Feiglinge, Verräter und Verbrecher, sondern zu allem Überfluß auch noch treulose Eidbrecher. (Nein, nicht meineidig, denn Dikigoros ist überzeugt, daß sie ihn nicht von Anfang an brechen wollten.) Wenn man unreligiös ist und den Eid grundsätzlich ablehnt, wie Salomon, kann man das als unerheblich abhaken; wenn man nicht an den Christengott - jene komische Mischung aus Jahwe, Osiris, Horus, Dionysos, Mithra und Krishn - glaubt, wie Dikigoros, dto. Aber wenn man die Diskussion dennoch auf dieser Grundlage führen will, dann sollte man das einmal deutlich sagen - oder das Thema endlich ad acta legen!

[Exkurs: Ist das Dikigoros' persönliche Meinung zu den Vorgängen vom 20. Juli 1944? Nicht ganz, liebe Leser, nicht ganz; denn alles, was er bisher dazu geschrieben hat, geht von einer Voraussetzung aus, welche die heutigen Historiker und Ernst von Salomon teilen, nämlich, daß der Krieg mit Hitler bzw. seiner Beseitigung stand und fiel, mit anderen Worten: Hitler war an allem schuld, alle anderen waren lediglich Verführte, Mitläufer usw. usw. Aber das ist falsch, und hier irrte auch Salomon. Es war nicht Hitlers Krieg allein, es war nicht einmal in erster Linie Hitlers Krieg; es war mindestens ebenso sehr - und wahrscheinlich sogar weit mehr noch - der Krieg Churchills und Roosevelts (vielleicht - aber nur vielleicht - auch Stalins); und der Putsch der Stauffenberg & Co. richtete sich ja nicht gegen Hitler allein, sondern gegen das gesamte Reich, und das mitten im Krieg. Aber lassen wir mal den blöden angelsächsischen Spruch "Right or wrong, my country" außer Acht und fragen ganz nüchtern: Ist ein solcher Putschversuch gerechtfertigt, wenn sich abzeichnet, daß der Krieg hoffnungslos verloren ist, und daß im Falle eines Gelingens die Möglichkeit besteht, ihn vorzeitig zu beenden? Na klar, liebe Leser, das hätte nicht einmal Hitler bestreiten können - hatte er doch in "Mein Kampf" (aber das dürft Ihr ja als gesetzestreue BRD-Untertanen nicht gelesen haben :-) selber geschrieben, daß Widerstand gegen eine Staatsregierung, die das Volk in den Untergang führt, nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht eines jeden einzelnen sei. Fragen wir also: War der Krieg am 20. Juli 1944 objektiv betrachtet verloren? Ja, das war er wohl, wenn man mal von der vagen Aussicht auf "Wunderwaffen" absah. Aber bestand auch eine objektive Aussicht, ihn vorzeitig beenden zu können? Nein, die bestand nicht! Churchill und Roosevelt führten, allen Lippenbekenntnissen zum Trotz, den Krieg nicht gegen Hitler und das Dritte Reich, sondern gegen das deutsche Volk, das sie auszurotten gedachten, und waren - anders als Stalin, der Hitler wiederholt einen Separatfrieden angeboten hatte (er war in Casablanca nicht dabei gewesen!) - nicht zu einem Waffenstillstand bereit, sondern nur zur Entgegennahme einer bedingungslosen Kapitulation (wozu wiederum die Verschwörer nicht bereit waren) - und auch nach derselben wollten sie den Völkermord an den Deutschen fortsetzen (und taten das nach der Kapitulation im Mai 1945 ja auch: zu den 10 Millionen im Krieg getöteten Deutschen kamen noch einmal 5 Millionen nach dem Krieg ermordete; die Behauptung, durch eine Kapitulation im Juli 1944 wären noch "Millionen Menschenleben gerettet" worden, beruht also auf einer Milchmädchen-Rechnung. Das Gegenteil ist richtig: Damals war der infame "Kaufman-Plan - aus dem wenig später der "Morgenthauplan" werden sollte -, der die Ausrottung des deutschen Volkes vorsah, noch nicht ad acta gelegt; hätten die Deutschen im Juli 1944 kapituliert, wären sie wahrscheinlich allesamt dem von der damaligen US-Regierung geplanten Völkermord zum Opfer gefallen; so groß war der Haß des sefardischen Juden Roosevelt und seiner Kamarilla.)

Aber das allein würde die Verschwörer noch nicht zu Verbrechern machen, wenn sie wenigstens subjektiv glauben durften, den Krieg vorzeitig beenden zu können und das deutsche Volk nicht in die Ausrottung, sondern in die Rettung von Millionen Menschenleben zu führen. Durften sie das? Nein, nicht einmal das durften sie! Sie hatten nämlich zuvor Kontakt mit den Briten aufgenommen und angefragt, ob sie im Falle eines erfolgreichen Attentats auf Hitler zu einem Separatfrieden bereit wären; und die Briten hatten ihnen eine knallharte Absage erteilt. (Churchill bezeichnete sogar einmal Hitler als seinen besten Verbündeten im Krieg gegen das deutsche Volk - wäre der beseitigt worden, hätte er, Churchill, womöglich Schwierigkeiten gehabt, seinem eigenen Volk die Notwendigkeit der Fortführung des Krieges klar zu machen, nachdem man sich derart einseitig auf Hitler als "Buhmann" eingeschossen hatte.) Aber selbst wenn die Briten das anders gesehen hätten (man hätte ja theoretisch auch dort ein Attentat auf den verfluchten Kriegstreiber Churchill unternehmen können, und seine Nachfolger hätten vielleicht mit sich reden lassen): Wäre jene kleine Clique von Offizieren überhaupt in der Lage gewesen, sich nach Beseitigung Hitlers gegen dessen mutmaßliche Nachfolger durchzusetzen, ob mit oder ohne Bürgerkrieg? Schwerlich, liebe Leser, schwerlich. Es gab damals kaum eine Handvoll Leute im "Dritten Reich", die dazu in der Lage gewesen wären, und die standen auf der anderen - Hitlers - Seite. Und auch das wußten die Verschwörer - oder hätten es wissen müssen. Deshalb fällt Dikigoros' persönliches Urteil über sie noch härter aus als außerhalb dieses Exkurses: Ob jene halbleeren Flaschen im Kragenspiegel ihren Hitler geleisteten Eid brachen und ob zurecht oder nicht oder doch, hält er für ziemlich unerheblich - die Geschichte ist voll von Eidesbrüchen, die im Nachhinein stets nur nach Erfolg oder Mißerfolg be- oder verurteilt worden sind. Aber daß sie dem deutschen Volk und seinen Streitkräften in den Rücken fielen, wohl wissend, daß sie ihr - angebliches - Ziel der vorzeitigen Beendigung des Krieges und seiner Greuel auf keinen Fall erreichen konnten - auch nicht durch eine [Teil-]Kapitulation - und damit um ein Haar seine Ausrottung herbei führten, das macht sie vor der Geschichte unweigerlich zu Verrätern und Verbrechern, denn dafür gibt es - anders als für das Attentat auf Hitler, das schon seit Mai 1940 überfällig war - nicht nur keine Rechtfertigung, sondern auch keine Entschuldigung, weder objektiv noch subjektiv. Und deutsche Politiker[innen], die jene Verbrecher heute noch als große "Helden" und "Vorbilder" feiern, gehörten von Rechts wegen so behandelt, wie es die guten US-Demokraten Kaufman, Roosevelt und Morgenthau mit allen Deutschen vorhatten. Exkurs Ende.]

* * * * *

1950 veröffentlichte Rowohlt ein Buch Salomons mit dem irreführenden Titel: "Boche in Frankreich". (Über die etymologische Herkunft des Wortes "Boche" gibt es eine Vielzahl interessanter Theorien, die freilich allesamt ziemlich unerheblich sind; wichtig ist allein, daß es bis heute das französische Schimpfwort für Deutsche ist - und das ist schon bemerkenswert, denn für gewöhnlich pflegen sich solche Schimpfworte zu wandeln. So schimpfen die Angelsachsen die Deutschen heute nicht mehr "Huns" oder "Krauts", sondern "Gerries".) Es war ein Versuchsballon, genauer gesagt ein Vorabdruck aus seinem berühmten "Fragebogen" (auf den wir gleich zurück kommen werden), die Geschichte seines freiwilligem Exils in Frankreich in den Jahren 1930-32. Es ist eine wirklich hübsche, liebenswerte Geschichte, und sie hätte ein Lehrstück sein können für die deutsch-französische Völkerfreundschaft (die sich in den 30er und 40er Jahren tatsächlich abzeichnete - was aber heute niemand mehr wissen darf, weil es ja eine Völkerfreundschaft über die ach-so-wichtige ideologische Grenze zwischen Volksfront und National-Sozialismus hinweg gewesen wäre, und dazu noch ganz ohne Demokratismus), wenn nicht... Ja, wie soll Dikigoros da anfangen? Vielleicht damit, daß ihn einige seiner treuen Leser immer mal wieder fragen, wann er denn endlich Euzkadi ta azkatasuna zuende schreibt, die Geschichte seiner ersten Frankreich-Reise, die ein Lehrstück für die deutsch-spanisch-französisch-angelsächsische Völkerfreundschaft sein könnte, wenn nicht... dieser Schüleraustausch in der Bretagne statt gefunden hätte, wenn nicht die "Angelsachsen" durchweg irischer Abstammung gewesen und wenn nicht die "Spanier" allesamt aus dem Baskenland gekommen wären. Ihr merkt, worauf Dikigoros hinaus will? Nein, er hat nichts gegen die Franzosen, und er schert auch nicht alles über einen Kamm, was heutzutage so unter dem Stichwort "Minderheitenpolitik" herum schwirrt. Aber es macht doch einen Unterschied, ob jene Minderheiten aus zugereisten Schmarotzern und Kriminellen bestehen, die lautstark nach "gleichen Rechten" schreien - wohlgemerkt ohne gleiche Pflichten erfüllen zu wollen, und sei es auch nur die, eine angemessene Tätigkeit auszuüben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, ohne ihrem Wirtsvolk auf der Tasche zu liegen -, oder ob die Zugereisten die Alteingesessenen bereits zu einer Minderheit gemacht haben, wie die Franzosen die Bretonen, Okzitanier, Gascogner und Elsässer oder wie die Kastilier die Galizier, Katalanen und Basken. Wenn Dikigoros sich also mit den Bretonen usw. gut verstanden hat und ihren Standpunkt teilt, dann folgt daraus zwingend, daß er nicht auf der Seite der Franzosen stehen kann, und daß jener Reisebericht folglich zu einer kritischen Abrechnung mit ihnen geraten muß - vielleicht hemmt ihn das, wie auch das Wissen um die Greueltaten der Franzosen in der Zeit der "LibÚration [Befreiung]" Frankreichs und der Besatzung Südwest-Deutschlands, nach denen eine echte "Völkerfreundschaft" praktisch kaum noch möglich ist, weshalb dieser viel beschworene Versuch Adenauers und de Gaulles ja auch - trotz Jahrzehnte langer staatlicher Propaganda besonders in der BRD - als definitiv gescheitert angesehen werden muß. Salomon hatte das damals schon resignierend erkannt. Er hatte noch Verbindungen nach Baden und wußte, wie die Franzosen dort gehaust hatten - und von ihrem Völkermord an den Elsässern, über den Dikigoros an anderer Stelle schreibt. Aber das Buch wurde gut aufgenommen, und so machte es denn den Weg frei zu dem Werk, mit dem Salomon seinen schriftstellerischen Ruhm aus der Zwischenkriegszeit wieder auffrischte, ja neu begründete: "Der Fragebogen".

[Der Fragebogen]

Lesern, welche die Nachkriegszeit miterlebt haben, bräuchte Dikigoros dieses Buch, das 1951 auf den Markt kam, nicht eigens vorzustellen: Jeder kannte es, fast jeder hatte es gelesen; es wurde - in der billigen, für jeden erschwinglichen RoRoRo-Ausgabe - zum ersten "Bestseller" der zwei Jahre zuvor gegründeten BRD: Es waren die persönlichen Lebenserinnerungen Salomons, die er mit fast allen Deutschen, speziell denen in der amerikanischen Besatzungszone teilte. Noch nie in der Weltgeschichte hatte es ein Besatzungs-Regime gegeben, das ein Land und ein Volk derart brutal und totalitär - im wahrsten Sinne des Wortes - unterdrückte, wie das US-Amerikanische nach 1945, nicht das französische im Rheinland nach 1918, nicht das der Nordstaaten in den Südstaaten nach 1865, nicht einmal das der Engländer im 17. Jahrhundert in Irland. (Nein, liebe USA-Freunde und SU-Feinde, selbst die Russen benahmen sich nach 1945 in ihrer Besatzungszone zivilisierter - von den ersten Fronttruppen mal abgesehen, aber das war Kriegs-, nicht Besatzungszeit!) Die Leser wußten das damals, denn sie hatten das am eigenen Leibe gespürt (nicht nur Salomon hatte man bei den Folterungen, pardon Vernehmungen, ein paar Zähne ausgeschlagen - vielen erging es viel schlimmer) - denen hätte man nicht mit dem Lügenmärchen kommen dürfen, das man ihren Enkeln heute auftischt, daß die Besatzer "Befreier" gewesen seien... Man sollte jedem jungen, naïven Menschen, der so etwas glaubt, jenes Buch zu lesen geben - wie überhaupt alle Bücher Salomons, aber dieses besonders. Es ist nicht einmal verboten, sondern nur verpönt, und die meisten Gutmenschen kennen wahrscheinlich nicht einmal den Titel, geschweige denn den Fragebogen, von dem es handelt...

Angeblich schrieb Salomon den "Fragebogen", weil er Deutschland vor dem "geistigen Genozid" retten wollte. Wenn das wirklich sein Anliegen war, dann ist ihm dies zweifellos gelungen, denn wie Dikigoros nie müde wird zu betonen: Der Versuch der "re-education" der Deutschen durch die Amerikaner unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war ein voller Mißerfolg;, zu dem Salomons erfolgreichstes Buch sicher beigetragen hat. (In welchem Maße, läßt sich schwer abschätzen; aber da es damals kaum Radio und noch kein Fernsehen gab, wahrscheinlich mehr, als es ein Buch heutzutage könnte). Die tatsächliche "Umerziehung" der Deutschen erfolgte erst ab 1968 im Fahrwasser der eigenen "Umerziehung" der Amerikaner, die von Berkley und Hollywood ausging. Viel wahrscheinlicher ist aber, daß Salomon den "Fragebogen" nur deshalb schrieb, weil man unter der alliierten Besatzung "keine anständigen Filme drehen durfte", wie er einmal gesagt haben soll. Ja, Salomon fühlte sich längst nicht mehr als Schriftsteller (wenn er sich denn je als solcher gefühlt hatte), sondern als Drehbuchautor - was zugleich die These ad absurdum führt, er habe sich im "Dritten Reich" aus politischen Gründen nicht mehr schriftstellerisch betätigt, sondern ins Filmgeschäft "zurück gezogen", gewissermaßen wie in eine "innere Emigration". Nein, Salomon hat das auch nie behauptet, und was das übrige anbelangt... Was macht man, wenn man keine anständigen Filme drehen darf? Eben - man dreht "unanständige" Filme!

Und so entstanden in den Jahren 1954-57 je drei Filme mit dem Titel "08/15" und "Liane" - neben den Filmen der "Sissi"-Reihe und der "Immenhof"-Reihe wurden es die erfolgreichsten Kino-Trilogien der 50er Jahre - sehr zur Überraschung und zum Ärger der Kritiker. Während diese die Drehbücher der beiden vorgenannten Serien allenfalls als "kitschig" belächelten, verrissen sie die Salomons grundsätzlich und bösartig. In einem weit verbreiteten Filmlexikon - das pikanterweise im Rowohlt-Verlag erschienen ist, liest man folgenden Satz über 08/15: "Anekdotisch, derb, oft vulgär und im Grunde unpolitisch (pfui! :-), löst der Film seinen Anspruch auf ein kritisches anti-militärisches Engagement kaum ein; er bedient vielmehr, darin sehr geschickt, die Unterhaltungserwartung des Publikums (2x pfui! :-). Folgerichtig wurde er zu einem der größten Kassenerfolge der fünfziger Jahre (3x pfui! :-)." Was der Kritiker da schreibt, stimmt durchaus - aber hat er deswegen auch Recht? Wohl kaum. Der Kritiker scheint selber nicht gedient zu haben, sonst wüßte er, daß die Sprache des Drehbuchs, gemessen an der Wirklichkeit beim Militär, eher nicht "derb" und "vulgär" genug ist. (In dieser Hinsicht sollte erst die Verfilmung von Buchheims "Boot" über's Ziel hinaus schießen - jedenfalls nach Dikigoros' eigener Erfahrung; aber sein Vater bemerkte dazu nur trocken: "In dem Film kommt kein Wort vor, das ich beim Barras nicht auch selber gehört hätte." Und da er den Weltkrieg mitgemacht hat, also die alte Wehrmacht noch kannte, will sein Sohn ihm das mal glauben.) Unpolitisch ist die Verfilmung allerdings; aber wer sagt, daß sie politisch sein sollte? Und einen "Anspruch auf kritischen Antimilitarismus" machte allenfalls die Buchvorlage von Kirst geltend, nicht die Filmproduzenten von Divina - deshalb ließen sie Salomon das Buch ja umschreiben! Und man kann nur sagen: Dies ist ihm vorzüglich gelungen, der Erfolg gab ihm Recht.

Und die Liane-Filme? Auch da entrüstete sich die Kritik über die "primitive" und "unmoralische" Aufmachung mit Marion Michel als "Nackedei". Ach Du liebes Gottchen - was man damals als "nackt" ansah... die Leute hätten mal die heutigen Kino- und Fernsehfilme sehen sollen! (Wohlgemerkt nicht die Pornos und nicht das Nachtprogramm, sondern schon in den Filmchen zur besten Sendezeit sieht man auf allen - auch den öffentlich-rechtlichen - Kanälen mehr nackte Haut als in allen drei Liane-Filmen zusammen, die ja eigentlich nur zwei Filme sind, denn der dritte ist ein Zusammenschnitt der beiden ersten.) Und ob die wirklich dümmer und primitiver waren als die zahlreichen "Tarzan"-Filme, die aus den USA herüber schwappten in die deutschen Kinos? Dikigoros wagt das zu bezweifeln. Ganz zu schweigen von dem Zeug, das uns in den folgenden Jahrzehnten vorgesetzt wurde, von "Indiana Jones" bis "Crocodile Dundee"...

1960 brachte Salomon doch noch eine literarische Verarbeitung derjenigen seiner Lebensabschnitte zwischen den Weltkriegen heraus, die er bis dahin außen vor gelassen hatte. Er schrieb sie nicht als Autobiografie, sondern als Lebensgeschichte des Leutnants Arthur Dietzsch, und gab ihr den Titel "Das Schicksal des A.D." - wobei allerdings nur zu offensichtlich ist, daß Salomon eigene Erlebnisse schildert. Das Buch ist heute so gut wie verbrannt, es gab auch keine Neuauflagen - es war sein größter "Flop". Seitdem veröffentlichte Salomon nichts mehr über sich, und es wurden auch keine Drehbücher von ihm mehr verfilmt; der einstige Bestsellerautor paßte nicht mehr in eine Zeit, in der die "Vergangenheits-Bewältigung" der Deutschen sie von der Opfer- in die Täterrolle drängte: Aus der Besatzung wurde "Befreiung", einen Fragebogen hatte es nie gegeben, und wenn an der "Entnazifizierung" etwas schlecht war, dann nur, daß nicht alle Deutschen verurteilt worden waren. Ihr nennt das masochistisch, liebe rechte Leser? Mag ja sein, aber so sind die Deutschen nun mal, jedenfalls die Zeitgenossen aus Salomons letztem Lebensjahrzehnt.

Nun gab es aber ein anderes Volk (Dikigoros schreibt bewußt nicht "einen anderen Staat", denn was dessen Regierung offiziell verlautbart und was ihm seine Untertanen glauben, können durchaus zwei Paar Schuh' sein - keine deutsche Regierung hätte 1951 wagen dürfen, sich offen zu Salomons "Fragebogen" zu bekennen; aber die Leser wußten aus eigener Erfahrung, daß er Recht hatte, und sie hätten keiner Regierung das Gegenteil geglaubt - deshalb schwieg die Bundesregierung klugerweise), das nicht an dieser Art Nationalkrankheit litt - und noch immer nicht darunter leidet: die Japaner. Wenn Ihr heute in ein deutsches Lexikon schaut, liebe Leser, dann werdet Ihr dort lesen, daß der deutsche Bombenangriff mitten im Spanischen Bürgerkrieg auf das baskische Nachschubzentrum Guernica - dem einige tausend Kommunisten zum Opfer fielen - ein furchtbares "Kriegsverbrechen" gewesen sei, ebenso die Luftangriff auf die Festungen Warschau und Belgrad, wohingegen die alliierten Bombenangriffe auf die unverteidigten Kulturstädte Dresden, Hiroshima und Nãgasaki militärischer Notwendigkeit entsprochen hätten. Zugleich werdet Ihr lesen, daß beim Feuersturm in Dresden nicht 600.000 Menschen umkamen, wie man früher "irrtümlich" meinte, sondern mal gerade 20-25.000, und beim Abwurf der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nãgasaki zusammen ebenso wenige - nicht etwa eine Million. So sprach denn auch der offizielle Bericht der Weltkonferenz gegen die Atombombe 1961 in Tōkyō nur von "der Asche von 10.000 Menschen" - dabei betrug allein die Anzahl der vor Ort bestatteten Urnen ein vielfaches. Salomon wußte das, denn er war persönlich da und hatte die Urnen gesehen - man hatte ihn nämlich eingeladen zu jener Konferenz, wie er selber glaubhaft versicherte, durch ein Mißverständnis: So wie die Amerikaner heute von "09/11" sprechen, wenn sie den Kamikaze-Anschlag muslimischer Terroristen auf das World Trade Center vom 9. September 2001 meinen, so sprechen die Japaner von "08/15", wenn sie den Atombombenabwurf auf Hiroshima meinen - denn der erfolgte um 08:15 Uhr - jedenfalls blieben in diesem Moment die Uhren stehen. Und so konnten sie sich gar nicht vorstellen, daß die berühmtesten und erfolgreichsten drei Kriegsfilme in Deutschland (die freilich nie ins Ausland exportiert wurden, schon gar nicht nach Japan :-) irgend etwas anderes zum Thema haben könnten als just das. Was lag da näher, als den Drehbuchautoren als Ehrengast einzuladen?! Salomon hütete sich, das Mißverständnis aufzuklären und flog hin. Und als er zurück kam, hätte er einiges zu erzählen gehabt - aber er wußte, daß das nicht mehr opportun war, also schwieg er, schrieb nieder, was er gehört und gesehen hatte, und ließ das Manuskript in der Schublade liegen.

1965 machte Salomon eine Ausnahme von seinem schriftstellerischen Schweigen. Er schrieb "Die schöne Wilhelmine", eine erzählte Biografie der der Wilhelmine Encke alias Madame Ritz alias Grälfin Lichtenau, der er den Untertitel "ein Roman aus Preußens galanter Zeit" gab. Ja, die Geschichte ist wieder gut geschrieben (wie könnte es anders sein bei Salomon :-), und sogar recht nett; aber... Wie konnte er sein schriftstellerisches Genie nur an so einen unbedeutenden Stoff wie den Aufstieg und Fall einer unbedeutenden Maitresse eines unbedeutenden preußischen König verschwenden? Nun, vielleicht tat Salomon es gerade deshalb, weil der mit "galanten" Pikanterien verzierte Stoff derart harmlos klang und er seine boshaften Nadelstiche so am besten vor dem unsichtbaren Zensor verstecken zu können glaubte? Der "Roman" ähnelt Fernaus "Sprechen wir über Preußen" - und Fernau hat, bevor er das schrieb, Salomons "Die schöne Wilhelmine" sicher gelesen, sonst hätte er seinem Werk nicht den Untertitel "Die Geschichte der armen Leute" gegeben. Salomon legt dem "Alten Fritz" die Worte in den Mund: "Preußen ist arm aus guten Gründen nüchtern, tugendhaft und eng." Umgekehrt hatte Salomon zuvor sicher Fernaus "Diesteln für Hagen" gelesen, denn er zitiert nicht nur daraus, sondern korrigiert sogar: "Der Held kommt immer über die Ebene," hatte Fernau geschrieben. Das ist, wie Dikigoros an anderer Stelle näher auseinander setzt, schlicht falsch. Das hat auch Salomon erkannt, denn er schreibt: "Die großen Eroberer kamen immer aus den Ebenen, die Hunnen, die Mongolen, die Araber, aus dem Wüsten, aus dem Sande - und die Engländer aus dem Wasser." So ist es richtig, wenngleich der Unterschied nur ein gradueller zu sein scheint. Aber, liebe Leser, ein Eroberer muß kein Held sein, und ein Held kein Eroberer. Der Held muß immer übers Wasser kommen, von Jesus bis zu den angeblich auf dem Mond gelandeten Astronauten, die deshalb stets im Meer landen müssen (aber auch das ist eine andere Geschichte; die Eroberer dürfen dagegen auch über Land kommen.

Aber das ist natürlich nicht das Hauptanliegen, das Salomon mit diesem scheinbar harmlosen Roman unter die Leute bringen will. Nein, es sind Dinge wie das - wiederum ganz nüchtern und sachlich berichtete - Schicksal des schottischen Marschalls Keith, der dem Hause Stuart treu blieb, obwohl ihn das Vermögen und Heimat kostete, so daß er schließlich beim König von Preußen Dienst nehmen mußte; oder die verächtlichen Ausführungen des letzteren über "das Volk", oder, wie Friedrich es mangels deutscher Sprachkenntnisse nannte, "la Canaille": "Hat mir das Volk den Krieg übel genommen? Hat es mir den Ruhm übel genommen? Es hat mir übel genommen, daß ich die Wahrheit sagte." Das sind nicht Friedrichs Worte, sonden die Salomons - aber sie sind natürlich richtig: Das Volk sonnt sich gerne im Ruhm seiner Repräsentanten, auch wenn es dafür einen Krieg auf sich nehmen muß - der dann natürlich ruhmvoll enden muß -, aber im übrigen will es belogen sein - was glaubt Ihr denn, wofür sonst die Politiker bis heute ihre Schönwetterreden zum Fenster hinaus halten, wider besseres Wissen nicht nur ihrer selbst, sondern auch ihrer Untertanen?!

* * * * *

1966 wurde "Boche in Frankreich" - diesmal ungekürzt - unter dem Titel "Glück in Frankreich" neu aufgelegt. Die Lippenbekenntnisse Adenauers und De Gaulles zur deutsch-französischen Freundschaft mögen in Salomon (und seinem Verleger) noch einmal die Illusion geweckt haben, daß dieses Märchen, das er persönlich erlebt hatte, auch für andere wahr werden könnte. Es blieb bei der schönen Illusion - das war doch klar, oder? "Völkerfreundschaft", d.h. Freundschaft zwischen zwei Völkern, gibt es nicht, das ist mal so, egal was die Medien behaupten. Es kann Freundschaften zwischen Angehörigen zweier Völker geben - mehr aber auch nicht. Das was wir bisweilen fälschlich für Völkerfreundschaften" halten, sind in Wahrheit gemeinsame Völkerfeindschaften (die gibt es sehr wohl, denn um sie zu begründen reichen - anders als bei Freundschaften, die persönliches Kennen voraus setzen - Vorurteile!) gegen Dritte. "Die" Mexikaner und "die" Inder lieben "die" Deutschen, weil auch die wiederholt von den US-Amerikanern bzw. Briten mit Krieg überzogen wurden - Leidensgenossen empfinden Mit-Leid, Sym-pathie, aber das ist keine Freundschaft! (Daß die Mexikaner sich nebenbei noch für deutsche Fußball- und die Inder für deutsche Hockey-Spieler begeistern, steht auf einem anderen Blatt und hat nichts mit "Völkerfreundschaft" zu tun, zumal diese Begeisterung nicht auf Gegenseitigkeit beruht.)

1972 starb Ernst von Salomon, und nun konnte endlich sein Bericht über die "Weltkonferenz gegen die Atombombe" von 1961 erscheinen - unter dem Titel "Die Kette der tausend Kraniche" Es ist vielleicht nicht Salomons interessantestes Buch, aber sein schönstes - viel schöner als das doch etwas nichtssagende Die schöne Wilhelmine. Dikigoros darf das sagen, denn im Gegensatz zu Salomon (der damals sogar für die kommunistische DFU - Deutsche Friedens-Union - kandidiert hatte) ist er kein Atomkraftgegner, ja nicht einmal Gegner der Atombombe und ihres Einsatzes, er ist vielmehr Anhänger des Satzes: "Der Zweck heiligt die Mittel". Das beste Mittel ist verwerflich, wenn es einem schlechten Zweck dient, und um einen guten Zweck zu erreichen, darf man jedes, auch das schlimmste Mittel anwenden. Wobei man fragen darf - ja muß -, welchem Zweck der Abwurf der beiden Atombomben von Hiroshima und Nãgasaki auf das bereits zur Kapitulation bereite Japan diente - aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr. Für Salomon war das einfacher: Er hatte die Amerikaner in Deutschland am eigenen Leib als Kriegs- und Nachkriegsverbrecher kennen gelernt, also mußten sie das auch in Japan gewesen sein. Aber die Amerikaner gibt es ebenso wenig wie die Deutschen, die Japaner, die Russen usw. Gewiß haben alle diese Völker gewissen nationalen Eigenschaften und Eigenarten - aber "Kriegsverbrecher" ist keine Eigenschaft. Deutschland stand unter der Fuchtel Eisenhowers, des größten Verbrechers der Weltgeschichte; aber in Japan herrschte MacArthur ungleich milder; und wäre es Eisenhower nicht gelungen, Patton zu beseitigen, wäre auch den Deutschen vieles erspart geblieben, was Salomons Generation den Amerikanern anlastete. Man muß sich wundern, daß all das heute vergessen und/oder verdrängt ist, und über welche Lappalien der Amerikaner sich die Deutschen statt dessen ereifern - durchweg Dinge, die sie gleich gar nichts angehen, und die durch den weltweiten Krieg, den der Islam gegen uns Nicht-Muslime führt, allemal gerechtfertigt sind. Mit den Verbrechen Eisenhowers ist auch ihr Chronist, Ernst von Salomon, in Deutschland in Vergessenheit geraten. Die wenigen, die ihn heute noch kennen - und unverholen bewundern - sitzen in Frankreich, bei der "neuen Rechten". Dikigoros befürchtet indes, daß auch sie Salomon zutiefst mißverstanden haben, denn er war kein "Europäer", ja er war nicht einmal "Deutscher" - er war und blieb bis zuletzt "Preuße".

Das ergibt sich nicht zuletzt aus dem Fragment "Der tote Preuße", das Rowohlt 1973 ebenfalls posthum auf den Markt warf. Es ist Salomons schwächstes Buch, und das liegt nicht an Salomon, sondern am Thema. Wie sagte mal ein großer Historiker: "Die meisten falschen Antworten in der Geschichte kommen von falschen Fragestellungen." Es ist heute kaum noch nachzuvollziehen, aber eine der beiden Fragen, um die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von deutschen "Mediävisten" [Mittelalter-Historikern] am heftigsten gestritten wurde, war die nach dem Sinn oder Unsinn der "Italienzüge" der Kaiser bzw. der Könige, die in Rom zu Kaisern gekrönt werden wollten, und fast immer in Verbindung mit der Frage, ob es nicht gescheiter gewesen wäre, die Ressourcen, die in Italien investiert wurden, zur Erweiterung des deutschen "Lebensraums" gen Osten zu leiten. Beispielhaft diskutiert wurde das an den "Ottonen" (die damit angefangen hatten) und vor allem am Zwist zwischen dem Staufer Friedrich Barbarossa (der die besten Jahre seiner Regierungszeit mit Kriegen in Italien verbrachte) und dem Welfen Heinrich dem Löwen, der sich dieser Politik verweigerte und statt dessen die Ostkolonisation förderte. Für die Nazis war der Fall klar: Die Ottonen waren körperlich und geistig minderwertige Narren (Otto I hatte seinen Sohn Otto II mit einer byzantinischen Prinzessin verheiratet, und deren Sohn Otto III ließ sich von seiner Mutter wohl den größenwahnsinnigen Plan einer Wiederherstellung des "Imperium Romanum" einflüstern, an dem er und mit ihm das Reich scheitern mußte), und der Sieg der Staufer über die Welfen war ein nationales Unglück für Deutschland. Nach dem Krieg machten es sich die siegreichen Besatzer und die "Historiker", die ihnen nach Mund redeten und schrieben, umgekehrt ebenso einfach: Prinzessin Theofanˇ war ein Glücksfall für Deutschland; das einzige Unglück war, daß sie bzw. ihr Sohn Otto III nicht noch länger regierte; Barbarossa war ein braver Mann - schließlich trug er einen roten Bart, war also jedenfalls kein "brauner" -, und Heinrich der Löwe verschwand als "Kriegsverbrecher" (sein Verbrechen hatte darin bestanden, daß Hitler 1936 sein Grab besucht hatte) für die nächsten Jahrzehnte in den tiefsten Schubladen der Geschichtsklitterer. Aber ach, liebe Leser, das ganze war doch ein Streit um des Kaisers Bart (und nicht nur des Rotbarts :-) - wer hatte sich bloß das Märchen ausgesponnen (auf das auch Salomon herein fiel), daß es hier um zwei einander ausschließende Alternativen handelte und daß für die eine die Staufer und die andere die Welfen standen? Kein einziger Soldat, der mit den Kaisern in spe nach Italien zog, wäre ohne jene Italienzüge als Wehrbauer in den Osten gegangen (denn dort brauchte man gar keine Wehrbauern, sondern einfach nur fleiße Landwirte, die größtenteils brachliegendes Ödland oder Urwald in Ackerboden verwandelten); und umgekehrt hätte keiner der Bauern, die von Heinrich dem Löwen in den Osten geschickt wurden, Barbarossa helfen könen, Italien zu erobern - deutsche Besiedelung des heißen, malariaverseuchten "Stiefels" hatte nie ernsthaft zur Debatte gestanden! (Aber darüber - und über vieles mehr zu dieser Frage - schreibt Dikigoros an anderer Stelle); und über die zweite der beiden großen Mittelalter-Streitfragen - ob die Germanen der "Völkerwanderung" das römische Reich zerstörten, oder ob sie jenem längst auf den Hund gekommenen Gebilde durch ihre Übernahme lediglich eine dringend nötige Blutauffrischung brachten - schreibt er hier.)

Aber Salomon ging es noch um etwas anderes - er hätte gesagt "um mehr": um die "Staatsidee", speziell um die preußische Staatsidee. Nicht umsonst beginnt und endet sein "historischer Roman" mit einem ("dem") toten Preußen, der als Soldat im Krieg gegen Dänemark um Schleswig-Holstein gefallen war, das Preußen anschließend annektierte, weshalb Salomon als "Preuße" geboren wurde - in Kiel. Nun wird sich kein anständiger Schleswig-Holsteiner (und auch kein anderer anständiger Norddeutscher, weder ein Hamburger noch ein Niedersachse noch ein Mecklenburger noch ein Pommer) als "Preuße" fühlen. Salomon aber tat es. Warum? Es ist etwas merkwürdiges um die Identifikation der Menschen. Manche fühlen sich als "Weltbürger" - das ist natürlich Schwachsinn, ebenfalls das Gefühl, ein "Weißer" (oder "Schwarzer" oder "Gelber") zu sein, oder irgend einer geografischen Einheit anzugehören. Man hat Salomon anläßlich seines 100. Geburtstages "den Europäer" genannt, aber darüber hätte er sicher nur trocken gelacht. Wer ist ein "Europäer"? Ein Isländer? Ein Malteser? Ein Türke? Ein Araber oder Neger, der in irgend einem EU-Land eingebürgert worden ist? Als "Europäer" haben sich eigentlich immer nur die Deutschen gefühlt, und auch nur dann, wenn ihnen der Glaube an sich selber abhanden gekommen war. Als was kann man sich sonst fühlen? Als Angehöriger eines Nationalstaates? Als "Großbritannier"? Fragt mal die Nordiren und die Schotten! Als "Spanier"? Fragt mal die Basken und die Katalanen! Als "Belgier"? Fragt mal die Flamen und die Wallonen! Als "Bundesrepublikaner"? Fragt mal die Bayern und die Sachsen! Als Preuße? Wie kommt Salomon darüber hinweg, daß es gar kein preußisches Volk gab (mit Ausnahme der alten Pruzzen, die im 13. Jahrhundert ausgerottet wurden - aber die waren wohl nicht gemeint), sondern daß Preußen nur ein Staat war, und zwar ein Raubstaat, der viele (nicht nur deutsche) Stämme geschluckt hatte, nicht anders als Groß-Britannien, das Habsburger Reich, China, das Osmanische Reich oder Rußland? Nun, halt mit seinem Konzept der preußischen "Idee": Preußentum, das ist... und nun brauchen wir nur noch nachzuschlagen, was er in "Die Kadetten" geschrieben hat, dann haben wir alle jene "Tugenden", auf die einige Preußen offenbar glauben, ein Monopol zu besitzen - was Dikigoros als Nicht-Preußen immer wieder ungemein fuchsen kann. (Seine Frau - die nie ein Buch von Salomon gelesen hat, obwohl er immer mal wieder versucht, ihr wenigstens den Fragebogen schmackhaft zu machen - antwortete ihm auf die Frage, was es für sie bedeute, "Preußin" zu sein: "Sparsamkeit und Unbestechlichkeit" - als ob das eine Nation ausmachte!) Bei Euch, liebe "Preuß[inn]en", gab es im Schnitt nicht mehr und nicht weniger Tugendbolzen als in anderen (nicht nur deutschen) Stämmen auch; und wenn Ihr Euch durch nichts anderes als diese schwer greifbaren "Ideen" definieren könnt, dann ist es nicht weiter schade, daß Euer Staat aufgelöst wurde (übrigens de facto schon 1934, durch den Ostmärker Adolf H., längst bevor die doofen Alliierten, die das gar nicht mitbekommen hatten, 1945 noch einmal "auflösten", was längst nur noch auf dem Papier stand :-).

Aber Salomon hatte noch einen anderen guten Grund, sich als "Preuße" zu fühlen - den gleichen, den auch die aus Salzburg zugewanderten Protestanten und die aus Frankreich zugewanderten Hugenotten hatten: Preußen war lange Zeit das einzige Land Europas, wo niemand wegen seines Glaubens oder seiner Abstammung diskriminiert wurde - auch Juden nicht. Und natürlich war Salomon jüdischer Abstammung, auch wenn er uns ständig seine rührende Familiengeschichte auftischt, mit jenem venezianischen Edelmann, der auf einem der Kreuzzüge zum Tempel Salomons gelangt sei (als ob der damals noch gestanden hätte :-) und von da an den Namen geführt habe, als Wurzel seines Stammbaums. In der Ahnenreihe zu jenem arischen Tempelhelden klafft nämlich eine Lücke von fast zwei Jahrhunderten, bis sie wieder neu beginnt mit einem lothringischen Finanzbeamten namens Salomon; und Ihr dürft Dikigoros getrost glauben, daß jemand, der in Elsaß-Lothringen "Salomon" heißt und dazu noch im höheren Finanzdienst tätig ist... Salomon war - ob bewußt oder unbewußt - wohl auch deshalb so dezidiert Preuße und beharrte darauf, daß man das "durch Wahl" werden könne; und eine bessere Wahl hätte er als solcher kaum treffen können. [Für die Nazis war seine Abstammung ohne Belang; die "Nürnberger Gesetze" stellten allein auf die Religionszugehörigkeit der Großeltern ab; und Salomon - dessen Vorfahren rechtzeitig konvertiert waren - konnte eine lupenreine 64er-Liste getaufter Ahnen vorweisen.]

(...)

(Fortsetzungen folgen)


Anhang: Der Fragebogen von 2006 zur Einbürgerung von Ausländern in Hessen


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