*Ein scheinbar ganz simpler, eindeutiger Satz, der indes gleich mehrere Anmerkungen erfordert:
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Indien gab am 03.05.2013 eine Briefmarke zu seinem 100. Geburtstag heraus. (Man darf aber wohl davon ausgehen, da� sie blo� nicht rechtzeitig zum 13.10.2011 fertig wurde :-)

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Im Ausland wird sein Nachname meist "Ganguly" geschrieben. Das ist falsch. Einen Harf [so nennt man ein Silbenzeichen in der Dewnagrī-Schrift] "ly" gibt es nicht. Man k�nnte zwar theoretisch eine Silbe "lya" bilden (aus "l[a]" + "ya"), aber in der Praxis tut man das nicht, sondern man bildet allenfalls ein "lyā", mit langem, deutlich h�rbaren Endungs-"a", und ein solches liegt hier ja nicht vor. Die - von den Briten verbrochene - Schreibung auf "y" f�hrt dazu, das Endungs-"i" kurz auszusprechen; tats�chlich ist es lang und betont und schreibt sich "ī" (mit nach rechts angebundenem Verl�ngerungsstrich; das kurze, unbetonte "i" wird zwar - anders als das kurze, unbetonte "a", das meist stumm ist - immer mitgesprochen, aber v�llig anders geschrieben, n�mlich nach links angebunden). Warum Dikigoros von "verbrochen" spricht? Weil die Briten da inkonsequent sind: Sonst transkribieren sie das indische "ī" n�mlich "ee" - wenn schon anders als im Original, dann sollte man es wenigstens einheitlich machen! Beides - sowohl das rechts angebundene "ī" als auch dessen englische Transskription "ee" - kann man sehr sch�n auf dem Filmplakat zu "Dīdār" von 1951 sehen. (Daf�r bildet Dikigoros die Dinger ja ab :-)
Statt "ān" k�nnte man auch "ā"+Anuswar (Nasalierungstilde) schreiben - Dikigoros schreibt �ber diese kleine Inkonsequenz der Dewnagrī
an anderer Stelle
mehr (dort Fu�note 1). Er hat die erstere Schreibweise gew�hlt, da er die letztere in lateinischen Buchstaben nicht darstellen kann.
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Bisweilen liest man, er sei in Bengalen geboren; aber auch das ist falsch: Bihār war seit Lord Curzons "Bengalischer Teilung" anno 1905 von Bengalen getrennt und wurde auch nach der teilweisen Revision dieser Teilung diesem nicht wieder zugeschlagen. Allerdings war Kumāras Mutter Bengalin; Bengalisch war also seine Muttersprache, mit der er aufwuchs - nach eigenem Bekunden sprach er keine andere, bis er auf dem College Englisch lernte. Sehr glaubhaft ist das nicht, denn in Bihār wurde und wird Standard-Hindī ("Khaŗi Boli") gesprochen, und in dieser Sprache wurden auch die meisten Filme in Bombay gedreht. (Der "Bambaiya" genannte Dialekt ist eine Mischung aus Hindī, Englisch, Marāthī und Gujrātī - den in Filmen aber f�r gew�hnlich nur die B�sewichte sprechen :-)
Nachtrag: Jemand hat Dikigoros gemailt, da� in B. noch immer - und erst recht zu Kumāras Lebenzeiten - Ãgikā gesprochen werde, ein altehrw�rdiges Idiom, das wahrscheinlich noch auf vor-arysche Zeiten zur�ck gehe. Khaŗi Boli spreche man nur "mit ausw�rtigen Touristen, die zum Schlangenfest kommen." Mag sein, aber es gibt keine Anhaltspunkte daf�r, da� auch Kumār jenes Idiom sprach.
**Auch seine Br�der wurden Schauspieler und drehten z.T. mit ihm zusammen; m�glicherweise geht darauf sein Spitzname "Dādāmunī [big brother/gro�er Bruder]" - im Ausland f�lschlich auch "Dadamoni" oder "Dada Moni" geschrieben, auf Bengalisch "Dādāmuni", mit kurzem "i" - zur�ck, unter dem er in Indien bekannt ist.
***Irgendwo las Dikigoros mal, da� "nur die Griechen" die Namen ihrer alten G�tter und Halbg�tter bis heute als Vornamen verwenden. Das mag f�r Europa zutreffen; in Asien tun das jedoch auch die Inder. Der Nachname schreibt sich auf Bengalisch "Kūmār" - mit langem "ū". Beides zusammen bildet das indische Pendant zu "Max Mustermann"; viele "Celebrities" nennen sich so, nicht nur Schauspieler, sondern auch - und vor allem - Sportler und sogar Politiker. Dikigoros ist nicht sicher, ob diese Praxis �lter ist als Kumudlāl Gāngulī; m�glicherweise wurde dieser Name erst durch ihn bekannt, und es wurde Mode, ihn zu imitieren. (Auch bei uns wurde ja der Name "Otto Normalverbraucher" durch einen Schauspieler -
Gert Fr�be
- popul�r, allerdings nicht als dessen Pseudonym, sondern durch die Rolle, die er 1948 in dem Film "Berliner Ballade" spielte :-)
****�ber das Zustandekommen dieses Engagements kursiert eine abenteuerliche Geschichte: Der eigentliche Hauptdarsteller soll mit Dewikā Rānī, der Hauptdarstellerin und Ehefrau des Produzenten Himānshu Rāy, "durchgebrannt" sein. Der habe die Rolle daraufhin kurzerhand mit seinem Labor-Assistenten Kumār besetzt. Sehr glaubhaft ist das nicht, denn Dewikā Rānī drehte den Film offenbar zuende und spielte auch sp�ter noch h�ufig mit Kumār zusammen in den Filmen ihres Mannes. Ausschlaggebend d�rfte vielmehr gewesen sein, da� sein Schwager Mukherjī sich f�r ihn aussprach.
*****Auch �ber diese Besetzung wird eine Episode verbreitet, wonach der deutsche Regisseur Kumār als Schauspieler im Allgemeinen und als Hauptdarsteller dieses Films im Besonderen f�r v�llig ungeeignet hielt und erst von Himanshu Rai mit sanftem Druck "�berredet" werden mu�te, ihn zu akzeptieren. Dabei hatte Osten v�llig Recht: Kumār sah nicht aus wie ein Brahman, Dewikā Rānī nicht wie eine Kastenlose, und �berhaupt waren die Rollen v�llig unglaubw�rdig: F�r gew�hnlich ist der Sohn eines Lebensmittelh�ndlers kein Brahman, und die Tochter eines Bahnw�rters keine Kastenlose; sie h�tten also von der Kaste her ohne weiteres heiraten k�nnen, ohne darob der sozialen �chtung zu verfallen. W�re Indien damals schon unabh�ngig gewesen, w�re der Film wahrscheinlich verboten worden; den britischen Kolonialherren jedoch kam der Film gerade recht, um Ressentiments gegen das Kastenwesen - das sie am liebsten zerst�rt h�tten - zu sch�ren; und sie sorgten daf�r, da� er �berall ungehindert gezeigt werden konnte. Kumār selber identifizierte sich mit der Filmgestalt in keinster Weise; seine eigene Ehe - die er im selben Jahr schlo� - war innerhalb seiner Kaste "arrangiert"; nach eigenem Bekunden hatte er die Frau, die seine Mutter sich als Schwiegertochter ausgesucht hatte, vor der Hochzeit nie gesehen. Dennoch (oder gerade deshalb :-) war die Ehe dem Vernehmen nach sehr gl�cklich und hielt, bis da� der Tod seiner Frau sie zwei Tage vor ihrer Goldenen Hochzeit schied.
******"Freiheit" - kein indisches, sondern ein persisch-arabisches Fremdwort (das "ż" als "j" mit Unterpunkt geschrieben und wie weiches/stimmhaftes deutsches "s" gesprochen) und ein gewagter Titel in jenen Tagen, denn das Motto "Āżād Hind" hatte sich auch die indische Unabh�ngigkeits-Bewegung unter
Subhās Chandr Bōs
auf die Fahnen geschrieben, die gegen die britische Kolonialherrschaft k�mpfte.

*******Wahrscheinlich w�re das ein anderer Film geworden, wenn... die Briten ihn nicht nach ein paar Wochen verboten h�tten, n�mlich
Sikãdar
(nein, nicht "Sikandar", auch wenn das heute meist so geschrieben wird - die Filmplakate sind eindeutig (auch das erstere - schaut nicht auf den englischen Titel oben mittig, sondern auf den indischen unten links):

Da der Film nicht direkt mit Kumār zu tun hat, widmet ihm Dikigoros lediglich eine Fu�note. Beginnen wir mit den Namen der Hauptpersonen. Sie - die Perserin - stellt sich gleich als "Rukhsāna" vor, was nur logisch ist, denn das Indische hat ja kein kurzes "o", den Namen "Roxana" kann es da also nicht geben. Er - der Grieche Makedone Grieche... Moment mal, warum eiert Dikigoros denn da so herum? Weil er nicht sagt, da� er aus Makedonien komme, sondern aus Griechenland [Yunani]. Aber das ist noch nicht das Interessanteste, sondern sein Name. Egal ob "Sikãdar" oder "Sikandar" geschrieben - beides ist falsch; man sagte vielmehr "Iskandar" - so noch immer in S�dostasien, und dorthin gelangte der Name ja wohl �ber Indien. Aber auch das sagt er nicht. Er stellt sich auch nicht griechisch vor, also als "Al�xandros", sondern vielmehr als... "Alexander"! Aber nicht etwa englisch ausgesprochen - also "�liks�ndar" -, sondern... deutsch! Nun, das allein w�re ja noch kein Grund, den Film zu verbieten - oder? Werfen wir also einen Blick auf die Handlung. Wer Dikigoros' Webseite �ber
"Alexander den Gro�en"
gelesen hat, wei�, was er pers�nlich von der Geschichte h�lt: Das ist Fantasie und Fantadu. Der Gro�e Aufschneider war nie in Indien, k�mpfte nie gegen einen "Poros", und er hatte auch nie etwas mit einer Roxana - schlie�lich war er schwul. Aber die Filmemacher wissen es besser: Alexander besiegt Puru (so hei�t "Poros" hier) und... begnadigt ihn nicht nur, sondern schlie�t sogar Frieden und Freundschaft mit ihm. Deutsche Griechen und Inder in Freundschaft vereint - das ging doch etwas zu weit, zumal mitten im Krieg! Drau�en standen sie vor den Kinokassen Schlange und skandierten ungeduldig
Gāndhīs
"Quit India!", "Azād Hind!" und andere politisch unkorrekte Parolen. Darum also das Verbot. Erst 1947, nach der Unabh�ngigkeit, kam der Film wieder in die Kinos und wurde erneut zum Renner, und noch einmal 1961, als Bhārat Goa besetzte und am Rande eines Krieges gegen Portugal stand. Er w�re vielleicht zum kommerziell erfolgreichsten indischen Film aller Zeiten geworden, wenn man ihn heute nicht kostenlos in der Tube anschauen k�nnte - die j�hrlichen Zugriffszahlen sind noch immer sechsstellig, trotz mehrerer Neuverfilmungen des Stoffs unter gleichem Titel. Vom Original gab es �brigens auch eine Synchronisation auf Farsi, die �hnlich erfolgreich war - im Iran waren die britischen Besatzer ja genauso beliebt wie in Indien -, und dort wurde er erst 1979 verboten; aber das ist eine andere Geschichte.
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