SCIPIO DER AFRIKANER
("KARTHAGOS FALL")

Annibale Ninchi als Scipio Africanus
(und Camillo Pilotto als Hannibal)

Carmine Gallone: SCIPIONE l'AFRICANO
Mameli: "Fratelli d'Italia, l'Italia s'è desta
Dell'elmo di Scipio s'è cinta la testa . . ."

[angebliche Büste Scipios] [DVD-Cover mit Annibale Ninchi] [angebliche Büste Hannibals]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
DIE [UN]SCHÖNE WELT DER ILLUSIONEN

1937. Italien hat gerade mit Ach und Krach den Negus von Abessinien gestürzt und das Land, das bis dahin so störend zwischen seinen Kolonien Eritrea und Somalia lag, unter seinen "Schutz" gestellt. Deshalb behaupten auch böse Zungen, daß der Film, den Dikigoros Euch hier vorstellen will, vor allem zur Rechtfertigung jenes italienischen Abessinien-Feldzugs gedreht worden sei und überdies als Hommage an seinen Duce Benito Mussolini, der durch seinen Sohn Vittorio massiven Einfluß auf die Dreharbeiten genommen habe. Hm... ersteres mag ja sein; aber daß er Scipio nach seinem Ebenbild zeichnen ließ, hält Dikigoros denn doch für eine reichlich gewagte These. Der historische Scipio sah Mussolini tatsächlich ähnlich: Er war klein, dick und glatzköpfig - was hätte also näher gelegen, als ihn auch im Film so zu zeichnen, wenn man das gewollt hätte? Genau das wollten die Macher aber bewußt nicht. [Den Obermacher, Carmine Gallone, müßt übrigens auch Ihr, liebe deutsche Leser, kennen; er hat vor dem Krieg "Die letzten Tage von Pompeii" gedreht, und nach dem Krieg den dritten und vierten Film der italienisch-französischen Serie "Don Camillo und Peppone", Kult aller Anhänger des christ-kommunistischen "compromesso storico" (Dikigoros läßt hier das italienische Original stehen, damit sich jeder Leser selber aussuchen kann, ob er darin einen historischen Kompromiß oder eine historische Kompromittierung sieht :-) Und Ihr, liebe Musik- und Opernfreunde aller Nationen, müßtet seine Filme über Verdi und dessen wichtigste Werke kennen, u.a. "La forza del destino" - aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr.] Zwar wurde später kolportiert, daß ursprünglich gar nicht Annibale Ninchi die Titelrolle spielen sollte, sondern Fredric March oder Pierre Blanchar - aber auch die sahen weder Scipio noch Mussolini ähnlich. Eine ganz andere Frage ist die nach der Besetzung der zweiten Hauptrolle. Joachim Fernau, der große Cyniker und Populär-Historiker des 20. Jahrhunderts, hat sich in seinem Meisterwerk "Caesar läßt grüßen" als Hannibal-fan geoutet und nur zwei Dinge bedauert: erstens, daß er - wie Hitler - nicht skrupellos genug war, den Krieg vorzeitig für sich zu entscheiden, als er es noch konnte, und zweitens, daß seine einzige erhaltene Darstellung - die Büste, die Ihr oben rechts seht - offenbar nicht authentisch ist, da sie keinerlei semitische Züge aufweist - so stelle er sich vielmehr Hannibals römischen Gegenspieler, den Consul Fabius Cunctator (Mr. Bean den Zögerlichen) vor. Dikigoros darf ergänzen, daß er selber die bekannteste Darstellung Scipios - die Büste, die Ihr oben links seht - für nicht authentisch hält - so stellt er sich vielmehr den braven, saturierten Cicero vor. Das wahre Gesicht des Scipio - das eines harten, unerbittlichen Fanatikers - scheint ihm eher aus einer anderen Büste zu sprechen, und da wird die Ähnlichkeit zu Mussolini auch über die Statur hinaus gleich viel deutlicher. (Aber nehmen wir mal zu Scipios Gunsten an, daß er in jungen Jahren noch ein paar Haare auf dem Kopf hatte und auch sonst besser aussah, wenngleich vielleicht nicht so gut wie Annibale Ninchi - ist es nicht ein Treppenwitz der Filmgeschichte, daß ausgerechnet ein Schauspieler mit Namen Hannibal dessen größten Feind verkörpert hat? Aber was solls - Mussolini hieß mit zweitem Vornamen Amilcare, nach Hannibals Vater Hamilkar :-)

[Büste Scipios] [Fotografie Mussolinis]

Hätte Fernau den Film "Scipione" gesehen, wäre er wohl mit dem Regisseur zufriedener gewesen als mit dem Bildhauer der besagten Plastik; denn Camillo Pilotto wies - wiewohl er kein Jude war - ganz zweifellos die semitischen Züge auf, die Fernau von Hannibal erwartete; und man hatte nicht von ungefähr einen Schauspieler ausgesucht, der so aussah. Zwar hat man, da Italien 1943 brav umgekippt und zu den späteren Siegern des Zweiten Weltkriegs übergelaufen ist, nach dem Krieg behauptet (und einige so genannte "Historiker" behaupten es bis heute), der Fascismus sei - im Gegensatz zum deutschen National-Sozialismus - nicht anti-semitisch gewesen. Aber das ist schlicht falsch, obwohl die alliierten Zensoren alles getan haben, um die Beweise dafür zu vernichten. Auch das fascistische Italien hatte seine "Nürnberger Gesetze" - die allerdings viel strenger waren als die deutschen: Während es im Dritten Reich zum "Ariernachweis" ausreichte, die Taufe seiner Großeltern unter Beweis zu stellen (womit viele sefardische Juden überhaupt keine Schwierigkeiten hatten), ging es in Italien nach Rasse: Wer "semitische Züge" hatte war Jude, wer dunkle Haut hatte "Neger". (Man mußte auf die Hautfarbe abstellen, denn gerade die Abessinier haben ja nicht die typischen "Negernasen" und "Negerlippen", sondern fast europide Gesichtszüge.) Dikigoros vermutet mal, daß der echte Scipio im fascistischen Italien ob seiner Hautfarbe ernsthafte Schwierigkeiten bekommen hätte (Fremdrassige durften keine Offiziere werden), während Hannibal, wenn er ein Foto der besagten Büste in seinen Paß geklebt hätte, der Ariernachweis ohne weiteres gelungen wäre. Die italienischen Rassengesetze wurden allerdings erst 1938, also ein Jahr nach dem Film "Scipione", verabschiedet - was nichts daran ändert, daß man den Juden (den Nachfahren der Händler, die einst den Wohlstand Venedigs und anderer italienischer Stadtstaaten im Mittelalter begründet hatten) auch vorher schon wenig freundlich gesonnen war. Wenn Ihr Euch mal die - in der BRDDR bis heute verbotene - "völlig neu überarbeitete" 5. Auflage von Anton Zischkas "Italien in der Welt" vornehmt (einem Buch, das ganz aus italienischer Sicht geschrieben ist; der Böhme war - neben Kasimir Edschmid - unter den deutschsprachigen Autoren seiner Zeit sicher der beste Kenner und größte Fan Mussolinis und des Fascismus), dann werdet Ihr sehen, daß er darin ganz massiv gegen Hannibal und die Karthager vom Leder zieht: Das waren semitische Schacherer, die fremdrassige, gemietete Legionäre für sich kämpfen ließen - wie die Briten des 19. und 20. Jdahrhunderts -, grausam und primitiv (sie veranstalteten noch rituelle Menschenopfer) - wie die Eingeborenen Abessiniens. Und damit sind wir wieder beim Thema.

Da vermutlich nur wenige Leser diesen Film kennen (er ist z.Z. nur in einer englischsprachigen, kastrierten, pardon, stark gekürzten - von 115 auf 85 Minuten - DVD-Fassung im Handel, deren Cover Ihr oben mitte abgebildet seht) will Dikigoros hier erst einmal kurz den Inhalt skizzieren: Wir schreiben das Jahr 205 v.C., d.h. wir schreiben das heute so; die Römer bezeichneten die Jahre nach den Namen ihrer Consuln. [Das war elf Jahre nach dem Sieg Hannibals in der berühmten Schlacht von Cannae (das übrigens nicht in der Nähe Roms liegt, wie viele - auch Italiener - immer noch glauben, sondern auf halbem Weg zwischen Foggia und Bari), die uns dieser Film vorenthält bzw. nur im geschriebenen Vorspann kurz erwähnt; als Carlo Bragaglia 22 Jahre später seinen Annibale drehte, ließ er ihn just mit jener Schlacht enden - so unterschiedlich kann ein- und dieselbe Lebensgeschichte dargestellt werden!] Zum Consul hat man gerade den erst 31 Jahre alten Scipio iunior gewählt (der damals noch nicht den Beinamen "africanus" trug), zur Belohnung dafür, daß er die Punier aus Spanien vertrieben und dadurch auch ihre Verbündeten, die Makedonier, veranlaßt hatte, mit Rom Frieden zu schließen. Dennoch zögert der Senat von Rom, den nächsten Schritt zu tun, der nach Scipios Überzeugung nur sein kann: eine Invasionsflotte auszurüsten, nach Afrika überzusetzen und Karthago zu erobern. Als die Sesselpupser in der Quasselbude vor lauter Debattieren partout nicht zu Potte kommen wollen, hält es das gesunde Volksempfinden nicht mehr länger aus (merke: das "gesunde Volksempfinden" will immer Krieg!): Die Plebs stürmt das Parlament und nötigt die Senatoren, Scipios Vorschlag anzunehmen - nicht umsonst heißt es "Senatus populusque Romanus (SPQR) [Senile und Pöbel von Rom]". Unterdessen geht es in Karthago drunter und drüber: Während die brave römische Plebs zum Krieg drängt, ist das karthagische Volksempfinden offenbar nicht gesund, sondern vielmehr krank; denn die Truppen meutern, weil sie kriegsmüde sind. Jedenfalls die Infanterie; der Kavallerie gelingt es jedoch noch einmal, die Meuterei zu unterdrücken. Solche Probleme haben die Römer nicht: Die stechen von Sizilien aus mit Begeisterung und bester Disziplin (Italiener?!? :-) in See. Eigentlich hätten sie sich gar nicht so zu beeilen brauchen, denn die Karthager schaffen es schon selber, sich um die Ecke zu bringen. Sie haben da nämlich zwei tapfere Verbündete: die Numider-Häuptlinge Syphax und Masinissa. Der letztere überlegt eh schon seit geraumer Zeit, ob es für ihn nicht besser wäre, zu den Römern überzulaufen; da schnappt ihm zu allem Überfluß auch noch Syphax die karthagische Prinzessin Sophonisba (nein, nicht Salammbô - so heißt sie nur in Flauberts Roman) weg. Masinissa reagiert prompt: Er überfällt nachts das Lager des Syphax und murkst dessen Leute ab. Unterdessen streiten sich in der karthagischen Quasselbude der aus Italien zurück gekehrte Hannibal und die Parlamentarier, wer schuld sei an den jüngsten militärischen Niederlagen. Total frustriert und desillusioniert (nicht nur über die Senatoren, sondern auch über seine arische, pardon römische Sklavin Velia, die er vergeblich zu verführen sucht), tritt Hannibal zu seiner letzten großen Schlacht bei Zama an, ohne selber so recht an den Sieg zu glauben. Er verliert sie denn auch mit Pauken und Tompeten; Scipio ist der große Sieger und heißt fortan "Scipio africanus". Hannibal flieht, Sophonisba setzt den Kampf zunächst tapfer fort, nimmt aber schließlich angesichts der aussichtslosen Lage Gift - wie ein paar Generationen nach ihr Kleopátra (aber das ist eine andere Geschichte). Afrika gehört den Römern, amen.

Exkurs. Wenn Fernau und andere Deutsche seiner Generation diesen Film nicht gesehen haben, durch welches Medium ist ihr Hannibal-Bild statt dessen geprägt worden? Dikigoros will es Euch verraten: 1934 erschien ein "Roman" mit dem Titel "Hannibal" auf dem Büchermarkt. Sein Autor, Mirko Jelusich, war ein Landsmann von Colin Ross, Richard Katz und dem bereits erwähnten Anton Zischka, und er war vor dem Krieg der meist gelesene deutschsprachige Verfasser historischer Biografien. (Bereits seine Bücher über Caesar und Cromwell waren Bestseller geworden, und die über Herzog Heinrich den Löwen und Prinz Eugen von Savoyen, den "edlen" Ritter, sollten ebenfalls Erfolge werden; außerdem schrieb er Drehbücher für einen Film über Giovanni de Medici - den Euch Dikigoros in einem anderen Kapitel dieser "Reise durch die Vergangenheit" vorstellt - und einen über die Rothschilds - "Aktien auf Waterloo", der ihm die jüdische Hochfinanz zu Todfeinden machte und dessen Originalfassung von 1940 bis heute in der BRDDR verboten ist.) In seinem "Hannibal" zeichnete er - frei nach Livius - das Bild eines großen Kriegers und Staatsmanns, der am eigenen Edelmut scheitert, an der Ruchlosigkeit seiner Feinde und... am Parlamentarismus ("oder Demokratie, wie die Griechen das nennen", läßt er Hannibal an einer Stelle sagen), denn die Karthager halten an diesem kostspieligen Luxus auch im Kriege fest, während die Römer, aus Schaden klug geworden, bald einen Dictator auf Zeit berufen. (Bei objektiver Betrachtung ist diese Sichtweise schwerlich aufrecht zu halten: Das Parlament in Karthago lehnte die Entsendung weiterer Hilfstruppen nach Italien ab, weil sie in Spanien - längst wurde ein Mehrfrontenkrieg geführt - dringender gebraucht wurden; und mehr gab es halt nicht; daran hätte auch kein Diktator etwas ändern können. Warum Spanien wichtiger war als Italien? Weil es auf der iberischen Halbinsel karthagische Siedlungen gab, Kolonien und Städte - wie das heutige Cartagena, das heutige Cádiz und das heutige Málaga -, die man im Erfolgsfall auf Dauer hätte halten können, anders ein nur militärisch unterworfenes Land, wie es Italien im günstigsten Falle gewesen wäre.)

Wie vertrug sich diese Idealisierung Hannibals mit dem Anti-Semitismus des "Dritten Reichs"? Ganz einfach: Indem man, pardon indem sich heraus stellte, daß Hannibal und die Barkiden gar keine "echten" Karthager waren (die Büste schien es doch zu beweisen, außerdem bedeutete sein Name "Geschenk Baals", also des palästinensischen Gottes, mit dem die Juden ausweislich der Bibel so gar nichts am Hut hatten), sondern "ein Geschlecht von Löwen, das unter Hyänen gefallen ist" - voilà. (Aber nach Auffassung der Nazis war bekanntlich auch Jesus gar kein Jude, sondern Römer - das behauptete jedenfalls ihr Chef-Ideologe Alfred Rosenberg - der ja auch gar kein Jude war, trotz seines Names :-) Wurden Jelusichs Bücher deshalb 1945 von den alliierten Besatzern erstmal verboten? Wohl kaum; vielmehr dürfte die Schilderung des Gegensatzes in der Kriegführung (und der Nachkriegsbehandlung der Kriegsgefangenen) zwischen den Karthagern einerseits und den Römern andererseits allzu deutliche Parallelen zu den Deutschen einerseits und den Alliierten andererseits aufgewiesen haben. Dafür konnte Jelusich zwar nichts; aber man mußte - und muß - die deutschen Leser ja nicht gerade mit der Nase darauf stoßen - und genau das hätten die letzten Sätze, in denen Hannibal die grausamen Sieger verflucht, getan. Fast fünf Jahre lang hielt man Jelusich ohne Anklage gefangen; dann hatte er Glück, daß er vor ein sowjet-russisches Gericht kam, daß Stalin inzwischen seinen Cromwell gelesen hatte - er war in zwölf Sprachen übersetzt worden, u.a. ins Russische - und sich darin wiederfand: Jelusich wurde als erster vor einem sowjetischen Gericht angeklagter Deutscher nach dem Krieg frei gesprochen, ein unerhörter Vorgang, mit dem niemand ernsthaft gerechnet hätte. Es änderte nichts daran, daß Jelusich in den ihm noch verbleibenden 19 Lebensjahren keinen Erfolg als Autor historischer Biografien mehr hatte - obwohl er es noch ein paarmal versuchte, u.a. mit einem Buch über den Wendehals Talleyrand. Heute sind der böse "Anti-Demokrat" Jelusich und sein Buch über Hannibal vergessen. (Dikigoros hat es aus dem Nachlaß seines Großvaters, eine jener ärmlichen Kriegsausgaben auf schlechtem Papier, aber besser als gar nichts.) Dies in merkwürdigem Gegensatz zu "Salammbô", dem bereits erwähnten Machwerk des Franzosen Flaubert, denn dem Zeitgenossen der Dreyfus-Affaire mußte es doch erlaubt sein, die Karthager als Kindermörder und Menschenfresser darzustellen. Nein, das war kein Anti-Semitismus, sondern nur eine willfährige Wiederholung der antik-römischen Greuel-Propaganda, so wie sie ein paar Jahrzehnte noch einmal wiederholt wurde, als man den deutschen "Hunnen" anhängte, belgische Babies zu schlachten und am Spieß zu braten.

Wohlgemerkt: Es gab tatsächlich eine jüdische Tradition des Kinderopfers - das wußte Dikigoros schon lange bevor Ariel Toaff den Mut hatte, "Pasqua di sangue" zu schreiben (ein Buch, das unmittelbar nach seinem Erscheinen verboten wurde - und in der BRDDR selbstverständlich nie übersetzt werden dürfte). Es steht doch schon in der Bibel, daß sie am Osterfest den - angeblich von Jahwe persönlich begangenen - Mord an den Kindern ihres ägyptischen Wirtsvolks feiern. Und was glaubt Ihr denn, wie sie ihren Hungerzug durch die Wüste überstanden? (Egal ob sie dieser nun nach Palästina führte, oder, wie Kamal Salibi und seine Anhänger glauben, in den Yemen.) Lest doch mal 2 Mos. 16.13 - aber bitte nicht in der deutschen Übersetzung, die Luther gedankenlos aus der lateinischen Vulgata abgeschrieben hat, sondern in der griechischen Septuaginta. Steht da etwas von "Wachteln" oder "coturnix", die vom Himmel hernieder regnen? Woher denn? Weder Palästina noch der Yemen liegen auf der Vogelzugroute von Europa nach Afrika; und deshalb steht da ja auch nichts von "ortigo [Wachtel]", sondern von "ortygomätra", die nieder kamen; und das ist ein Beiname der Letoo, der wörtlich "Wachtelmutter" bedeutet. Richtig übersetzt: Die Juden haben ihre Neugeborenen geschlachtet und sich von ihnen ernährt. (Da die werdenden Mütter das wußten, versuchten sie wahrscheinlich, sich wie Letoo in der griechischen Sage zu verstecken; aber im Gegensatz zu der letzteren dürften sie in den wenigsten Fällen Erfolg gehabt haben.) Schockiert, liebe Leser? Aber wieso denn? Ohne diese "brutale" Maßnahme wären wahrscheinlich alle verhungert - die Erwachsenen, und dann auch die Kinder. Es gab auch im alten Karthago noch "religiöse" Kinderopfer für die blutrünstigen Götter; aber die gab es im alten Griechenland und im alten Rom auch. (Schon Kronos verschlang in der Mythologie seine göttlichen Kinder, und sein römischer Gegenpart Saturn ebenso; beiden wurden deshalb auch von den Menschen Kinderopfer dargebracht - die "Saturnalien" waren nicht immer bloß ein harmloser Karneval; es gibt sogar die These, daß der Name nicht von einem Karren in Schiffsform kommt, sondern von dem Fleisch der Opfer, das bei der Gelegenheit verschlungen wurde; aber das will Dikigoros hier nicht vertiefen. Er will nur noch erwähnen, daß die Römer ihren Saturn mit dem kanaïtischen Baal gleich setzten; und es wäre ja immerhin möglich, daß die Juden den u.a. wegen der ihm dargebrachten Menschenopfer ablehnten, als sie selber nach ihrer Wüstenwanderung allmählich etwas zivilisierter wurden.) Aber bevor Ihr Euch darob aufregt, denkt mal darüber nach, wie viele Kinder heutzutage dem alt-semitischen Gott Mammon geopfert werden - sogar schon vor der Geburt. Eine Gesellschaft, die so ihren eigenen Untergang auf "Krankenschein" finanziert, bescheinigt sich damit fürwahr, krank zu sein; und ihre obersten Gutmenschen haben kein Recht, mit politisch-korrekt erhobenem Zeigefinger hinunter zu blicken auf jene, die ab und zu mal ein Kind opferten und die überlebenden Kinder, wenn sie heran gewachsen waren, in den Krieg schickten. Was schrieb Herr Tucholsky - ein Nachfahre der Fönizier: "Soldaten sind Mörder"? Ja, bisweilen mag das stimmen, z.B. wenn sie aus Habgier nach Beute töten (und zwar nicht nur feindliche Soldaten, wie dies die Spezialität der Deutschen war, sondern auch wehrlose Zivilisten, wie dies die Spezialität der Alliierten war); aber dann sind Ärzte immer Mörder, wenn sie ungeborene Kinder töten, weil hinter jeder Abtreibung aus "sozialer Indikation" Habgier steckt. Exkurs Ende.

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Zurück zum Film. Da scheitert Hannibal wie gesagt nicht an mangelnder Skrupellosigkeit, auch nicht am Parlamentarismus, sondern einfach an der Dummheit der Krämerseelen in der Regierung Karthagos. Aber wenn er das erkannt hat, warum jagt er sie dann nicht zum Teufel und nimmt das Heft selber in die Hand? Die militärischen Mittel dazu hätte er doch wohl gehabt, oder? Gewiß, aber Hannibal war eine jener seltenen, zwiespältigen Gestalten in der Geschichte, die nicht nur Skrupel hatten, einen geschlagenen Gegner zu vernichten, sondern auch Skrupel, sich den Anweisungen ihrer eigenen Regierung so einfach zu widersetzen, und die diese Skrupel (beider Art) erst dann überwanden, als es zu spät war, so daß sie diese mit Tod oder Verbannung büßten und am Ende nicht nur bei ihren Gegnern und ihren "eigenen" Leuten, sondern auch bei den Historikern im Zwielicht standen. Ihr Charakterbild schwankt, wie es mal ein schwäbischer Dichter ausdrückte, in der Geschichte, weil niemand so genau weiß, ob sie nun eher Verräter waren oder Verratene - oder womöglich beides. Hannibal steht in einer Reihe mit Alkibiádäs, Stilicho, Wallenstein, Garibaldi und Wlassow. (Die meisten von ihnen sind auch Dikigoros nicht ganz geheuer, geschweige denn sympathisch; aber er findet sie zumindest interessant und würde sich nicht anmaßen, ein abschließendes Urteil über sie zu fällen.) Was haben sie gemeinsam, woher rühren ihre Skrupel? Was unterscheidet sie von jenen skrupellosen Generälen, Obristen, Hauptleuten und neuerdings sogar Sergeanten, die sich selber an die Macht putschten und deren Zahl Legion ist? Nun, Hannibal & Co. waren - anders als jene Typen von Cromwell über Napoleon bis Mobutu, die unter Bruch der Rechtsordnung, also als Ver-brecher, handelten (diesen Begriff will Dikigoros hier wohlgemerkt ganz neutral verstanden wissen, etwa so wie Nietzsche ihn in "Jenseits von Gut und Böse" gebraucht) - Soldaten von Beruf und aus Berufung, die legal an die Spitze ihrer Armeen gelangten, im Auftrag ihrer... ja, da fällt es Dikigoros schon schwer, das nächste Wort in die Tasten zu tippen. (Manchmal hat auch er so etwas wie Skrupel :-) Wem schuldet ein Soldat Loyalität und Gehorsam? Seinem Vorgesetzten natürlich. Aber wenn er selber der Oberbefehlshaber ist? Seinem Staat? Wer ist das? Seiner Regierung? Seinem Volk? Seinem Stamm? Seiner Familie? Seinem Regiment? Seiner Fahne? Seinem Fahneneid? Und wenn er erkannt zu haben glaubt, daß die Regierung dem Staat schadet, daß sein Volk einen anderen Staat wünscht, daß sein Regiment sinnlos verheizt wird, daß die Streitkräfte für einen aussichtslosen oder sonstwie verbrecherischen Krieg mißbraucht werden, ebenso die Fahne und der Eid?

Die beleseneren älteren Semester unter Euch werden vielleicht noch die Geschichte vom Prinzen von Homburg kennen, wie sie der pommersche Leutnant a.D. Heinrich v. Kleist zu Beginn des 19. Jahrhunderts nieder geschrieben hat (und die auch Dikigoros auf der Schule lesen mußte, weil sein Deutsch-Lehrer in Untersekunda ein großer Kleist-fan war), vom Offizier im Zwiespalt, der sich entscheidet, gegen die - als falsch und verhängnisvoll erkannten - Befehle seines Souveräns zu handeln, dadurch die Schlacht gewinnt, und dem hinterher ob seines Ungehorsams der Prozeß gemacht wird. Tröstet Euch, liebe Leser, diese Geschichte ist ein Märchen. (Wenn Ihr wissen wollt, wie es tatsächlich war, klickt den letzten Link an.) Aber stellt Euch vor, welchen Lauf die richtige Geschichte genommen hätte, wenn sein Urgroßneffe Ewald v. Kleist, diese Flasche, pardon dieser General, im Mai 1940 dem Befehl Hitlers zuwider gehandelt und seine Panzer einfach weiter auf Dünkirchen hätte rollen lassen. (Wenn er gleich gehandelt hätte, wäre ihm wohl selbst im Falle eines Mißerfolgs kaum etwas geschehen; denn ursprünglich kam der Befehl zum Anhalten gar nicht von Hitler, sondern von seinem Heeresgruppen-Kommandeur v. Rundstedt, der allen Ernstes fürchtete, die deutschen Panzer könnten überbeansprucht werden und enden wie Hannibals Elefanten beim Zug über die Alpen. Dem letzteren kann man daraus keinen Vorwurf machen - jedenfalls keinen moralischen, er war halt ein Cunctator, wie Fabius -, wohl aber dem Oberbefehlshaber des Heeres, einem gewissen v. Brauchitsch, und seinem Generalstabschef, einem gewisser Halder; denn die beiden sahen ganz genau, welche Chance da zu entfleuchen drohte, hatten aber Skrupel, selber zu entscheiden; sie fragten Hitler, und der sagte: erstmal anhalten, denn er hatte seinerseits Skrupel, die "rasseverwandten" Engländer zu vernichten. Und diese Pfeifen von Generälen hatten wiederum Skrupel, sich über die Befehle ihres Führers hinweg zu setzen - schließlich sollte er sie ja noch zu Feldmarschällen befördern). Oder stellt Euch vor, General Patton hätte sich 1945 über die Befehle seines Oberbefehlshabers Eisenhower und der Regierung in Washington hinweg gesetzt, seine Panzer bis nach Berlin rollen lassen und gleich weiter bis nach Moskau, um die Sowjets platt zu machen. Seine G.I.s und seine deutschen Gefangenen wären ihm wie ein Mann gefolgt - und vielleicht sogar Montgomery und seine Briten, die lange vor Churchill erkannt hatten, daß sie das falsche Schwein geschlachtet hatten. Aber auch Patton hatte Skrupel, und auch ihn kosteten diese Skrupel das Leben, denn er wurde ermordet, ermordet von dem Verbrecher-Regime, dem er wider eigene Überzeugung (er war ein großer Freund Deutschlands und ein heimlicher Bewunderer Hitlers und des National-Sozialismus), nur aus soldatischem Gehorsam, gedient hatte. (Eisenhower, der größte Verbrecher der Weltgeschichte, ließ ihn "verunfallen", als er ihm zu gefährlich wurde, denn er wollte in die Politik gehen, und auch die amerikanischen Wähler wären ihm wohl wie ein Mann gefolgt.) Die Summe all dieser Skrupel kostete nicht nur die Deutschen ihr Reich, die Völker der Sowjet-Union ihre Freiheit und die Juden ihre Holocaust-Toten, sondern auch - und das ist einer der größten Treppenwitze der Weltgeschichte - die "geschonten" Engländer ihr Empire. ("Und das ist ja auch gut so," pflegte Dikigoros' Doktorvater, der alte Cyniker, diesen Diskurs zu beenden.)

Was hat das alles aber nun mit Scipio und Hannibal zu tun? Um diese Fragen zu beantworten müssen wir erstmal einiges gerade rücken, was der Film "Scipione" schief darstellt, und über das auch Eure Geschichts- und Märchenbücher - so sie die Punischen Kriege denn überhaupt noch erwähnen - sich ausschweigen. Fangen wir mit der Vorgeschichte an und mit den Parallelen, die zwar immer wieder gezogen wurden - insbesondere seit den 1930er Jahren, jüngst in einer Fernsehproduktion anno 2005 -, aber gleichwohl falsch sind: Nein, man kann weder Rom noch Karthago - geschweige denn alle beide - im 3. Jahrhundert v.C. mit den Imperien der Anglo-Amerikaner im 19. und 20. Jahrhundert n.C. vergleichen, denn die Etrusker (und die anderen nicht-römischen Völker Italiens) waren keine Indianer-Stämme, die Nubier waren keine Arbeitssklaven der Karthager, die Briten gründeten nicht bloß Handelsstützpunkte (sonst gäbe es die USA ja gar nicht!), und die USA...? Schwer zu sagen, wohin die sich entwickeln, aber schwerlich zu einer echten Kolonialmacht. Was ist "echte" Kolonisation? Dikigoros hat das schon an anderer Stelle geschrieben, aber in diesem Falle wiederholt er sich gerne: Kolonisation ist Urbarmachung eines zuvor nicht oder nur dünn besiedelten Landes durch den Menschenüberschuß eines Volkes, das diesen zuhause nicht (mehr) ernähren kann, die daraus resultierenden Probleme aber weder durch Abtreibung bzw. Kindestötung noch durch Bruderkriege beseitigen will. Diese Art von "echtem" Kolonialismus beutet also kein fremdes Land aus - geschweige denn, daß er eine andere Kultur zerstört, sondern bringt ihm ganz im Gegenteil etwas: fleißige neue Menschen und deren Arbeitskraft, die oft sogar ausdrücklich in die zu kolonisierenden Länder gerufen wurden. Nun ja, was heißt schon "oft"; aber jedenfalls waren solche Fälle früher häufiger als man heute meinen sollte; erwähnenswerte Beispiele sind die indische Kolonisation Südostasiens (und später Ostafrikas), die deutsche Kolonisation Osteuropas und für kurze Zeit auch die japanische Kolonisation Taiwans, Koreas und der Mandschurei. Beispiele aus der Antike sind die griechische (genauer gesagt die ionische - denn die anderen griechischen Stämme haben auf diesem Feld nicht annähernd Gleichwertiges geleistet) Kolonisation der Westküste Kleinasiens im Osten und - Süditaliens ("Groß-Griechenlands") im Westen.

Und damit kommen wir zur einzigen echten Parallele zwischen dem 3. vorchristlichen Jahrhundert und dem 20. Jahrhundert - die Ihr bitte nur als Exkurs auffassen wollt, denn es ist eigentlich nur die Vorgeschichte der Vorgeschichte der "Punischen" Kriege zwischen Rom und Karthago: Die Griechen "Groß-Griechenlands" hatten wie gesagt Unteritalien besiedelt und es "kolonisiert". Damit saßen sie mitten zwischen den alliierten Supermächten in spe, dem dritten Rom (das erste hatten die Etrusker zerstört, das zweite die Kelten unter ihrem Brennus [Führer], dessen richtiger Name nicht bekannt ist, weil die doofen Griechen und Römer "Brennus" bzw. "Brennos" für einen Eigennamen hielten und als solchen überlieferten; es scheint ihnen nie aufgefallen zu sein, daß auch die Anführer aller anderen Kelten, die damals Europa und Kleinasien unsicher machten, sich so nannten :-) und dem zweiten York, pardon dem zweiten Tyros. ("Karthago" bedeutet nichts weiter als "Neustadt", ebenso wie die Hauptstadt Groß-Griechenlands, "Neapolis".) Wieso waren das Alliierte? Das ist eine gute Frage - Dikigoros stellt sie sich auch manchmal. Welcher Teufel ritt die Narren in Karthago, als sie der Union der sozialistischen, pardon römisch-lateinischen Republiken mit langen Geleitzügen übers Meer kostenlos Waffen, Munition und Lebensmittel zum Krieg gegen die Griechen lieferten? Ohne diese Lieferungen wäre der Krieg schwerlich so ausgegangen, wie er ausging: Trotz großer anfänglicher Siege unter ihrem Führer Adolphos Pyrrhos, die sie bis vor die Tore des dritten Roms gelangen ließen, unterlagen die Griechen nach fünfeinhalb Jahren schließlich der Übermacht, und mit ihnen wurde ihre gesamte Kultur in Süditalien ausgerottet; wer nicht gefallen war, wurde vertrieben oder deportiert (in den Geschichtsbüchern steht heute "umgesiedelt" - aber wie stellen sich die Autoren das wohl konkret vor?), kam als "Kriegsverbrecher" vor ein interalliiertes Militär-Tribunal und anschließend entweder vor den Henker, als Zwangsarbeiter ins Bergwerk oder - wenn er sehr viel Glück hatte - als Sklave in einen römischen Haushalt. Bald darauf gerieten die Alliierten untereinander in Streit um die Beute - und hier endet die Parallele vorerst, denn zum Glück gab es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts n.C. keinen 30-jährigen Krieg zwischen den Supermächten (der so genannte "Kalte Krieg" war gar keiner - diplomatische Spannungen gab und gibt es immer und überall), oder, umgekehrt ausgedrückt: unglücklicherweise gab es im 3. Jahrhundert v.C. noch keine Atombomben oder andere abschreckende Waffen, die ihn verhindert hätten.

Nein, es gab noch nicht mal Flugzeuge oder Panzer - das höchste der Gefühle waren Elefanten, und zwar nicht solche Ungetüme, wie sie sich fantasiebegabte Künstler späterer Jahrtausende vorstellten, sondern solche, die nicht viel größer waren als Pferde; sie gehörten einer heute ausgestorbenen Rasse an, die in Nordafrika heimisch war; das Gemälde oben rechts dürfte die Größenverhältnisse in etwa richtig darstellen. Ansonsten wurde zu Fuß marschiert, und auch das nicht besonders weit: Das Herrschaftsgebiet der Römer reichte nicht über die Ufer des Mittelmeeres hinaus (denn sie hatten bis 262 v.C. noch keine Flotte - ein weiterer Grund, weshalb alle Vergleiche mit den Angelsachsen des 19. und 20. Jahrhunderts hinken), und im Norden nicht über den Po. Schlachten wurden noch auf ganz altertümliche Art und Weise entschieden, im Kampf Mann gegen Mann, bisweilen kämpften sogar nur die Anführer gegeneinander. Das glaubt Ihr nicht, liebe Leser, die Ihr Euch nicht vorstellen könnt, daß etwa Rosenfeld und Weinstein gegen Adi und Benni mit dem Säbel in der Hand gefochten hätten? Und doch wären so viele Menschenleben gerettet worden! Noch 223 v.C. besiegte der römische Consul Claudius Marcellus den Gallier-Häuptling Virdumarix im Zweikampf und rettete so die Po-Grenze (da lag der Ausbruch des so genannten "Ersten Punischen Krieges" schon 41 Jahre zurück). Zwei Jahre später rufen die karthagischen Söldner in Spanien Hannibal zum Heerführer aus, und die Regierung in Karthago muß diese "Wahl" zähneknirschend bestätigen. Wieso "zähneknirschend"?

Es wird Euch vielleicht überraschen zu erfahren, liebe Leser, daß Hannibal in Spanien (und später in Italien) mehr oder weniger einen Privatkrieg führte ohne - z.T. sogar gegen - den Befehl der Regierung in Karthago. So war das schon bei seinem Schwager Hasdrubal gewesen und bei seinem Vater Hamilkar Barkas. (Die Regierung drückte freilich beide Augen zu, solange es gut ging; und wenn Ihr so wollt, dann liegt darin eine weitere kleine Parallele zu gewissen Ereignissen im 20. Jahrhundert, etwa der Besetzung Fiumes durch... nein, nicht durch Mussolini, sondern durch Gabriele d'Annunzio Anfang der 1920er Jahre oder der Besetzung großer Teile Chinas durch japanische Militärs Anfang der 1930er Jahre. Wenn es schief ging, wurden die Verantwortlichen hingerichtet, bei den Karthagern ebenso wie bei den Römern - bei den Japanern war das nicht nötig, die begingen schon selber Seppuku :-) Die "Punischen Kriege" dürft Ihr Euch nicht vorstellen wie reguläre militärische Auseinandersetzungen zwischen zwei Staaten, sondern eher wie einen Guerillakrieg zwischen zwei [See-]Räuberbanden: Sie überfielen abwechselnd die Städte der anderen, und als alles, das irgendwie lohnend schien, zerstört oder ausgeraubt war, schloß man erstmal Waffenstillstand. Das war 241 v.C. Die Karthager traten Sizilien an die Römer ab (das ihnen freilich gar nicht gehörte und eh nichts mehr wert, da völlig verwüstet war) und zahlten 3.200 Talente Silber an Reparationen. Warum? Nun, zwingende militärische Gründe gab es wohl nicht; aber die Karthager waren - anders als die Römer - kein Volk von Soldaten, sondern von Kaufleuten. Sie konnten nicht einfach Wehrpflichtige ausheben (zu Beginn des "Ersten Punischen Kriegs" zählte Rom knapp 300.000 waffenfähige Männer, am Ende des Zweiten nicht mal mehr die Hälfte), sondern mußten Söldner anmieten und bezahlen, zumeist Nubier oder Libyer. Das ging auf die Dauer ins Geld, da schien es billiger, Rom eine Abfindung zu zahlen und dafür seine Ruhe zu haben. Aber das war eine Milchmädchen-Rechnung, denn die Römer wußten schon, wie sie die Reparations-Zahlungen verwenden konnten (sie selber brauchten sie nicht, denn sie hatten keine Silber-, sondern noch eine Kupferwährung): Kaum war die erste Rate bezahlt, begann in Nordafrika der Aufstand der Söldner (wer die wohl bezahlt hatte :-) gegen Karthago, das unter diesem Druck auch noch Sardinien (das ihm ebenfalls nicht gehörte) an Rom "abtreten" mußte. (Korsika besetzten die Römer bei der Gelegenheit gleich mit.) So weit, so gut (für Rom) bzw. schlecht (für Karthago).

Aber bisweilen kann man ja Glück im Unglück haben: Karthago besaß einige tüchtige Felherren - vor allem aus der Familie, zu der auch Hannibal zählte) -, die sich alsbald auf die Ledersocken machten, um mit ihren Freikorps andere, schönere und reichere Gebiete zu erobern als den italienischen Stiefel: sie suchten und fanden sie auf der iberischen Halbinsel, wo sie Neu-Karthago (das heutige Cartagena) gründeten und sich mehr oder weniger von Alt-Karthago im heutigen Tunesien unabhängig machten. Als natürliche Grenze einigten sie sich mit den Römern auf - nein, nicht auf die Pyrenäen, die waren doch ganz leicht zu umgehen, an der heutigen Costa Brava entlang, sondern auf den Iberus (den heutigen Ebro). Nicht, daß sie dabei besonders zartfühlend vorgegangen wären: Sie unterwarfen die keltischen "Eingeborenen" ebenso brutal und rücksichtslos wie das die Römer in Italien taten (genauer gesagt im heutigen "Norditalien", das sie damals selber noch "Gallia cisalpina [Gallien diesseits der Alpen] nannten); als sich das bis Sagunt herum gesprochen hatte - das rund 250 km südwestlich des Ebro, also eindeutig innerhalb der karthagischen "Interessen-Sfäre" lag - stellten sich dessen Einwohner ausdrücklich unter römischen Schutz; die Römer gaben eine Garantieerklärung ab, und als Hitler Danzig besetze, begann der Zweite Weltkrieg, pardon, da ist Dikigoros eine Zeile aus einer anderen "Reise durch die Vergangenheit" in die Tastatur gerutscht; richtig muß es natürlich heißen: Als Hannibal (dessen Vater gefallen und dessen Schwager ermordet worden war) kurz nach seiner Machtergreifung (Dikigoros benutzt dieses Wort bewußt, weil er zwar an die 90% der Wählerstimmen im Heer bekommen hatte, aber diese "Wahl" natürlich nicht "demokratisch" war, denn was "demokratisch" ist, bestimmen die Römer als die späteren Sieger :-) Sagunt besetzte, begann der Zweite Punische Krieg - jetzt liegen wir zeitlich und sachlich richtig.

Es gab - und gibt noch immer - Leute, die Hannibal für den "größten Feldherrn aller Zeiten" halten - andere nannten jemand anderen so; Dikigoros wagt dies in beiden Fällen zu bezweifeln, aber die Parallelen erkennt er durchaus an. Zunächst einmal war Hannibals Ostfeldzug schon militärisch-strategisch blanker Wahnsinn: Statt an der ligurischen Küste entlang vorzugehen - was hätte er zu fürchten gehabt, wenn er wirklich solch ein genialer Feldherr gewesen wäre? - zog er über die Schnee bedeckten Alpen - angeblich, um die Römer zu "überraschen"; aber deren Spione fanden das natürlich bald heraus und lachten sich ins Fäustchen: Das karthagische Heer, das für dieses Unternehmen in keiner Weise ausgerüstet war, verlor im Kampf gegen General Winter fast die Hälfte seiner Mannschaft und alle Elefanten bis auf einen. Daß Hannibal danach dennoch einige Schlachten gegen die Römer gewann - vor allem die so berühmt gewordene bei Cannae - und es, wie Pyrrhos, bis vor die Tore des dritten Roms (was übrigens auf Lateinisch "apud portas" heißt, nicht "ante portas", wie man es meist falsch zitiert findet) schaffte, verdankte er einer Mischung aus eigenem Glück (das manche auch "taktisches Geschick" nennen) und Unfähigkeit seiner Gegner. Weit schwerer wog freilich seine eigene diplomatische Unfähigkeit. Wie Pyrrhos vor ihm - und Spartacus nach ihm - wußte er nicht so recht, was er eigentlich wollte: Die Römer besiegen, na klar - aber was dann? Die von Rom unterjochten Völker und Stämme befreien? Einige, die das hofften, hatten ihn anfangs als Befreier begrüßt und sich ihm angeschlossen. (Entschuldigt bitte, liebe Leser, aber Dikigoros hat diese Parallelen zum 20. Jahrhundert nicht gemacht - sie sind einfach da.) Er siegte und siegte und siegte... dann kam Scipio.

Wer war dieser Scipio? Eignete er sich überhaupt zum Helden? Und vor allem: War er von dem Stoff, aus dem Leinwandhelden gemacht werden? Da dies das erste Kapitel dieser "Reise durch die Vergangenheit" ist, will Dikigoros etwas weiter ausholen. Er schreibt an anderer Stelle über die so genannten National-Helden und -Heiligen und über ihre Unter-Kategorien, die - echten und falschen - Helden des Schlachtfelds und die - echten und falschen - Heiligen des Zivillebens. Natürlich kann ein Drehbuchautor aus jeder dieser Kategorien für sein Filmspektakel schöpfen - aber nicht jeder dieser "Helden" und "Heiligen" taugt für die Leinwand. Selbst wenn er, wie im Idealfall, in alle drei Kategorien zugleich paßt, muß noch jenes Moment der Dramatik und/oder Tragik hinzu kommen, ohne das die Zuschauer[innen] die Kinosäle nicht füllen, und das ganz eigenen Gesetzen folgt. Nicht wahr, Fabius Cunctator hat durch seine kluge Hinhalte-Taktik zum Sieg im Zweiten Punischen Krieg viel mehr beigetragen als jeder andere Römer, aber niemand käme auf die Idee, aus ihm einen Leinwand-Helden zu machen - und kein Schauspieler würde sich um eine solche Rolle (und sei es auch nur als Nebenrolle :-) reißen. Es genügt auch nicht, glorreiche Siege mit überlegenen Waffen oder gegen einen unterlegenen Gegner zu erringen - sonst wäre z.B. Truman für die siegreiche Beendigung des Zweiten Weltkriegs durch die Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zum Helden geworden. Auch Dikigoros' persönliche Definition des "Helden" ist nicht Kino-tauglich: Jemand, der ein politisch sinnvolles Ziel erreicht durch einen persönlich geführten militärischen Einsatz, bei dem auf beiden Seiten möglichst wenig Verluste entstehen, bringt das Publikum um das Vergnügen, Blutvergießen zu sehen, möglichst auch das des "Helden" selber. Und es muß eine "Entwicklung" geben: Jemand der von Anfang an immer nur gewinnt - sei es auch stets "against the odds" - wäre langweilig; am Anfang oder Ende - oder sowohl als auch - müssen Niederlagen stehen. Extra-Punkte gibt es, wenn der Betreffende ins kalte Wasser geworfen wird, sei es des Krieges, sei es der Politik - oder sowohl als auch - und sich dabei gleich als exzellenter Schwimmer erweist. Und die Tragik? Nun, da reicht zur Not der Tod auf dem Schlachtfeld, aber noch besser ist es, wenn das Vaterland seinen Helden statt mit Dank mit Neid und Mißgunst "belohnt" und ihn entweder ermordet ("hinrichtet", in den "Selbstmord" treibt usw.) oder - was in der Antike als noch schlimmeres Los galt - aus der Heimat verbannt, d.h. ins Exil zwingt, und sein Andenken in den Schmutz zieht, wie es schon in der Antike immer wieder geschah, von A wie dem Griechen Alkibiádäs bis Z wie dem Sieger von Zama (und wie es auch in unserer ach-so-modernen Zeit noch geschieht, wenn Ihr Dikigoros dieses kleine "PS" gestatten wollt, von Patton bis Skorzeny - die in seinen Augen die einzigen echten namhaften Helden des Zweiten Weltkriegs waren).

Bei den Römern und den US-Amerikanern - also den beiden erfolgreichsten imperialistischen Nationen der Geschichte - gab bzw. gibt es eine in anderen "westlichen" Ländern unübliche Verquickung militärischer und politischer Karrieren: Wer in die Politik gehen will, muß sich zuvor als Soldat bewährt haben - und das ist auch gut so, denn nur dann weiß er, was der Tod auf dem Schlachtfeld bedeutet und wird sich als Politiker in der Wahl kriegerischer Mittel als letzter Alternative eher zurück halten als ein ungedienter Zivilunke im Elfenbeinturm, für den Tote nur eine Ziffer auf einer Verlustmeldung sind. Man kann trefflich streiten, welche Erfahrung zuerst da sein sollte, die militärische oder die politische: In den USA mußte man erst General werden (oder als Schauspieler einen gemimt haben), dann hatte man gute Chancen im Wahlkampf; bei den Römern war es - normalerweise - etwas anders: Wenn Papi Politiker war (es gab jeweils ein rundes Dutzend "patrizischer" und "plebejischer" Adels-Familien, die dieses Privileg unter sich aufteilten - unsere heutige Vorstellung der "Plebejer" beruht auf einem Mißverständnis; sie waren ebenso wenig Vertreter der Interessen der "Plebs" wie die Betriebsräte von VW - oder andere Gewerkschaftsbonzen - Vertreter der Interessen der Arbeiter sind), konnte der Sohn mit 18 Jahren gleich als Militär-Tribun (Stabsoffizier) in die Armee eintreten; und wenn er sich dabei seine ersten Sporen verdient hatte, die so genannte Ämter-Laufbahn durchlaufen, die ihn, wenn er Glück hatte, bis zum Consulat führte. So steht es jedenfalls in unseren Geschichtsbüchern, aber das ist eine verzerrte Perspektive: Die Consuln (es gab immer zweie gleichzeitig) waren nur Marionetten auf Zeit, nicht einmal wie die heutigen Kanzler und [Minister-]Präsidenten auf vier oder fünf Jahre, sondern nur auf ein Jahr; ihr Einfluß wird heute meist erheblich überschätzt. Falsch eingeschätzt wird auch die Rolle der so genannten "Pro-Consuln", von denen man glaubt, sie seien sozusagen Pensionäre, die sich mit einer schönen Pfründe aufs Altenteil zurück gezogen hätten. Das Gegenteil ist richtig: Das "Altenteil" für abgehalfterte Politiker war damals wie heute das oberste Parlament, die Quasselbude des Imperiums (Politik wurde anderswo gemacht, damals in den Familien, heute in den Parteien), mit dem einzigen Unterschied, daß die für Italien zuständige heute in Brüssel liegt und damals in Rom. Consul konnte jeder Trottel mal für ein Jahr werden; die Krönung der politischen und militärischen Laufbahn war das Pro-Consulat in einer Provinz, wo der Betreffende für mehrere Jahre oberster Feldherr, Richter, Verwaltungs- und vor allem Finanzbeamter war. Danach war man tatsächlich saniert und konnte sich nach seiner Rückkehr auf einen höchst angenehmen Lebensabend freuen. Der war aber dann meist auch schon recht nahe, denn in Rom gab es den - sehr vernünftigen - Grundsatz, daß man politische Ämter erst als gestandener Mann, d.h. ab einem Alter von 40 Jahren, bekleiden durfte. [Frauen konnten viel früher an die Macht kommen - ganz einfach, indem sie mit 14 einen 40-jährigen heirateten, das galt als das beste Alter, obwohl sie es dem Gesetz nach schon ab 11 durften, aber das taten nur die ganz früh emancipierten; "Emanzipation" - auch so ein später oft mißverstandenes und mißbrauchtes Wort - bedeutete damals, von einem Ehemann aus der Vormundschaft des Vaters "befreit" zu werden.] Und die Lebenserwartung war noch nicht gar so hoch wie heute; man alterte schneller, und der Ärger ist, daß alternde "Helden" im Kino nicht so gut ankommen wie jüngere.

Gab es nicht auch Ausnahmen? Na klar gab es die: Wenn es in irgendeiner Provinz nicht mehr weiter ging, wenn im schlimmsten Fall sogar ein Krieg (oder, wie man heute sagen würde, eine "Befriedungsaktion" (durch) zu führen war, konnte man dort natürlich keinen ältlichen Consul a.D. gebrauchen, sondern nur jemanden, der mit ins Feld ziehen konnte und den damit verbundenen Strapazen gewachsen war. Als Scipios Vater und Onkel in Spanien gegen die Karthager gefallen waren und sein Bruder dort nicht mehr weiter wußte, machte man ihn schnell zum Pro-Consul (ohne daß er jemals Consul gewesen war, und auch als Militär-Tribun hatte er sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert, war u.a. an der Niederlage bei Cannae beteiligt und dem Tod nur durch Flucht entkommen - er war also in jeder Hinsicht "Nichtschwimmer"!) und schickte ihn dann als Pro-Consul nach Spanien - da war er gerade mal 25 Jahre alt. (In der heutigen Zeit wäre er Leutnant, bestenfalls Oberleutnant, bei irgend einem Ersatztruppenteil.) In fünf Jahren kämpft er die von Hannibals Bruder Hasdrubal geführten Karthager in Spanien nieder, dann kehrt er zurück nach Italien, wird nachträglich (aber immer noch viel zu früh, was sein Alter anbelangt) zum Consul gewählt und beschließt ein Jahr später, da er Hannibal in Italien nicht stellen kann, in dessen Rücken die Eroberung Karthagos. Er stellt eine riesige Invasions-Flotte zusammen, landet bei Utica und schlägt die Karthager - deren Söldner-Truppen z.T. die Seiten wechseln - die daraufhin um Waffenstillstand bitten, aber nur, um Hannibal aus Italien zurück zu rufen, damit er den Kampf noch einmal aufnimmt. Bei Zama treffen er und Scipio auf einander. Um endlich die Entscheidungsschlacht zu schlagen? Nein, liebe Leser, und nun wird es interessant, denn die Quellen... schweigen! Livius - der sich ansonsten auf Polybius beruft - schreibt, er wisse nicht genau, warum und um was dort verhandelt worden sei. Hannibal habe wohl um Frieden gebeten, aber die karthagische Regierung habe Scipios Bedingungen nicht akzeptieren wollen, so daß es zur Schlacht von Zama gekommen sei, die Hannibal verlor. Aber warum ließen sich die beiden Feldherren zuvor überhaupt auf eine Verhandlung ein? Hannibal tat es doch offensichtlich gegen den Willen seiner Regierung, die den Waffenstillstand längst gebrochen hatte. Und Scipio, dessen Truppen denen Hannibals qualitativ und quantitativ haushoch überlegen waren - warum schlug der nicht einfach zu? Wartete er auf Verstärkungen aus Italien (die unterwegs waren)? Aber derer bedurfte er wie gesagt gar nicht; vielmehr mußte er fürchten, seinen Feldherrenruhm mit irgend einem Nachzügler teilen zu müssen. Wir dürfen also spekulieren, und dafür müssen wir uns anschauen, wie es weiter ging. Nein, nicht mit Karthago, das alsbald kapitulierte, sondern mit Scipio selber. Er bekam - wie nicht anders zu erwarten - einen Triumfzug, ein zweites Konsulat und einen Triumfbogen (und den Beinamen "Africanus"). So nebenbei erfahren wir, daß er 123.000 Silberdenare Beute aus Afrika mitbrachte (von denen er jedem seiner Soldaten großzügig... gar nichts abgab; die bekamen vielmehr 400 Kupferstücke pro Nase, also insgesamt nicht mal einen Bruchteil), die er nicht von der karthagischen Regierung haben konnte, denn die mußte den Staatsschatz vollständig als Reparation an Rom abführen. Jahre später wurde er vor dem Senat angeklagt, weil er dem Selevkidenkönig Antiochus - zu dem Hannibal geflohen war und der den Römern Griechenland streitig machte - einen zu milden Frieden gewährte, nachdem der ihn mit einer vergleichbaren Summe bestochen hatte. Scipio ließ sich Krieg und/oder Frieden also gegen bare Münze abkaufen. Na und? Ist es nicht gescheiter, auf einer solchen Basis Frieden zu schließen, als erst alles zu zerstören und dann einen harten Frieden zu diktieren? Auch Karthago hätte wahrscheinlich leichtere Bedingungen erhalten können, wenn seine Sesselpupser nicht Hannibals Versuch, sie vor Zama auszuhandeln, konterkariert hätten. (Hannibal floh übrigens weiter nach Armenien, wo er Selbstmord beging, um nicht den Römern lebend in die Hände zu fallen.)

Ja, Armenien war weit weg von Rom; aber wie Livius - und im Anschluß an ihn Jelusich - Scipio zu Hannibal sagen läßt: Rom hatte nie einen Krieg angefangen, um irgendwelche Gebiete zu erobern, sondern immer nur, um seinen tapferen Verbündeten gegen böse Feinde beizustehen, sie zu retten, zu befreien und was der schönen, edelmütigen Dinge sonst noch sind: Im ersten Punischen Krieg hatte es Sizilien befreit, im zweiten Punischen Krieg Sagunt, und jetzt half es Pergamon gegen die Armenier, das war gut und gerecht. Erinnert Euch das an etwas, liebe Kinder des 20. Jahrhunderts? Kennt Ihr nicht auch Nationen, die stets nur nach jener menschenfreundlichen Maxime handeln? 2222, pardon 2226 Jahre nach Hannibals Tod behauptete ein ehemaliger Erdnußfarmer, der zwischenzeitlich auch mal einer jener Nationen als ConsulPräsident vorgestanden hatte (seine größte Pleite als solcher hatte er just gegen den Nachfolger des Selevkidenreichs erlitten), deren Politik habe sich jüngst sehr zum Schlechteren gewandelt: Nun beginne sie schon vorbeugend Kriege gegen Staaten, von denen sie selber gar nicht direkt bedroht werde - das habe es früher nie gegeben. Nun wissen wir es also endlich: Mexiko, Spanien, Deutschland, Korea, Vietnam und viele andere, kleinere Staaten, hatten die USA im 19. und 20. Jahrhundert direkt bedroht, die darob in Notwehr Verteidigungskriege gegen sie führen mußten; dagegen war der Angriff auf das World Trade Center zu Beginn des 21. Jahrhunderts kein direkter Angriff auf die USA, sondern... nun, dieses Rätsel zu lösen überläßt Dikigoros wohl besser den Erdnußfarmern. Nein, weiter gehende Parallelen will er nicht ziehen; denn Hannibal und Scipio erlebten den "dritten Punischen Krieg" der Römer ja nicht mehr mit; und sie konnten ihn eben so wenig vorher sehen wie Carmine Gallone den Ausbruch des Zweiten WeltVerteidigungs-Kriegs der Angelsachsen zwei Jahre nachdem er diesen Film in die Kinos gebracht hatte.

Nachtrag: Scipios Ruhm überdauerte den Untergang des Fascismo. Bereits im 19. Jahrhundert war er zum "Nationalhelden" ausgerufen worden - und damit Garibaldi knapp zuvor gekommen: 1847 schrieben zwei junge Italiener ein Lied für ihre italienischen Brüder (das übrigens anderen blutrünstigen Machwerken jener Zeit - etwa der Marseillaise - in nichts nachstand). Es feierte als seinen Helden Scipio, dessen Helm sich der brave Italiener wieder aufsetzen sollte, wenn er in die Schlacht gegen seine Feinde zog - damit waren die bösen Österreicher gemeint, und da das 1848 schief ging, wurde das Lied zunächst kein gar so großer Erfolg. (Merke: nur gewonnene Kriege sind populär!) Als aber die Italiener 1911 Libyen - einst ein Bestandteil des Reiches von Karthago - überfielenaus der türkischen Sklaverei befreiten, wurde es zum Lieblingslied seiner Soldaten. Nein, Mussolinis Fascisten mochten es nicht sonderlich; aber 1946 machten es die braven Republikaner zur "provisorischen" Nationalhymne Italiens - und nicht die zwölf Jahre jüngere "Garibaldi-Hymne" ("Es öffnen sich die Gräber, die Toten erheben sich, unsere Martyrer sind alle wiederauferstanden, mit dem Schwert in der Faust...") - und damit war auch die Vorentscheidung über den künftigen Nationalhelden gefallen, wenngleich Fratelli d'Italia erst im Jahre 2005 zur "endgültigen" Nationalhymne erhoben wurde (wobei Dikigoros nicht glaubt, daß die "italienische Nation" noch einmal so lange zusammen halten wird wie jenes Lied keine offizielle Nationalhymne war :-) und damit Scipio zum "endgültigen" Nationalhelden. Nebenbei wurde er auch noch zum "Pgfig" befördert. [Das hat nichts damit zu tun, daß er die Parteigenossen f...en soll, sondern ist die Abkürzung für "più grande fra i generali", auf Deutsch "GröFaZ" - größter Feldherr aller Zeiten.] Wenn Ihr dagegen heutige Italiener - oder US-Amerikaner, egal ob italienischer Abstammung oder nicht - fragen solltet, wer oder was ihnen zu "Annibale" oder "Hannibal" einfällt, dann werden sie Euch mehrheitlich den fiktiven Helden eines Horror-Romans und -Films nennen, dessen Titel - Das Schweigen der Lämmer - auch zur Geschichte jenes tragischen Helden gepaßt hätte, der es nicht fertig brachte, die römische Wölfin zum Schweigen zu bringen. Und so schweigen denn deren Opfer, denn die schriftlichen Überlieferungen der Karthager zu ihrer Historie haben die Römer ebenso gründlich vernichtet (merke: Der Sieger schreibt die Geschichte!) wie die Alliierten dies nach dem Zweiten Weltkrieg mit denen der unterlegenen Deutschen versucht haben - und immer noch versuchen. Spielen wir nicht die Lämmer, liebe Leser, schweigen wir nicht, und blöken wir auch nicht nach, was uns die Geschichten- und Märchenschreiber der Sieger - und deren Lakaien, von denen es in der BRDDR bekanntlich [viel zu] viele gibt - unter Ausnutzung ihres Medienmonopols von morgens bis abends (und Dank verlängerter Sendezeiten in Rundfunk und Fernsehen auch von abends bis morgens :-) vorlügen; sonst werden wir enden wie Hannibal und die Karthager!

Und noch ein Nachtrag. Dikigoros nimmt das, was er oben über die einzige echte Parallele geschrieben hat, mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Eigentlich glaubt er ja nicht an Zufälle; aber es gibt Ausnahmen, die die Regel bestätigen, nämlich dann, wenn es sich um bloße Zahlenspielereien handelt, zumal um solche, von denen die Zeitgenossen noch gar nichts wissen konnten. Er hat ja bereits an anderer Stelle berichtet, wann und wie unsere heutige Zeitrechnung entstand. Deshalb ist das, was nun folgt, lediglich ein Treppenwitz der Weltgeschichte - aber ein doppelter, allerdings einer, der zu kurz ist, um ihm einen eigenen Abschnitt im diesbezüglichen Kapitel seiner Reisen durch die Vergangenheit zu widmen, also will er das hier in zwei Absätzen nachholen. Als die Römer in dem Jahr, das wir heute "146 v.C." nennen, Karthago bis auf die Grundmauern zerstörten, glaubten sie, es endgültig vernichtet zu haben. Aber in der Geschichte gibt es kein "endgültig". In dem Jahr, das wir heute "146 n.C." nennen, wurde im längst wieder aufgebauten Karthago ein Mann namens Septimius geboren, den einige politisch-korrekte Berufshistoriker heute als "Schwarzafrikaner" bezeichnen. (Dikigoros erwähnt das nur, weil heute unter gewissen "Historikern" ein erbitterter Streit um die Frage herrscht, ob etwa auch Hannibal ein Neger war oder nicht oder doch.) Tatsächlich war er Punier - nach zeitgenössischen Quellen lernte er nie, Lateinisch und Griechisch ohne semitischen Akzent zu sprechen. Nachdem er sich ein paar Jahrzehnte später an die Macht geputscht hatte, ruinierte er zuerst die römischen Staatsfinanzen von Grund auf (unter ihm überstiegen die Militärausgaben erstmals die Gesamteinnahmen des Staatshaushalts), dann begründete er eine Dynastie, die wir heute die der "Severer" nennen. Manche Naïvlinge glauben, daß es sich bloß um eine Reihe von Adoptivkaisern handelte, denn schon in der 3. Generation kamen ja "Syrer" hinzu. Aber tatsächlich waren die Adoptierten entfernte Verwandte des Puniers - "Judaea" war ja nach dem Aufstand, über den Dikigoros im Link zur Zeitrechnung ausführlich berichtet, aufgelöst und der Provinz Syria zugeschlagen worden. Als jene Dynastie endete - in Mord und Totschlag, wie sie begonnen hatte - hatte sie Rom nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch, sozial und moralisch ruiniert, nicht "endgültig", aber so nachhaltig, daß es sich bis zum Ende des "Imperium Romanum" nicht mehr davon erholen sollte. (Seht Ihr, liebe Anti-Semiten, deshalb ist der Anti-Zionismus eine Schnapsidee; er führt bloß dazu, daß die Juden sich woanders hin begeben und dort bittere Rache nehmen!) Nun ja, letztlich ist es wirklich bloß ein Zufall, daß wir hier zweimal auf die Zahl "146" gestoßen sind. Von den letzten Geldern, die er noch nicht verbraten hatte, ließ sich Septimius übrigens in Rom einen Triumfbogen bauen, der heute noch steht.

Anno 1961, pardon, da hat Dikigoros sich doch glatt vertippt, 1619 muß es richtig heißen, importierten die USA, pardon, die gab es ja noch gar nicht, importierte die Kolonie Virginia, so muß es richtig heißen, ihren ersten Negersklaven aus Afrika. Nicht aus Ostafrika, sondern aus Westafrika, wie das so üblich war. Anno 1961 - diesmal ist es richtig, aber auch das ist wirklich bloß ein Zufall - wurde im schönen Kenya, pardon, das gab es ja noch gar nicht, wurde in der Kolonie British East Africa, so muß es richtig heißen, einem Negerhäuptling vom Stamme der Luo ein Sohn namens Barry geboren - der seinen Namen später als überzeugter Muslim in "Barack" änderte. Nachdem dieser ein paar Jahrzehnte später mit Hilfe einer gefälschten Geburtsurkunde an die Macht gekommen war, ruinierte er zuerst die US-amerikanischen Staatsfinanzen von Grund auf, dann... aber den Rest könnt Ihr 1:1 aus dem vorigen Absatz sinngemäß übersetzen; Dikigoros will sich hier nicht wiederholen.


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