"Jeden Tag bin ich aufs neue dankbar, daß ich dies alles noch erleben durfte (...)
Immer mehr will die Erkenntnis mich ergreifen, daß wir (...) die Letzten sind,
vor einem großen Zeitumbruch stehen, wie am Ausgang des Mittelalters (...)
Der Weltlauf will in diesem Jahrhundert über so vieles hinwegschreiten (...)
Aber die Letzten zu sein, ist immer schön." (Die letzten Reiter, p. 183 f.)

Edwin Erich Dwinger

(1898 - 1981)


Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1898
23. April: Edwin Erich Dwinger wird als Sohn des Kaiserlichen Marine-Ingenieurs Heinrich Dwinger und seiner Ehefrau Elena ("Elly") - deren russische Eltern seit 1868 in Preußen leben - in Kiel geboren. Er wächst zweisprachig auf.

1908-14
Dwinger besucht die Oberrealschule in Kiel. Die Ferien verbringt er regelmäßig auf der Reitschule seines Onkels.

1914
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldet sich Dwinger freiwillig. Er wird dem 1. Hannoverschen Dragoner-Regiment zugeteilt.

1915
März: Dwingers Regiment wird an die Ostfront versetzt.
Juni: Dwinger wird schwer am rechten Oberschenkel verwundet und gerät in russische Kriegsgefangenschaft.

1919
Dwinger wird mit seinem letzten deutschen Dienstgrad - Fähnrich - in die "Weiße Armee" des Admirals Koltschak übernommen*, die im russischen Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki kämpft.

1920
Nach der Niederlage der "Weißen" flieht Dwinger über die Mongolei zurück nach Deutschland.
Er schreibt seinen ersten Roman, "Das große Grab".

1921
Dwinger übernimmt einen Bauernhof in Tanneck/Allgäu, wo er Pferde züchtet und Reitunterricht gibt.
(In allen Werken Dwingers fällt seine liebevolle Schilderung von Pferden auf - auch dort, wo sie nicht unbedingt zum Thema gehört.)

1926
Dwinger veröffentlicht "Korsakoff. Die Geschichte eines Heimatlosen".

1928
Dwinger veröffentlicht "Das letzte Opfer". Auch dieses Buch wird kein Verkaufserfolg, so daß "Die zwölf Räuber" zwar von Dwinger geschrieben, aber zunächst nicht veröffentlicht wird.

1929-1932
Dwingers Trilogie "Die deutsche Passion" (Elsa Brändström, dem "Engel von Sibirien" gewidmet - ursprünglicher Titel: "Sibirische Trilogie") - "Die Armee hinter Stacheldraht" (1929), "Zwischen Weiß und Rot" (1930) und "Wir rufen Deutschland" (1932) - in der er seine Kriegserlebnisse in Rußland schildert, wird zum Bestseller, der auch auf Englisch und Französisch erscheint; linksgerichtete und deutschfeindliche Kreise verhindern jedoch Pläne, ihm den Nobelpreis für Literatur zu verleihen.


1931
Dwinger veröffentlicht "Die zwölf Räuber" (Neuauflage 1954 unter dem Titel "Marita").
Dwinger erwirbt Gut Hedwigshof bei Seeg/Allgäu.
Er heiratet Waltraut, geb. Wien (Tochter von Wilhelm Wien, dem 1928 verstorbenen Nobelpreisträger für Fysik von 1911), mit der er ausgedehnte Reisen durch die Türkei, Griechenland und Nordafrika unternimmt.

1933
Januar: Reichspräsident Hindenburg beruft den Führer der NSDAP - als stärkster im Reichstag vertretenen Fraktion -, Adolf Hitler, zum neuen Reichskanzler; Dwinger zählt zu dessen bevorzugten Schriftstellern.

1933-34
Dwinger versucht sich an einigen Theaterstücken zu den altbekannten Themen seiner Romane ("Die Gefangenen" [später umgearbeitet zu "Die Namenlosen"], "Wo ist Deutschland?", "Der letzte Traum"), jedoch ohne ähnlichen Erfolg.

1935
Dwinger veröffentlicht "Die letzten Reiter", gewidmet Generalfeldmarschall von Mackensen, "dem letzten Reitergeneral des Großen Krieges". Es ist neben den Büchern Ernst von Salomons eines der bedeutendsten zeitgenössischen Zeugnisse über die Freikorps im Baltikum.**


November: Dwinger wird der Dietrich-Eckart-Preis verliehen.

1936
Dwinger veröffentlicht "Und Gott schweigt?", die Geschichte eines deutschen Kommunisten, der in Stalins UdSSR emigriert, sich dort zum Anti-Kommunisten wandelt und aus Überzeugung ins national-sozialistische Deutschland zurück kehrt.
September-November: Dwinger geht - zusammen mit Colin Ross - als Korrepondent der "Münchener Neuesten Nachrichten" nach Spanien. Aus seinen Berichten entsteht später das Buch "Spanische Silhouetten. Tagebuch einer Frontreise", das bedeutendste deutschsprachige Werk eines Augenzeugen des spanischen Bürgerkriegs auf Seiten Francos.


November: Dwinger wird als Untersturmführer (Leutnant) in die 15. Reiter-Standarte der SS aufgenommen.

1937
Mai: Dwinger wird Mitglied der NSDAP.
September: Dwinger wird zum Senator der Reichs-Kulturkammer (in der Nachkriegs-Literatur meist ungenau als "Kultur-Senator" oder "Reichs-Kultur-Senator" bezeichnet) ernannt.
Dwinger veröffentlicht das autobiografische Buch "Ein Erbhof im Allgäu".


1938
Februar: Dwinger wird zum SS-Obersturmführer befördert.

1939
Dwinger veröffentlicht - als Fortsetzung zu "Die letzten Reiter" - "Auf halbem Wege", ein Bericht über den gescheiterten "Kapp-Putsch" und die Kämpfe im Ruhrgebiet von 1920.***


1940
Dwinger veröffentlicht "Der Tod in Polen. Die volksdeutsche Passion", eine Chronik der Verbrechen Polens an seiner volksdeutschen Minderheit unter besonderer Berücksichtigung des "Bromberger Blutsonntags" vom 3. September 1939.

1941
Nach Beginn des Rußlandfeldzugs wird Dwinger Sonderführer**** und Kriegsberichterstatter bei einer Panzer-Division.

1942
Dwinger veröffentlicht "Wiedersehen mit Rußland. Tagebuch vom Ostfeldzug".

1943
Dwinger gerät in Gegensatz zur Ostpolitik des "Dritten Reichs", u.a. durch seine Kontakte zu dem russischen General Wlassow.

1944
Dwinger wird vorübergehend unter Hausarrest gestellt - dies rettet ihm nach der Besetzung Deutschlands durch die alliierten MörderBefreier das Leben.

1945
Dwinger läßt sich wieder auf Gut Hedwigshof nieder, wo er eine Reitschule betreibt, und betätigt sich "nebenbei" weiter mit Erfolg als Schriftsteller.


1946
Mai: Alle bisherigen Werke Dwingers werden von den alliierten Besatzern auf die "Liste der auszusondernden Literatur" gesetzt, er selber als Autor auf die "black list [schwarze Liste]".

1948
Juli: Dwinger wird in Füssen von einer "Spruchkammer" (einem der berüchtigten Sondergerichte zur "Entnazifizierung") als "Mitläufer" eingestuft und zu einer Geldstrafe ("Sühne") verurteilt.*****

1950
Dwinger veröffentlicht "Wenn die Dämme brechen", die Schilderung des Untergangs Ostpreußens im Russensturm 1944/45. Es wird sein erfolgreichstes Nachkriegsbuch.******


1951
Dwinger veröffentlicht "General Wlassow. Eine Tragödie unserer Zeit" (Spätere Neuauflagen mit den Untertiteln "Tragödie eines Rebellen" bzw. "Die Tragödie des Ostens").


1953
Dwinger veröffentlicht den Kosaken-Roman "Sie suchen die Freiheit - Schicksalsweg eines Reitervolkes".

1957
Dwinger veröffentlicht "Es geschah im Jahre 1965", die apokalyptische Schilderung eines Atomkriegs.


1966
Dwinger veröffentlicht "Die zwölf Gespräche 1933-1945", dem autobiografischen "Fragebogen" Ernst von Salomons nachempfunden, aber zu spät auf den Markt gekommen, um noch ein Bestseller zu werden.*******

1968
Januar: Das sowjet-hörigefreundliche Nachrichten-Magazin Der Spiegel veröffentlicht einen Hetz-Artikel gegen Dwinger als den "Erfinder des literar-patriotischen Anti-Sowjet-Sex", den es mit einigen ungenauen und aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten aus Dwingers Werken garniert.

1981
17. Dezember: Edwin Erich Dwinger stirbt in Gmund am Tegernsee.


1998
April: Dwingers 100. Geburtstag wird von den staatlich gelenkten Medien gänzlich ignoriert, obwohl - oder gerade weil - seine Werke von brennender Aktualität sind. Es sei nur an die - auf die herrschende Politikerkaste gemünzten - Worte erinnert: "Wie sie das Volk belügen, wie sie diese Kunst verstehen! Wenn man ihre Reden liest, die sie jeden Abend halten, hat Deutschland nie eine erfolgreichere Regierung, hat es nie tüchtigere Leute an der Spitze gehabt! Dabei haben sie so viel verdorben, wie nie eine Regierung vorher..." (Die letzten Reiter, p. 146) Lediglich die F.A.Z. veröffentlicht zwei Wochen später einen schwiemeligen Artikel über "Sibirien als deutsche Seelenlandschaft", in der Dwingers "Romane" als "Projektionsflächen deutscher Träume und Albträume des 20. Jahrhunderts" bezeichnet werden.

*Man darf Dwinger wohl glauben, daß diese Übernahme nicht ganz so "freiwillig" erfolgte wie einige seiner Gegner das heute mutmaßen. So wie die kriegsgefangenen Elsässer und Lothringer 1945 von den Franzosen vor die Wahl gestellt wurden, sich entweder "freiwillig" zur Fremdenlegion, d.h. für die Kolonialkriege in Indochina usw., zu melden oder aber als "Kriegsverbrecher" ermordethingerichtet zu werden, so wurden die deutschen Kriegsgefangenen in Rußland 1917 von den "Weißen" vor die Wahl gestellt, entweder "freiwillig" in ihren Reihen gegen die "Rote Armee" mit zu kämpfen, oder aber der "tschechischen Legion" ausgeliefert zu werden, was für deutsche und österreichische Kriegsgefangene - zumal für Offiziere - das sichere Todesurteil bedeutete; 600.000 von ihnen, die sich nicht "freiwillig" meldeten, wurden ermordetkamen um. (Dwinger nannte später die Zahl von "rund 1 Million" - wohlgemerkt nicht während des "Dritten Reichs", sondern nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Zensur eine leichtfertige "Verunglimpfung" der Kriegsgegner nicht ohne weiteres geduldet hätte. Gleichwohl ist diese Zahl nicht glaubhaft: Insgesamt gerieten an der Ostfront - wo die Neigung, sich gefangen nehmen zu lassen, eher gering war, wenn man nicht gerade wie Dwinger schwer verwundet war - "nur" 700.000 Deutsche und Deutsch-Österreicher in Gefangenschaft. Darüberhinaus verlor Österreich-Ungarn noch einmal so viele Gefangene anderer Nationalität - allein bei der Brussilow-Offensive 1916 ca. 400.000. Dabei handelte es sich jedoch meist um unzuverlässige tschechische Truppen, von denen z.T. ganze Regimenter geschlossen die Waffen nieder legten. Dies bleibt festzuhalten, auch und gerade nachdem die Universität Wien 2009 das 500 Seiten lange Geschreibsel eines politisch-korrekten SchmierfinkenGutmenschen über "das militärische Verhalten der Tschechen im Ersten Weltkrieg" als Dissertation angenommen hat, der anhand "geheimer Akten" festgestellt haben will, daß es sich dabei lediglich um "böswillige Verleumdungen aus der Zwischenkriegszeit" gehandelt habe; tatsächlich hätten die Tschechen tapfer bis zur letzten Patrone gekämpft - demnach müßten also alle Aussagen von Dwinger u.a. Zeitzeugen frei erfunden sein und die "Tschechische Legion" nie existiert haben. Wie dem auch sei, von den Tschechen in russischer Kriegsgefangenschaft kamen relativ wenige um.)

**Berichte über die Freikorpskämpfe im Baltikum hatten damals eine kurze Konjunktur; wenig später kam zum selben Thema noch "Der Mann ohne Vaterland" von Gertrud v. Brockdorff auf den Markt. Dieser wurde zusammen mit Dwingers "Die letzten Reiter" von Ernst v. Salomon zu einem Drehbuch für den Film Menschen ohne Vaterland umgearbeitet, der im Juni 1937 in die Kinos kam, aber kühl aufgenommen und kein kommerzieller Erfolg wurde.

***Dwinger wurde später vorgeworfen, daß dieses Buch - wie schon "Die letzten Reiter" - "national-sozialistisches Gedankengut" enthalte. Dieser Vorwurf zeugt von Oberflächlichkeit und Unkenntnis. Dwinger zeigt in beiden Büchern deutlich seine Sympathien für die Freikorpskämpfer Albert Leo Schlageter und Rudolf Berthold sowie für den Führer der weißrussischen Truppen im Baltikum, Paul Bermondt (Fürst Awalow). Hitler hatte dagegen nie einen Hehl daraus gemacht, daß er die Kämpfe der Freikorps sowohl im Baltikum gegen die Sowjets als auch im Ruhrgebiet gegen die Franzosen für eine sinn-, da aussichts-lose Verschwendung von Menschen und Material hielt. Im "Dritten Reich" ließ man zwar den von der "Weimarer Republik" initiierten Kult um Leutnant Schlageter zähneknirschend weiter zu; aber Hauptmann Berthold - 1919 Führer der "Eisernen Schar" im Baltikum, 1920 von Spartakisten ermordet - wurde bereits damals tot geschwiegen, obwohl er nach Richthofen und Udet der erfolgreichste deutsche Kampfflieger des Ersten Weltkriegs war, mit mehr Abschüssen als etwa Boelcke und Immelmann, die selbst noch in der BRD-Luftwaffe bis in die 1970er Jahre als Vorbilder gefeiert wurden. Oberst Awalow - der bis 1933 als Exilant in Deutschland geduldet wurde (ein verfassungsmäßig garantiertes Recht auf Asyl gab es noch nicht) - ließ Hitler kurz nach seinem Regierungsantritt abschieben. (Er ging, tief enttäuscht, erst nach Jugo-Slawien, dann in die USA, wo er das Heer der Feinde Deutschlands vergrößerte.) Auch mit seinen in jenen Büchern geäußerten Plänen bezüglich der Sowjetunion - sie spätestens 1940 anzugreifen, aber nicht um sie zu erobern, sondern um sie zu befreien - saß Dwinger sowohl 1939 als auch 1941 gefährlich zwischen alle Stühlen. Zu allem Überfluß machte er auch noch deutlich, wen er für den eigentlich Schuldigen am Sieg des Bolschewismus im ehemaligen Tsarenreich im allgemeinen und für den Verlust des deutschen Baltikums im besonderen hielt: Hitlers geliebte Engländer. Dazu bedurfte es einer gehörigen Portion Zivilcourage. (Man stelle sich vor, ein Untertan der BRDDR würde es wagen, Türken-Wulffs geliebte Muslime als schlimmste Gefahr für den Weltfrieden im allgemeinen und als größte Feinde Deutschlands im besonderen zu bezeichnen - sein Buch würde sofort verboten, und er selber würde wegen "Volksverhetzung" für mehrere Jahre ins Gefängnis gesteckt, ggf. mittels nachträglich verhängter "Sicherheitsverwahrung" lebenslänglich!) Zwar war die Zensur im "Dritten Reich" noch nicht so streng wie später in der BRDDR (sondern, ganz im Gegenteil, vergleichsweise tolerant, worauf auch Dwingers jüdischer Schriftsteller-Kollege Colin Ross wiederholt hinwies), aber in solch krassen Fällen drohte, wenn nicht Einweisung ins Konzentrationslager, so doch zumindest Publikationsverbot. Dwinger hatte das Glück, daß ein ihm wohlgesonnener höherer Beamter in Goebbels' Propaganda-Ministerium den Druck befürwortete, und so wurde er schließlich trotz erheblicher Bedenken genehmigt. Daß man Dwinger in diesem Zusammenhang schließlich noch eine "einwandfreie national-sozialistische Gesinnung" bescheinigte, war weiter nichts als eine Floskel, die damals unter jeder positiven Beurteilung sowohl von Büchern als auch von Menschen stand, wie jeder, der im "Dritten Reich" Beamter war, noch wissen müßte. Dwingers wahre Gesinnung ist im Rückblick schwer zu erkennen, da er seine Bücher für breite Leserkreise schrieb und die handelnden Personen daher sehr heterogen zusammen setzte, um ihnen ebensolche Ansichten in den Mund zu legen, von denen sich keine unbedingt als seine eigene aufdrängt. Von seinen "Baltikumern" äußert nur ein einziger seine Bewunderung für Hitler und den Wunsch, nach Abschluß der Kämpfe der NSDAP beizutreten, alle übrigen haben andere Pläne; und wiewohl er den meisten von ihnen anti-semitische Parolen in den Mund legt, trägt der heimliche Held seiner Freikorps-Bücher, "Feinhals", eindeutig jüdische Züge; entsprechend unbeliebt ist er auch; aber wiederholt zeigt sich, daß es ohne ihn nicht geht. Dwingers "Lieblingsgestalt in der Geschichte" war offenbar General Yorck - was ihm unter den National-Sozialisten ebenfalls wenig Freunde gemacht haben dürfte, zumal nachdem sich einer von dessen Nachfahren am Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt hatte, ebenso wie die Freunde des von Dwinger gleichfalls mit Sympathien bedachten Generals v. Seeckt aus dem "Solf-Kreis". (Dikigoros teilt Dwingers Bewunderung für Yorck durchaus, freilich aus ganz anderen Gründen als dem Abschluß der Konvention von Tauroggen, die er für keine besondere Heldentat hält: Die drängte sich förmlich auf in der damaligen Konstellation - die russischen Truppen auf der Gegenseite wurden ebenfalls von deutschen Offizieren kommandiert -, hätte sich aber zu keiner Zeit auf das 20. Jahrhundert übertragen lassen, wie Dwinger zu glauben schien. Seeckt wurde wohl - ebenso wie General Ludendorff, eine weitere Sympathie-Figur Dwingers - nur durch die Gnade des frühen Todes davor bewahrt, auch persönlich dem Kreis der Hitler-Attentäter anzugehören und hingerichtet zu werden.) Im übrigen fällt auf, daß Dwinger in seinen Büchern durchweg über "Verlierer" schrieb. Mit einiger Sicherheit kann man nur annehmen, daß ihm unter all diesen Verlierern dreie besonders am Herzen lagen: sein Vaterland, sein Mutterland und seine Pferde. (Er läßt eine seiner Romanfiguren auf die Frage, was ein Land sei, antworten: "Seine Geschichte, seine Landschaft, seine Frauen, seine Kinder, seine Pferde... und seine Toten!")

****Nach dem Krieg wurden abenteuerliche Märchen über Dwingers SS-Dienstgrade verbreitet: Das SED-Organ Neues Deutschland behauptete 1948, Dwinger sei Oberführer (Brigadegeneral) gewesen; die taz führte ihn 2003 immerhin noch als Obersturmbannführer (Oberstleutnant). Tatsächlich entsprach der "Sonderführer" im Rang dem Leutnant bzw. dem Untersturmführer der Waffen-SS. (Dwinger war 1941 auf Veranlassung Himmlers kurz an die Waffen-SS-Division Wiking "ausgeliehen".) Dabei spielte es keine Rolle, ob jemand bei der "zivilen" SS oder SA einen höheren Dienstgrad hatte, zumal wenn dieser lediglich ehrenhalber verliehen worden war.

*****Die "Sühne" betrug 1.500.- DM, was - einen Monat nach der Währungsreform, bei der jeder Bürger mit gerade mal 40.- DM "Startguthaben" ausgestattet worden war - nicht wenig war. Neues Deutschland behauptete wahrheitswidrig, Dwinger sei nur zu 1.500.- RM verurteilt worden - was 150.- DM entsprochen hätte - und gab sich darob äußerst empört.

******Angeblich wollte Dwinger damit Henning v. Treskow, einem der Mitverschwörer des Grafen Schenk von Stauffenberg, ein literarisches Denkmal setzen; dessen Witwe habe sich das jedoch verbeten, weshalb er seine Hauptperson in "Pleskow" umbenannte. Das ist indes wenig glaubhaft: Ganz abgesehen davon, daß die Handlung des Buchs dafür kaum etwas her gibt, bekundet Dwinger zwar durchaus Sympathien für einige Verschwörer (von denen er neben Stauffenberg neun weitere namentlich erwähnt) und zieht die Lauterkeit ihrer Motive nicht in Zweifel - jedenfalls läßt er den damals heftig diskutierten Bruch des Eides auf Hitler nicht als Gegenargument gelten -; er macht aber auch deutlich, daß das ganze Unterfangen von Anfang an aussichtslos war, zumal die Alliierten, die man zuvor informiert hatte, eine Unterstützung verweigert hatten, da sie nicht gegen Hitler, sondern gegen Deutschland kämpften. Ob Dwinger das ganze Ausmaß dieser Aussichtslosigkeit bekannt war, ist allerdings fraglich, insbesondere ob er wußte, daß Churchill die Verschwörer der Reichsregierung ans Messer lieferte, indem er ihr die Liste der Beteiligten in die Hände spielen ließ - die Zensur hätte es unmöglich gemacht, ein solches etwaiges Wissen zu veröffentlichen. Ebensowenig hätte die Zensur zugelassen, die Sinnlosigkeit der Verschwörung darzulegen: Hätte das Attentat vom 20. Juli 1944 Erfolg gehabt und hätte die Wehrmacht unmittelbar danach gegenüber den Westalliierten kapituliert, so wären die Deutschen mit hoher Wahrscheinlichkeit von den US-Amerikanern ausgerottet worden, denn damals war Roosevelt noch am Leben und der Kaufman-Morgenthau-Plan noch in Kraft. Bis heute wäre es unmöglich, in einer BRDDR-Publikation zu thematisieren, daß nur die Niederschlagung des Juli-Putsches und die damit verbundene Verlängerung des Krieges über Roosevelts Tod hinaus die Deutschen vor diesem Schicksal bewahrte. Dwinger legt einer seiner Romanfiguren die - nach dem Krieg weit verbreitete - Illusion in den Mund, man hätte gegenüber den West-Alliierten kapitulieren und mit diesen gemeinsam Europa vor den Sowjets retten können; ob er das selber glaubte, ist zweifelhaft, da er immer wieder die Konferenzen von Casablanca und Jalta erwähnt, die dem entgegen standen; auch den Morgenthau-Plan erwähnt er, wenngleich nur am Rande; ebenso deutet er die Ermordung von Millionen deutscher Kriegsgefangener durch die USA an, die er in Gegensatz stellt zu der überaus korrekten Behandungen der westalliierten Kriegsgefangenen durch das Deutsche Reich, das sich peinlich genau an die (lediglich von der Sowjet-Union nicht anerkannte) Genfer Konvention hielt. Beides sind Themen, die in der heutigen BRDDR tabu sind; Dwingers Buch ist zwar (noch) nicht offiziell verboten, aber alle in öffentlichen Bibliotheken befindlichen Exemplare wurden in den 1970er Jahren verbrannt"aussortiert". Dazu dürften auch Sätze beigetragen haben, die heute aktueller denn je sind, wie der folgende: "Heute ist den Diktatoren jedenfalls die Hauptsache, daß in jedem Satz das Wort Demokratie vorkommt - mit ihm schmückt sich die Tyrannei besonders gern - aber das ist auch ungefähr das einzige, was sie von den alten Tyranneien unterscheidet." Dieser Satz mag damals noch gestimmt haben - inzwischen ist er infolge der viel umfangreicheren technischen Möglichkeiten, deren sich Diktaturen heute bedienen können, überholt: Selbst die schlimmsten Diktatoren der Vergangenheit könnten den DiktatorenDemokraten der Gegenwart nicht das Wasser reichen.

*******Damit will Dikigoros nicht behaupten, daß es allein am späten Zeitpunkt lag: Dwingers Werke sind denen v. Salomons sowohl inhaltlich als auch sprachlich-stilistisch deutlich unterlegen; er schrieb eher wie ein Kriegsberichterstatter, dabei mit romanhafter Breite und im Alter deutlich nachlassend - während Salomon bis zuletzt brillant auf gleich hohem Niveau schrieb. Dwinger selber empfand das freilich anders; er übernahm z.B. in "Auf halbem Wege" aus Salomons "Die Geächteten" das Kapitel über das Ende der "Eisernen Schar" und schrieb es um - wohl in dem Glauben, es damit verbessert zu haben.


zurück zu Kasimir Edschmid

heim zu Reisen durch die Vergangenheit