FRIEDRICH DÜRRENMATT (1921-1990)
DER DICHTER UND SEIN HENKER

Friedrich Dürrenmatt] [Friedrich Dürrenmatt] [Friedrich Dürrenmatt]
[Unterschrift]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
DIE BRETTER, DIE DIE WELT [BE]DEUTEN

Nein, liebe Leser, Dikigoros hat hier nicht versehentlich Steckbriefe irgend eines fetten, korrupten Stasi-Bonzen ins Netz gesetzt, sondern das sind echte Fotos Dürrenmatts - sogar hoch offizielle, wie sie in Lexika erscheinen, denn tatsächlich sah der Schweizer noch widerwärtiger aus. (Nur die Unterschrift paßt irgendwie nicht zu den Bildern - aber wenigstens zum Namen: Dürr und matt, oder wie die alten Römer sagten: Nomen atque omen :-) Schon wieder ein Shakespeare-Epigone? Ja, aber das ist keine Absicht. Es ist indes auch kein Zufall - es ist nun mal so, daß kaum ein Theater-Dichter nach Shakespeare an jenem großen Vorbild vorbei kommt, im Guten wie im Schlechten. Und Dürrenmatt hat gar keinen Hehl daraus gemacht, daß er - zum Beispiel im "König Johann" - Shakespeare bewußt kopiert (böse Zungen würden sagen: nachgeäfft) hat. Bereits in seinem ersten Stück, "Es steht geschrieben", glaubt man eine schlechte Kopie Shakespeares vor sich zu haben. Dennoch sind das noch Dürrenmatts beste Stücke; als er versuchte, sich selbständig zu machen, bekam er gar nichts Gescheites mehr auf die Bretter.

Als Dikigoros zur Schule ging, war Dürrenmatt groß in Mode. Selbstverständlich wurden seine Stücke im Deutsch-Unterricht gelesen: "Die Physiker", "Der Besuch der alten Dame", "Der Richter und sein Henker" (eigentlich bloß ein Kriminal-Roman wie jeder andere) und "Romulus der Große" (den Dikigoros in seinem jugendlichen Leichtsinn noch lustig fand, weil er den Schluß und die daraus folgende Moral nicht richtig verstand). Sie zeichneten sich vor allem dadurch aus, daß Peter Schifferlis "Arche"-Verlag ein Monopol auf die Textausgaben hatte, das er weidlich ausnutzte mit seinen Mondpreisen... Frau Dikigoros war in jungen Jahren ein großer Dürrenmatt-Fan (sie hat alle seine Werke im Bücher-Regal stehen, was für ihren Mann sehr praktisch ist); besonders der bereits erwähnte "König Johann" hat sie schwer beeindruckt, und deshalb wollen wir mit dem anfangen.

[König Johann von England, genannt 'Ohneland' (John Lackland)]

Völlig richtig hat Dürrenmatt erkannt (er schreibt darüber im Nachwort), daß Shakespeare da einen der ganz großen Stoffe der Weltgeschichte nicht gerade genial bearbeitet hat - "King John" zählt zu seinen schwächeren Königs-Dramen. (Shakespeare stützt die - stark verkürzte - Geschichte auf die naive Annahme, daß bei den englischen Überläufern am Ende doch der Patriotismus gesiegt hätte, als sie sich wieder von dem "Franzosen" Louis ab- und dem "Engländer" Johann zuwandten - als ob der untereinander versippte westeuropäische Hochadel damals, zu Beginn des 13. Jahrhunderts, auf eine solche Albernheit wie die Nationalität Rücksicht genommen hätte! Aber das war halt aus dem 17. Jahrhundert zurück geschlossen - ein Fehlschluß, dem Dikigoros nicht einmal böse Absicht unterstellt, sonst hätte er ihn an anderer Stelle behandelt.) Aber wie schreibt Dürrenmatt ebenfalls im Nachwort: "Es geht darum, brauchbare Geschichten für die Bühne zu schreiben, nicht auf der Bühne eine Volkshochschule für Geschichte zu veranstalten. Die Geschichte ist ein Stoff für Geschichten, doch jeder Stoff muß zugeschnitten werden, damit er eine Geschichte wird." Hm... wenn das so ist: Warum hat Dürrenmat seine Stoffe dann nicht gleich ganz frei erfunden? Wäre das nicht einfacher gewesen, als historische Stoffe "zuzuschneiden"? Seht Ihr, darin liegt ein grundsätzlicher Unterschied im Verständnis von Geschichte zwischen Dürrenmatt und Konsorten einerseits und Leuten wie Dikigoros andererseits: Die letzteren schneiden auch Geschichten aus der Geschichte aus, legen sie neben einander und vergleichen sie, ziehen Parallelen und Rückschlüsse; aber sie schneiden nicht willkürlich irgendetwas ab oder zu, wo es nicht hin gehört. Das ist eine Frage nicht der "dramatischen Kunst", sondern der Seriosität; wer Parabeln schreiben soll - was durchaus legitim ist -, soll sie frei erfinden und sie als solche kennzeichnen, und nicht den Eindruck zu erwecken suchen, daß es sich um Geschichten aus der Geschichte handelt, wenn es sich in Wahrheit nur um Geschichten handelt, die seiner Fantasie entsprungen sind. Und die Sache mit der "Volkshochschule"? Da hat Dürrenmatt doch geheuchelt: Er hat immer ganz massiv versucht, seine Zuschauer zu belehren - und auch das wäre legitim, wenn er nicht suggerieren würde, daß es sich dabei um Geschichten aus der Geschichte handelt, und wenn er dadurch nicht ein falsches Bild von der letzteren vermitteln würde.

A propos vermitteln: Da vermittelt doch der Bastard mehrmals so einen schönen, vernünftigen Frieden, und immer wieder macht ihm irgendwer oder -was einen Strich durch die Rechnung: Die Bosheit der Menschen, ihr [Ehr]Geiz, ihre [Macht]Gier, ihr [Kriegs]Lüsternheit... Ja, besonders die letztere, denn auf die sexuelle Lüsternheit sind die gekrönten Häupter zur Not bereit, zu verzichten: Wenn ihnen nur ihre Kronen erhalten bleiben, heiraten sie auch Frauen, die ihnen sonst gar nicht gefallen (freilich immer mit dem Hintergedanken, sich andere Geliebte zu halten :-). Ja, der Krieg, der einst als Vater aller Dinge galt, gilt nun als die Wurzel allen Übels, das die Militaristen - hier verkörpert durch den Erzherzog von Österreich - in die Welt gebracht haben. So sterben denn auf dem Schlachtfeld vor Angers viele tausend Franzosen und Engländer einen sinnlosen Tod, und am Ende auch die Bürger der Stadt, die sich doch nur friedlich heraus halten wollten. Tja, wie schrieb schon Friedrich Schiller: "Es kann der frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." Aber die Nachbarn sind einander ja gar nicht böse - im Gegenteil: Privat pflegen sie durchaus freundschaftliche Beziehungen, denn der europäische Hochadel ist untereinander eng versippt, und die Völker und deren Opfer sind ihnen in Wirklichkeit vollkommen egal. Und als das Stück zum ersten Mal verfilmt wurde, wurden folgerichtig im Vorspann Szenen aus dem Ersten Weltkrieg gezeigt - aber auch von den Verhandlungen zum Münchner Abkommen, von den Konferenzen zu Jalta und Potsdam, von den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, von den Kriegen um Korea und Vietnam.

Das ist viel Stoff, liebe Leser; fangen wir mal mit der ersten These an: Die bösen Herrscher, untereinander allesamt versippt und gut Freund, hetzten also 1914 ihre armen Völker in den Krieg und damit in den millionenfachen Tod? Pardon, aber umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Herrscher wollten damals wirklich keinen Krieg gegen einander führen, schon gar nicht die Vettern aus England, Deutschland und Rußland. Der Ärger war nur: Die Regierungen - allesamt vom Volk gewählt - hörten damals noch auf das Volk, und das wollte den Krieg. Keine europäische Hauptstadt, in der der Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht mit begeisterten Jubelstürmen gefeiert worden wäre - sie wollten es nicht anders! Und wie war das mit den genannten Konferenzen und Abkommen? Waren die wirklich von Vernunft gekennzeichnet? Und die anschließenden Krieg von Unvernunft? Oder hat Blanka Recht, als sie über den "faulen Frieden" klagt? Heute neigt man in grober Vereinfachung dazu, den Krieg als Übel schlechthin anzusehen und Frieden, auch Frieden um jeden Preis, als etwas Gutes. Früher sah man das differenzierter - wiewohl Zweifel erlaubt sind, ob man da immer richtig differenzierte. War es falsch oder richtig, Hitler 1938 in München nachzugeben? War es falsch oder richtig, Stalin 1943 in Teheran (und 1945 in Potsdam) nachzugeben? War es falsch oder richtig, die Atombomben auf Japan zu werfen, statt die Kapitulations-Verhandlungen fortzuführen? War es falsch oder richtig, neutral zu bleiben wie Angers (das Stück gibt Dürrenmatts Antwort), und war es umgekehrt falsch oder richtig, Staaten wie Griechenland und den Iran zu besetzen und andere zu zwingen, in den Krieg einzutreten? Wie dem auch sei, Tatsache ist, daß es "den Militarismus" nicht gibt (ebenso wenig wie der "den Terrorismus" gibt, aber das ist eine andere Geschichte). "Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln," hat mal ein deutscher Kanzler gesagt; und was immer man von dem ansonsten halten mag - da hatte er mal Recht. Der Krieg ist ein Mittel zum Zweck, und ob er gut und gerecht oder böse und schlecht ist, darüber entscheidet nicht der Krieg an sich, sondern das Ziel. (Was nicht ausschließt, daß einige der im Kriege angewendeten Mittel schlecht, ja verbrecherisch sind, aber auch darüber hat noch stets der Ausgang, also das Erreichen oder Nichterreichen des Ziels entschieden.) Dürrenmatt ist das egal; er zieht sich auf den Standpunkt zurück, daß Johann und sein - von Frankreich unterstützter - kleiner Neffe Arthur gleich gute oder schlechte Rechte auf den englischen Thron hätten, und bringt seine Meinung durch den Mund der Königsmutter Eleonore von Aquitanien zum Ausdruck: "Dich schützt, was du hast, nicht dein Recht."

Und was soll der Rest? Ballast, den Dürrenmatt von Shakespeare übernommen hat und mit schleppt, obwohl er für seinen Plot größtenteils gar nicht mehr erforderlich wäre - aber er hatte schon so stark gekürzt, daß er nicht noch mehr heraus nehmen wollte. Johanns Übergabe der englischen Krone an den Papst anno 1214, der ihm das Land als Lehen zurück gab, stellt Dürrenmatt als Farce dar - es war auch eine. Dennoch lenkt König Philipp II. von Frankreich bei Dürrenmatt daraufhin ein - in Wirklichkeit dachte er gar nicht daran, sondern schlug Johann ein Jahr später in der Schlacht von Bouvines gewaltig aufs Haupt; und was danach kommt, ist Geschichts-Klitterung allerersten Ranges: Bei Dürrenmatt entdeckt König Johann urplötzlich seine Liebe zum Volk - worin er sich mit der Mutter Kirche einig ist - und erläßt daraufhin die "Magna Charta"; in Wirklichkeit waren die Barone über sein Einknicken gegenüber dem Papst so erbost, daß sie ihm die "Magna Charta" abtrotzten, die entgegen all dem blühenden Unsinn, der noch zu Dikigoros Schulzeiten in den Leerbüchern stand, nichts weniger als "Demokratie fürs Volk" gewährte, sondern vielmehr eine Stärkung der Stellung des Hochadels bedeutete. Und last not least: Ob König Johann wirklich durch William Marshal, den Earl von Pembroke und späteren Regenten seines Sohnes Heinrich, durch Giftmord beseitigt wurde, wie im Theaterstück, darf sehr bezweifelt werden - Dikigoros selber glaubt es nicht (aber seine Frau würde es nicht ausschließen :-).

* * * * *

[Der Turmbau zu Babel, Gemälde von 
Bruegel 1563]

In "Ein Engel kommt nach Babylon" erfahren wir, warum der "Turm von Babel" gebaut wurde (was Dikigoros übrigens für eine historische Begebenheit hält; nicht weil Keller und die Bibel immer Recht hätten, sondern weil man sich so etwas nicht ausdenkt, auch nicht als jüdischer Chronist - die alten Juden waren keine Dürrenmatts!): Nebukadnezar wollte sich am Himmel rächen, weil der ihm so einen saublöden Engel geschickt hatte und er am Ende auf dessen knackige Begleiterin Kurrubi - die doch für ihn bestimmt schien - verzichten mußte. So so. Gewiß, Dürrenmatt hat den Engel betont weltfremd gezeichnet: Er sieht überall nur das Schöne und Gute (pfui!) und macht sich dann wieder aus dem Staub, ohne all die Schlechtigkeit der Welt zur Kenntnis genommen, geschweige denn sich eingemischt hat, um sie zum Besseren zu wenden. Aber Dürrenmatt verkennt die Aufgaben der "Engel": Im jüdischen Alten Testament waren sie Bewacher des Paradieses, also des Guten und Schönen; und im griechischen Neuen Testament waren sie Boten (das bedeutet "A[n]ggelos" wörtlich), die zum Beispiel Maria die frohe Botschaft von ihrer Schwangerschaft überbrachten - was hatten die mit der Verbesserung der Regierungsgeschäfte zu tun? Wie so oft bei Dürrenmatt ist es schwierig, aus dem gesprochenen Text heraus zu begreifen, was uns der Autor eigentlich sagen will - so auch hier. Erst wenn man das Nachwort der gedruckten Ausgabe liest, erfährt man es - ohne etwas Neues zu erfahren, denn es geht wieder nur vordergründig um den "Turmbau von Babel". (So lautete der Titel ursprünglich, aber Dürrenmatt vernichtete ihn mitsamt dem ersten Entwurf - vielleicht wußte er anfangs selber nicht so genau, worauf er eigentlich hinaus wollte :-) Hintergründig geht es einmal mehr um seine Lieblingsthese, daß die Geschichte trotz aller Bemühungen von Menschen und Engel um Vernunft am Ende doch so verläuft, wie sie verläuft: eben "unvernünftig", ohne Sinn und Zweck.

Nun ist es aber auch einmal mehr so, daß Dürrenmatt mit schlafwandlerischer Sicherheit Themen aufgreift, mit denen er zwar selber nichts Rechtes (und auch nichts gescheites Linkes :-) anzufangen weiß - das hatten wir ja auch schon bei anderen Protagonisten dieser "Reise durch die Vergangenheit", von Wagner bis Brecht -, die aber dennoch des Nachdenkens wert sind, weil sie auch für uns heutige noch irgendwie aktuell sind. Da ist zunächst einmal die Sozial-Politik: Nebukadnezar will nicht, daß es im Lande Bettler gebe - jeder soll einen besoldeten Job haben, notfalls im Staatsdienst (und sei es Henker :-). Ja, das gilt auch bei uns heute als Ideal - nicht so in Zeiten der Vollbeschäftigung, wie sie seinerzeit herrschte (jedenfalls in der Schweiz); deshalb konnte Dürrenmatt das damals noch auf die Schippe nehmen. Nicht, daß sein Bettler ein genügsamer Diogénäs wäre, der lieber arm und faul, aber glücklich als reich, fleißig und unglücklich wäre - im Gegenteil: Betteln ist eine anstrengende Tätigkeit, aber dafür kann sie, richtig ausgeübt, nämlich als Kunst, auch weit mehr abwerfen als "normale" Arbeit, wie uns schlagend demonstriert wird. Und eben dort sind wir - bittere Ironie - heute wieder angelangt: Nichtstuer, Schmarotzer und andere "[Lebens-]Künstler" können heute ein wesentlich besseres Einkommen in Form von "Sozial-Leistungen" erzielen, wenn sie stempeln gehen, als wenn sie einer Lohnarbeit nachgehen und Steuern und Sozial-Abgeben zahlen. Diese Art der "Sozial-Politik" mag durch und durch unsozial sein - sie hat sich bei uns durchgesetzt und bis heute erhalten. Daran ändert es nichts, daß die Leistungen jüngst ein wenig gekürzt wurden, denn diese Kürzungen betreffen meist diejenigen, die sie am wenigsten verdienen, sind also in höchstem Maße ungerecht: Derjenige, der sein Leben lang brav gearbeitet, Steuern und Sozial-Abgaben (u.a. Arbeitslosen-Versicherung) gezahlt hat, aber nun ohne Verschulden arbeitslos wird, bekommt nach kurzer Zeit nur noch soviel - oder sowenig - wie derjenige "Mitbürger" (Dikigoros setzt diesen Begriff in Anführungs-Striche, da er heutzutage von gewissen Kreisen, vor allem in den Medien, auch auf Nicht-Mitbürger angewendet wird), der nie im Leben einen Handschlag produktive Arbeit geleistet und nie etwas in den Topf der Sozialversicherungs-Systeme eingezahlt hat. Ja, selbst der Zugereiste vom Andromea-Nebel, aus der Dritten Welt oder sonstwoher braucht nur laut "Asyl" zu schreien und die Hand aufzuhalten - oder auch beide Hände - er bekommt das gleiche; und die aufgehaltenen Hände werden immer mehr, und die arbeitenden Hände immer weniger. Wie lange kann das noch gut gehen? Ob Dürrenmatt jemals darüber nachgedacht hat? Wahrscheinlich nicht, obwohl er in der Schweiz lebte, also dem Land, das gemessen an seiner Bevölkerungszahl eine größere Zahl von Asylanten beherbergte (und beherbergt) als irgend ein anderes Land der Welt. Aber auch in einem Land, wo das Betteln ohne staatlichen Erlaubnisschein verboten und strafbar war. Aber darauf wollte Dürrenmatt nicht hinaus. Er dachte wohl eher darüber nach, wer die wirklich armen und die wirklich reichen waren: die Bettler oder die Könige.

Es gibt aber noch eine andere, noch aktuellere Parallele, und die liegt im "Reiseverhalten" des Engels begründet, der ja in die Welt geschickt wird, um dort Gutes zu bewirken - mit Hilfe eben jener Kurrubi, die er mitgebracht hat. Nun gibt es auch heute Reisende, die in die Welt (vor allem in die so genannte "Dritte Welt") geschickt werden, um dort Gutes zu bewirken - mit Hilfe allerlei Dinge, die sie mitbringen. Nicht daß unsere Politiker, z.B. unsere Minister[innen] für Entwicklungshilfe oder die Bonzen der nicht-staatlichen "Hilfs"-Organisationen Engel wären; und sie glauben auch nicht an das Schöne und Gute - im Gegenteil, sie machen vorzugsweise alles mies, sei es nun, um zuhause auf die Tränendrüse zu drücken und noch mehr Spendengelder einzutreiben, sei es, um noch mehr Kapital für "Investitionen" locker zu machen, die den "rückständigen" Gebieten überall auf der Welt die Art von "Fortschritt" zu ermöglichen, den sie darunter verstehen: Fabriken und andere Dreckschleudern, in denen zu niedrigst möglichen Kosten, d.h. unter miserablen Arbeitsbedingungen und gegen wenig Lohn Massenware produziert werden kann, die sich dann zuhause mit maximalem Profit verscherbeln läßt - wobei man sich gegen etwaige Risiken und Verluste so weit wie möglich mit einer Ausfallbürgschaft des Staates oder einer Hermes-Versicherung schützt. Daß damit das einheimische Handwerk - oder die ersten Ansätze dazu - platt gemacht wird, sei es durch den Entzug der besten Arbeitskräfte, sei es durch Preisdumping - interessiert niemanden. Und wenn wirklich mal ein Politbonze oder NGO-Funktionär dort, wo er herum reist, Mißstände dieser Art feststellt, zuckt er die Schultern oder schaut weg - ändern kann er ja eh nichts daran. Warum sollte er auch? Nebukadnezar hat seinen Turm von Babel gebaut, die Ägypter den Assuan-Staudamm, in anderen Ländern der "Dritten Welt" wurden - und werden - andere unsinnige Prestige-Projekte "gefördert", die der Bevölkerung dort in Wirklichkeit mehr Schaden als Nutzen bringen; aber man hat ein gutes Gewissen.

An all das - und an Dürrenmatts Engel - muß Dikigoros denken, wenn er die Bilder der Verwüstung sieht, welche die Flutwelle - pardon, wer auf sich hält gebraucht ja jetzt das japanische Wort "Tsunami" dafür, das klingt doch viel unheil- und geheimnisvoller - vom Weihnachtstag 2004 im Indischen Ozean angerichtet hat, und wenn er von Freunden und Bekannten vor Ort hört, was anschließend geschah (die Bilder sieht man nicht in den Medien!): Die "blauen Engel" von der UNO kamen angeflogen, mit Milliarden Spendengeldern (von denen sie den größten Teil freilich schon in die eigenen Taschen gesteckt hatten :-) und wußten nicht wohin damit. Vielleicht könnte man damit ein paar Denkmäler für ertrunkene Touristen errichten? Oder ein paar Flüchtlings-Lager bauen, wie nach 1967 im Nahen Osten, wo die Palästinenser z.T. noch heute leben und die zu Brutstätten des islamischen Terrors geworden sind? Immer noch besser, als man würde den blöden Eingeborenen ihre billigen Strandhütten wieder aufbauen - die störten doch nur, wenn man dort demnächst wieder neue und noch teurere Hotels hin klotzen wollte! So geschah es denn auch: Nur zwei Wochen nach der Katastrofe wurden im indonesischen Aceh "Flüchtlings-Lager" errichtet, und praktisch mit deren Fertigstellung übernahmen eingesickerte muslimische Terroristen die Macht, verschafften sich Zugang zu Nahrungsmittel und Arzneien, verkloppten, um auch an Bargeld zu kommen, die Waisenkinder an Bordelle, und schon entflammte der fast zuende gegangene Bürgerkrieg in Nordsumatra wieder mit voller Wucht. Vielleicht hätte man den Kanaken von den Spendengeldern doch besser einen babylonischen Turm hin gesetzt, um sie abzulenken oder gleich das ganze Geld in die Taschen der Bonzen gesteckt; die hätten schon etwas damit anzufangen gewußt, das im Zweifel auch nicht schädlicher gewesen wäre... Im Ernst, liebe Leser, Dikigoros ist überzeugt, daß man am Ende auf eine dieser beiden "Lösungen" verfallen wird, vielleicht auf die erstere: Man könnte doch überall Leuchttürme aufstellen, als "Frühwarn-Systeme", wohl wissend, daß das alles ebenso wenig hilft wie alle anderen Systeme, wenn die Drecks-Thais die Flutwarnungen, die sie auch so rechtzeitig bekommen hatten, einfach nicht weiter geben, aus Habgier auf das Geld der Valuta-, pardon "Qualitäts"-Touristen, die ja sonst unter Mitnahme ihres Geldes und ihrer Wertsachen hätten fliehen können, und dann hätten die Thais - denen die Menschen, die dabei drauf gegangen sind, scheißegal sind - nicht so schön alles ausplündern können wie sie es jetzt getan haben. Aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr, deshalb kann er sich und Euch neuerliche Aufrufe, doch um Himmels Willen kein Geld an die selbst ernannten "Hilfs"-Organisationen zu spenden und vor allem nicht mehr nach Thailand (oder Babylon :-) zu reisen, hier ersparen.

Nach der Flutkatastrofe fragten die Schlagzeilen einiger deutscher Zeitungen: "Wo war Gott...?" Tja, das wäre für Dürrenmatt ein gefundenes Fressen gewesen, denn seine These lautet ja: "Die Geschichte ist unvernünftig, und Gott ist ungerecht." - "Wer im Unrecht ist, beruft sich stets auf Gott", hatte er schon seinen König Johann sagen lassen; und Nebukadnezar läßt er am Ende das Volk vor die Alternative stellen: "Meine Gerechtigkeit oder die Ungerechtigkeit Gottes". Dabei hat das vom Militär umzingelte Volk eigentlich gar keine Wahl; denn wenn es sie hätte, dann würde es - wie immer bei Dürrenmatt - die unvernünftigere Alternative wählen, nämlich die letztere. Aber der Reihe nach: Die Frage nach Gott hat zumindest eine Volksgruppe ganz eindeutig beantwortet, nämlich die radikalen Muslime von Aceh: "Seht, Allah war mit uns!" jubilierten sie, denn erstens hielten ihre solide gebauten Moscheen (die auch nicht direkt am Wasser liegen) den Flutwellen stand, und zweitens floß nun die finanzielle und materielle Hilfe naiver Ausländer massiv ins Land, fast noch massiver als zuvor die Wassermassen, und der schon fast verloren geglaubte Bürgerkrieg zur Errichtung eines fundamentalistischen islamischen Staates konnte weiter gehen. Ähnlich dachten die "Tamil Tigers" im Norden von Shrī Lankā: auch ihr Aufstand bekam durch die ausländischen Hilfsleistungen neuen Auftrieb. Auch in Thailand dankten viele den Göttern: Die schäbigen Hütten, die bisher weitere Investitionen an den Devisen bringenden Touristen-Stränden verhindert oder zumindest sehr erschwert hatten, waren endlich beseitigt; die UNO sorgte dafür, daß sie nicht wieder aufgebaut wurden und daß ihre bisherigen Bewohner in Konzentrations-, pardon Auffanglager im Landesinneren deportiert wurden. Der Strand war frei, nun konnten die Investoren neue Hotels bauen, noch schöner, noch größer, noch teurer. Die Kosten? Kein Problem: die (überwiegend deutschen) Versicherungs-Gesellschaften zahlten doch, dazu noch die Spenden, die nach hunderten Millionen zählten, und überhaupt würden die Touristen bald wieder kommen, mehr denn je zuvor, denn Katastrofen-Tourismus macht sich immer gut; und wenn man etwas auf die Krokodils-Tränendrüse drückte, konnte man auch bei den geizigsten Falangs, den "Kiniaus", Verständnis für eine kräftige Preiserhöhung finden - Buddha sei Dank!

Doch nicht nur rund um den Indischen Ozean vergoß man Krokodils-Tränen - es gab schon immer Leute, die von solchen oder ähnlichen Naturkatastrofen profitiert haben, und damit kommen wir wieder zur Politik: Wer kannte schon außerhalb Hamburgs dessen farblosen Innensenator, Oberleutnant a.D. H. Schmidt, als 1962 die große Flutwelle über die Stadt herein brach? Niemand. Der, nicht faul, nahm seine Pfeife, setzte seine Schiffer-Mütze auf und ließ sich mit ein paar Flutopfern ablichten, wobei er ihnen gut zuredete und viele Hände schüttelte. Das Wahlvolk war gerührt - zwölf Jahre später wurde er Bundeskanzler. Wer hätte anno 2002 noch einne Pfifferling auf die rot-grüne Regierung Schröder gegeben, die dabei war, die durch 16 Jahre Kohl-Regierung bereits arg gebeutelte BRD vollends zu ruinieren, als kurz vor der Bundestagswahl das Oder-Hochwasser kam? Niemand. Schröder kam, sah zu, wie die Bundeswehr-Soldaten an den Dämmen schufteten, ließ sich mit ein paar Flutopfern ablichten, wobei er ihnen gut zuredete und viele Hände schüttelte. Das Wahlvolk war gerührt - zwölf Wochen später wurde er wieder gewählt. Wer hätte im Dezember 2004 noch einen Pfifferling für dieselbe abgehalfterte Regierung gegeben, die von A wie Umbenennung der Sozialhilfe in "Arbeitslosenhilfe II" bis Z wie "Zusatzeinkünfte" korrupter Partei-Bonzen kein Fettnäpfchen ausgelassen hatte, und deren Sympathiewerte beim Wahlvolk gegen 0 tendierten? Niemand. Dann kam die Flutwelle, und sie erwies sich erneut als Segen, so zusagen als Weihnachts-Geschenk für die SPD: Der Weihnachtsmann, pardon der Bundeskanzler trat vor die Fernseh-Kameras, versprach, an die "Opfer" 500 Millionen Teuros (1 Milliarde DM) Steuergelder zu verschenken - nicht an die Deutschen, die den Gürtel im selben Jahr noch enger hatten schnallen müssen und darob kurz zuvor äußerst erbost gewesen waren , sondern an die korrupten UN-Bonzen, die das Geld angeblich in die "richtigen" Kanäle schleusen sollten - welche das sind, haben wir ja schon gesehen. Nur wenige Wochen zuvor hatte die UNO wegen dieser Korruption, personifiziert vor allem in ihrem obersten Chef An-An, vor dem Zusammenbruch gestanden, weil die USA gedroht hatten, ihr den Geldhahn zuzudrehen. Aber darum braucht sie sich jetzt keine Sorgen mehr zu machen, ebenso wenig wie die SPD um den Ausgang der nächsten Wahlen: Das Wahlvolk ist gerührt..., usw., Dikigoros will sich nicht noch einmal wiederholen. Kurzum: Es war einmal mehr "die perfekte Welle"!

Halt, wir sind noch nicht fertig. Wie war das mit der Wahl, die Nebukadnezar dem Volk nicht läßt, als er den Turm von Babel baut? Welche Wahl hat das heutige "Wahl"-Volk? Vor allem: Hat es Alternativen, wenn es um den so genannten "demokratischen Grundkonsens aller im Bundestag vertretenen Parteien" geht? Und wenn dieser "Grundkonsens" dem Wählerwillen diametral entgegen steht, weil die aus ihm resultierende Politik von grundauf falsch ist? Nein, liebe Leser, Dikigoros meint nicht die verfehlte Sozial- und Wirtschaftspolitik nicht nur der derzeitigen Regierung (schon die ihrer Vorgänger unterschied sich davon nur graduell), nicht die Abtreibungsgesetze - denn die sind zwar auch verfehlt, widersprechen aber wohl nicht dem Mehrheitswillen des Wahlvolks (umso schlimmer - aber dazu kommen wir weiter unten). Auch nicht die Flaschenpfand-Verordnung - die ist zwar für 99,9% der Wähler ein Ärgernis sondergleichen, das nur Geld kostet und überdies die Umwelt nicht schützt, sondern schädigt - aber das ist wie bei den so genannten "Arbeitsschutz"-Gesetzen, "Kinderschutz"-Gesetzen usw., mit denen wir vor Arbeit und Kindern geschützt werden; auch dazu kommen wir weiter unten. Nein, wir wollen ganz eng am Thema bleiben, und das lautet: Turmbau zu Babel. Als Dürrenmatt "Ein Engel kommt nach Babylon" schrieb, war die EWG noch nicht gegründet, war sie noch nicht zur EG erweitert, noch nicht zur EU umbenannt, und gar an eine "Osterweiterung", d.h. die Einbeziehung der ehemaligen COMECON-Staaten und womöglich der Türkei, dachte man noch nicht in den kühnsten Alpträumen. Seriösen Umfragen zufolge sind mindestens 75% des Wahlvolks dagegen. Aber bei uns herrschen mittlerweile Politiker, die sich offenbar Nebukadnezar zum Vorbild genommen haben, denn so wie der immer weiter und weiter erobern will, auch alle Länder "jenseits des Libanon", die er bisher noch gar nicht kannte (zur Strafe wird der Hofgeograf hingerichtet :-), so wollen die Eurokraten in Brüssel und deren Steigbügelhalter in Berlin und anderswo ihren Macht- und Herrschaftsbereich immer weiter ausdehnen, jenseits des Balkans, bis hinein nach Anatolien und an den Ural (die Ukraïne braucht auch noch Geld, so wie doch jetzt so schön "demokratisch" ist :-) - so weit wäre nicht einmal der deutsche Kanzler der Jahre 1933-1945 gegangen. (Aber der dachte halt viel zu viel an sein Volk, war ein böser Populist, der weit mehr als 75% der Wähler hinter sich hatte - pfui!)

Um diesen babylonischen Turm zu errichten, nehmen die modernen Nimrods nicht nur das babylonische Sprachgewirr in Kauf, sondern sie fangen schon zuhause an, mit "Multikulti" und allem, was dazu gehört: Völker-Mischmasch, Parallel-"Kulturen", Ausbeutung des alteingesessenen Volkes und Plünderung der Sozialkassen, um den fremden Zuwanderern ein arbeits- und sorgenfreies Leben - und Sich-Vermehren - zu ermöglichen. Auch dagegen sind mindestens 75% der Wähler; aber die werden von den Regierenden gar nicht erst gefragt. (Volks-Abstimmungen? Pfui, wie undemokratisch!) Denen ist das "eigene" Volk so egal wie es Nebukadnezar war. Ihre Parole lautet noch immer: "Divide et impera [säe Zwietracht und herrsche]!" Deshalb herrschen sie am liebsten über mehrere, möglichst unterschiedliche Völker, zwischen denen es - schon aus sprachlichen Gründen - keine Verständigungs-Möglichkeit und somit auch kein [Ein]Verständnis geben kann, denn je uneiniger ihre Untertanen sind, desto geringer die Gefahr, daß die sich zusammen tun und ihrer Gewaltherrschaft ein Ende machen, um sich wieder zu trennen und eigene Wege zu gehen. Ohne Gegengewalt wird das freilich nicht mehr möglich sein, und damit sind wir wieder bei den fehlenden Alternativen: Zwischen Nebukadnezar und Nimrod (die natürlich historisch hunderte von Jahren auseinander lagen - das ist ein Kunstgriff Dürrenmatts, einer seiner besten) herrscht nämlich auch ein "Grundkonsens" der Herrschenden, so wie er zwischen den im Bundestag vertretenen Parteien herrscht; wenn man den einen abwählt, bekommt man den anderen zum Herrscher, und ändern tut sich nichts. Wer dagegen aufmucken sollte, auf den wartet schon der Henker, wie bei Dürrenmatt. Wohlgemerkt: Von alledem hat der letztere nichts geahnt, konnte er wohl auch nichts ahnen - dennoch ist es eingetroffen, und seine Ignoranz sollte uns, die heutigen nicht hindern, über diese Themen erneut nachzudenken - nur dann können Theaterstücke, die Geschichten aus der Geschichte darstellen, und sei es auch nur als Gleichnisse oder Parabeln, einen Sinn haben.

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Und damit kommen wir zu einem grundlegenden Problem: Dürrenmatt wollte das alles gar nicht - im Gegenteil: Er wollte der Geschichte ihren Sinn nehmen und alles ins Lächerliche ziehen. Nein, ins Lächerliche ziehen ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, denn lächerlich ist ja in der Geschichte tatsächlich vieles - Dikigoros ist ausweislich seiner "Reisen durch die Vergangenheit" der letzte, der nicht um die vielen Treppenwitze der Weltgeschichte wüßte und darüber manchmal sogar lachen könnte. Und unter uns, liebe Leser, oft wird der Geschichte auch nur im Nachhinein von den Schreibtisch-Historikern ein vermeintlicher "Sinn" hinein interpretiert, den es so gar nicht gab - das gilt besonders für die nachträgliche Rechtfertigung von Kriegen. Aber Dürrenmatt wollte ja gar nicht die tatsächlichen Lächerlichkeiten der Geschichte aufzeigen; vielmehr versuchte er auch den ganz und gar nicht lächerlichen Ereignissen ihren Sinn zu nehmen und ihnen statt dessen einen - vordergründig lächerlichen - Unsinn zu unterlegen oder besser gesagt unter zu schieben, nach dem Motto: Es ist alles müßig, egal was ein Handelnder der Weltgeschichte tut, es kommt immer anders, als er es geplant hat - und sei es noch so "vernünftig" voraus berechnet - und zwar im Zweifelsfall schlimmer. Wenn also irgendetwas irgendwie abgelaufen ist, muß immer irgendjemand vergeblich versucht haben, das Geschehen in irgendeine andere, "vernünftigere" Richtung zu lenken: Der Bastard will verhindern, daß Angers zerstört wird... Er will verhindern, daß England und Frankreich Krieg gegen einander führen, er opfert dafür seine Liebe zu Blanche (eine Erfindung Dürrenmatts, Shakespeare weiß nichts davon), er will verhindern, daß der junge Arthur ermordet wird (bei Shakespeare stürzt er "versehentlich" aus dem Fenster) usw. Aber macht nicht auch Giraudoux im "Trojanischen Krieg" genau das gleiche? Versucht nicht auch Hektor, den Krieg zu verhindern, und am Ende bricht er doch aus? Wohl wahr, liebe Leser, aber nicht weil Hektor versucht hat, ihn zu verhindern, sondern obwohl Hektor versucht hat, ihn zu verhindern - das ist ein großer Unterschied, und das Aufzeigen dieses Unterschieds ist einer der Gründe, weshalb Dikigoros Giraudoux in "Die Bretter, die die Welt bedeuten" überhaupt aufgenommen hat - obwohl der gar keine Geschichte gefälscht hat.

Noch einmal zurück zum König Johann. Darf Dikigoros an dieser Stelle auf einen Treppenwitz der Theater-Geschichte hinweisen? Es handelt sich um einen Stoff, der tatsächlich wie gemacht gewesen wäre, um Dürrenmatts These von der Sinnlosigkeit allen geplanten Handelns unter Beweis zu stellen; aber er hat sich von Shakespeare (der offenbar auf etwas ganz anderes hinaus wollte - was, ist Dikigoros freilich nie richtig klar geworden, deshalb hat er das Stück dort auch nicht weiter behandelt) den Blick darauf verstellen lassen, und zwar durch die erfundene Figur des "Bastards". Ihm legt er all die fruchtlosen Bemühungen in den Mund und in die Hände, "Vernunft" in den Lauf der Geschichte zu bringen. Wozu eigentlich? John Lackland selber ist geradezu prädestiniert für diese Rolle - er hat sie nämlich tatsächlich gespielt. Er verlor (man kann nicht einmal sagen "verspielte") in wenigen Jahren das "Angevinische Reich" seines Vaters Heinrich, das halb West-Europa umfaßt hatte, und war der mit Abstand glückloseste aller englischen Könige. [Nein, liebe Leser, George VI. war nicht glücklos, der war einfach nur doof; außerdem hatte er eh nichts mehr zu sagen, weder privat (die alte Hexe, die sich noch bis vor kurzem unter der Bezeichnung "Queen Mum" durch die Alkohol-Vorräte der Windsors soff, hatte ihn völlig unter dem Pantoffel) noch politisch - die Richtlinien der Politik bestimmte längst der Premier-Minister. Er hätte den Lauf der Weltgeschichte also schwerlich ändern können, obwohl er zu Beginn seiner Regierungszeit - zumindest auf dem Papier - über das mächtigste Reich der Erde herrschte, und am Ende nur noch über anderthalb traurige Inselchen in der Nordsee - aber das ist eine andere Geschichte.] Wenn man sich Johanns Lebenslauf so anschaut, fragt man sich unwillkürlich: Was hat der eigentlich falsch gemacht? Die Antwort ist erschreckend: Genau genommen gar nichts. Man kann aber auch nicht sagen, daß er einfach nur Pech gehabt hätte - die Umstände entwickelten sich einfach gegen ihn - es war wie verhext. (Da hätte Dürrenmatt mal eine Anleihe bei Shakespeare und seinen Hexen machen können!)

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[Knipperdollinck]

Die Geschichte der Wiedertäufer ist einer der faszinierendsten Stoffe der deutschen, ja der europäischen Geschichte; und er hat Dürrenmatt nie los gelassen - obwohl er immer behauptete, daß er sich mit den historischen Ereignissen kaum befaßt und auch aktuelle Paralleleln kaum beabsichtigt habe, als er "Es steht geschrieben" und "Die Wiedertäufer von Münster" schrieb. Eigentlich ist das Wörtchen "und" an dieser Stelle ja ein wenig übertrieben: Auch andere seiner Stücke hat Dürrenmatt im Laufe der Zeit ein- oder mehrmals überarbeitet; aber nur bei diesem hat er eine der Neubearbeitungen mit einem neuen Titel versehen und als eigenes Stück behandelt wissen wollen. Dabei hatte er das Thema schon beim ersten Versuch, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht richtig in den Griff bekommen, und am Ende hatte er es derart verschlimmbessert, daß es gar nichts mehr taugte. Die erste Fassung hatte eigentlich gar keine Moral, außer vielleicht: Diejenigen, die am lautesten schreien, daß die prassende, ausbeuterische Obrigkeit im Interesse des kleinen Mannes (und der kleinen Gemüsefrau :-) gestürzt werden müsse, benehmen sich, sobald sie an die Macht gelangt sind, selber auch nicht besser, sondern eher sogar noch schlimmer. (Und die kleine Gemüsefrau, nebenbei bemerkt, auch :-) Wenn das denn 1946 noch neu gewesen sein sollte, so konnte man das ein paar Jahrzehnte später so natürlich nicht mehr auf die Bühne bringen, zumal es jemand als Anspielung auf die Sowjetunion und ihre Satelliten hätte (miß-?)verstehen können, und das wollte man ebenso wenig wie bei "Animal Farm" von George Orwell. Dort wurde dem lesenden Publikum nach Orwells Tod dessen Einleitung vorenthalten und dafür vorgegaukelt, er habe eigentlich das Dritte Reich gemeint. Einen ähnlichen Versuch unternimmt auch Dürrenmatt in der Neufassung seines Wiedertäufer-Dramas, wenngleich das ganze etwas müde und eher halbherzig wirkt: Irgendwer faselt irgendwas vom "Endsieg", will den Krieg nur um des Krieges Willen weiter führen, und am Ende entkommt Bormann unter Zurücklassung einer falschen Leiche in einem U-Boot nach Argentinien, pardon, am Ende entkommt Bockelson, der große Schauspieler, unter Zurücklassung einer falschen Leiche in einer Sänfte nach - ja, wohin denn eigentlich? Nach Köln? Nach Osnabrück? Nach Zürich? Weiß der Geier, und Dürrenmatt war es sicher egal - ihm ging es wohl nur um eine Demonstration des Spruches: "Die kleinen Gauner hängt man, die großen läßt man laufen." Dies war zugleich die einzige echte Neuerung der Neubearbeitung, die ansonsten nur darin bestand, einige Stellen (überwiegend weniger schlechte, meist Zitate und Wortspiele) zu streichen.

Und was hätte man aus dem Wiedertäufer-Stoff nicht für ein Drama machen können! Da ist mehr dran als an der Reformation und den Bauernkriegen, in deren Schatten die Wiedertäufer immer standen, zusammen. Dennoch waren sich die Historiker in Ost und West immer einig, die Augen vor ihnen zu verschließen und sich statt dessen blindlings auf ihre Vorläufer zu stürzen, jenes vertrottelte, anti-semitische Mönchlein, dem seine eigene Protest[anten]-Bewegung alsbald aus dem Ruder lief, und jene erzkonservativen Groß-Bauern, die sich gegen den Abbau ihrer althergebrachten Privilegien durch die aufkommende Bürokratie der Sesselpupser erhoben. (Für sie bedeutete Re-volution noch ein Zurückdrehen des Geschichtsrads, nicht irgendwelche "fortschrittlichen" Flausen; deshalb ist es ein Witz, wenn ausgerechnet kommunistische "Historiker" sie zu "Proletariern" und geistigen Vorläufern von Schreibtisch-Filosofen wie Marx und Engels gemacht haben.) Wer waren die Täufer (so nannten sie sich selber), und was wollten sie? Waren es tatsächlich die bösen Buben, die in Münster ein Schreckens-Regime errichteten, mit Ausschweifungen, wüsten Sauf-, Freß- und Sexorgien (ja, die Vielweiberei, Bockelson hat bei Dürrenmatt gleich 17 Weiber!)? Hatte die Obrigkeit also gute Gründe, sie auszurotten? Nun, die Frage berücksichtigt nicht den zeitlichen Ablauf der Ereignisse. Tatsächlich wurden die "Wiedertäufer" schon erbarmungslos verfolgt, ehe sie die Macht in Münster übernahmen (übrigens ganz friedlich: Bockelson heiratete die Tochter des Bürgermeisters Knipperdollinck, und der katholische Bischof hatte ganz offiziell zugestimmt, daß die Stadt protestantisch wurde). Und jenes "Schreckensregime" war nicht halb so schlimm wie das Calvins in Genf oder das Zwinglis in Zürich - die heute beide als Ehrenmänner und Religionsgründer gelten. Was für "Orgien" werden die "Wiedertäufer" in Münster schon veranstaltet haben? Wer heutzutage unsere fetten, voll gefressenen Politiker und ihre Staatsbanketts sieht - vom Ex-Kanzler und seinem langjährigen Außen-Minister bis zu dessem Nachnachfolger -, der hätte angesichts dessen, was Bockelson und Knipperdollinck in Münster taten, wahrscheinlich nur milde gelächelt - zumal das ja wirklich Hungerleider gewesen waren, denen man es nachempfinden konnte, wenn sie mal einen über den Durst tranken oder über den Hunger aßen. Und die Vielweiberei? Nun ja, auch wenn unser heutiger Kanzler bisher "nur" vier offizielle Ehefrauen gehabt hat, brauchen wir uns doch nicht darüber zu streiten, daß viele Polit-Bonzen mit mehr als 17 Weibern herum gehurt haben, oder? Und es bedarf ja nicht nur der Männer, sondern auch der Frauen, die so etwas mit machen - und nur aus Liebe und Frömmigkeit werden sie es nicht getan haben, weder heuer noch im 16. Jahrhundert. Und die Bevölkerung von Münster stand wie ein Mann - und 17 Frauen - hinter Bockelson & Co.: Anders als bei Dürrenmatt fiel die Stadt nicht nach lascher Belagerung quasi von selber oder weil es nicht mehr genug Luxusgüter für die Bonzen gab, sondern sie mußte von den Landsknechten im erbitterten Häuserkampf um jeden Fußbreit Boden erobert werden; die Münsteraner kämpften bis zur letzten Patrone für ihre Sache. Nur einer entkam - und das war nicht etwa Bockelson, sondern ein gewisser Menno Simon. Allein die spätere Geschichte dieses Mannes und seiner Anhänger, der "Mennoniten", beweist, daß in Münster durchaus nicht nur kriegslüsterne, Orgien feiernde Radikale saßen, sondern auch das genaue Gegenteil - aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr.

Was wollten die "Wiedertäufer" also bzw. was wollten sie nicht, das sie in den Augen ihrer Feinde so verabscheuungswürdig machte? Nun, zunächst einmal wollten sie Gewissens- und Glaubensfreiheit: Ein Baby zu taufen, das noch gar nicht wissen konnte, was ihm da geschah, und es dann ein Leben lang an dem Glauben, auf den es da getauft wurde, festzuhalten, hielten sie - mit Recht - für Unfug. Für sie zählte nur die Taufe des erwachsenen Menschen, der damit ein echtes Glaubensbekenntnis ablegte. (Deshalb betrachteten sie sich auch nicht als "Wieder"-Täufer, sondern als "Täufer", denn die Kindstaufe betrachteten sie als unwirksam; zu echten "Wiedertäufern" wurden erst die Protestanten, die bald darauf - erstmals 1535 in Straßburg - die "Konfirmation" einführten, und dann auch die Katholiken, die mit der "Firmung" noch eins drauf setzten.) Im übrigen standen sie theologisch - das legt Dürrenmatt einer seiner Figuren durchaus richtig in den Mund - den Katholiken näher als den Protestanten, denn die lehnten die reine Gnadenlehre ohne gute Taten ab - ein Standpunkt, den auch Dikigoros persönlich nachvollziehen kann, während ihn die katholische Kirche im Zuge der Gegenreformation ebenfalls so gut wie aufgegeben hat, im Gegensatz etwa zum Hinduismus. (Ja ja, er kennt die Kritikpunkte, die Luther ja mit Recht angesprochen hat: Erst munter sündigen, und dann glauben, sich mit dem "guten Werk" einer dicken Spende von den Qualen der Hölle oder des Fegefeuers los kaufen zu können. Aber wo liegt der Unterschied zum munter sündigen und dann glauben, sich mit einer umfassenden "Beichte" los kaufen zu können? Eine echte Alternative kann es doch nur sein, nicht zu sündigen und gute Werke zu tun, von denen man auch im nächsten Leben noch zehren konnte. Das mag zwar auch ein frommer Irrglaube sein, aber ein sehr nützlicher, insoweit er die Menschen dazu anhält, sich eines anständigen Lebenswandels zu befleißigen.) Dann wollten sie sich selber regieren, sie zielten auf das ab, was wir heute "Demokratie" nennen - wohl gemerkt echte Demokratie, ohne Ein- oder Mehrparteien-Diktatur ohne Gewaltenteilung, wie sie heute eingerissen ist; und weil das vielerorts recht gut klappte, schritt die Obrigkeit, die auf keinen ihrer Untertanen (und seine Steuerleistungen) verzichten wollte, alsbald ein. Wo die Gemeinden der Täufer ungeschützt lagen, wurden sie bald ausgerottet - zumal sie in der Regel auch noch den Wehrdienst ablehnten; wo sie sich hinter eine feste Stadtmauer zurück ziehen konnten, wie in Münster, dauerte es etwas länger.

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[Romulus der Große]

Hat Dikigoros eben geschrieben, daß Dürrenmatt stets versucht zu zeigen, daß in der Geschichte immer alles ganz anders kommt als geplant? Daß sie fast immer vom Zufall gelenkt wird? Aber ist die Pointe von "Romulus der Große" nicht genau das Gegenteil? Kommt da nicht am Ende heraus, daß der Untergang des Römischen Reiches gar kein Zufall war, sondern von Anfang an ganz perfide eingefädelt, nämlich vom Imperator und Caesar höchst-persönlich? Pardon, liebe Leser, aber wer ist denn da der Handelnde? Doch nicht der Römer, der gerade nichts tut, um den Konkurs der Firma "Imperium Romanum" abzuwenden (wenn man so will, führt er den Konkurs vorsätzlich herbei, aber halt durch sein Passiv-bleiben), sondern vielmehr Odoaker, der auf Rom marschiert; und der hatte das alles doch ganz anders geplant: Er wollte, daß seine Germanen, statt "Helden" zu werden, in der vermeintlich höheren Kultur der Römer aufgingen (offenbar ohne zu merken, daß auch die nur entstehen konnte, weil die Römer früher ihrerseits "Helden" gespielt und all das zusammen gerafft hatten, was ihnen den Aufbau dieser "Kultur" ermöglichte). Und nun hat ihm Romulus eben das verbaut, weil ihm die Lederhose viel praktischer erscheint als die römische Toga. Doch Romulus hat es zwar geschafft, sein eigenes Reich zu zerstören, aber im Grunde genommen war sein Opfer (und das seines Schwiegersohnes in spe) genauso vergeblich, denn auch er hatte sich das ja alles ganz anders vorgestellt. Spaß beiseite - wie war es wirklich?

Beginnen wir damit, daß Dürrenmatt zwei Kaiser schlicht verwechselt hat, die rund zwei Generationen auseinander liegen. Der Hühnerzüchter war nicht Romulus, sondern Flavius Honorius, seit 393 Mit-, seit 395 alleiniger Kaiser des Weströmischen Imperiums, der freilich nicht in Roma, sondern erst in Mediolanum [Mailand], dann (seit 402) in Ravenna residierte, und sein Gegenspieler war keiner der Akteure Dürrenmatts, sondern ein gewisser Alarich, Herrscher der Westgoten. Der eroberte und plünderte tatsächlich anno 410 Rom, und einer der Schmierfinken, an denen die römische Journaille so reich war, Prokopios von Caesarea, behauptete, daß Honorius, als er die Nachricht erhielt, Roma sei zugrunde gegangen, in Tränen ausgebrochen sei, weil er glaubte, damit sei sein gleichnamiges Lieblingshuhn gemeint - eine Szene, die der britische Maler John William Waterhouse 1883 in einem Gemälde festhielt, das Dürrenmatt wohl gekannt haben muß.

[Flavius Honorius, der Hühnerzüchter]

Aber Alarich starb wenig später, sein Nachfolger Athaulf - von dem Ihr, liebe deutsche Leser, noch nie etwas gehört oder gelesen haben dürftet, denn sein Name (die Urform von "Adolf") ist bekanntlich tabu, weshalb er tot geschwiegen werden muß - heiratete sogar Honorius' Schwester Galla Placidia, starb dann aber auch bald, und die Westgoten zogen friedlich weiter nach Gallien, wo sie 418 als Verbündete ("Foederati") der Römer ganz offiziell angesiedelt wurden. Honorius aber regierte weiter in Ravenna, wo er 423 eines natürlichen Todes starb; sein Nachfolger Valentinian war übrigens ein Sohn jener Galla Placidia, also sein Neffe.

Die folgenden Jahrzehnte erspart Euch Dikigoros - niemand aus jener Zeit kommt in "Romulus der Große" vor. Für jenes Theaterstück braucht man erst wieder zu wissen, daß weder Romulus noch Zenon der Isaurer, der ihn bei Dürrenmatt besucht, richtige, "legitime" Kaiser waren. Anno 474 war Leon I, der "legitime" Kaiser von Ostrom (wenn man ihn denn so nennen darf; auch er - ein Thraker - war 17 Jahre zuvor durch einen Putsch der Alanen unter General Aspar an die Macht gekommen; aber je länger eine Herrschaft dauert, für desto "legitimer" halten sie halt die Historiker) gestorben; nach ihm hatte ein zur Palastwache gehörender Räuberhauptmann namens Tarasikodissa (das ist ein Frauenname, aber das darf Euch nicht stören :-) die Macht an sich gerissen - und Leons Tochter gleich dazu, was ihm einen gewissen Anschein von Legitimität verleihen mochte. Er stammte aus der Provinz Isaurien; das ist die Ecke zwischen dem Kap Anamur und Mersin, wo Dikigoros und seine Frau vor nun schon einigen Jahrzehnten ihre Hochzeitsreise verbracht haben. Mitten drin lag die Stadt Selevkia (nach den Selevkiden benannt), das heutige Silifke; und mitten durch floß der Salef (von den Türken heute "Göksu [Himmelswasser]" genannt), in dem anno 1190 Kaiser Friedrich Barbarossa auf seinem mißglückten Kreuzzug umkam. Dieser Tarasikodissa nahm nun den Namen "Zenon" an, und ob seiner Herkunft trug er halt den Beinamen "der Isaurer". Es ist richtig, daß er anno 475 bei Unruhen in Konstantinopel die Flucht ergriff; aber er dachte nicht im Traum daran, wie bei Dürrenmatt nach Italien zu fliehen, sondern er ging natürlich in seine Heimat, nach Isaurien. Von dort kehrte er ein Jahr später zurück, jagte die Unruhestifter zum Teufel und ersetzte seine unzuverlässigen "oströmischen" (griechischen) Truppen durch zuverlässige (germanische) Söldner. Einer seiner Söldnerführer war ein gewisser Theoderich, Sohn des Ostgotenkönigs Thiudimer. Die Ostgoten waren, nachdem sie rund ein Dreiviertel-Jahrhundert zuvor von den Hunnen aus ihrer Heimat in der heutigen Ukraïne vertrieben und arg dezimiert worden waren, nur noch ein armseliges Völkchen, das von Ostroms Gnaden als "Föderaten" (Hiwis) auf dem Balkan angesiedelt worden war - ungefähr im heutigen Makedonien -; aber es konnte noch brauchbare Soldaten stellen. Auch in Westrom hatten längst germanische Generäle die Macht übernommen und herrschten durch Marionetten-Kaiser. Seit der Narr Valentinian III anno 454 seinen Feldherrn Aëtius hatte ermorden lassen (einen skrupellosen Intriganten und Machtmenschen - aber solche Leute brauchte Rom, wenn es nicht untergehen wollte), ging das Weströmische Reich den Tiber hinunter.

Das war allerdings nicht die Schuld von Romulus, wie Dürrenmatt es suggeriert. Der war vielmehr ein 13-jähriger (angeblich sehr hübscher) Knabe, als ihn sein Vater Orestes auf den Thron setzte. Natürlich ist auch der Name "Orestes" nicht echt (Ihr kennt ihn vielleicht aus der altgriechischen Mythologie - der Sohn des Agamémnon und der Klytaimestra hieß so, und wenn Ihr die nicht kennt: er war der Bruder der Elektra, die Trauer tragen mußte.) Im Lexikon steht, daß er in Pannonien geboren wurde. Das besagt nun überhaupt nichts, denn "Pannonier" gab es nicht. Im heutigen Österreich und Ungarn siedelte damals ein Gemisch aus Kelten, Illyrern, Germanen und Hunnen; was genau Orestes war, wissen wir nicht. Wir wissen nur, daß er eine Art Generaladjutant des Hunnenkönigs Attila war. Nach dessen Tod raffte er zusammen, was er an Söldnern herum schwirren sah - Herulern, Skiren, Alanen, Turcilingen und Rugiern - und begann seinen Marsch auf Rom, pardon, auf Ravenna, die Hauptstadt. Der legitime Herrscher, Iulius Nepos, ernannte ihn großzügig zum General; aber Orestes gab ihm einen Tritt und jagte ihn davon - nach Dalmatien. Orestes zögerte, sich selber zum Kaiser ausrufen zu lassen, und setzte statt dessen seinen Sohn Romulus Augustus auf den Thron - da er der Sohn einer Römerin war, glaubte er, daß der von der Bevölkerung (und auch von Ostrom) eher akzeptiert würde. Er irrte: Die Weströmer nannten ihn nur "Augustulus" (was nicht nur "kleiner August", sondern auch "dummer August" bedeutete); die Oströmer nannten ihn Momyllos ("die Misere" - Ihr, liebe Ossis, wißt doch noch, wie Ihr Euren letzten Minister-Präsidenten, den Stasi-IM und Hühnerzüchter, pardon, den Stasi-IM und Musikanten de Maizière, genannt habt, nicht wahr? Nun ja, Leon I, pardon Lothar I, wäre ja auch irgendwie unpassend gewesen :-). Aber das war noch nicht das schlimmste Problem, das waren vielmehr die germanischen Söldner-Truppen: die wollten Land. Und als Orestes ihnen das nicht gab, blies einer seiner Unterführer zur Meuterei. Sein Name war Odoaker. (Auch von ihm wissen wir nicht genau, welchem Stamm er entsprang - die Vermutungen reichen von Skire über Rugier und Turcolinge bis Hunne oder eine Mischung aus einem oder mehreren davon.) Der griff knallhart durch: Orestes wurde erschlagen; seinen Sohn Romulus schickte er mit 14 in "Pension", in die alte Villa des Lucullus; der römische Großgrundbesitz wurde enteignet und an die germanischen Söldner verteilt. (Die Erträge brachen daraufhin ein, aber wen scherte das? Die Bevölkerung ging eh zurück, und wer nicht geboren wird - damals kam gerade die Empfängnis-Verhütung groß in Mode - braucht auch nichts zu essen.) Als Zenon der Isaurer ein paar Jahre später genug hatte von jenem aufmüpfigen Odoaker, schickte er ihm seinen Feldherrn Theoderich auf den Hals, der ihm denselben eigenhändig umdrehte. Davon, daß die beiden, wie bei Dürrenmatt, Onkel und Neffe waren, kann freilich keine Rede sein; aber auf diese kleine Ungenauigkeit kommt es nun auch nicht mehr an - oder?

So weit, so schlecht. Aber was schert das uns, die Nachwelt, heute noch? Gute Frage. Viele Jahrhunderte kümmerte sich tatsächlich kaum jemand um die alte Geschichte; denn es gab zwar immer Leute, die ihre eigene Geschichte aufschrieben - oder aufschreiben ließen -, aber keine "Geschichtsschreibung", keine Geschichts-"Wissenschaft" im heutigen Sinne, d.h. es gab kein "Quellen-Studium", kein im Nachhinein vorgenommenes Interpretieren der Geschichte anhand dessen, was andere über sie aufgeschrieben hatten. Erst seit Ende des 18. und verstärkt im 19. Jahrhundert, als sich, von Frankreich ausgehend, der Nationalismus über ganz Europa verbreitete und schließlich auch Italien und sogar Deutschland erreichte, begann man über "historische" Fragen nachzudenken - so auch über die, was vom Zusammenstoß der alten Römer und Germanen zu halten sei. Hatten wir das nicht schon mal? Richtig, liebe Leser, im Kapitel über Heinrich v. Kleist, wenngleich die der "Hermannsschlacht" zugrunde liegenden Ereignisse fast ein halbes Jahrtausend früher statt fanden als die des "Romulus". Und auch die Warte, aus der wir sie sehen, ist eine andere: Damals ging es um die Frage, ob es gut oder schlecht war, wenn die Römer Germanien besetzten; jetzt geht es um die Frage, ob es gut oder schlecht war, wenn die Germanen Rom besetzten. Auf den ersten Blick sind wir hier in einer besseren Position, das zu beurteilen, denn die Eroberung des rechtsrheinischen Germaniens durch die Römer fand ja nicht statt, so daß wir insoweit auf Mutmaßungen angewiesen sind, die Roms durch die Germanen aber sehr wohl, so daß wir genau im Bilde sind. Aber Vorsicht, liebe Leser, das ist eine optische Täuschung: Wir kennen jeweils nur eine der Alternativen, denn wir wissen weder, was geschehen wäre, wenn die Römer zu Beginn des 1. Jahrhunderts Ostgermanien allen Widerständen zum Trotz doch erobert hätten, noch was geschehen wäre, wenn die Germanen das Imperium Romanum Ende des 5. Jahrhunderts nicht erobert hätten. Dagegen wissen wir sowohl, daß das Imperium Romanum von den Germanen östlich des Rheins unterwandert (und schließlich vernichtet) wurde, obwohl - oder weil? - sie es damals unter Varus, Germanicus und Tiberius nicht erobert hatten, als auch, daß die Germanen, welche die diversen Teile des Imperium Romanum eroberten - die Sueben, Burgunder, Franken, Wandalen, Langobarden, West- und Ostgoten - von diesem aufgesogen (und schließlich vernichtet) wurden, obwohl - oder weil? - sie es damals unter Eurich, Geiserich, Odoaker und Theoderich erobert hatten. Ihr meint, das sei doch paradox? Tja, die Weltgeschichte ist reich an Treppenwitzen, sogar an doppelten Treppenwitzen - aber das ist eine andere Geschichte.

Angesichts dieser ähnlichen Voraussetzungen muß es uns eigentlich verwundern, wenn die Frage nach dem zweiten Ereignis - die ja nicht erst von Dürrenmatt aufgeworfen wurde - ungleich weniger Interesse gefunden hat als die erste. Dabei ist sie ungleich interessanter, denn während man aus der Geschichte des Arminius eigentlich nur die Lehre ziehen kann, die schon die alten Römer richtig zogen, nämlich daß es sich nicht lohnte, mit einem unverhältnismäßig hohen Aufwand an Zeit, Geld und Blut wertlose Kolonien zu erobern, sind die historischen Lehren, die man aus dem Zusammentreffen römisch-lateinischer "Zivilisation" und germanischer "Barbarei" in den fünf Jahrhunderten danach ziehen kann, ja muß, ungleich interessanter. (Dabei kommt es nicht darauf an, ob Dürrenmatt das auch so gesehen hat und deutlich machen wollte oder nicht). Die wichtigste lautet: Multikulti funktioniert nicht und hat nie funktioniert. (Die Schweiz bildet da keine Ausnahme - nicht einmal die vereinzelte, welche die Regel bestätigt -, denn die vier Kulturen leben dort nicht mit-, sondern fein säuberlich getrennt nebeneinander.) Eine Kultur muß aus sich selber wachsen und reifen, nicht von außen, womöglich mit Gewalt, aufgepropft werden. Wo immer zwei unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen, befruchten sie einander nicht mit dem jeweils Besten, das sie einzeln zu bieten haben, sondern sie gucken einander nur das jeweils Schlechteste ab, zum beiderseitigen Nachteil. (Das ist wie beim Aufeinandertreffen zweier ungleichwertiger Währungen: Das schlechtere Geld verdrängt stets das bessere aus dem Umlauf - aber das ist eine andere Geschichte.) So war es nicht nur in Frankreich, Spanien und Italien (und erst recht in Africa, Griechenland und dem Nahen Osten), sondern auch im linksrheinischen Germanien, wo man ziemlich genau verfolgen kann, was die "zivilisierten" Barbaren mit dem lateinischen "Kulturerbe" anstellten, als die römische Militär-Herrschaft zusammen brach und sie - die Germanen - "frei" gewesen wären, es zu nutzen und für sich fruchtbar zu machen: Die Städte und Straßen verfielen, mit ihnen die handwerklichen Fertigkeiten, aber auch praktische landwirtschaftliche Fähigkeiten, vom Anlegen eines Obstgartens bis zum Weinbau. Die Kunst des Lesens und Schreibens verfiel ebenso wie alles, was damit zusammen hing, von der Literatur bis zum Theater. Dafür waren die Germanen aber auch lauter kräftige, urgesunde Prachtkerle, und die Germaninnen völlig unverdorben und gebärfreudig - meint jedenfalls der römische Sesselpupser und Schreibtisch-Historiker Tacitus, der wahrscheinlich selber nie östlich des Rheins war. Wenn es denn so gewesen wäre - aber das wagt Dikigoros ganz entschieden zu bezweifeln. Die Germanen östlich des Rheins wären damals nicht mal in der Lage gewesen, Lederhosen herzustellen, geschweige mit den von Romulus als so praktisch bewunderten Hosenträgern, wie Dürrenmatt sie uns vorstellt.

Kulturlosigkeit, liebe Leser, ist noch längst keine Garantie für ein gesundes und glückliches Leben - im Gegenteil: Von den alten Germanen östlich des Rheins dürfte nur eine ganz kleine Auslese - halt die Fronttruppen - hochgewachsen, vor Kraft und Gesundheit strotzend gewesen sein, wie Tacitus sie schildert; die breite Masse dürfe, wie bei allen so genannten "Natur"-Völkern" bis zum heutigen Tage, in Schmutz, Hunger und Krankheit verharrt haben und früh gestorben sein - wie es das unerbittliche Gesetz der Natur ist. Das mag für den Volkskörper, pardon, daran zu denken wäre ja faschistoïd, für den Gen-pool also, nicht weiter schädlich, vielleicht sogar nützlich sein - ob es aber so erstrebenswert ist? Für besagte Auslese? Gewiß, aber auch die konnte sich ihres schönen Lebens doch allenfalls einer ganz kurzen Zeitspanne erfreuen, selbst wenn sie alle kriegerischen Auseinandersetzungen, zu denen sie dieses Zur-Elite-gehören verpflichtete, einigermaßen heil überstand, vielleicht vom 15. bis zum 25., allenfalls 30. Lebensjahr, dann gehörte auch sie zum alten Eisen und rostete vor sich hin. Nein, zu einem gesunden Leben gehören ein ausreichendes Nahrungsangebot (der durchschnittliche Germane dürfte damals nicht viel größer gewesen sein als der durchschnittliche Römer, so um die 1,60 m, die Frauen um die 1,50 m - erst der frühzeitige, regelmäßige Genuß von tierischem Eiweiß im 20. Jahrhundert hat 2-Meter-Männer in größerer Menge hervor gebracht), Ruhefasen, vor allem ausreichend Schlaf in warmen, trockenen Unterkünften, ohne sich vorzeitig kaputt zu schuften. Dazu gehört ferner die Bewahrung und Überlieferung notwendigen Wissens und nützlicher Fertigkeiten, von der Essenszubereitung (die Steinzeit-Menschen mußten in der Regel schon mit 30 verhungern, weil sie sich bis dahin an dem miesen Mischbrot aus Mühlstein- und Getreidekörnern die Zähne ausgebissen hatten) bis hin zur Anwendung von Heilkräutern - oder haltet Ihr es für "natürlich", daß ein junger Mensch, der ansonsten noch voll leistungsfähig ist, an einer kleinen Wunde oder einer simplen Grippe stirbt?

Nun verstellt uns heutigen der Anblick der "Zivilisations"-Krankheiten nur allzu leicht den Blick auf die dahinter stehenden Jahrmillionen der Knappheit, der [Hungers-]Not und anderer Gebrechen. Heute könnte ein menschliches Individuum mehrere Jahrzehnte seines - immer länger währenden - Lebens gesund und leistungsfähig bleiben, und diese Spanne weitet sich theoretisch immer weiter aus. In der Praxis machen allerdings immer weniger Menschen von dieser Möglichkeit Gebrauch und führen statt dessen einen zunehmend ungesunden Lebenswandel - umso schlimmer! Leider gehörte auch Dürrenmatt zu den letzteren: Im Schlaraffenland Schweiz groß geworden, im materiellen Wohlstand, ja Überfluß, ohne Kriege, Hungersnöte oder andere existentielle Sorgen, neigte er zur Dekadenz, fraß, soff und rauchte exzessiv und war sein halbes Leben lang todkrank, körperlich und zunehmend wohl auch geistig, denn zu den Sprüchen, welche die Germanen von den Römern nicht übernommen bzw. die sie nicht beherzigt haben, zählt auch der: "mens sana in corpore sano ([der] Geist [ist] gesund in [einem] Körper, [der] gesund [ist])". Wie meinte Frau Dikigoros einmal biestig: "Der hat die Charlotte Kerr doch nur noch als Krankenschwester geheiratet." Nein, Dürrenmatt stand es nicht zu, dieses Thema zu behandeln - vielleicht hat er den "Romulus" auch deshalb enden lassen, als die Geschichte gerade anfing, interessant zu werden.

Aber was kümmert uns Dürrenmatts beschränkter Horizont? Wir dürfen weiter fragen, wir müssen sogar weiter fragen, wenn wir aus dieser Geschichte einen Denkanstoß gewinnen wollen. Also: Hat Romulus, an dessen Einzelperson wir uns nicht allzu fest klammern sollten, haben Romulus und die anderen späten Caesaren (von Caesar Rupf natürlich mal abgesehen, der für die braven Privatunternehmer steht, die immer fleißig gewirtschaftet und Steuern gezahlt haben :-) des Imperium Romanum billigend in Kauf genommen, daß Italien politisch, wirtschaftlich zugrunde geht oder es gar gezielt zugrunde gerichtet, sei es durch Passivität in wichtigen Dingen und Aktivität in unwichtigen Dingen wie der Hühnerzucht? Ach, liebe Leser, das ist ein weites Feld zwischen falschem aktivem Handeln und passivem Hinnehmen, zwischen Pleiten, Pech und Pannen. Was würdet Ihr denn auf die Frage antworten: Haben Gerhardulus Kaschmirulus und die anderen späten Kanzler der BRD billigend in Kauf genommen, daß Deutschland politisch, wirtschaftlich und sozial zugrunde geht oder es gar gezielt zugrunde gerichtet, sei es durch Passivität in wichtigen Dingen und Aktivität in unwichtigen Dingen, wie... ja was eigentlich? Dikigoros wäre froh, wenn sich die heutige Regierung der BRD auf das Züchten von Hühnern beschränken würde! Gewiß, einige Politiker der "Grünen" haben ganz offen bekannt, daß sie den Untergang des deutschen Volkes wollen, und die sind ja jetzt mit an der Regierung. Aber haben sie wirklich etwas Konkretes in dieser Richtung unternommen? Nun, darüber kann man trefflich streiten. Haben sie nicht alles getan, um die schwindende Bevölkerung wieder aufzupäppeln, sogar nach römischem Vorbild? Das alte Imperium stellte in seiner Endfase Ehe- und Kinderlosigkeit unter Strafe; auch in der BRD hat man sich jetzt dazu durchgerungen, indem man kinderlosen alten Menschen die Rente kürzt. (Geschiedene, werden schon seit 1975 mit Halbierung ihrer Rente bestraft.) Und hat man nicht den Ehepaaren, in denen nur eine[r] verdient, allen Widerständen zum Trotz das Ehegatten-Splitting im Steuerrecht erhalten? Hat man nicht alles getan, um die Rechte der Ehefrauen und vor allem der Kinder zu stärken? Nirgendwo auf der Welt haben die Kinder soviele Rechte wie in der BRD (und in Rot-China, aber das ist eine andere Geschichte).

Ja, gewiß, aber mit Schutzgesetzen ist das so eine Sache, die sich leicht ins Gegenteil verkehren kann: Auch die Arbeitnehmer haben nirgendwo auf der Welt soviele Rechte wie in der BRD - und wohin hat das geführt? Richtig: in die Massen-Arbeitslosigkeit. Kaum ein gescheiter Arbeitgeber ist nämlich noch bereit, unter diesen "Rahmen"-Bedingungen Arbeitsverhältnisse einzugehen, in denen er selber praktisch keine Rechte mehr hat, der Arbeitnehmer aber alle. Und so ähnlich ist das auch im Ehe- und Familienrecht: Kaum ein gescheiter Mann ist noch bereit, Eheverhältnisse einzugehen, in denen er selber praktisch keine Rechte mehr hat, die Ehefrau aber alle. (Sie darf den Mann nach Belieben betrügen und ihm davon laufen; er muß ihr, ihren etwaigen Liebhabern und deren Kindern de facto lebenslang Unterhalt zahlen; die Nachforschung, um wessen Kinder es sich da handelt, soll demnächst sogar unter Strafe gestellt werden, wenn es nach einem kriminellen Weibsbild geht, das es irgendwie geschafft hat, Justiz-Ministerin zu werden. Dikigoros muß da immer an den General-Staatsanwalt in Dürrenmatts "Die Ehe des Herrn Missisippi" denken, der sich ja auch als ein Krimneller entpuppt, der sich das Amt erschlichen hat.) Und wenn sich dennoch mal ein gleichgesinntes (und "gleichwertiges" - denn darauf läft es hinaus, seit die Richter des so genannten Bundesgerichtshofs selbst notariell beurkundete Eheverträge zur Makulatur gemacht und damit die so genannte "Privatautonomie" der Bürger in Ehesachen abgeschafft hat - es gibt viele Mississippis!) findet, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, daß es auf Kinder verzichtet, denn auch Kinder haben nur noch Rechte, keine Pflichten - letztere haben nur noch die Eltern (und den armen Lehrer[inne]n geht es noch schlimmer - aber das ist eine andere Geschichte). Und den wenigen, die trotz alledem noch Kinder wollen, wirft man Knüppel noch und nöcher zwischen die Beine: Abtreibung - also der Mord an ungeborenen Kindern - ist nicht nur erlaubt, es gibt ihn sogar kostenlos (d.h. für die Rabenmutter; der Mörder wird selbstverständlich für seine Tat bezahlt, und das nicht zu knapp!) auf Krankenschein, denn Schwangerschaft gilt als Krankheit, und Kinder sind juristisch betrachtet ein Schaden - so haben Deutschlands Mississippis klipp und klar geurteilt, warum sollten die Eltern das also anders sehen? Dagegen sind "künstliche Befruchtungen" (IVF, ICSI und wie sie alle heißen) zwar noch nicht offiziell verboten, aber inoffiziell verpönt und jedenfalls kostenpflichtig; und wer einmal versucht hat, in Deutschland Kinder zu adoptieren... aber Dikigoros will Euch nicht mit Fällen aus seiner Anwaltspraxis langweilen... Kurzum, der Vorwurf, den Dürrenmatt den römischen Caesaren gemacht hat, war unberechtigt, denn dort gab es nichts dergleichen; er wäre indes berechtigt, wenn er ihn den deutschen Kanzlern machen würde - wobei man allenfalls streiten kann, ob man erst bei Birne anfangen muß oder schon früher.

Und - gäbe es da keine Lösungen? Da sind die Betroffenen durchaus geteilter Meinung: Die letzten Leistungsfähigen und Leistungswilligen - allen voran die Genbiologen, EDV-Techniker usw., die in der BRD de facto Berufsverbot haben - kehren Deutschland den Rücken und wandern aus, so wie Odoakers Germanen bei Dürrenmatt. Und die BRD öffnet im Gegenzug ihre Tore weit für Einwanderer aus aller Welt in dem irr[ig]en Glauben, daß die irgendein Interesse daran hätten, den Laden hier am Laufen zu halten. Wenigstens dieser Illusion gibt sich Dürrenmatts Romulus nicht hin; allerdings liegt er da historisch gesehen wieder falsch; denn genau das taten die römischen Caesaren in der Endfase des Imperiums: Sie holten immer mehr Ausländer ins Land, vor allem - aber nicht nur - Germanen. Und sie taten recht daran, denn das waren noch die tüchtigsten, ohne die der Laden schon viel früher zusammen gekracht wäre, nicht nur militärisch, sondern auch politisch (sie stellten nicht etwa nur das Kanonenfutter und die Straßenkehrer, sondern am Ende auch die fähigsten Feldherren und Staatsmänner). Und eben da hinkt der Vergleich: Die BRD hat es, seitdem die "sozial-liberale" Regierung 1973 durch den Anwerbestop für Gastarbeiter allen leistungsfähigen und leistungswilligen Ausländern die Tore verschlossen hat, nicht mehr verstanden, irgendetwas Brauchbares ins Land zu holen, sondern nur noch falsche Asylanten, Kriminelle und andere Schmarotzer. Und das kann man den historischen Römern nun wahrlich nicht vorwerfen. Fazit: Dürrenmatt liegt einmal mehr voll daneben; aber vielleicht konnte er diese Entwicklung (die in der Schweiz zwar im Detail, nicht aber im Ergebnis, sehr ähnlich verlief wie in der BRD) noch nicht abschätzen, als er seinen "Romulus" schrieb.

Aber vielleicht kann uns dieses Stück dennoch einen Denkanstoß liefern. Böse Zungen - überwiegend vom "rechten" politischen Rand - behaupten ja schon seit einiger Zeit, daß gewisse Politiker das absichtlich machen, um Deutschland, Europa, das Abendland, die westliche Welt, die weiße Rasse o.ä. zu vernichten. (Vor einiger Zeit rief Dikigoros ein Mandant an, der - entgegen seiner eindringlichen Warnungen - gemeint hatte, "gute Geschäfte" mit Ausländern machen zu müssen und dabei auf seine raffgierige Nase gefallen war, und jammerte ihm just das vor - Dikigoros erlaubte sich, ihn auf das Römische Reich, pardon auf Italien hinzuweisen, wo die neue rechte Regierung es auch nicht besser machte :-) Das mag abwegig klingen; aber wenn man Dürrenmatts "Romulus" zuende denkt, dann ist genau das sein Ziel. Wohlgemerkt aus den besten Motiven: Er findet es gut, daß Rom untergeht, weil er glaubt, daß den stärkeren Germanen ohnehin die Zukunft gehöre. Hitler soll - wenn man Albert Speers Memoiren glauben darf (Dikigoros schwankt noch, ob er das tun soll, neigt aber zur Vorsicht - auch wenn er nicht jeden Satz darin für erlogen hält, wie einige Kritiker des letzten Rüstungsministers) - kurz vor dem Ende gesagt haben, Deutschland solle ruhig untergehen, denn den stärkeren Slawen gehöre ohnehin die Zukunft. Und einige rot-grüne Politiker scheinen, wenn man einige ihrer Äußerungen ernst nimmt (Dikigoros schwankt noch, ob er das tun soll... denn er hält nicht jeden Satz, den ein Politiker von sich gibt, für erlogen - nicht mal bei den Grünen :-), tatsächlich zu glauben, es sei gut, wenn das deutsche Volk als solches unterginge und statt dessen eine hybride Bevölkerung aus Negern, Arabern, Türken und anderen Asiaten nebst einigen wenigen weißen Einsprengseln das Staatsgebiet der BRD besiedele, da den [geburten-]stärkeren Völkern der Dritten Welt ohnehin die Zukunft gehöre. Da mag was dran sein; aber Dikigoros meint gleichwohl, daß die Schwächeren dagegen ankämpfen müssen - die Männer notfalls mit der Waffe in der Hand, die Frauen mit dem Kind im Bauch -, und daß sich die Rechten tunlichst von Schiller verabschieden und sich statt dessen an Dürrenmatt ein (abschreckendes) Beispiel nehmen sollten, mit seinem "Romulus" aus Prototyp der Politiker, die es zu bekämpfen gilt. Heinrich v. Kleist schrieb einmal: "Schlagt sie tot, das Weltgericht fragt Euch nach den Gründen nicht." Nein, so ganz würde Dikigoros das nicht unterschreiben - er glaubt vielmehr, daß das Weltgericht uns sehr wohl danach fragen wird, und daß wir alle die Quittung bekommen werden, wenn wir es nicht tun - am Jüngsten Tag, und der könnte womöglich schon näher sein als es manche glauben wollen.

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Da Dikigoros den Namen "Mississippi" nun schon mehrmals erwähnt hat, muß er wohl auch über "Die Ehe des Herrn Mississippi" ein paar Zeilen schreiben - obwohl dieses Stück doch eigentlich gar keinen "historischen" Inhalt hat. Oder? Schaun wir mal: Zwei Jugendfreunde, Individuen zwielichtiger Herkunft und zweifelhafter Vergangenheit, haben es irgendwie - legal, illegal, scheißegal - geschafft, Karriere zu machen. Der eine ist im Osten Berufs-Revolutionär geworden, der andere im Westen General-Staatsanwalt; das Ziel des einen ist die kommunistische Weltrevolution, die des anderen die Wiedereinführung des "mosaïschen" Gesetzes, also der Sharia. (Ja, was glaubt Ihr denn, liebe Leser, woher Muhamad bzw. seine Epigonen "Aug' um Auge, Zahn um Zahn", Kopf um Kopf und Steinigung um Steinigung hatten? Eben!) Beide gehen über Leichen, und am Ende - scheitern beide. Na und? Gewiß, die Geschichte gibt als solche nicht viel her, wohl aber die Begleitumstände: Da Staatsanwalt Mississippi ob der vielen von ihm erwirkten Todesstrafen zunehmend in die Kritik geraten ist, will ihn der Ministerpräsident entlassen; sein Jugendfreund bietet ihm statt dessen die Führung einer neu zu gründenden Partei an, die Kommunismus und alt-testamentarische Strenge des Rechts verbinden soll. Wenn Dikigoros Euch nun auch noch verrät, daß das Stück in Italien spielt - seid Ihr dann immer noch ganz sicher, daß es da keine historischen Parallelen gibt? Wie war das mit dem "compromesso storico", dem "historischen Kompromiß" zwischen "Christentum und Sozialismus" (gemeint war Kommunismus), den gewisse Kreise in Italienen nach dem Zweiten Weltkrieg Jahrzehnte lang (noch bis in die 1980er Jahre unter der Bezeichnung "Euro-Kommunismus") anstrebten? Gab es wirklich die Gefahr, pardon die Chance, ach, sagen wir doch einfach die konkrete Möglichkeit, daß es dazu gekommen wäre? Und ob es die gab, liebe Leser, darauf könnt Ihr Euch getrost verlassen. Und warum scheiterte das letztlich? Weil die Leute auf mahnende Stimmen wie die von Ignazio Silone gehört hätten? Nicht im Traum! Weil der real existierende Sozialismus in den Jahren 1989-91 unterging? Ach was!

Dikigoros will es Euch verraten: Weil das abendländische Christentum schon viel früher untergangen war, nicht nur als Religion, sondern auch gesellschaftlich, moralisch, politisch und wie auch immer; weil sich der Vatikan und mit ihm die römisch-katholische Kirche als eine kriminelle Vereinigung entpuppte, die ihren eigenen Papst - Johannes Paul I - ermorden ließ, weil der die Geldwäsche und die anderen schmutzigen (nicht nur Bank-)Geschäfte mit der Mafia nicht mehr decken wollte. Weil auch die politischen Parteien, die immer noch das "C" im Namen führten, wie die "Democrazia Cristiana" nicht besser waren, weil auch ihre Ministerpräsidenten - wie die der Sozialisten - sich als Mitglieder der Mafia entpuppten, von Andreotti bis Craxi, kurzum, weil der Staat ebenso zur kriminellen Vereinigung geworden war wie die Kirche - warum sollten da nicht Leute wie Herr Mississippi und sein sauberer Freund Karriere machen? Aber wie konnte Dürrenmatt das ahnen? Wußte er mehr als seine Zeitgenossen? Hatte er gar hellseherische Fähigkeiten? Manchmal könnte man es glauben, denn wohin geht sein Berufs-Revolutionär, nachdem der kommunistische Aufstand gescheitert ist und Moskau ihn darob gefeuert hat wie ein Fußball-Verein seinen erfolglosen Trainer? Nach Portugal, ans Ende der Welt, pardon, ans Ende Europas. Und im Ernst, liebe Leser, wer von Euch hätte damals gedacht, daß ausgerechnet dort in den 1970er Jahren ein kommunistischer Militärputsch die Regierung stürzen und das Land auf Jahre hinaus ruinieren sollte (bis die doofen Deutschen es mit EU-Mitteln wieder aufbauten - mit Ausnahme der afrikanischen Übersee-Provinzen, wo noch heute Bürgerkrieg herrscht)? Dikigoros will ehrlich sein: er nicht, nie und nimmer - im Gegenteil: Zu Bundeswehrzeiten stand für ihn und einige seiner Kameraden immer fest, wohin sie fliehen würden, wenn die Truppen des Warschauer Paktes die BRD überrennen und sie das überleben würden (keine Minute glaubten sie daran, daß die Bundeswehr der Roten Armee ernsthaft Widerstand leisten könnte oder daß die USA auch nur einen Finger rühen würden, um das "Vorfeld" für ihre Atombomben-Abwürfe östlich des Rheins zu verteidigen): über das anti-kommunistische Spanien ins anti-kommunistische Portugal, und von dort notfalls weiter ins anti-kommunistische Brasilien - an das christ-demokratische Chile hätten sie dagegen nicht gedacht, dafür schien ihnen dort die Gefahr einer sozialistischen Machtergreifung durch Señor Allende viel zu groß - was sich ja dann auch bewahrheiten sollte; aber so weit hatte Dürrenmatt das wohl nicht zuende gedacht.

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[Die Physiker]

Ganz zuende gedacht hat Dürrenmatt dagegen - so glaubte er wenigstens - die Sache mit den Physikern: Was die in letzter Zeit so erdacht und erfunden hatten (und dabei dachte Dürrenmatt sicher an die Atombombe) war so schrecklich gefährlich, daß man es eigentlich gar nicht mehr an die Öffentlichkeit - und vor allem nicht in die Hände der Generäle und Wirtschaftsbosse - gelangen lassen dürfte. So denkt auch der gute Möbius, der all die fisikalischen Erfindungen gemacht hat, die der Volksmund Newton, Einstein und anderen Charlatanen zuschreibt, und noch viel mehr. Um sich - und die Menschheit - davor zu schützen, spielt Möbius verrückt, gibt sich als der alte Judenkönig Schlomo (von Luther - und Dürrenmatt, dem Sohn eines protestantischen Pfarrers - fälschlich "Salomon" geschrieben und gesprochen) aus und fristet sein Dasein deshalb im Irrenhaus. Nur dort sei er noch frei, glaubt er, und ahnt nicht, daß er längst von allen möglichen und unmöglichen Typen ausspioniert wird: Die Geheimdienste zweier Großmächte (na welcher wohl :-) haben Agenten eingeschleust, die ebenfalls Fisiker sind und sich ihrerseits als arme Irre ausgeben, die sich just für Newton und Einstein halten. Zwischen den dreien entbrennt alsbald der Streit, ob man als Naturwissenschaftler sein Wissen für sich behalten dürfe oder verpflichtet sei, es der Allgemeinheit, also "der Menschheit", zugänglich zu machen - natürlich nur zu deren Besten, dem Fortschritt usw. Doch diese ganze Diskussion entpuppt sich am Ende - wie könnte es bei Dürrenmatt anders sein - als müßig, denn die Leiterin der Irrenanstalt, kinderlose Erbin alter Generäle und Wirtschaftsbosse, hat den Schwindel längst durchschaut und Möbius zu Papier gebrachtes Wissen heimlich abgeschöpft - die drei haben sich also vergeblich aufgeopfert.

Was soll das? Nun, wo Dürrenmatt mit seiner einfach strukturierten Schwarz-Weiß-Denke steht ist klar: Die wahre Verrückte ist die Anstaltsleiterin, die sich tatsächlich für Schlomo hält; mit den Insassen sind tatsächlich Newton und Einstein gemeint, deren Ideen mißbraucht wurden (Dürrenmatt wußte also nicht, daß Newtons Gravitationslehre ebenso falsch war wie Einsteins Relativitätslehre, und daß der letztere auch nicht für die Atombombe verantwortlich war :-), die Krankenwärter tragen am Ende nicht mehr weiße Kittel, sondern schwarze SS-Uniformen. So weit, so gut. Aber was sollen wir davon halten, liebe Leser, die wir etwas klarer denken können als der dicke Schweizer? Zunächst einmal zwingt nichts und niemand (außer vielleicht die eigene Ruhmsucht) Leute wie den guten Möbius, ihre ach-so-gefährlichen Gedanken und Erkenntnisse schriftlich festzuhalten oder sie sonst in irgend einer Weise Dritten oder "der Allgemeinheit" zugänglich zu machen. Aber nehmen wir ruhig mal an, daß es in einer "Nervenheilanstalt" Mittel und Wege gibt, einen Insassen dazu zu bringen - sonst wäre die Geschichte ja schon beendet. Doch ist es wirklich so gefährlich, gewisse Erfindungen in die Hände von Militärs und Unternehmern fallen zu lassen, wie Dürrenmatt glaubt? Dikigoros glaubt etwas ganz anderes: Kein Militär führt Krieg um des Krieges willen oder weil es ihm Spaß macht, sich tot oder zum Krüppel schießen zu lassen, wenngleich dieses Vorurteil unausrottbar scheint - nicht nur bei Dürrenmatt, der ja auch den Landsknechten in "Es steht geschrieben" unterstellt, sie wollten keinen Frieden, weil sie ja sonst keinen Sold mehr bekämen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die wollen zwar den theoretischen Kriegszustand nicht beendet wissen, aber in der Praxis kämpfen wollen sie erst recht nicht, weil eben dadurch der Krieg entschieden - und damit beendet - werden könnte! Und in einer Zeit wie der unsrigen, da Berufs-Soldaten auch dann ihren Sold bekommen, wenn sie keinen Krieg zu führen brauchen, gibt es erst recht kein Motiv mehr, um solchermaßen sein Leben zu riskieren! Nein, nichts schützt besser vor einem Krieg als mörderische Waffen in den Händen von Militärs, die wissen, was ihr Einsatz speziell für sie selber bedeuten würde. Und die Unternehmer? Was immer die auch produzieren mögen: Ohne eine verblödete Masse von Verbrauchern, pardon Konsumenten, die es ihnen abkaufen, könnten sie sich das Zeug in sauer kochen. Die Gefahr geht also in Wirklichkeit von ganz anderen Kreisen aus: von den Berufs-Politikern der Parteien-"Demokratie", die nach Abschaffung der Gewaltenteilung völlig verantwortungslos, d.h. mangels Kontroll-Instanz frei von jeglicher Verantwortung handeln können - und das auch tun -, die nicht nur nichts vom Militär und nichts von Wirtschafts-Unternehmen verstehen, sondern in der Regel überhaupt nichts gelernt haben als sich nach innen auf einen Kandidatenstuhl oder Listenplatz zu intrigieren und nach außen die Wähler zu belügen und zu betrügen - wie die verlogenen Werbefritzen, die all die mehr oder weniger nutzlosen Produkte in den Markt drücken, deren Erfindung man dann irgend einem Fisiker zum Vorwurf macht. Nicht wahr, ein Sprechfunkgerät ist eine gute und nützliche Sache für diejenigen, die es wirklich brauchen; aber ob deshalb jeder ein Mobilfunktelefon ("Handy") haben muß, weil er seine Telefonate nicht mehr von zuhause aus vom Festnetz-Anschluß führen will, sondern lieber auf der Straße, wo ihm alle zuhören können, sei dahin gestellt. (Und damit meint Dikigoros nicht ein paar harmlose Passanten, die zufällig vorbei kommen, sondern diejenigen, die zwar auch jedes Festnetz-Telefonat von Staats wegen abhören, abspeichern und auf unliebsame Inhalte durchschnüffeln, aber nun auch noch rund um die Uhr genau feststellen können, wann sich jeder telefonierende Untertan wo aufhält.)

Aber Spaß beiseite, das Thema ist ernst genug. Haben die großen Erfindungen des 20. Jahrhunderts nicht tatsächlich zu zwei furchtbaren Weltkriegen (und vielen anderen, nicht viel weniger schlimmen Kriegen) geführt? Hat sich nicht die Annahme, bei so schrecklichen Waffen könnten Kriege gar nicht mehr lange dauern, und durch die abschreckende Wirkung noch schlimmerer Waffen würden sie schließlich ganz verhindert, als Illusion erwiesen? Ach, liebe jüngere Leser, die Ihr an all das vielleicht noch nicht allzu viele Gedanken verschwendet habt, Krieg ist immer schrecklich, egal mit welchen Waffen er ausgefochten wird, und Sterben ist nie schön, weder auf dem Schlachtfeld noch im Krankenbett noch im Altersheim. Leben wie Dürrenmatt es tat ist auch nicht schön, und auch daran waren dann wohl die Naturwissenschaftler schuld, deren Erfindungen zur Nahrungsmittel-Produktion im Überfluß, zur Massen-Produktion von Zigaretten und Alkohol geführt haben. Seht Ihr, worauf Dikigoros hinaus will und warum ihm diese Ausrede zu billig ist? Die Wissenschaft hat viel Segensreiches geschaffen; es liegt an den Menschen, was sie daraus machen. Was einmal gedacht sei, könne nicht mehr zurück genommen werden, läßt Dürrenmatt einen der drei "Physiker" sagen. Wirklich nicht? Wie viele gute und richtige Gedanken aus der Zeit des "Dritten Reiches" (als Deutschland in der Wissenschaft noch weltweit führend war, also lange vor PISA) sind nicht "zurück genommen" und ihr erneutes Ausdenken unterdrückt worden, bloß weil die Politiker sie damals mißverstanden und/oder mißbraucht haben?! Weil die Nazis, statt aus der Rassenkunde zu lernen, ihrem Anti-Semitismus anhingen, statt die Eugenik fruchtbar zu machen, zur "Euthanasie" schritten (womit sie zu direkten Vorläufern der Abtreibungs-Industrie wurden, danke, Herr Bischof, für diesen zutreffenden Hinweis!) usw. usw. Das durch die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und die von ihnen "Zurück-erzogenen" verordnete "Zurück-nehmen von Gedanken" hat die Wissenschaft um etwa drei Generationen zurück-geworfen. Das ist im 20. und 21. Jahrhundert ungefähr soviel wie es früher drei Jahrtausende waren; und das wirkt sich vor allem in der Fisik, der Chemie und der Biologie verheerend aus. Die Menschheit wird, so wie sie ist und wie sie sich zur Zeit entwickelt, ohne die Freigabe der Entdeckungen und der aus ihnen folgenden Erkenntnisse, die auf diesen Gebieten schon in den 1930er Jahren gemacht wurden, bald nicht mehr überlebensfähig sein - auch wenn Leute wie Dürrenmatt und andere, die sie verteufelten, das nicht wahr haben wollten. Hoffen wir also, daß Dürrenmatt doch noch Recht behält mit seiner These, daß alles Denkbare einmal gedacht wird, und daß einmal Gedachtes auf die Dauer nicht gedeckelt werden kann.

Was bleibt sonst über Die Physiker zu sagen? Nicht viel. Die Idee ineinander verschachtelter Welten, von denen man nie so recht weiß, welche real und welche irreal ist, wo die Gesunden und wo die Kranken, wo die Guten und wo die Bösen sind, ist von anderen ungleich besser und interessanter dargestellt worden, etwa von Daniel Galouye in "Simulacron 3" (verfilmt von Rainer Werner Fassbinder als "Welt am Draht" und von Roland Emmerich als "Das 13. Stockwerk", später plagiiert von den Machern der "Matrix"-Filme). Und im übrigen hätte Dikigoros einleitend den großen Satiriker Ephraim Kishon zitieren können: "Da wir schon beim Thema sind, folgt nunmehr ein Blick hinter die Kulissen des kostspieligsten Irrenhauses der Welt. Man kennt es unter der Bezeichnung 'Theater'." (Salomons Urteil zweite Instanz, Desdemona oder das blonde Gift - aber da geht es um Othello, und darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle.)

Nachtrag. Wann ist ein Mensch "verrückt"? Dikigoros' Mutter hatte man auf ihre alten Tage dement geschrieben - wohlgemerkt nur medizinisch; vor der damit zumeist verbundenen juristischen Entmündigung (oder, wie das seit einigen Jahren beschönigend heißt, "Unter-Betreuung-Stellung") konnte Dikigoros sie bis zum Schluß bewahren. Und die medizinische Demenzerklärung allein hatte eigentlich nur Vorteile, denn so bekam sie einige Medikamente ersetzt, die sie sonst aus eigener Tasche hätte bezahlen müssen. Jawohl, liebe Leser, die Ihr das noch nicht wissen solltet, so ist das: Die Raucherbeine der Nikotinisten, die Ersatzlebern für Alkoholiker, die Abtreibungen der Kindesmörderinnen, sie alle werden anstandslos und vollständig von den Krankenkassen bezahlt; und für jeden schwulen Ar...ficker, der sich AIDS geholt hat, werden jährlich sechsstellige Euro-Beträge aufgewendet, bis an sein Lebensende, das man dadurch noch künstlich hinaus zögert; aber alten Menschen, deren Gehirnleistung allmählich nachläßt, gönnt man nicht mal etwas Gingium für ein paar Hunderter im Jahr - es sei denn, sie sind schon "dement", d.h. wenn es eh zu spät ist. Aber Grete war eigentlich bis zuletzt noch ganz helle für ihr Alter; sie hatte halt bloß ab und zu schreckliche Panik-Attacken, die sie in den Augen "normaler" Menschen "verrückt" erscheinen ließen, weil sie sich zu viele Sorgen machte über Dinge, die sie sowieso nicht ändern konnte, und über die sich Andere - die sie vielleicht ändern könnten - viel zu wenig Sorgen machten. Wenn z.B. eine Glühbirne kaputt ging, spielte sie "verrückt", denn sie hatte durchaus mitbekommen, daß "normale" Glühbirnen irgendwann vom BRDDR-Regime verboten worden waren, weil sich dessen korrupte Bonzen von den Herstellern der neuen, hoch giftigen "Sparlampen" mit Millionen hatten schmieren lassen - ein ungeheures Verbrechen an der Umwelt, das die Wiedereinführung der Todesstrafe rechtfertigen würde, nicht nur für die roten und grünen Banditen, die das alles angezettelt haben, sondern auch für die gelben und schwarzen Banditen, die es unterlassen haben, diesen Irrsinn rückgängig zu machen. (Aber wie war das: Ein Zurück-nehmen gibt es nicht - Dürrenmatt!) Und Grete hatte vergessen - in dem Alter wird man schon mal etwas vergeßlich -, daß sie einen rechtzeitig angelegten Vorrat "alter" Glühbirnen im Schrank hat, der wohl noch weit über ihr 100. Lebensjahr hinaus gereicht hätte. Und sobald eine neue "alte" Glühbirne eingeschraubt war (was sie halt nicht mehr selber machen konnte), war auch die Panik-Attacke vorbei. Aber es gab schlimmere Sorgen - und auch die hatten leider einen ganz realen Hintergrund. (Grete sponn sich ja nichts aus, sondern es gab immer einen "guten" Grund zur Panik.) "Wenn unser Geld demnächst nichts mehr wert ist, wird uns das Ausland sicher nichts mehr liefern, da muß man rechtzeitig Vorräte anlegen." Und so gab es in ihrer Küche zuletzt riesige Mengen an Konserven, Mehl, Zucker, Nudeln und Reis - auch die hätten wahrscheinlich bis über ihr 100. Lebensjahr hinaus gereicht... Ihr mögt auch das für verrückt halten, liebe Leser; aber noch vor wenigen Jahrzehnten, bevor das BRDDR-Regime den BVS platt gemacht hat (in Bonn hat man sogar das Gebäude abgerissen, in dem er saß, zumal im Schaufenster im Erdgeschoß so ein paar ärgerliche, fascistoïde Fotografien aus dem alten Pommern, Ostpreußen und Schlesien hingen), wurden dort ganz offiziell Lehrgänge abgehalten, auf denen für Krisenzeiten empfohlen wurde, solche Vorräte anzulegen - vielleicht nicht in diesen übertriebenen Mengen, aber damals war Deutschland in Sachen Nahrungsmittel ja auch noch fast autark, jedenfalls wenn man auf importierte Luxuswaren verzichtete; damals hätte man sogar noch ein paar Zentner Kartoffeln zusätzlich eingekellert, einen ordentlichen Vorrat an Mineralwasser und Mikropur-Tabletten, Propangas, Kerzen und Taschenlampen-Batterien angelegt - aber um die Wasser- und Stromversorgung machte sich Grete offenbar keine Sorgen, und Dikigoros hütete sich, sie mit der Nase drauf zu stoßen. Und sie hatte ja auch Recht, wenn sie sich um das liebe Geld sorgte: Sie hatte an der Währungsumstellung von 1948 mit gearbeitet, zwar nur als kleine Sachbearbeiterin "ganz unten"; aber sie wußte Bescheid und hatte noch immer - selbst in ihrem "dementen" Zustand - weitaus mehr Ahnung von der Materie als all die "normalen" Politiker, die dafür "ganz oben" zuständig waren, zusammen: die FDJ-Funktionärin, die sich in ihrem DDR-Studium hauptsächlich mit Marxismus-Leninismus beschäftigt hatte, brutto nicht von netto unterscheiden konnte und glaubte, daß Berlin irgendwo kurz vorm Ural liege, der körperliche und geistige Krüppel, der außer seinem 8-I-3-Sitzschein, den er mal vor 40 Jahren als Jurastudent gekloppt hat, nichts gelernt hatte, das ihn auch nur im Entferntesten zum Finanzminister qualifiziert hätte, und last not least der Hampelmann von abgebrochenem Medizinstudent und Stabsarzt i.R., der schon als Gesundheitsminister jämmerlich versagt hatte und sich nun "Wirtschaftsminister" nennen durfte. (Den hatte Grete besonders gefressen, weil er - wiewohl schon als Kleinkind aus Vietnam nach Deutschland gekommen - noch immer nicht gelernt hatte, akzentfrei Deutsch zu sprechen.) Und es waren ja nicht nur die da ganz oben, sondern auch der gesamte Unterbau: Von ihren Kindern wußte Grete, daß die Justiz korrupt bis ins Mark ist; von ihrer Schwiegertochter wußte sie, daß die Schulen keine Bildungsanstalten, ja nicht mal mehr Kinderaufbewahrungs-Anstalten waren, sondern nur noch Kinderverwahrlosungs-Anstalten. Und der Zoll, wo sie und ihr verstorbener Mann einst gearbeitet hatten? Zu einem ihrem letzten Geburtstage wollte Helli ein Fläschchen von dem exotischen Parfum schicken, das bei ihrem letzten Besuch so gut angekommen war, und das es in Deutschland nicht zu kaufen gibt. Dikigoros wollte schon schreiben: "Es ist nie angekommen - wahrscheinlich hat es jemand vom Zoll unterschlagen." Aber das hätte ja nichts über das System an sich besagt, sondern lediglich über einen kriminellen Beamten - und wer würde sich darob noch ernsthaft aufregen in der heutigen Zeit? Nein, es war viel schlimmer: Nach sage und schreibe zweieinhalb Monaten (75 Tagen) war es dann doch angekommen, die - mehrfach geöffnete und wieder verschlossene - Verpackung übersät mit Stempeln, Aufklebern u.ä., woraus sich rekonstruieren ließ, daß die Sendung (als Luftpost frankiert) aus Sicherheitsgründen nicht mit dem Flugzeug transportiert wurde, sondern erstmal 4 Wochen (28 Tage) mit dem Schiff unterwegs war und dann beim Hamburger Zoll - also just am alten Arbeitsplatz von Dikigoros' Eltern - 6 weitere Wochen lang allen möglichen und unmöglichen Spezialprüfungen unterzogen worden war - es hätte ja Sprengstoff drin sein können! Das Ganze hatte wahrscheinlich 'zigtausende an Steuergeldern gekostet, und es wird nicht die einzige Sendung gewesen sein, mit der so verfahren wurde; und wenn Ihr, liebe Leser, Euch das nächste Mal Gedanken machen solltet, was uns die Kriege am Hindukusch pp. in Verbindung mit der Duldung von Millionen muslimischer Schläfer, pardon Immigranten, pardon "Flüchtlinge" kosten, dann rechnet bitte diese Posten tunlichst mit! Ja, sollte man da keine Panik-Attacken bekommen? Wer sind da die "Normalen", und wer die "Verrückten"? Diejenigen, die sich über all das Sorgen machen? Oder diejenigen, die es verdrängen und statt dessen vor der Glotze hocken um zu sehen, wie "ihr" Fußballverein oder ihre Fußball-"national"-Mannschaft spielt? Dikigoros meint, daß seine alte Mutter wenn überhaupt, dann doch eine recht harmlose "Irre" war; unsere Politiker hält er dagegen für hochgradig dement, und die sind gefährlich - für uns alle, wenn sie nicht rechtzeitig beseitigt in eine Anstalt à la Dürrenmatt eingewiesen werden. "Was haben wir bloß falsch gemacht?" fragte Grete kurz vor ihrem Tode. Fragt Ihr Euch das auch manchmal, liebe Wähler Leser? Dann paßt bloß auf, daß Ihr das nicht zu laut tut, damit man Euch nicht für "verrückt" erklärt, denn Nach-denken und Nach-fragen kommt in diesem unserem (?) Lande nicht mehr gut an. Nach-trag Ende.

[FDJ-Funktionärin Angela Kasner in ihrem Element]

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[Der Besuch der alten Dame]

Dikigoros hat sich den "Besuch der alten Dame" bis zuletzt aufgespart. Warum? Warum bespricht er ihn hier überhaupt? Was soll das mit Geschichte zu tun haben? Es hat, liebe Leser, nämlich mit Zeitgeschichte; und von allen Stücken Dürrenmatts ist es - wiewohl ohne sein Zutun - sogar das aktuellste, auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht so aussieht: Güllen, ein Ort mit großer Vergangenheit und trister Gegenwart, ist vor allem wirtschaftlich völlig auf den Hund gekommen: Die einst florierenden Betriebe still gelegt, die Menschen arbeitslos und verarmt - aber nun gibt es einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft: ihre Ex-Mitbürgerin Claire Zachanassian, geborene Kläri Wäscher, milliardenschwere Witwe eines Öl-Magnaten, hat ihren Besuch angekündet, und so klammert sich denn jedermann an die Hoffnung, sie möge in ihrem Heimatort kräftig investieren und so den Karren aus dem Dreck ziehen. Die "alte Dame" erklärt sich auch richtig bereit, eine Milliarde Schweizer Franken zu spendieren (die damals, Mitte der 1950er Jahre, gut und gerne eine Kaufkraft von 10 Milliarden von heute hatten), die eine Hälfte für die Stadtkasse, die andere Hälfte für die Privathaushalte - unter einer einzigen, leicht zu erfüllenden Bedingung: Die braven Bürger müssen bereit sein, Alfred Ill, ihren Jugendfreund, töten, der sie vor 45 Jahren geschwängert und hat sitzen lassen, um eine "bessere Partie" zu heiraten, und anschließend auch noch mit Hilfe falscher Zeugen den Vaterschafts-Prozeß gewonnen hat (Gentests gab es noch nicht), so daß er ihr und dem Kind - das bald darauf gestorben ist - nie Unterhalt gezahlt hat. Nun schildert Dürrenmatt minutiös, wie die Bürger von Güllen nach und nach den Verlockungen des Geldes erliegen und Ill schließlich tot schlagen, woraufhin die "alte Dame" ganz korrekt einen Scheck über eine Milliarde ausstellt und wieder abreist.

Na und? Die Moral von der Geschicht'? Ist doch banal bis über die Ohren, oder? Gewiß, so wie Dürrenmatt den Stoff darstellt, ist sie das, obwohl die linken Blätter (ja, so etwas gibt es auch in der Eidgenossenschaft, die allmählich zum Käseland verkommt, so wie ihr Nachbarland zur Bananenrepublik :-) nicht müde werden, vermeintliche Parallelen aus der Gegenwart an den Haaren herbei zu ziehen: So wagten es im Jahre 2000 die Bürger von Emmen, in einem Volksentscheid gegen die Einbürgerung einiger krimineller Türken zu stimmen, die dort ihre Drogengelder waschen, pardon, brav ihre Steuern zahlen wollten. "Güllen in Emmen" titelte die Luzerner "WoZ" und geiferte, daß die Emmener sich nicht anders verhalten hätten als die Güllener bei Dürrenmatt. Pardon, lieber Hans Stutz, auf welcher Gesamtschule hast du denn denken gelernt? Hier war doch das genaue Gegenteil der Fall: Die Emmener haben sich eben nicht von kriminellen Milliardären kaufen lassen, und sie haben auch niemanden umgebracht, sondern im Gegenteil ihr Gemeinwesen davor bewahrt, Leuten in die Hände zu fallen, die über Leichen gehen. So viel Zivilcourage verdient Lob und Anerkennung, keine Kritik und Verleumdung! Aber damit nicht genug: Im Jahre 2004 schrien die Freiburger Grün-Alternativen laut auf: Im nahe gelegenen Naturschutzgebiet von Galmiz sollte einem amerikanischen Investor - einem Chemie-Riesen - ein Grundstück für eine Fabrik zur Verfügung gestellt werden. Und schon wurde auch Galmiz mit Güllen verglichen. Wieso das? Ach so, liebe Leser, die Ihr den "Besuch der alten Dame" entweder nicht gelesen bzw. gesehen oder diese kleine Einzelheit schon wieder vergessen habt: Auch Claire Zachanassian hatte längst in Güllen "investiert", nämlich alle Unternehmen heimlich aufgekauft und still gelegt - sie hatte den wirtschaftlichen Niedergang ihres Heimatortes gezielt herbei geführt, alles im Hinblick auf ihre spätere Rache. Das ist ein böser Clou, aber er geht in den moralisierenden Interpretationen des Stücks regelmäßig unter. Zu unrecht, denn nun kommen wir endlich zur historischen Bedeutung und zur aktuellen Parallele - die freilich nicht in Galmiz und überhaupt nicht in der Schweiz spielt, denn welcher große US-Konzern wäre schon so blöde, irgendwo Milliarden in Betriebe zu investieren, nur um sie anschließend still zu legen? Nein, denen würden die Aktionäre etwas anderes erzählen! Den Luxus einer solchen privaten Rache können sich nur Privatiers oder Familien-Unternehmen leisten - und sie müssen schon einen guten persönlichen Grund haben, ihr Geld derart zu verplempern - und natürlich eine gehörige Portion Chuzpe, einen ganzen Ort, womöglich ein ganzes Land oder ein ganzes Volk für die Untaten eines einzelnen zu "bestrafen", und das noch nach so vielen Jahrzehnten. Gibt es das? Natürlich gibt es das, und es geschieht vor den Augen all der blinden Kastraten, die das - ganz wie Dürrenmatts "Koby" und "Loby" - auch noch gut finden und stolz darauf sind, was sie mit sich machen lassen.

Wie soll Dikigoros anfangen? Vielleicht damit, daß es Menschen gibt, denen weder die Bretter des Theaters noch die des Boxrings die Welt bedeuten, sondern - die Skier, auf denen sie irgendwelche Schneepisten herunter fegen. (Dikigoros kann die Faszination dieses Tuns nicht so recht nachvollziehen, da er nicht im Gebirge groß geworden ist, sondern an der Waterkant, aber darauf kommt es hier nicht an :-) Diese Bretter müssen ja irgendwo produziert werden, und was liegt näher, als dies dort zu tun, wo sie gebraucht werden, zum Beispiel am Fuße der Alpen, im bayrischen Straubing. Dort hatte Jahrzehnte lang die letzte deutsche Firma, die noch in großem Umfang Skier herstellte, die Völkl AG, ihren Sitz, mit immerhin rund 10% Weltmarktanteil, 146 Millionen Euros Jahresumsatz und einer vierstelligen Anzahl Mitarbeiter in Straubing, Eschenlohe und Garmisch. Leider entsprach der Gewinn schon seit einiger Zeit nicht mehr den Umsätzen. Gewiß, die Zahlen waren immer noch irgendwie schwarz - was in jener Zeit durchaus nicht mehr selbstverständlich war -, aber richtig lohnen tat es sich eigentlich nicht mehr, das Unternehmen fortzuführen, und so war man denn froh, als sich Mitte 2004 der US-Investor "K2" bereit erklärte, den Laden für sage und schreibe 150 Millionen Euros zu kaufen. Ja, alle Arbeitsplätze sollten erhalten bleiben, versprochen, unter einer einzigen, leicht zu erfüllenden Bedingung: Die braven Beschäftigten müssen bereit sein, "vernünftige" Löhne zu akzeptieren. Doch anders als beim Besuch der alten Dame gibt es kein Happy-end: Ein halbes Jahr später war die Produktion komplett nach Rotchina verlagert - in den dortigen Arbeits- und Konzentrationslagern für politische Häftlinge war der Lohn ein klein wenig "vernünftiger", d.h. rund 99% niedriger als in Bayern, was die Transportkosten allemal wieder ausglich -, und zwar gründlich: Die Maschinen wurden demontiert, Teil für Teil nach China verschifft und dort wieder zusammen gesetzt. Alles war futsch: Arbeitsplätze, Arbeitsgerät und bald auch das Know-how. (Durchaus kein Einzelfall in unseren Tagen, aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr.) Was sollte das? Warum vernichtete "K2" so viel - eigenes - Geld? Hätte man da nicht besser gleich in Rot-China investiert, ohne zuvor die deutsche Firma mutwillig zu zerstören? Um diese Frage zu beantworten, muß man etwas mehr über die Geschichte Straubings wissen, die einst eine Juden-Hochburg im Münchner Raum war. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Straubing das nicht mehr. Nicht, daß es dort besonders viele jüdische Opfer gegeben hätte - der "Holocaust" betraf vor allem "Ostjuden" aus Polen und der Sowjet-Union, die deutschen Juden hatten oder hätten rechtzeitig abhauen können, wenn sie denn wollten. Die Familie Kirschner aus Straubing hatte gewollt; sie war noch vor Beginn des Rußlandfeldzugs über Sibirien nach Washington (nicht D.C., sondern am anderen Ende der USA, nördlich von Oregon) ausgewandert. Dort gründeten die Kirschners eine Firma für Ski-Ausrüstung. Viele Jahrzehnte später kehrten die Brüder Bill und Don Kirscher - die sich hinter "K2" verbergen - nach Straubing zurück, um ihre Rache zu nehmen wie Claire Zachanassian bei Dürrenmatt. Wurden in Straubing nicht während des Zweiten Weltkriegs auch Skier für deutsche Gebirgsjäger hergestellt? Und gab es nicht auch KZ-Wärter, die privat Ski liefen? Jawohl, und das mußte bestraft werden! Von den Narren, die Völkl an die Judenbrüder verkauften, sah niemand das Menetekel an der Wand - und viele andere sehen es noch immer nicht. Nein, nicht Emmen oder Galmiz - Straubing ist Güllen. Dabei ist Völkl durchaus kein Einzelfall - und es werden noch viele nachkommen!

Nun werden einige Leser nur mühsam ein Gähnen unterdrückt haben - nämlich diejenigen, die sich für Skifahren genau so wenig interessieren wie Dikigoros. Solange mit ihrem geliebten Fußballsport alles in Ordnung ist.... Ist es das? Dikigoros läßt mal außen vor, daß heute praktisch alle in der BRDDR verkauften Fußbälle aus Pakistan importiert werden, denn er weiß nicht so genau, woher sie früher kamen. (Er nimmt an aus Kornwestheim, Pirmasens oder Völklingen - aber die letztere Namensähnlichkeit ist purer Zufall.) Erinnert Ihr Euch noch an Eure Jugend, liebe ältere Leser? 1954 wurde die Auswahl des DFB Weltmeister, nicht weil die Angehörigen ihres Kaders besser Fußball spielten als die anderen Endrunden-Teilnehmer, sondern weil sie bessere Schuhe hatten, mit den guten Schraub-Stollen, mit denen sie zum einen auch auf regennassem Boden festen Stand hatten und zum anderen ihren Gegenspielern besonders wirkungsvoll in die Beine treten konnten (was sie auch nach Kräften taten :-). Diese Sportschuhe - die besten der Welt, das hätte niemand im Ernst angezweifelt - wurden in Franken hergestellt, bei der Firma Adidas. Ihr Chef war ein Deutscher namens Adolf, die Arbeiter waren Deutsche, und die produzierten das, was man damals "deutsche Wertarbeit" nannte. Mit den Schuhen von Adidas wurden nicht nur Fußball-Spieler ausgerüstet, sondern auch -Schiedsrichter, nicht nur Weltmeisterschaften gewonnen, sondern auch einfache Ligaspiele, und sie wurden in alle Welt exportiert. Und wie steht es heute um diese Firma? Sie trägt noch den gleichen Namen und die charakteristischen drei Streifen - aber das ist Etikettenschwindel. Ihr Chef ist ein Jude namens Dreyfuss, die Arbeiter sind Asiaten, denn die Produktionsstätten wurden so gut wie vollständig nach Fernost exportiertverlegt; von dort werden die Schuhe in alle Welt exportiert, auch nach Deutschland - obwohl niemand mehr im Ernst behaupten würde, daß es die besten der Welt sind. (Früher wurden sie auch von vielen Leichtathleten getragen; aber Dikigoros ist schon vor über 20 Jahren umgestiegen auf Schuhe anderer Firmen mit einem deutlich besseren Preis-Leistungs-Verhältnis - und die meisten seiner Sportfreunde auch.) In Franken wird nichts mehr produziert, mit Ausnahme dessen, was man früher "Skandale" nannte (heute nennt man ja nur noch deren AufdeckungVerrat so): Mit dem Geld von Adidas werden Fußball-Funktionäre und -Schiedsrichter bestochen, nicht nur Liga-Spiele, sondern ganze FIFA-Weltmeisterschaften gekauft - und manche sind darauf auch noch stolz und sprechen von einem "Sommermärchen". Der alte Jude Harry Ħaim, pardon, der junge, zum Christentum konvertierte "Heinrich Heine" hielt aus seinem asiatischen französischen Exil dagegen: "Deutschland, ein Wintermärchen". Und Ihr, liebe Leser, könnt ja mal darüber nachdenken, wer Recht hat.

Auf Leseranfrage: Nein, Dikigoros hat nichts gegen den Winter und nichts gegen Märchen - er läßt sich nur nicht gerne welche auftischen, wenn es um Fakten geht. Er verdammt auch nicht alle Aufkäufe und Stilllegungen deutscher Unternehmen durch Ausländer - um manche ist es ja nicht [mehr] schade. Als ein Jahr nach Völkl in Straubing die ungleich traditionsreichere Schokoladenfabrik Stollwerck in Köln ihre Pforten schloß und Dikigoros das seiner Frau erzählte, meinte die nur naserümpfend: "Bah, so einen Dreck esse ich sowieso nicht!" Dikigoros selber ißt schon seit einiger Zeit keine Schokolade mehr und kennt sich mit deren Qualität daher nicht so aus; aber seine Frau hat ihm versichert, daß das, solange sie denken kann, die schlechteste Schokolade auf dem deutschen Markt sei; und da hat er mal ein wenig recherchiert und in Erfahrung gebracht, daß Stollwerk früher weltweit Marktführer sowohl von der Qualität als auch vom Umsatz her war; aber in den 1970er Jahren wurde es (ebenso wie Sprengel und Sarotti) von dem Spekulanten Hans Imhoff aufgekauft, der es wirtschaftlich "sanierte", aber qualitativ ruinierte, indem er die Produktion weitgehend in "Billiglohnländer", d.h. nach Osteuropa (Rotchina war noch nicht "en vogue", und in Vietnam war noch Krieg) und Outremer verlagerte. Seinen braunen Dreck konnte man nach der "Wende" nicht mal mehr den Ossis verkaufen - nur noch ein paar blöden Schweizern, Barry Callebant, die Stollwerk 2002 übernahmen. (Ja, auch in der Schweiz gibt es Leute, die nichts von Schokolade verstehen, oder wie der Inder sagt: Auch in Kabul gibt es Esel :-) Drei Jahre später machten sie den kostspieligen Standort Köln dicht und verlagerten die Produktion ganz ins Ausland - aber das kann man ihnen kaum zum Vorwurf machen, denn sie schrieben in Köln bloß rote Zahlen, d.h. sie schlossen den Laden nicht willkürlich; und wenn sie die Produktion jener Billig-Schokolade (die jetzt hauptsächlich unter dem alten Markennamen "Sarotti" in den Handel kommt) eines Tages ganz einstellen sollten, dann wäre das auch kein Verlust... Trösten wir uns mit dem schönen Schokoladen-Museum in Köln, das uns an die große Stollwerck-Zeit im Kaiserreich und im "Dritten Reich" erinnert, d.h. nein, die letzten 12 Jahre waren ja ganz schrecklich, weil die bösen Nazis Köln bombardierten und... Ja, liebe Leser, wußtet Ihr das nicht? Die herrschende Meinung der so genannten "Historiker" vertritt heute die Auffassung, daß es "die Nazis" waren, die Köln 1942-45 zerstörten! (Von den alliierten Bombern kam bekanntlich nur Gutes: Rosinen für Berlin, Kamelle für Köln usw. - deshalb hatte Schiller doch auch in seinem Gedicht Die Glocke den Satz geschrieben: "Alles Gute kommt von oben" - oder so ähnlich.) Aber lassen wir das, es ist absurdes Theater, wie es sich nicht mal Dürrenmatt hätte träumen lassen; und die Wahrheit will heute eh niemand mehr wissen.

Nachtrag. Eigentlich war Völkl ja nur ein vergleichsweise kleiner Fisch; aber Dikigoros hat ihn aus dem großen, trüben Teich heraus gegriffen, weil sich die Motivation in dem Falle so glasklar heraus arbeiten ließ. Das ist durchaus nicht immer so - aber dafür spielen andere Fälle in ganz anderen Größenordnungen. Wie war das? Eine vierstellige Anzahl von Mitarbeitern und ein 9-stelliger Umsatz? Na ja... Als es fünf Jahre später bei Quelle/Karstadt klingelte, ging es um 56.000 Arbeitsplätze und 11-stellige Summen, die der Steuerzahler zur Abwendung der mehr oder weniger mutwillig herbei geführten Insolvenz aufbringen sollte, nachdem die jüdischen Eigentümer - die alte Dame Schickedanz und die Bank Oppenheimer - dem Unternehmen Jahre lang das Mark, pardon, den Euro aus den Knochen gesogen hatten, um sich die eigenen Taschen zu füllen. Sieht immer noch niemand, was Sache ist? Nein, erst wenn die gesamte Wirtschaft am Boden liegt und ihre Konkursmassen verstaatlicht sind, wird sich vielleicht der eine oder andere die Augen reiben - aber dann wird es zu spät sein. Nachtrag Ende.

Schockiert, liebe Leser? Aber wenn, dann doch sicher nicht über die Tatsache an sich - wen kratzt es schon, wenn die deutsche Wirtschaft den Bach runter gegangen wird? -, sondern daß Dikigoros es wagt, diese Parallele so offen zu ziehen. Ist das nicht Antisemitismus? Oder könnte es jemanden, der das liest, nicht zum Antisemiten machen? Hatte Hitler in Mein Kampf nicht ähnliches beschrieben, aus der bitteren Zeit der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg, als viele amerikanische Juden deutsche Firmen aufkauften und "sanierten" (die die Nazis später wieder "arisierten")? Gegenfrage: War Dürrenmatt Antisemit? Doch wohl kaum, und deshalb wollen wir auch wieder zu ihm zurück kehren. Was hätten die Güllener denn sonst tun sollen? Hatten sie wirklich keine andere Alternative als entweder weiter zu hungern oder aber ihren Mitbürger Alfred Ill zu erschlagen? Das ist eben die Frage. Ein gesunder Wirtschafts-Kreislauf beruht auf Kredit, denn das bedeutet wörtlich Glauben, nämlich den Glauben daran, daß eine geschuldete Summe irgendwann zurück gezahlt wird. Und in Güllen geht es ja längst wieder aufwärts, schon bevor Kläri ihren Judaslohn ausspuckt, halt indem jeder "erstmal anschreiben" läßt. Auch die Fabriken arbeiten wieder. Was wäre eigentlich geschehen, wenn Alfred Ill nicht umgebracht worden wäre und Kläri am Ende wieder abgereist wäre, ohne einen Scheck dazulassen? Nun, wahrscheinlich wäre dann irgendwann der Glaube geschwunden und der Kredit-Kreislauf zusammen gebrochen, ähnlich wie bei der weltweiten Finanzkrise im Herbst 2008. Aber darauf will Dikigoros gar nicht hinaus. Er fragt sich vielmehr, ob Kläri eigentlich hätte abreisen müssen, ohne gezahlt bzw. einen Scheck unterzeichnet zu haben. Was taten die Güllener, als Ill versuchte, mit dem nächsten Zug zu fliehen? Sie hielten ihn gewaltsam zurück. Und wenn sie nun statt des zwar nicht völlig unschuldigen, aber doch völlig unbedeutenden Ill die Milliardärin Claire Zachanassian gewaltsam zurück gehalten hätten, bis sie den Scheck unterzeichnete? Was - sie hätte ihn nach der Abreise sperren können? Pardon, aber wer so fragt, hat Dikigoros' Frage noch nicht ganz verstanden: Wer sagt denn, daß sie hinterher abreisen sollte? Ist Ill hinterher abgereist? Nein, er starb, wie der Arzt feststellt, an einem Herzschlag aus Freude. Warum hätte nicht statt dessen Kläri nach Unterzeichnung des Schecks an einem "Herzschlag aus Freude" sterben können? Fragen über Fragen, liebe Leser, über mögliche Alternativen, die Dürrenmatt und seine Güllener nicht gesehen haben - Straubing und seine Völklianer offenbar auch nicht.

Aber gibt es da nicht doch noch einen Unterschied? Gewiß, liebe Leser, den gibt es: Claire Zachanassian hat den Güllenern wenigstens die Chance gegeben, einen Sündenbock zu opfern, um das Unheil von der Allgemeinheit abzuwenden - wie dies gute inner-jüdische Tradition ist (aber davon wußte Dürrenmatt, der nicht sehr bibelfest war, wahrscheinlich nichts) - und ihr Versprechen danach korrekt eingehalten. Haben die Brüder Kirschner den Straubingern eine vergleichbare Chance gegeben, etwa indem sie einen "alten" Nazi aus ihrer Stadt aufgespürt und über die Klinge hätten springen lassen? (Nicht mittels Totschlags, versteht sich, sondern ganz legal, durch Justizmord: Wie viele deutsche Soldaten, die mit 20 oder 30 Jahren irgend einen beschissenen Befehl befolgten - wie die Soldaten aller anderen Krieg führenden Staaten auch, die für vergleichbare "Heldentaten" mit hohen und höchsten Orden ausgezeichnet wurden - sind nicht noch mit 80 oder 90 Jahren von Gerichten der BRD zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt worden, und das aufgrund der Aussagen von Zeugen, die auch nicht besser waren als die von Ill bei Dürrenmatt? Da hätte sich wohl noch irgendwo einer finden lassen!) Nein, für Gojims (jüdische Bezeichnung für Nicht-Juden) gibt es keine Entsühnung durch einen Sündenbock, da gibt es nur kollektive Schuld bis ins siebte Glied, unsühnbare Erbschuld - und selbst die nachgeborenen Schafsköpfe blöken noch brav ihr "peccavi", wenn ihnen die Kürschner, pardon Kirschner, das Fell über die Ohren ziehen.


Bitte, liebe Leser, Dikigoros will das keineswegs einseitig verstanden wissen - im Gegenteil: Was glaubt Ihr denn, würde geschehen, wenn deutsche oder andere westliche Narren, die Geld im Ostblock oder in Fernost - insbesondere in Rot-China - "investiert" haben, ihr Kapital wieder abziehen wollten (von Gewinnen - so sie denn welche gemacht hätten - ganz zu schweigen)? [Bei "Investitionen" in Afrika und anderen Ländern der "Dritten Welt" brauchen wir uns diese Frage gar nicht erst zu stellen: Dort wurde ja nur mit Bundesbürgschaft "investiert", d.h. der deutsche Steuerzahler kam für die Verluste der Unternehmer auf; und früher oder später wurden dann die daraus resultierenden Schulden von der Bundesregierung großzügig erlassen, da es sich ja um "die Ärmsten der Armen" handelte - deren Negerhäuptlinge das Geld für goldene Badewannen und Diamanten-Kronen ausgegeben und den Rest auf Zürcher Nummern-Konten angelegt hatten. Aber davon lebte - und lebt - die Schweiz, und davon profitierten indirekt auch schöngeistige Theater-Schreiber wie Dürrenmatt.] Bei den ost-asiatischen Ländern dürfen wir ganz sicher sein: die bösen Ausländer, die sich solchermaßen anschicken würden, die Wirtschaft des Gastlandes zu ruinieren, würden sofort entschädigungslos enteignet und - wenn sie fysisch anwesend und greifbar wären - vor Gericht gestellt, verurteilt und entweder gleich hingerichtet oder erst in irgendein finsteres Loch gesperrt, um ihren Heimatstaat zur Zahlung von ein paar Milliarden Lösegeld, pardon Kaution, zu erpressen. In Rußland würde es wohl so ähnlich laufen, wie der Fall "Jukos" im Jahre 2004 gezeigt hat - dennoch gibt es Narren, die dort "investieren".

Und in Polen und der Tschechei? Dikigoros ist sich nicht 100%ig sicher; einerseits rechnen die als EU-Subventions-Empfänger natürlich auch, wieviele Milliarden die BRD freiwillig an sie ausspuckt - was im Zweifel mehr ist als das, was man an Gewinnen deutscher "Investoren" enteignen könnte -; andererseits sollten gerade deutsche Unternehmer nie vergessen, welch astronomische Vermögenswerte sie bis 1945 in diesen Gebieten "investiert" haben und was daraus geworden ist. [Dikigoros hat nie verstanden, was die Vertriebenen-Verbände dort noch holen wollen: Es gibt keinen einstmals deutschen Betrieb in Schlesien, Böhmen und Mähren oder sonstwo, den die Polen bzw. Tschechen nicht völlig herunter gewirtschaftet hätten; eine "Rückgabe" würde nur bedeuten, noch einmal von vorne anfangen zu müssen, d.h. mit eigenem Kapital den Polen bzw. Tschechen alles wieder neu aufzubauen, immer mit dem beim Zusammenbruch bzw. Auseinanderbrechen der EU - das mit dem Beitritt von Staaten wie der Türkei und/oder der Ukraïne so sicher absehbar wäre wie das Amen in der Kirche bzw. das Allahu akbar in der Moschee - erneut enteignet und aus dem Land gejagt bzw. tot geschlagen zu werden. Und wenn die Regierungen das nicht täten, dann würde es der Mob auf der Straße tun - und in einem Aufwasch würde der auch gleich die eigenen Politiker zum Teufel jagen, die jene "Investoren" ins Land geholt haben, und mit ihnen die Inflation und die elende Schufterei am Arbeitsplatz, wo es bis dahin nur gemütlichen Schlendrian gegeben hatte, den man doch so liebte. (Wie lautete die Parole in Polen des unvergessenen "Arbeiter-Führers" und Deutschen-Hassers Lech Wałesa: "Arbeiten wie im Sozialismus, verdienen wie im Kapitalismus!" :-) Und all das, was sie da so hart erarbeitet hatten, sollten sie nach dem Zusammenbruch des Brüsseler Popanzes so einfach ohne Gegenwehr aus der Hand geben? Das glaubt man bloß nicht!]

Aber steht das, was Dikigoros im letzten Absatz ge- und beschrieben hat, nicht im Widerspruch zu seinen vorherigen Ausführungen? Was soll denn nun so schlimm sein: Wenn Ausländer bei uns investieren oder wenn wir im Ausland investieren? Ist das nicht ein wechselseitiges Geben und Nehmen? Wird nicht durch diese weltweite Verflechtung der Volkswirtschaften - auf Neudeutsch auch "Globalisierung" genannt - vermieden, daß es noch einmal zu Weltkriegen kommen kann, weil die "Multinationalen Konzerne" sich damit ins eigene Fleisch schneiden würden? Und ist es das nicht wert? Tja, liebe Leser, wenn es so wäre, dann würde Dikigoros seine Kritik sofort zurück ziehen - aber die Geschichte lehrt, daß diese Annahme nur eine Illusion ist: Kein heutiger Wirtschaftszweig ist so eng verzahnt wie es vor 1914 die europäische Kohle- und Stahlindustrie - also die damals wichtigste "Kriegsindustrie" - war: Die Gruben und Hochöfen im deutschen Saarland und "Reichsland Elsaß-Lothringen", im französischen Rest-Lothringen und in Luxemburg waren privatrechtlich allesamt in einer Hand; und Krupp belieferte England, Frankreich und Rußland mit den gleichen Waffen wie seine deutschen Abnehmer - hat das den Ersten Weltkrieg zwischen jenen Staaten verhindert? Und vor dem Zweiten Weltkrieg waren viele "kriegswichtige" deutsche Industrie-Unternehmen - nicht nur die Automobilindustrie - privatrechtlich mehrheitlich in der Hand US-amerikanischer Aktionäre; und die japanische Rüstungs-Industrie war der Hauptabnehmer für einschlägige Exportgüter der US-Industrie - und, hat das Roosevelt daran gehindert, die USA in den Krieg gegen die Achsenmächte zu führen? Also vergeßt es, die Antwort auf die oben gestellte Frage lautet schlicht "nein"! Aber davon mal ganz abgesehen, haben wir in Wahrheit gar keine wechselseitige Verflechtung der Volkswirtschaften, sondern nur zwei Einbahnstraßen, die aneinander vorbei laufen. Worin sich diese beiden Einbahnstraßen unterscheiden? Nun, bleiben wir doch gleich bei den eben genannten Beispielen: Die deutschen und japanischen Guthaben und Betriebe in den USA wurden - schon lange, bevor die USA offen in den Krieg eintraten, "eingefroren", d.h. enteignet, ihre Eigentümer, sofern sie greifbar waren, in Konzentrationslager gesteckt, und auch die braven Verbündeten der USA (nicht nur die in Lateinamerika) genötigt, ebenso zu verfahren. (Im Ersten Weltkrieg war bereits das gleiche geschehen - die deutschen Auslandsinvestitionen waren also im 20. Jahrhundert gleich zweimal vollständig verloren, aber das scheint allgemein vergessen oder verdrängt zu sein.) Dagegen rührten nicht mal die bösen Nazis das Eigentum der US-Bürger in Deutschland an, sondern bezahlten noch bis kurz vor Kriegsende brav die Dividenden weiter (über die Schweiz - was in letztere Zeit sowohl den Schweizern als auch den US-Investoren den Vorwurf linker Gutmenschen eingetragen hat, sie hätten "den National-Sozialismus unterstützt"). Und genauso ist es heute: Während, wie oben dargelegt, die deutschen Auslands-Investitionen jederzeit ohne viel Federlesens enteignet werden können - die BRD ist weder politisch noch militärisch in der Lage, das zu verhindern -, wäre es umgekehrt nicht möglich, ein gleiches mit ausländischen Investitionen in Deutschland zu tun, etwa um zu verhindern, daß Produktionsmittel, Arbeitsplätze und Know-how abgebaut und damit vernichtet werden, denn die BRD ist doch ein "Rechtsstaat"! Denn da gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen den deutschen Investitionen im Ausland und den ausländischen Investitionen in Deutschland: Während die Deutschen im Ausland Produktionsstätten errichten, in die sie viel Geld und technisches Wissen investieren - also praktisch verschenken, mitsamt der Arbeitsplätze, die sie dafür zuhause abbauen, also praktich vernichten -, investieren die Ausländer in Deutschland nur Geld, dazu noch Geld, das sie nicht selber erwirtschaftet haben. Woher nehmen denn die Scheichs von Kuwait, Dubai und Saudi-Arabien - und ihre Strohmänner - die Milliarden, um unsere Unternehmen aufzukaufen? Richtig, aus dem Erdölgeschäft, das ihnen der Westen aufgebaut hat - sonst säßen sie heute noch auf ihren Kamelen und ritten durch die Wüste! (Und wir säßen noch auf unseren Pferden und ritten über Landstraßen, statt in blechernen Benzinkutschen über die Autobahnen zu jagen und dabei binnen weniger Jahrzehnte das gesamte Vermögen unserer Volkswirtschaft durch die Auspuffrohre zu jagen.) Ihr wollt ein paar konkrete Zahlen, liebe Leser, um Euch selber ein Bild zu machen? Bitte sehr: Die dreißig größten deutschen Aktien-Gesellschaften befanden sich anno 2001 zu 35,5% in ausländischer Hand; 2005 waren es 43,8%, 2007 schon 52,6% - Tendenz steigend (wenn es so weiter geht wie bisher: alle zwei Jahre um knapp 10%-Punkte, also wird es noch gut zehn Jahre dauern, bis die deutsche Wirtschaft vollständig in fremder Hand ist)! Und um auch ein paar konkrete Namen zu nennen: Hochtief gehört jetzt schon zu 94,4% Ausländern, Linde zu 87%, GfK immerhin zu 62,1%. Was daran so schlimm ist? Nun, schaut Euch mal die dazu gehörenden Mitarbeiterzahlen an, d.h. den Anteil der Arbeitsplätze, die dafür ins Ausland verlagert wurden: Hochtief 79,4%, Linde 85,9%, GfK 79,4% - und das ist nur die Spitze vom Eisberg, denn auch kleinere Unternehmen werden längst mehr oder weniger unbemerkt vom Ausland aufgekauft. Wohlgemerkt: Dikigoros plädiert hier nicht für eine Abschottung der Märkte und eine Rückkehr zur "Autarchie", wie sie den Nazis vorschwebte - keineswegs. Alles wäre halb so schlimm, wenn der Wirtschaftsverkehr nicht auf zwei Einbahnstraßen statt fände, sondern auf einer vierspurigen Autobahn, wenn z.B. ausländische Investoren in Deutschland keine bestehenden Betriebe aufkauften, nur um sie auszusaugen und still zu legen, sondern statt dessen neue Betriebe mit neuen Arbeitsplätzen aufbauten; und wenn deutsche Investoren im Ausland Rohstoffe erwürben oder Waren und Dienstleistungen produzierten, die dann dem einheimischen Markt zugute kämen; aber auch das ist längst nicht mehr der Fall: Die Billig-Importe in die BRD stammen von fremden Produzenten; die "deutschen" Unternehmen im Ausland setzen ihre Produkte dagegen überwiegend im Ausland ab. Auch hierzu ein paar Zahlen? Bitte sehr: Hochtief 86,3% (ja, was glaubt Ihr denn, woher die vielen Hotelpaläste am Golf kommen?), Linde 85,4%, GfK 79,9%. Noch Fragen? Ach so, ja: Wo liegt Güllen? Und wie lange wird es noch dauern, bis es überall in Deutschland so aussieht und man zur Antwort geben muß: Güllen ist überall!?

"Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie
ihre schlimmstmögliche Wendung* genommen hat."

(21 Punkte zu den Physikern, 3)

*Dikigoros ist sich nicht sicher, ob man dieses Wort jetzt nicht
"Wändung" schreiben müßte, zum Zeichen, daß unsere Poli-
tiker den Staatskarren völlig vor die Wand gefahren haben

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