FAHRTEN VOLLER LIST UND TÜCKE
Weit war sein Weg zurück nach Ithákä

Hómäros - OĐÝSSEIA

[Odysseus und die 
3 Sirenen - irreführende Darstellung schon in der Antike]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN, DIE GESCHICHTE[N] MACHTEN

von sagenhaften Reisen und märchenhaften Reiseberichten

Da hat Dikigoros in der zweiten Zeile der Überschrift offenbar zwei Titel durcheinander gebracht: zum einen den des bekannten Liedes "Weit ist der Weg zurück ins Heimatland", zum anderen den eines Buches, das ein fantasiebegabter Oberlandesgerichtsrat verfaß hat, der nach streng juristisch ausgelegten Indizien "beweisen" wollte, daß Odysseus auf seiner Fahrt die britischen Inseln umrundete: "Weit war sein Weg nach Ithaka". Nun, auf beides sollte man nicht allzu viel geben; das letztere glaubt eh niemand - und ersteres? Ja, was gibt es denn da zu zweifeln? Daß der Weg vielleicht nicht ganz so weit und die Dauer der Reise nicht ganz so lang war, wie man im allgemeinen glaubt? Geschenkt, um die paar Jährchen wollen wir doch nicht mit dem Dichter (wer immer das war :-) streiten. Nein, Dikigoros will auf etwas anderes hinaus: Er glaubt dem Erzähler nämlich nicht, daß Ithákä seine Heimat war; er glaubt ihm auch nicht, daß er Odysseus (oder, wie er richtig hieß, Olys[s]éos - daher in manchen Sprachen auch "Ulysses" -; das δ [Delta] für λ [Lambda] war eine gewollte Verschreibung irgendwelcher Etymologen, die den Namen partout von dem Verb "odyssomai" [grollen] ableiten wollten, obwohl doch Achill "der Grollende" war; unser Held war bekanntlich "der Duldende" oder "der Erfindungsreiche") war; er hält ihn vielmehr für einen Aufschneider und Hochstapler - eine Auffassung, die ihm auf der Schule eine Menge Ärger mit seinem Latein- und Geschichtslehrer einbrachte; aber er befindet sich damit in guter Gesellschaft (was er damals freilich nicht wußte; er konnte noch kein Mittelhochkölsch lesen): Schon Sebastian Brant, der den Fahrten des Odysseus (er nennt ihn richtig "Ulysses", was für ein kompetentes Quellenstudium spricht) ein ganzes Kapitel - das 108. - seines "Narrenschiffes" widmet, setzt offenbar als allgemein bekannt voraus, daß der echte Odysseus bei seiner Heimkehr unerkannt blieb und von seinem Sohn Telémachos getötet wurde (soviel zur berühmten griechischen Gastfreundschaft gegenüber unbekannten Fremden! :-) - womit der Weg frei wurde für einen Hochstapler.

Schauen wir uns doch einmal an, was objektiv geschieht: Ein alter Mann landet auf der Insel Ithákä, die schon seit 20 Jahren auf die Heimkehr ihres Herrschers Odysseus wartet, wie ihm die Schweinehirten erzählen, bei denen er zunächst einmal Unterschlupf findet. Er erfährt auch, daß schon viele andere Männer um Pänelópä, die mutmaßliche Witwe, freien. [Wozu? Wenn Odysseus "König" war, dann wäre die Herrschaft doch entweder an seinen Vater Laértäs - der immer noch lebte - zurück gefallen oder an seinen Sohn Telémachos übergegangen, sobald der volljährig war - und das war er mit 20 Jahren längst. Feministische Historikerinnen haben - wohl mit Recht - darauf hingewiesen, daß Pänelópä die Herrscherin war und Odysseus nur ihr Prinzgemahl; und dann war sie natürlich eine attraktive Partie. Das ist wichtig für die Datierung der Rahmenhandlung, die offenbar älter ist als ihr "homerischer" Inhalt; denn im 8. Jahrhundert v.C. pflegten im griechischen Siedlungsgebiet nicht mehr die Frauen, sondern die Männer zu herrschen.] Die ist aber offenbar abgeneigt, einen der Freier zu erhören, da sie immer noch auf die Rückkehr des Odysseus hofft; denn von den jungen Schlappschwänzen kann keiner auch nur annähernd so gut mit Pfeil und Bogen umgehen wie er. Also macht sie zur Bedingung, daß ihr Zweitmann in spe den Bogenschuß-Wettbewerb gewinnt. (Da mögen Psychoanalytiker hinein lesen, was sie wollen - Dikigoros glaubt nicht, daß es doppeldeutig gemeint ist :-) Entgegen dem Sprichwort "Kleider machen Leute" stapelt der Alte tief und erreicht dadurch, daß man ihn, den abgerissenen Bettler, allseits unterschätzt, und ihn Spaßes halber mitmachen läßt. Ein schwerer Fehler, liebe Leser, wie Ihr alle wißt, wenn Ihr Dikigoros' Webseite über die Geschichte der Olympischen Spiele gelesen habt: Gut zu schießen ist keine Alters-, sondern eine Erfahrungsfrage - in keiner anderen Disziplin hat es so alte Olympiasieger (über 60-jährige!) gegeben. So kommt es, wie es kommen muß: Die jungen Burschen, die vor allem gelernt haben, Weinpokale zu schwenken, statt sich auf dem Sportplatz zu üben (erinnert Euch das an die Jugend von heute? Soll es auch!), werden von dem alten, erfahrenen Mann geschlagen, d.h. erst gewinnt er den Schieß-Wettbewerb, dann legt er die Freier einen nach dem anderen um.

[Odysseus erschießt die Freier]

Pänelópä ist offenbar beeindruckt und erkennt den Alten - nach einigem Zögern - als "heim gekehrten Odysseus" an. (Was bleibt ihr auch anderes übrig? Die anderen Interessenten sind ja nun alle tot!) Die anderen tun es ihr gleich: Telémachos hatte es von Anfang an glauben wollen (was ihm nicht weiter schwer gefallen sein dürfte, denn er hatte seinen Vater ja noch nie gesehen, jedenfalls nicht bewußt :-), der alten Dienerin fällt plötzlich ein, daß seine Füße wie die des Odysseus aussehen, und der treue Hund ist zwar gerade gestorben, hat aber vorher angeblich noch gebellt und damit zum Ausdruck gebracht, daß er seinen alten Herrn wieder erkannt hat. (Aber ausgerechnet Laértäs, der Vater des Odysseus, erkennt den Alten anfangs nicht als seinen Sohn, weder am Aussehen noch an der Stimme; und das sollte uns zu denken geben. Weshalb er ihm am Ende doch glaubt? Weil er eine Narbe von einer Eberjagd hatte und noch wußte, welche Obstbäume er ihm einst geschenkt hatte. Aber wer sagt uns denn, daß der Alte dem Laértäs nicht anfangs doch die Wahrheit erzählt hat? Daß der echte Odysseus einst bei ihm zu Gast war und ihm bei der Gelegenheit - auskunftsfreudig wie er stets war - seine Lebensgeschichte erzählt hatte? Daß er eine ähnliche Narbe trug und so auf die Idee kam, nach Ithákä zu reisen und, nachdem er sich vergewissert hatte, daß der echte Odysseus nicht zurück gekehrt war, sich als dieser auszugeben?)

Wie dem auch sei, nun folgt Bettlers Märchenstunde: Er erzählt bereitwillig, was die Leute hören wollen, nämlich wo er, pardon wo Odysseus inzwischen überall gewesen ist. Es wird ein Panoptikum der den Griechen bekannten Welt, allerdings nicht der des 12. Jahrhunderts v.C., in der die Geschichte spielen soll, sondern der des 8. Jahrhunderts v.C., in dem sie nieder geschrieben wurde. Wir sind gewohnt, die Reihenfolge und den Zusammenhang der beiden dem Hómäros zugeschriebenen großen Epen so zu sehen: Erst kam der Troianische Krieg, von dem die Ilias Auszüge schildert, nach dessen Beendigung die diversen "Heimfahrten" von Agamemnons Mannen zurück nach Griechenland, die meist tödlich endeten - nur ausgerechnet die des Odysseus nicht. Und das kann Dikigoros in Kenntnis auch der anderen Überlieferungen der Sage vom Troianischen Krieg sowie dessen Vor- und Nachgeschichte einfach nicht glauben: Bekanntlich wollte sich Odysseus vor einer Teilnahme am Krieg drücken und stellte sich geisteskrank, wurde jedoch von einem gewissen Palamédäs entlarvt. Aus Rache schob Odysseus dem Palamédäs einen gefälschten Brief der Troier und ein paar Goldstücke unter, die ihn als Verräter überführen sollten. Die Griechen fielen darauf herein und steinigten Palamédäs. Dessen Vater Návplios beschloß, jene böse Tat seinerseits zu rächen - und was tat er? Er stellte irreführende Feuerzeichen auf, ob derer die heimkehrenden Griechen ihre Schiffe gegen die Felsklippen steuerten und größtenteils umkamen. Größtenteils - denn ausgerechnet den Odysseus ließ Návplios ungeschoren. Wer's glaubt...

A propos: Viele Keksperten, "Wissen"-Schaftler und andere Gschaftlhuber glauben, daß es die Sage um die Eroberung von Troia durch "die" Griechen schon viel früher gegeben habe, daß Hómäros in der Ilias nur ältere Überlieferungsstränge zusammen gefaßt und anschließend die "Odysseia" geschrieben habe, gewissermaßen als eine Art Fortsetzungsgeschichte. Aber daran vermag Dikigoros nicht zu glauben - er glaubt vielmehr, daß es genau umgekehrt war, nämlich daß die Ereignisse entgegen der Chronologie beschrieben wurden und daß sich so auch erklären läßt, weshalb die Ilias ein Fragment geblieben ist, dem nicht das Ende fehlt - wie das sonst bei Fragmenten meist der Fall ist -, sondern der Anfang. Erinnern wir uns noch einmal, was der Sinn einer Sage ist: Sie soll als Lebenslüge einer Nation deren Landnahme wo auch immer "moralisch" rechtfertigen, indem sie eine Reise schildert, die Angehörige jener Nation schon früh dorthin unternommen haben, wo es zur Zeit des Sagenschreibers sitzt. Dazu eignete sich der Kampf um Troia denkbar schlecht: Wie Ausgrabungen inzwischen gezeigt haben, irrte Eberhard Zangger mit seiner faszinierenden Theorie, daß Troia damals - ca. 1200 v.C. - ein "Welt"-Reich war, und daß der Troianische Krieg, wie er in der Ilias geschildert wird, ein "Welt"-Krieg war, in dem es um die "Welt"-Herrschaft ging. [Zangger irrte auch mit seiner anderen Theorie, daß Troia "Atlantis" sei. Dessen Geschichte finden wir nicht in der Ilias wieder, sondern im Mahābhārat; aber da auch das letztere keine Sage im Sinne von Dikigoros' Definition ist, schreibt er darüber an anderer Stelle - allerdings nur ganz kurz; denn die Frage, wo jenes famose "Atlantis" tatsächlich lag, ist so leicht und eindeutig zu beantworten, daß es dafür keiner längeren Ausführungen bedarf.] Zangger ließ sich zu dieser Vermutung durch die Behauptung des Sagenschreibers verführen, daß damals alle griechischen Stämme zum ersten Mal geeint und gemeinsam los zogen, um Troia zu erobern. Doch das war eine Lüge des 8. vorchristlichen Jahrhunderts, in dem Hómäros lebte, und das genau diese Lüge hören wollte - denn inzwischen begannen die Griechen gerade, eben dieses Gemeinschafts-, ja Nationalgefühl zu entwickeln. Bis dahin hatte es nur Ioner, Achaier und Dorier gegeben, Stämme, die in getrennten Wanderwellen nacheinander in Griechenland eingefallen waren und die alt-eingesessenen Pelasger versklavt hatten. (Wobei die Dorier nach Auffassung der meisten Historiker damals noch gar nicht im heutigen Griechenland angekommen waren; Dikigoros fragt sich allerdings, wo dann der Witz der Gemeinsamkeit lag, und wieso es ausgerechnet um Helénä, die Königin von Spartä - der Hauptstadt der Dorier - ging.) Wenn von denen mal jemand gen Osten fuhr, um dort irgend etwas zu erobern, dann waren es allenfalls die Ioner - und selbst die hatten um 1200 v.C. noch keine kolonisatorische Kraft: Troia wurde nur zerstört, aber nicht von "den" Griechen übernommen, geschweige denn das Hinterland zu einer Kolonie gemacht.

[Exkurs. Da Dikigoros Eberhard Zangger angesprochen hat, will er seinen Lesern auch die neuesten Außenseiter-Theorien zu den Werken des Hómäros nicht vorenthalten: Raoul Schrott - ein Dozent für Vergleichende Literaturwissenschaften - schockte die Fachwelt 2007 mit der Behauptung, "Homers Geheimnis gelüftet" zu haben, nämlich daß die Ilias gar nicht am Hellespont spiele, sondern vielmehr am Golf von Iskenderun, und daß es sich bei der umkämpften Feste gar nicht um die von Heinrich Schliemann bei Çanakkale entdeckte Burg handele, sondern vielmehr um die Burg von Karatepe in Kilikien, auf die Homers Beschreibung viel besser passe. Schrott wird damit ebenso wenig durchdringen wie einst Heinz Ritter-Schaumburg mit seiner erstmals in "Die Nibelungen zogen nordwärts" ausgebreiteten These, daß das Nibelungenlied gar nicht im ungarischen Etzelburg, sondern vielmehr im westfälischen Soest gespielt habe, denn das einzugestehen hieße, die "wissenschaftliche" Forschung ganzer Generationen von Archäologen, Filologen und Historiker zur Makulatur werden zu lassen. Gegen die Richtigkeit seiner These spricht das zwar nicht; und wie bei Ritter-Schaumburg glaubt Dikigoros, daß an Schrotts Grundannahme durchaus etwas dran sein könnte: Hómäros hat möglicherweise (zumindest eine Zeit lang) im östlichen Mittelmeerraum gelebt und für seine Ilias eine alte assyrische Quelle ausgeschlachtet, die auf das damals schon von Griechen besiedelte Cypern gelangt war, so wie der Verfasser des Nibelungenliedes die Urfassung der Thidrekssaga ausgeschlachtet hat; dafür sprechen hier wie dort Namen, geografische Gegebenheiten u.v.m. Daraus darf man aber in beiden Fällen keine zu weit gehenden Schlüsse ziehen: So wie die Burgunder und Hunnen, über die Konrad von Würzburg schrieb, niemals um Soest gekämpft haben, ebenso wenig haben die alten Hellenen, über die Hómäros schrieb, jemals um Karatepe gekämpft. Hómäros stellte sich (oder jedenfalls seinen Lesern :-) das Geschehen nun mal am Hellespont vor, wobei Dikigoros nicht ausschließen will, daß Hómäros - nachdem er den Bericht einer am Hellespont beginnenden Irrfahrt durchs Mittelmeer zur Odyssee verarbeitet hatte - just aus diesem Grunde auch die Handlung der Ilias dorthin verlegte, um da einen schlüssigen Zusammenhang herzustellen. 2008 veröffentlichten zwei Astro-Fysiker eine Berechnung, aus der sie eine genaue Datierung der Rahmenhandlung - die Tötung der Freier durch den sich als Odysseus ausgebenden Bettler - ableiten: den 16. April 1178 v.C. Das ist nicht nur glänzend, sondern geradezu genial, deckt sich auch mit den bisherigen Vermutungen über den Handlungszeitpunkt und beweist in Bezug auf unser Thema - gar nichts. Gewiß, diese Daten werden aus ältesten Überlieferungen stammen, denn sie sind schlüssig, und die Griechen des 8. Jahrhunderts v.C. waren schwerlich in der Lage, die Sternen-Konstellationen des 12. Jahrhunderts v.C. so genau zu berechnen, wie sie es hätten können müssen, um eine frei erfundene Geschichte damit astronomisch fehlerfrei auszustatten. Aber das, womit Hómäros diese Rahmenhandung gefüllt hat, die vielen Abenteuer an verschiedenen anderen Orten, weist eben keine derartig exakten zeitlichen Anhaltspunkte auf; und das erhärtet noch Dikigoros' Annahme, daß diese Abenteuer überwiegend eben nicht auf alten Überlieferungen des zwölften vorchristlichen Jahrhunderts beruhen, sondern vielmehr auf geo-politischen Überlegungen des achten. Exkurs Ende.]

* * * * *

Im 8. Jahrhundert v.C. war alles ganz anders geworden: Die griechischen Stämme hatten einen Bevölkerungs-Überschuß, den das karge Land nicht mehr ernährte; und während einige Verbrecher, wie Häsíodos, empfahlen, die Geburten zu beschränken, d.h. Kinder im Mutterleib zu ermorden oder gleich nach der Geburt auszusetzen, begannen anständige, verantwortungsvolle Politiker, eine Alternative aufzuzeigen: Sie rüsteten Expeditionen aus, mit denen junge Menschen, die zuhause kein Auskommen mehr fanden, über See geschickt wurden, um fremde Länder zu erobern und - zu kolonisieren: Nordafrika, Italien, Ligurien... Das Wort "Kolonialismus" hat heute einen schlechten Klang, da es fast automatisch mit dem Zerstören und/oder Ausbeuten fremder Kulturen in Verbindung gebracht wird. Doch der echte "Koloni[ali]st" im ursprünglichen Sinne des Wortes baut ein bis dahin unkultiviertes Land erst auf, vor allem durch Landwirtschaft, denn der "colon" (von dem sowohl unser Wort "Kolonie" als auch unser Wort "Kultur" abstammen) ist ein Bauer, ein Landwirt, der den Acker bebaut, und das Wort "agri-cola" - das Ihr vielleicht noch aus dem Lateinunterricht und dem ersten Satz, "agricola arat", erinnert - ist nur ein Pleonasmus, der das ganze doppelt gemoppelt ausdrückt.

Wo versuchten nun die Griechen im 8. Jahrhundert v.C. Kolonien anzulegen? Ihr werdet es nicht glauben, liebe Leser: just dort, wo Odysseus auf seiner Heimfahrt von Troia vorbei kam - kann das Zufall sein? Aber bestand da denn Rechtfertigungsbedarf? Geht Dikigoros nicht davon aus, daß "echter", "guter" Kolonialismus nicht mit der Zerstörung fremder Kulturen verbunden ist, sondern mit dem Aufbau eigener? Wohl wahr - es hat auch noch niemand Sagen geschrieben, um den Ureinwohnern eines Gebietes das eigene Dasein zu erklären. Aber es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt - und gegenüber solchen Nachbarn, die ebenfalls Anspruch auf die Kolonien erhoben, mußte man sich sehr wohl rechtfertigen. Die bösen Nachbarn, das waren damals noch nicht die Römer, sondern vielmehr die semitischen Karthager, welche die griechischen Kolonisten sowohl vom östlichen als auch vom westlichen Mittelmeer her gewissermaßen in die Zange nahmen. Und ihre äußersten Besitzungen - welche die Griechen ihnen natürlich gerne abgenommen hätten, um ihr eigenes Territorium zu arrondieren, waren, wie wir sehen werden, just jene, auf die Odysseus der größte Teil seiner Reise führte.

Es bestand also griechischerseits Bedarf, eine solche sagenhafte Reisegeschichte zu schreiben. Was lag da näher, als sie gerade den griechischen Helden unternehmen zu lassen, dessen List die Eroberung Troias zu verdanken war?! Und um das allen Lesern noch einmal nachhaltig in Erinnerung zu bringen, schrieb Hómäros auch gleich die Ilias neu, d.h. jedenfalls den Schluß - mit dem Anfang wurde er nicht mehr richtig fertig, und überhaupt dürfte ihm für sein Anliegen - bzw. das seiner Auftraggeber - ziemlich schnuppe gewesen sein, wie das alles angefangen hatte, und warum und wozu jener Krieg gegen Troia eigentlich geführt worden war. Viel wichtiger war etwas, das bei anderen Landnahmesagen meist zu kurz kommt: die Rechtfertigung auch des Versagens. Heutzutage denken wir bei "Rechtfertigung" immer zuerst daran, wie die bösen Kolonialisten entschuldigen können, daß sie es gewagt haben, fremde Länder zu erobern und womöglich zu besiedeln. Der Antike wären solche Gedankengänge völlig abwegig erschienen; sie mußten vielmehr eine Entschuldigung finden, wenn eine solche Landnahme nicht statt gefunden hatte bzw. gescheitert war. Deshalb werden uns in der Odyssee im Wechsel solche Gegenden vorgestellt, die einer griechischen Kolonisation günstig erschienen, und solche, wo dies nicht der Fall war, weil entweder die natürlichen Gegebenheiten oder die Menschen (seien es Eingeborene, seien es andere Kolonisten - und das meinte in der Praxis vor allem die Karthager) ihr feindlich gegenüber standen. Und deshalb wird diese "Irrfahrt" auch nicht irgendwem zugeschrieben: Wenn selbst der größte Held der altgriechischen Geschichte, der listenreiche Odysseus, irgendwo gescheitert ist, dann war das wohl eine gute Entschuldigung für spätere Kolonisten, wenn es bei ihnen auch nicht geklappt hat. Schauen wir uns unter dieser Prämisse die folgenden Karten an:

Die Zahl der über die Stationen der Odyssee angestellten Spekulationen ist, wie eingangs angedeutet, Legion. Dabei ist des Rätsels Lösung, wenn man davon ausgeht, daß es sich um Orte handelt, wo die Griechen im 8. Jahrhundert v. C. versuchten, Kolonien zu gründen - und zwar im steten Wettstreit mit den Karthagern - relativ einfach. Zunächst landet Odysseus an der thrakischen Küste, wird aber von dort vertrieben - das erklärt, warum es die Griechen im 8. Jahrhundert v. C. noch immer nicht geschafft haben, Thrakien zu erobern. Bei den "Lωtofagen [Lotus-Essern]" gefiel es den Gefährten des Odysseus dagegen so gut, daß sie am liebsten gleich für immer dort geblieben wären. Wir sollten diesen Ort also nicht an der Küste des heutigen Tunesien suchen, schon gar nicht auf der Insel Djerba - denn dort gab es keine griechische Kolonie - sondern in der Kyrenaika (die nach der griechischen Kolonie Kyrénä benannt ist - die freilich etwas zu weit im Landesinneren liegt, um selber in Frage zu kommen), genauer gesagt an der Küste vor dem Hochland von Barka (also dort, wo auf der Karte oben links "LIBYA" steht). Da haben wir gleich drei zur Auswahl: Apollonia, Tavcheira und Evhesperides. Dikigoros' persönlicher Favorit? Letzteres, das heutige Benģāsī, denn er glaubt, daß der "Lωtos" der Odyssee und die wohlschmeckenden (ev-) Äpfel der Hesperíden die selbe Frucht meinten, nämlich die des Zürgelbaumes, die ja auch "kyrenäischer Lotus" genannt wird. Was, Ihr glaubt ihm nicht? Ihr meint, die Hesperíden, nach deren Äpfeln Herakläs in seinem elften Abenteuer suchen mußte, seien doch die Töchter des Atlás gewesen, und der habe an der Straße von Gibraltar gestanden, die ja nicht umsonst auch "die Säulen des Herakles" hießen, wo heute noch ein Gebirge nach ihm benannt ist, und außerdem der Atlantische Ozean? Tja, das mag später so gewesen sein (wohl schon bei den Römern, die sie die "Säulen des Hercules" - so hieß Herakläs bei ihnen - nannten); aber Ihr dürft Euer Wissen nicht mit dem der Griechen im 8. Jahrhundert v.C. gleich setzen: Bloß weil Rehakles die Griechen zur Fußball-EM 2004 bis nach Portugal, also noch über die Meerenge hinaus, geführt hat (und dabei auch einen Abstecher in die Ukraïne, also ans Schwarze Meer, gemacht hat :-) heißt das nicht, daß auch Herakläs damals so weit kam - geschweige denn Odysseus. (Ersterer besiegte in jenem Abenteuer nicht umsonst den Ägypterkönig Busiris, der wohl schwerlich in Gibraltar saß.) Das Weltbild der alten Hellenen reichte gerade mal halb so weit (was moderne Interpreten alter griechischer Sagen leicht vergessen); für sie war das Hochland von Barka allemal auffällig genug im ansonsten flachen Libyen, um dabei an Atlás zu denken. Und der Umstand, daß sie eine Kolonie an der Küste der Kyrenaika nach den schönen Hesperíden benannten, ist der beste Beweis dafür, daß Dikigoros richtig liegt.

[Die Äpfel der Hesperíden, nach denen die altgriechische Kolonialstadt Evhesperídes an der Küste der libyschen Kyrenaika benannt wurde] [Die Frucht des Zürgelbaums]

Daß Odysseus über jene Ecke hinaus weiter nach Westen vordrang, sollte ihn in den Augen der Odyssee-Leser zum Pionier machen - sonst wäre es doch kaum der Erwähnung wert gewesen, geschweige denn eines großen Epos. Die Fahrt geht also westwärts weiter, an die Küste des heutigen Tunesien, wo die bösen Kyklωpen hausen (oder genauer gesagt höhlen :-), denen Odysseus & Co. nur mit Mühe entkommen. Kein Wunder - das war ja das Kernland Karthagos, wo den griechischen Kolonisten die Trauben um einiges zu hoch hingen, also entsprechend sauer sein mußten. Diese Lokalisierung ist weitgehend unstreitig; dennoch will Dikigoros ein wenig näher auf sie eingehen, auch weil die Kyklωpen immer wieder - schon in der Antike! - fälschlich als "Einäugige" dargestellt werden, obwohl die richtige Übersetzung doch "Rundäugige" lautet. Die Deutungen dieses Mißverständnisses sind abenteuerlich; zur Zeit ist die These beliebt, daß wohl jemand die Skelette des - inzwischen ausgestorbenen - nordafrikanischen Mini-Elefanten für solche Homer-zeitlicher Riesen hielt und aus ihrer Kopfform schloß, daß sie wohl nur ein Auge gehabt hätten. Aber das ist widersinnig, denn ein solches Augen hätte dann ja keinen Kreis (kýklos) darstellen können, sondern nur ein waagerecht liegendes Oval. Das Problem ist, daß frühe Deuter der Oðýsseia wohl nie in Tunesien waren, während frühe Tunesien-Besucher sich nicht für alte griechische Sagen interessierten. Und wenn ein heutiger Interessent - entgegen Dikigoros' eindringlicher Warnungen, Urlaub in islamistischen Ländern zu machen - nach Tunesien führe, dann käme er zu spät, um des Rätsels Lösung zu finden. Dikigoros hat seinen Lesern ja schon oft das Buch "Urmotiv Auge" des großen ostmärkischen Verhaltensforschers Otto König empfohlen, in dem er schreibt, daß die Darstellung des Auges zur Abwehr böser Geister, böser Blicke u.a. Unbills einmal weltweit in Gebrauch war. Nun ist die Angst vor den ersteren bis heute bei den Berbern Tunesiens in besonderem Maße verbreitet; nur das Mittel zu ihrer Abwehr ist offenbar seit Homer einem Wandel unterlegen. Noch zu französischen Kolonialzeiten soll es Berber gegeben haben, die sich ein stilisiertes, kreisförmiges "Abwehr-Auge" auf die Stirn tätowieren ließen. Jahrhundert lang haben die muslimischen Eroberer gegen jenen "heidnischen Aberglauben" angekämpft; sie haben die Kreise verboten, verformt, umgedeutet, umbenannt... es half alles nichts; erst nach der Unabhängigkeit verschwand der Brauch; aber nicht ganz - er lebt weiter in der so genannten "Hand Fatimas" (nur echt mit Auge!), die zwar inzwischen so ziemlich überall Verwendung findet, als Amulett im Auto ebenso wie als Anhänger zum Fußkettchen; aber von Rechts wegen wird sie immmer noch auf der Stirn getragen - selbst von "modernen", d.h. verwestlichten Tunesierinnen.

Danach kommt Odysseus zur Insel des Aíolos. Abgesehen von den Fantasten, die eine Route jenseits der Straße von Gibraltar in den Atlantik oder noch weiter annehmen, hat es vor allem zwei Richtungen gegeben, in welche die "Forschung" die Reise hat weiter gehen lassen, an deren Grundzügen sich seit den 1960er Jahren nicht mehr viel geändert hat: Im deutschsprachigen Raum hat sich die "kleine Lösung" durchgesetzt, vertreten vor allem von den Brüdern Wolf (die es irgendwie fertig gebracht haben, den Spiegel und die Schulbuchverlage auf ihre Seite zu ziehen), wonach Malta ein zentraler Dreh- und Angelpunkt ist, von dem aus die Griechen nur noch einmal um Sizilien kurven bis zur Straße von Messina und zurück, wobei sie Schiffbruch erleiden. Odysseus kann sich nach Lipari retten und gelangt schließlich über Land durch Kalabrien in den Golf von Squillace, von wo er über das Ionische Meer nach Ithákä heim kehrt. Das ist umso erstaunlicher, als die beiden Autoren im Prinzip durchaus richtig erkannt haben, daß die Odyssee irgendwie die Westkolonisation der alten Griechen beschreiben soll. Dabei haben sie wohl verdrängt, daß diese Intention nicht so recht zu der Route paßt, die sie anhand der von Hómäros genannten Strömungen, Windverhältnisse und Dauer der Fahrtabschnitte errechnet haben. (Ein solches Unterfangen hält Dikigoros grundsätzlich für müßig, da diese Angaben im Text nicht durchgängig sind, also immer wieder durch Spekulationen ergänzt werden müssen; kein Wunder, daß einige dieser Versuche rund um den Erdball geführt haben :-) Im englischsprachigen Raum bevorzugt man dagegen eine etwas weitläufigere Lokalisierung im Tyrrhenischen Meer, mit Korsika im Nordwesten und dem Monte Circeo im Golf von Gaeta als festen Punkten. Dann kann die Insel des Aíolos nicht Malta gewesen sein, das griechische Melítä und römische Melitta (da seht Ihr mal, liebe Leser, woher der Name für Eure Kaffee-Filter kommt - damals gaben die Leute ihren Töchtern noch originelle Namen; und wenn Herr Benz seine Erfindung, das Automobil, und die Firma, die es herstellte, nach seiner Tochter "Mercedes" nannte, warum sollte Frau Bentz ihre Erfindung, den Kaffee-Filter, und die Firma, die ihn herstellte, nicht nach sich selber benennen :-), sondern nur eine der Aiolischen Inseln - die man wohl nicht ganz ohne Grund schon im Altertum so nannte.

Die nächste Station ist "Telepylos", das Land der Laistrygónen. Fast alle sind sich einig, daß es an der Südspitze irgendeiner Insel (wenn man nicht gerade das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika annimmt, wie einige Witzbolde :-) liegen muß: Bonifacio auf Korsika? (Aber dort gab es keine altgriechische Siedlung - Alalia liegt an der Ostküste!) Karalis auf Sardinien? Die Insel Correnti am Odysseus-Kap Siziliens? Oder irgend ein Ort an der Südküste des heutigen Frankreichs, der "ligurischen"? Dort ziehen sich doch die der griechischen Heimat fernsten (tele) Kolonien hin: Von Nikaia ("Siegburg", das heutige Nizza), über Antipolis (Antibes), Massilia (Marseille), Agathe ("Die Schöne" - nicht umsonst ist das heutige Agde einer der ältesten Nacktbadeorte in Frankreich :-) und Sätion (das heutige Sète) bis nach Emporiä (Ampurias am Golf von Rosas an der katalanischen Costa Brava). Aber kann wirklich eine davon gemeint sein? Nein, so weit würde Dikigoros denn doch nicht gehen (geschweige denn rudern :-); aus zwei Gründen: Erstens hat man dort keine Spuren griechischer Siedlung vor dem 6. Jahrhundert v.C. gefunden, so daß sie der gute Hómäros gar nicht kennen konnte (aber das allein wäre kein zwingender Beweis - die Archäologen könnten ja irgendwann doch noch ältere Schichten ausbuddeln), und zweitens gab es dort keine Auseinandersetzungen mit Karthago - die fanden ganz woanders statt, und es müssen die blutigsten überhaupt gemeint sein, denn Odysseus verliert ja bei dem Massaker alle seine Schiffe bis auf eines. Gibt es einen Ort im Mittelmeer, wo die Kolonisationsversuche der Griechen und Karthager direkt aufeinander prallten? Ja, den gibt es; aber er liegt ärgerlicherweise an der Westküste Siziliens, nämlich bei Motyä. Wie lösen wir diesen Widerspruch? Nun, dies ist einer der anderthalb Punkte, in denen Dikigoros den Gebrüdern Wolf folgt, die in vorbildlicher Weise dreierlei heraus gearbeitet haben: 1. ist die südliche Lage in Bezug auf die Burg des Lamos - das heutige Erice - sehr wohl gegeben, 2. sind die Thunfischfänger dort traditionell - auch heute noch - große Meister im Harpune werfen, und 3. ähnelt die geografische Lage von Motyä verblüffend der Lage des griechischen Pylos (über das Dikigoros an anderer Stelle mehr schreibt, unter dem Stichwort "Navarino"), so daß sich der Name "Telepylos" geradezu aufdrängt. (Auf Einzelheiten verzichtet Dikigoros, denn er will sich nicht mit fremden Lorbeeren schmücken; obwohl er selber auf den Ort gekommen ist, wäre ihm die Beweisführung nicht annähernd so gut gelungen - das muß auch mal gesagt werden :-)

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Wo saß nun Kírkä, die Magierin, die Odysseus' Gefährten in Schweine verwandelte? Am Golf von Gaeta heißt heute nach ihr ein Berg "Monte Circeo" - aber einen solchen suchen wir ja nicht, sondern vielmehr eine Insel. Die Suche wird dadurch erschwert, daß es in der griechischen Mythologie zwei Magierinnen dieses Namens gibt, nämlich eine bei den Argonauten - da sitzt sie auf der Insel Aiaia, weit im Osten -, und eine in der Odyssee - da sitzt sie auf der Insel Aenaria, weit im Westen. Wer diese beiden verwechselt oder gleichsetzt, weil sie scheinbar so ähnlich klingen, landet schnell auf dem Holzweg, und genau dort befindet sich die heutigen Keksperten der "Fachwissenschaft". Dabei hatte zur Römerzeit und noch bis zu Beginn der Neuzeit niemand den geringsten Zweifel, was mit Aenaria gemeint war: die Insel Ischia, auf der sich einst die alte griechische Kolonialstadt Pithekusä befand. Wer es nicht glaubt, kann es in der Geographica [1.3.19] des Strábωn und in der 125. Fabel des Hyginus nachlesen: "(...) Ulixes cum sociis in insulam Aenariam pervenerat, ubi vivebat Circe maga [Odysseus und Genossen kamen auf die Insel Aenaria, wo die Magierin Kírkä lebte]..." Aber besorgt Euch eine ältere Ausgabe, in den jüngeren hat man das "Aenariam" einfach gestrichen! (Die Passage gehört zum Standard-Repertoire des Latein-Unterrichts an den höheren Schulen Ialiens; und auch dort werden die Lehrbücher alle paar Jahre umgeschrieben :-) Und die Karte des braven Abraham Ortelius aus dem Jahre 1601, die Dikigoros Euch oben abgebildet hat, will niemand mehr ernst nehmen. Nein, nicht weil sie statt nach Norden nach Westen ausgerichtet ist (Ihr müßt sie also um 90° drehen), sondern weil links oben steht: "Ischia, quae olim Aenaria". (Wenn Ihr die von Ritter-Schaumburg entfachte Diskussion um das Nibelungenlied, die Thidrekssage und die Lokalisierung von "Bern" kennt, dann wißt Ihr, daß es dort einen ganz ähnlichen Fall gibt, nämlich Inschriften auf Bildern und Karten, die besagen, daß Bonn am Rhein früher Verona hieß ["Verona nunc Bonna"] - und das paßt einigen Leuten nicht in den Kram - so auch hier :-) Leider waren sich Strábωn und Hyginus so sicher, daß sie es nicht für nötig befanden, uns irgendeine nähere Begründung für diese ihre Auffassung mitzuteilen; und auch die Odyssee scheint uns ja nur einen einzigen Anhaltspunkt zu bieten, nämlich daß die Insel mit Erlen bewachsen ist - und das ist nun mal kein besonders seltener Baum, den gibt (oder gab) es fast überall, nicht nur auf Ischia. Gibt der Text sonst tatsächlich gar nichts weiter her? Was tut denn die Kírkä? Sie becirct (daher kommt das Wort!) die Gefährten des Odysseus und verwandelt sie in Schweine - pfui! Aber - ist das nicht nur irgend eine blöde Gruselstory, die zeigt, daß wir es hier bloß mit den Fantasien eines Märchenonkels zu tun haben? Nein, liebe Leser, ganz im Gegenteil! Was kennzeichnet denn "Schweine"? Nun, sie suhlen sich im Schlamm; folglich ist, wer sich im Schlamm suhlt, ein Schwein. Wo aber suhlt man sich im Schlamm? Wenn Ihr mal Billy Wilders Film Avanti, avanti! gesehen habt, der ja auf Ischia spielt - was sagt da Hoteldirektor Carlo Carlucci zu dem lästigen US-Diplomaten, um ihn ein paar Stunden zu beschäftigen: "Besuchen Sie doch unsere Schlammbäder, danach fühlen Sie sich wie ein 20-jähriger!" (oder so ähnlich), nebst Ausführungen, daß es die schon seit der Antike gibt. Wie nennt man das Zeug, in dem man sich da suhlt, in unseren Breitengraden? Richtig: "Fango". Aber warum eigentlich? Nun, ursprünglich war das, anders als heute, nicht die Bezeichnung für jeden x-beliebigen [Heil-]Schlamm, sondern für den besonders guten aus dem Ort Fango auf Ischia, wohin ihn der Regen von den Hängen des Monte Epomeo herab spült.

Die gute Kírkä war also eine Art medizinische Bademeisterin und hatte Odysseus' Gefährten nach den Reisestrapazen ein heilsames Schlammbad verordnet. Der tumpe Odysseus hatte das völlig mißverstanden und geglaubt, daß sie seine Mannen in "Schweine" verwandelt habe, und zwang sie, sie wieder aus dem Schlammbad heraus zu holen. Und siehe da: Sie wirkten auf ihn jünger und schöner als vor der Behandlung (genau wie Carlucci es noch rund drei Jahrtausende später verspricht :-) - wenn das keine Zauberei war! [Zu seiner Schande muß Dikigoros gestehen, daß er auf diese Erklärung nicht von alleine gekommen ist, obwohl er ein großer Fan jenes Wilder-Films ist - auf den er gleich noch einmal zurück kommt -, sondern diese Information von einem aufmerksamen Leser und Ischia-Kenner erhalten hat.]

[Das Orakel von Cumae]

Eines Tages schickt die Kírkä den Odysseus in den Hádäs (die "Unterwelt"). Ihr meint, liebe Kinder des 20. Jahrhunderts, solche imaginären Orte auf der Erde lokalisieren zu wollen, sei müßig? Ihr irrt: Erst die christlichen Mönche des Mittelalters kamen auf die Schnapsidee, Paradies und Hölle im Himmel oder sonst irgendwo im luftleeren Raum anzusiedeln. Für die alten Völker waren das ganz konkrete Gegenden: Die Juden z.B. sahen den "Garten Eden" in Mesopotamien, und die "Gehenna" - die Luther mit "Hölle" übersetzte - im Tal von Hinnom, südlich von Jerusalem, wo schon die Ammoniter ihren Göttern Kinderopfer brachten (und die Juden auch, bis Abraham es sich mit Isaak anders überlegte). Und so wie für die Griechen die Götter auf dem ganz realen Olymp hausten, so gab es für sie auch einen ganz realen Eingang - vielleicht sogar mehrere - zur Unterwelt. Und wenn wir den in erreichbarer Nähe von Ischia suchen, dann kann damit nur das ca. 15 km von Ischia entfernte Orakel von Kýmä [lateinisch "Cumae"] am Festland schräg gegenüber gemeint sein, wo man die Toten in Form von Schattenspiegelungen "auftreten" ließ. Dazu paßt auch, daß die Leute dort "Kymärer" hießen - Einwohner von Kýmä halt. (Wer die Odyssee partout im Schwarzen Meer ansiedeln will, muß daraus freilich "Kimmerier" machen, Bewohner der Krim, und aus Aiaia Kolchis; und wer - wie der eingangs erwähnte Oberlandesgerichtsrat - sie auf die britischen Inseln verlegt, kann natürlich darauf verweisen, daß das heutige Wales auf Gälisch "Cymre" hieß und heißt - wenn das kein Beweis ist...! :-) Aber halt - ist die Archäologie nicht inzwischen zu der Auffassung gelangt, daß der "Hades" und das Orakel, zu dem "Circe" den Odysseus schickte, in "Ephyra" auf dem Pelopónnäs liegt? Ja, das behaupten zumindest diejenigen, die dort in den 1950er und 1960er Jahren herum gebuddelt haben, und sie berufen sich auf Pavsanías, und den Fluß und See "Acheron" wollen sie auch gefunden haben: in einem versumpften Reisfeld nebenan. Gewiß, auch in Efýrä mag es ein Orakel gegeben haben, in dem ähnliche Riten abgehalten wurden - mehr oder weniger geähnelt haben dürften sich die alten griechischen Orakel ohnehin -, aber schaut doch mal auf die Karte, und dann versucht Dikigoros zu erzählen, daß Odysseus in Efýrä war: Erstens liegt es über 30 km landeinwärts (während Kýmä fast direkt am Meer liegt), und zweitens... keine 100 km Luftlinie von Ithákä entfernt - wenn Odysseus schon so nahe gewesen wäre, hätte es keiner großartigen Befragung des Teiresías mehr bedurft, wie er nach Hause fahren sollte - das wäre ein Klacks gewesen! Ja, aber wo soll es bei Kýmä einen Achérωn geben? Verlaßt Euch drauf, liebe Leser, es gibt einen, der sogar in geradezu idealer Weise die Bezeichnungen für Fluß und See vereint: Rund zweieinhalb Kilometer südlich von Cumae liegt ein Gewässer, das im Altertum "Acherusia Palus" genannt wurde. Das römische "u" steht für das altgriechische "o[o]", das Endungs-n wurde schon zu römischer Zeit (wie heute) nicht mehr mit gesprochen (der berühmte römische Redner, der sich auf Griechisch "Kikérωn" nannte, schrieb sich auf Lateinisch "Cicero"), und die Endung "sia" bezeichnet die Adjektivierung. Und "palus"? Das ist eine ganz selten gebrauchte Vokabel, und sie bedeutet... zugleich "Fluß" und "See"! Der Hádäs der Odyssee lag in Kýmä - dafür legt Dikigoros seine Hand ins Feuer der Persefónä.

* * * * *

Jetzt wird es schwierig; auch die sachlichsten Forscher, d.h. also diejenigen, die ihre Suche auf das Mittelmeer beschränkten, haben das Rätsel, auf welchem Wege Odysseus von dort wieder nach Hause gelangt sein soll, nicht vollständig gelöst. Und selbst in der Ursprungsfassung dieses Kapitels standen hier die folgenden Sätze: "Die 'blumige Insel der Sirenen' hat Dikigoros nicht gefunden - sie bleibt auch ihm ein Rätsel; er kann allenfalls sagen, wo sie seiner Meinung nach nicht lag: überall dort, wo schon zu römischen Zeiten versucht wurde, sie als drei Vogelfrauen von drei Vogelinseln darzustellen (wie im Titelbild, dem Aufschnitt einer antiken Vase, deren Original Ihr ganz unten seht); denn bei Hómäros ist es nur eine Insel mit nur zwei Seiränen. Es können also z.B. nicht die drei Inselchen 'Li Galli' im Golf von Salerno sein, wenngleich die Touristik-Branche bis heute kräftig die Werbetrommel dafür rührt mit dem Hinweis, daß die schon in römischer Zeit 'Isolae Sirenusae' hießen - das zeigt nur, daß bereits die römischen Interpretationen der Odyssee mit Vorsicht zu genießen sind, vor allem die des Vergilius. Es gibt nun einmal in der Realität keinen Ort, an dem jemand von irgendwelchen Sirenen-Klängen verleitet werden könnte, sein Schiff in den Bruch zu steuern. (Wahrscheinlich war es eine Toteninsel, auf der ein paar kreischende Möwen neben einem Haufen Knochengerippen hockten, die sie abnagten, und die für Außenstehende tabu war, weshalb Kírkä dem Odysseus eine Menge Flausen über ihre vermeintliche Gefährlichkeit erzählt, um ihn von einer Landung abzuhalten. Mehr gibt die Textpassage in der Odyssee objektiv gesehen nicht her.) Ein deutscher Schriftsteller hat Li Galli vor rund 100 Jahren besucht; er war arg enttäuscht, daß er keinen Sirenengesang zu hören bekam und schrieb hinterher ein Pamflet mit dem Titel: 'Die Sirenen schweigen'. Aber trösten wir uns: Auch für den Loreleyfelsen am Rhein gibt es eine ähnliche Sage, und auch dort hört man nichts vom berühmten Lockgesang der Nixe." ["Lore" ist kein Mädchenname, sondern kommt von "lorjan" - locken, anziehen -, wie auch das englische "to lure". Und da wir gerade bei der Etymologie sind: Erhielt Dikigoros doch kürzlich eine Mail, daß das "doppelt gemoppelt" sei, da "ley" schon "Felsen" bedeute. Pardon, aber "ley", "lay" ist uraltes, fast allen indo-germanischen Sprachen gemeinsames Wortgut und bedeutet einwandfrei "Berg, Gebirge" - warum heißt wohl sonst "Schneeberg" bzw. "Schneegebirge" auf Indisch "Hīmālay"? (Hīm[a] ist das indische Wort für "Schnee".) Erst unter dem Eindruck irgendwelcher Märchen, nach denen irgendwelche Gebirge irgendwelche Schätze bergen sollten, wurde es im Deutschen durch den solchermaßen in seiner Bedeutung gewandelten Ausdruck "Berg" bzw. "Ge-birge" ersetzt. Aber das nur am Rande.]

Dann aber sah Dikigoros noch einmal Billy Wilders Meisterwerk Avanti; und bei der Szene, als der Vater von Wendel Armbruster junior und die Mutter von Pamela Piggot auf dem örtlichen Friedhof beerdigt werden und Carlucci sagt: "auf diesem Grabe werden immer frische Tromboncini liegen", fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen (und den Ohren; wenn Ihr den vorigen Link angeklickt habt - was Ihr unbedingt tun solltet, es ist auch Dikigoros' Meisterwerk unter seinen Filmseiten -, dann wißt Ihr, daß es einen solchen Blumennamen nicht gibt, schon gar nicht als Bezeichnung für Osterglocken - die in Italien, wie fast überall auf der Welt, nach dem griechischen Jüngling Nárkissos heißen -, sondern daß es sich dabei vielmehr um eine bestimmte Art von Orgelpfeifen handelt - passend zu den Seiränen). Aber bitte habt noch etwas Geduld; wir wollen am anderen Ende dieses Streckenabschnitts beginnen, nämlich mit der Fahrt "zwischen Skýllä und Chárybdis", die - zumindest im Deutschen - zu einer fest stehenden Redensart geworden ist für das, was die Griechen ein "Dílämma" nennen: eine Zwickmühle beim Versuch, sich zwischen zwei Übeln durch zu lavieren. (Im Neugriechischen bedeutet es dagegen "vom Regen in die Traufe kommen".) Obwohl die Beschreibung des Hómäros nicht auf die Straße von Messina zutrifft (die viel zu breit ist, als daß sie einem Ruderboot wirklich gefährlich werden könnte), sind sich alle, die die Odyssee im Mittelmeerraum ansiedeln, im Anschluß an Thukydídäs einig, daß eben diese "Meerenge" damit gemeint sein müsse. Und irgendwie scheint ja auch alles darauf hin zu deuten, denn dort gab es schon im 8. Jahrhundert v.C. mehrere griechische Siedlungen - auf beiden Seiten. (Auch Messina ist nach dem griechischen Messänä benannt, wurde also offenbar von Kolonisten aus dem südwestlichen Pelopónnäs gegründet.) Aber wie paßt das zum jämmerlichen Schiffbruch unserer Helden? Eben - gar nicht, denn das wäre keine Empfehlung zur Gründung einer Kolonie. Dennoch haben die Griechen dort nicht nur eine, sondern gleich sechs Kolonien gegründet - je drei gegenüber liegende Paare, das kann es einfach nicht sein, wenn wir die Prämisse dieser "Reise durch die Vergangenheit" ernst nehmen wollen! Aber paßt nicht auch der Vulkan Stromboli, der auf dem Weg liegt, so gut, und auch die Insel Thrinakíä - mit der Sizilien gemeint sein soll? Ja, das meinen einige Keksperten; aber da kann Dikigoros nur den Kopf schütteln: Sizilien mag ein Dreieck sein; doch das merkt derjenige, der mit dem Ruderboot anreist, schwerlich. Außerdem ist wohl kaum ein Dreieck gemeint, sondern vielmehr ein Dreizack (thrínax). Der Hafen von Messina soll eine dreizackige Mole aufweisen? Ja, gewiß, aber das sind neuere Aufschüttungen, die wir getrost vergessen können. Und die Insel der Kalypsó, zu der Odysseus von der Strömung zurück getragen wird, soll eine der Liparischen Inseln sein? Und von dort soll er, teils mit einem Floß, teils schwimmend, zu den Faiaken gelangt sein? Die ihn wiederum prompt nach Hause, auf die Ionischen Inseln expedierten, ohne daß er noch einmal durch die Straße von Messina mußte? Da gibt es so viele Ungereimtheiten, liebe Leser, daß Dikigoros kaum weiß wo er anfangen soll: Zunächst einmal sagt die Kírkä dem Odysseus, daß er bei der Weiterfahrt zwei Alternativen haben soll: Entweder vorbei an einem Vulkan - das soll der Stromboli sein -, oder aber zwischen Skýllä und Chárybdis hindurch. So so, Odysseus soll also, statt in 1-2 km Entfernung am Stromboli vorbei zu rudern - was überhaupt kein Problem wäre - nach Messina fahren, das mehr als 100 km entfernt liegt?! Und nachdem er einmal durch ist, soll ihn die Strömung wieder zurück werfen, und dabei soll er auf einer der Liparischen Inseln landen? Aber auch der Stromboli gehört zu den Liparischen Inseln - warum nicht gleich so?

[Die Liparischen Inseln]

Nun steht noch der andere halbe Punkt aus, den Dikigoros den Gebrüdern Wolf zubilligt: Sie haben die ebenso verblüffende wie einfache Feststellung gemacht, daß Schería, das Land der Faiaken, nach Hómäros' Beschreibung gar keine Insel sein muß, ja gar keine Insel sein kann, sondern nur - Festland! (Das heißt Schería nämlich wörtlich, worauf Dikigoros nicht von alleine gekommen wäre, da es im Neugriechischen "Steriá" heißt - aber er hat im Gemoll nachgeschlagen: es stimmt! So sind denn auch die deutschen Übersetzungen - beginnend bei Voss - die einzigen, die von einer "Insel Scheria" sprechen; in allen anderen Sprachen heißt es richtig "das Land Scheria".) Damit lösen sie das Problem, daß Odysseus nicht nochmal durch die Straße von Messina fahren muß, um zu den Ionischen Inseln zu gelangen. Leider lösen sie es falsch, denn sie meinen, daß Odysseus, als er die Insel der Kalypsó verläßt, im Golf von Evfemia landet und dort, an der schmalsten Stelle der Stiefelspitze von Kalabrien, über Tiriolo an den Golf von Squillace gelangt, und von dort mühelos nach Ithákä - oder wo sonst auf den Ionischen Inseln er beheimatet ist. So so. Von Lipari (das soll sich hinter Ωgygíä verbergen) bis zum Golf von Evfemia sind es schlappe 150 km, die soll Odysseus teils auf einem Floß, teils schwimmend (!) zurück gelegt haben - Donnerwetter! (Beweis: Als er ankommt, fragt man ihn, ob er von Osten oder Westen gekommen sei - und das sei nur dort möglich, da man von Tiriolo aus beide Meere sehen kann, das Tyrrhenische und das Ionische. Als ob die Faiaken im Ernst glauben konnten, daß ein Schiffbrüchiger vom Golf von Squillace zu ihnen herüber gekraxelt käme :-) Von dort zum Golf von Squillace führt zwar bis heute noch keine ordentliche Straße - aber vermutlich haben die Faiaken extra für Odysseus einen Weg gebaut, der dann leider wieder in Vergessenheit geriet. Immerhin, so versichern uns die Gebrüder Wolf, weht oben in den Bergen Kalabriens noch heute jener schöne Wind, den Hómäros ausdrücklich erwähnt. Mag ja sein, aber dann kommt das beste: Vom Golf von Squillace bis nach Ithakä sind es rund 500 km Luftlinie durch das offene Ionische Meer - und die soll Odysseus mit Hilfe der Faiaken ganz problemlos hinter sich gebracht haben?! Pardon, aber wer das glaubt, muß schon ziemlich weltfremd sein.

Darf Dikigoros Euch erzählen, wie es seiner Meinung nach war? Blenden wir kurz zurück: Odysseus sitzt auf Ischia und fragt Kírkä, wie er wohl von dort am besten nach Ithákä käme. Die verschwendet keinen Gedanken an die Schnapsidee, über das Ionische Meer zu fahren, weder vom Golf von Squillae aus noch mit dem Umweg über die Straße von Messina (was noch einmal schlappe 150 km weiter wäre). Ihr ist vielmehr von Anfang an klar, daß es nur an der Ostküste Italiens entlang gehen kann (merke: die Griechen fuhren in ihren altmodischen Bötchen vorzugsweise die Küsten entlang, und sie taten - wie nicht zuletzt die Abenteuer des Odysseus zeigen - gut daran), also die Adria hinab bis an die Bucht, wo zur Römerzeit Brundisium (das moderne Brindisi) entstehen sollte (und von wo noch heute die Fähren nach Griechenland abfahren, weil die Strömungsverhältnisse dafür dort am günstigsten sind) oder vielleicht sogar bis zur alten griechischen Kolonie Hydros (dem römischen Hydruntum - heute Otranto). Von beiden Punkten aus war es in der Tat kein Problem mehr, zu den Ionischen Inseln zu gelangen. Aber wie kam man an die Adria? Über Land, nämlich über das Land der Faiaken! Aber wo lag das? Dikigoros hat zuerst an die Gegend von Neapel gedacht, zumal man von dort auf dem Weg an den Golf von Manfredonia die alte Stadt Benevento [Schönerwind]" passiert und man sich den halben Weg mit dem Bötchen den Fluß Carvare hinunter bis zum Meer treiben lassen kann. Aber dazu geeignete Flüsse gibt es mehrere, auch weiter südlich, und ganz schön windig ist es auch anderswo im italienischen Gebirge. Außerdem stellt der Weg von Napoli nach Benevento aus der Sicht des Odysseus einen Umweg dar, da die alte Hauptstraße zunächst nach Norden verläuft; da war Dikigoros also auf den Holzweg. Aber schauen wir etwas weiter nach Süden - wo gibt es denn dort noch eine wichtige altgriechische Kolonie? Richtig, in Poseidωnía, dem späteren Paestum. Von dort aus verliefen alte Handelsstraßen zur Ostküste, und auf dem Ofanto konnte man sich sogar noch eine längere Strecke bis in die Adria treiben lassen als auf dem Cervare. (Er mündet unweit des berühmten Schlachtfelds von Cannae in die Adria - aber das ist eine andere Geschichte.) Daß diese Route, die Odysseus nehmen sollte, nicht bloß auf Zufällen beruhte, sondern auf einer zielsicheren Planung der Kírkä, die diesen Weg offenbar genau kannte, ergibt sich auch daraus, daß sie viele Jahre später ihren gemeinsamen Sohn Telégonos ebenfalls nach Ithákä schickt, wie wir zwar nicht von Hómäros, aber von andereren Dichtern - Evgammon und Sofokläs - wissen, die sich ebenfalls mit der Geschichte des Odysseus befaßt haben. Auch Telégonos kommt gut an - und tötet seinen Vater, wobei dahin stehen mag, ob mit Absicht oder aus Versehen, wie uns die Literaten weis zu machen suchen, denn die Antwort auf diese Frage trägt nichts zu unserem Thema bei. (Deshalb braucht Dikigoros auch nicht den Widerspruch zu klären zwischen dieser Überlieferung und der eingangs erwähnten, wonach Odysseus bereits bei der Heimkehr von seinem ersten Sohn Telémachos getötet wurde.)

Ja aber... Wie war das mit der blumigen Insel der Sirenen, mit Ost und West, mit dem Vulkan, mit Skýllä und Chárybdis, mit Thrinakíä, der Insel des Sonnengottes Hälios? Und woher nehmen wir die Grotte der Kalypsó, und woher ihre Ziegen? Ach, liebe Leser, warum in die Ferne schweifen, wenn doch alles Gute in unmittelbarer Nähe von Ischia beieinander liegt, ohne daß man unseren Helden hunderte von Kilometern weit rudern oder gar schwimmen lassen muß?! Erst einmal zu der blumigen Toteninsel, an der Odysseus auf jeden Fall vorbei muß, bevor er zwei Fortsetzungen zur Auswahl hat: Gibt oder gab es so etwas tatsächlich in unmittelbarer Nähe von Ischia?

[Ischia] [Die Südspitze des Verwaltungsbezirks Serrara-Fontana mit Sant'Angelo - früher eine Insel]

Und ob! Schaut Euch mal die Karte von Ischia an: Im Süden gibt es einen Verwaltungsbezirk, der "Serrara-Fontana" genannt wird (wobei die Ähnlichkeit zwischen "Serrara" und "Seiränen" erstens nicht sehr groß ist und zweitens purer Zufall sein kann). Der südlichste Punkt dieses Distrikts ist ein Inselchen, das den gleichen Namen trägt wie der kleine Ort darauf: Sant'Angelo. Man hat es durch einen Damm mit dem Festland verbunden; wann das zum ersten Mal geschah, läßt sich nicht mehr genau feststellen - vielleicht im Mittelalter, als die Aragonesen kamen, die auch die Insel vor 'Ischia Ponte' mit der Hauptinsel verbanden und ihr berühmtes Kastell darauf bauten. Auf Sant'Angelo gibt es seit Alters her einen "blumenübersäten Friedhof in schönster Panorama-Lage" (Touristikwerbung). Und auch daß es dort ein "Hotel Loreley" gibt und daß das Stadtwappen zwei Sirenen zeigt ist Zufall - denn niemand nennt sie so, und niemand ist vor Dikigoros auf die Idee gekommen, in Sant'Angelo die Insel der Seiränen aus der Odyssee zu sehen; und doch scheint ihm der Zufall eher darin zu liegen, daß sich all diese Anhaltspunkte ganz ohne diesbezüglichen Vorsatz so lange erhalten haben. Hevreká - die Toteninsel der Seiränen ist gefunden!

[Blick auf Sant'Angelo vom nördlich gelegenen Ferrara] [Das Wappen von Sant'Angelo] [Blick auf Sant'Angelo vom östlich gelegenen Lido dei Maronti]

[Nachtrag: Der bereits erwähnte Ischia-Kenner hat Dikigoros noch auf einen weiteren Anhaltspunkt aufmerksam gemacht: Als Odysseus die Insel der Seiränen passiert hat, sieht er von ferne Dampf aufsteigen. Nein, keinen Rauch von Lagerfeuern o.ä., denn der wäre schwerlich einer besondere Erwähnung wert gewesen - wohl aber die berühmten fumarole, die den Sand des Maronti-Strandes aufheizen. Es paßt eben alles zusammen; und auch wenn Dikigoros oben geschrieben hat, daß es wohl keinen einzelnen Menschen gab, der diese "Odyssee" genannte Reise je unternommen hat, so müssen ihrer Schilderung doch Berichte von Leuten zugrunde liegen, die tatsächlich jeweils vor Ort waren und das alles genau beobachtet haben; denn solche - an sich unspektakulären - Details denkt man sich nicht aus. Und was ist dann mit dem bereits erwähnten "Monte Circeo" am Westrand des Golfes von Gaeta, wo man inzwischen sogar einen "Circe-Nationalpark" eingerichtet hat, wo man die "Grotte der Zauberin Circe" und selbst die "Mauer des Cyclopen" besichtigen kann? Konnte man dort nicht sogar Schlammbäder nehmen, bis der böse fascistische Diktator Mussolini die Pontinischen Sümpfe trocken legen und die Stadt "Mussolinia" gründen ließ, die heute "Sabaudia" heißt? Ja, liebe Leser, aber den Dampf der fumarole hat es dort nie gegeben - und damit sind für Dikigoros auch die letzten Zweifel an seiner Lokalisierung beseitigt. (Folglich ist alles, was in und um San Felipe Circeo inszeniert wird, nichts weiter als ein Märchen zum Zwecke des Touristen-Nepps. Aber den gibt es inzwischen ja auch auf Ischia reichlich; Frau Dikigoros hat den Lido dei Maronti vor Jahrzehnten, als junges Mädchen mit ihren Eltern, kennen gelernt, als er noch für jedermann frei zugänglich war, ohne hoteleigene Liegen und Sonnenschirme zu Wuchergebühren. Aber die Zeiten sind vorbei, ähnlich wie im türkischen Pamukkale, dessen Terrassen noch ebenso frei zugänglich waren, als sie und ihr Mann dort auf Hochzeitsreise waren, und so viele schöne Thermalquellen überall auf der Welt.) Wieso ist Dikigoros da nicht von selber darauf gekommen? Er will es Euch gestehen: Er hat schlicht und ergreifend über die Zeilen 201 und 202 im XII. Gesang der Odyssee - den er doch sonst so intensiv ausgeschlachtet hat - hinweg gelesen. Er streut Asche auf sein Haupt (aber keinen heißen Sand :-).]

Nun muß sich Odysseus für eine der beiden Alternativen entscheiden, die ihm Kírkä genannt hat: Nein, nicht eine, wie sie sich die Keksperten zwischen dem Stromboli einerseits und Skýllä und Chárybdis andererseits ausgesponnen haben, um in die Straße von Messina zu gelangen, sondern um nach Poseidωnía zu kommen: Entweder die Küste entlang und damit am gefährlichen Vesuv vorbei, oder zwischen den gierigen Mäulern der beiden Ungeheuer. Aber wo soll es die im Golf von Neapel geben? Die "Bocca Piccola [Kleiner Mund]" genannte Straße zwischen Punta Campanella und Capri ist doch nun wahrlich keine "Meerenge", außerdem könnte man Capri im Westen umfahren - wenn schon, denn schon! Aber pardon, wer sagt eigentlich, daß "Skýllä und Chárybdis" Felsen über der Wasseroberfläche sind? Hómäros sagt nur, daß zwischen ihnen ein auffallender Höhenunterschied besteht - bis zur Höhle der Skýllä könnte auch ein guter Bogenschütze vom Boden des Schiffes aus den Pfeil nicht schießen -, und daß sie "so glatt [sind] als seien sie ringsum behauen" - das trifft doch wohl auf keinen der Felsen zu, die gemeinhin für "Skýllä und Chárybdis" gehalten werden. Und warum sollte ein Bogenschütze, der zu einem Felsen hinauf schießen will, eigentlich so dumm sein, dies vom Boden des Schiffes zu tun, statt vom Oberdeck aus, wo er näher dran wäre? Und wer in aller Welt kann bloß die Felsen so geglättet haben? Dikigoros will es Euch verraten: Poseidώn, der Meeresgott, genauer gesagt der Gott des Meeresbodens (der Gott des Meereswassers ist ja Ωkeanós, nach dem wir bis heute die Weltmeere "Ozeane" nennen) - sie liegen nämlich unter Wasser! Zwischen dem Golf von Neapel und der "Bocca grande [Großer Mund]" genannten westlichen Einfahrt vom Tyrrhenischen Meer her gibt es einen schroffen Abfall der Meerestiefe um ca. 200 m, der an der Nahtstelle zu Strudelbildungen führt, die einem kleinen Boot durchaus gefährlich werden können. (Auf der Karte oben hat Dikigoros die Grenzen der Meeresschluchten von Hand eingezeichnet; wenn Ihr ihm nicht glaubt, dann besorgt Euch eine Seekarte von der Gegend - aber dann fehlt Euch das Land ringsumher zur Orientierung.) Und was Hómäros da im einzelnen beschreibt, deutet ja durchaus darauf hin, daß die Skýllä ihre Opfer ins Wasser zieht und verschlingt, nicht etwa daß ein Felsen sie zuvor mit seinen Armen (welchen?) ergreift (und wie sollte er sie verspeisen?). [Woher Kírkä das mit dem Höhenunterschied weiß? Das schreibt Hómäros doch: weil man im flacheren Teil bis zum Grund hinab blicken kann, auf die "schwarzen Kiesel". Woher die schwarz sind? Sie kommen vom Vesuv!] Ca. 10 km östlich von Sant'Angelo, der Insel der Seiränen, gibt es eine Unterwasserschlucht von ca. 2 km Breite - da kommt ein kleines Ruderboot nicht heil durch. Die Idee ist nun, sobald man die Strudel bemerkt, nach Nord-Nordost abzubiegen und ca. 4 km parallel zur Wasserschlucht zu rudern. Am Nordende der Schlucht gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man hält sich jetzt wieder scharf östlich, wenn man nach der Strapaze noch die Kraft dazu hat (gegen die Strömung und gegen den Wind!), oder man läßt sich vom Wind (einem Ostwind - wie Hómäros etwas später ausdrücklich schreibt, gab es den ganzen Monat lang keinen anderen als den und den üblichen Südwind) ca. 3 km nach Westen treiben, bis man nach Thrinakíä gelangt. Macht das Sinn? Erst nach Osten zu schippern, und dann wieder zurück nach Westen? Es macht Sinn, liebe Leser, wenn man weiß, wo Thrinakiä liegt. Aber wer weiß das schon? Wer an die Geschichte mit der Straße von Messina glaubt, hat man ja reichlich Auswahl: von Malta über Linosa und Lampedusa bis nach Pantelleria war schon alles im Angebot. Dort herum zu spekulieren ist allerdings müßig, jedenfalls aus griechischer Sicht, denn das war alles fest in karthagischer Hand. Aber werft mal einen Blick auf den Grundriß der Insel Prochytä (das heutige Prócida), die exakt auf der Wegstrecke liegt, die Dikigoros eben ausgemacht hat. (Auch diese Karte ist nach Westen statt nach Norden ausgerichtet, Ihr müßt sie also wieder um 90° drehen.) Was die mit dem Sonnengott zu tun haben soll? Dikigoros weiß es nicht; aber die Einwohner scheinen es zu wissen: Sie nennen nämlich die Spitze des südlichsten der drei Zacken wie? Richtig: "Punta Solchiaro [Punkt der klaren Sonne]" - und das, obwohl vor Dikigoros niemand auf die Idee gekommen ist, dort Thrinakíä, die Insel des Sonnengottes aus der Odyssee, zu suchen. (Bis vor kurzem sollen dort sogar noch Rindviecher geweidet haben!). Und wie der Zufall (?) es will, liegt dieser südliche Zacken fast auf den Meter genau auf Höhe des Nordrandes der zuvor beschriebenen Unterwasserschlucht!

[Prócida, das alte Prochytä - die Insel 'Thrinakia' der Odyssee]

Exkurs. Es ist unglaublich, welch abwegigen sprachlichen Ableitungen Halbgebildete heutzutage folgen. Da verwechseln doch manche "Thrinakíä", die Dreigezackte, mit "Trinacria", dem alten, dreibeinigen Symbol Siziliens, und wollen ihre Lokalisierung auf diese vermeintliche "Ähnlichkeit" stützen. Aber Sizilien hat nicht die Form eines Dreizacks, sondern allenfalls die eines Dreiecks!

Immer wenn Dikigoros so etwas liest, spielt er mit dem Gedanken, solchen sprachlichen - und geometrischen - Irrtümern ein eigenes Kapitel seiner "Reisen durch die Vergangenheit" zu widmen, etwa mit dem Titel "Die Quadratur des Kreises", um all diese Albernheiten einmal gehörig zu zerpflücken, angefangen beim "Goldenen Ring" um Moskau, der gar kein Ring ist, über die "Goldenen Dreiecke" in Indien und Hinterindien, die gar keine sind (nicht zu vergessen das so genannte "Bermuda-Dreieck" und all die Hirngespinste, die sich damit verbinden :-) bis zur letzten Idiotie des indischen Verkehrs-Ministeriums, dem es den Namen "Goldenes Viereck" gegeben hat, und das darin besteht, ein neues, viereckiges Eisenbahnnetz quer durch Indien zu legen - statt die schon vorhandenen Strecken ordentlich auszubauen. Aber dann denkt er sich doch, daß es keinen Zweck hat, gegen Windmühlenflügel anzuschreiben und läßt es bleiben. Exkurs Ende.

* * * * *

Und Ωgygíä, die Insel der Kalypsó? Ja, wie kann man denn nur so blind sein? Schon mal von der Blauen Grotte auf Capri gehört? Und wo hat man nicht überall nach der famosen Grotte der Kalypsó gesucht... Und nach der Ziegeninsel... Was heißt "Capri" eigentlich wörtlich? Na was wohl: Ziegeninsel. Auf welcher anderen Mittelmeer-Insel gibt es übrigens noch die Flora und Fauna, die im V. Gesang der Odyssee beschrieben wird? Dikigoros wüßte keine. Und wie kommt man von Prócida dorthin? Ganz einfach: Wenn man sich mit den Bewohnern der Sonneninsel (oder "den Göttern" :-) gut stellt, werden die einem verraten, daß man nicht direkt weiter nach Osten rudern darf, sondern sich erstmal auf die Nordspitze ihrer schönen Insel begeben muß... Warum? Moment, das sehen wir gleich, denn wenn man sich statt dessen mit ihnen verkracht, weil man sich an ihren heiligen Rindern vergreift und beim nächten Westwind Hals über Kopf wieder abreist, dann gerät man erneut zwischen Skýllä und Chárybdis, denn dann stößt man auf die zweite, viel längere Unterwasserschlucht, die bis auf ca. 4 km zum Kap von Posillipo reicht, genauer gesagt bis exakt (wieder fast auf den Meter genau!) auf die Höhe des nördlichen Zacken der Sonneninsel. Es macht also durchaus Sinn, einen kleinen Umweg für den Abstecher zur Sonneninsel zu machen - eine bessere Orientierungshilfe für jemanden mit Odysseus' Fahrtroute kann es gar nicht geben! So aber geraten er und seine Viehdiebe just in die Strudel der zweiten Unterwasserschlucht und erleiden Schiffbruch. Allerdings hat Odysseus Glück im Unglück, denn er kann sich als einziger irgendwie über Wasser halten, und ganz plötzlich dreht der Wind, d.h. aus dem Westwind wird ein Südwind, der ihn an der Nordspitze der zweiten Schlucht vorbei trägt. (Hómäros beschreibt das völlig korrekt und für den, der diesen Zusammenhang durchschaut, auch logisch; aber da ihm selber dieser Zusammenhang offenbar unklar ist, läßt er Odysseus das Geschehen mit einem irreführenden Kommentar versehen.) Dann wird Odysseus von der Strömung durch den östlichen, flachen Teil des Golfs von Neapel nach Süden getragen. Nach neun Tagen und zehn Nächten kommt er auf Ωgygíä an. Von der Nordspitze der zweiten Unterwasserschlucht bis nach Capri sind es knapp 25 km, - das kommt zeitlich hin, im Gegensatz zu allem, was sich die Befürworter anderer Lokalisierungen ausgesponnen haben. Dort nimmt ihn die schöne Kalypsó für die nächsten paar Jahre auf. Und als Odysseus schließlich genug von ihr hat und heim zu Muttern will, läßt sie ihn ein Floß bauen. Von der Ostspitze Capris bis zum Festland, also zur Punta Campanella, sind es gut fünf Kilometer, das ist geschenkt, und von dort kann Odysseus am Ufer des Golfes von Salerno weiter fahren bis nach Poseidωnía.

[Blick von Capri zum nahen Festland] [Odysseus' Landung in Schería, antike Vase] [Odysseus' Landung in Schería, Gemälde von Rubens]

Allerdings geht es auch dort wieder nicht ohne Schiffbruch ab; aber der ist zu verschmerzen; Odysseus landet nämlich an einer Flußmündung, wird alsbald von drei schönen Maiden - eine davon sogar die Königstochter persönlich - gesichtet und zu Hofe geleitet. Hm... klingt das nicht reichlich merkwürdig, um nicht zu sagen märchenhaft? Und wie soll das zu Poseidωnía passen? Verlaßt Euch drauf, liebe Leser, es paßt - sehr gut sogar: Poseidωnía lag nämlich nicht direkt am Sele-Fluß - wo Odysseus offenbar landete -, sondern ein paar Kilometer weiter südlich. Direkt am Fluß lag vielmehr das Heraeum, das Heiligtum der Hära; und wer Dikigoros' Bericht über die Geschichte der Olympischen Spiele gelesen hat, weiß, daß dort nur Frauen zugelassen waren; und einem so bedeutenden Heiligtum stand natürlich nicht Lieschen Müller vor, sondern - Navsikáa, die Tochter des Königs. Die brachte ihn also zu ihrem Vater in die Stadt Poseidωnía - Hómäros erwähnt ausdrücklich den "schönen Poseidώn-Tempel" -, und da die Leute dort erfreulicherweise alle Griechisch sprechen (was auch sonst, da es doch eine griechische Kolonie war!), kann ihnen Odysseus gleich die Geschichte seiner Irrfahrten erzählen. Und zu guter Letzt bringen ihn die netten Faiaken - die ja die Handelswege in Unteritalien, pardon Groß-Griechenland, bestens kennen - zum Ufer der Adria, von wo aus er wie von Kírkä geplant in die Heimat zurück kehrt. Welche der Ionischen Inseln das nun genau war? Kérkyra (Korfu), Levkás, Kefalonia (bzw. dessen westlicher Teil Paliki) oder tatsächlich Ithákä? So richtig zu der Beschreibung, die uns Hómäros in der Odyssee gibt, passen sie ja (heute jedenfalls) allesamt nicht (mehr); aber das können wir, nachdem wir so weit gekommen sind, guten Gewissens dahin stehen lassen. (Bittlestone und Kollegen sollen ja auch noch etwas zu erforschen haben :-)

Und so lösen sich denn alle Probleme um die rätselhafte Route des Odysseus in Wohlgefallen auf: Wir haben ihn zu den wichtigsten Orten der alten griechischen Kolonisationsversuche im "westlichen" (nach heutigem Verständnis "mittleren") Mittelmeer begleitet, und überall paßt alles zusammen. Das zeigt mal wieder, daß man, wenn man von einem vernünftigen Ziel auf den Weg zurück schließt, oft weiter kommt, als wenn man "sine ira et studio" herum tappt, ohne zu wissen, wohin man eigentlich will. Odysseus jedenfalls wußte es genau - und Hómäros auch.

[Odysseus und die Seiränen]

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