INDIEN IST NICHT AMERIKA
UND KALKUTTA LIEGT NICHT AM GANGES

[Kalkutta, Howra-Brücke über den Hugli][San Francisco, Golden Gate Bridge]

(Fortsetzung von Teil II)

Als sie am nächsten Tag in Dehra Dun zur State Bank gehen, ist noch kein Geld aus der Schweiz da. Die Privatwirtschaft hat in Indien ungeheure Fortschritte gemacht; doch alles, was von Staats wegen läuft, läuft halt nach wie vor schleppend - aber wem, liebe deutsche Leser, erzählt Dikigoros das? Marie-France ist so deprimiert, daß ihr nicht mal das Essen im China-Restaurant schmeckt. Dikigoros verkneift sich mühsam den Satz: "Sie essen ja genauso schlecht wie meine Frau!" und ißt schweigend ihre Reste mit, wie er das von zuhause gewohnt ist. "Macht es Ihnen eigentlich nichts aus, von anderer Leute Teller zu essen?" fragt Marie-France. "Das kommt drauf an; Sie gehören doch derselben Kaste an wie ich, oder?" - "Wie bitte? Heißt das, daß Sie sonst nicht von meinem Teller essen würden?" - "Sonst würde ich Sie nichtmal zum Essen ins Restaurant begleiten, geschweige denn mit Ihnen am selben Tisch sitzen." - "Dann hätten Sie mir auch nicht am Bahnhof von Hardvar geholfen?" - "Nun tun Sie nicht so schockiert. Sie machen sich doch selber etwas vor: Wenn ich nicht Ihrer Kaste angehören würde, hätten Sie mich in Haridwār gar nicht angesprochen. Warum haben Sie nicht einen der vielen Inder gefragt?" - "Ich spreche kein Hindi." - "Sie hätten auch keinen Europäer angesprochen, der nicht Ihrer Gesellschaftsschicht entstammt, jedenfalls keinen aus einer niedrigeren, etwa irgendeinen Tramp. Wir haben auch unsere geburtsbedingten Kasten, denen wir nicht aus eigener Kraft entfliehen können, egal was wir in diesem Leben tun, viel mehr noch als die Inder. Sehen Sie, für die Menschen hier bin ich ein Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei, die genug abwirft, um in ihrem Land Urlaub zu machen, der ganz passabel Schach spielt und mit dem man sich auch sonst unterhalten kann, weil er nicht nur seine formellen Bildungsabschlüsse gemacht hat wie so viele andere Akademiker, sondern darüber hinaus einigermaßen belesen ist und etwas von der Welt gesehen hat, vor allem von Indien, und zwar nicht nur aus dem klimatisierten Gruppenreisebus und im Luxushotel." - "Aber im Luxusrestaurant." - "Gutes Essen ist kein Luxus, oder muß es jedenfalls nicht sein. Ich achte immer darauf, nicht ins teuerste, sondern ins beste Restaurant zu gehen, das ist oft ein himmelweiter Unterschied." - "Nämlich?" - "Die Restaurants, in denen die Aussicht am schönsten, die Kellner am höflichsten, die Servietten am weißesten und die Weinkarten am längsten sind, wo die Teller und Tassen aus feinstem Porzellan, die Gläser aus Kristall und die Bestecke aus Gold sind, da können Sie ziemlich sicher sein, daß das Essen nur Mittelmaß ist. Und nur darauf kommt es mir an, na ja, und auf eine ordentliche Beleuchtung, damit ich sehe was ich esse und Reisetagebuch schreiben kann, aber die muß auch nicht aus den teuersten Kristall-Leuchtern kommen." - "Und in Deutschland?" - "In Deutschland? Da bin ich für die Kreise, die sich selber die 'besseren' nennen, weil sie ihr Geld ererbt statt erarbeitet haben, doch nur ein Emporkömmling, Sohn eines kleinbürgerlichen Beamten, der eine Klitsche mit bestenfalls mittelständischer Klientele betreibt, und der mit keinem seiner Fälle Millionen scheffelt; was ich sonst noch bin, kann oder weiß, interessiert dort niemanden." - "Ich meine, wo Sie da essen gehen?" - "Überhaupt nicht, da koche ich selber." - "Aus Kostengründen?" - "Auch, aber eher aus Überzeugung, daß ich es besser kann als die meisten Köche, denen bestochene Kritiker goldene Sterne oder Mützen im Restaurantführer verleihen. Aber einige Gerichte bekomme ich selber einfach nicht so gut hin wie sie hier zubereitet werden. Und ob ich nun für ein Abendessen zu zweit umgerechnet 5.- oder 10.- Fränkli ausgebe - das sehe ich nicht so eng, auch wenn es betriebswirtschaftlich gerechnet natürlich ein Unterschied von 100% ist."

- "Und deshalb reisen Sie nach Indien?" - "Natürlich nicht allein deshalb. Aber es gibt noch viele andere gute Gründe..." - "Zum Beispiel?" - "Nun, da wir gerade davon sprachen, wo einen die Leute wie behandeln: In vielen anderen Ländern der Welt gilt ein Deutscher noch immer als potentieller Kriegsverbrecher und Nazi, auch wenn er wie ich nach dem Krieg geboren ist." - "Kein Wunder, wenn Sie immer mit einem Hakenkreuz um den Hals herum laufen." - "Das trage ich nur in Indien. Es gibt hier tatsächlich Leute, die einen danach beurteilen, ob man einen Ganesh um den Hals trägt oder sonstwas, und der steht gerade besonders hoch im Kurs." - "Und wonach beurteilen Sie Leute?" - "Na, jedenfalls nicht nach den Maßstäben der meisten anderen Europäer. Ob ein ehemaliger Rājā jetzt noch von den Millionen zehren kann, die seine Vorfahren einst zusammen geraubt haben, oder ob er sein Schloß als Hotel vermieten muß, ist doch kein Kriterium." - "Sondern?" - "Ob er etwas gelernt hat, zum Beispiel kochen, wie er seine Frau und seine Kinder erzogen hat, ob er ein guter Inder ist..." - "Was ist ein guter Inder?" - "Pardon, ich meine das, was Sie einen guten Hindū oder als Schweizerin einen guten Híndu nennen würden, nicht einen politisch-korrekten Staatsbürger von Bhārat." - "Sie scheinen die Politik und die Politiker nicht besonders zu mögen." - "Die Politiker und ihre Politik kotzen mich an; die sind ja schuld daran, daß man als Deutscher außerhalb Indiens kaum noch irgendwo unbehelligt hin reisen kann, außer um anti-deutsche Gedenkstätten und Gedenkfeiern zu besuchen, Kränze für die armen Opfer nieder zu legen, Wiedergutmachungsgelder abzuliefern und laut 'mea maxima culpa' zu rufen. Die Arme-Sünder-Haltung, die so viele ältere Deutsche an den Tag legen, auch solche, die das Dritte Reich allenfalls als Kleinkinder miterlebt haben, vor allem Politiker, die vorgeben für alle Deutschen zu sprechen, und ihre ständigen Selbstanklagen helfen ihnen bei den ewig-gestrigen Antifa-Kämpfern im In- und Ausland gar nichts, im Gegenteil, dadurch fühlen die sich noch bestätigt. Aber die meisten Deutschen merken das gar nicht, weil sie dumm und unwissend sind und gehalten werden, oder weil sie gut abgeschottet im Elfenbeinturm reisen. Wenn Sie Fremdsprachen können und hören, was hinter Ihrem Rücken gesprochen wird, oder einfach mal eine Boulevard-Zeitung lesen, dann erfahren Sie hundertmal mehr als so ein dummer Außenminister auf protokollgemäßer Dienstreise oder seine Sektglas-schwenkenden Diplomaten. Eines Tages wird es so weit sein, daß Deutsche nicht mehr ohne weiteres alleine ins Ausland reisen dürfen, schon gar nicht an irgend einen Ort ihrer freien Wahl, sondern nur noch in begleiteten Gruppenreisen nach Auschwitz, Coventry oder Guernica, die kann man dann ja wieder 'KdF' nennen: Kriegsbuße durch Friedensfahrten oder so ähnlich. Und das alles natürlich in Begleitung eines oder mehrerer Politkommissare, die einen von morgens bis abends mit politisch-korrekten Lügenmärchen berieseln und von Einheimischen abschirmen, die noch dabei waren und einem womöglich die Wahrheit sagen könnten - aber die sind ja eh bald ausgestorben." - "Das glauben Sie doch nicht im Ernst." - "Doch, wenn es so weiter geht wie im Moment sogar ganz bestimmt; so ähnlich war es in der DDR doch auch schon; ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob der Kessel nicht schon vorher explodiert; Deutschland hat heute allen gefälschten Statistiken zum Trotz doppelt so viele Arbeitslose und Muslime und Sozialisten wie es 1932 Arbeitslose und Juden und Kommunisten hatte, und wie das damals geendet hat... Auch wenn die meisten von denen Ausländer sind, die man hinaus werfen könnte, bleiben noch genug Unzufriedene übrig, die für Freiheit und für Brot aufstehen werden. Es ist mal wieder 5 vor 12. Ich werde das vielleicht noch mit erleben, Sie bestimmt." - "Für Freiheit und Brot?" - "Ach so, das kennen Sie ja nicht; alter Nazi-Spruch aus dem Horst-Wessel-Lied. Aber als Schweizerin können Sie das eh nicht nachvollziehen, Sie haben solche Probleme ja nicht. Woher sollten Sie wissen, daß in Ihrem Nachbarland heute eine Gedankendiktatur und Gesinnungsschnüffelei herrscht, wie sie selbst im Dritten Reich undenkbar gewesen wäre? Die Gedanken sind nicht mehr frei bei uns, wir leben im Unfreiburgenland, wenn ich mal Ihren Heimatort mit Ihrem Urlaubsgebiet verknüpfen darf." - "Wir Schweizer haben es auch nicht leicht im Ausland; wir gelten überall als böse Kapitalisten." - "Ach was, als gute Kapitalisten! Die ganze Welt beneidet und bewundert Sie. Kein Inder hätte Ihnen seine Hilfe versagt, wenn Sie ihn darum gebeten hätten, und 'bitte' heißt inzwischen auch auf Hindinglish 'please'; soviel versteht hier jeder, und manch einer hätte es sogar als Ehre angesehen, Ihnen zu helfen, damit Sie keinen schlechten Eindruck von seinem Land bekommen, bloß weil ein schwarzes Schaf Sie bestohlen hat."

- "Aber hätten Sie in so einer Lage nicht auch eher einen Landsmann angesprochen als einen Inder?" - "Nein, im Gegenteil; so ein blöder Tourist könnte mir doch im Zweifel nicht annähernd so gut weiter helfen wie ein Einheimischer. Aber ich würde auch keinen Inder aus der Unterschicht ansprechen, allerdings aus anderen Gründen als Sie." - "Natürlich nicht, der hätte ja kein Geld, ebenso wenig wie der europäische Tramp." - "Denken Sie nicht immer nur ans Taxigeld; Sie kommen in Indien auch ohne Bares ganz gut über die Runden, wenn Sie jemanden finden, der Sie einlädt, bei ihm zu wohnen und zu essen. Aber sehen Sie, wenn ich mich bei einem Brāhman einlade, dann erwirbt er durch seine gute Tat Verdienste für sein nächstes Leben, das genügt ihm; wenn ich jedoch die Dienste eines Shūdras in Anspruch nehme, dann hat er Anspruch auf eine Entlohnung; und wenn ich mir gerade all mein Geld hätte klauen lassen..." - "Und Sie würden ja auch nicht mit ihm essen." - "Das hat eher praktische Gründe. Bei Angehörigen der Oberschicht kann ich davon ausgehen, daß sie unter mehr oder weniger ähnlichen hygienischen Bedingungen essen und trinken wie ich, insbesondere was die Bakterien anbelangt, mit denen wir in Symbiose leben; und bei Ihnen als Mitteleuropäerin gilt das erst recht." - "Trotzdem... Sie kennen mich doch erst seit ein paar Tagen." - "Ich kenne Sie überhaupt nicht; aber das ist nicht der Punkt. Ich kenne Frauen in Deutschland, die sind seit 25 Jahren mit einem Mann verheiratet, gehen jeden Tag mit ihm ins Bett und lassen keine Sexpraktik aus; aber sie würden noch immer nicht mit ihm vom selben Teller essen, geschweige denn aus dem selben Glas trinken, nicht einmal mit ihren eigenen Eltern oder Kindern. Daß die Teller und Gläser vorher mit der chemischen Keule in der Geschirrspülmaschine waren, interessiert sie dagegen nicht, ebenso wenig, was da für ein versiffter Fraß aus der Mikrowelle oder was für ein Gesöff aus der Mehrwegflasche auf den Tisch kommt." - "Na ja, wenn ich Hunger oder Durst leiden würde, würde ich mich vielleicht auch überwinden; aber so..." - "Was wissen Sie denn? Sie gehören einer Generation an, die nie Hunger gekannt hat, in der Schweiz gibt es so etwas ja überhaupt nicht; aber ich bin noch in einer Zeit aufgewachsen, da es als Sünde galt, Essen wegzuwerfen, und das mit Recht: Haben Sie mal die hungernden Kinder in indischen Slums gesehen? Ach nein, Sie sind ja zum ersten Mal in Indien, und in ein Slum würden Sie sich nie trauen. Nicht aus Angst, daß dort der Schatten eines Unberührbaren auf Sie fallen könnte, sondern einfach nur, weil es Sie ekelt. Haben Sie mal darüber nachgedacht, daß auch das ganz praktische Gründe haben könnte? Vielleicht zeigt der Schatten die Distanz an, unterhalb derer eine Ansteckung mit fremden Bakterien droht? Ich habe damit übrigens keine Probleme, auch nicht vor Berührungen; aber irgendwo ist halt die Grenze, und für mich liegt die bei der Nahrungsaufnahme."

- "Aber die Inder denken da doch nicht praktisch, sondern religiös, und Sie glauben ja nicht an den Hinduismus." - "Doch." - "Oh." - "Der Sanātan Dharm ist keine bloße Glaubenssache, sondern eine Lebenseinstellung. Und was das praktische oder religiöse Denken anbelangt, unterschätzen Sie als Christin wahrscheinlich den Zusammenhang, der da ursprünglich herrschte: Auch der Islam enthält viele ursprünglich sehr praktische Ge- und Verbote für Wüstenbewohner, die bloß religiös verbrämt sind, z.B. kein Fleisch von Schweinen zu essen, die dort die Müllabfuhr sind - wie in Indien die Rinder -, mehrmals am Tag Rücken-Gymnastik zu machen, sich ordentlich zu waschen, sich in der heißesten Jahreszeit tagsüber nicht den Magen voll zu schlagen, sondern zu fasten, keinen Alkohol zu trinken, nicht zu rauchen, sich nicht mehr als vier Weiber gleichzeitig ans Bein zu binden..." - "Aha," sagt sie spitz, "und was stört sie dann eigentlich am Islam?" - "Oh, pardon, jetzt habe ich Ihre Eitelkeit verletzt. Aber dann kann ich Ihnen ja jetzt etwas nettes zur Antwort geben: Es stört mich, daß die Frauen alle verpackt herum laufen müssen - das wäre doch zumindest bei attraktiven Exemplaren wie Ihnen ein Jammer. Und mich stört, daß leichte Musik verboten ist. Sehen Sie, nur minderwertige Völker, die entweder keine schönen Frauen oder keine schöne Musik haben, können dem Islam verfallen, weil sie dann einen Vorwand haben, deren Häßlichkeit nicht mehr mit ansehen bzw. anhören zu müssen. Aber das finden Sie jetzt wahrscheinlich ziemlich lächerlich." - "Ich weiß nicht; normalerweise würde ich darüber vielleicht lachen; aber wie gesagt, danach ist mir im Moment nicht zumute; am liebsten würde ich mich sinnlos besaufen," sagt sie, "hier gibt es ja endlich wieder Alkohol, und so heiß wie in der Wüste ist es auch nicht, im Gegenteil." - "Bitte, wenn Sie das Geld dafür haben," meint Dikigoros trocken. "Sie sind geizig." - "Das ist nicht der Punkt; ich trinke grundsätzlich keinen Alkohol in Indien." - "Warum nicht?" - "Weil ich es ungehörig fände, die Gefühle der Mehrheit der Menschen hier zu verletzten." - "Dann dürften Sie auch kein Fleisch essen." - "Tu' ich auch nicht - ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?" - "Aber Sie essen doch Hähnchen und Fisch." - "Und Eier. Aber das ist für mich kein Fleisch, weil das nicht von Säugetieren stammt. Das sieht die katholische Kirche doch genauso." - "Dann kaufen Sie uns wenigstens ein paar Süßigkeiten zum Nachtisch auf dem Bazar." - "So viel Sie wollen. Und dann? Wollen Sie hier bleiben, bis das Geld da ist?" - "Wozu? Wenn Sie abhauen, geben die es an mich doch sowieso nicht heraus." - "Ach ja, richtig, aber das war nun Ihre Schnapsidee. Wielange sollen wir hier denn warten?" - "Gar nicht, Sie haben ja Recht, und ich für morgen eine Reservierung in Mussoorie."- "Hotel Savoy, Doppelzimmer...?" - "Nein." - "Plaza?" - "Nein." - "Carlton?" - "Nein." - "Machen Sie's nicht so spannend." - "Hilton." - "Hm... plötzlich so sparsam?" - "Das soll ein viel besseres Preis-Leistungs-Verhältnis haben als die alten, teuren Bruchbuden, die Sie genannt haben." Sie holt den Reiseführer heraus. "Schon gut, ich glaubs Ihnen auch so," sagt Dikigoros, "aber geben Sie trotzdem mal her." - "Was suchen Sie?" - "Eine Filiale der State Bank in Masūrī. Kleinstadt hin, Kleinstadt her. Sehen Sie, direkt auf dem Mall gibt es eine. Heute nachmittag gehen wir nochmal zur hiesigen Filiale. Wenn das Geld nicht da ist, rufen Sie Ihre Eltern nochmal an, bei denen ist ja noch Vormittag, lassen den Auftrag stornieren und die Geldanweisung nach Masūrī umleiten. Wollen doch mal schauen, ob wir dem System nicht ein Schnippchen schlagen können." So geschieht es denn auch, denn am Nachmittag ist noch immer kein Geld aus Fribourg da.

[Masuri]

Masūrī ist eine weit auseinander gezogene Kleinstadt, ein bevorzugtes Ziel indischer Paare und Pärchen auf Hochzeitsreise, wo man fast keine Ausländer sieht; dennoch - oder gerade deshalb - empfängt man sie im Hotel mit ausgesuchter Höflichkeit, zumal sich Dikigoros ganz braun als der frisch gebackene Eheman von Marie-France ausgibt - hier glaubt das jeder, und es erspart die (auch in Rishikesh und Dehra Dun sehr lästigen) Erklärungen wegen des fehlenden Passes. Auch der Altersunterschied fällt nicht weiter auf - wer es sich leisten kann, hier seinen Honeymoon zu verbringen, muß schon etwas Geld haben, und da das nicht auf den Bäumen wächst, sind die meisten Flitterwöchner schon etwas vorgerückte Semester; und die durchweg jüngeren Frauen... nun, Geld stinkt nicht, auch nicht in Indien. (Ihr habt mal gehört oder gelesen, daß in Indien doch die Brauteltern das Geld aufbringen müssen, um ihrer Tochter einen Ehemann zu kaufen? Völlig richtig, wenn es denn ein junger Ehemann sein soll. Aber wenn das Geld dafür nicht reicht, und sich die Tochter auch nicht mit einem jungen armen Ehemann begnügen will - den zu kaufen die Eltern vielleicht gerade noch genug Geld zusammen kratzen könnten -, dann tut es eben auch ein deutlich älterer Ehemann; der kostet nichts :-) Von hier aus geht es also nach Yamunotrī, dem ersten der vier Bergheiligtümer Garhwalas, nein, es fährt sich sogar, seit vor ein paar Jahren die neue Brücke fertig geworden ist, und Dikigoros zerbricht sich den Kopf, wie er Marie-France in aller Freundschaft los werden kann, wenn das Geld nicht ankommen sollte. Er wird sie wohl mit einem Busticket zurück nach Dillī schicken müssen; dort soll sich dann die Schweizer Botschaft weiter um sie kümmern. Aber als er ihr diesen Plan eröffnet, setzt sie all ihre weiblichen Reize ein, um ihn umzustimmen. "Was soll das, ist Ihnen heiß?" - "Sie wollten doch, daß ich mich ausziehe." - "Ja, in Rishikesh, aber nur wegen des Gurus." - "Das glaube ich Ihnen nicht." - "Sie halten sich wohl für unwiderstehlich." - "Gefalle ich Ihnen nicht?" Dikigoros wechselt demonstrativ die Brille und tut so, als betrachte er sie ganz genau, dann beschließt er, besser für sich zu behalten, was ihm an dieser Situation nicht gefällt. "Doch, doch." - "Worauf warten Sie dann? Soll ich Sie ausziehen, oder schaffen Sie das noch selber?" - Na warte, denkt Dikigoros, die Yaun-Tripti-Masche werde ich ihr schon abgewöhnen. Aber es ist vergebliche Liebesmüh; so hart er sie auch ran nimmt, sie läßt sich zu keinem Streit provozieren. Während er sich noch den Kopf darüber zerbricht, ob es daran liegt, daß er keine 20 mehr ist oder daran, daß sie ihn durchschaut hat und alles mit Todesverachtung über sich ergehen läßt, bloß damit er sie nicht zurück nach Delhi schickt, geht sie zu ihrem Rucksack. "Nur damit Sie nicht etwa glauben, Sie könnten mich zu einer Änderung meiner Reiseroute bewegen, bloß weil Sie mir so schöne blaue Flecken machen," sagt sie und holt eine Kopie aus einem Reiseführer hervor, "will ich Ihnen etwas gestehen: Ich wollte eigentlich auch zu den vier Heiligtümern, aber dann habe ich das hier gelesen. Hören Sie mal: '... muß man sich darüber im Klaren sein, daß sowohl die Übernachtungs-Situation als auch die sanitären Verhältnisse äußerst problematisch sein können. Nicht umsonst wird von den Behörden für den Besuch der heiligen Stätten in Yamunotri, Gangotri und Kedarnath eine Cholera-Impfung vorgeschrieben. Oftmals muß man in äußerst spartanischen Pilgerherbergen übernachten, da die wenigen Hotels lange im voraus ausgebucht sind.'"

Dikigoros lächelt: "Das hat doch Tom, der Nachfolger meiner alten Freundin Babs, geschrieben. Als ob das irgendwo in Indien so viel anders wäre, wenn man nicht gerade im ersten Hotel am Ort absteigt. Und Cholera bekommt man schon nicht, wenn man darauf achtet, daß Speisen und Getränke kochend heiß serviert werden und man selbst das Mineralwasser mit Mikropur behandelt. Im übrigen habe ich die Erfahrung gemacht, daß meine Immunabwehr für drei Wochen ausreicht, und danach reise ich halt wieder ab." - "Und ich?" - "Was weiß ich, wie lange Sie gesund bleiben? Aber Sie sind ja jung, da sind Sie sicher viel weniger anfällig als so ein Opa wie ich." - "Nehmen Sie mich nun mit oder nicht?" - "Und wenn nicht?" - "Was soll ich denn noch tun?" - "Keine Ahnung; Ihre löblichen Grundsätze aus Rishikesh haben Sie ja ziemlich schnell über Bord geworfen. Sind Ihnen die Bergheiligtümer so viel mehr wert als der blöde Āshram von den Beatles?" - "Wie Sie sehen," sagt sie und baut sich herausfordernd vor ihm auf. "Oh, Sie dürfen sich selbstverständlich wieder anziehen - oder soll ich Ihnen ein nasses Bettlaken holen?" - "Wenn ich mit Ihnen in einem nassen Bettlaken zur State Bank gehe, nehmen Sie mich dann mit zu den Heiligtümern?" - "Seien Sie nicht albern. Wieviel Geld hatten Sie nochmal geordert?" - "Reichlich. Ist es für Sie eine Geldfrage, mich mit zu nehmen? Zu zweit wird es doch billiger, weil die Übernachtungskosten nur einmal anfallen. Ich lad' Sie weiter ein." - "Sie sind ja lustig. Erstens haben Sie noch keine Paisā Geld, um mich einzuladen, und zweitens... So wie ich die Reise geplant hatte, kann ich sie Ihnen nicht zumuten. Alleine würde ich das für umgerechnet 100 Fränkli die Woche durchziehen, in der Preiskategorie finde ich immer irgendeine Unterkunft und irgendwas zu essen. Aber die besseren Hotels sind alle von den Reiseveranstaltern ausgebucht, gerade jetzt." - "Wieso gerade jetzt?" - "Weil einige um diese Jahreszeit schon geschlossen haben, dadurch wird die Auswahl noch knapper. Aber wenn es Ihnen nicht aufs Geld ankommt, buchen wir eine zehntägige Pauschalreise bei einem der lokalen Anbieter." - "Dafür reicht das Geld wohl doch nicht." - "Wieso?" - "Na, ich habe mich doch vorher erkundigt, wieviel sowas kostet: ab Delhi um 5.000 Fränkli aufwärts plus Nebenkosten." Dikigoros lacht. "Die sind ja wirklich dreist. Ich kenne einen indischen Reiseveranstalter, bei dem ich meine Reiseroute abgekupfert habe, der macht das ab Dillī für 5.000 Rupyen im Schlafsaal, für 10.000 Rupyen im 6-Bett-Zimmer und für 15.000 Rupyen pro Person im Doppelzimmer, 1c-Hotel, ac-Minibus, vegetarische Speisen und nichtalkoholische Getränke und sogar ein Eselchen für die letzten Kilometer zu den Quellen inclusive. Wieviel wollen Sie denn anlegen?" - "Wieviel ist das nochmal in unserem Geld?" - "Das können Sie doch leicht selber ausrechnen: eine Rupyā sind knapp dreieinhalb Räppli, und als Last-minute-Kunden könnten wir den Preis vielleicht sogar noch etwas herunter handeln, die sind bestimmt nicht ausgebucht."

[Intarnet - Hindi für Internet]
                        [Ganesh surft im Internet]

Sie gehen ins Internet-Café (ja, liebe Leser, davon gibt es in Indien mittlerweile mehr als in Deutschland und der Schweiz zusammen; und der Gott des Internets ist natürlich - wie könnte es anders sein? - Ganesh!), und Dikigoros zeigt Marie-France die Homepage des Anbieters; sie ist ganz begeistert und stimmt spontan zu. "Aber erst gehen Sie noch in den Beauty-salon und lassen sich epilieren, sonst dürfen Sie nicht mit in die Tempel." - "Wie bitte? Wer sagt das?" - "Die Reinheits-Vorschriften für Brāhmanen, an die ich mich halte; und Sie sollten das auch tun, wenn Sie als eine behandelt werden wollen." [Anm.: Das indische Wort für Epilation - "bāl safā" - wird tatsächlich aus den Wörtern für "Haar" und "sauber, rein" zusammen gesetzt; und wiewohl das letztere offenbar ein persisch-arabisches Lehnwort ist, muß der Brauch doch älter sein als die muslimische Eroberung, wie z.B. die Skulpturen der Tempel von Khajurāho zeigen - aber über die schreibt Dikigoros später mehr.] - "Und wer kontrolliert das?" - "Ich. Die Götter mögen keine überflüssigen Haare - und ich auch nicht." - "Ach, so ist das. Fehlt nur noch, daß ich mir eine Glatze scheren und einen Ganescha mit Hakenkreuz drauf tätowieren lassen soll." Dikigoros ignoriert die neuerliche Anspielung auf sein Amulett. "Nein, Sie wollen ja keine Nonne werden; aber eine Kopfbedeckung wäre nicht verkehrt." - "Darfs vielleicht noch etwas mehr sein? Ein Schleier zum Beispiel?" Schauen Sie einfach, was die anderen Frauen anziehen. Und das mit der Epilation, das machen fast alle Inderinnen. Was glauben Sie denn, woher der Ausdruck 'Camel toe' stammt?" - "Kamelzehe?" - "Schauen Sie mal bei Gelegenheit ins Wörterbuch, wenn Sie wieder zuhause sind; aber nehmen Sie eine neuere Auflage, in den älteren werden Sie es wahrscheinlich nicht finden." - "Und fast alle Inderinnen tragen einen Ring in der Nase - soll ich mir etwa auch einen setzen lassen? Oder noch ein paar andere Piercings? Wie hätten Sie es denn gerne?" - "Nehmen Sie Wachs, das hält mindestens zehn Tage vor." - "Ich denke ja gar nicht daran. Wenn schon, denn schon, dann zahlen Sie mir eine Laser-Epilation. Und so einen Nasensticker." - "Eine Låung?" - "Wie nennt sich das?" - "Låung, wie die Gewürznelke. Sie haben mir also nur etwas vorgespielt. Darfs vielleicht noch etwas mehr sein?" - "Was schlagen Sie vor?" - "Lassen Sie erstmal das machen, dann sehen wir weiter."

[Epilation] [Gewürznelken] [Nasensticker]

Am nächsten Tag jammert Marie-France, wie weh ihr alles tue, und daß sie keinen Schritt vor den anderen setzen könne - dabei haben die das wirklich sehr gut hinbekommen, Dikigoros ist angenehm überrascht, und er läßt keine Ausrede gelten: "Wenn Sie nicht rausgehen können, verbringen wir den Tag halt im Hotelzimmer, wir müssen ja eh auf das Geld warten und werden uns schon nicht langweilen, dafür sorge ich. Melkfett drauf und keine Müdigkeit vorschützen - soll ich Sie eincremen, oder schaffen Sie das noch selber?" Am übernächsten Tag ist endlich das Geld bei der State Bank angekommen; Dikigoros nimmt es entgegen, quittiert es und hält es Marie-France vor die noch wunde, frisch benelkte Nase: "Letzte Chance, es sich zu überlegen. Sind Sie ganz sicher, daß Sie die nächsten zwei Wochen mit einem Großvatertyp, der Ihnen aus männlicher Eitelkeit blaue Flecken macht, auf Tempeltour gehen wollen? Sonst nehmen Sie jetzt Ihr Geld und fahren schön weiter nach Shimlā. Wir sind soweit quitt; ich hatte ja auf Ihre Kosten die Übernachtungen frei." - "Sie haben es mir versprochen; und das mit dem Großvater und der männlichen Eitelkeit war doch nicht so gemeint. Und Sie haben sich ja revanchiert - oder schreibt das Dharma einem Brahmanen auch vor, seine Frau so brutal zu behandeln?" - "Wenn sie ungehorsam ist..." - "Wo war ich denn ungehorsam? Ich habe mich sogar epilieren und piercen lassen Ihretwegen." - "Wegen mir?" - "Natürlich, Sie haben doch darauf bestanden." - "Aber nicht auf Laser, und auf das Nasending schon gar nicht. Ich habe Ihnen doch erklärt, daß die Vorschriften..." - "Sie haben mir immer noch nicht verraten, wo das stehen soll; ich kenne keine derartige Vorschrift." - "Wieviele heilige Schriften der Hindūs kennen Sie denn? Ich könnte Ihnen jetzt irgendwas zitieren, das Sie gar nicht nachprüfen können, weil es noch nicht übersetzt ist. Akzeptieren Sie es doch einfach." - "Na, selbst wenn. Die Hindus haben viele merkwürdige Vorschriften, z.B. sollen sie Urin von Kühen trinken und sogar ihren eigenen; aber oraler Sex ist verboten..." - "Nein, nicht generell, nur als Selbstzweck, wie jede Art von Sex als Selbstzweck. Bei den Indern hat der nämlich noch eine Funktion, die natürliche." - "Ja, mögest du tausend Söhne haben," zitiert Marie-France den Titel eines auch im Westen verbreiteten Buches, "und das Resultat sind dann eine Milliarde Menschen, die sich auf den Füßen herum stehen und hungern." - "Ach was, nicht alle Inder hungern, und hier im Gebirge steht sich niemand auf den Füßen herum; Sie müßten mal die großen Städte im Flachland erleben. Außerdem ist das mit den 1.000 Söhnen falsch übersetzt; gemeint sind alle Nachkommen; d.h. man wünscht der Frau zur Hochzeit, daß sie die Stamm-Mutter von 1.000 Generationen werden soll, und da der Name nun mal von den Söhnen weiter gegeben wird, sagt man halt 1.000 Söhne; theoretisch reicht dafür ein einziger pro Familie." - "Ach, und trotzdem soll die Frau nur Sex haben, um Kinder zu bekommen? Also genau einmal im Leben?"

- "Sehen Sie, das ist das schöne am Hinduismus, was ihn vom Judentum, vom Christentum, vom Islam und von anderen doktrinären Religionen unterscheidet: Wenn Sie bei denen nicht den Shabbat einhalten, nicht beichten oder nicht nach Mekka beten, werden Sie exkommuniziert, gesteinigt oder sonstwas; der Hinduismus ist da ganz tolerant: Wenn Sie irgendein Gebot nicht befolgen, werden Sie dafür halt im nächsten Leben bestraft, es liegt also ganz bei Ihnen..." [Anmerkung: So ganz stimmt das nicht, was Dikigoros da gesagt hat; aber er wollte der jungen Schweizerin - und den zart besaiteten unter seinen Leser(innen) die z.T. doch etwas unappetitlichen Einzelheiten ersparen; wer sich dennoch dafür interessieren sollte, kann sie hier nachlesen.] - "Ach, aber epilieren lassen mußte ich mich?!?" - "Aber nein, es zwingt Sie doch niemand, zu den heiligen Stätten des Garhwal zu pilgern. Aber es zwingt mich halt auch niemand, Sie mitzunehmen." - "Schon gut. Sie haben sich zwei Tage lang ausgetobt, und jetzt..." - "Pardon, aber die Initiative ging ja wohl von Ihnen aus, nicht von mir." - "Und das nehmen Sie mir übel?" - "Es war unfair: wie hätte ich Ihnen widerstehen sollen?" Sie lacht: "Gar nicht. Aber was hätte ich denn sonst tun sollen, als Sie zu verführen?" - "Warten, ob ich Sie verführen will." - "Sie hätten mich nicht verführen können." - "Wieso nicht?" - "Wollen wir das wirklich vertiefen?" - "Sehen Sie, das ist es, was mich so fuchst, diese völlige Ungleichheit der Chancen: Ich konnte Ihnen nicht widerstehen, aber umgekehrt... und das sagen Sie mir in Ihrer zartfühlenden Art auch noch so ins Gesicht." - "Ich kann Ihnen noch viel mehr ins Gesicht sagen, zum Beispiel, daß Sie jetzt platt sind, da reicht es nur noch, um den einsamen Pilger zu spielen, und ich würde nur stören." - "Ach, ich dachte, das war nicht so gemeint? Sie versuchen ja schon wieder, mich an der männlichen Eitelkeit zu packen." - "Na klar. Also, was muß ich noch tun?" - "Sie müssen sich noch angewöhnen, mich in der Öffentlichkeit mit 'Patidew' anzureden." - "Was heißt das?" - "Tut nichts zur Sache; Inderinnen tun das auch." - "Darf ich dann vielleicht auch immer drei Schritte hinter Ihnen gehen?" - "Seien Sie nicht albern, das tut heute keine moderne Inderin mehr. Also?" - "Ja, Patidew." Kurze Pause. "Aber dann seien Sie auch nicht mehr so grob. Sie brauchen mir nichts mehr zu beweisen; sonst beweise ich Ihnen beim nächsten Mal, daß ich meine Krallen zu gebrauchen weiß." - "Wie war das?" - "Beim nächsten Mal gebrauche ich meine Krallen - Patidew. Ich habe gelesen, daß Inderinnen das auch tun - Patidew." - "Wo haben Sie das gelesen?" - "Im Kamasutra." - "Kāmsūtr heißt das." - "Dann eben 'Kahmßuhtr', aber meine Krallen fühlen sich deshalb nicht anders an - Patidew." - "Sie nehmen mich immer noch nicht ernst." - "Sie mich ja auch nicht - Patidew." - "Wenn Sie mich noch einmal in der Nicht-Öffentlichkeit so nennen, dann lege ich Sie übers Knie." - "Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an - Pati... pardon, ich habe nichts gesagt. Und wie wollen Sie mich in der Öffentlichkeit nennen? Töchterchen oder Enkelin?" - "Sie hören gefälligst auf 'Dewī', das macht sich besonders beim Tempeleintritt gut." - "Ja, P... schon gut. Schließen wir Waffenstillstand?" - "Einverstanden."

Und so kommt es, daß Dikigoros zum ersten Mal seit beinahe 30 Jahren wieder eine von Dritten organisierte Reise von der Stange bucht. (Den Rabatt für die nicht in Anspruch genommenen Leistungen von Dillī bis Masūrī bekommt er übrigens problemlos ausgehandelt.) Aber das Hauptargument gegen solche Gruppenreisen entfällt diesmal: Er und Marie-France sind die einzigen Ausländer in der Reisegruppe, und auch sonst hat er unterwegs keine gesehen. Überhaupt sind die Heiligtümer durch die Bank ziemlich schlecht besucht - am Ende der Nebensaison, wenn es schon ziemlich kalt ist, hält sich die Begeisterung der Inder für solche Pilgerreisen ins Gebirge halt doch in Grenzen.

[Yamunotri] [Gangotri] [Kedarnath] [Badrinath]

Was hat Dikigoros am meisten beeindruckt? Darf er hinten anfangen? Wenn man nach Badrināth kommt, dem am weitesten entfernten und dennoch am besten erreichbaren - und daher am meisten besuchten (man braucht auch keine Cholera-Impfung :-) der vier Heiligtümer, und frontal auf den Haupt-Tempel zugeht, dann denkt man - wenn man es denn kennt - unwillkürlich an Otto Königs "Urmotiv Auge", eines der faszinierendsten Naturkundebücher, die Dikigoros je gelesen hat: Die zwei oberen Seitentürme sind grellweiß gestrichen, mit schwarzen Fenstern darin, die wie Pupillen aussehen, und das Haupttor darunter kommt einem vor wie ein weit aufgerissenes Maul, das einen zu verschlingen droht - am besten wirkt das natürlich bei Dämmerung. (Der heutige Bau ist übrigens relativ jung, aus dem 19. Jahrhundert, und Dikigoros hat nicht heraus bekommen, ob er früher schon genauso aussah.) [Ein Leser hat Dikigoros darauf aufmerksam gemacht, daß es einen Tempel mit ähnlich ausdrucksstarken Augen auch in Nepāl gebe, den Bodhnāth Stup bei Kathmandu; aber obwohl der sehr viel größer und sehr viel berühmter ist, findet Dikigoros ihn viel weniger eindrucksvoll, denn erstens wirken die Augen zu künstlich, und zweitens fehlt das Maul, durch das man in ihn eintritt, das ganze wirkt also gar nicht richtig wie ein Gesicht.]

Das Heiligtum in Kedarnāth erinnert dagegen auf den ersten Blick fast an eine ärmliche christliche Kirche, das in Gangotrī an einen muslimischen Palast dritter Wahl, und das in Yamunotrī... man könnte sagen an gar nichts, aber wenn man boshaft sein will, ist das eine Mischung aus einem griechischen Säulentempel auf einer mittelalterlichen Steinmauer mit einem primitiven europäischen Schrägdach und darauf etwas, das entweder ein überdimensionierter Schornstein oder ein amerikanischer Ölbohrturm aus dem 19. Jahrhundert sein könnte. Aber das ist nicht die einzige Enttäuschung. Wenn Ihr überhaupt schon mal von den Quellen des Ganges gehört habt (er hat derer zwei, da er durch einen Zusammenfluß entsteht, als wichtigste gilt die der Bāghīr[a]thī - der die Mythologen später noch einen männlichen König Bāghīrath unterlegt haben) gehört habt, dann wahrscheinlich, daß dort asketische Rishis splitterfasernackt in der eisigen Kälte ausharren, in tiefe Meditation versunken usw. usw. Nun, das mag im Sommer so sein, wenn es nicht gar so kalt ist; aber im Winter sitzen die auch lieber in ihren Āshramen... Und der berühmte "Gomukh [Kuhmund]" sieht eigentlich gar nicht aus wie eine Quelle, sondern eher wie eine düstere Felshöhle; das ganze wirkt, als ob da etwas schmuddeliges Gletschereis abgetaut ist und sich nun anschickt, den Berg runter zu fließen - kein Vergleich mit einem schönen, klaren Bergquell in Europa.

[Asket] [Der Gomukh (Kuhmund) - Quelle des Ganges?]

Ist Dikigoros unromantisch oder undankbar? Nein, nur erschöpft; im Prinzip ist er ja ein Anhänger des Spruches: Der Weg ist das Ziel - der Ärger ist nur, daß der Rückweg in der dünnen Luft nochmal so anstrengend ist. Das war schon beim ersten Dhām so, beim Trek von Affenhausen (Hanumān Chattī - wörtlich "Rastplatz des Hanuman") nach Yamunotrī. Wieder so eine schwarze Gottheit, die in Dikigoros' Augen darauf hin deutet, daß es sich bei Yam, dem Todesgott, ursprünglich um die Todesgöttin Kālī handelte, die erst später durch einen Mann ersetzt und gleichzeitig unter dem Namen Yamunā zu seiner Zwillingsschwester, einer bloßen Flußgöttin, degradiert wurde - sicher wurden auch hier früher Menschenopfer dargebracht. "Ist es nicht merkwürdig, daß die Inder als Hauptgöttin eine düstere Blutsäuferin haben, aber keine Liebesgöttin?" fragt Marie-France. "Sie haben Kām, eine Art Eros, mit Pfeil und Bogen, wie die Griechen." - "Ja, aber die Griechen hatten zusätzlich noch Aphrodite." - "Afrođíti war ursprünglich eine Muttergottheit, wie sie die Inder auch haben; eine von den Funktionen der Mutterschaft losgelöste reine Sexgöttin zu haben, ist ein Zeichen von Dekadenz in alternden Zivilisationen." [Anmerkung auf Anfrage einer indologisch gebildeten Leserin: Nein, Rati, die Kām stets mit sich führt, ist die Wollust als abstractum; auch wenn man sie später als seine "Frau" personifiziert hat, handelt es sich nicht um eine originäre Göttin.] "Ist die indische Zivilisation nicht alt?" - "Doch, aber sie ist innerlich jung geblieben. In Indien ist die Vergangenheit nicht tot, verdrängt oder bewältigt, wie bei uns, sondern lebendig; deshalb haben die Inder auch keine großen Historiker hervor gebracht - sie brauchen keine. Sie sind zum ersten Mal in Indien, deshalb fällt Ihnen das nicht so auf; und aus den Büchern von Leuten, die ihre Weisheiten am Schreibtisch erworben haben, werden Sie es nicht erfahren. Aber es ist so. Die westliche Zivilisation mag relativ jung sein; aber sie ist innerlich früh gealtert, wie ihr Sinnbild, Dolly, das geklonte Schaf. Deshalb braucht sie auch so viele Sex-Göttinnen und deren Reïnkarnationen in Film und Fernsehen." - "Haben Sie eigentlich Probleme mit dem Älterwerden?" fragt Marie-France beim Wiederabstieg ganz ohne Spott. "Ja, die hat doch jeder; aber im Gegensatz zu vielen anderen mache ich daraus keinen Hehl." - "Warum nehmen Sie dann keinen von den Mauleseln?" - "Ich bin doch nicht Jesus, und wir sind nicht in Jerusalem. Warum nehmen Sie keinen?" - "Aus Solidarität mit Ihnen." - "Das glauben Sie doch selber nicht; wahrscheinlich macht Ihnen die Kraxelei nichts aus, Sie sind ja Schweizerin, oder wie war das gleich?" - "Ja ja, und ich könnte Ihre Enkelin sein. Fragen Sie doch nicht so dumm; Sie wissen ganz genau, daß es mir noch immer höllisch weh tun würde zu reiten. Oder was glauben Sie, weshalb ich hier im langen Rock herum turne statt in Jeans?" - "Ich hatte Ihnen gesagt, daß Sie es mit Wachs machen lassen sollten." - "Sie hätten eben sagen sollen, daß ich es mit Laser machen lasse, dann hätte ich Wachs genommen." - "Im Ernst?" - "Im Ernst."

"Sie sind schon eine komische Nudel," sagt Dikigoros, "à propos, wenn es heute abend wieder Dāl gibt, gehe ich die Wände hoch." - "Sie hätten ja etwas von dem komischen Zeug essen können, das die da oben in schmutzige Taschentücher gewickelt und ins heiße Quellwasser gehalten haben." - "Ich kann mich beherrschen; das gilt als Prasād, Opferspeise; wenn ich davon esse, halten die mich noch für einen Gott und fangen an, mich anzubeten." - "Sie sind ja größenwahnsinnig." - "Nein, Indien-erfahren." [Anm: Trotz all seiner Indien-Erfahrung ist Dikigoros hier ein Fehler unterlaufen: Der richtige Ausdruck für diese Opferspeise lautet nicht "Prasād", sondern "Charhat", von "charhānā", dem Verb, das die Inder aus unerfindlichen Gründen auch für das Kochen im heißen Quellwasser gebrauchen; es bezeichnet sonst das Bestreichen des Shiw-Ling mit allerlei Flüssigkeiten und Salben, das Bespannen eines Bogens und das Aufsetzen eines Bayonetts. (Aus alledem dürft Ihr, liebe Sexualkundler, Eure eigenen Schlüsse ziehen :-) Tut ja eigentlich nicht viel zur Sache, aber Dikigoros will seinen Lesern nichts Falsches erzählen.] - "Warum wollten Sie dann, daß ich Sie so anrede?" - "Sie wußten, was Patidew bedeutet?!" - "Natürlich." - "Warum haben Sie dann gefragt?" - "Ich wollte sehen, wie Sie das begründen; aber Sie haben sich ja gedrückt." - "Aber dann müssen Sie doch auch wissen, daß das eine ganz harmlose Anrede für den Ehemann ist. Ist es Ihnen denn so peinlich, wenn die Leute uns für verheiratet halten?" - "Hm..." - "Na, wenigstens sind Sie so höflich, nicht direkt 'ja' zu sagen." - "In der ganzen Reisegruppe sind wir das Paar mit dem größten Altersunterschied, 32 Jahre." - "Sie wollten doch unbedingt mit mir fahren." - "Ja, aber Sie hätten mich ruhig als Ihre Tochter ausgeben können; ich bin fast so groß wie Sie, das hätte jeder geglaubt." - "Aber dann würde Sie hier doch niemand ernst nehmen: Eine erwachsene junge Frau, die noch immer nicht verheiratet ist und nichts besseres zu tun hat, als mit ihrem alten Vater nach Indien zu reisen? Man würde Sie schlicht für unvermittelbar halten und Ihnen insgeheim die schlimmsten Fehler und Gebrechen unterstellen. Da schon lieber ein etwas älterer Ehemann."

- "Etwas älter? Steht nicht im Buch des Manu, daß der ideale Altersunterschied zwischen Mann und Frau 16 Jahre beträgt?" - "Das ist Ihre Interpretation, und die ist falsch. Sie haben wahrscheinlich eine dieser Ausgaben ohne Anmerkungen gelesen. Der Satz, der da lautet, daß ein 24-jähriger Mann ein 8-jähriges Mädchen heiraten solle, wird von allen maßgeblichen Autoritäten dahingehend interpretiert, daß der Mann im Zeitpunkt der Eheschließung rund dreimal so alt sein sollte wie die Frau; und das kommt bei uns doch fast hin." - "Aber das stammt aus einer Zeit, als die Mädchen mit drei oder vier Jahren verheiratet wurden; wenn der Junge dann 9 bzw. 12 war, betrug der Altersunterschied gerade mal 6 bzw. 8 Jahre. Was werden die anderen von uns denken?" - "Nur das beste, vor allem da Sie immer so züchtig verhüllt gehen, auch im Hotel, wo geheizt ist." - "Wollen Sie etwa, daß die sehen, wie Sie mich zugerichtet haben?" - "Nein. Eben." - "Was 'eben'?" - "Ja, was glauben Sie denn, weshalb ich das getan habe? Damit Sie hier nicht herum laufen wie eine Schlampe - hat ja auch gefruchtet." - "Nein." - "Doch." - "Sie sind gemein." - "Nein, ich hatte bloß keine Lust, das groß mit Ihnen zu diskutieren, da Sie doch schon mit dem Schleier angefangen hatten. Die paar Knutschflecke werden Sie schon nicht umbringen." - "Sie tun ja gerade so, als ob ich hier sonst oben ohne und mit nacktem Hintern herum laufen würde." - "Na, Ihr Mini-Bikini ist im Natrāj-Hotel von Rishikesh sicher noch Wochen lang Gesprächsthema Nr. 1; und Sie hätten doch bestimmt gerne in der heiligen Quelle gebadet." - "Und das haben Sie mir nicht gegönnt, bloß weil Ihnen mein Bikini zu knapp ist?" - "Mir nicht; aber einige Inderinnen haben Sie doch angesehen..." - "Na und?" - "Und außerdem sollten Sie sich erstmal akklimatisieren und nicht gleich am ersten Dhām eine Erkältung holen." - "Aber in Rishikesh wollten Sie mich noch in einem nassen Bettlaken als Sari zum Guru schleppen." - "Rishikesh liegt 350 m hoch, und wir hatten tagsüber fast 30° Celsius; hier sind wir in 3.300 m Höhe, und es ist saukalt; besonders wenn sich in der heißen Quelle vorher die Poren geöffnet haben, ist das verdammt gefährlich. Wir können noch in der heißen Quelle am Heiligtum von Badrināth baden." - "Da lassen die uns als Nicht-Hindus gar nicht rein." - "Wo steht das? In Ihrem klugen Reiseführer?" - "Ja." - "Dann warten Sie mal ab."

Abendessen mit einem indischen Paar, das fast ihren Altersunterschied aufweist (er nur wenig älter als Dikigoros', sie vielleicht Ende 20) und mit dem vegetarischen Fraß auch sichtlich unglücklich ist, aber ebenso wenig ein Wort darüber verliert (beide sprechen sehr gut Englisch) wie irgendwer sonst; schließlich ist man - zumindest theoretisch - auf einer "Pilgerfahrt", und das weiß man vorher; wem das nicht paßt, der kann ja zuhause bleiben. "Darf ich Sie etwas persönliches fragen?" fragt die Inderin Marie-France nach der üblichen Vorstellung mit "Where you from?" und "Where you go?" - "Ja, bitte." - "Man sagt, im Westen würden die Leute nicht mit so großem Altersunterschied heiraten; warum haben Sie...?" - "Mein Vater ist gestorben, und irgendjemand mußte ja die Schokoladenfabrik weiter führen, da habe ich halt seinen besten Freund und Anwalt geheiratet," lügt Marie-France munter daher, "der kannte mich ja schon von klein auf und wußte, was für ein braves Mädchen ich bin; und als Wirtschaftsjurist war er geradezu prädestiniert, das Unternehmen fortzuführen." - Hat die eine blühende Fantasie, denkt Dikigoros und überlegt nochmal, ob das wohl alles so stimmt, was sie ihm vor einer Woche am Bahnhof von Haridwār erzählt hat. "Am besten sagen Sie noch, daß Ihre Mutter sich zusammen mit der Leiche Ihres Vaters auf dem Scheiterhaufen hat verbrennen lassen, um eine Satī zu werden," knurrt er halblaut auf Deutsch, während er lustlos in seinem Dāl herum rührt, und hört den Inder ebenso halblaut zu seiner Frau knurren: "Kapilā lagtā nahīn." - "Haben Sie keine Brüder?" fragt die Inderin Marie-France und tut so, als übersetze sie da eine Frage ihres Mannes. "Doch, aber die sind noch zu jung; außerdem wollten die den Betrieb nicht übernehmen, die wollen Beamte werden." - "Ich bin auch Beamter," sagt der Inder, "in New Delhi, im Wirtschafts-Ministerium." - "Sagten Sie nicht, Sie stammten aus Bãbaī?" fragt Dikigoros. "Ja, aber als Beamter geht man halt früher oder später in die Hauptstadt, jedenfalls wenn man Karriere machen will." - "Ist Ihnen das Geld so wichtig, daß Sie deshalb Ihre Heimat verlassen?" - "Wieso meine Heimat verlassen? Meine Heimat nehme ich doch mit; ein Inder, der in die Welt hinaus zieht, bleibt immer ein Inder - oder sehen Sie das anders?" Dikigoros überlegt. Ja, er zitiert doch selber immer den Spruch Bismarcks, daß ein Pferd, das in einem Schweinestall geboren wird, trotzdem ein Pferd bleibt und ergänzt das meist durch den Satz, daß er, wenn er in China geboren wäre, dennoch ein Deutscher ohne Schlitzaugen bliebe. Aber... "Das mag auf denjenigen, der auswandert, schon zutreffen," sagt er, "aber wenn Sie sich mal die Inder in England oder den USA anschauen: In der ersten Generation bewahren sie noch ihre Kultur und heiraten auch schön brav ihresgleichen; aber schon die Kinder beginnen sich ihr zu entfremden, und in der dritten Generation sind sie allenfalls noch äußerlich indisch. Heimat können Sie nicht exportieren."

"Warum haben Sie... ich meine, Sie sind doch auch nicht so viel älter als ich?" fragt Marie-France die Inderin, um das Thema zu wechseln. "Ihr erster Mann ist früh gestorben," antwortet der Beamte für seine Frau, "und sie stand ziemlich mittellos da. Wenn mir etwas zustößt, bekommt sie wenigstens eine gute Witwenpension, und sie und die Kinder sind versorgt." - "Haben Sie Kinder aus erster Ehe?" fragt Marie-France. "Ja, äh... zwei. Aber sie leben bei meiner Mutter." - Typisch Bãbaī, denkt Dikigoros bei sich und fragt: "Ihre Mutter lebt nicht bei Ihnen?" - "Nein, seine Mutter lebt bei uns. Zwei Schwiegermütter unter einem Dach, das ginge auf die Dauer nicht gut. Haben Sie Kinder?" - "Nein, noch nicht, wir haben ja gerade erst geheiratet; aber wir sind schon dabei," lügt Marie-France ungeniert weiter, "wir wollen mindestens ein halbes Dutzend - nicht wahr, Patidew?"

"Sie halten die Inder wohl alle für blöd, was?" fragt Dikigoros, als sie wieder auf ihrem Zimmer sind, "wer soll denn so etwas glauben?" - "Jeder, der glaubt, daß wir miteinander verheiratet sind." - "Na, die beiden glauben das jedenfalls; aber Ihnen sind sie nicht auf den Leim gegangen." - "Wieso, was hat er denn zu seiner Frau gesagt?" - "Daß Sie nicht aussehen wie eine weiße Kuh." - "Das ist doch ein Kompliment - ist das nicht ein Schimpfwort für kaukasische Frauen?" - "Nein, ganz im Gegenteil; Kapilā ist im übertragenen Sinne das, was wir ein braves Schaf nennen, und das ist in Indien nicht abwertend gemeint, sondern als Kompliment für eine gehorsame Ehefrau. Soviel zu Ihrem Auftritt als 'braves Mädchen'." Marie-France lacht. "Darf ich Sie etwas persönliches fragen?" - "Nein." - "Nicht, was Sie meinen, das will ich gar nicht wissen." - "Sondern?" - "Sind Inderinnen eigentlich gut im Bett?" - "Was wollen Sie hören - daß Sie besser sind? Als junge Frau einen alten Mann zu verführen ist nun wahrlich kein Kunststück, auf das Sie besonders stolz sein müßten, das kann jede." - "Im Gegenteil, junge Männer zu verführen ist kein Kunststück, die können und wollen immer, das ist doch gar keine Herausforderung und macht irgendwann keinen Spaß mehr; aber ich habe mir sagen lassen, daß ältere Männer längst nicht mehr bei jeder Frau..." - "Von wem haben Sie sich das sagen lassen? Vom besten Freund und Anwalt Ihres verstorbenen Vaters?" - "Mein Vater lebt und erfreut sich bester Gesundheit." - "Eben." - "Sie weichen mir schon wieder aus." - "Was verstehen Sie unter 'gut im Bett'?" - "Na, was Männer halt gut im Bett finden." - "Sie sind noch sehr jung und gehören einer Generation an, die hauptsächlich in Kategorien wie 'Spaß' und 'fun' denkt; ich bezweifle, daß Sie nachvollziehen könnten, was erwachsene Männer an einer Frau gut finden - nicht nur im Bett." - "Oh, danke für die deutlichen Worte. Hat es Ihnen keinen Spaß gemacht mit mir?" - "Das geht nicht gegen Sie persönlich. Auch wenn Sie es nicht glauben, älteren Männern genügt es im Bett meist, wenn eine Frau jung ist und was ab kann." - "Zum Beispiel eine Epilation?" - "Nun stellen Sie sich doch nicht so an." - "Weshalb haben Sie mich mitgenommen?" - "Das habe ich Ihnen doch eben gesagt." - "Und das ist alles, was Ihnen an mir gefällt?" - "Sonst kenne ich Sie ja nicht; ich weiß nur noch, daß Sie eine ziemliche Schwindlerin sind." - "A propos ziemlich: Sie waren doch schon ziemlich oft in Indien, nicht?" - "Ja, ziemlich." - "Haben Sie noch nie mit einer Inderin geschlafen?" - "Das wäre un-ziemlich, und zu Nutten gehe ich nicht. Sie sehen doch, wie schwierig es in Indien ist, als Second-hand-Frau noch einen Mann zu finden, selbst als ehrbare Witwe, es sei denn, sie nimmt mit so einem alten Knacker vorlieb." - "Warum hat der die wohl geheiratet? Mitgift hatte sie keine, und im Bett kriegt der doch wahrscheinlich gar keinen mehr hoch, so fett wie der ist." - "Bei einer gleichaltrigen Frau vielleicht nicht mehr; aber... Außerdem weiß eine erfahrene Frau, deren Mann schlapp macht, schon, was sie tun muß, um ihn wieder auf Touren zu bringen: Die Lotosfrau, Padminī ist zärtlich zu ihrem Mann und versteht es, mit Liebkosungen seine Begierde zu wecken, so steht es im Kāmsūtr - sagten Sie nicht, Sie hätten den gelesen?" - "Den Kahmßuhtr? Heißt es nicht das?" - "Da bin ich mir nie ganz sicher, das hätten Sie den Mann aus Bãbaī fragen müssen; das Marāthī hat sich eine ältere Sprachstufe bewahrt, auf der es noch drei Geschlechter gibt, wie im Sanskrit; ich habe nur Hindī gelernt, und da sind männlich und sächlich irgendwann zusammen gefallen."

- "Wieso soll die Idealfrau der Inder eigentlich aussehen wie ein Lotus?" - "Das ist eine gute Frage, die ich Ihnen auch nicht abschließend beantworten kann. Aber im Kāmsūtr stehen allerlei merkwürdige Dinge. Als Watsyāyan das im 4. Jahrhundert n.C. geschrieben hat, war die klassische Zeit halt schon vorbei; und einiges wird wohl auch falsch übersetzt oder interpretiert. Sehen Sie, wenn da steht, daß die Frau wie eine Gans sein soll..." - "wie ein Schwan!" - "Nein, das ist im Indischen dasselbe Wort, 'hãs', und ich ziehe das deutsche Wort vor, das ihm etymologisch verwandt ist. Jedenfalls heißt das nicht, daß die Frau ständig schnattern soll wie eine Gans. Und wenn da steht, daß ihre Brüste sein sollen wie Holzäpfel, dann ist damit nicht gemeint, daß sie so klein sein sollen, sondern so fest. Und das mit dem sechs Finger dicken Schamhaar soll nicht heißen, daß sie da mit einem dicken Pelz herum läuft, sondern daß der erste Verkehr erst statt finden soll, wenn das Schamhaar sechs Finger breit gewachsen ist; vorher gilt die Frau als nicht mannbar; entfernen soll sie es dann aber doch, denn schon im nächsten Satz steht, daß sie da unten glatt sein soll wie der Stamm eines jungen Bananenbaums. Sie soll auch keine breiten Hüften haben, sondern üppige Hinterbacken, alle anderen Übersetzungen von 'Nitãbinī' sind schlicht falsch. Das ist übrigens auch ein Beiname von Pārwatī; daraus können Sie auf Shiwas Geschmack schließen; und vieles andere klingt doch auch ganz vernünftig: Sie soll groß und schlank sein, gute Zähne haben und nach Sandalholz riechen. Aber jetzt sind Sie mir ausgewichen." - "Ich weiche Ihnen nicht aus, I got the message; ich habe ja auch nicht unterstellt, daß Sie schlapp machen, sondern der Dicke." - "Es soll dicke Männer geben, die ganz gut drauf sind. Und selbst wenn nicht... wissen Sie, ältere Männer schmücken sich gerne mit jungen Frauen, auch wenn sie vielleicht sexuell nicht mehr gar so viel von ihnen haben. Hauptsache, die Nachbarn und Kollegen sehen es und beneiden sie." - "Dann sind die Inder in solchen Dingen also wie die Westler?" - "Die Inder eigentlich nicht; aber unter den verwestlichten Beamten und Geschäftsleuten in Bãbaī und Dillī denken einige schon in solchen Kategorien." - "Schrecklich." - "Wieso?" - "Na, für die Frauen." - "Ach, es soll ja Frauen geben, die froh sind, wenn sie nicht ständig ran müssen - Sie doch auch, oder?" - "Ach, woher wollen Sie wissen, daß ich Ihnen nicht nur etwas vorspiele? Es soll ja Männer geben, die es besonders aufgeilt, wenn die Frau nicht ständig ran will - Sie doch auch, oder?" - "Das geht Sie gar nichts an; ich habe Sie also richtig eingeschätzt..." - "Das geht Sie gar nichts an. Zwischen 'nicht ständig' und 'überhaupt nicht' ist ja wohl ein Unterschied. Aber ich will und werde schon noch heraus kriegen, was ältere Männer an Frauen gut im Bett finden."

[Exkurs. Heute denken die meisten Inder wohl nicht mehr an einen Lotos, wenn sie ihre Tochter "Padminī" nennen (besonders in Rājasthān ist das ein halbwegs gängiger Frauenname), sondern an die berühmte Rānī von Chittaurgarh aus dem frühen 14. Jahrhundert. Die hieß zwar wahrscheinlich ganz anders; aber da man in Mewār den Kāmsūtr damals noch kannte und sie besonders schön war, gab man ihr den Beinamen "Padminī". Das hätte man nicht tun sollen, denn dadurch reizte man die Neugier eines mächtigen muslimischen Nachbarn; und wie die Geschichte ausging, könnte Ihr ja in dem Link, den Euch Dikigoros eben gesetzt hat, selber nachlesen. Exkurs Ende.]

In Kedarnāth macht Dikigoros schlapp und bleibt im Bett des Tourist Bungalow; er verzichtet leicht auf einen Besuch des Gāndhī-Sees - wo man angeblich einen Teil der Asche des lieben Martyrers verstreut haben soll (je 5 km Fußmarsch hin und zurück in dieser dünnen Höhenluft - in der andere freilich vom Gomukh über den Kalindī-Paß direkt nach Badrinīth trekken, aber das hätte er nicht mal in jüngeren Jahren versucht), und auf einen Shiw-Ling mehr oder weniger kommt es ihm auch nicht an. Marie-France kümmert sich rührend um ihn. "Eigentlich haben Sie es ja nicht verdient, daß ich Ihretwegen auf das Programm verzichte." - "Ja, wo Sie sich doch schon meinetwegen die Nase haben piercen lassen, nicht wahr?" - "Und extra für die Götter epilieren. Schiva wäre bestimmt begeistert gewesen." - "Was brauchen Sie einen Shiw-Ling anzubeten, das tun nur Frauen, die von ihren Männern nicht genug Sex bekommen. Und nun hören Sie schon auf, sich leid zu tun, Sie haben es doch so gewollt." - "Ich hätte Ihnen beim ersten Mal etwas vorspielen und ein bißchen herum jammern sollen, wie weh das tut; dann hätten Sie nicht, um Ihre sadistischen Neigungen zu befriedigen..." - "Wenn ich sadistische Neigungen hätte, hätte ich Sie nicht in den Beauty-salon geschickt, sondern zu einem Straßenbader, der Ihnen statt einer Låung durch den Nasenflügel eine richtig dicke Nakel durch die Nasenscheidewand gezogen hätte wie einer störrischen Kuh, Sie statt der Laser-Epilation eigenhändig gerupft, wie die Jain-Priester ihre Kloster-Novizinnen, und das ganze hinterher mit Betelsaft desinfiziert, dann wüßten Sie, was weh tut; und das Pān dazu hätte ich Sie vorher selber kauen lassen." - "Igitt." - "Wieso? Das soll sehr gesund sein, und wenn nicht, dann ist es sicher allemal weniger schädlich als Zuckerbonbons, Kautabak oder was die Westler sonst so in den Mund nehmen. Und riechen tut es auch nicht schlechter. Manche Frauen sagen 'igitt', wenn ein Mann nach Schweiß riecht oder eine Knoblauchfahne hat; aber wenn er nach Tabak riecht und eine Alkoholfahne hat, dann stört sie das nicht. Und dann glauben sie im Ernst, Männer würde es antörnen, wenn sie sich selber mit den Sekreten von Stinktieren oder den Exkrementen kranker Pottwale parfumieren. Dabei haben ernst zu nehmende Untersuchungen in den USA ergeben, daß die Männer am ehesten auf eigene Sekrete der Frauen ansprechen, und das ist doch auch ganz natürlich, dafür hätte man keine Millionen teure Untersuchung gebraucht, um sich das zu denken." - "Aber eine Frau ist ja nicht ständig auf Männerjagd; wonach soll sie denn sonst Ihrer Meinung nach riechen?" - "Na, jedenfalls nicht nach Moschus oder Ambra; eher nach etwas Pflanzlichem." - "Zum Beispiel?" - "Das kommt auf den Typ an. Zu Inderinnen paßt wie gesagt Sandalholz am besten, und vielleicht noch Pātschulī, zu einer Lateinamerikanerin Vanille und Limette, zu einer Afrikanerin Nelken und Zimt, und zu einer Ostasiatin Jasmin und Kiku." - "Und was?" - "Kiku, Goldblumen, Chrysanthemen." - "Und als Europäerin?" - "Maiglöckchen und Veilchen." - "Und wo soll ich die jetzt her nehmen?" - "Meinetwegen brauchen Sie sich gar nicht zu parfumieren, ich mach mir da nicht so arg viel draus." - "Worauf achten Sie denn bei einer Frau zu allererst?" - "Da sind wir wieder bei Ihrem Lieblingsthema, was? Auf die Stimme." - "Nein, ich meine optisch." - "Optisch? Auf die Beine und auf die Füße." - "Aha, Sie sind also ein Fuß-Fetichist?!" - "Was hat denn das mit Fetichismus zu tun? Das tun Frauen bei Männern doch auch." - "Ja, um zu sehen, ob sie geputzte Schuhe tragen." - "Nein, um zu sehen, ob sie auch schöne, neue, teure Schuhe tragen, weil sie daraus den Fehlschluß ziehen, daß sie ihnen dann auch immer welche kaufen oder sie kaufen lassen. Es soll Frauen geben, die haben mehrere 100 Paare und jammern dann immer noch, daß sie nichts anzuziehen hätten." - "Eine deutsche Tennisspielerin soll mal gesagt haben: Beine sind zum Laufen da." - "Eben drum, und Füße auch. Deshalb ist es doch ganz natürlich, wenn man - und frau - beim vis-à-vis zuerst auf die Stelzen achtet statt aufs Gefieder, das sich manche dumme Gänse täglich stundenlang vorm Spiegel frisieren." - "Schon klar, Sie mögen keine Haare, das habe ich ja am eigenen Leib spüren müssen." - "There's a time and a place for everything. Aber ich finde halt wichtiger, was jemand im Kopf hat als aufm Kopf, und im übrigen sind die Beine, die ihn fort bewegen, auch objektiv wichtiger, das gilt nicht nur auf Reisen und nicht nur im Gebirge; ich mag ein alter Mann sein und kaum noch Haare auf dem Kopf haben, aber meine Beine können es noch mit denen der meisten jungen Leute aufnehmen, darauf lege ich großen Wert." - "Und wie gefallen Ihnen meine Beine?" - "Fischen Sie nach Komplimenten? Sie haben mich neulich gefragt, ob ich nicht mit Ihnen vom selben Teller essen würde, wenn ich Sie nicht als ebenbürtig betrachten würde und haben sich über meine Antwort aufgeregt. Was denken Sie eigentlich von mir? Wenn mir Ihre Beine nicht gefallen würden, dann hätten Sie in Masurī so lange strippen können, bis Sie schwarz geworden wären; ich geh doch nicht mit jeder ins Bett!" - "Oh, danke." - "Warum sagen Sie das mit so einem Unterton? Würden Sie mit einem Mann ins Bett gehen, der kurze, krumme Beine hat?" - "Ich weiß nicht." - "Na, Sie müssen doch wissen, ob Sie schon mal mit einem Mann, der kleiner war als Sie..." - "Eigentlich nicht." - "Und uneigentlich?" - "Auch nicht." - "Eben, mir ist auch noch keine Frau begegnet, die das täte." - "Das dürfte Ihnen auch schwer fallen bei Ihrer Größe." - "Aber Ihnen..." - "Ich bin so froh, wenn ich mal einem größeren Mann begegne, daß ich mich jedem gleich an den Hals werfe und mit ihm ins Bett gehe. Was denken Sie eigentlich von mir?" - "Daß Sie jetzt erstmal genug Nachhilfe in Männer-Psychologie bekommen haben; erzählen Sie mir lieber, was ich tun soll, um schnell wieder auf meine schönen Beine zu kommen." - "Warum versuchen Sie es nicht mal mit Betelkauen?" - "Aus Solidarität mit Ihnen." - "Das glauben Sie doch selber nicht." Dikigoros lächelt: "Weil ich eben auch nicht ganz aus der Haut meiner Vorurteile heraus kann - vielleicht in meinem nächsten Leben." - "Als was Sie da wohl wiedergeboren werden, bei all Ihren bösen Taten..." - "Hören Sie mal, wenn ich in Ihren Augen so ein böser Sadist bin, warum bemut... beenkeln Sie mich dann so? Wollen Sie etwa Ihr Karm verbessern, damit Sie zur Belohnung im nächsten Leben als Mann wieder geboren werden?" - "Ach was, das tue ich nur aus schlechtem Gewissen, weil Sie sich meinetwegen so überanstrengt haben." - "Vielleicht spiele ich Ihnen nur etwas vor, um Sie zu testen?" - "Nein, Sie sind wirklich platt, das merke ich doch." - "Aber ich habe mich nicht Ihretwegen überanstrengt, sondern Kreislaufprobleme wegen der Höhenluft; und ich will mich ein wenig für Badrināth schonen, da muß ich ganz fit sein."

Längerer Nachtrag. Ein mit Dikigoros befreundeter Biologe (seine Leser sind ihm bereits in einem anderen Kapitel seiner "Reisen durch die Vergangenheit" begegnet) hat zur Vorbereitung seiner ersten Reise nach Indien - in einen berühmten Naturschutzpark - u.a. "Kalkutta liegt nicht am Ganges" gelesen; und Dikigoros will Euch den folgenden Dialog nicht vorenthalten, obwohl - oder weil - er das, was er zuvor geschrieben hat, stark relativiert. "Da hast du dem Mädchen aber einen schönen Bären aufgebunden," sagt Matthias." - "Inwiefern? Was stimmt denn nicht?" - "Glaubst du wirklich, daß du bei Frauen zuerst auf die Beine schaust?" - "Was heißt hier glauben? Ich muß es ja wohl wissen!" - "Offenbar nicht. Wie willst du denn bei einer Frau zuerst auf die Beine achten, wenn du sie nicht gerade zum ersten Mal auf dem Sportplatz oder im Schwimmbecken siehst? Für gewöhnlich kann du doch weder sehen, was eine Frau für Oberschenkel hat noch was für einen Busen - weshalb es übrigens auch Unsinn ist, daß die Männer angeblich zuerst auf die Körpermaße achten; 90-60-90 mögen ja nett anzusehen sein, aber du siehst sie eben nicht gleich, unter normalen Umständen." - "Wie du weißt, bin ich oft auf dem Sportplatz und im Schwimmbecken." - "Und wie viele interessante Frauen hast du da schon kennen gelernt? Wo du mir doch selber mal erzählt hast, daß du ohne Brille im Schwimmbecken so blind wie ein Maulwurf bist? Du wirst also eher auf Dinge achten, die immer und überall gut sichtbar sind - außer vielleicht bei tief verschleierten Mohammedanerinnen." - "Du meinst das Gesicht?" - "Unter anderem." - "Nun komm mir bloß nicht mit blondem Haar und blauen Augen. Im Zeitalter der Haarfärbemittel und bunten Haftschalen..." - "Sag ich ja gar nicht. Und ich will auch nicht auf die Stimme oder den Körpergeruch hinaus, die sicher auch eine wichtige Rolle spielen, sondern mich hier mal auf optische Reize beschränken. Hast du dir schon mal Gedanken gemacht, warum die Menschen Schmuck tragen?" - "Ja, aus Eitelkeit, und um ihre Geschlechtsgenoss[inn]en zu ärgern; kein vernünftiger Mann läßt sich doch vom künstlichen Schmuck einer Frau beeindrucken." - "Falsch. Beeindrucken ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck; aber überleg doch mal, welche Körperteile damit betont werden sollen?" - "Das ist von Kultur zu Kultur unterschiedlich. In Indien..." - "Moment mal, darauf komme ich gleich zurück. Nehmen wir erstmal den Schmuck, der allen menschlichen Kulturen, jedenfalls soweit sie mir bekannt sind, gemeinsam ist." - "Na, den möchte ich mal sehen." - "Worauf schaut eine Frau bei einem Mann zuerst? Vergiß den Witz mit den Schuhen." - "Auf den Ringfinger, um zu wissen, ob er verheiratet ist," sagt Dikigoros und meint das eher als Scherz. "Erster Teil richtig, zweiter Teil falsch. Für das sexuelle Appetenzverhalten ist es völlig egal, ob der oder die andere verheiratet ist oder nicht. Und die Sitte des Ringetragens ist tausendmal älter als die Institution der Ehe. Du mußt fragen, warum dieser Schmuck immer zuerst am Ringfinger getragen wird und nicht z.B. am Daumen." - "Weiß der Geier." - "Der Ring ist ein Blickfang - wie jeder Schmuck. Er lenkt das Auge des Betrachters auf den Ringfinger, damit er dessen Länge mit der des Mittelfingers vergleichen kann." - "Willst du mich verarschen?" - "Ganz und gar nicht. Die relative Länge des Mittelfingers gegenüber dem Ringfinger ist eines von drei Hauptmerkmalen, auf die wir beim ersten Blickkontakt zwischen den Geschlechtern achten, und das über den langfristigen Erfolg oder Mißerfolg einer Partnerschaft entscheidet. Das haben Jahre lange, genaue Untersuchungen einwandfrei ergeben." - "Ich glaub kein Wort." - "Trägt Deine Frau Schmuck, vom Ehering mal abgesehen?" - "Ja, äh... eigentlich nicht, nur Ohrringe, allerdings erst, seit wir uns kennen gelernt haben." - "Wieso?" - "Weil ich darauf bestanden habe, Ohrringe gefallen mir halt." - "Warum?" - "Keine Ahnung." - "Siehst du, das ist ja das wesentliche Kennzeichen solcher Signale, daß sie aufs Unterbewußtsein wirken. Du hast auf Ohrringe bestanden, obwohl du nicht wußtest, daß die Länge der Ohrläppchen das zweite Entscheidungskriterium ist. Ringe am Ringfinger und in den Ohrläppchen werden in allen Kulturen getragen, das wirst du wohl nicht bestreiten wollen." - "Hm..."

Dikigoros verkneift sich die Bemerkung, daß Männer keine Ohrringe tragen. Erstens stimmt das nicht durchgehend, und zweitens hat seine Frau ihm oft genug erklärt, daß ihr seine Ohrläppchen so gut gefielen - er hatte das bis dahin immer als albernen Scherz abgetan. Statt dessen geht er zur Gegenoffensive über: "Also ehrlich, ich achte zuerst auf die Beine, wenn ich sie denn zu Gesicht bekomme, und zweitens weder auf die Mittelfinger noch auf die Ohrläppchen, sondern auf die Augen." - "Ich habe gelesen, was du über den Blick der Inderinnen geschrieben hast. Aber entschuldige, das ist auch Unsinn - die schauen nicht anders aus der Wäsche als andere Frauen; aber die Inderinnen wenden einen Trick an, um Deine Aufmerksamkeit auf das dritte Auswahlkriterium zu lenken, und das hat wiederum mit Schmuck zu tun." - "Na, da bin ich aber mal gespannt." - "Erklär mir doch, wozu Inder und Inderinnen diesen bunten Punkt auf der Stirn tragen." - "Das ist eine gute Frage. Ursprünglich hat der Tilak wohl mal die Kastenzugehörigkeit angezeigt oder die bevorzugte Gottheit, oder den Familienstand..." - "Und heute?" - "Nun, ich könnte dir anhand des Tilak immer noch sagen, ob jemand Shiwait oder Wishnuit ist, wenn er ihn denn trägt; aber bei Männern ist das aus der Mode gekommen. Und die meisten Inderinnen, egal ob verheiratet oder nicht, tragen ihn nur noch als einfallslosen runden Punkt, vorzugsweise aus Plastik zum Aufpappen, weil sie zu faul sind, ihn sich ständig neu aufzumalen; und obwohl sie ihn immer noch 'Bindī' nennen, stellt er längst keinen 'Tropfen' in Miribota-Form mehr dar, außer vielleicht in ganz konservativen Kreisen oder anläßlich einer Hochzeit." - "Und warum tun sie das?" - "Sagte ich doch schon: Mode!" - "Na, eine Mode, die sich so viele tausend Jahre erhalten hat, muß doch wohl eine biologische Funktion erfüllen, meist du nicht?" - "Willst du mir jetzt erzählen, daß die Bindī das dritte Auswahlkriterium zwischen den Geschlechtern ist?" - "Nein, das sind die Ringe an Fingern und Ohrläppchen ja auch nicht; aber genau wie diese hat auch der Punkt die Funktion, die Aufmerksamkeit des Betrachters auf dieses Kriterum zu lenken. Wo sitzt denn dieser Punkt?" - "Na, mitten auf der Stirn halt." - "Wirklich? Sitzt er nicht vielmehr ziemlich tief, am untersten Rand der Stirn, zwischen den Augenbrauen?" - "Früher ja, heute ist das eher beliebig." - "Ja ja, die jungen Mädchen in Indien wissen halt nicht mehr um die Bedeutung dieses Schmucks. Kommst du immer noch nicht drauf, warum der dort sitzt und nicht irgendwo anders, wo er ebenso gut sichtbar wäre, z.B. auf der Backe oder auf der Nase, und welche Funktion er hat?" - "Der Doktorvater Deines Doktorvaters hat mal geschrieben, daß er als drittes Auge die bösen Geister abwehren soll." - "Unsinn, das hat er so nicht geschrieben. Er hat geschrieben, daß man das später so interpretiert hat; aber wenn du ihn richtig gelesen hättest, wüßtest du, daß nur das Augenpaar die bösen Geister abwehrt, denn nur das simuliert ja ein Lebenwesen. Der Stirnpunkt der Inderinnen hat also eine andere Funktion." - "Machs nicht so spannend, ich komm nicht drauf." - "Er hilft dir beim Abmessen des Augenabstands, denn je kleiner eine Entfernung ist, desto besser kann man sie abschätzen; er halbiert die zu messende Strecke, und damit sind wir schon beim dritten Auswahlkriterium." - "Welchem?" - "Das sagte ich doch gerade: beim Augenabstand. Der Blick der Inderinnen, in den du so viel hinein geheimnist, erscheint dir nur deshalb so attraktiv, weil du ihren Augenabstand besser abschätzen kannst als den anderer Frauen. Ein völlig gleichmäßiger runder Punkt ist dazu übrigens noch besser geeignet als ein Tropfen in Miribotaform; wenn die meisten Inderinnen den letzteren durch den ersteren ersetzt haben, hat das also entgegen Deiner Auffassung nichts damit zu tun, daß sie faul sind - die verbringen bestimmt ebenso viel Zeit vor dem Spiegel und schminken sich ebenso gerne wie alle anderen Frauen -, sondern sie folgen ihren tiefsten Instinkten. Und wenn du mal gelesen hast, daß große Augen und eine kleine Nase eine Frau sexy machen, dann stimmt das auch nur indirekt; denn die ersteren erleichtern ebenfalls die Abschätzung des Augenabstands, und eine große Nase lenkt die Aufmerksamkeit von der Augenpartie ab, deshalb ist eine kleine Nase da besser." - "Ich glaub kein Wort." - "Du mußt es nicht glauben, aber du mußt es wissen; es ist wirklich erschreckend, wie wenig Ahnung die Laien von den wichtigsten Vorgängen im Leben haben, besonders Ihr Juristen." - "Na, bis vor ein paar Jahren habt Ihr Naturwissenschaftler das doch auch noch nicht gewußt, oder wie alt sind diese vermeintlichen Erkenntnisse?" - "Oh, die sind schon vor über 10 Jahren auch außerhalb der Fachkreise veröffentlicht worden." - "Und woher weißt du, und woher weiß ich, und woher wissen all die anderen, wie lang genau die Mittelfinger und die Ohrläppchen und wie weit die Augen auseinder sein müssen, damit es paßt?" - "Das brauchst du nicht zu wissen; darauf bist du als Kleinkind geprägt worden, durch Deine Eltern, Geschwister oder sonstige Verwandte, die damals um dich herum waren. Dein Unterbewußtsein erkennt das automatisch."

[indische Braut früher] [indische Braut heute]

"Und was du dem Mädchen da über den Islam und Häßlichkeit erzählt hast," fährt Matthias fort, "ist wirklich lächerlich. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Völker haben den Islam nicht angenommen, weil ihre Frauen und ihre Musik häßlich waren, sondern durch das Gebot der Verhüllung und das Verbot der Musik hat die Schönheit in beiden Fällen ihren selektiven Wert verloren." - "Ihr Biologen müßt aber auch immer alles vom Standpunkt der Selektion aus sehen. Welchen selektiven Wert soll denn Musik haben? Und häßliche Frauen können ebenso viele Kinder bekommen wie hübsche. Es geht mir um die Schönheit von Frauen und Musik an sich. Wer nichts davon hat, hat auch nichts zu verlieren, wenn er den Islam annimmt." - "Aber hallo! Natürlich hat Musik einen selektiven Wert, z.B. im Tierreich, vor allem bei den Vögeln. Wer am schönsten singt, bekommt die meisten Weibchen." - "Ich bin doch kein Vogel!" - "Auch beim Menschen..." - "Wenn du mir jetzt etwas von den Popstars erzählen willst, denen die blöden Weiber nachlaufen - das tun die doch nicht wegen der schönen Stimmen, sondern weil sie dahinter das dicke Geld vermuten; dabei bleibt das meiste davon an den Fingern der Manager und Verleger hängen." - "Siehst du, vielleicht geht es den Frauen doch um die schöne Stimme, nicht um das dicke Geld?!?" - "Ach was, wer von diesen Jammeraffen hat denn eine wirklich schöne Stimme?" - "Du hast mich eben nicht ausreden lassen; wir sprachen doch nicht von schönen Stimmen - was wir als solche empfinden, wird wiederum unbewußt durch die nähere Umgebung, sprich Verwandschaft, im Kleinkindalter geprägt -, sondern von schöner Musik, deren selektiven Wert du in Frage gestellt hattest. Aber der ist immens. Wenn eine Frau einen guten Musikgeschmack hat und während der Schwangerschaft schöne Musik hört, etwa von Beethoven oder Mozart, dann wird ihr Kind psychisch gesund und ausgeglichen. Wenn sie dagegen Nigger-rap o.ä. Affenmusik hört, wird es verhaltensgestört. Wenn ich höre, was sich manche junge Leute hierzulande antun, möchte ich das auch am liebsten verbieten, auch ohne gleich zum Islam zu konvertieren - man muß ja scheußliche Musik nicht durch gar keine Musik ersetzen, sondern kann sie durch schöne Musik ersetzen, das ist also kein hinreichender Grund für den Übertritt zum Islam. Und was die Schönheit der Frauen anbelangt: Eine häßlich Frau mag zwar biologisch in der Lage sein, ebenso viele Kinder zu bekommen wie eine hübsche; aber sie muß ja auch jemanden finden, der sie und ihren Nachwuchs ernährt; und da hat es eine schöne Frau doch leichter, d.h. sie wird einen klaren Selektionsvorteil haben." - "So? Das sieht mir aber nicht so aus. Die muslimischen Frauen haben weltweit die mit Abstand höchste Geburtenrate, selbst wenn sie nur letztes Rad im Harem sind, während die der Nicht-Musliminnen überall langsam, aber sicher gegen Null tendiert. Offenbar ist es ein Selektionsvorteil, wenn auch häßliche Frauen einen Mann finden, der sie ernährt, weil er sie vorher noch nie gesehen hat und auch keine anderen Frauen, die besser aussehen." - "Na ja, wenn ich heute die Frauen bei uns so sehe, dann sind die doch großenteils auch potthäßlich, kein Vergleich mit denen in unserer Jugendzeit. Und das hat nichts mit der Religion zu tun, sondern damit, daß sie eine ungesunde Lebensweise haben - wie die Männer ja auch -, sich falsch ernähren, zu viel vor dem Computer oder der Glotze sitzen, sich zu wenig bewegen und schlafen. Vielen Frauen bei uns würde ich am liebsten auch einen Sack überhängen - wiederum ohne gleich zum Islam konvertieren zu wollen. Im übrigen geht den Muslimen der Sinn für Schönheit an sich, wie du das nennst, ja nicht gänzlich ab. Sie wissen z.B. die Schönheit eines Gebetsverses oder eines Kamels durchaus zu schätzen. Das Statussymbol eines Mannes muß ja nicht immer eine schöne Frau sei." - "Na, wenn du es für normal hältst, daß ein schönes Kamel statusmäßig höher bewertet wird als eine schöne Frau..." - "Jedenfalls weniger anormal, als wenn eine schöne Blechkutsche höher bewertet wird, wie bei uns. Und dort, wo es noch ein Statussymbol ist, eine schöne Frau zu haben, die man vorzeigen kann, sei doch mal ehrlich: Was zeigen wir denn da vor? Wirklich die Frau? Oder die teuren Klamotten, die Klunker, das Make-up und die Frisur? Wie sie dahinter ausschaut, das sieht doch wieder nur der Ehemann im Schlafzimmer, und das tut der Muslim auch. Oder führst du deine Frau nackt durch die Straßen? Ihr würdet doch nicht mal Urlaub am FKK-Strand machen!" - "Nachts sind alle Katzen grau; bei uns haben häßliche Frauen früher auch darauf bestanden, das Licht auszumachen, bevor sie sich auszogen und ins Bett gingen. Es kommt auf den Eindruck an, den die Frauen draußen machen. Ein Mann, der sich in der Öffentlichkeit nicht ob der Häßlichkeit seiner Frau zu genieren braucht, weil sie kein Außenstehender sieht, wird sie nicht so schnell verlassen oder, wie du das nennst, eher bereit sein, sie und ihren Nachwuchs zu ernähren. Es ist also für häßliche Frauen ein Selektionsvorteil, zum Islam zu konvertieren, und ich brauche kein Verhaltensforscher zu sein um zu wissen, daß in solchen Dingen die Frauen entscheiden. Nicht umsonst ist es im Islam - wie im Judentum - den Männern erlaubt, auch ungläubige Frauen zu heiraten; umgekehrt müssen muslimische Frauen darauf bestehen, daß der Mann konvertiert; und die meisten Übertritte kommen genau dadurch zustande. Es sind häßliche alte Frauen, die darauf bestehen, daß junge Frauen sich in der Öffentlichkeit verschleiern und daß kleine Mädchen beschnitten werden, damit sie keinen Orgasmus bekommen können. Die Frauen instrumentalisieren bloß die Männer zu Sittenwächtern, um diese ihre perversen Wünsche und Ideen durchzusetzen. Hinter jeder bösen Tat eines Mannes steckt eine Frau." - "Unsinn." - "Ich zitiere nur Shakespeare." - "Fehlt nur noch, daß du deine These um die Behauptung erweiterst, daß nur Völker zum Islam konvertieren, deren Frauen eh nicht orgasmusfähig sind, weshalb es kein Verlust für sie ist, wenn sie beschnitten werden. Auch da ist es genau umgekehrt: Wenn alle Frauen beschnitten sind, ist es eben kein Selektionsvorteil mehr, häufigere oder stärkere Osgasmen zu haben, und biologisch gesehen ist der weibliche Orgasmus zur Fortpflanzung ja nicht erforderlich. Und Shakespeare war halt schwul; der haßte die Frauen und hatte keine Ahnung von Verhaltensforschung." - "Er hat es vielleicht etwas verkürzt ausgedrückt und etwas zu moralinsauer; aber in der Sache hatte er Recht, das müßtest du doch auch aus dem Tierreich kennen, selbst wenn du als Biologe Kategorien wie gut und böse nicht anerkennst. Die meisten Männchen tun, was sie tun, um den Weibchen zu imponieren."

"Tja, Niko, das ist eben der Unterschied zwischen Menschen und Tieren. Nicht, wie einige Naïvlinge meinen, daß Tiere nicht im religiösen Sinne glauben, daß sie nicht sprechen, lesen und schreiben können, daß sie nicht rauchen und keinen Alkohol trinken, nein, es ist der Unterschied in der Motivation ihres Handelns. Im Tierreich ist es tatsächlich so, daß die meisten Handlungen vorgenommen werden, um den Angehörigen des anderen Geschlechts zu imponieren; beim Menschen ist es genau umgekehrt: Die Männer saufen, raufen, treten gegen Fußbälle und treiben andere unsinnige Dinge offenbar nicht, um Frauen zu imponieren - welche halbwegs gescheite Frau würde das schon beeindrucken? -, sondern um gegenüber anderen Männern anzugeben. Und Frauen putzen und schminken sich, lassen sich piercen und tätowieren, die Brust und die Lippen silikonisieren, nicht, um Männern zu imponieren - welchen halbwegs gescheiten Mann würde das schon beeindrucken? -, sondern um andere Frauen zu ärgern. Und erzähle mir nicht, daß das erst Auswüchse der jüngsten Zeit mit ihrem widerlichen Schwulen- und Lesbenkult sind. Das fängt schon beim teuren neuen Kleid an, mit dem sie doch nur die Nachbarin oder die Arbeitskollegin beeindrucken kann, vielleicht sogar schon mit dem neuen Bärenfell in der Steinzeit. Der Mann, egal ob Ehemann oder Fremder, schaut da doch gar nicht hin; der will sehen, was drunter ist." - "Außer im Islam, da darf er ja nicht. Das ist also ein Rückfall in tierische Verhaltensmuster." - "Ja, aber das ist, biologisch gesehen, nicht unbedingt negativ." - "Natürlich ist das negativ. Wenn du schon bis in die Steinzeit zurück gehen willst, dann unterscheidet sich der Mensch vom Tier doch eher dadurch, daß er gelernt hat, das Feuer zu zähmen, wodurch er sich neue Nahrungsquellen erschlossen hat, nämlich halb verdorbenes Aas, das stärkere Konkurrenten nicht mehr fressen wollten, das aber gebraten doch noch irgendwie genießbar war. Und wenn du unbedingt auf das Bärenfell abstellen willst: bis zur Erfindung des Feuers war das kein überfüssiger Luxus, mit dem die Frauen Modenschauen veranstalten konnten, um ihre Geschlechtsgenossinnen auszustechen, da hat man schon darauf geachtet, ob jemand etwas anhatte, das ordentlich wärmt oder nicht. Und keine Frau hätte es sich über den Kopf gezogen, um ihr Gesicht zu verdecken. Selbst die Eskimo-Frauen in Alaska lassen ihr Gesicht frei, egal wie dick der Pelz ist, in den sie sich einmummeln." - "Findest du Eskimo-Frauen etwa schön? Na siehst du, ich auch nicht. Und, sind die Eskimons schon zum Islam konvertiert? Aber von deinen Inderinnen, auf die du so stehst, sind über die Hälfte konvertiert. Und wenn das tatsächlich daran lag, daß die häßlichen Frauen ihre Gesichter nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen wollten - und nicht etwa daran, daß die muslimischen Männer das Land gewaltsam erobert, die nicht-muslimischen Männer getötet, ihre Frauen geraubt und sie gezwungen haben, zu konvertieren, wie ich glaube -, dann erklär mir doch mal, warum die Frauen im Muslim Belt durchweg hübscher sind als die im hinduïstischen Südindien. Da beißt sich deine Theorie doch in den Schwanz!"

Darauf könnte Dikigoros eine Menge sagen, z.B., daß Matthias das gar nicht beurteilen könne, weil er noch nie dort war, oder daß diejenigen, von denen er das aus zweiter Hand hat, auch im "Muslim Belt" nur die nicht-muslimischen Frauen unverschleiert gesehen haben; oder daß sie, auch wenn es sich um noch so politisch korrekte Gutmenschen und Anti-Rassisten handelt, doch von ihren Rassen-Instinkten Rassen-Vorurteilen beeinflußt werden, die ihnen den Blick darauf verstellen, daß in den Augen eines Drawiden auch eine Drawidin "schön" sein kann; oder daß auch in Nordindien die wirklich schönen Frauen außerhalb des Muslim Belts leben, z.B. im Panjāb und in Rājasthān. Aber das würde zu weit vom Thema abführen; deshalb fragt er nur: "Warum sollte ein Mann eine Frau zwingen - egal ob seine eigene oder eine andere -, ihr Gesicht zu verhüllen?" - "Ich dachte, du wärest ein Schöck-fan - da fragtst du mich so etwas?!" - "Die Männer, die die Macht haben, so etwas durchzusetzen, brauchen den Neid der anderen nicht zu fürchten." - "Das dachte der Schah von Persien auch, als er den Schleier verbot..." - "Er hat ihn nicht verboten; er hat bloß erlaubt, daß die Frauen künftig unverschleiert auf die Straße gingen; er hat ausdrücklich gesagt, daß häßliche Frauen selbstverständlich auch weiterhin..." - "Siehst du, der dachte in diesem Punkt wie du, und ein paar Jahre später jagte man ihn zum Teufel - und zwar aus genau diesem Grund!" - "Matthias, du magst ein großer Biologe sein, aber von Politik verstehst du nichts, auch nicht von Massenpsychologie. Was damals im Iran geschah ist eine glänzende Bestätigung Shakespeares: Die Männer wären nie auf die Schnapsidee gekommen, den Shah zu stürzen, wenn ihre Frauen, Mütter, Schwestern und Töchter sie nicht dazu aufgehetzt hätten: Die schwarz verschleierten Weiber sind voran marschiert auf den Anti-Shah-Demos in Tähran, und die Männer mußten ihnen folgen. Und warum haben sie das getan? Weil sie sich von denen, die die Macht hatten, tödlich beleidigt fühlten - verlaß dich drauf, daß auf jenen Demos keine einzige schöne Frau mit gelaufen ist!" - "Da halte ich gegen. Nicht jede schöne Frau mag es, ständig von Männern angegafft zu werden." - "Vielleicht nicht jede, aber die meisten genießen es. Und was noch viel wichtiger ist: Häßliche Frauen, die nie einen begehrlichen Blick abbekommen, sehnen sich danach, und sie beneiden ihre schöneren Geschlechtsgenossinnen darum, wie um nichts anderes auf der Welt. Du hast Schöck nicht richtig gelesen oder bist zumindest seinen Leseempfehlungen nicht gefolgt; ich habe Facial Justice gelesen!" [Ein schlimmes Buch, liebe Leserinnen und Leser, mit einer bösen Pointe - tut es Euch trotzdem mal an. Leider gibt es immer noch keine deutsche Übersetzung, aber es zählt zu denen, die es wert sind, Englisch zu lernen. Dagegen ist Brave New World gar nichts!] Mathhias lacht: "Aber Niko, du siehst das viel zu theoretisch. In der Praxis haben häßliche Frauen nicht nur im Islam einen Selektionsvorteil, sondern auch bei uns. Häßliche Frauen heiraten nämlich meist früh, weil sie instinktiv spüren, daß ihr einziger Trumf ihre Jugend ist, und bekommen möglichst früh möglichst viele Kinder, um deren Vater an sich zu binden, was wiederum nur funktioniert, weil Ihr Juristen uns so hirnrissige, selektionsfeindliche Gesetze beschert habt, die schlimmer sind als jede Religion, einschließlich des Islams. Schöne Frauen suchen dagegen oft Jahre lang nach dem Traumprinzen, auf den sie einen Anspruch zu haben glauben, und werden darüber zu alten Jungfern; und wenn sie dann doch noch heiraten - übrigens in den wenigsten Fällen einen Traumprinzen, denn die sind ja noch viel knapper als schöne Frauen -, dann warten sie mit dem Kinderkriegen, bis sie alt und unansehnlich sind, d.h. wenn Po, Bauch und Busen eh nicht mehr so dolle sind, oder sie bekommen gar keine mehr." - "Wir sprechen hier nicht von Po, Bauch und Busen, sondern vom Gesicht - ein schönes Gesicht altert nicht." - "Doch. Auch die schönste Frau bekommt irgendwann mal Falten und graues Haar, wenn sie sich nicht liften läßt und mit Coloratur nachhilft. Außerdem sprechen wir nur über Frauen in heirats- bzw. gebärfähigem Alter. Keine junge Frau, egal wie häßlich sie ist, beneidet eine alte Frau um ihre vergangene Schönheit." - "Eben, nur umgekehrt. Deshalb zwingen häßliche alte Frauen junge schöne Mädchen, sich zu verschleiern, und zwar angefangen bei ihren eigenen Töchtern." - "Ach, du setzt jung mit schön gleich und alt mit häßlich? Dann geht es dir also in Wirklichkeit gar nicht darum, daß du schöne Frauen unverschleiert sehen willst, sondern junge Frauen? Eine häßliche Frau wird doch keine schöne Tochter haben!" - "Du verwechselst schon wieder Selektion mit Schönheitssinn. Natürlich ist es mir egal, wenn sich häßliche Frauen, egal welchen Alters, verschleiern - das sehe ich in der Tat wie der Shāh-in-shāh. Aber es stört mich, wenn ich die Gesichter der schönen Frauen nicht mehr sehen kann, und ob du es glaubt oder nicht, auch das unabhängig vom Alter." - "Nein, das glaube ich dir nicht. Du belügst dich doch selber. Je älter ein Mann wird, desto stärker verändern sich seine Maßstäbe für Schönheit. Gib doch zu, daß du heute jungen Frauen nachschaust, die du noch vor 20 Jahren keines Blickes gewürdigt hättest." - "Nein, das tue ich nicht, weil ich tatsächlich zuerst auf die Bewegung, insbesondere den Gang achte, was der sackartige Ganzkörperschleier übrigens auch unmöglich macht. Und daran ändert sich nichts." - "Du belügst dich schon wieder selber. Schau dir doch mal die Videos deiner Sportfreundinnen von vor 20 Jahren an und vergleiche sie damit, wie sie heute laufen." - "Ja, sie laufen langsamer, ich ja auch, aber der Bewegungsablauf an sich ist noch der gleiche." - "Red keinen Unsinn, Niko. Du hast mir doch selber mal erzählt, daß du das Alter einer Frau oder eines Mannes anhand des Bewegungsablaufs auf 5 Jahre genau abschätzen kannst, viel sicherer als am Gesicht." - "Ja, das biologische Alter, aber doch nicht das kalendermäßige!" - "Ach, und am Gesicht kann man nur das Kalender-Alter abschätzen? Was du da von dir gibst, sind subjektive Eindrücke eines Laien, die kein Wissenschaftler objektiv verifizieren kann. Und wenn ich dich das Wort 'an sich' sagen höre, dann weiß ich, daß dir nichts mehr einfällt." Nein, da fällt Dikigoros wirklich nichts mehr ein, zumal sich die Diskussion nun doch allzu weit vom eigentlichen Thema entfernt hat; aber er hält trotz dieser professoralen Lehrstunde an seinen "laienhaften Eindrücken" fest, einschließlich derer, daß ein schönes Gesicht im Alter nicht häßlich wird, und daß ein Land dauerhaft nicht von Männern erobert wird, die es entvölkern und die Frauen unter den Schleier zwingen, sondern von Frauen, die es bevölkern - und letztlich darüber entscheiden, ob sie selber, ihre Töchter und Enkelinnen mit oder ohne Schleier herumlaufen. Und was die Sache mit den Ohrläppchen, dem Augenabstand und dem Mittelfinger anbelangt, so läßt er das einfach mal so stehen, in der Annahme, daß es auch anderen Nicht-Naturwissenschaftlern - und selbst Naturwissenschaftlern, so sie nicht gerade auf Verhaltensforschung spezialisiert sind - keineswegs zwingend erscheint.

Wochen später kehrt Matthias aus Indien zurück, mit vielen neuen Erfahrungen, noch mehr Mückenstichen, einem formidablen Sonnenbrand und einer langwierigen Magen-Darm-Grippe. "Meinst du nicht, daß man bei seiner Partnerwahl besser darauf achten sollte, ob jemand gegen Mückenstiche immun ist, einen robusten Magen hat und im Norden eine schöne helle Haut bzw. im Süden eine schöne dunkle Haut, die vor Sonnenbrand schützt?" - "Sei nicht albern, auch dunkelhäutige Menschen können Sonnenbrand bekommen, wenn sie so unvorsichtig sind wie ich; und auf die beiden anderen Punkte wird schon geachtet, allerdings nicht optisch." - "Sondern?" - "Moskitos reagieren auf Geruchsstoffe im Schweiß, und wir Menschen auch; wer sich nicht riechen kann, kann sich nicht riechen, da hilft das schönste Parfum nichts; vergiß also deine Maiglöckchen und Veilchen. Und was den Magen anbelangt - warum glaubst du wird in den meisten Kulturen geküßt, sei es mit den Lippen, mit der Zunge oder mit der Nase oder allen drei Organen? Weil man am Mundgeruch erkennt, ob der bzw. die andere die gleichen Speisen verträgt - das geht also weit über deine Abneigung gegen Alkoholfahnen und Zigarettenrauch hinaus." - "Du mußt einem aber auch die letzten Illusionen rauben. Aber im Ernst, ich habe mal über deine drei berühmten Auswahlkriterien nachgedacht; welchen biologischen Sinn soll denn das machen? Die haben doch, im Gegensatz etwa zu guten Beinen, überhaupt keinen genetischen Wert!" - "Welchen genetischen Wert sollen denn lange Beine haben? Die sind fürs Kinderkriegen genauso wertlos wie ein dicker Busen." - "Na, aber der dicke Busen deutet wenigstens darauf hin, daß die Kinder erstmal genug zu trinken bekommen." - "Quatsch. Kein anderes Primatenweibchen hat normalerweise einen Busen; aber sobald Schimpansinnen Babys bekommen, schießt die Milch trotzdem ein; und im Gegensatz zu den Menschenweibchen von heute säugen die ihre Babys auch alle." - "Aber es widerspricht doch jeder Vernunft, sich bei der Partnerwahl nach Auswahlkriterien ohne biologischen Wert zu richten; wie ich die Evolution verstanden habe, ist das ausgeschlossen." - "Du hast die Evolution eben nicht verstanden." - "Dann klär mich doch bitte endlich mal auf." - "Damit du es gleich wieder im Internet breit trittst?" - "Ich nenne ja deinen Nachnamen nicht; und deine Kollegen dürften doch eh wissen, wie du darüber denkst." - "Weißt du, Niko, du rührst da an eines der ganz großen Tabuthemen unserer Gesellschaft; eigentlich das letzte sexuelle Tabu, das noch besteht." - "Ich bin noch nie vor einem Tabu zurück geschreckt." - "Aber du denkst sehr anthropozentrisch; ich dagegen bin Zoologe, und als solcher..." - "Machs nicht so spannend!" - "Tja... an diesen Kriterien erkennen wir nicht, ob jemand eine besonders gute Erbmasse hat, sondern nur, ob er oder sie mit uns verwandt ist." - "Aber..." - "Nichts aber; die Evolution des Menschen wäre nie so verlaufen, wie sie verlaufen ist, wenn nicht in 99% unserer Geschichte Inzucht die Regel gewesen wäre. Im Tierreich ist das heute noch so, das wird dir jeder Züchter bestätigen; ohne Inzucht wären die wertvollsten Rassen nie entstanden. Die minderwertigsten auch nicht; aber das ist unerheblich, weil die ja von der Natur ausgemendelt werden. Die Inzucht gewährleistet eine Potenzierung sowohl der guten als auch der schlechten Eigenschaften; und zwar mit einer relativ hohen Geschwindigkeit, die allein eine mutative Anpassung an sich ändernde natürliche, z.B. klimatische Umweltbedingungen gewährleistet. Deshalb ist auch alles, was du bisweilen über die negativen Folgen der Inzucht schreibst, nur eine Halbwahrheit. Das Inzestverbot hat keine biologischen, sondern soziologische Wurzeln; genetisch gesehen ist es eine schwere Hypothek für die Entwicklung des Menschen und einer der Hauptgründe für seine Degenerierung in der Moderne." - "Aber die negativen Mutationen, auch in der Tierzucht, sind doch ungleich häufiger als die positiven, ich hab da mal was von 99% gelesen." - "Schon möglich, aber das macht nichts; die ersteren läßt man halt zugrunde gehen, genau wie in der Natur; und mit den letzteren treibt man weiter Inzucht, d.h. das stärkste Männchen - bzw. das, welches die vom Züchter gewünschten Eigenschaften am stärksten verkörpert - wird immer wieder mit seinen stärksten Schwestern und stärksten Töchtern gekreuzt; und so ist es Millionen Jahre lang auch mit den Vorfahren des Menschen gegangen; sonst säßen wir heute noch auf den Bäumen." - "Aber das hieße doch, wenn man diese Praxis wieder einführen wollte, daß 99% der Menschen zugrunde..." Matthias unterbricht Dikigoros mit ernstem Blick: "Das wäre nicht nur für den Menschen, sondern auch für die Erde insgesamt die beste Lösung. Was glaubst du denn, wie lange dieser Planet noch 6 Milliarden Exemplare homo sapiens ertragen kann? 60 Millionen wären zur Arterhaltung mehr als genug! Deshalb ist es auch Unsinn, was du auf einer deiner Filmseiten Gandhi vorgeworfen hast - der Mann hatte völlig Recht; davon bin ich nach dem, was ich in Indien erlebt habe, mehr denn je überzeugt. Vor 300 Jahren lebten im heutigen Indien ca. 10 Millionen Menschen und ca. 10 Millionen Tierarten, und es soll ein Paradies gewesen sein. Heute sind es 1 Milliarde Menschen, und es ist die Hölle. Die Tiere haben sie ausgerottet bis auf ein paar tausend Arten - und das sind meist diese verfluchten Insekten -, die Atemluft in den Städten ist völlig verpestet, und die Flüsse sind derart verseucht, daß man nicht mal mehr einen Schluck Wasser trinken kann, ohne ihn vorher zu entkeimen und abzukochen, sonst holt man sich gleich sonstwas. Ich weiß wirklich nicht, was du an Indien findest!" An dieser Stelle bricht ein ziemlich geschockter Dikigoros den Exkurs ab und verweist interessierte Leser darauf, daß er die Themen "Übervölkerung" und "zurück in die Steinzeit" an anderer Stelle weiter diskutiert.

Zurück ins Garhwal. Badrināth ist das wichtigste der Hindu-Heiligtümer im Himālay und eines der vier wichtigsten in Indien - vielleicht sogar das wichtigste, wie einige - und zwar sowohl unter den Wishnuiten als auch unter den Shiwaiten - meinen. Aber seine Wurzeln reichen wahrscheinlich noch weiter zurück als die jener beiden Gottheiten - die einst ebenso nur "Emporkömmlinge" waren wie es heutzutage Ganesh und Lakshmī sind. Bevor die Aryer ihre Götter mitbrachten, verehrten die Inder schon die Sonne und das Feuer - aus denen dann "Sūry[a]" und "Agni" wurden. Und die heiße Quelle, an der Badrināth errichtet wurde, war von je her ein Heiligtum Agnis. Um darin zu baden, muß man wohl vorher im Haupttempel eine Pūjā gebetet haben, und um dort zu beten, muß man dann - natürlich - Hindū sein, darüber wacht der Oberbonze, pardon, der Rāwal. Gespannt weicht das Publikum zurück, als der und Dikigoros aufeinander zuschreiten - er hat solche Situationen schon oft erlebt und sich wie immer gut darauf vorbereitet. Der Priester spricht ihn auf Malayālam an - er kommt traditionell aus Keral -, darauf könnte ihm auch keiner der "echten" Hindūs hier antworten, er spielt also falsch. Aber jeder versteht, daß er die beiden Ausländer hinaus komplimentieren will. Dikigoros holt tief Luft: "Rāwal - Rāwan hãi, me - Rām hūn." Und dann beginnt er laut und vernehmlich, die erste Strofe des Rigwedas aufzusagen (die er Euch eingangs teilweise zitiert hat), auf Sanskrit, rhythmisch und mit dumpfer Stimme, die Arme halbhoch vorgestreckt als wolle er ein Feuer beschwören, wie er es den besten ihrer Zunft abgeschaut bzw. abgehört hat. Nach den ersten Versen fangen ein paar Pilger an, mit zu murmeln (ja, es sind klassisch, pardon wedisch gebildete Leute darunter!), dann werden es immer mehr, und das Gebet schwillt immer lauter an, auch als Dikigoros es gar nicht mehr weiter aufsagen könnte. Der Rāwal hat längst stumm seinen Kotau, pardon seinen Ãjali vor ihm gemacht und ihn so willkommen geheißen - und ebenso vor seiner Dewī, die völlig perplex ist: "Mon Dieu..." sagt sie leise. "Merci," sagt Dikigoros - mit Betonung auf der ersten Silbe, wie das in der Schweiz üblich ist -, "jetzt weiß ich endlich, daß Sie es ernst meinen."

"Sie werden ja schon wieder größenwahnsinnig!" - "Wieso? Wen hatten Sie denn gemeint? Etwa den Pandit? Oder eine von den Statuetten dort?" Nun erfahren sie auch, weshalb der Pandit sie nicht herein lassen wollte - es richtete sich gar nicht gegen sie als Ausländer bzw. Nicht-Hindus, sondern - es lag mal wieder an der Anlage des Tempels. Dikigoros hatte Euch oben beschrieben, wie die normalerweise aussieht - aber was ist schon normal. Hier sind der Sabh Mãdap und der Darshan Mãdap nicht richtig voneinander getrennt, dafür aber darf der Garbh Grih nicht nur nicht betreten, sondern nicht einmal eingesehen werden (auch nicht von Hindūs), jedenfalls dann nicht, wenn Gott Badrināth beim Essen ist, d.h. wenn ihm der Priester gerade einen frischen Teller mit Prasād hingestellt hat. (Es ist eines seiner letzten in diesem Jahr, denn überwintern tut er im Tal; erst im nächsten Frühjahr, irgendwann zwischen Ostern und Pfingsten, wenn sein Heiligtum nicht mehr eingeschneit ist, wird er wieder nach oben geschleppt.) Aber jetzt brät ihnen der Pandit die Extra-Wurst und schließt die heilige Lade auf - und alle anderen gaffen mit. (So etwas war Dikigoros bis dahin nur einmal gelungen, beim Steilen Zahn in Kandy auf Ceylon - aber da hatte ihn die Familie der Gralshüter persönlich eingeladen, er alleine hätte es bestimmt nicht geschafft, ja nichtmal ernsthaft versucht.) A propos: Natürlich gibt es hier keine Wurst, sondern... "Hoffentlich nötigt er mir nichts von dem Zeug auf," knurrt Dikigoros. "Wieso, was ist es denn?" - "Na was wohl? Wenn Sie wüßten, wie oft ich in Indien schon aus Höflichkeit Dāl habe fressen müssen - dabei kann ich Linsen auf den Tod nicht ausstehen, lieber würde ich hungern." - "Wo ist denn nun der berühmte Heißwasserquell?" Das ist die nächste Enttäuschung für sie: Der ist gar nicht im Tempel, sondern draußen, und eigentlich sollte man sich dort reinigen, bevor man den Tempel betritt - natürlich nur symbolisch, denn für ein längeres Bad ist er viel zu heiß. "Igitt," sagt Marie-France, "doch nicht etwa das Ding, wo die Leute vorhin alle ihre schmutzigen Füße drin gewaschen haben, streng getrennt nach Männlein und Weiblein?" - "Ich fürchte eben der," sagt Dikigoros. "Was freue ich mich nachher auf ein Bad im Hotel." Tja - mit so einer Einstellung sollte man halt nicht nach Indien reisen, und schon gar nicht ins Garhwal, denkt Dikigoros, sondern nach Chamonix oder Sankt Moritz. Aber er schweigt, denn es ist ja eigentlich seine Schuld, daß sie hier ist, weil er sie ohne Not mitgenommen hat; und er nimmt sich felsenfest vor, daß ihm so etwas nicht nochmal passiert.

* * * * *

Der Flughafen von Dillī wird seit einigen Jahren schwer bewacht, von Militär; die Wachen grüßen nach englischer Manier (das haben sie immer noch nicht abgeschafft :-), als Dikigoros in seiner guten Uniform an ihnen vorbei geht; er grüßt in Ermangelung eines Marschallstabs mit erhobener Taschenlampe zurück, wie einst Rommel auf den Bildern, die man hier noch immer sehen kann, während man ihn in Deutschland allmählich in der Versenkung verschwinden läßt - nein, nicht weil er militärisch ein Hasardeur war, sondern weil er angeblich ein Nazi war. Dikigoros denkt an seine erste Indien-Reise zurück, als ihm ein Inder - Veteran des Weltkriegs in Nordafrika - in für ihn damals noch schwer verständlichem Englisch mit indischem Tonfall sagte, er sehe aus "wie Rommel". Er mußte zweimal nachfragen, was der meinte und empfand das dann nicht unbedingt als Kompliment, denn er hielt stets viel weniger von dem "Wüstenfuchs" als die meisten Inder und damals auch noch die meisten Deutschen; für ihn war dessen Sinnbild stets das Kamel - womit er dem braven Tier wahrscheinlich bitter Unrecht tat. Nun, da man in Indiens Städten kaum noch Kamele auf der Straße sieht - jedenfalls keine vierbeinigen - kann er darüber nur noch schmunzeln.

[Rommel mit Marschallstab] ['Ein Händedruck der Siegesgewissheit' - Rommel als Nazi] [Rommel nach seiner Wiedergeburt als Kamel, Medaille von Kurt Goetz] [Rommel vor seiner Wiedergeburt als Kamel]

Marie-France hat es sich nicht nehmen lassen, ihn zum Flughafen zu begleiten - sie hat alle Papiere zusammen, aber ihr Rückflug geht erst in ein paar Tagen. "Sie waren nicht zufrieden mit mir, Patidew," sagt sie, als er ihre Umarmung abwehrt. "Aber wie kommen Sie denn darauf?" - "Das merkt man doch. So schlau bin ich noch, auch wenn Sie mich nur für ein dummes kleines Gänschen halten." - "Aber nein, wo Sie doch fast so groß sind wie ich; außerdem haben Sie sich längst in einen schönen weißen Schwan verwandelt..." - "Das ist doch in Ihren Augen dasselbe." Dikigoros muß lächeln: "Sie haben tatsächlich etwas gelernt hier." - "Ja, nie wieder Indien." - "Und nie wieder mit alten Männern reisen." - "Im Gegenteil, nie wieder mit jungen Männern reisen." - "Man soll nie 'nie' sagen, und als Frau in einem solchen Punkt schon gar nicht." - "Wohin fahren Sie nächstes Jahr in Urlaub?" - "Na, wohin wohl? Es gibt nur zwei Fraktionen: 'Nie wieder Indien' oder 'immer wieder Indien'." - "Schade." - "Und ich dachte, Sie wären auch unzufrieden gewesen mit mir." - "Nein, gar nicht." - "Aber ich bin unzufrieden mit mir; ich habe doch auf der ganzen Linie versagt." - "Was, wegen der zwei Tage, die Sie flach gelegen haben?" - "Ach wo, da stehe ich drüber. Aber es ist mir nicht gelungen, einem jungen Menschen Indien näher zu bringen; und es ist mir nicht gelungen, einer jungen Frau klar zu machen, daß alte Männer nichts für sie sind." - "Machen Sie sich keine Vorwürfe; Sie haben ja nichts unversucht gelassen." - "Eben. Und trotzdem hat es nichts gefruchtet." - "Nein, im Ernst, ich meine mit Indien. Aber das macht es ja nur noch schlimmer. Ich denke mit Schrecken daran, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht jemanden dabei gehabt hätte, der mir alle Hindernisse aus dem Weg geräumt hätte; wahrscheinlich wäre ich hier nicht lebend wieder raus gekommen." - "Na, na, dramatisieren Sie mal nicht; das mit dem Diebstahl hätte Ihnen überall auf der Welt passieren können." - "Aber ich war insgesamt enttäuscht von Indien, nicht nur wegen der Sache im Zug." - "Was hatten Sie denn erwartet?" - "All die großen Tempel und Paläste und Festivitäten..." - "Woran messen Sie Größe? An der Menge der Steine, die verbaut worden sind? Oder an der Menge der Menschen, die dabei verreckt sind? Oder an der Menge der krachenden Böller, die abgeschossen werden? Als Schweizerin müßte Ihnen der Unterschied zwischen Qualität und Quantität doch eigentlich etwas sagen." - "Wenn Sie so große Stücke auf die Schweiz halten - könnten Sie sich nicht entschließen, mal dort Urlaub zu machen? Unsere Alpen sind auch schön, und alles ist so viel sauberer und angenehmer und bequemer, vor allem für Männer, die allmählich Probleme mit dem Alter bekommen; es gibt überall Schokolade und Milch und guten Käse..." - "Schließen Sie doch einfach einen Kompromiß: Fahren Sie das nächste Mal mit jemandem, der nur doppelt so alt, oder besser noch, nur 16 Jahre älter ist als Sie, dann brauchen Sie keinen einzigen Programmpunkt zu versäumen." - "Sie tragen mir aber auch jedes Wort nach." - "Nein, aber ich habe auch etwas gelernt: nie wieder eine 32 Jahre jüngere Ehefrau. Grüßen Sie mir Ihre Alpen und Ihre lila Kühe; ich quäle mich lieber weiter unbequem durch Indien, mit all seinem Schmutz und all seinen Unannehmlichkeiten, mit seinen verrückten Göttern und seinen schwarzen Stieren."

[Shiwling mit Schlangen und Stier]

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