LA FORZA DEL DESTINO
von (Nord-)Amerika [und England] nach (Süd-)Italien
TROMBONCINI  UND  AMORE*
*"Liebe . . .? Das ist etwas für Buchhalter!"

Samuel "Billy" Wilder: Avanti! (1972)

[Filmplakat]

Ein Kapitel aus Dikigoros' Webseite
"AVEZ-VOUS BOURBON . . . ?"
Reisefilme des 20. Jahrhunderts

Ein amerikanischer Industrieller aus Baltimore reist in ein italienisches Kur-Hotel, um die Leiche seines dort verstorbenen Vaters heim zu holen. Dabei trifft er die Tochter des väterlichen Kurschattens, eine englische Verkäuferin aus London; und nach mancherlei Irrungen und Wirrungen werden die beiden selber ein Liebespaar. Wie so oft bei Filmen von Billy Wilder ein ganz banaler Plot, aus dem wohl niemand anderer eine so glänzende Liebes-Komödie und -Satire hätte machen können, noch dazu mit so viel hintergründigem Humor. [Das dem Film zugrunde liegende, vier Jahre ältere Theaterstück von Wilders Namensvetter Samuel Taylor (mit dem Wilder schon 1954 bei "Sabrina" - einer mittelmäßigen Klamotte, wohl auch infolge der Fehlbesetzung der Hauptrollen mit dem widerwärtigen Kettenraucher Humphrey Bogart und der kleinen, zerbrechlichen Audrey Hepburn - zusammen gearbeitet hatte) floppte und wurde nach wenigen Vorstellungen am Broadway abgesetzt; Wilders Film "Avanti" erhielt dagegen immerhin einen "Golden Globe", d.h. Jack Lemmon erhielt ihn als "bester Schauspieler" - in fünf anderen Kategorien blieb die Nominierung unverständlicher Weise erfolglos.] "Avanti" ist der Streifen mit der schönsten Filmmusik aller Zeiten - dazu gehört etwas mehr als nur eine gute Titelmelodie -, da steckt er all die verfilmten Musicals, über die Dikigoros in einem anderen Kapitel dieser "Reise durch die Vergangenheit" berichtet, mit Leichtigkeit in die Tasche. Und auch die Dialoge hätten einen Preis verdient gehabt.

[Wappen USA] [Wappen UK] [Wappen Neapel]

Wer Italienisch kann, ist bei diesem Film klar im Vorteil, noch mehr, wer Napolitanisch kann, denn Italien ist bekanntlich nicht gleich Italien. Die [Nord-]Italiener sagen, daß südlich von Rom Afrika beginne. (Das Theaterstück von Samuel Taylor spielt in Rom, weshalb es von vornherein viel weniger geeignet war, den Unterschied zwischen Amerika [und England] und Italien heraus zu stellen; Wilder geht, genauer gesagt fliegt darüber im Vorspann kurz hinweg, mit einem lächerlichen Kardinal, der vor Angst, daß das Flugzeug abstürzen könnte, den Rosenkranz im Eiltempo herunter betet - tatsächlich sieht es kurz so aus, als würde das Flugzeug auf den Vatican stürzen.) Wilder hat den Ort des Geschehens nach Ischia verlegt, also ins alte Königreich beider Sizilien, genauer gesagt ins erstere der beiden, Neapel. (Dikigoros hält es nicht für ausgeschlossen, daß ihm die Idee dazu durch die 1960 von seinem Glaubensbruder Melville Shavelson gedrehte Komödie "It started in Naples" gekommen ist - wiewohl es da nicht weiter nach Ischia geht, sondern nach Capri. Auch ein netter Streifen, mit dem guten alten Clark Gable - den einige bösartige Kritiker freilich schon "mehr alt als gut" nannten - in seiner letzten großen Rolle und Sofia Loren auf dem Gipfel ihrer erotischen Ausstrahlung. Wenn es "Avanti" nicht gäbe, hätte Dikigoros ihn Euch an dieser Stelle als Beispiel für eine Reise von Nordamerika nach Süditalien vorgestellt, oder vielleicht Robert Mulligans "Come September" von 1961, mit Rock Hudson und Gina Lollobrigida; aber gegen Wilders Meisterwerk ist halt jeder andere Film zum gleichen Thema nur zweite Wahl.) Deshalb prangt oben neben dem amerikanischen und dem englischen nicht das italienische Wappen, sondern das jenes alten Königreichs, das unterging, als Vittorio Emanuele Re d'Italia [König von Italien] wurde - das bis dahin nur ein geografischer Begriff gewesen war. Ihr glaubt doch nicht etwa, liebe Leser, daß Giuseppe di Roncole, der italienische National-Komponist, das Pseudonym "Verdi" von ungefähr annahm? Es war ein politisches Programm, das der nationalen Einheit Italiens; und wie das so ist mit fragwürdigen politischen Programmen, rufen die Programmierer dabei gerne Gott oder die Schicksalsgöttin um Beistand an - so auch hier. (Inzwischen bereuen die Italiener längst ihre ruinöse, pardon schicksalhafte "Wieder"-Vereinigung mit den Ossi-, pardon Mezzogiornesen, die sie Birne, pardon Napoléon III von Frankreich verdanken.) Dikigoros darf doch annehmen, daß die meisten Leser, auch wenn sie des Italienischen sonst nicht mächtig sind, das Verdi-Zitat aus der Überschrift kennen? Für alle anderen: Es bedeutet "Die Macht des Schicksals" - und das wäre auch der bessere Filmtitel gewesen; denn daß man in italienischen Hotels auf die Frage des Zimmermädchens, ob sie eintreten darf ("permesso?") bejahendenfalls mit "avanti!" zu antworten hat, ist nun wirklich keine weltbewegende Erkenntnis - das wußte auch jeder nicht-italienische Kinofreund spätestens seit 1963, aus der vorletzten Szene des zweiten James-Bond-Films "From Russia With Love [Liebesgrüße aus Moskau]", der gar nicht in Moskau spielt, sondern überwiegend in Istanbul und am Ende in Venedig, wo sich die böse KGB-Deserteurin Rosa Klebb als falsches Zimmermädchen in ein Hotel eingeschlichen hat, um 007 zu liquidieren. (Oder sollte noch etwas anderes hinter dem Titel stecken? Warten wir ab!) Dagegen hätte auch Dikigoros nicht gewußt, was Tromboncini sind; freilich wußte er als Blumen-Muffel nicht mal so genau, was Osterglocken und/oder Narzissen sind. [Nur die englische Bezeichnung - Daffodils - kannte er, denn die kommt in "Vincent" von Don McLean vor, das im selben Jahr erschien wie "Avanti!"] Wie dem auch sei, Italienisch-Kenntnisse sind hilfreich, denn einige Passagen sind so biestig, daß man sie sowohl im amerikanischen Original als auch in der deutschen Fassung unübersetzt gelassen hat - wofür spielt die Geschichte in Italien?

Das fragt sich auch Wendel Armbruster junior aus Baltimore, Maryland, Vizepräsident (und nach dem Tode seines Vaters, Wendel Armbruster senior, Präsident in spe) der Armbruster-Werke, deren Verkaufshit (damals schon, liebe Leserinnen!) Silikon-Implantate für Oberweite-Fetischistinnen sind. [Ja, es sind die Frauen selber, die diesen Kult um dicke Möpse veranstalten, um ihre Geschlechts-Genossinnen zu ärgern. Dikigoros kennt jedenfalls keinen ernst zu nehmenden Mann seiner Generation, der auf künstliche Hänge-Euter, womöglich noch mit schlecht verheilten Operations-Narben, stünde. Ganz abgesehen davon, daß diese Monster ihren natürlichen Zweck nicht mehr erfüllen können! Und dann kommt es zur Kettenreaktion: Die Knaben, die statt an der Mutterbrust mit Dosenmilch abgespeist wurden, sind psychisch gestört, haben Nachholbedarf - oder, wie die Psycho-Klempner sagen, ein Kompensationsbedürfnis -, suchen sich Frauen mit riesigen Silikonbrüsten, die wiederum keine Milch geben, so daß auch deren Babies Dosenmilch trinken müssen usw.] Wendel stellt diese Frage sogar noch etwas pointierter: "Da pumpen wir nun Jahr für Jahr Millionen an Entwicklungshilfe in diese Länder, und was kommt dabei heraus?" Die Antwort liegt für ihn auf der Hand: Schon die italienischen Stewardessen im Flugzeug sind unfähig (da sagt doch eine beim Landeanflug in ihrem drolligen Englisch: "Bitte löschen Sie Ihre Sitzgurte und befestigen Sie Ihre Zigaretten!" In der deutschen Fassung wird dieser Fehler politisch korrekt unterschlagen - man will doch die lieben Italiener[innen] nicht beleidigen :-), der Sesselpupser am Einreiseschalter schikaniert ihn wegen seines Passes, der Kaffee ("Espresso"), den man ihm im Zug nach Neapel serviert, schmeckt "wie ein Schlammbad", und auf der Fähre nach Ischia, als er gerade beim ersten Entwurf der Grabrede auf seinen Vater ist, "einen altmodischen Menschen im besten Sinne des Wortes, eine Säule der Kirche, ein Vorbild an Anstand und Moral, treu ergeben seiner Familie und aufopferungsvoll in seiner Arbeit, der allein und einsam, fern von seinen Lieben starb", belästigt ihn eine pummelige Britin in ihrem nicht minder drolligem Englisch (britisches Englisch klingt in amerikanischen Ohren wie sächsisches Ossinesisch in deutschen) mit der Frage nach seinem Namen, ihren Gewichts-Problemen und den Anfangsgründen des Italienischen: Neben allerlei Nudelsorten lernt er (oder auch nicht), was es heißt, im Bad keine Seife zu haben (für einen Amerikaner undenkbar und daher absolut überflüssig) und wie man das Zimmermädchen herein ruft. "Sie sollten sich auch so einen kleinen Sprachführer kaufen," meint die dralle Blondine, die sich ihm als "Pamela Piggot" vorgestellt hat. [Bei Taylor heißt sie ziemlich einfallslos "Alison Ames"; die passende Namensgebung für seine Filmgestalten ist eine von Wilders Stärken - man fühlt sich an Otto Piffl aus "Eins, Zwei Drei" erinnert.] "Brauch' ich nicht," meint Wendel, "ich kann schon alles Italienisch, das ich brauche: Ciao."

Wendel irrt, wie schon Pamelas Antwort - "Arrivederci (auf [unser] Wiedersehen)" - andeutet; aber das soll uns vorläufig nicht beschäftigen. Verweilen wir lieber noch ein wenig beim ersten Auftritt der beiden Hauptgestalten. Schon hier wird dem Zuschauer klar, daß da Welten aufeinander prallen. Die Botschaft lautet: Selbst eine ungebildete junge Verkäuferin aus einer Boutique in der Londoner Kings Road, die noch nie im Ausland war, legt ein besseres Benehmen an den Tag als der rüde auftretende Geschäfts-Mann-von-Welt und Ellbogen-Mensch aus den USA (selbst einer von der "altenglischen" Ostküste, deren Oberschicht - alter Geldadel - sich doch für so konservativ und wohlerzogen hält)! Stimmt das? Wilder, ein Kind der alten k.u.k.-Monarchie, in Wien aufgewachsen, muß es als Emigrant in den Staaten jedenfalls so empfunden haben. (Er wußte wohl nicht, was inzwischen aus Europa geworden war, und wenn er es gewußt hätte, dann hätte er die Schuld daran sicher - wie so viele - "den Amis" gegeben.) Gewiß ist dieser Gegensatz - von dem der Film in weiten Teilen ebenso lebt wie vom Gegensatz zwischen dem Amerikaner und den Italienern - überzeichnet, und Dikigoros persönlich zieht der falschen Freundlichkeit der Briten allemal die ehrliche Hemdsärmeligkeit der Amerikaner vor; aber manchmal kann er es Wilder schon nachfühlen. Zum Beispiel als Wendel das "Grand Hotel Excelsior" in Ischia sieht, meint er nur Nase rümpfend: "Wie ein Hilton sieht es ja nicht gerade aus." Dabei ist das ein zwar etwas altmodisches, aber offenbar gutes Haus für durchaus gehobene Ansprüche - das es übrigens wirklich gibt; wer Lust hat, auch mal in Wendels Suite zu wohnen, kann sie für schlappe 600.- Teuro pro Nacht hier buchen. (Das war der Preis, als Dikigoros diese Webseite schrieb. Nachdem aber die Flaute in der Tourismus-Branche nun selbst die Luxus-Hotels in Italien erreicht hat, hat auch das 'Excelsior' für das Jahr 2005 massive Preissenkungen angekündet; dann soll die Suite in der Hochsaison - Wendel Armbruster buchte sie stets vom 15. Juli bis 15. August - nur noch 350.- Teuro pro Nacht kosten; also: auf, auf! :-) Carlo Carlucci, der Hotel-Direktor - ganz Grand Seigneur alter europäischer Schule - bedankt sich höflich für das Kompliment, das dieser Satz in seinen Augen und Ohren ist, und macht sich unverzagt daran, diesem unmöglichen Gast ein guter Gastgeber zu sein. Bereits auf der Fahrt vom Hafen zum Hotel hatte er versucht, ihm einige Eigenarten Italiens und der Italiener zu erklären, als der statt ins Hotel gleich in die Leichenhalle wollte, um seinen Vater zu sehen. "Da ist noch Mittagspause." - "Mittagspause? Es ist 14:30 Uhr!" - "Bei uns in Italien dauert die Mittagspause von 13 bis 16 Uhr." - "Das kann doch nicht wahr sein." - "Mr. Armbruster, hier in Italien stürzen wir mittags nicht in ein Drugstore für ein Chicken-Sandwich und eine Cola. Wir kochen unsere Pasta, besprenkeln sie mit Parmiggiano [Parmesan-Käse], trinken unseren Vino und gönnen uns ein Stündchen Amore..." - "Und was machen Sie abends?" - "Abends? Da gehen wir nach Hause... zu unseren Frauen."

[Pasta] [Vino] [Amore] [Frau zu Hause]

Dikigoros macht hier einen Absatz, damit sich die Boshaftigkeit dieses Dialogs - vor allem die letzte Pointe - beim Leser besser setzen kann. Nebenbei hat Carlo seinem Gast unter Zuhilfenahme der Titelzeile noch erklärt, wie Mr. Armbruster senior - und eine weitere, zufällig mit ihm im Auto sitzende Person - verunglückt sind: In einer gefährlichen Kurve hat er die Gewalt über den Wagen verloren und ist 100 Fuß (ca. 30 m - in der deutschen Fassung sind es sogar 200 m :-) tief in einen Weinberg gestürzt. (Zur Illustration rutscht ein Obstlaster aus und verschüttet seine Ladung auf der Straße.) Woran es lag? Nein, kein Fahrfehler, sondern halt "La forza del destino", oder - wie Carlucci das übersetzt: "an Act of God [höhere Gewalt]". Doch nun sind alle Beteiligten heil im Hotel angekommen, und Wendel, der inzwischen die Suite seines Vaters inspiziert (und sich wundert, daß das Wall Street Journal nicht nur ungelesen, sondern sogar noch unausgepackt auf dem Schreibtisch liegt; statt dessen hat er offenbar Die Grenzen des Wachstums gelesen :-) mäkelt weiter herum, u.a. an den Moorbädern von Ischia: "Alles Humbug..." - "Aber Mr. Armbruster," erwidert Carlo, "Sie wissen es vielleicht nicht, aber diese Bäder sind weltberühmt, schon seit zwei Jahrtausenden. Kaiser Tiberius kurierte hier seine Gicht, und Sofia Loren..." (Er hätte ergänzen können: "Schon die Gefährten des Odysseus..." und wäre damit sogar auf drei Jahrtausende gekommen - aber das ist eine andere Geschichte.) "Sofia Loren hat Gicht?" fragt Wendel mißtrauisch. "Aber nein," sagt Carlucci (und wenn, dann wäre er sicher nicht so indiskret, das ausgerechnet Wendel auf die Nase zu binden :-), "wir kurieren hier alles mögliche. Michelangelo zum Beispiel hatte Nieren-Probleme, er hat hier drei Steine verloren; sie sind im städtischen Museum ausgestellt." - "Na, wie dem auch sei, sorgen Sie dafür, daß ich hier am Montag einen Hubschrauber bekomme, damit am Dienstag die Beerdigung in der Ersten Presbyterianischen Kirche von Baltimore pünktlich über die Bühne gehen kann." Carlo glaubt, er höre nicht recht: "Die Beerdigung muß verschoben werden." - "Ausgeschlossen," sagt Wendel, "Der Chor der Küstenwache kommt, das Weiße Haus schickt Dr. Kissinger, und 216.000 Mitarbeiter der Armbruster-Werke sehen der Beerdigung am Fernseher zu, in Farbe - außer in Puerto Rico, die haben nur schwarz-weiß. Das kann nicht verschoben werden." - "Aber heute ist Samstag, morgen ist Sonntag, da arbeitet niemand in Italien." - "Irgend jemand wird arbeiten." - "Mr. Armbruster, dies ist ein katholisches Land." - "Dann werden wir noch heute Dispens einholen, notfalls beim Papst persönlich." - "Für einen Presbyterianer?"

In die folgende Diskussion um die Frage, wie man einen für den Leichen-Transport ins Ausland vorgeschriebenen Spezial-Sarg und die dazu gehörende Export-Lizenz besorgen kann, platzt erst der schmierige Hausdiener Bruno (der sich später als aus den USA abgeschobener Mafioso entpuppt) und dann - Pamela Piggot, die ebenfalls Probleme mit Sarg und Export-Lizenz hat und Carlos Hilfe sucht. Der versucht sie abzuwimmeln, aber Wendel kapiert bald, daß Pamelas Mutter die Person war, die zusammen mit seinem Vater im Wagen saß, als er verunglückte, und fühlt sich "irgendwie verantwortlich". "Besorgen Sie lieber gleich zwei Särge," sagt er zu Carlo, "ich komme für die Kosten auf." - "Es ist schwierig genug, einen solchen Sarg zu besorgen..." (Er muß verzinkt sein; das ist nicht nur in Italien so vorgeschrieben, liebe deutsche Leser, die Ihr etwa glauben solltet, daß das eine besondere Schikane der italienischen Bürokratie sei; auch die Särge Eurer im Friedenseinsatz am Hindukusch gefallenen Bw-Soldaten werden in solchen Särgen heim geflogen - und da geht es um mehr als nur zwei Leichen.) "Come on, Sie werden doch wohl in der Lage sein, irgendwo zwei Särge auszugraben," sagt Wendel. - "Was, Sie wollen gebrauchte Särge?" (Bis zuletzt wird nicht klar, ob Wendel das Wort "to dig up" im übertragenen Sinne von "auftreiben" meint oder ob er wirklich über - bereits begrabene - Leichen gehen und sie ihrer Särge berauben würde, um sein Ziel zu erreichen. Das ist ein Fortschritt gegenüber "Some Like it Hot [Manche mögen's heiß]", als Wilder Gamaschen-Ede auf den zuversichtlichen Satz des Inspektors, daß er die beiden Zeugen, die er suche, um ihn zu überführen, noch ausgraben werde, nur cynisch sagen läßt: "Das wird er wohl auch tun müssen!") Carlo versucht, die Beziehung zwischen den beiden Verstorbenen zu einer harmlosen Zufalls-Bekanntschaft herunter zu spielen, da zieht Pamela (die von ihrer Mutter - anders als Wendel von seinem Vater - die Wahrheit längst erfahren hatte) unter dem Kopfkissen das Nachthemd ihrer Mutter und unter dem Bett deren Pantöffelchen hervor. Der prüde Wendel junior erleidet den Schock seines Lebens, als er erfährt, daß sein glücklich verheirateter Vater - die vermeintliche Stütze von Anstand und Moral in Person - und Pamelas Mutter ein Verhältnis hatten, und zwar schon seit zehn Jahren, jeden Sommer vier Wochen im Grand Hotel von Ischia. "Ein Großvater von 68 Jahren, der es im Kreuz hatte. Und immer wenn wir glaubten, er hätte sich gesund gebadet, hat er sich gesund gestoßen?" (Aus diesem Wortspiel wird deutlich, daß Billy Wilder seine Film-Dialoge ursprünglich auf Deutsch geschrieben hat; die amerikanische Übersetzung - "instead of getting cured he was getting laid [statt sich heilen zu lassen ließ er sich flach legen]" ist viel schwächer.) "Aber Mr. Armbruster," versucht Carlo ihn zu beschwichtigen, "ich wäre stolz, wenn mein Großvater noch so rüstig wäre." Aber Wendel ist nicht zu beschwichtigen: "Ich hätte ja nichts gegen einen One-night-stand; und danach Aloha. Aber so was... so ein alter Hurenbock!" - "Ach," dreht Pamela den Spieß um, "wenn jemand zehn verschiedene Mädchen im Jahr vernascht, dann ist das für Sie o.k.; aber wenn er zehn Jahre lang mit ein- und derselben Frau ein Verhältnis hat, dann nennen Sie ihn einen alten Hurenbock? Ihr Vater hat meine Mutter halt geliebt!" - "Liebe, Miss Piggot? Das ist etwas für Buchhalter", sagt Wendel, jedenfalls in der deutschen Fassung - und das ist ja noch nicht sonderlich verfänglich, denn es ist wohl keine Schande, Buchhalter zu sein. Aber in der amerikanischen Fassung sagt er "filing clerks" - das sind die (männlichen oder weiblichen) Hilfstrottel, die den Posteingang sortieren. Sollte Wilder gewußt haben, daß dies der Beruf war, den der Jahrhundert-Charlatán Albern Einstein zu Beginn seiner Karriere beim Schweizer Patentamt bekleidete (als jemals einzige Position, die seinen tatsächlichen Kenntnissen und Fähigkeiten voll entsprach) und deshalb für den deutschen Markt eine andere Berufsbezeichnung gewählt haben, weil er wußte, daß sein Glaubensbruder aus Ulm dort als sakro-sankte Ikone galt? (Es gibt noch eine extrem abweichende Übersetzung, ziemlich am Anfang des Films, als Pamela erzählt, was sie schon über Wendel weiß: In der englischen Fassung ist er Vorsitzender der "Junior Chamber of Commerce" - der Handelskammer für Nachwuchs-Manager -, in der deutschen Vorsitzender des Pfadfinder-Verbands :-) Wie dem auch sei, nun will Wendel erst recht nichts mehr zu tun haben mit jener Tochter einer schändlichen Ehebrecherin; und den Entwurf für die Totenrede auf seinen Vater krempelt er von Grund auf um. Shakespeare-Kenner werden die Eingangszeilen aus der Totenrede des Marc Anton aus "Julius Caesar" ["I come to bury Caesar, not to praise him. The evil that men do lives after them..."] wieder erkennen: "Begraben will ich Wendel Armbruster senior, nicht ihn preisen. Was Menschen Übles tun..."

Wendel hält inne und nimmt einen dritten Anlauf: "Wendel Armbruster senior war ein Mann für jede Jahreszeit..." Das ist biestig, denn damit assoziierte der angelsächsische Zuschauer damals den 1966 aus unerfindlichen Gründen preisgekrönten Film A Man For All Seasons über Heinrich VIII. von England und dessen Vielweiberei nach dem gleichnamigen Theaterstück von Robert Bolt (den deutschsprachigen Lesern besser bekannt als Autor des Theaterstücks The Thwarting of Baron Bolligrew, das die Augsburger Puppenkiste 1963 unter dem Titel Der kleine dicke Ritter ins Kinder-Fernsehen brachte). Dieser Vergleich wäre nun doch etwas überzogen, und das sieht Wendel junior nach kurzem Nachdenken wohl ein; er löscht also auch diesen dritten Entwurf wieder und telefoniert statt dessen mit seiner Frau in Baltimore, sie solle den bekannten Fernseh-Prediger Billy Graham beauftragen, die Trauerrede zu halten; er selber sei emotional zu sehr mitgenommen.

Darf Dikigoros an dieser Stelle einen kleinen Leckerbissen für psychologisch interessierte Leser einfügen? [Die anderen mögen diesen Absatz überspringen, er trägt nichts zum Gang der Handlung bei.] Es ist ja nicht so, daß Wilder hier einfach eine plumpe Kehrtwendung um 180 Grad vollzieht. Vielmehr müssen wir jetzt noch einmal auf den ersten Entwurf der Grabrede zurück kommen. Als Pamela ihn unterbrach, hatte Wendel gerade den Satz zu diktieren begonnen: "Wenn ich mir die Worte des Dichters ausleihen darf: Lives of great men all remind us..." Literarisch gebildete Amerikaner, die auf dem College gut aufgepaßt haben, als die Gedichte von Henry W. Longfellow durchgenommen wurden [ja, liebe deutsche Leser, die Ihr glaubt, Ihr hättet die Kultur gepachtet, und alle Amerikaner seien primitiv und ungebildet, wahrscheinlich gibt es mehr Amerikaner, die ihre Dichter des 19. Jahrhunderts gelesen haben als Deutsche, die das von den ihren sagen können - und das wußte auch Wilder!], werden vor ihrem geistigen Auge sogleich die siebte Strofe von "A Psalm of Life" auftauchen sehen:

Lives of great men all remind us
We can make our lives sublime
And, departing, leave behind us
Footsteps on the sands of time

(Das Leben großer Menschen mahnt uns
daß wir unser Leben sublimieren können
und daß wir, wenn wir dahin scheiden
Spuren im Sand der Zeit zurück lassen)

Ja, das sind große Worte, wie gemacht für Grabreden auf große Menschen, und sie passen so recht zu Wendels Anfangsstimmung. Doch die ist ja nun wohl dahin. Aber halt, da gibt es doch noch ein nicht ganz so bekanntes, aber mindestens ebenso schönes Gedicht - und nun wird uns plötzlich klar, warum Wilder Wendel beim ersten Entwurf nicht über die erste Zeile hat hinaus kommen lassen. Man kann sie nämlich auch so fortsetzen:

Lives of great men all remind us
As their pages o'er we turn
That we're apt to leave behind us
Letters that we ought to burn

(Das Leben großer Menschen mahnt uns
wenn wir im Buche ihres Lebens blättern
daß wahrscheinlich auch wir
einige Zeilen zurück lassen werden
die wir besser verbrannt hätten)

Und das ist genau die Stimmung, in der sich Wendel jetzt befinden muß. Aber damit nicht genug, denn auch im zweiten Entwurf zitiert er ja wieder nur die Anfangszeilen einer scheinbar bösen Grabrede. Aber insgeheim deutet sich hier schon an, wie das Stück enden wird, denn am Ende der besagten Grabrede hat Marc Anton das Publikum ja nicht etwa gegen, sondern für den alten Übeltäter Caesar eingenommen! Mal im Ernst, liebe Leser, glaubt Ihr immer noch, daß dieser Film zu Wilders schwächeren zählt, wie einige Banausen meinen? Mangelt es ihm wirklich an Tiefgang? Oder ist das durchschnittliche Kritiker-Hirn bloß zu flach, um seine Tiefen auszuloten? Dikigoros bleibt dabei, daß "Avanti!" - zusammen mit "One, Two, Three" - Wilders Meisterwerk ist, gegen das einige seiner so genannten Kultfilme, wie z.B. das oben erwähnte "Some Like it Hot", so weit abfallen wie das Auto der teuren Verblichenen in den Weinberg. (Aber selbst "One, Two, Three" hat ja fast vier Jahrzehnte gebraucht, bis das Publikum es zu schätzen gelernt hat; also hat "Avanti" wohl auch noch Chancen.)

Wendel berechnet unterdessen seine Chancen, die Beerdigung doch noch pünktlich hin zu bekommen. Das Hauptproblem scheint die fehlende Exportlizenz zu sein. "Beruhigen Sie sich," sagt Carlo, "ich habe einen Vetter, der ist zwar ein hundsmiserabler Anwalt, aber er hat dieselbe Maîtresse wie der zuständige Richter, die werden das schon deichseln." Wendel ist wieder schockiert: "Ist das die Gerechtigkeit der italienischen Justiz?" Carlo gibt darauf seinerseits eine Frage zurück, deren Beantwortung Billy Wilder dem Publikum überläßt. In der amerikanischen Fassung lautet sie: "Und was war mit dem Fall Sacco und Vanzetti?", in der deutschen Fassung: "Und wie war das mit der Watergate-Affäre?" Mit der ersten Sache hätten die deutschen Zuschauer - auch die älteren unter ihnen - wohl nicht viel anfangen können, dabei war es der amerikanische Justiz-Skandal der 1920er Jahre, der das Verhältnis zwischen den USA und Italien mehr belastete als alle Mafiosi zusammen: Die anarchistischen Gewerkschaftsführer Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti waren so richtige Stinkstiefel, wie man sie in einer ordentlichen Wirtschaft wie der amerikanischen nicht gebrauchen konnte - aber das war nicht strafbar, schon gar nicht stand darauf die Todesstrafe. Also hängte man ihnen 1920 einen Raubmord an. Sieben Jahre zog sich das Verfahren hin, dann wurden sie trotz weltweiter Proteste - es war offensichtlich, daß sie unschuldig und die Beweismittel von der Justiz gefälscht waren - hingerichtet. Vergessen und vergeben? Keineswegs, liebe Leser, jedenfalls nicht in Italien! Dort hatte gerade ein Jahr vor "Avanti" Giuliano Montaldo einen Film mit dem Titel "Sacco e Vanzetti" gedreht (der zwar in den USA nicht aufgeführt werden durfte, aber einem Billy Wilder natürlich trotzdem bekannt war :-).

[Filmplakat]

In Deutschland sind die Namen Sacco und Vanzetti dagegen so gut wie unbekannt geblieben. (Obwohl Erich Mühsam schon 1928 ein Theaterstück über sie geschrieben hatte, dem er den treffenden Titel "Staatsraison" gab); die Deutschen jener Generation regten sich vielmehr über einen anderen "Justizmord" auf, der fünf Jahre später begann, als das Baby des berühmten Atlantik-Fliegers Charles Lindbergh gekidnapt wurde. Obwohl er das Lösegeld bezahlte, wurde das Kind umgebracht - die Nation war empört. Die gerade erst abgeschaffte Todesstrafe wurde wieder eingeführt, und vier Jahre später wurde der deutsche Schreiner Hauptmann hingerichtet - sein Vorname: Bruno. (Aber daraus will Dikigoros keine zwingende Parallele ableiten, auch wenn es am Ende des Films noch einen toten Bruno mehr in den USA geben wird - vielleicht ist das tatsächlich Zufall.) Eduard von Borsody hatte bereits 1939 einen Film mit dem Titel "Sensationsprozeß Casilla" gedreht (nach einem Drehbuch von Ernst von Salomon, der kaum verhüllt den Fall Hauptmann zum Thema hat, allerdings mit einem Happy-end in Form eines Freispruchs endet. [Der Film wurde 1945 von den amerikanischen Besatzern verboten und gilt in der BRDDR bis heute als "Nazi-Film".] Ein US-Ire mit Namen Kennedy hat es ein halbes Jahrhundert später auf sich genommen, den Fall noch einmal minutiös zu recherchieren, um nachzuweisen, daß Bruno Hauptmann wohl nicht der Mörder war, daß vielmehr auch in diesem Fall Beweismaterial von der US-Justiz gefälscht wurde, um ihn ans Messer zu liefern - genauer gesagt auf den elektrischen Stuhl. Aber, liebe Leser, unter uns: Die Indizien sprachen derart eindeutig gegen Hauptmann (einen illegalen Immigranten, der in Deutschland, mehrfach vorbestraft, aus dem Knast geflohen war), daß auch Dikigoros - der sich als Anwalt sonst dem Satz "in dubio pro reo [im Zweifel für den Angeklagten]" verpflichtet fühlt (der immerhin dazu geführt hat, daß der Doppelmörder O. J. Simpson im Strafprozeß frei gesprochen wurde), ihn ohne jeden Zweifel schuldig gesprochen hätte - egal ob als Berufs- oder als Laienrichter. Ein Teil des Lösegeldes wurde in seiner Garagenwerkstatt gefunden; und dort lag es nicht etwa ohne sein Wissen und Wollen nur so herum, sondern er war gerade dadurch in Verdacht geraten, daß er versucht hatte, Goldzertifikate aus der Beute einzulösen. Seine Einlassung, die habe er zufällig gefunden, ein Bekannter von ihm müsse sie wohl dort deponiert haben, der inzwischen nach Germany abgereist und dort verstorben sei, klang schlicht unglaubhaft. Zumindest war Hauptmann also Mitwisser, wahrscheinlich Beihelfer und vielleicht sogar Mittäter; aber die Indizien allein hätten möglicherweise nicht ausgereicht, um die Anklage ("first degree murder", also vorsätzlicher Mord) durch zu bekommen - damals mußte die Jury ihren Spruch noch einstimmig fällen. Nach US-Recht war und ist es aber so, daß in einem solchen Fall das Gericht den Angeklagten nicht etwa wegen einer anderen, weniger schweren Tat, z.B. Beihilfe, verurteilen kann, sondern ihn frei sprechen muß - ohne Möglichkeit einer neuen Anklage. Wollt Ihr es dem Staatsanwalt verdenken, daß er in dieser Situation noch ein paar Zeugen bestach, um Hauptmann zu überführen, von dessen Schuld er überzeugt war, um zu verhindern, daß ein mutmaßlicher Mörder weiter frei herum lief? Dikigoros vermag diesen "Justizmord" - ja, rein juristisch gesehen war es einer! - jedenfalls moralisch nicht zu verurteilen.

Als "Avanti" in die deutschen Kinos kam, hatte sich gerade der Watergate-Skandal ereignet. Die älteren Leser werden sich noch dunkel erinnern: Da hatte doch der böse US-Präsident Richard Nixon seine politischen Gegner mittels einer Wanze abhören lassen - pfui! Das tut zwar heutzutage jeder (nicht nur in den USA), aber irgendwie schafften es diese seine politischen Gegner, die Sache hoch und ihn weich zu kochen, mit der Drohung eines Impeachments [Amtsenthebungs-Verfahrens]. Nixon trat sang- und klanglos zurück, und sein Nachfolger Ford gewährte ihm Straffreiheit, so daß es gar nicht erst zum Verfahren kam. Tja, Politik und Justiz gehen bisweilen eigenartig krumme Wege, wenn es um die "Staatsraison" geht: Wenn man einen Anarchisten anders nicht belangen kann, hängt man ihm eben einen Mord an. Wenn man einem mutmaßlichen Mörder seine Tat nicht nachweisen kann, besticht man eben ein paar Zeugen. Wenn man einem Mafioso seine tatsächlichen Verbrechen nicht nachweisen kann, sperrt man ihn eben wegen angeblicher Steuerhinterziehung auf Alcatraz ein. (So im dritten großen Justizskandal der USA in der Zeit zwischen den Weltkriegen: dem Fall Al Capone.) Und wenn man einen Politiker wegen seiner wirklichen Verbrechen nicht belangen kann, bringt man ihn eben um (wie John F. Kennedy - aber das ist eine andere Geschichte) oder sägt ihn wegen einer Lappalie ab. Nixon hatte weiß Gott genug Dreck am Stecken: erst acht Jahre lang als Vizepräsident und Helfershelfer von Eisenhower, dem größten Verbrecher und Völkermörder aller Zeiten (aber auch das ist eine andere Geschichte), dann als US-Präsident in eigener Person: die getürkten Mondlandungen ab 1969 und die Morde an den insgesamt 15 Astronauten, die nicht mit spielen wollten; der Verrat Taiwans an Rotchina 1972; der Verrat Israels, dem er 1973 in der entscheidenden Fase des Yom-Kippur-Krieges in den Rücken fiel (die Wurzel der bis heute anhaltenden Nahostkrise - die Israelis hätten damals tabula rasa gemacht mit ihren Feinden, wenn man sie gelassen hätte), der verbockte Vietnamkrieg 1973 (auch dies ein Verrat - an den Südvietnamesen, die man schließlich in den Krieg getrieben hatte), die Zerrüttung des Weltwährungs-Systems (aber darauf kommen wir gleich). Jedes einzelne dieser Verbrechen verdiente nicht nur ein Impeachment, sondern die Todesstrafe - aber nein, die läppische Watergate-Affäre mußte es sein. Na ja, Hauptsache, er war weg, bevor er noch mehr Unheil anrichten konnte. Übrigens, liebe deutsche Leser, Ihr habt ja ein Vierteljahrhundert nach Watergate einen ähnlichen Fall gehabt: Wer hat die deutsche Wiedervereinigung verbockt? Wer hat die deutsche Währung und Wirtschaft ruiniert? Wer hat Deutschland zum gelobten Land für Millionen krimineller Immigranten und damit zum Hauptstützpunkt für den internationalen Terrorismus gemacht? Wer hat sich Milliarden Schmiergelder in die eigene Tasche gesteckt und ist am Ende über eine fehlende Quittung für eine Parteispende von einigen Tausend Mark gestürzt? (Ja, leider nur gestürzt, und nicht erhöht worden; von Rechts wegen hätte er am höchsten Birnbaum der Republik aufgeknüpft werden müssen - aber er war wohl zu fett, das hätte kein Ast ausgehalten.) Kommentar überflüssig, oder?

Nachtrag. Aber ein anderer Kommentar ist nicht überflüssig. Dikigoros hatte oben etwas flapsig geschrieben, daß der Mörder O.J. Simpson 1995 im Strafprozeß wegen der Beweislastregel "in dubio pro reo" frei gesprochen wurde. Was tut die Justiz, um solche Fehler zu korrigieren? Es ist dies bekanntlich eines von Dikigoros' Lieblingsthemen. Nicht wahr, wenn die Todesstrafe - und die Strafbarkeit des Ehebruchs - von Staats bzw. von "Rechts" wegen abgeschafft ist, dann muß man der Gerechtigkeit eben "privat" oder "illegal" zum Sieg verhelfen. Das kann durch Privatrache geschehen oder durch einen so genannten "Ehren-Mord" (welch ein Wort! "Neu-Deutsch" halt...!) oder durch den britischen Geheimdienst (aber das ist eine andere Geschichte). Und wie ist das mit den ehernen Rechtsgrundsätzen? Das Verbot der "reformatio in peior" wird ganz leicht und legal dadurch umschifft, daß der Staatsanwalt nach der Urteilsverkündung den Angeklagten bzw. seinen Verteidiger fragt: "Wollen Sie gleich auf Rechtsmittel verzichten? Wenn nicht, lege ich Anschlußberufung ein." Und "ne bis in idem"? Nein, jemand darf nicht zweimal wegen der selben Sache vor Gericht gestellt und verurteilt werden. Wie aber bringt man dann einen frei gesprochenen Mörder doch noch lebenslang ins Gefängnis? Der Fall O. J. Simpson bietet uns dafür ein hervorragendes Demonstrationsobjekt. Viele Jahre nach seinem Freispruch stahlen ihm zwei schmierige HehlerAndenkenhändler einige seiner Football-Trofäen. Die Diebe setzten sich damit in ein Hotel in Las Vegas ab. Statt zur Polizei zu gehen, nahm Simpson die Sache selber in die Hand, suchte die beiden in ihrem Hotelzimmer auf, hielt ihnen eine Knarre vor die Nase und forderte sie auf, das Zeug wieder raus zu rücken - übrigens erfolglos. Er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und von einer Geschworenen-Jury schuldig gesprochen - na klar, "wiederholen ist gestohlen" sagt selbst der Volksmund. Na und? Ein unbescholtener Zeitgenosse hätte dafür maximal 2 Jahre auf Bewährung bekommen - schließlich wollte er eigentlich nur sein gutes Recht. Aber nun ist es in den USA so, daß zwar über den Schuldspruch von einer Jury entschieden wird (wenn der Angeklagte denn auf einem Geschworenen-Prozeß besteht, was indes immer seltener der Fall ist), nicht aber über das Strafmaß; das wird vielmehr immer von Berufsrichtern separat festgelegt; und während man Mitglieder der Jury wegen möglicher Befangenheit ablehnen kann (das Vorverfahren um deren Bestellung dauert bisweilen länger als das Hauptverfahren :-), ist das bei diesen Strafverhängern nicht möglich. Also wurde mit dem Fall eine Richterin befaßt, die jeder als enge Freundin des von Simpson einst ermordeten Ronald Goldman kannte (dessen Familienangehörige übrigens der Strafverkündung als einzige "Gäste" beiwohnen durften, obwohl sie mit der Hehlersache gleich gar nichts zu tun hatten - was alles sagt). Und die entschied anno 2008 wegen "versuchten bewaffneten Raubüberfalls" auf die Höchststrafe: 33 Jahre Gefängnis - was für den mittlerweile 61-jährigen Simpson gleichbedeutend mit "lebenslänglich" sein dürfte. Späte RacheGerechtigkeit... Nein, Dikigoros hat kein Mitleid mit dem Mörder; aber... "Ist das die amerikanische Gerechtigkeit?" hätte Wilder gefragt. Was hätte Ihr ihm geantwortet? Nachtrag Ende.

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Zurück zum Film. Um 16 Uhr treffen sich alle Beteiligten notgedrungen wieder in der Leichenhalle, genauer gesagt erstmal vor derselben, denn der Leichenbeschauer hat sich verspätet. "Ißt der etwa immer noch zu Mittag?" unkt Wendel. "Wahrscheinlich," meint Carlo, "so ein Leichenbeschauer speist sehr gut - er kennt alle Witwen." Pamela hat Blumen mitgebracht und erklärt Wendel in Fortsetzung des Italienisch-Unterrichts, daß die "Tromboncini" heißen. "Und wie nennen wir die?" - "Daffodils [Narzissen]." Es folgt eine Lehrstunde in italienischer Bürokratie und amerikanischer Rudeness (gibt es ein deutsches Wort "Rüdheit"? Dikigoros kennt es nicht). Der Leichenbeschauer erscheint, entschuldigt seine Verspätung mit "starkem Verkehr" (was sicher gelogen ist, wenn man nicht auf die Doppeldeutigkeit des Wortes "Verkehr" abzielen will - es könnte ja sein, daß er bei den Witwen nicht nur gespeist hat -, denn er fährt einen Motorroller, mit dem er leicht überall durch kommt) und beginnt eine Ansprache in schönstem Italienisch zu halten, die so etwas von lächerlich und idiotisch ist, daß man sie unübersetzt gelassen hat: Gottes unermeßliche Weisheit, mit der er das Schicksal lenkt, führt uns wieder einmal vor Augen, daß wir zerbrechlich sind wie Wassertropfen, winzig wie Fliegen-Scheiße... usw. [Nachtrag: Es hat lange gedauert, bis Dikigoros den wahren Grund gefunden hat, weshalb diese Rede nicht übersetzt wurde: Es handelt sich um eine meisterhafte Persiflage auf die Rede, die Garibaldi in dem Film Viva l'Italia von 1961 - der ja auch überwiegend im Königreich beider Sizilien spielt und den Wilder wohl zuvor in Sachen Lokalkolorit studiert hat - vor seiner Einschiffung nach Sizilien hält - nicht so sehr inhaltlich als vielmehr in Pathos und Stimmlage; beides wäre bei einer Übersetzung verloren gegangen.] Irgendwann wird es Wendel zuviel, er unterbricht den Sermon ziemlich rüde und muß nun mit erleben, wie der Leichenbeschauer zwei Sätze Formulare (mit Durchschlägen, in drei verschiedenen Farben) über die ganze Breite des Tisches verteilt, davor sein Arsenal an Stiften, Stempeln und Stempelkissen aufbaut und schließlich zur Tat schreitet. "Warum ersparen wir uns eigentlich den ganzen Papierkrieg nicht?" fragt Pamela, "begraben wir die beiden doch einfach hier auf dem örtlichen Friedhof." - "Jawohl," ergänzt Carlo, "die Familie Carlucci hat dort oben eine große Grabstätte..." - "Sie sind wohl nicht ganz bei Trost," giftet Wendel, "dann könnten wir sie ja gleich in der Blauen Grotte beerdigen, oder in Venedig, wie Romeo und Julia..." - "Verona," knurrt Carlo leise mit hoch gezogenen Augenbrauen ob dieser Ungebildetheit des Yankee. [Ein Leser hat Dikigoros gemailt, daß auch Wilder in diesem Punkt nicht ganz auf der Höhe sei; denn die wahre Geschichte habe ja in Siena gespielt. Aber erstens geht es hier um die Fassung von Shakespeare; zweitens spielt auch schon die erste italienische Fassung, in der die beiden Romeo und Giulieta hießen, in Verona; drittens glaubt Dikigoros nicht, daß die Fassung des Thomas von Salerno, die in Siena spielte - in der die Liebenden aber noch Mariotto und Giannozza hießen - auf einer "wahren Geschichte" beruhte, sondern daß er sie aus antiken Quellen abschrieb; und viertens braucht das weder Carlucci noch Wilder so genau zu wissen.] "Dann will ich wenigstens einen Kranz zur Beerdigung nach Baltimore schicken," sagt Pamela. "Nein," sagt Wendel, "die beiden waren nicht die unbekannten Soldaten, sondern die unbekannten Liebenden, und das sollen sie auch bleiben. Warum spenden Sie nicht lieber etwas an eine wohltätige Einrichtung Ihrer Wahl?" - "Aber..." - "Ende der Debatte," sagt Wendel zu Pamela - und zu Carlo, im Hinausgehen: "Fragen Sie den Fettarsch, ob er mitfahren will." - "Sagen Sie ihm danke, nein," sagt Pamela, mit Mühe die Contenance wahrend, und bleibt demonstrativ zurück.

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