Kyo Machiko (25.3.1924 - 12.5.2019) Tabellarischer Lebenslauf

KYŌ  MACHIKO

(25.3.1924 - 12.5.2019)


Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

[Flagge von Osaka]

1924
25. März: Motoko Yano wird in Ōsaka geboren.

1930-36
Yano besucht die Azuma-Schule in Ōsaka.

1936
Yano wird Tänzerin an der Frauen-Oper von Ōsaka. Sie nimmt den Künstlernamen "Kyō Machiko [Hauptstadtstraßenkind]"* an - eine bewußte Abkehr von ihrem Geburtsnamen, den man frei mit "Dorfackerkind" übersetzen könnte.
(Dikigoros neigt sonst dazu, entgegen japanischem Usus den Rufnamen vor den Familiennamen zu stellen; aber hier macht er eine Ausnahme, weil es nur so herum einen Sinn ergibt.)

1944
Kyō spielt ihre ersten kleinen Filmrollen in "Tengu-daoshi" und in "Danjuro sandai" - unter der Regie von Kenji Mizoguchi (1898-1956).
Danach kommt der japanische Film infolge des Krieges und der US-amerikanischen Besatzungszeit vorübergehend zum Erliegen.


1949/50
Kyō spielt Nebenrollen in mehreren Filmen der Regisseure Kimura und Marune, von denen sie lediglich als Naomi in "Chijin no ai" in Erinnerung bleibt.
Sie beginnt ein Verhältnis mit dem Produzenten Masaichi Nagata (1906-1985) - Mitgründer und seit 1947 Präsident der Filmgesellschaft Daiei - und legt so den Grundstein zu ihrer steilen Karriere.
Nagata gilt bei den US-amerikanischen Besatzern als regime-kritisch und ist deshalb (und wegen seiner ostentativen Begeistung für Baseball :-) bei ihnen wohl gelitten. Während die meisten japanischen Filmproduzenten der Kriegs- und Vorkriegszeit als "Class-A war criminals [Hauptkriegsverbrecher]" angeklagt und entweder ermordethingerichtet oder bis zum formellen Ende der Besatzungszeit eingekerkert werden, erhält er bereits wenige Monate nach der Kapitulation wieder eine Lizenz zum Filmemachen.

[Markenzeichen der Daiei]

1950
Kyō gelingt - unter der Regie von Akira Kurosawa (1910-1998) - der Durchbruch im Kino mit der weiblichen Hauptrolle der Masako in "Rashōmon [Tor des Lebens**]" - nach literarischen Motiven von Ryūnosuke Akutagawa (1892-1927) -, einer Parabel auf den zweifelhaften Wert des Beweismittels "Zeugenaussage" vor Gericht.
(Es bleibt ihr einziger Film mit Kurosawa, der als erster - und bislang letzter - japanischer Regisseur im Ausland erfolgreicher ist als zuhause, vor allem durch diesen Film, der ihm u.a. einen "Goldenen Löwen" von Venedig, einen "Ehren-Oscar" und einen "BAFTA Award" - das britische Pendant zum Oscar - einträgt. Im Ausland wird der Film zumeist als Abhandlung über Ehre und Moral im allgemeinen und das vermeintlich abartige Ehre- und Moralverständnis der Japaner im besonderen [miß]verstanden.)


Kyō gewinnt damit 1951 den Preis für die beste Schauspielerin des Vorjahres beim Mainichi eiga concours.
Die Japaner verwenden tatsächlich dieses französische Wort für "Wettbewerb" und sprechen es auch genauso aus. (Geschrieben wird es "konkūr[u]" - in Katakana, wie alle nicht-chinesischen Fremdwörter.)

1951
Januar: Kyō spielt die männermordende Geisha Kimicho in "Itsuwareru seisō [Trügerische Verkleidung]".
August: Kyō spielt die Hauptrolle - Emmy, die Nachtclub-Tänzerin, die Horie, den Buchhalter, vom Pfad der Tugend abbringt und ins Unglück stürzt - in "Mesu inu [Hündin]" (durchaus im Sinne von engl. "bitch", wie der Film Jahre später in den USA betitelt wird :-).

Fragt Ihr Euch, liebe Studierende der Japanologie, was das rechts unten auf dem Filmplakat für eine merkwürdige Schreibweise des Titels ist? Die Frage ist berechtigt. Das untere Kanji ist problemlos als "inu [Hund]" zu erkennen. Aber das darüber...? "mesu [weiblich]" schreibt sich doch eigentlich ganz anders, viel komplizierter, mit 14 Strichen! Tja, seht Ihr, diese Schreibfaulheit nannte man damals "Vereinfachung". In Rotchina war sie gerade groß in Mode; und auch in Japan fingen einige "fortschrittliche" Leute schon damit an. Aber das bewährte sich nicht: Irgendwann stellte man fest, daß durch solche Mätzchen das Lesen - und vor allem das Verstehen, denn Kanji sind ja keine bloßen Lautzeichen, wie die westlichen Buchstaben, sondern sprechende Bilder, die etwas aussagen sollen! - nicht einfacher, sondern schwieriger wurde, und man ließ die "Reform"-Versuche still und leise einschlafen. (Für Nicht-Japanologen: Darüber steht - weiß gepinselt - der Name der Hauptdarstellerin in drei Schriftarten: "Kyō" in Kanji, "ma"+"chi" in Katakana - um zu zeigen, daß es ein Pseudonym ist - und "ko" in Hiragana - um zu zeigen, daß es sich um ein weibliches Menschenkind handelt, und zwar um ein japanisches!)



Diese beiden Streifen begründen ihren Ruf als "femme fatale" des japanischen Films.
November: Kyō spielt - an der Seite von Kazuo Hasegawa und Michiyo Kogure - die Awaji no ue in der Verfilmung des Literatur-Klassikers "Genji monogatari".


Alle drei Filme des Jahres sind an den Kinokassen Japans sehr viel erfolgreicher als "Rashōmon". (Der letzte hat auch im Ausland Erfolg: Er gewinnt 1952 beim Filmfestival von Cannes den Preis für die beste Kameraführung.)

1952
Kyō spielt die Maya no uri in "Daibutsu kaigen [Legende des Großen Buddha]" und die Räuberhauptmännin Sakin in "Bijo to tozoku [Schöne Frau und Räuber]", ebenfalls nach literarischen Motiven von Akutagawa. (Der letztere Film wird zwei Jahre später - unter dem Titel "La belle et le voleur" - auch nach Frankreich exportiert und läuft dort mit Erfolg als erster Vertreter des heute "Eastern" genannten Genres :-)


Rechts das erste Dikigoros bekannte Filmplakat Japans, auf dem der Titel
nicht von oben nach unten, sondern von links nach rechts geschrieben ist.

1953
März: Kyō spielt - erneut unter Mizoguchi - den Geist der Lady MacbethWakasa in "Ugetsu monogatari [Regenmondgeschichte]".

Fällt Euch an den Bildern etwas auf, liebe Leser? (Nein, Dikigoros meint nicht, daß das Kanji für "Regen" auf allen ziemlich schlampig gepinselt ist - das ist künstlerische Freiheit :-) Links und in der Mitte seht Ihr Aufnahmen aus dem Film, das rechte ist frei erfunden - wahrscheinlich von einem jungen Menschen, der sich in der Vergangenheit nicht mehr so genau auskennt: Im alten Japan war es üblich, daß Frauen ihre Augenbrauen entfernten ["Hikimayu" nannte man das] und sich dafür zwei Flecken aus einer ocker-farbenen Paste auf die Stirn schmierten. (Es war auch üblich, daß sie sich die Zähne schwarz lackierten ["Ohaguro" nannte man das"], aber darauf verzichten die Filme zum Glück :-) Erst 1870 wurde das im Zuge der Meiji-Restauration verboten - man wollte doch gegenüber den Gaijin nicht primitiv erscheinen!


August: Kyō spielt die Mon in "Ani - imōto [Großer Bruder - kleine Schwester]".

Auch hier lohnt ein genauerer Blick: Das alte Kinoplakat (links) weist noch zwei Kanji auf, die man damals schon im Kindergarten lernte, denn japanische Familien waren noch kinderreich. ("Älterer Bruder" hat ein eigenes Kanji, "jüngere Schwester" setzt sich zusammen aus "Frau" und "noch nicht" :-) Heute aber hat PISA auch in Japan Einzug gehalten; daher ist auf der DVD (rechts) alles in Hiragana geschrieben!


Oktober: Kyō spielt - wieder an der Seite von Kazuo Hasegawa - die Lady Kesa in dem Mittelalter-Drama "Jigokumon [Höllenpforte/Höllentor]".
(Der Streifen wird - unter dem Titel "[The] Gate of Hell" - als erster japanischer Film nach dem Krieg auch in die USA exportiert, wo er zum Kinohit wird und im Folgejahr einen Oscar für den besten ausländischen Film gewinnt, ebenso - unter dem Titel "La porte de l'enfer" - nach Frankreich, wo er bei den Filmfestspielen von Cannes eine Goldene Palme gewinnt.)


1954
Kyō spielt die Titelrolle in "Sen hime [Prinzessin Sen]".


1955
Mizoguchi - der unheilbar an Leukämie erkrankt ist und nichts mehr zu verlieren hat - läßt die Maske fallen, hinter der man (vor allem im Ausland :-) nur den Vorkämpfer für Frauenrechte vermutet hatte. Tatsächlich verbirgt sich dahinter ein glühender Patriot, der die US-Besatzer haßt und die Verwestlichung Japans - welche diese ganz offen betreiben - aus vollem Herzen ablehnt. Er dreht in diesem Jahr zwei Filme: In "Yōkihi" spielt Kyō die Hauptrolle - Yang Kwei-fei, die vom Dienstmädchen zur Fürstin aufgestiegene Konkubine und Prinzregentin des chinesischen Kaisers Xuan Zong.
Der zweite ist eine Verfilmung des Literatur-Klassikers Heike monogatari, in dem Kyō nicht mit zu spielen wagt. (Die weibliche Hauptrolle wird daher mit Yoshiko Kuga besetzt.)


Achtet bitte beim mittleren Bild auf das völlig andere - "chinesische" - Augen[brauen]-Make-up,
das mehr dem indischen ähnelt, über das Dikigoros an anderer Stelle ausführlicher schreibt.

Der Film verursacht einen - nach außen gut vertuschten - Skandal, da er suggeriert, was in weiten Teilen des Volkes ohnehin schon herrschende Meinung ist, nämlich daß Hirohito nicht nur kein echter Tennō mehr ist (was unstreitig ist, da dieser Titel ["Himmelsherrscher"] Gottgleichheit impliziert, auf die er in seiner Neujahrsansprache 1946 ausdrücklich verzichtet hatte), sondern überhaupt kein echter Herrscher, sondern bloß eine Marionette der USA, daß der wahre Kaiser Japans nicht in Tōkyō sitze, sondern in Washington D.C., und daß dies ein großes Unglück für Japan sei. (Andere kontern das mit der Behauptung, daß er auch zuvor bloß eine Marionette der Militärs gewesen sei, halt nicht der amerikanischen, sondern der japanischen. Beide Lager übersehen geflissentlich, daß der Tennō vor dem 19. Jahrhundert nie weltlicher Herrscher war - sondern eine Art Papst -, und daß schon die Inthronisierung von Mutsuhito, dem "Meiji [Erleuchteten]", alles andere als eine "Restauration" war, sondern vielmehr ein cleverer Schachzug "fortschrittlicher" Militärs, um das Tokugawa-Shogunat zu stürzen und dem dummengläubigen Volk eine Galionsfigur zu präsentieren :-) Dies ungeachtet der Tatsache, daß 1951 in San Francisco ein formeller Friedensvertrag geschlossen wurde und die amerikanischen Besatzer seitdem offiziell nicht mehr als solche im Lande stationiert waren, sondern als "Beschützer". Damit hätte man vielleicht die tumpen Teutonen in Trizonesien täuschen können (denen freilich die Gnade eines solchen Friedensvertrags nie zuteil wurde), nicht aber die Japaner, deren Wut auf die Amis nach dem "Zwischenfall" mit der Fukuryū maru im Vorjahr - über den Dikigoros an anderer Stelle mehr schreibt - größer war als je zuvor. Die meisten von ihnen empfangen als Enddatum der Besatzungszeit erst den 6. Juni 1979, als der alte japanische Kalender wieder eingeführt wurde. Wohlgemerkt, die japanische Zeitrechnung ist nicht nur kompliziert, sondern geradezu idiotisch. Aber das war nicht der Grund, weshalb ihnen die alliierten Besatzer 1945 als erste Amtshandlung deren Gebrauch verboten hatten, sondern vielmehr die Erkenntnis, daß man ein Volk und seine Kultur am nachhaltigsten zerstört - und das war ihr erklärtes Ziel -, indem man ihm seine Vergangenheit nimmt, denn wer keine Vergangenheit hat, hat auch keine Zukunft. In Germany machten sie es sich unnötig schwer: Sie verbrannten mühsam alle zwischen 1933 und 1945 entstandenen Bücher (und noch einige mehr, die ihnen nicht in den Kram die "re-education" paßten) und verboten den Nachdruck. Dann begannen sie umständlich, die Geschichte neu zu schreiben. Aber es dauerte sage und schreibe 40 Jahre, bis der Lügenbaron von Drecksäcker Weizsäcker es wagen konnte, die Orgie von Mord, Plünderung und Vergewaltigung, welche die alliierten Besatzer 1945 (und noch einige Jahre danach) in Deutschland (und noch einigen anderen Ländern) veranstalteten, als "Befreiung" zu bezeichnen, ohne gelyncht oder ins Irrenhaus gesteckt zu werden. Und es vergingen viele weitere Jahre, bis sich diese Geschichtsklitterung mit Hilfe der Monopol-Medien in der BRDDR allgemein durchgesetzt hatte. In Japan machten sie es sich leichter: Sie schafften einfach das alte Datierungssystem und damit de facto die japanische Geschichte vor 1945 auf einen Streich ab. Aber die älteren Japaner bewahrten ihr Wissen insgeheim, warteten eine Schwächefase der USA unter Peanuts Jimmy Carter ab und sprengten dann ganz offiziell - per Gesetz! - die ihnen auferlegten Ketten der westlichen Zeitrechnung. (In Rotchina hätte das nicht passieren können. Dort hatte man nicht nur die alten Bücher verbrannt und - für den Fall, daß noch welche auf Taiwan oder sonstwo im Ausland vorhanden sein sollten - die alte Schrift abgeschafftbis zur Unkenntlichkeit "vereinfacht", sondern Mao hatte während der so genannten "Kultur-Revolution" auch alle klassisch Gebildeten, die sie noch hätten lesen können, als "Konter-Revolutionäre" ermordenhinrichten lassen. Die alte chinesische Kultur war somit für alle Zeiten ausgelöscht; und an Stelle des Wissens um sie trat das, was japanische Drehbuch-Autoren und Regisseure im Film aus ihr machten :-)

1956
In offensichtlicher Distanzierung spielt Kyō - erneut an der Seite von Kazuo Hasegawa - die Tomoe in der als Kontrapunkt konzipierten Verfilmung des "Heike monogatari" unter Teinosuke Kinugasa.
(Solche gegensätzlichen Interpretationen sind ohne weiteres möglich, da es sich - ähnlich wie beim ungefähr gleichzeitig entstandenen "Decamerone" von Boccaccio - um eine mehr oder weniger lose Episoden-Sammlung handelt, von der sich jeder Drehbuch-Autor heraus picken kann, was ihm am besten paßt. Sie behandeln so unterschiedliche Themen wie Liebe und Haß, Treue und Verrat, Ritterlichkeit und Heldentod. Daraus läßt sich ein Lehrstück in buddhistischer Moral machen oder eines in hoher Politik - oder einfach nur ein blutiges Spektakel :-)


Dennoch darf sie die Hauptrolle in Mizoguchis letztem Film "Akasen chitai [Straße der Schande/Street of Shame]" spielen, die eiskalt-cynische Prostituierte Mickey.
(Irgendwo las Dikigoros, dieser Film sei ausschlaggebend gewesen für das Verbot der Prostitution in Japan im selben Jahr. Das kann nur jemand schreiben, der den Film nie gesehen hat: Er setzt dieses Verbot zwingend voraus und sich mit diesem durchaus kontrovers auseinander.)
August: Kenji Mizoguchi stirbt.
Kyō wagt den Sprung über den großen Teich nach Hollywood und spielt - an der Seite von Marlon Brando - die weibliche Hauptrolle - das Fräulein "Lotus Blossom [Lotusblüte]" - in der Komödie "The Teahouse of the August Moon [Das kleine Teehaus]", einer Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von John Patrick.


1957
Kyō spielt die weiblichen Hauptrollen in "Ana [Die Falle]" - erstmals unter der Regie von Kon Ichikawa - und in "Yūrakuchō de aimashō [Liebende in Y.]".
In beiden Filmen tritt sie erstmals (fast) durchgehend in westlicher Kleidung auf. Das Publikum nimmt diesen Versuch einer kulturellen "re-education" eher zurückhaltend auf.


1958
Die "Macher" der Filmbranche erkennen, daß die Zeit noch nicht reif ist für derartige Experimente und besinnen sich einstweilen wieder auf traditionelle, d.h. vor allem patriotische Themen.
Februar: Kyō spielt Michiko, die Haupt-Gegenspielerin der "Tante aus Amerika" (Hideyo, einer "Nisei", die von Kinuyo Tanaka gespielt wird), in "Kanashimi wa onna dakeni [Trauer ist für Frauen]".


April: Kyō spielt - unter Kunio Watanabe (1899-1981) - die Spionin Orui in "Chūshingura [Sammlung treuer Lehensmannen]". Es ist der zweiterfolgreichste Film der 1950er Jahre in Japan.***
(Der erfolgreichste war "Meiji Tennō to Nichi-Ro daisenso [Kaiser Meiji und der japanisch-russische Großkrieg]" - 1957, also mehr als ein halbes Jahrhundert danach gedreht, ebenfalls von Watanabe.)
Er wird auch im Ausland vermarktet, u.a. in den USA als "The 47 Loyal Ronin".

Warum man lieber das Wort "rōnin" gebraucht als das Wort "kura" [nach "n" aufgeweicht zu "-gura"]? Das hängt mit dem Fänomen der "sprechenden Kanji" zusammen. Schaut sie Euch mal an, auch wenn Ihr kein Japanisch könnt, und laßt sie einfach nur so auf Euch wirken! Oben ein besonders schönes Beispiel: "Treue" bzw. "Loyalität" schreibt sich "Mitte" + "Herz", bedeutet also "das Herz am rechten Fleck haben", wie wir sagen. Aber unten? Man sieht doch förmlich, daß da eigentlich etwas gemeint ist, das Dikigoros flapsig frei mit "Sammelsurium" übersetzen würde - es kann auch ein Lager oder einen Schuppen mit allem möglichen Inhalt bezeichnen. Wirkt "herrenlose Männer" da nicht viel seriöser? Rechts dagegen ein unschönes Beispiel: Mit "chū" schreibt sich auch das Reich der Mitte, China. Früher wurde "Reich" ähnlich definiert wie in der westlichen Staatslehre (Staatsgebiet + Staatsvolk + Regierung): Staatsgrenzen (die vier äußeren Linien, denen man im Druck kaum noch ansieht, daß es mal drei Pinselstriche waren) und einen Herrscher (meist ein König, in China hält er überdies einen mit Juwelen besetzten Reichsapfel - den kleinen Tupfer rechts unten -, der ihn zum Kaiser macht :-). Die Rot-Chinesen - genauer gesagt schon ihr geistiger [Groß-]Vater Sūn Yat-sen - haben den Kaiser durch einen Machthaber ersetzt, der Kraft seines Speeres den Untertanen den Mund verbietet - ein tolles Bild. Noch toller, daß sich die VRC dazu so offen bekennt! Die größte Dreistigkeit ist jedoch zu behaupten, daß dies das ursprüngliche Kanji für "Reich" sei und das mit dem Kaiser eine moderne "Vereinfachung", und daß manche Idioten "Sinologen" im Westen das blind glauben und brav nachplappern!


chinesisches Kaiserreich

volkschinesische Republik:
auf der Spitze der Bajonette

1959
Juni: Kyō spielt - erneut unter Ichikawa - Ikuko, die Ehefrau eines impotenten Perverslings, in der schrägen Groteske "Kagi", die in Deutschland unter dem Titel "Der Schlüssel" in die Kinos kommt - wo sie flopt - und unter dem Titel "Odd Obsession" in den USA - wo sie einen "Golden Globe" für den besten ausländischen Film gewinnt.

Wieder etwas für Kanji-Freunde. (Dafür bildet Dikigoros die Kino-Plakate und DVD-Hüllen ja ab :-) Die Übersetzung "Schlüssel" für "Kagi" ist zwar nicht direkt falsch, aber nur die halbe Wahrheit - was indes nicht weiter auffallen würde, wenn man es in Hiragana schriebe, denn die meisten Japaner haben längst vergessen, daß das bloß eine Verballhornung des englischen Wortes "key" ist. (Das schreibt sich in Katakana "kī". Da ein solcher Schlüssel aber aus Metall ["ka"] ist, stellt man ihm diese Silbe voran, und dadurch wird "kī" aufgeweicht zu "gi"; das ganze spricht sich dann "kangi" bzw. es sprach sich so; heute sagen viele nur noch "kagi", ohne Verbindungs-"n".) Im alten Japan gab es noch keine Türen, sondern statt dessen Schiebewände aus Papier, da brauchte man keine Schlüssel! Was steht da also wirklich? "Ka" hatten wir ja schon; es bedeutet Metall im allgemeinen und Edelmetall, vor allem Gold, im besonderen. Das zweite setzt sich zusammen aus "bewegen" und "Pinsel", bedeutete also ursprünglich etwas Geschriebenes oder Gemaltes. Im Laufe der Zeit nahm es jedoch erst die Neben-, dann die Hauptbedeutung "Gebautes" an. Der Filmtitel bedeutet also nur vordergründig "Schlüssel", hintergründig aber das, was wir im übertragenen Sinne "Goldener Käfig" nennen.


November: Kyō spielt - an der Seite von Ganjiro Nakamura - Sumiko, die Geliebte eines Wandertheater-Direktors, in "Ukigusa [Wanderbühne/Floating Weeds]"


1960
Januar: Kyō spielt die weibliche Hauptrolle der Prinzessin Ryūko in "Ruten no Ōhi".
Das wird oft mit "Prinzessin auf Wanderschaft" übersetzt, was zwar nicht direkt falsch ist, aber wieder nur die halbe Wahrheit. Darf Dikigoros etwas weiter ausholen? Es ist die Lebensgeschichte, genauer gesagt die Verfilmung der Memoiren von Prinzessin/Fürstin/Marquise (mit "Ō" kann so ziemlich alles gebildet werden, was von höherem Adel ist - den König und den Kaiser von China hatten wir ja schon -; "hi" ist ein Weiblichkeitssuffix) Hiro Saga, die im Vorjahr erschienen und in Japan zum Bestseller geworden waren, ähnlich wie kurz zuvor in Deutschland "Der Preis der Herrlichkeit", die Memoiren der Henriette v. Schirach, [Ex-]Frau des [Ex-]Reichsjugendführers Baldur v. Schirach. Hiro Saga war die Enkelin einer Cousine des Tennō Meiji und die Frau von Pujie, dem jüngeren Bruder von Puyi, dem letzten [Ex-]Kaiser von China und späteren [Ex-]Kaiser von dem Land, wo Milch und Honig fließen. Pardon, da ist Dikigoros eine jüdische Formulierung aus dem Alten Testament unterlaufen. Die barbarischen Stämme, die im Mittelalter in Nordchina einfielen, waren Reiter-Nomaden aus der kargen Steppe. Sie und ihre Pferde faszinierten an jenem Land, wo sie seßhaft werden sollten, ganz andere Dinge: Sie nannten es "Das an Flüssen, Gras und Geld reiche Land". Das schreibt sich mit zwei Kanji, die auf Japanisch "Man" + "Shū" gesprochen werden. Im 17. Jahrhundert - mittlerweile hatten sie ganz China erobert - gaben sie ihre alten Stammesnamen auf und nannten sich auch selber so. ["Koku" ist nur ein Suffix, das einen Staat bezeichnet.] Wer daraus "Mandschu[kuo]" gemacht hat - übrigens nicht nur in Deutschland -, entzieht sich Dikigoros' Kenntnis. (Wahrscheinlich die gleichen Ignoranten, die aus den türkischen Seltschuken "Seldschuken" gemacht haben :-) Wie dem auch sei, nach der Kriegsniederlage 1945 flieht sie mit ihrem Töchterchen kreuz und quer durch China. (So soll uns das jedenfalls der untere Rand der DVD-Hülle suggerieren; tatsächlich ist das nur ein relativ kurzer Teil des - überlangen - Films, und da man sie ziemlich bald schnappt, werden sie vielmehr kreuz und quer durch China von einem Gefangenen-Lager zum nächsten transportiert.) Warum man ihr für den Film einen anderen Namen verpaßte? Nun, das ist ein - sehr originelles - Wortspiel: "Ruten" hat nichts mit "Route" zu tun ([Reise-]Route heißt "ryokō"), es steht auch nicht in Dikigoros' Wörterbuch, sondern es ist eine Erfindung von Hiro Saga für ihre Memoiren. Aber wer Japanisch lesen kann, sieht sofort, was gemeint ist, denn es setzt sich aus zwei sprechenden Kanji zusammen: "Ru" ist das Fließen von Wasser, und "Ten" ist das Rollen von Rädern. Ersteres kann man aber auch "Ryū" lesen, und letzteres auch als "Kaiser[in]" verstehen - daher der Film-Name, der das rastlose Umherziehen der Beinahe-Kaiserin gewissermaßen personifiziert. ("Ko" ist nur ein Mädchennamen-Suffix.) Aber wie gesagt, das ist nur die halbe Wahrheit, denn das greift zu kurz. Das Fließen des Wassers und das Drehen der Räder symbolisiert auch und vor allem im übertragenen Sinne die Wechselfälle des Lebens; deshalb ist die einzig richtige englische Übersetzung - es gibt deren mehrere, mit unterschiedlichen Titeln - "The Vicissitudes of a Princess".

[Buch] [Kino-Plakat] [DVD]

April: Kyō spielt eine von vielen Frauengestalten - die Ofuku - in "Bonchi [Sorgenkind]", einer Satire auf die Sucht der Japaner (und Chinesen und überhaupt der meisten Asiaten) nach Söhnen statt Töchtern. Hier ist es mal umgekehrt, und der arme Kikuji - von dem seine dominantebesorgte Mutter dringend eine Enkelin verlangt, als Erbin für das Familien-Unternehmen - muß am Ende resignieren, weil es mit keiner Frau klappen will. (Sie bekommen nur Söhne :-)


Das direkte Aufeinanderfolgen dieser beiden Streifen in Kyō's Filmografie entbehrt nicht einer gewissen Ironie; denn wenn Japan den Krieg gewonnen hätte - und davon ging man ja aus, als man Hiro Saga und Pujie 1937 mit einander verheiratete -, dann hätten die Probleme für die beiden erst richtig angefangen: Für die Japaner war Puyi nur eine Notlösung Übergangslösung. Ob er sie tatsächlich so gehaßt hat, wie das der Film suggeriert, mag dahinstehen. (Dikigoros hält die Memoiren der Hiro Saga für ebenso interessant wie die der Henriette v. Schirach, aber auch für ebenso verlogen - ein Buch, in dem so häufig die Wendung "hontō ni... [in Wahrheit...]" vorkommt, ist ihm grundsätzlich suspekt. Aber sie hatte einen ehrenwerten Grund, in diesem Punkt zu lügen: Ihr Schwager Puyi befand sich zwecks "re-education" in einem rotchinesischen Konzentrationslager. Ihn als Japan-Freund hinzustellen hätte wohl sein Todesurteil bedeutet; als angeblicher Japan-Hasser hatte er bessere Überlebenschancen.) Aber jedenfalls hatte er keine Kinder. (Ob es an ihm lag oder ob er Pech mit seinen Frauen und Nebenfrauen hatte wissen wir nicht - vielleicht beides :-) Ein Sohn von Hiro Saga und Pujie wäre also Kaiser der Mandschurei - und womöglich eines Tages sogar eines wiedervereinigten Chinas - geworden, und der wäre dann nicht nur japanischen Blutes gewesen, sondern sogar ein Verwandter des Tennō! Aber ach, die beiden bekamen nur Töchter - das schöne Konzept wäre also nicht aufgegangen! Übrigens muß Hiro Saga ziemlich verrückt gewesen sein: Kurz nachdem er den Film gesehen hatte, verfügte Ministerpräsident Zhou En-lai höchstpersönlich die Freilassung des bis dahin eingekerkerten Pujie und erteilte der braven Memoirenschreiberin die Einreisegenehmigung in die Volksrepublik China zwecks Familien-Zusammenführung! Sie nahm an und lebte fortan mit ihrem Ehemann in Peking, bis daß der Tod sie 1987 schied. (Nein, sie tat es nicht wegen der gemeinsamen Töchter - wir sind doch nicht bei The Parent Trap! Die ältere Tochter war schon tot, und die jüngere kam zwar erst mit nach China, besann sich aber ziemlich bald eines besseren, kehrte nach Japan zurück und heiratete einen Japaner, mit dem sie eine große, glückliche Familie gründete, mit Söhnen und Töchtern - die allerdings weder einen Thron noch ein Familien-Unternehmen zu erben hatten :-)

1961
Oktober: Kyō spielt die Nandabala**** in "Shakamuni", der Lebensgeschichte Buddhas - nur eine kurze Rolle, die cienastisch nicht viel her macht, aber religiös von großer Bedeutung ist.
Für Nicht-Buddhisten: Sie ist diejenige, die Siddhārta Gautama aus seinem sinnlosen Vor-sich-hin-dämmern als Asket "erweckt" und ihn damit zum "Buddha" macht. Nagata wollte als gläubiger Buddhist ein Monumentalwerk in Überlänge schaffen, das sich in alle Welt exportieren ließ, ähnlich wie Cecil DeMille fünf Jahre zuvor für den christlichen Glauben mit "The Ten Commandments [Die zehn Gebote]", und setzte dafür nicht nur das neue, "Super[teure] Technirama 70" System von Technicolor ein, sondern engagierte auch einen Star-Regisseur (Misumi Kenji) und fuhr eine Starbesetzung an Schauspielern auf. Dennoch - oder gerade deshalb - mißlang der Versuch, denn während Charlton Heston ohne weiteres als Moses durchgehen konnte, sah Kōjirō Hongō für die Hauptrolle als Inder einfach zu japanisch aus (die meisten seiner Mitspieler[innen] übrigens auch :-), und inhaltlich setzte er sich zwischen alle Stühle: Wahre Gläubige wollten eine solche profan-realistische Biografie nicht sehen, und den Historikern war sie nicht kritisch-realistisch genug.


1962
März: Kyō spielt die Titelrolle - eine Kidnapperin und Juwelendiebin - in "Kurotokage [Schwarzeidechse]".*****
Der Film kommt bei Kritikern und Publikum gleichermaßen schlecht an - auch in den USA, wo er unter dem Titel BlackadderBlack Lizard" läuft.
Aus der Rückschau fragt man sich warum: Wiewohl eigentlich als Verwechslungskomödie konzipiert, enthielt er schon alle Elemente, die später die 007-Filme so populär machen sollten - deren erster, "Dr. No", mit Sean Connery als James Bond, erst ein halbes Jahr später in die Kinos kam -, und viel unrealistischer war er auch nicht. Dennoch wurde 1968 ein Remake - unter gleichen Titel, aber in anderer Besetzung, ohne Kyō, dafür mit Mishima Yukio, dem Verfasser des zugrunde liegenden Theaterstücks - gedreht, das freilich auch nicht viel erfolgreicher war.

[das Original von 1962] [das Remake von 1968] [das Buch von Mishima Yukio]

Wieder etwas für Kanji-Freunde. Das erste - das einem stilisierten Computer mit Bildschirm und Tastatur ähnelt - bedeutet "schwarz", das können wir vernachlässigen. Aber wie würdet Ihr "Eidechse" [um]schreiben? Hier die japanische Lösung: "Ein Tier, das, wenn man es seziert (d.h. ihm die Beine abschneidet), aussieht wie eine Schlange und kleine Insekten frißt". Der Radikal Nr. 142, der am Anfang des 2. und 3. Kanji steht, ist vielseitig verwendbar, z.B. für "Schlange", "Insekt" - vor allem "Mücke", "Moskito", im übertragenen Sinne auch "ausländischer Barbar" -, "Raupe", "Glühwürmchen" u.a. Die meisten davon haben hohe Nummern - oberhalb 4.000 - im Nelson, gelten also als weniger wichtig. (Einzige Ausnahme ist die Seidenraupe, das "himmlische Insekt [kaiko]", die ob ihrer überragenden Bedeutung die niedrige Nr. 57 hat - aber die ist hier natürlich nicht gemeint :-) Die rechte Hälfte des 2. Kanji setzt sich zusammen aus "Baum" und "Axt", bedeutet also wörtlich "einen Baum fällen" - aber im weiteren Sinne auch "abschneiden", "auseinander nehmen", "teilen", "sezieren". Die rechte Hälfte des 3. Kanji... nein, das ist zu kompliziert, um es genau zu erklären, aber sie bedeutet "leicht", meint also ein kleines Insekt. Unter der Eidechse der Name des Autors - zum Kontrast in Weiß.


November: Kyō spielt eine Kurtisane am Hofe des ersten Kaisers von China in "Shin no shikōtei [Chins große Mauer]", einem weiteren in ST 70 gedrehten Monumentalfilm, mit dem Nagata das gelingt, was mit "Shakamuni" noch nicht geklappt hatte: ein internationaler Kinohit, der überall gut läuft.
(1964 erscheint auch eine deutsche Version unter dem Titel "Der große Wall" - historisch durchaus korrekt, denn es handelte sich ja nicht um ein Stein auf Stein gemauertes Objekt, sondern bloß um einen Lehmwall und ein paar Erdaufschüttungen :-)


Worauf dieser größere Erfolg beruhte? Schwer zu sagen. Gewiß, japanische Schauspieler können leichter als Chinesen durchgehen denn als Inder; aber davon abgesehen war der Film kein großer Wurf. Heutige chinesische Kritiker werden nicht müde, historische Ungenauigkeiten aufzuzeigen und zu behaupten, die Japaner hätten den Film überhaupt nur gedreht, um sich über Chin und die Chinesen lustig zu machen. Wirklich? Holen wir ruhig etwas weiter aus und stellen die Frage: Woher kommt dieses Mißtrauen? Warum kann zwischen Japaner und Chinesen keine Freundschaft sein? Früher dachte Dikigoros, das liege vielleicht an der jüngsten Vergangenheit. Aber das hält einer genaueren Prüfung nicht stand: Die Chinesen hatten von den Japanern in den Jahren des Krieges und der Besatzung nicht ein Zehntel von dem zu erleiden, was sie zuvor in den Jahrzehnten des Bürgerkriegs von den eigenen "Warlords" zu erleiden hatten, und nicht ein Hundertstel von dem, was sie in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit von den eigenen Kommunisten zu erleiden hatten; denn das, was man den Japanern an Kriegs- u.a. Greueln angehängt hat, fällt zu 99% in die Kategorie Propagandalügen - insbesondere das Nanking-"Massaker" (über das Dikigoros hier ausführlicher schreibt - ziemlich gegen Ende) ist nichts weiter als das chinesische Gegenstück zum Guernica-"Massaker"; und diejenigen, die solche Lügen glauben, werden immer weniger. Dennoch besteht die Feindschaft fort - warum? Nun, die Ursachen liegen viel tiefer, sie reichen Jahrtausende zurück. Die alten Chinesen schauten auf die alten Japaner mit Verachtung herab: "Zwerge" nannten sie sie - und das meinten sie nicht körperlich, sondern geistig. Hatten die nicht alles, was ihre "Kultur" ausmachte, von ihnen bekommen (oder sich genommen), von der buddhistischen Religion bis zur Schrift, vom Reisanbau bis zur Seidenraupen-Zucht? Bis dahin waren das doch bloß primitive Barbaren gewesen, die nicht lesen und schreiben konnten, an Geister glaubten, nackt oder in Tierfelle gehüllt herum liefen und Scheiße fraßen! Kurzum: das waren schlechte Kopien ihrer selbst, die sie zutiefst verachteten. Die Japaner spürten diese Verachtung - aus der die Chinesen gar keinen Hehl machten - und haßten sie dafür ebenso tief. Nein, sie waren keine schlechten Kopisten! Vielmehr schafften sie es, das Übernommene aus eigener Kraft zu verbessern. (Das sollten auch noch andere Völker als die Chinesen zu spüren bekommen :-) Ende des 19. Jahrhunderts war es endlich so weit, daß sie den Chinesen das demonstrieren und Rache nehmen konnten. Nun blickten sie mit Verachtung auf die Chinesen herab, und die Chinesen haßten sie dafür. Diese wechselseitige Mischung aus Haß und Verachtung besteht bis heute fort, allen halbherzigen Versuchen einzelner Japaner und Chinesen, sie zu überwinden, zum Trotz. (Chinesisch-japanische Mischehen bzw. Mischlinge, wie in "Ruten no Ōhi", gibt es noch immer so gut wie keine, das sagt eigentlich alles.) Zurück zu diesem Film. Dikigoros findet ihn nicht besonders "lustig", weder im allgemeinen noch die Darstellung Chins im besonderen. Das war er ja auch nicht, sondern vielmehr ein blutrünstiger Diktator und Kulturvernichter - der erste überlieferte Bücherverbrenner -, und eine "Große Mauer" hat er nie bauen lassen; aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht erfreute sich das Publikum einfach an dem großformatigen, farbenprächtigen Spektakel?! (Beides konnte das Fernsehen damals noch nicht bieten :-)

1963
März: Kyō spielt eine der Hauptrollen - die Fujiyo Yajima - in "Nyokei kazoku [Frauen-Dynastie]".
Darin taucht ein zentrales Motiv aus "Bonchi" wieder auf - allerdings weniger komödiantisch als dramatisch. Der Film ist heute weitgehend vergessen/verdrängt, auch in Japan, wo sich die abstruse westliche Idee breit gemacht hat, daß es besonders emanzipiert sei und dazu beitrage, das "Patriarchat" zu brechen, wenn eine Frau nicht heiratet und keine Kinder bekommt. In den 1960er Jahren sah man das noch anders - nicht nur in Japan.

Für Kanji-Freunde: "Nyo" ist die - seltenere - [chinesische] On-Lesung (die häufigere ist "Jo") für das, was in [japanischer] Kun-Lesung "onna [Frau]" heißt - das hatten wir ja schon im Film von 1958. "Kei" setzt sich zusammen aus "Strich" und "Faden"; es bedeutet "Abstammung"; beide Zeichen zusammen stehen also für das, was auf Küchen-Lateinisch "matrilinear" heißt. "Ka" setzt sich zusammen aus "Dach" und "Schwein". (Beides sprechende Kanji - man kann sogar die Borsten erkennen :-) Die Japaner lebten - wie die Europäer - noch bis ins 20. Jahrhundert mit dem lieben (nicht nur Borsten-)Vieh unter einem Dach zusammen; das ganze bedeutet also "Haus". "Zoku" ist ein äußerst vielseitiges Kanji für verwandschaftliche Beziehungen; es findet u.a. Verwendung in "Familie", "Sippe", "Stamm", "[Adels-]Geschlecht" und "Rasse"; Dikigoros hat sich hier für die Übersetzung "Dynastie" entschieden. Ihr seht: Hausfrau Die Frau im Haus zu sein schließt nicht aus, über einen Familienclan zu herrschen - im Gegenteil!


1964
September: Kyō spielt die Hauptrolle der versoffenen Bardame Umeko in "Amai ase".
(Das wird meist mit "Süßer Schweiß", "Sweet Sweat" o.ä. übersetzt; aber das ist zu... amai, denn dieses vielschichtige Wort kann nicht nur "süß" bedeuten, sondern auch "[zu] wenig gesalzen", "[zu] nachsichtig", "[zu] optimistisch" und "oberflächlich". In diesem Fall paßt davon so ziemlich alles außer "süß" - da Schweiß nie süß, sondern salzig ist -: zu nachsichtig gegenüber ihrer unehelichen Tochter Takeko - die ihr dennoch davon läuft -, zu optimistisch in Bezug auf ihren Liebhaber aus dem Yakuza[Gangster]-Milieu usw.)

[Kyô als Umeko in Amai ase]

Sie erhält dafür 1965 den "Junpō"-Kino-Preis und erneut den Mainichi-Preis als beste Schauspielerin.
Kyō tritt erstmals im Fernsehen auf, das sich seit den Olympischen Spielen in Tōkyō als neues Medium auch in Japan durchzusetzen beginnt.

1966
Juli: Kyō spielt die weibliche Hauptrolle - die Frau des verrückt (und schließlich zum Mörder) gewordenen Herrn Okuyama - in der Verfilmung des Romans "Tanin no kao" [Das Gesicht des Anderen]" von Kōbō Abe.
(Ein ganz typisches Opus für K.A., der zufällig der Lieblings-Schriftsteller von Dikigoros' Japanisch-Sensei war. Er kann diese Vorliebe zwar nachvollziehen, aber nicht teilen. Seine Werke sind meist surrealistisch-fantastisch, aber vor allem beklemmend-makaber - für seinen Geschmack ein gutes Stück zu viel.)


Oktober: Kyō spielt Kikuko, die älteste der fünf Ueno-Schwestern, in der Komödie "Jinchōge [Herabsinkende Blätter und Blüten]". Wiewohl theoretisch eine Hauptrolle, ist es das erste Mal seit 1950, daß sie nicht mit auf dem Kinoplakat erscheint.
(Im Ausland wird der Filim denn auch unter dem Titel "Daphne" vertrieben - Übersetzung des Namens der zweitältesten Schwester, Aki, die von Haruko Sugimura gespielt wird.)

Fragen oder Anmerkungen, liebe Japanologie-Studenten im 1. Semester? Ihr meint, da stehe doch etwas ganz anderes geschrieben als gesprochen wird, nämlich "Chinchōka"? Tja... das ist zu kompliziert, um es hier kurz abzuhandeln, das lernt Ihr später. Aber etwas solltet, nein müßt Ihr unbedingt sofort lernen, nämlich das letzte Kanji nicht so hin zu sauen wie es der Schmierfink auf dem Filplakat getan hat - das fällt nicht unter "künstlerische Freiheit"! Wohlgemerkt, man darf Zeichen schon mal vereinfachen oder verfremden; aber diejenigen Striche, die man stehen läßt, muß man richtig schreiben, d.h. in der zwingend vorgeschriebenen Reihenfolge und Richtung! Ihr meint, das sähe man nicht? Oh doch, schaut mal genau hin: Die Striche 5, 6 und 7 von "Blüte" sind zusammen gezogen, und dabei wird der 6. Strich - statt von rechts oben nach links unten - von links unten nach rechts oben geschrieben. Das ist, wie man auf Germenglish sagt, strictly no-go; dafür sollte man den Schmierfinken Herrn Okuyama zum Fraße vorwerfen! Wie man es korrekt schreibt seht Ihr rechts auf der Plattenhülle des bekanntesten Hits von Meiko Kaji, "Shūra no hana".******


Dezember: Kyō spielt die Yayoi Yamamura in "Malenkij beglets/Chīsai tōbōsha [Kleiner Ausreißer]".
Eine unbedeutende Nebenrolle in einem unbedeutenden Film, der nur dadurch Aufmerksamkeit erlangt, daß er 1. zu Weihnachten in die Kinos kommt, 2. mit irreführendeninteressanten Plakaten beworben und 3. groß heraus gestellt wird als "erste russischsowjetisch-japanische Gemeinschaftsproduktion". Es ist zugleich die letzte, denn das Opus ist grottenschlecht gemacht: Die japanisch gesprochenen Teile werden nicht synchronisiert, sondern bloß von ein- und derselben Dolmetscherin über das Original gesprochen; der - viel zu lange - 1. Teil läßt jeglichen nachvollziehbaren Übergang zum - viel zu kurzen - 2. Teil vermissen; und viele Schauspieler wirken wie von der Straße aufgelesen. Des Russischen kundigen Japanern stößt auch die Vokabel "beglets" auf, die für einen kleinen Jungen, der aus purer Neugierde als Schwarzfahrer mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Moskau fährt, völlig unpassend ist. Eigentlich bedeutet sie "Flüchtling" und weckt ganz andere Assoziationen: 21 Jahre nach 1945 - und 6 Jahre nach dem Film "Ruten no Ōhi" - sind die von der Roten Armee beim Einmarsch in die Mandschurei an der japanischen Minderheit verübten Kriegsgreuel, Flucht und Vertreibung noch nicht vergessen, geschweige denn vergeben.


1969
Kyō spielt die Chikako in "Senba tsuru [Tausend Kraniche]".
(Zum Thema dieses Films schreibt Dikigoros hier und hier ausführlicher.)


1970
Februar: Kyō spielt - an der Seite von Shintarō Katsu und Michiyo Ōkusu - die Sue Yoshida in "Yabure - kabure [Zusammenbruch - Wiederaufbau]".
(Heute wird dieses Wortspiel - wohl infolge dieses Films - in übertragenem Sinne auch ganz anders verwendet. Dikigoros ist unsicher, welcher japanische Industrie-Magnat für "Isokichi Yoshida" Modell gestanden hat; wer eine Idee hat kann ihm ja mal mailen :-)


1971
Dezember: Die Daiei geht in Konkurs. Für Kyō ist die Zeit der guten Rollen in großen Filmen damit vorbei.******* (Sie wird gewissermaßen zur Rōnin :-)

1974
Januar: Kyō spielt die Aiko Takasu in "Kareinaru ichizoku" - eine Nebenrolle in einem Tōhō-Film, der keine weiblichen Hauptrollen hat, sondern nur vom Vater-Sohn-Konflikt lebt.
Tōhō ist ein alt-ehrwürdiges Filmstudio, das allerdings in jüngster Zeit nur noch durch "Godzilla" u.a. Filme ähnlicher Art und Güte hervor getreten war. (Dikigoros will nicht über alle "Godzilla"-Filme den Stab brechen; die frühesten hatten noch ein gewisses Niveau - wiewohl er sich den Lobeshymnen, die manche Kritiker neuerdings auf sie singen, nicht anschließen mag. Aber seit Ende der 1960er Jahre drehte man zunehmend Streifen für den Export in Länder, wo der Geschmack des Kino-Publikums durch US-Filme verdorbengeschult war, z.B. die BRD - das war nur noch Klamauk.) Wie dem auch sei, für Kyō bleibt dieser Film ihr einziges Engagement bei Tōhō.


Der Verleger Yasuyoshi Tokuma kauft die Reste von Daiei aus der Konkursmasse und läßt unter diesem Namen wieder Filme zu drehen.

1975
September: Kyō spielt die Frau des Premierministers in "Kinkanshoku [Sonnenfinsternis]", einer Satire auf das moderne Regierungs[un]wesen. (Manche bezeichnen es auch als "Polit-Thriller" :-)


1976
Oktober: Kyō spielt die Titelrolle in dem Horrorfilm "Yoba [Die Besessene]" (wieder nach literarischen Motiven von Akutagawa).


Hier ist der Befund eindeutig: Auf dem Kinoplakat von 1976 (mitte) wird der Titel noch von oben nach unten geschrieben; auf der DVD von 1996 (rechts) von links nach rechts - Japan war endgültig im Westen "angekommen". Ein Jahr später brach die "Asienkrise" aus und Japans Wirtschaft zusammen.


Dezember: Kyō spielt in der Komödie "Otoko wa tsurai yo [Man[n] trifft sich!]" - neben Fumi Dan als Lehrerin Masako Yagyū, in die sich der Onkel eines ihrer Schüler zunächst verliebt - deren Tante Aya, in die sich besagter Onkel später verliebt, Remake (oder Fortsetzung?) eines ebenso albernen Films von 1971 mit dem selben Hauptdarsteller - Kiyoshi Atsumi als Jirō Tora.

1981-84
Kyō spielt in einigen Jahrgängen der Jidaigeki-Serie "Hissatsu"******** ("Hissatsu shimainin", "Shin hissatsu shimainin" und "Hissatsu shikirinin") des Fernsehsenders Asahi die Bantokyozan - ihre letzte Hauptrolle.

1984
Mai: Kyō spielt in "Keshō [Schminke]" ihre letzte Kinofilmrolle, die Tsune Tsutano.
(Sie steht zwar noch mit auf der Liste der Hauptdarsteller, aber die eigentlichen Hauptrollen spielen Keiko Matsuzaka und Kimiko Ikegami.)


1987
Kyō wird die Lobesmedaille (Hōshō) am purpurvioletten Bande verliehen.*********

1994
April-Dezember: Kyō spielt die Shigeko Hino in der NHK-Fernsehserie "Hana no ran". (Die weibliche Hauptrolle - Tomiko Hino - spielt Yoshiko Mita.)
Der von den Filmmachern als "Blumenkrieg" bezeichnete Bürgerkrieg ("ran" im Gegensatz zu "senso", dem auswärtigen Krieg) war alles andere als das, ebenso wenig wie der "Rosenkriege" genannte Bürgerkrieg, der zeitgleich in England statt fand, sondern - ähnlich wie jener - die Auseinandersetzung zwischen verfeindeten Herrscher-Dynastien. Er führte zur weitgehenden Zerstörung Japans, einschließlich seiner alten Hauptstadt Kyōto; die Historiker nennen ihn "Ōnin no ran".
3. November (FührersTennō Meiji's Geburtstag): Kyō wird der Kron-Orden 4. Klasse verliehen.
(Ein ulkiger Orden: Die ersten 6 Klassen werden nur an Frauen verliehen - vorzugsweise gekrönte Häupter oder deren Verwandtschaft -; die Klassen 7 und 8, die auch an ungekrönte Männer vergeben wurden - vorzugsweise posthum - sind inzwischen abgeschafft :-)


1999
Januar-Dezember: Kyō spielt eine der weiblichen Nebenrollen (weibliche Hauptrollen gibt es nicht :-) in der NHK-Fernsehserie "Genroku ryōran", die einmal mehr die Geschichte der 47 Rōnin zum Gegenstand hat.
Fasziniert dieses Thema die Japaner immer noch so stark? Ja, das tut es, obwohl - oder weil - sich inzwischen viel getan hat. (Dikigoros wollte oben die Kommentare zu "Heike monogatari" und "Ruten no Ōhi" nicht überfrachten und auch zeitlich nicht zu weit vorgreifen, aber jetzt ist es an der Zeit :-) Nach der Asienkrise - von der sich Japan zwar einigermaßen erholt hat, aber ohne seine einstige wirtschaftliche Vormachtstellung zurück zu gewinnen - besinnt man sich wieder auf Nationales. Erinnert Ihr Euch? Die alliierten Besatzer hatten den Japanern ihre Zeitrechnung verboten. Um ein Haar hätten sie ihnen auch den Gebrauch ihrer Schrift - oder zumindest der Kanji - verboten; aber gnädiger Weise begnügten sie sich damit, ihnen das Wort "Japan" zu verbieten, genauer gesagt dessen Aussprache als "Nippon". (So wie sie den Trizonessiern das Wort "Deutsches Reich" verboten - das gab es nicht mehr.) Das war lächerlich, und die Japaner fügten sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn sie wußten es ja besser: "Japan" hieß ja eigentlich ganz anders, nämlich "Yamato [großer Friede/große Harmonie]"; bloß die Chinesen nannten es "Jüpän". (Ja, was dachtet Ihr denn, woher der abwegige Name "Japan" kommt? [Abwegig, weil es im Japanischen weder die Silbe "ja" noch die Silbe "pa" gibt!] Die Chinesen transkribieren das irreführender Weise auch "Ripen" - obwohl sie gar kein "r" aussprechen können - o.ä.) Und das schrieben sie mit zwei Kanji, die sich auf Japanisch "ni [Sonne]" und "hon [Wurzel, Ursprung, Aufgang (der Sonne)]" aussprechen. Das war nur ein blumiger Ausdruck - "Land der aufgehenden Sonne" - für "Land im Osten", denn dort lag es ja, von China aus gesehen. Aber den Menschen dort - oder zumindest einigen, und zwar just jenen, die das Sagen hatten - gefiel es; und so wurde bei der "Meiji-Restauration" der Name "Yamato" wie so vieles andere abgeschafft und durch etwas neues ersetzt; und weil "ni-hon" so blutleer klingt, wurde das "h" in hon "halb getrübt", wie man das nennt und durch einen kleinen Kreis ("maru") kennzeichnet, wenn man es in Hiragana schreibt (was man zwar normaler Weise nicht tut, aber... dazu kommen wir gleich), und dann klingt das wie "Ni[p]pon". Aber das war wie gesagt seit 1945 tabu; und die Leute gewöhnten sich ganz schnell an "Nihon", im wahrsten Sinne des Wortes, denn das spricht sich ja schneller und liegt auch voll im Trend der Wischiwaschi-Sprache, der die Jugend fröhnt. À propos 1945: Da lebten in der Mandschurei ca. 1 Million Japaner; und wie Dikigoros oben ja schon andeutete, wurden die meisten von denen, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, ermordet. (Es war einer der drei großen Völkermorde der unmittelbaren Nachkriegszeit - neben dem an den Deutschen in Ost- und Ostmitteleuropa und dem an den Indern im Panjāb und in Bengalen -, und alle drei werden bis heute tot geschwiegen, weil sie zu erwähnen den Shoa-businessmen ihren Alleinstellungs-Anspruch vermasseln könnte.) Der traurige Rest - ca. 25.000 - wurde vertrieben, oder wie man das beschönigend ausdrückte, "repatriiert". Das Schiff, mit dem diese Rückhol-Aktion in vielen, vielen Fahrten durchgeführt wurde, war ein altes Segelschulschiff von 1930 - alle modernen Motorschiffe hatten die alliierten Besatzer beschlagnahmt -, auf dessen Bug das in Kanji stand (Schiffsnamen wurden immer in Kanji geschrieben, das war selbstverständlich), was früher "Nippon" und nun "Nihon" ausgesprochen wurde (und zusätzlich natürlich das Kanji "maru [Schiff]"). 1984 wurde es aus Altersgründen (es hatte ja fast so viele Jahre auf dem Buckel wie Kyō :-) außer Dienst gestellt, genauer gesagt in ein schwimmendes Museum umgewandelt, das an jene Ereignisse erinnert, und durch einen Neubau gleichen Namens ersetzt - wieder in Kanji geschrieben und... tja, wie man es richtig bzw. politisch korrekt aussprach, blieb jedem selber überlassen. (In Dikigoros' altem Japanisch-Deutsch-Wörterbuch steht "Nihon-maru" :-) Wie schon erwähnt, hatte Japan 1979 in einem günstigen Moment - die USA waren gerade mit dem Iran beschäftigt - die alte Zeitrechnung wieder eingeführt, aber für eine Rückbenennung von "Nihon" in "Nippon" war es wohl noch zu früh. Die Japaner warteten ab bis zur nächsten außenpolitischen Schwächefase der USA, und die kam 1989/1990, als sich die Augen der Welt auf Mitteleuropa richteten, wo die von vielen als bedrohlich empfundene "Wiedervereinigung" von BRD und DDR zur BRDDR anstand. Die Reederei Mitsui machte die Probe aufs Exempel: Sie hatte zwei Wochen vor dem Mauerfall ein riesiges Kreuzfahrt-Schiff auf Kiel gelegt. Eine Woche vor dem neuen deutschen Nationalfeiertag wurde es in Dienst gestellt; und an seinem Bug prangte der Name... Nein, das glaubt Ihr nicht, ohne es mit eigenen Augen gesehen zu haben, deshalb bildet Dikigoros es Euch hier ab:

Seht bitte genau hin, liebe
Leser, und achtet auf den
kleinen Kreis - das "maru"
- oben rechts am mittleren
Zeichen der oberen Zeile:
Er "trübt" das "ho" zu "po"!
(Nicht zu verwechseln mit
dem Kanji "maru" - letztes
Zeichen in der oberen Zeile -,
welches "Schiff" bedeutet.)


Das war das erste Schiff in der Geschichte Japans, dessen Name nicht in Kanji, sondern in Hiragana geschrieben wurde, damit nur ja kein Zweifel aufkam, wie es richtig auszusprechen war, nämlich "Nippon"! (Und damit nur ja kein Zweifel aufkam, daß man es auch in Kanji hätte schreiben können - aber nicht wollte -, wurde sowohl "maru" als auch der Heimathafen Tōkyō darunter in Kanji geschrieben :-) Protestierte irgendjemand dagegen? Nein, nicht mal die Chinesen. (Die hatten gerade ganz andere Sorgen, denn ihre internationale Reputation war nach der zum "Massaker" aufgebauschten Aktion auf dem Platz ["men" - bitte moppelt das doch nicht immerzu doppelt, liebe Germanen, indem ihr von einem "Tian-man-men-Platz" faselt!] des himmlischen Friedens leicht ramponiert :-) So kreuzt die "Nippon maru" bis heute durch die Weltmeere, und jeder sieht sofort, wofür sie stehtschwimmt!

2000
Kyō hat ihren letzten Fernsehauftritt in "Haregi, koko ichiban".

2019
12. Mai: Motoko Yano alias Kyō Machiko - die bis zuletzt in Ōsaka gelebt hat - stirbt während eines Krankenhausaufenthalts in Tōkyō an Herzversagen.


*Das wird mit dem selben Kanji geschrieben wie "Tōkyō" und "Kyōto". Warum nannte sie sich so, wenn sie doch gar nicht aus der Hauptstadt kam? Nun, Kyōto und Ōsaka sind längst zusammen gewachsen und werden als solche ebenfalls mit diesem Kanji geschrieben. (Aber ganz anders ausgesprochen - ein typischer Zug des Japanischen, der Ausländern oft Schwierigkeiten bereitet: "hara" + "kiri" = "seppuku"; "Fuji" + "yama" = "Fujisan"; "Kyōto" + "Ōsaka" = "Keihan" :-) Mit nur sechs Jahren Schulbesuch relativ unverbildet, sprach Kyō ganz typisches "Kansai" - die Sprache Ōsakas, Kyōtos und Kōbes - heute meist als "Dialekt" bezeichnet. Das wird ihr indes nicht gerecht: Diese Sprache war bis ins 19. Jahrhundert Standard-Japanisch, genauer gesagt bis zur "Meiji-Restauration", als die Sprache von Edo (dem heutigen Tōkyō) diese Stellung übernahm. Sprecher des Kansai sind daher prädestiniert für Rollen in Historien-Filmen. (Wer alle Filme mit Kyō gesehen hat, hat zugleich eine Reise durch die fast komplette Geschichte Japans - und große Teile der Geschichte Chinas - absolviert.) Ein mittelalterlicher Samurai hätte das heutige Japanisch wohl als nuschelig empfunden und nur schwer verstanden. Umgekehrt kann jeder Japaner Kansai weitgehend verstehen, weshalb es problemlos im Kino einsetzbar ist. (So kann z.B. das "Genji monogatari" in der Originalsprache verfilmt werden, das Nibelungenlied in der BRDDR dagegen nicht :-) Für Ausländer ist Kansai sogar leichter zu verstehen als das heutige Standard-Japanisch, weil es silbenreicher ist und akzentuierter gesprochen wird. Ein paar Beispiele (für Fortgeschrittene):

Kenji Mizoguchi sprach die selbe Sprache wie Kyō, und zwar nicht nur, weil er aus Kyōto stammte, wo ebenfalls Kansai gesprochen wird, sondern auch weil er, bevor er Regisseur wurde, Schauspieler für Frauenrollen war. (In Japan galt es bis ins frühe 20. Jahrhundert als unschicklich, wenn Frauen im Theater auftraten; daher wurden ihre Rollen von Transvestiten - im besten Sinne des Wortes - gespielt. Noch als Dikigoros Nihongo - natürlich kein Kansai - lernte, gab es in Japan eine "Männersprache" und eine "Frauensprache", die sich mehr oder weniger stark unterschieden. Heute haben sich diese Unterschiede verwischt, d.h. auch Frauen gebrauchen "Männersprache" und fühlen sich dabei besonders "emanzipiert" :-)

**Wer für die deutsche Fassung den völlig unpassenden Titel "Das Lustwäldchen" erfunden hat, entzieht sich Dikigoros' Kenntnis. Wenn die völlig unterschiedlichen Aussagen der einzelnen Filmteile in einem Punkt übereinstimmen, dann darin, daß die Frau bei der Vergewaltigung jedenfalls keine Lust empfunden hat. Der ursprüngliche Name jenes ehemaligen Stadttors von Kyōto lautete "Rajōmon [Festungstor]"; da es sich jedoch eingebürgert hatte, dort unerwünschte Neugeborene auszusetzen - ein Motiv, das ebenfalls im Film vorkommt, gewissermaßen als Anhängsel - wurde es im Volksmund in "Tor des Lebens" umbenannt.

***Die Geschichte der 47 Samurai, die zu herrenlosen Männern (Rōnin) wurden, weil ihr Lehensherr gezwungen wurde, Selbstmord (Seppuku) zu begehen, die dessen Verderber töten und am Ende selber Seppuku begehen müssen - alles aus "Ehrgefühl" -, geht zurück auf ein historisches Ereignis zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Sie hat die Japaner fasziniert wie kein anderes Ereignis ihrer Vergangenheit, wird alle paar Jahre neu verfilmt - und fast immer mit großem kommerziellen Erfolg. (Der früheste Streifen soll schon vor dem 1. Weltkrieg entstanden sein - er gilt freilich als verschollen :-) Das gewährt viel tiefere Einblicke in die japanische Seele als etwa "Rashōmon". Was ist denn an letzterem "typisch japanisch"? Daß Täter, Opfer und Zeugen an Wahrnehmungsschwäche bzw. Gedächtnislücken leiden, wenn es darum geht, vor Gericht auszusagen, ist ein alltägliches - und wohl weltweit verbreitetes - Fänomen, mit dem Dikigoros aus seiner langjährigen anwaltlichen Tätigkeit bestens vertraut ist. Aber diese Geschichte versteht er nicht. (Wohlgemerkt, es gibt Geschichten, die er durchaus versteht, für die er bloß kein Verständnis hat - das ist ein Unterschied!) Er hätte sie ganz anders [miß-]verstanden, nämlich als Kritik an dem vermeintlich ungerechten Urteil des obersten Lehens- und Gerichtsherrn. (Der Beleidigte hat seinen Beleidiger ja nicht getötet, sondern "nur" verletzt - Dikigoros meint indes, daß man das auch als versuchten Totschlag im Affekt auslegen kann.) Der objektive Tatbestand ist doch läppisch: Eine beleidigte Leberwurst rastet aus und greift einen Vorgesetzten an. Danach begeht er nicht etwa aus freien Stücken Seppuku - wie das eigentlich angezeigt wäre -, sondern muß dazu erst verurteilt werden, dto seine 47 Ex-Lehensleute, nachdem sie ihn "gerächt" haben. Wie kann einen so etwas faszinieren?

****So nennen die Japaner aus unerfindlichen Gründen Sujātā. Gewiß, das Japanische kennt die Silbe "jā" nicht - man muß sie also umständlich mit "shi+Weichheitszeichen+ya+Verlängerungsstrich" umschreiben -; aber das ist kein Argument, denn das Japanische kennt auch kein "da", kein "ba" und schon gar kein "la"! (Erstere kann man umschreiben; letzteres kann man zwar umschreiben, aber nicht aussprechen :-)

*****Im Japanischen kann man - wie im Deutschen - ein Adjektiv mit einem Substantiv zusammenziehen. So wie man auf Deutsch "Schwarzbär" oder "Blaufuchs" sagen kann statt "schwarzer Bär" oder "blauer Fuchs", kann man auf Japanisch "kurotokage" sagen statt "kuroi tokage". Beides ist korrekt; dagegen ist die bisweilen anzutreffende Transskription "kuro tokage" - d.h. getrennt, aber ohne die Adjektiv-Endung "i" - falsch.

******Dikigoros hätte dazu schon weiter oben bei "Kagi" etwas schreiben können, denn auch das deutsche Filmplakat ist, wenn man so will, falsch gepinselt - schaut es Euch nochmal an, vor allem das unmögliche "G"! Allerdings ist es ja in lateinischer Schrift gehalten, also muß man das nicht so eng sehen. Außerdem gibt es auch eine "korrekt" geschriebene Version, nämlich auf dem Titelblatt der "Film-Bühne" - so könnte man es auch auf Japanisch pinseln!

*******Es wird oft so dargestellt, als habe Kyō sich "freiwillig" aus dem Filmgeschäft zurück gezogen. Aber dafür gab es keine Gründe, weder Alter (so alt war sie noch nicht, und sie war ja nie auf jugendliche Glamour-Rollen festgelegt) noch Familie. (Sie hatte nie geheiratet und keine Kinder.) Nach dem Flop bei Tōhō spielte sie zwar wieder für die (neue) [Tokuma-]Daiei; allerdings bekam sie keine wirklich guten Rollen mehr; mit denen in "Kinkanshoku" und "Yoba" tat man ihr - und sie sich - keinen Gefallen. Aber ihr Gönner Nagata war 1971 für immer gegangen worden (er hatte durch den Konkurs sein Gesicht verloren); und bei Tokuma hatte sie keine vergleichbare Chance. (Die paar guten Filme - die es ja durchaus gab - besetzte er mit seinen Favoritinnen.) Kyō erkannte das auch richtig und wechselte erneut, diesmal zu Shochiku. Die Rollen dort waren freilich auch nicht besser. ("Otoko wa tsurai yo" wurde wohl nur deshalb zum kommerziellen Erfolg, weil er just zu Weihnachten in die Kinos kam :-)

********Das war 1972-1987 die beliebteste Fernsehserie Japans. Man könnte den Titel (wörtlich: "sichere Tötung") frei übersetzen mit "Der perfekte Mord". Das ist aber nicht wirklich gemeint. Vielmehr kann man "Hissatsu" auch ein Samurai-Schwert nennen - von der Sorte, wie sie in fast jeder Episode mehr oder weniger ausgiebig zum Einsatz kommen. (Heute nennt eine bekannte japanische Firma ihre Dolche und Messer mit feststehenden Klingen - die Sorte, die in der BRDDR schon seit Jahren verboten ist - so; aber man kann ja das angenehme mit dem nützlichendas eine mit dem anderen durchaus verbinden :-)

*********Das wird oft fälschlich mit "Ehrenmedaille" übersetzt - und dem gilt es, da auf dieser Webseite schon so viel von "Ehre" im allgemeinen und dem, was Japaner darunter verstehen, im besonderen die Rede war, ganz entschieden zu widersprechen. Offenbar hat da jemand Gustaf mit Gasthof verwechselt: Loben heißt "homeru" (von "Hō [Lob]"); Ehre heißt dagegen "homare". (In manchen westlichen Japanisch-Wörterbüchern folgt das eine direkt auf das andere, so daß man sich schon mal in der Zeile vertun kann; in einem ordentlichen Wörterbuch wie dem Nelson stehen sie dagegen mehr als 3.000 Nummern von einander entfernt :-) Der Witz an dieser Auszeichnung ist, daß sie undotiert ist, d.h. es gibt zu der häßlichen Medaille bloß einen warmen HundedreckHändedruck zur Belobigung, im Gegensatz zum Shōkin (von "Kin [Gold]"), einem Geldpreis in klingender Münze. Aber die Medaille hat auch keinen ideellen Wert [mehr]: Ursprünglich, d.h. bei ihrer Stiftung im 19. Jahrhundert durch das Oberhaus, war es tatsächlich noch eine Ehre, sie verliehen zu bekommen, denn das setzte echte Verdienste voraus. Die jüngste Variante, die erst 1955 geschaffen wurde - eben die am purpurvioletten Bande - hatte dagegen von Anfang an eine Art Lückenbüßer-Funktion. Die Regierung verleiht sie mittlerweile jedes Jahr im Dutzend billiger an Pseudo-Wissenschaftler, gut gedopteerfolgreiche Sportler, Schriftsteller, Schauspieler, Tänzer u.a. "Künstler". Kurzum, es handelt sich um das japanische Pendant zum sprichwörtlichen Orden für nichts und wieder nichts der BRDDR.


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