GISELHER  WIRSING

Der maßlose Kontinent {1942}

Roosevelts Kampf um die Weltherrschaft

TEIL I

Am Ende des britischen Zeitalters

Feierlich, gestützt auf den Arm ihres Sohnes, war die alte Dame die Stufen der St.-Pauls-Kathedrale wieder hinabgestiegen. Tränen des Glücks rollten ihr über das zerfurchte Antlitz, als sich der königliche Wagen zurück nach dem Buckingham Palace begab. Die Londoner waren toll vor Begeisterung. Die ganze Stadt, in ein Meer von Union Jacks getaucht, hallte von den vielfältigen Idiomen eines Gewirrs von Sprachen wider. Das Spalier bildeten die englische Garde in roten Röcken mit Bärenfellmützen, schottische und irische Regimenter, Australier, Kanadier und indische Sikhs, Haussas vom Niger, Chinesen aus Hongkong und griechische Zyprioten, Dayaken aus Borneo und Eskimos vom kanadischen Baffinland. An der Galatafel saßen später die Generale aus Singapur und aus Ostafrika, aus Birma und den Westindischen Inseln und die Gouverneure Ihrer Majestät aus allen Teilen der Welt. Man feierte das Diamantene Regierungsjubiläum der Queen. Es war Juni 1897.

Die europäischen Fürsten waren nicht geladen. Selbst dem Enkel in Berlin hatte Lord Salisbury bedeutet, dieses sei ein britisches Fest, und man wolle völlig unter sich sein. Die anderen Mächte sollten den Glanz und die Macht Britanniens nur von ferne als staunende Zuschauer erleben. Die Splendid Isolation des größten Weltreiches, das die Erde bis dahin gesehen hatte, feierte ihren höchsten Triumph. Gewiß, als Victoria den Thron 60 Jahre vordem bestiegen hatte, war England schon eine über die Kontinente greifende Großmacht. Aber erst in ihrer Regierungszeit waren die bis dahin uneinheitlichen Teile in ein großes Ganzes verwoben worden. Ihr Name hatte dem 19. Jahrhundert den unauslöschlichen Stempel aufgedrückt. Und sie, die Königin, stand nur als Symbol für die britische Weltmacht.

Weder der ehrwürdigen Greisin im grauen Seidenkleid und dem breiten Panier um Brust und Schultern, noch einem der zahllosen Minister, Gouverneure und Generale am Hofe von St. James hat es in diesen Tagen in den Sinn kommen können, daß das britische Zeitalter nun seinen Höhepunkt erreicht hatte. In Windsor häuften sich die Telegramme fremder Staatsoberhäupter zu Bergen. Die Geschenke allein füllten eine Flucht von Zimmern. Als Salisbury sie mit wägenden Augen betrachtete, hatte er keinen Anlaß zu zweifeln, daß auch nur eines dieser Geschenke der Kaiser, Könige und der republikanischen Staatsoberhäupter mit heimlichem Groll oder gar mit verborgenem Haß im Herzen auf den Weg nach London gebracht worden wäre. Was die Kolonien selbst anging, gewiß, dort gab es auch andere Gefühle. Man wußte dies, aber man konnte darüber hinweggehen.

Das Nahen des Wendepunktes zeichnete sich jedoch in den dreieinhalb Jahren ab, die der alten Königin noch zum Leben verblieben. Der Burenkrieg mit all seinen schamlosen Begleiterscheinungen hatte plötzlich die Bewunderung fast der gesamten Welt in Haß, Verachtung und Feindschaft umschlagen lassen. Er war gewiß nur eine Episode, wie es vordem und nachdem zahllose in der Geschichte des Empire gegeben hat. Aber die Niederlagen der britischen Regimenter in Südafrika und der Ausrottungskampf gegen das Burenvolk, der ihnen folgte, traf das Prestige des Weltreiches tiefer, als es der Anlaß hätte vermuten lassen. Dem alten Ohm Krüger konnte und wollte niemand helfen. In Whitehall aber erkannte man, daß es Zeit war, die Epoche der Splendid Isolation nun ihrem Ende zuneigen zu lassen. Die Stunde schien gekommen, zu der sich auch das mächtige England nach neuen Freundschaften umsehen mußte. Drei Jahre nach dem Tode der Königin wird die Allianz mit Frankreich geschlossen, die uns heute bereits als der Auftakt zum Weltkrieg erscheint. Auch in der Zukunft sollte das britische Empire noch weiter wachsen. Niemals mehr konnte es sich indes zu der einsamen Höhe erheben, auf der es sich beim Diamantenen Jubiläum der Queen befunden hatte. Damit brach eine neue weltgeschichtliche Epoche an: die Ablösung vom britischen Zeitalter.

Der Krieg, der im Jahre 1939 begann, ist die Fortsetzung eines ungeheuren revolutionären Prozesses, der seit etwa drei Jahrzehnten die Welt beinahe in ihrer Gesamtheit erfaßt hat. Die überlieferten Maßstäbe, mit denen Kriege, Revolutionen und weltgeschichtliche Umwälzungen gemessen werden, sind uns daher nur noch wenig nütze; denn zum erstenmal handelt es sich bei diesem grandiosen Schauspiel, das sich vor unseren Augen vollzieht, um eine Weltkrise im eigentlichen Sinne. Noch niemals vor unserem Zeitalter sind ganze Kontinente im Spiele gewesen, wenn es um die Auseinandersetzung zwischen Ideen und Mächtegruppen ging. Alle Kriege des 19. Jahrhunderts – selbst die napoleonischen – waren, gemessen an den Erscheinungen unserer Zeit, lokal begrenzt. Einzig der Machtzusammenprall zwischen Frankreich und England zur Zeit des Älteren Pitt hat schon einmal einen solchen überkontinentalen Charakter besessen, da er sich gleichzeitig in Europa, in Indien und in Kanada abspielte. Doch kann man ihn schwerlich zum Vergleich heranziehen, da sich bekanntlich die Franzosen der umwälzenden Folgen dieser Feldzüge kaum bewußt waren und sie im wesentlichen doch als europäische Fehden ansahen.

Der alle Erdteile umfassende Charakter der großen Auseinandersetzung der letzten drei Jahrzehnte rührt davon her, daß in ihrem Mittelpunkt die einzige überkontinentale Macht von weltumspannender Ausdehnung steht, die es bisher gegeben hat: Britannien. Die Frage, die damit aufgeworfen ist, lautet:

Wird das Ergebnis dieses Kampfes abermals eine weltumspannende Reichsbildung sein, die die britische ablöst, oder werden eine Reihe von großen, in sich geschlossenen Völkergemeinschaften und Raumeinheiten entstehen, die gerade das Gegenteil eines weltbeherrschenden Reiches darstellen werden? Um diese Frage kreisen alle Probleme, die den Ausgang des jetzigen Krieges betreffen.

Manche politischen Denker haben die Bildung eines Weltstaates, der dann zwangsläufig von einem einzigen Weltherrschaftszentrum aus gelenkt würde, als die unvermeidliche Fortbildung jenes Stadiums angesehen, das bereits mit dem überkontinentalen britischen Weltreich erreicht worden ist. In England selbst ist diese Idee von dem einflußreichen Oxforder Professor Lionel Curtis entwickelt worden. In Deutschland sprach Alfred Weber schon vor einem Jahrzehnt von einer "Weltintegration". Die Vereinigten Staaten von Amerika schließlich scheinen von einer solchen Idee völlig erfüllt zu sein. Demgegenüber erheben sich Stimmen in Europa, in Ostasien und Südamerika, die mit Nachdruck darauf hinweisen, daß weder die Möglichkeiten des modernen Weltverkehrs, noch des Welthandels, noch auch die Nachrichtenmittel unserer Zeit Elemente sind, aus denen sich zwangsläufig die Herausbildung eines Weltstaates ergeben müsse. Diese zweite Schule, wenn man so sagen darf, sieht vielmehr in dem jetzt tobenden, alle Kontinente erfassenden Kampf nur ein vorübergehendes Stadium, das allein dadurch bedingt ist, daß am Ablösungsprozeß vom Zeitalter des fast universalen britischen Weltreiches zwangsläufig alle Kontinente beteiligt sein müssen. Diese zweite Schule sieht keine Notwendigkeit, ja keine Möglichkeit für eine Einheitskultur, einen Einheitsstaat und eine Einheitsherrschaft auf der ganzen Welt. Sie sieht darin nur Elemente des Untergangs und des Todes. Sie sieht in dem großen Ablösungsvorgang vom britischen Zeitalter das Neuerwachen ungeheurer geistiger, kultureller und machtmäßig vitaler Kräfte rings auf der ganzen Welt, die sich gerade erst durch Sonderung und Abgrenzung voll entfalten können.

Hier liegen auch die Ausgangspunkte für dieses Buch. Wer also das Schicksal der Menschheit in einen Einheitsstrom zusammen fließen sieht und glaubt, daß ein Weltstaat das Endziel dieser Menschheitsentwicklung sei, möge es lieber hier schon aus der Hand legen. Er wird gewahren, daß wir diesen Glauben, von dem jetzt vor allem wichtige Kreise Nordamerikas besessen sind, für eine Irrlehre halten und daß wir ihm mit Leidenschaft ein anderes Bild entgegenstellen: das der Völkergemeinschaften, die an die Stelle des Chaos treten werden, das der Zusammenbruch des britischen Zeitalters hinterläßt.

Um die Jahrhundertwende schien das über fünf Kontinente verteilte britische Weltreich seine Endform gefunden zu haben. Frankreich, die andere große europäische Kolonialmacht, hatte sich nach Faschoda endgültig mit der Abgrenzung seines afrikanischen Reiches abgefunden. Deutschland war zwar ebenfalls noch als letzter Nachzügler in die europäische Kolonialepoche eingetreten, aber mit der Machtzusammenballung, die England um jene Zeit bereits darstellte, konnte es nicht in Konkurrenz treten. Italien war noch keine Großmacht und stand bis in den Weltkrieg hinein im Schatten Britanniens. Dasselbe galt für Japan, und die Vereinigten Staaten von Amerika begannen, sogar von England unterstützt, im Krieg gegen Spanien gerade mit den ersten tastenden Schritten einer aktiven Beteiligung an der Weltpolitik. Rußland, Englands großer Gegenspieler in Ost- und Mittelasien, konnte durch eine Übertragung der traditionellen britischen Gleichgewichts-Politik auf die neuen weltpolitischen Maßstäbe durch den Einsatz der japanischen Macht zurück geworfen werden. In dem Jahrzehnt vor dem Weltkrieg, in dem sich England nach neuen Allianzen umsah, schälte sich bereits der bestimmende Zug für die künftige Weltentwicklung heraus: Britannien hatte nunmehr die Rolle der saturierten Weltmacht endgültig übernommen. Sein wichtigstes, ja sein einziges politisches Ziel ist es seitdem, daß an der zur Zeit des Todes der Queen Victoria bestehenden Ordnung von keiner Seite mehr gerüttelt werde. Die britische Politik und Weltbetrachtung fließt nun in einem Wünsch zusammen: Die Weltgeschichte soll geivissermaßen stehenbleiben. Das war der tiefere Sinn bei den Feiern des Jahres 1897 gewesen, wie später beim Silberjubiläum Georgs V. Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Engländer gewesen. Warum sollten es das 20. und 21. Jahrhundert nicht ebenso sein?

Britischer Vorsprung eingeholt

Der britische Versuch, eine Fortentwicklung der Weltgeschichte von nun ab nicht mehr zuzulassen, mußte natürlich fehlschlagen. England hatte seinen Vorsprung der industriellen Revolution zu verdanken, ja, sie hatte die Grundlage der britischen Macht geradezu geschaffen. Für unendlich weite, im westlich-kapitalistischen Sinne nicht oder halb entwickelte Gebiete der Welt war England der beherrschende Produzent der Massengüter, für die zunächst ein schier unbeschränktes Aufnahmebedürfnis vorhanden war. Der Reichtum, der in der britischen Metropole zusammenströmte, schien daher fest gegründet, da er nicht nur auf der Ausbeutung von 25% der Erdoberfläche beruhte, die von England beherrscht wurden, sondern ebenso auf der dauernden Belieferung aller dieser Gebiete mit englischen Produkten. Aber der Vorsprung, den England durch seine industrielle Revolution, die um die Zeit der amerikanischen Unabhängigkeitskriege begann, gewonnen hatte, konnte auf die Dauer nur relativ sein. Jeder Versuch, ihn durch die Gründung einer Heiligen Allianz für immer zu befestigen, mußte früher oder später den Gesetzen der Technik selbst widersprechen, die England solange als seinen wichtigsten Verbündeten ansehen durfte. Der Deutsche Friedrich List hat dies, als er sein System der politischen Ökonomie entwarf, bereits im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts vorausgesehen; doch sollten die Kräfte, die durch die industrielle Revolution im weltweiten Rahmen entfesselt wurden, bald alle bisherigen Vorstellungen sprengen. Und es war nicht die industrielle Revolution allein, durch die diese Gegenkräfte wachgerufen wurden. Ihr zur Seite traten neue soziale Strömungen, die dem universalistischen britischen Lebenssystem und dem Lebensstil der englischen Oberschicht widersprachen, und schließlich ein eigenständiges Kulturbewußtsein einer großen Zahl von europäischen und asiatischen Völkern, das sich mit der Unterwerfung unter den britischen Anspruch auf eine Weltschiedsrichterrolle und auf eine Oberherrschaft in allen sieben Weltmeeren und allen fünf Kontinenten immer weniger vertragen konnte.

Schon vor dem Weltkrieg setzte die Gegenbewegung ein, die nicht nur in Europa, mit Deutschland an der Spitze, sondern auch in der asiatischen Welt zunächst auf eine wirtschaftliche Befreiung von der britischen Vorherrschaft hinauslaufen mußte. England hat dann den Weltkrieg herbeigeführt, um diese bedrohlich erscheinende Entwicklung zu unterbinden. Es bediente sich dazu seines altbewährten Allianzsystems und der seit drei Jahrhunderten entwickelten britischen Gleichgewichtspolitik, auf Grund deren England stets die zweitstärkste Militärmacht auf dem Kontinent zu stützen und, wenn es nötig schien, zum Krieg gegen die stärkste Militärmacht anzustacheln pflegte. Die Allianz mit Frankreich vom Jahre 1904 hatte von Anfang an diesen Sinn gehabt, wie das berühmte Memorandum des britischen Unterstaatssekretärs im Foreign Office, Sir Eyre Crowe, vom l. Januar 1907 später erwiesen hat. Der 1914 vom Zaun gebrochene Krieg sollte der Aufrechterhaltung des britischen Zeitalters dienen. Schon bald nach dem Beginn des Weltkrieges entstand daher in Britannien das Schlagwort: "The last War we fight". Dies war der große Irrtum.

Zwar gelang es noch einmal durch die Herbeiführung einer gewaltigen Koalition, die zum erstenmal die ganze Welt umfassen sollte, den Sieg zu erringen, nicht aber das Endziel. Als Präsident Wilson nach der Unterzeichnung des Versailler Diktats wieder nach Amerika zurück fuhr, war England von diesem Ziel weiter entfernt denn je. Eine völlige Verschiebung der Konstellation der Weltmächte hatte eingesetzt. Die Heilige Allianz war zerbrochen. Der gesamte europäisch-asiatische Kontinent wurde von revolutionären Bewegungen überflutet, die, wie verschiedenartig sie auch waren, in ihren Auswirkungen alle letztlich gegen das britische Vorstellungsbild von der Fortsetzung des englischen Zeitalters im 20. Jahrhundert gerichtet waren. Der Weltkrieg, der die englische Vorherrschaft retten sollte, wurde zum mächtigen Auslöser der revolutionären Epoche. Alle Probleme, die um die Zeit des Abschlusses der britisch-französischen Allianz höchstens im Keim vorhanden waren, hatten sich nun unter den Einwirkungen des Krieges schnell entwickelt.

Das revolutionäre Zeitalter

Binnen weniger Jahre sah sich die Pax Britannica einer revolutionären Zone gegenüber, die vom Gelben Meer bis an den Rhein reichte. Außer England blieben nur Frankreich und die Vereinigten Staaten von dieser gewaltigen Umwälzung unberührt. Sie begann bereits drei Jahre vor dem Weltkrieg mit der chinesischen Revolution des Jahres 1911, durch die die unwirklich gewordene Fassade des dekadenten chinesischen Kaisertums hinweggefegt wurde, um einem neuen chinesischen Nationalismus Platz zu machen, dessen westlerische Parolen nur Kurzsichtige darüber hinwegtäuschen konnten, daß diese Entwicklung früher oder später mit der Beendigung der englisch-amerikanischen Vormundschaft über China gekrönt werden würde.

Als nächste fiel die Kulisse des Zarentums, das längst keine im Volk wurzelnde Kraft mehr besaß. Vergeblich versuchten Churchill und General Ironside durch ihre Intervention von Archangelsk aus die Revolutionierung des weiten eurasiatischen Gebietes, das das Russische Reich überspannt, zu verhindern. Das revolutionäre Regime, das den Rätebund schließlich unter einen einheitlichen Willen zusammenfügte, war in seiner Grundrichtung nicht nur antieuropäisch, sondern auch antibritisch. Wenn trotzdem 1941 schließlich das Satyrspiel einer britisch-sowjetischen Allianz über die Szene geht, so ist dies nur das letzte Anzeichen dafür, bis zu welchem Grade die Degeneration des britischen Instinkts nun bereits fortgeschritten ist. Diese Allianz, von Churchill und der britischen Oberschicht nur taktisch als ein Bündnis mit dem Teufel gemeint, sollte später in der englischen Arbeitermasse eine Zustimmung auslösen, die wohl am besten zeigt, daß die breite Masse in England kein Unterscheidungsvermögen zwischen Freund und Feind mehr besitzt – ein untrüglicher Beweis, daß der sichere Herrschaftsinstinkt, der nicht nur die englische Oberschicht, sondern auch die englischen Massen so lange ausgezeichnet hatte, verlorengegangen ist.

Der Zerfall der Österreichisch-ungarischen Monarchie und des Osmanischen Reiches, der von England sogar gefördert wurde, dehnte die revolutionäre Zone bereits in das engere europäische Gebiet aus. Zwar hat sich England während des Weltkrieges des arabischen Nationalismus ebenso bedient wie dessen der slawischen kleinen Völker. Letztlich aber mußte selbst die Schaffung der neuen kleinräumigen Einheiten, durch die das östliche Europa zersplittert wurde, sich gegen das britische Kriegsziel im Weltkrieg auswirken, da hier nur Spannungsherde geschaffen wurden, die für das Fortdauern der Weltkrise von erheblicher Bedeutung werden mußten.

Dann tritt die Entscheidung an Italien heran. Dieses Land zählt zu den Siegern des Weltkrieges, aber es kommt dennoch zu kurz. Der italienische Liberalismus, der bis dahin im Kielwasser des französischen und englischen dahinfuhr, bringt es nur zum "verlorenen Sieg". Italien wird damit vor die Wahl gestellt, ob es als Dominium der eigentlichen Sieger weiter existieren soll oder sich zur revolutionären Zone bekennen muß. Drei Jahre nach dem Friedensschluß entscheidet Mussolini diese Frage. Da die Voraussetzungen in Italien, das immerhin nicht zu den Geschlagenen des Weltkrieges gehörte, indes günstiger waren als in Mittel- und Osteuropa, gelingt es hier, den revolutionären Durchbruch auch schon mit den vorläufigen Umrissen der unserem Jahrhundert gemäßen Formen zu verbinden.

Fast ein Jahrzehnt wird der Faschismus zum wichtigsten Bannerträger neuer Ideen im brodelnden eurasiatischen Kontinent. Der Machtbereich des Bolschewismus ist zerfressen von den Erschütterungen der permanenten Revolutionen, die sich in immer neuen Serien von Erschießungen ausdrücken. Die Kuo-Min-tang-Bewegung in China vermag nach dem Tode Sun-Jat-sens zwar das Revolutionspathos zu bewahren, aber die Reichseinheit ist über ein Jahrzehnt durch immerwährende Bürgerkriege in Gefahr, bis sich schließlich um die Gestalt von Tschiang Kai-schek ein neuer Kern bildet, von dem aus die Generalscliquen gebändigt zu werden vermögen. Ehe aber noch Nanking seine großen Probleme anzupacken vermag, gliedert sich endgültig auch Japan in den großen revolutionären Prozeß ein. Unter dem Motto "Asien den Asiaten" beginnt es mit der Umformung des ostasiatischen Kontinents, die nichts anderes als eine Revolutionierung von Grund auf bedeutet.

Vergeblich versuchen England und Amerika, in diesen Prozeß am anderen Ende des eurasiatischen Kontinents einzugreifen. Der Versuch einer Stabilisierung Ostasiens auf der bisherigen Grundlage der angelsächsischen Vorherrschaft kann nicht mehr gelingen. Der Vormarsch der neuen japanischen Ordnungsideen wird zum großen Gegenpol der neuen Weltentwicklung. Da sich in Japan ältere und junge Kräfte lange die Waage zu halten scheinen, erkennen die Angelsachsen die fundamentale Bedeutung dieses Prozesses erst, als er schon im vollen Zuge ist. Am anderen Ende Asiens, in Iran und der Türkei, ist inzwischen der revolutionäre Reformnationalismus stabilisiert.

Die deutsche Revolution des Nationalsozialismus vollendete dann schließlich diese große Zahl von revolutionären Prozessen, die vom Gelben Meer bis an den Rhein in knapp drei Jahrzehnten das Gesicht Europas und Asiens völlig verwandelten. Nach einer Vorbereitung von nur fünf Jahren im Reich selbst vollzieht sich die Vereinigung aller Deutschen im größeren Deutschland in nur zwei Jahren. Die europäische Revolution strebt damit ihrem Höhepunkt zu. Die in Versailles gezogenen Grenzen werden problematisch und zerfallen schließlich. Diejenigen kleineren slawischen Völker, die sich zum Selbstregieren nicht reif erweisen, fallen in den natürlichen Herrschaftsbereich der größeren Reichseinheiten zurück. Schon vorher hat das faschistische Italien seine imperiale Mission gegen den Widerstand der alten Mächte erneuert. Spanien, das in ähnlicher V/eise wie früher Italien zu einer abhängigen Filiale der Westmächte herabzusinken drohte, erlebte mit seinem blutigen Revolutionskrieg noch gerade vor dem Heraufziehen des großen Orkans in Europa seine Wiederauferstehung, durch die es den Anschluß an die europäische Revolutionsbewegung zu finden vermochte, wie sehr sich auch die reaktionären Kräfte dagegenstemmten.

Das ist der große revolutionäre Prozeß unseres Jahrhunderts. Er findet seine vorläufige Vollendung in der Niederlage der Dritten Französischen Republik, die zwangsläufig nicht nur zur inneren Umformung der Grundlagen des französischen Staates, sondern auch zu einer immer stärkeren Abkehr Frankreichs von seinem bisherigen Allianzverhältnis zu England führen muß. Der innere Zusammenhang dieser revolutionären Entwicklung in Europa mit der Neugestaltung des Fernen Ostens ist nicht zu übersehen. Wahrend sich vor dem Auge des Zeitgenossen alle diese Konflikte, Kriege und Feldzüge nur allzu leicht in eine unübersehbare Kette von Einzelaktionen auflösen, bilden sie doch schließlich ein einheitliches Ganzes: Es ist der große Ablösungsvorgang von der britischen Vorherrschaft in allen fünf Erdteilen. Am Ende des Jahres 1940 reicht die revolutionäre Zone von den Ufern des Atlantik in Spanien und Frankreich bis zu den Ufern des Pazifik an der Ostküste Japans. Der britische Traum, das "Ende der Weltgeschichte" könne durch die Entfesselung von Weltkriegen erreicht und der Zustand, wie er beim Diamantenen Jubiläum der alten Queen bestand, für Jahrhunderte stabilisiert werden, ist ausgeträumt.

Die europäische Revolution, die der Krieg in seinem Stadium zwischen 1939 und 1940 in Wahrheit bedeutet, zerschlägt nun auch gleichzeitig alle Ansatzpunkte für die letzten, schließlich nur noch tastenden Versuche, um die Gleichgewichtspolitik im alten Stile aufrechtzuerhalten. Noch der Anlaß zum Krieg im Jahre 1939 lag auf dieser Linie. Die Unnachgiebigkeit Polens in der Danzig-Frage und seine Weigerung zu einer friedlichen Vereinbarung mit dem Großdeutschen Reich beruhten auf dem Bestreben Englands, in jedem europäischen Problem, wie wenig es auch irgendwelche Lebensfragen des britischen Empire berühren mochte, einen Anlaß zur Einmischung in die innereuropäische Politik zu sehen. Noch einmal schien der britische Grundsatz zu triumphieren, daß prinzipiell ohne englische Beteiligung und Zustimmung keine europäische Frage gelöst werden durfte. Aus demselben Grundsatz hatte England im Jahre vorher Lord Runciman als Berater und Beobachter nach der Tschecho-Slowakei entsandt. In der harten Auseinandersetzung zwischen Adolf Hitler und Chamberlain in Berchtesgaden und Godesberg waren dann die Prinzipien des britischen Zeitalters mit denen der neuen revolutionären Epoche auf das heftigste aufeinandergeprallt: Das Prinzip des universalistischen Weltherrschaftsanspruchs mit dem der politisch-kontinentalen Raumeinheit und Völkergemeinschaft.

Ende der Gleichgewichtspolitik

Dieser erste direkte Aufeinanderprall – dem seit dem Ausscheiden Deutschlands aus der Liga der Nationen eine Reihe von Vorspielen vorangegangen waren – endete mit einem Rückzug Englands, der indes nur aus einer augenblicklichen Schwäche und in dem Bewußtsem angetreten wurde, daß bei dem nächsten sich bietenden Anlaß der britische Anspruch der Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent unter allen Umständen, auch mit dem Mittel des Krieges, vertreten werden würde.

Der Eintritt Frankreichs in den Krieg lag dann noch ebenso auf der Linie der traditioneilen englischen Gleichgewichtspolitik, in die sich die Dritte Republik eingliederte, wie 1941 die letzten schwankenden Versuche Englands, in Griechenland und Jugoslawien Fuß zu fassen. Sie endeten damit, daß schließlich ganz Europa in die revolutionäre Zone einbezogen und damit das Fundament zu einer Einigung des Kontinents gelegt wurde. England, seit Jahrhunderten der Nutznießer der interkontinentalen Streitigkeiten in Europa, sah sich zum erstenmal einer kontinentalen Raumeinheit gegenüber, in der das alte Spiel der Aufhetzung des einen Teiles gegen den anderen in Europa nicht mehr möglich war. Dies war das Ergebnis der durch Adolf Hitler heraufgeführten Revolution, durch die Kräfte zuerst in Deutschland und dann auf dem ganzen übrigen Kontinent frei wurden, wie sie in solcher Zusammenballung niemals vorhanden gewesen sind. Die weltgeschichtliche Krise des britischen Zeitalters hatte endlich ihren positiven Gegenpol gefunden.

Der Kampf gegen die Sowjets wurde ein erster Probefall der neuen europäischen Einheit. Entsprach vom europäischen Kontinent her gesehen der Krieg 1939/40 dem Jahre 1866, so wurde der Krieg gegen die Sowjets 1941 zum 1870 Europas. Gemeinsam mit der deutschen Wehrmacht traten die Heere Italiens, Finnlands, der Slowakei, Ungarns und Rumäniens an. Spanien, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Holland und Kroatien entsandten Freiwillige. Eine ungeheure Wendung hatte sich vollzogen. Das Zweckbündnis zwischen dem britischen Empire und den Sowjets vermochte auf die Einheit Europas nicht mehr einzuwirken; im Gegenteil, es brachte sie zum erstenmal in ganzer Breite zum Vorschein.

Universalität der Krise

Die wesentlichen Teile der von der Sowjetunion beherrschten Ländermassen werden als Ergebnis dieses Krieges zum ersten Mal in den Einflußbereich Europas einbezogen werden. Die Macht des Kontinents wird dadurch eine Steigerung erfahren, die ihn gegen jeden Angriff von außen immun macht.

So schafft dieser Krieg in Europa und in Ostasien Schritt für Schritt die neuen Völkergemeinschaften, durch die sich ein völlig anderes Gefüge der Welt ergeben muß, als das aus dem Zeitaller der britischen Vorherrschaft überlieferte, das mit Brüchen und Sprüngen über den Weltkrieg bis an die Schwelle dieses Krieges gerettet worden ist.

Das Thema dieses Buches ist die Entwicklung des Weltherrschaltsanspruches der Vereinigten Staaten von Amerika, der zu einer der bestimmenden Grundkräfte des gewaltigen Kampfes unserer Epoche geworden ist.

Wir können indes diesen nordamerikanischen Weltherrschaflsanspruch nicht isoliert und für sich allein sehen. Auch er ist nur ein Teil jener großen weltgeschichtlichen Krise, deren Ursprünge sich in dem Jahrzehnt vor dem Weltkrieg entwickelten. Diese weltgeschichtliche Krise aber ist nicht dadurch hervorgerufen, daß Nordamerika und Europa und Nordamerika und Ostasien zwangsläufig und unter allen Umständen in einen Spannungszustand und schließlich in eine kriegerische Entladung hinein treiben mußten. Der Urgrund zu dieser Auseinandersetzung liegt vielmehr ebenfalls in dem sich ankündigenden Zerfall des britischen Weltreiches beschlossen oder richtiger gesagt in der großen weltrevolutionären Bewegung, die den Herrschaftsbereich wie die Herrschaftsform Englands erschüttert. Britannien hat weit über die gewaltigen Landermassen hinaus, die dem unmittelbaren englischen Herrschaftsbereich zurechnen, seinen Einfluß in allen Teilen der Welt ausgeübt. In Europa ebenso wie in Südamerika, in Ostasien ebenso wie in den Vereinigten Staaten. Weltreiche wie das französische und das japanische, Völker wie die Italiener und die Spanier standen mittelbar oder unmittelbar unter seinem Einfluß. Die führenden Gesellschaftsschichten in Japan wie in den Vereinigten Staaten sind im Laufe des vorigen Jahrhunderts durch die englische Lebensform auf das tiefste beeinflußt worden, um ganz zu schweigen von dem Einfluß auf viele der kleineren europäischen Völker, wie z. B. die Skandinavier und Holländer, und gar von jenen Gebieten im Mittleren Orient, die sich in teilweiser Abhängigkeit von England befinden. Diese Länder hat der Krieg in einem Zustand des permanenten Befreiungskampfes angetroffen.

Wir haben angedeutet, wie mit dem Weltkrieg die revolutionäre Zone in Eurasien, die schließlich den ganzen Doppelkontinent erfaßt hat, entstanden ist und wie sie sich im Laufe des jetzigen Krieges vollendet hat. Eine große Zahl von ihren Ursprüngen nach ganz verschiedenartigen Bewegungen haben im Sinne der weltgeschichtlichen Entwicklung hier doch schließlich einen einheitlichen Prozeß ergeben, der schließlich in das Zeitalter und in die überragende Persönlichkeit Adolf Hitlers einmündete. In diesem Mann hat sich die ganze Kraft der neu heraufkommenden Zeit so vereinigt, daß dadurch der sich langsam vollziehende Entwicklungsprozeß in ganzen Völkern und Kontinenten beschleunigt wird.

Niemand aber kann annehmen, daß eine weltgeschichtliche Krise von solchem Ausmaß sich auf das kriegerische Geschehen von wenigen Monaten zusammendrängen läßt. Der Einflußbereich und die Verwurzelung der britischen Lebens- und Herrschaftsform über die ganze Welt reicht so tief, daß diese Auseinandersetzung alle Fundamente des bisherigen Weltaufbaus erzittern lassen muß. Es ist bekannt, daß Adolf Hitler selbst gerade deshalb den Kampf mit England überhaupt vermeiden wollte, weil er sich sehr wohl bewußt war, daß damit Gewalten entfesselt werden würden, zu deren Neuformung und Eindämmung voraussichtlich Generationen nötig sein werden. Dennoch, der Kampf erwies sich als unvermeidlich, weil eben das Prinzip des britischen Weltherrschaftsanspruches jenes einer kontinentalen Raum- und Völkerordnung nicht anerkennen, ja sogar vernichten wollte. Hier aber setzt die Rolle Amerikas ein.

Genie und Schicksal

Auch das Genie ist ohnmächtig gegenüber der Macht des Schicksals. Es kann mit größerer Voraussicht und mit dem Weitblick, der den Umständen der Zeit überlegen ist, planen und vorbereiten, so daß es nicht zum Objekt zufälliger Faktoren zu werden braucht. Den Strom des Schicksals aber selbst zu lenken, liegt außerhalb der Fähigkeit des Menschen. So sind die immer wieder erneuerten Versuche, den Ausgleich zwischen den herauf kommenden deutschen Ordnungsideen und dem bestehenden britischen Weltsystem zu finden, vergeblich gewesen. Die britische Oberschicht besaß keine Maßstäbe für die bewegenden Kräfte in Deutschland, in Europa, in Ostasien. Ein Gefühl für die kommenden Dinge war ihr fremd. Sie konnte nur immer wieder mit der aus dem 19. Jahrhundert bekannten Gesetzmäßigkeit messen. In seiner Reichstagsrede nach dem Sieg über Frankreich und nach Vertreibung der Engländer aus Westeuropa erklärte der Führer: "Es tut mir fast weh, wenn mich das Schicksal dazu ausersehen hat, das zu stoßen, was durch diese Menschen zum Fallen gebracht wird; denn meine Absicht war es nicht, Kriege zu führen, sondern einen neuen Sozialstaat von höchster Kultur aufzubauen … Ich sehe keinen Grund, der zur Fortführung dieses Kampfes führen müßte …" Diese Sätze sind die Beschwörung des Schicksals gewesen, als dessen Vollstrecker Adolf Hitler auf die größte Arena getreten ist, die es seit dem Zusammenbruch des römischen Imoeriums der Antike im Umkreis der Kultur der weißen Rasse gegeben hat.

Hier treffen wir auf einen Kernpunkt der Weltkrise unserer Zeit. Da Deutschlands Gegner eine weltumspannende Macht ist, ist dieser Kampf, in den sich alle revolutionären Bewegungen des eurasiatischen Kontinents schließlich einordnen, weltumspannend. Aber Deutschland stellt keinen Anspruch auf Weltherrschaft. Im Gegenteil, es vertritt das umgekehrte Prinzip, wie jene Sätze des Führers, in historischer Stunde gesprochen, beweisen. Es ist von Anfang an das Prinzip der Abgrenzung der Machtsphären gewesen, das das Deutschland Adolf Hitlers dem universalistischen Weltherrschaftsanspruch entgegenstellte. Eine solche Abgrenzung der Machtsphären aber wurde von England abgelehnt. Dies war nur möglich, weil es sich hierbei der Unterstützung durch die Vereinigten Staaten sicher wähnte. Die britische Macht war bereits gegenüber dem geeinten Großdeutschland und Italien, geschweige denn gegenüber dem ganzen europäischen Kontinent und der Konstellation des weltpolitischen Dreiecks Berlin-Rom-Tokio, viel zu schwach, als daß sie sich ohne diese vermeintliche Rückendeckung zum Kampf gestellt hätte. So wäre eine Abgrenzung, wie sie zwischen Rom und Byzanz durch Jahrhunderte hindurch bestanden hat, aller Voraussicht nach das Ergebnis gewesen, wenn sich der britische Weltherrschaftsanspruch nicht in einen größeren Zusammenhang eingeordnet gesehen hätte, der dazu verleitete, die revolutionären Impulse Deutschlands ebenso wie seine tatsächliche Kraft zu unterschätzen und überhaupt gegenüber den tragenden Bewegungen unseres Jahrhunderts jene Blindheit zu zeigen, mit der in der Geschichte alle Führungsschichten geschlagen worden sind, deren Zeit abgelaufen war. Die Vereinigten Staaten sind daher zum tragischen Verhängnis Englands geworden.

Ohne daß sich England dessen bei Ausbruch des Krieges voll bewußt gewesen wäre, war es bereits in Abhängigkeit von Nordamerika geraten. Sehr bald schon bezeichneten die Amerikaner England als ihre "erste Frontlinie". Man hat sich heute an diese amerikanische Ausdrucksweise schon so gewöhnt, daß man meist vergißt, welche geradezu ungeheuerliche Veränderung es, gemessen an der früheren britischen Weltstellung, bedeutete, daß nun die Vereinigten Staaten es waren, die für sich die Rolle eines Protektors auch über das britische Empire in Anspruch nahmen. Es war eine Umkehrung aller bisherigen Erfahrung; denn durch drei Jahrhunderte hindurch ist es immer England gewesen, das andere Länder als seine Blutspender und Festlandsdegen auf dem europäischen Kontinent oder auch – wie im japanisch-russischen Krieg von 1905 – irgendwo weit entfernt für sich kämpfen ließ. Niemals war bis dahin Britannien die erste, immer war es die letzte Frontlinie gewesen. Nun plötzlich mußte es selbst zugeben, daß es nur noch Vorposten eines anderen Weltreiches war. Damit übernahmen die Vereinigten Staaten den bisherigen britischen Weltherrschaftsanspruch. Ihr Zeitalter, so behauptete man alsbald dort, sei nunmehr angebrochen. Der britische Wunschtraum vom universalenWeltstaat wechselte über den Ozean hinüber und schimmerte plötzlich in Washington auf.

Die Rolle, die die Vereinigten Staaten von Anfang dieses Krieges an gespielt haben, konnte nur für denjenigen überraschend kommen, der von dem überlieferten weltpolitischen Bild des 19. Jahrhunderts geblendet war. Der Rückschlag, den die imperialistische Politik Nordamerikas nach dem mißglückten Versuch von Versailles erfuhr, die Abwendung von Europa und die scheinbare Rückwendung der USA. zum traditionellen Isolationismus mögen freilich weithin den Eindruck erzeugt haben, die Einflußnahme auf oder gar die Beteiligung an einem neuen Kriege von Seiten der Vereinigten Staaten kämen nicht mehr in Betracht. Dies war ein Trugschluß, der allerdings umso naheliegender war, als ihm die überwältigende Mehrheit der Amerikaner ebenfalls anheimfiel. Sie hatten geglaubt, mit der Ablehnung der Genfer Liga der Nationen als zu "europäisch" hätten die Vereinigten Staaten jeder internationalen Bindung den Rücken gekehrt. Heute werden uns die tieferen Beweggründe für diese Abkehr verständlicher. In einen wirklichen Bund der Völker hätten sich die Vereinigten Staaten als Gleiche unter Gleichen einordnen müssen. Die innere, damals noch unbewußte Entwicklung der USA. drängte jedoch darauf hin, die entscheidende Weltrolle zu beanspruchen, die Spanien im 16. Jahrhundert und Britannien im 19. Jahrhundert für sich erlangt hatten. Darüber bestand gewiß in Amerika am Ende des Weltkrieges keine Klarheit; es waren lediglich bezeichnende Instinkthandlungen, die die Abneigung gegen eine amerikanische Beteiligung an Institutionen hervorriefen, in denen Amerika nur gleichgeordnet gewesen wäre.

Als der Krieg 1939 ausbrach, wollten die Amerikaner in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht nur für sich den Frieden erhalten, sie waren sogar jeder Einmischung, geschweige denn Beteiligung an europäischen Kriegen feind. Sie sind indes von der verhältnismäßig kleinen Führungsschicht an ihrer Spitze überspielt worden. Wie dies im einzelnen geschah und was die tieferen Beweggründe waren, wird in diesem Buche genauer dargelegt. Roosevelt ist nicht Amerika, das ist richtig. Aber es gelang ihm, Amerika davon zu überzeugen, daß er als Führer unentbehrlich sei. Damit aber ist auch die Masse der Amerikaner, die von ganz anderen Zielen und Ideen beseelt war als der Präsident, auf den von ihm eingeschlagenen Kurs festgelegt worden.

Amerikas Beteiligung an der Entstehung und dem Fortgang des jetzigen Krieges war also durchaus anders als im Weltkrieg. Damals sind die Vereinigten Staaten bei der Entstehung des Konfliktes auch im weiteren Sinne unbeteiligt gewesen. Keiner der beiden kriegführenden Teile konnte zunächst damit rechnen, von den Vereinigten Staaten entscheidende Unterstützung zu erfahren. Innerhalb des britischen Zeitalters hatten sie sich als eigener Machtkomplex verhältnismäßig isoliert von den Problemen Europas und Asiens entwickelt. Der im Jahre 1917 schließlich erfolgte Kriegseintritt war dann, wie heute die historische Quellenforschung bis in die letzte Einzelheit bewiesen hat, fast ausschließlich ein Ergebnis der Verknüpfung der amerikanischen Hochfinanz mit der englischen und in zweiter Linie auch der französischen. Die Bestrebungen der internationalen Hochfinanz verbanden sich zwar ausgezeichnet mit der Ideologie Wilsons, die mit der Schöpfung eines "Völkerbundes" den Vereinigten Staaten bereits eine Schiedsrichterrolle im Weltmaßstabe sichern wollte. Dennoch ist die Beteiligung der Vereinigten Staaten sowohl am Kriege selbst wie an der Friedenskonferenz zunächst noch von episodischem Charakter gewesen. Im Frühjahr und Sommer 1919 mußte Wilson in Paris erkennen, daß seine Hilfe für die Westmächte nicht etwa die Heraufführung eines amerikanischen Zeitalters bedeutet hatte, daß sie vielmehr nur den offenen Zusammenbruch des britischen Zeitalters verhindert halte.

Dies alles steht in völligem Widerspruch zu der Haltung, die die Regierung der Vereinigten Staaten schon vor dem Ausbruch des jetzigen Krieges eingenommen hat. Mit einer Schroffheit, die teilweise schon 1938 weit über die englische hinausging, forderte sie die "Quarantäne" um die revolutionäre Zone in Europa und Asien. Mit einer Emphase, die gerade in England hätte mißtrauisch stimmen müssen, setzte sie sich scheinbar für die Aufrechterhaltung des britischen Zeitalters unter allen, auch den äußersten Umständen ein. England und Frankreich waren im wesentlichen von der revolutionären Umformung der letzten Jahrzehnte unberührt geblieben. Sie bildeten im wahren Sinne die "Alte Welt". Die Vereinigten Staaten aber setzten sich zumindest moralisch und ideologisch an ihre Spitze. Präsident Franklin D. Roosevelt wählte für sich selbst die Rolle eines Papstes der Gegenreformation. Unter dem inhaltsleeren Schlagwort der Demokratie war sein ganzes Sinnen und Trachten darauf gerichtet, die Vereinigten Staaten, ja ganz Amerika zum Zentrum der "Alten Welt" zu machen und die naturwidrige Einteilung der großen Völker in Besitzende und Habenichtse aufrechtzuerhalten.

Dies war die völlige Umkehrung der geistigen und weltpolitischen Konstellation bei Beginn dieses Krieges. So erst ist die eigentliche Frontstellung zwischen den jung heraufkommenden Großmachtvölkern und der "Alten Welt" entstanden, die nach der Niederlage und dem Frontwechsel Frankreichs nun aus dem britischen Empire und den Vereinigten Staaten allein besteht. Diese Wendung ist überhaupt nicht zu verstehen, wenn man nicht die tieferen Wurzeln der amerikanischen Entwicklung während der letzten Jahrzehnte aufspürt. Nur sie vermögen zu erklären, weshalb Präsident Roosevelt die Monroe-Doktrin verraten, den Zaun der Neutralitätsgesetzgebung durchbrochen, weshalb er bewußt auf die Herbeiführung dieses Krieges hingearbeitet und ihn schließlich zu seiner eigenen Sache gemacht hat.


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