ENGLAND EXPECTS THAT

EVERY   MAN   WILL

DO       HIS

D             U             T             Y *

CLOSE YOUR EYES AND THINK OF ENGLAND**

*England erwartet, daß jeder Mann seine Pflicht tut **Schließ die Augen und denk an England



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ALEXANDER KORDA:   LADY HAMILTON   (1941)
(ORIGINALTITEL: THAT HAMILTON WOMAN)
(DEUTSCH: LORD NELSONS LETZTE LIEBE)
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EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
DIE [UN]SCHÖNE WELT DER ILLUSIONEN

(von Filmen, Schauspielern und ihren [Vor-]Bildern)

Calais, 1815 - die einstige englische Kolonie an der Küste des von Frankreich besetzten Teils Flanderns im Jahre des endgültigen Sturzes von Napoléon Bonaparte, dem korsischen Hitler. Dikigoros darf doch Kordas wichtigste These - die aus der um fast eine halbe Stunde gekürzten Nachkriegsfassung für den deutschen Kinomarkt leider nicht so deutlich wird - hier schon vorweg nehmen? Auch der Regisseur zäumt das Pferd ja vom Schwanz auf und beginnt am Ende der Geschichte. Eine Frau wird verhaftet, nachdem sie in einem Laden eine Flasche Trinkbares geklaut hat. (Ja, damals war Ladendiebstahl noch kein "Kavaliersdelikt" :-) Im Gefängnis erzählt Emma - so heißt die Frau - einer Mitgefangenen ihr Leben: Als sie gerade 18 Jahre jung ist, reist sie von London nach Neapel und trifft dort den britischen Botschafter, Lord William Hamilton, dessen Neffen Charles sie zu ehelichen gedenkt. Der Onkel eröffnet ihr jedoch, daß daraus nichts werden könne. - Warum nicht? Weil sie nicht ebenbürtig ist und auch sonst eine etwas dunkle Vergangenheit hat? Das auch; aber das wichtigste Argument ist, daß der Neffe kein Geld hat: Er, der Onkel, hat ihm, damit er wenigstens seine Schulden begleichen kann, gerade erst ein Gemälde von George Romney für 5.000 Pfund abgekauft. (Damals eine irre hohe Summe, liebe Leser, die man fast gar nicht in heutige Teuros umrechnen kann, sie läge sicher im 7-stelligen Bereich.) Das Bild - das ziemlich am Anfang des Films gezeigt wird - ist übrigens historisch; es handelt sich um eines der vielen Portraits, die Romney von Emma gemalt hat - die übrigen könnt Ihr hier anschauen.

Emma ist völlig verzweifelt; aber großzügig wie Lord Hamilton nun mal ist, nimmt er sich ihrer statt seines Neffen höchstselbst an und heiratet sie. Ein schönes Paar fürwahr: er zwar eigentlich "nur" 30 Jahre älter als sie, aber im Film viel älter wirkend als 48 und zu allem Überfluß auch noch hinkend; und sie nach damaligen Maßstäben eine Kokotte ohne Geld und Bildung - aber Männer dachten halt auch früher schon bisweilen schwanzgesteuert...

Stop, liebe Leser, kurze Denkpause. Nicht nur dachten Männer damals schon schwanzgesteuert, sondern auch Frauen dachten damals schon geldorientiert, auch und gerade wenn es ans Heiraten ging. Jene Emma, geb. 1765 als Emmy (oder Amy) Lyon, hatte in der Tat für damalige Verhältnisse schon mit 18 Jahren eine etwas anrüchige Vergangenheit: Die Tochter eines Schmiedes (das war in der alten englischen Klassen-Gesellschaft fast schlimmer als alles andere :-) hatte schon früh mehrere feste Liebhaber, die sie nacheinander aushielten (und die merkwürdigerweise alle mehr oder weniger schnell pleite gingen; man darf vermuten, daß sie daran nicht ganz unbeteiligt war :-), und mindestens ein uneheliches Kind (dto). Jener Charles Greville hätte sie wohl tatsächlich geheiratet, und sein Onkel - den sie übrigens nicht erst in Neapel kennen lernte, sondern der sie und seinen Neffen in London besuchte - hätte überhaupt nichts dagegen gehabt, weil sie längst "ebenbürtig war: Charles hatte ihr - und sogar ihrer Mutter, die sie im Film begleitet - nämlich einen Adelstitel gekauft, sie hieß inzwischen Lady Emma Hart. (Kleine Koïnzidenz am Rande: Auch ihre Darstellerin hieß eigentlich Lady Vivian Hartley, bevor sie das "Hart" weg ließ und die Schreibweise des Namensrests gälisierte :-) [Im Film wird das zwar angedeutet, aber mit falschem Zungenschlag: Emma sagt zu ihrer Mutter, daß Charles sie "zur Lady gemacht" habe; aber sie meint damit nicht den gekauften Adelstitel, sondern daß er ihr "Bildung" beigebracht habe, wie z.B., daß Nero Rom angezündet habe; denn erst Bildung mache eine Frau zur Dame (oder, wie in diesem Falle, Halbbildung - aber die Pointe war Korda wohl nicht bewußt :-)] Doch dann machte auch Charles Greville Pleite, und so entschloß sich Emma denn, in allseitigem Einvernehmen als Maîtresse seines Onkels mit nach Neapel zu fahren. (Das war 1786, sie war also nicht 18, sondern 21 und somit volljährig.) Bei Hof kam sie gut an; wieder wurde sie von berühmten Malern portraitiert - wie schon in England; Romney war nicht irgend jemand, sondern der Star unter den Malern, die "en vogue" waren -, und so entschloß sich Lord Hamilton denn anno 1791, sie zu ehelichen. Zu diesem Zweck reisten sie eigens nach London, denn als Anglikaner konnten sie ja nicht im katholischen Neapel heiraten damals, als Ehen noch in der Kirche, nicht auf dem Standesamt geschlossen wurden. (Das letztere sollte in England erst 1837 eingeführt werden, in Italien 1861, im Kleindeutschen Reich 1876 und in Österreich sogar erst nach der Wiedervereinigung zu Großdeutschlanddem Anschluß an Nazi-Deutschland, also über 100 Jahre später.) Diese fünf Jahre hat Korda also gerafft, und das ist o.k. - es entsteht halt bloß ein etwas schiefer Blick auf die Motive für jene Heirat, und Dikigoros' Leser sollen doch auch in diesem Punkt klarer sehen. Ach so, der Altersunterschied; ja, der war tatsächlich ungewöhnlich. Zwar galt es damals als normal, wenn der Mann zehn bis fünfzehn Jahre älter war als die Frau, also fast ihr Vater hätte sein können - das erleichterte die Aufrechterhaltung der notwendigen Autorität in Ehe und Familie, weil die Frau dann nicht ständig alles besser wissen wollte und Widerworte gab -; aber wenn der Mann fast ihr Großvater hätte sein können, wie hier, dann riskierte man[n] den gegenteiligen Effekt, nämlich daß die Frau ihren Sugardaddy nicht mehr ernst nahm und ihm Pfannekuchen auf dem Kopf buk (wie man sagte, als man starke Verben noch korrekt zu konjugieren wußte; heute würde man wohl "backte" sagen, aber dieses einst so populäre Gericht ist aus deutschen Küchen ja fast ebenso vollständig verschwunden wie die Altersunterschiede in der Ehe - manfrau kann es halt nicht tief gefroren kaufen und in die Mikrowelle schieben; aber die meisten Frauen verstehen es ja auch so, ihren Männern das Leben schwer zu machen :-).

Weiter im Film. Unserer Heldin fehlt es als Frau des britischen Botschaftes in Neapel eigentlich an nichts - jedenfalls schreibt sie ihrer nach London zurück gekehrten Mutter, daß sie glücklich sei -, mal abgesehen von dem, was man "Liebe" nennt; aber Dikigoros hat Euch ja nicht umsonst jenen schönen englischen Satz in die Titelzeile gesetzt, mit dem sich im Bett nicht gar so glückliche englische Ehefrauen darüber hinweg tröste[te]n. So weit so gut. Aber wie das so ist, platzt eines Tages die schöne Idylle: Anno 1793 kommt ein gewisser Admiral Nelson nach Neapel mit der Neuigkeit, daß Napoleon England den Krieg erklärt habe. (Jawohl, Neuigkeit, denn damals gab es noch keine Radio- oder Fernseh-Nachrichten; in England kamen zwar schon die ersten mehr oder weniger regelmäßig erscheinenden Zeitungen ["news-letters"] heraus, aber nicht so im "Königreich beider Sizilien".) Er brauche daher dringend italienische Kriegsschiffe und 10.000 Soldaten. (Nicht lachen, liebe Leser, besser italienische Kriegsschiffe und Soldaten als gar keine :-) Emma - die gut mit Maria Carolina, der Frau von König Ferdinand von Neapel, kann - vermittelt und schafft es tatsächlich, ihm das Gewünschte zu besorgen. Logischerweise verlieben sich die beiden denn auch heimlich in einander; aber erstmal kann daraus nicht viel werden, denn der Admiral muß ja wieder in den Krieg ziehen.

Diesmal nur ein paar ganz kleine, aber feine Korrekturen, die Euch, liebe Kinder des 20. Jahrhunderts, aber nicht weiter überraschen dürften, denn Ihr wißt ja - oder solltet es allmählich wissen -, welchen Wahrheitsgehalt "Nachrichten" im allgemeinen und angelsächsischeneudeutsche "News" im besonderen zu haben pflegen, mit oder ohne offizielles staatliches Medienmonopolol. Nicht Hitler hatte im September 1939 Großbritannien den Krieg erklärt, sondern umgekehrt. Pardon, da hat sich Dikigoros im Jahrhundert geirrt; also nochmal richtig: Nicht Napoléon hatte im Februar 1793 England ("Großbritannien" hieß es erst ab 1801 - s.u.) den Krieg erklärt, sondern... nein, nicht umgekehrt, denn Napoléon sollte erst sechs Jahre später an die Macht kommen (dazu unten mehr), sondern England hatte Frankreich auch ohne den bösen Diktator den Krieg erklärt (genauso wie es Deutschland 1939 auch ohne den bösen Diktator Hitler den Krieg erklärt hätte - ein Vorwand hätte sich im Nachhinein immer finden lassen), weil es fürchtete, die Koalition aus Preußen, Österreich, Sardinien und noch ein paar Pisselstaaten könnte Frankreich sonst unterliegen; deshalb nötigte England auch Neapel zum Kriegseintritt (und Spanien und Portugal; behaltet das bitte im Hinterkopf, falls Ihr mal irgendwo lesen solltet, daß Napoléon später die Iberische Halbinsel völlig unmotiviert "überfallen" habe, so wie Hitler knapp 150 Jahre später gewisse "neutrale" Staaten).

Zurück zum Film. Fünf Jahre später - 1798 - kehrt Nelson zurück nach Neapel, zwar um Ruhm und Geld reicher, aber dafür um einen Arm und ein Auge ärmer. Lady Hamilton nimmt den Versehrten - der vor ihr zusammen bricht - in ihrem Haus (bzw. dem ihres Ehemannes) auf und pflegt ihn hingebungsvoll gesund; er gesteht ihr seine Liebe. Dummerweise ist auch sein Stiefsohn Josiah in Neapel, dem das alles nicht verborgen bleibt; und der schreibt seiner Mutter - Nelsons Frau ist ebenso wie er selber zum zweiten Mal verheiratet - einen entsprechenden Brief über "that Hamilton woman" (danach ist der Filmtitel gewählt). Auch Lord Hamilton macht seiner Frau eine Szene; aber das Problem scheint sich zu lösen, als Nelson von der Admiralität nach London zurück beordert wird. In der Sylvesternacht 1799 feiern sie Abschied - so scheint es wenigstens.

Exkurs. Auf Anregung einer Leserin will Dikigoros noch ein paar Worte über diese rührende Szene verlieren. Ja, sie ist sicher ebenso rührend wie die Abschiedsszene zwischen George Armstrong Custer und seiner Libby in They Died With Their Boots On - obwohl es, wie wir gleich sehen werden, ja eigentlich gar keine Abschiedsszene ist, jedenfalls nicht von den beiden, die sich da einen Kuß "über zwei Jahrhunderte hinweg" geben - den für die nächsten anderthalb Jahrzehnte berühmtesten Kuß der Filmgeschichte, bis er von dem zwischen Cary Grant und Grace Kelly in To Catch A Thieve abgelöst wurde. Aber dafür ist es der Abschied von einem Jahrhundert, das Korda da kurz an unserem geistigen Auge vorüber ziehen läßt; und da es ein Jahrhundert ist, über das Dikigoros sonst nicht so viel geschrieben hat, will er das an dieser Stelle ein wenig kompensieren. An wen denkt ein guter Engländer 1940/41, pardon, 1799/1800 da zurück? Zunächst natürlich an Churchills ruhmreichen Vorfahren Marlborough, der den Spanischen Erfolgekrieg - den ersten Weltkrieg der Neuzeit - für England gewann. (Gibraltar, das wichtigste Beutestück aus diesem Krieg - das auch im Zweiten Weltkrieg des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielte - hält Großbritannien bis heute besetzt, als letzte seiner Mittelmeer-Kolonien.) Dann George Washington, der den US-Amerikanern die Unabhängigkeit von den bösen Nazi-Deutschen erkämpfte, d.h. halt, Moment mal, was soll der denn hier? Hatte Nelson gegen den nicht noch Krieg geführt und haßte ihn wie die Pest? Aber nein, liebe Leser, Korda lebte doch anderthalb Jahrhunderte später; und inzwischen sind die US-Amerikaner die wichtigsten Verbündeten der Briten (zwar noch nicht offiziell - da spielen sie die "Neutralen" -, aber inoffiziell schon), da kann man das nicht so eng sehen. Nehmt Washington einfach als Parabel für Roosevelt, dann stimmt es wieder. Dann Louis XVI und Marie Antoinette. Die waren längst tot - der böse HitlerNapoleon hatte sie ermordet, d.h. nein, der nicht, aber immerhin seine Vorgänger - aber wem fällt das schon auf? (Das ist ein bißchen wie mit Carl Ossietzky - wer weiß denn heute noch, daß den nicht erst die bösen Nazis ins Zuchthaus gesteckt haben, sondern bereits die guten Demokraten der "Weimarer Republik", und das aus gutem Grunde? Oder mit Erich Mühsam, von dem die meisten braven BRDDR-Bürger glauben, daß er ein jüdischer "Ultra-Sozialist" war und deshalb von den bösen Nazis ermordet wurde, während er in Wahrheit dem Judentum abgeschworen hatte, ein großer Nietzsche-fan und persönlicher Freund der NS-Brüder Strasser war, den die Weimarer Demokraten zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilten und der sich 1934 mit ziemlicher Sicherheit selber umbrachte.) Emma soll übrigens eine persönliche Freundin von Marie Antoinette gewesen sein und ihr eine Zeit lang als Kurierin für den Briefwechsel mit ihrer Schwester - der Königin von Neapel - gedient haben. Dann "der letzte Stuart". Damit ist "bonny prince Charles" gemeint, der als letzter legitimer Herrscher von Schottland vergeblich versuchte, seine Heimat von den britischen Besatzern zurück zu erobern. Jedenfalls hofften die Engländer, daß es der letzte Versuch wäre. Heute wissen wir, daß dem nicht so ist - die schottische Nationalpartei erstarkt von Jahr zu Jahr mehr, da helfen alle Beschwichtigungsgesten nichts, weder die wiederholte Einsetzung von Schotten als britische Premier-Minister noch die Wahl des typischen Stuart-Namens "Charles" für den Thronfolger noch die - widerwillige - Adelung des schottischen James-Bond-Darstellers Sean Connery durch die englische Königin. (Darf Dikigoros eine ganz ketzerische These wagen? Hätte die schottische Fußball-Natioalelf die fast schon sicher geglaubte Qualifikation zur Europa-Meisterschaft 2008 nicht in letzter Minute noch verspielt, dann wäre spätestens nach deren Stattfinden die Unabhängigkeits-Erklärung Schottlands erfolgt :-) Dann Peter der Große. Nanu - was ging denn der die Engländer an? War der nicht vielmehr ein erklärter Freund der Deutschen? Hatte der nicht das Engagement Englands im Spanischen Erbfolgekrieg dazu genutzt, im Verbund mit Karl XII, dem schwedischen Hitler, Polen zu überfallen? Wohl wahr, liebe Leser, wohl wahr. Na und? Nehmt einfach Peter als Stalin, dann stimmt auch das wieder. Denn obwohl auch der im Verbund mit Hitler Polen (und überdies auf eigene Rechnung das Baltikum und Finnland) überfallen hatte, gaben Churchill & Co. die Hoffnung nicht auf, ihn bald als Alliierten im eigenen Lager begrüßen zu dürfen - und so kam es ja auch. Dann Voltaire - aber über den schreibt Dikigoros schon an anderer Stelle. "Clive von Indien" - nie gehört, liebe deutsche Leser? Nanu, hat Dikigoros darüber noch nichts geschrieben? Das war der, der im "French and Indian War" (den die Deutschen, bevor er aus ihren Geschichts- und Märchen-Büchern getilgt wurde, den "Siebenjährigen Krieg" nannten) Indien für England erobertevon Hitler befreite, nein von Napoleon, nein, auch nicht, aber jedenfalls von den Franzosen - er wurde dafür zum "Sir Robert" geadelt; auch ihn soll Churchill sehr bewundert haben. Wer bleibt noch? "Und Bonapa..." setzt Nelson an; aber da fällt ihm Emma ins Wort: "Und Nelson!"

Das lag also, als der Film gedreht wurde, 140 Jahre zurück. Was glaubt Ihr, liebe Leser, welche acht bzw. neun Personen ein Engländer, der im Jahre 2140 - wenn unser Planet dann noch anders bestehen sollte denn als atomar verseuchte Wüste - auf das 20. Jahrhundert zurück blickt wie einst Nelson auf das 18., aufzählen würde? Kitchener? Haig? Wilson? Tsar Nikolaj und Frau? Prince Charles, den letzten Windsor? Ihren großen Verbündeten Joe Stalin? Kipling? Gandhi von Indien? Ob jemand "und Hit..." durch "und Churchill!" ersetzen würde? Falsch, liebe Leser, völlig falsch, denn England wird dann eine ausschließlich von dunkelhäutigen Muslimen bewohnte Insel sein, auf der nicht nur alle Weißen - und andere Christen - restlos ausgerottet sind, sondern auch ihr Andenken, ebenso das ihrer einstigen Verbündeten. Die genannten Personen werden also vielmehr sein: Der Mufti von Jerusalem, sein großer Verbündeter Hitler, Jinnah von Indien, Martin Luther King von Georgia, Arafat von Palästina, Cassius ClayMuhammad Ali, Khomeini von Persien, und wenn jemand abschließend zu einem "und Saddam Huss..." ansetzen sollte, wird ihm sein vis-à-vis mit einem dezidierten "und Nelson Mandela!" ins Wort fallen. (Wen Dikigoros nennen würde, wenn er Brite wäre? Ganz andere; aber da ihrer aller Lebenswerk bereits am Ende des 20. Jahrhundert zerstört, umgelogen oder sogar schon in Vergessenheit geraten war, lohnt es sich an dieser Stelle nicht, noch eine vollständige Liste aufzustellen - nur soviel, allen politisch korrekten Gutmenschen zum Trotze: Cecil Rhodes, George Patton, George Orwell und Ian Smith wären dabei!) Exkurs Ende.

In London wartet Lady Nelson auf die Heimkehr ihres bejubelten Mannes, als ihr ein Lord der Admiralität mit frostiger Höflichkeit berichtet, daß ihr Mann sich habe beurlauben lassen und dafür eine Frau mit nach England gebracht habe - eben Lady Hamilton. Natürlich gibt das Knatsch, Nelson will die Scheidung; aber die Frauen (beide!) sind dagegen. Seine Frau verläßt ihn, und Emma bekommt ein uneheliches Kind von ihm. Dann erhält sie die Nachricht, daß ihr Ehemann, Lord Hamilton, sein Vermögen verloren habe und darob in geistiger Umnachtung gestorben sei - sie wäre jetzt also frei. Nicht so Nelson: Nicht nur, daß er noch eine Frau hat, sondern er ist ja auch ein guter Patriot, der ständig predigt - auch im Oberhaus (das damals noch mehr Einfluß hat als heute, eher mehr denn weniger als das Unterhaus), daß man unter keinen Umständen Frieden mit dem bösen Diktator HitlerNapoleon schließen dürfe, und das Vaterland braucht ihn nicht nur als Redner, sondern auch und vor allem als Admiral. (Er hat noch kurz die mit Frankreich verbündeten Dänen besiegt, aber dann seinen Abschied genommen.) Lord Hardy von der Admiralität (gespielt von Henry Wilcoxon, den Dikigoros' Leser schon als Richard Löwenherz kennen gelernt haben) wird auf Emma angesetzt, damit sie Nelson überredet, sich reaktivieren zu lassen - mit Erfolg. So kommt es endlich 1805 zur Seeschlacht bei Trafalgar zwischen der britischen Flotte einerseits und der kombinierten französisch-spanischen Flotte andererseits, in der ein siegreicher Nelson den Heldentod findet, nachdem er noch einmal intensiv an sie gedacht hat, wie wir aus dem Munde RichardsHardys erfahren. Damit ist der Krieg gegen Napoleon zwar noch nicht ganz gewonnen, aber eine Vorentscheidung zugunsten Englands ist gefallen, und das war es doch wert - oder? Emma sieht das freilich anders: sie erleidet einen Nervenzusammenbruch. "Und wie ging es dann weiter?" fragt die Mitgefangene. "Danach war nichts mehr," antwortet Emma - und damit endet der Film.

Tja, liebe Leser, von da an ging es bergab mit Lady Hamilton, aber das sind so Kleinigkeiten, auf die derartige Filme bekanntlich allenfalls am Rande eingehen - man muß sich ja schon wundern, daß Korda sie überhaupt als Aufhänger für seine Rahmenhandlung genommen hat. Gehen wir noch einmal zurück nach Neapel. Ja, der alte Lord Hamilton machte gute Miene zum bösen Spiel und gewährte Nelson großzügige Gastfreundschaft, bis er - nicht Nelson! - Ende 1799 dienstlich nach England zurück gerufen wurde. Seine Frau nahm er mit, und Nelson folgte ihnen. Hochoffiziell, versteht sich, denn man konnte doch mitten im Krieg - der inzwischen auch auf Italien übergegriffen hatte - einen alten Diplomaten und seine hilflose Frau nicht ohne Schutz eine so gefährliche Reise unternehmen lassen! Gut, das mochte man mit militärischer Notwendigkeit erklären; schwieriger wird das allerdings mit der Tatsache, daß Nelson mit in ihren Haushalt zog und dort ein munteres ménage à trois aufnahm. Emma Hamilton bekam nicht eine, sondern zwei Töchter von Nelson - Zwillinge. Eine von ihnen schob sie ins Waisenheim ab (wo sie früh verstarb - die traurigen Zustände in englischen Waisenhäusern, wie sie Dickens in "Oliver Twist" geschildert hat, waren nicht die Ausnahme, sondern die Regel!), die andere meldete sie ganz ungeniert als Nelsons Kind an, obwohl ihr Ehemann noch lebte. Und als der letztere starb, tat er das nicht bettelarm und in geistiger Umnachtung - ganz im Gegenteil: Er starb 1803 steinreich an Altersschwäche; zuvor hatte er jedoch noch in voller geistiger Klarheit sein Testament gemacht und seiner Frau eine Rente von gerade mal 100 Pfund jährlich vermacht. (Das entspricht ungefähr einer Kaufkraft von 20.000 Teuros nach der Währungsreform von 2002 - damit kam eine Verschwenderin wie Emma gerade mal von zwölf bis mittags.) Den Rest vermachte er seinem Neffen Charles Granville, der längst nichts mehr von seiner einstigen Geliebten Emma wissen wollte - er hatte anderweitig reich geheiratet.

Emma blieb also gar nichts anderes übrig, als sich künftig von Nelson aushalten zu lassen, zumal sie nun allmählich auf die 40 zuging, ein Alter, in dem sich neue Liebhaber nicht mehr so leicht auftun ließen. Auf den guten Patrioten Nelson und die Seeschlacht bei Trafalgar kommt Dikigoros weiter unten zurück; aber da Korda das thematisiert hat, will er hier wenigstens kurz etwas über seinen "glorreichen Sieg über die dänische Flotte" anno 1801 schreiben. Das war ein britisches Schurkenstück allerersten Ranges: Dänemark war nicht mit Napoleon verbündet, sondern wahrte - dummerweise - strikte Neutralität. Doch die Briten hatten schon lange ein Auge auf das Dänische Reich geworfen - zu dem damals noch Norwegen, Schleswig, Holstein, Helgoland, die Faröer-Inseln, Island, Grönland, einige Inseln in der Karibik und ein paar Orte an der indischen Koromandal-Küste gehörten. (Dreimal dürft Ihr raten, liebe Leser, wem die interessantesten Teile dieses Reiches nach Beendigung der Napoleonischen Kriege 1815 gehörten, ebenso wie die interessantesten Teile des einstigen holländischen Kolonialreichs :-) Also überfielen sie ohne Kriegserklärung Kopenhagen, zerstörten die friedlich im unverteidigten Hafen vor sich hin dümpelnde Flotte und brannten die Stadt nieder - zur Belohnung wurde Nelson zum Viscount erhoben.

Exkurs. Das mit der Belohnung schreibt Dikigoros durchaus nicht cynisch. Es war, militärisch gesehen - und Nelson führte ja nur Befehle seiner politischen Führung aus -, durchaus bemerkenswert, was er da in Kopenhagen geleistet hatte. Dänemark war damals noch eine Seemacht, seine Flottenstärke war beachtlich, und Kopenhagen war mehr oder weniger stark befestigt. Als die Dänen sich vom ersten Schock erholt hatten und begannen, zurück zu schießen, schien es eine Zeit lang, als säßen die britischen Schiffe in der Falle. Nelson erhielt von der Admiraliät den Befehl zum Rückzug, den er indes mißachtete und die Mission erfolgreich zuende führt - dieses eine Mal bewies er auch taktische Fähigkeiten als Offizier der Kriegsmarine. Und glaubt bloß nicht, liebe Leser, dieses SchurkenHusarenstück sei eine Selbstverständlichkeit gewesen; seine Epigonen sollten später an viel größeren Schurkenstücken leichteren Aufgaben ähnlicher Art jämmerlich scheitern. Dikigoros wird gleich den "Krimkrieg" erwähnen, den die Briten gegen Rußland führten, um Sewastopol zu eroberndie Türken auf der Krim von den Russen zu befreien. Gegen Rußland? Na klar, nur gegen Rußland, offiziell jedefalls. Deren Tsar war zwar seit 1809 auch Großherzog von Finnland, aber das blieb neutral. Nein, nicht nur auf dem Papier - es lieferte vielmehr Holz und Teer (kriegswichtige Produkte im Zeitalter der Segelschiffe!) an Großbritannien, ganz offiziell. (Das wundert Euch? Aber wieso denn? Was glaubt Ihr denn, wer die spanischen Besatzungstruppen im Unabhängigkeitskrieg der Niederlande belieferte? Clevere niederländische Kaufleute natürlich - wer sonst? Ganz offiziell, niemand zog sie später zur Verantwortung, denn mit den Erlösen finanzierten die Niederlande schließlich ihren Krieg! Die Deutschen bezahlten [un]bekanntlich noch bis Anfang 1945 - über Schweizer Banken - die Zinsen auf ihre Reparations-Anleihen der 1920er Jahre an die USA!) Dennoch begab sich im Frühjahr 1854 ein kleines britisches Geschwader - dessen Fregatten so bezeichnende Namen wie "Odin" und "Vulture [Geier]" trugen- in den Bottnischen Meerbusen, überfiel die finnischen Städtchen Oulu und Raahe und machte sie dem Erdboden gleich. Kunststück - sie waren nicht verteidigt. Auf dem Rückweg kamen die an dem 1.000-Seelen-Fischerdorf Kokkola (bis 1809 Karleby) vorbei und wollten ihm ein gleiches antun. Aber die Einwohner dort waren gewarnt worden und auf Zack: Sie hatten sich zwei alte Kanonen besorgt, und als die Briten mit neun Sturmbooten zum Angriff schritten, schossen die Schweden (ausweislich der überlieferte Namen waren keine Finnen beteiligt) sie zusammen. Acht entkamen; eines kaperten sie - und das steht noch heute als Museumsstück im Park von Kokkola, da sie sich erfolgreich weigerten, es nach Kriegsende an die Engländer zurück zu geben. (Es gibt Historiker, die glauben, daß diese Weigerung bzw. die Erinnerung an diese peinliche Blamage der Grund gewesen sei, weshalb die Briten Finnland im Winterkrieg 1939/40 nicht gegen Stalin unterstützen; aber das hält Dikigoros mit Verlaub für ein Märchen.) Im Frühjahr 1940 versuchten die Briten erneut ein ähnliches Schurkenstück, diesmal wieder etwas weiter westlich; aber NapoleonHitler kam ihnen um wenige Stunden zuvor; willfährige Geschichtsklittererpolitisch-korrekte Historiker bezeichnen die "Operation Weserübung" - bei der in Kopenhagen übrigens niemandem ein Haar gekrümmt wurde, kein einziges Gebäude und kein einziges Schiff beschädigt wurde, ebenso wenig wie im restlichen Dänemark - heute als "deutschen Überfall auf Skandinavien". Dagegen gelten der kurz darauf erfolgte Überfall der Briten auf Narvik - das sie, wie seinerzeit Kopenhagen, Oulu und Raahe dem Erdboden gleich machten, als "Schutzmaßnahme". (Ebenso übrigens die militärische BesetzungBefreiung Islands, das sie bald darauf an die - offiziell noch "neutralen" - USA weiter reichten.) Aber es gibt noch eine weitere Parallele, die diesen Exkurs rechtfertigt: Wie Nelson sich 1801 dem Rückzugsbefehl seiner Admiralität widersetzte, als die Lage scheinbar aussichtslos war, so widersetzte sich auch General Dietl, als die Briten 1940 mit weit überlegenen Kräften in Narvik landeten, Hitlers Befehl, sich mit seinem nur leicht bewaffneten Gebirgsjäger-Regiment nach Schweden zurück zu ziehen und dort internieren zu lassen, und verteidigte statt dessen seine Stellungen erfolgreich bis zur letzten Patrone. (Es gibt Historiker, die glauben, daß Hitler erst durch diese für ihn peinliche Blamage die "Strategie" entwickelte, jeden Quadratmeter Boden "bis zur letzten Patrone" verteidigen zu lassen, statt seine Generäle flexibel reagieren zu lassen, was sich vor allem im Rußlandfeldzug so verhängnisvoll auswirkte; aber das hält Dikigoros mit Verlaub für ein Märchen.) Exkurs Ende.

Als Nelson gefallen war, hatte Emma Hamilton zum zweiten Mal Pech in Sachen Erbschaft: Nelsons gesetzliche Erben bezeichneten seine von ihr vorgelegten Schriftstücke, in denen er ihr einiges vermachte, als Fälschung, so daß sie wieder leer ausging. Nun dauerte es nicht mehr lange, bis sie erst im Schuldturm landete - nicht im Gefängnis, weil sie eine Flasche Schnaps gestohlen hatte, sondern weil sie in der Hoffnung auf Nelsons Vermögen 'zigtausende Schulden gemacht hatte, die sie nun nicht zurück zahlen konnte - und dann in der Gosse, wo sie schließlich im Alter von noch nicht 50 Jahren verendete. (Passenderweise in Calais, das bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts hinein britisch war und nur ca. 40 km westlich von Dünkirchen lag, wo die Briten Dank NapoleonsHitlers Dummheit die Niederlage im Zweiten Weltkrieg abwenden konnten.) Amen.

* * * * *

Doch dieser Bericht soll nicht in erster Linie von Lady Emma Hamilton handeln - wenn sie wirklich die wichtigste Person in jenem Film gewesen wäre, hätte Churchill ihn bestimmt nicht zu seinem Lieblingsfilm erklärt. (Auch wenn einige Biografen behaupten, das habe nur daran gelegen, daß er ein persönlicher Freund Kordas und ein großer Fan der Leigh war - aber von denen gab es viele Filme, da hätte er sich nicht auf diesen zu kaprizieren brauchen. Daß Korda Churchill sogar einen Teil des Drehbuchs [um]schreiben ließ, hält Dikigoros übrigens für ein Märchen. Anno 2011 stellte ein boshafter Kritiker des Guardian anläßlich des 70. Jahrestags der Erstausstrahlung gar die These auf, Churchill habe den Film nur deshalb über 100mal angeschaut, weil die zweite Hälfte so langweilig sei, daß er darüber jedesmal einschlief, bevor er ihn zuende gesehen hatte, und verpaßte ihm - dem Film, nicht Churchill - das Prädikat "C", drittklassig.) Nein, Vivien Leigh war und ist in den Köpfen und Herzen des Kino-Publikums als Scarlett O'Hara in Selznicks Verfilmung von Margaret Mitchells "Gone With the Wind [Vom Winde verweht]" (der Film war 1939, also zwei Jahre vor diesem, erschienen) so fest verwurzelt, daß eine anderweitige Prägung nicht mehr möglich war. (Außerdem gab und gibt es von Emma Hamilton so viele bekannte historische Portraits, daß wahrscheinlich auch keine andere, "unverbrauchte" Schauspielerin dagegen angekommen wäre, insofern war das eine undankbare Rolle.) Dagegen hatte ihr Ehemann Laurence Olivier (sie waren frisch verheiratet und damals wohl noch glücklich; über das spätere Drama ihrer Ehe - die ähnlich unglücklich enden sollte wie die Beziehung zwischen Horatio und Emma - zu schreiben überläßt Dikigoros anderen) zwar auch schon einige Rollen gespielt, aber keine, mit der ihn das Publikum dauerhaft identifiziert hätte - es war einfach keine historische Persönlichkeit dabei; und es ist ja oft so, daß ein Schauspieler auf seine erste große Rolle festgelegt wird. Laurence Olivier hat überhaupt nur wenige historische Persönlichkeiten gespielt (auf die Dikigoros im Nachtrag kurz eingeht); meist waren es literarische Figuren, wie der Heathcliff in "Wuthering Heights" und die großen Rollen in den Shakespeare-Verfilmungen; und Lord Byron, den er in "Lady Caroline Lamb" spielte (eine bemerkenswerte Parallele zu diesem Film: wieder spielt die Frau die Titelrolle!) war halt nur ein Literat...

[London, Trafalgar Square, Nelson Column]

Nelson dagegen war eine historische Figur - und was für eine: Wäre er nicht Berufssoldat gewesen, er hätte das Zeug gehabt, Großbritanniens Nationalheld zu werden (aber das ist eine andere Geschichte). Jeder kennt ihn, selbst Nichtbriten. Jeder hat schon mal von der Schlacht von Trafalgar gehört, jeder der schon mal in London war hat am Trafalgar-Platz die Säule gesehen, auf deren Spitze sein Denkmal steht - leider so weit weg, daß lange Zeit niemand so recht wußte, wie er eigentlich aussah. [Die Portraits, die ihn als jungen Kapitän zeigen, sind zwar zeitgenössisch, aber nicht authentisch; zur Zeit ihrer Entstehung befand sich Nelson durchweg auf hoher See, und die Maler back home in England. Erst recht gilt das für die späteren Darstellungen - oder glaubt Ihr im Ernst, Nelson hätte, während im Hintergrund die Seeschlacht tobte, Muße gehabt, auf einen Felsen zu klettern und sich dort ein paar Stunden malen zu lassen? Dalli-klick gab es noch nicht!] Noch 1918, als man Werbeplakate für Kriegsanleihen mit seinem Konterfei zieren wollte, behalf man sich mit einem Gemälde, das ihn mehr durch die Uniform kennzeichnete als durch das nichtssagende Gesicht. Seit 1941 weiß man es endlich besser: Er sah aus wie Laurence Olivier!

[englisches Werbeplakat für Kriegsanleihen 1918]

Nun kann man Menschen ja nicht nur anhand ihrer Bildnisse identifizieren. Es gibt viel sicherere Methoden - das wissen wir spätestens seit Einführung des Daumenabdrucks zu "erkenntnisdienstlichen Zwecken" (neuerdings auch auf den Ausweispapieren unbescholtener Bürger, weil das Volk, pardon, diese fascistoïde Vokabel darf ja seit 1945 nicht mehr benutzt werden, sonst schlägt gleich das "Nazometer" aus, weil also die Bevölkerung im Generalverdacht steht, Widerstand gegen ihre Unterdrückerdemokratisch gewählten Vertreter leisten zu wollen; da müssen alle Untertanen - und selbstverständlich auch alle Untertaninnen, wir wollen uns doch einer politisch-korrekten Ausdrucksweise bedienen! - gleich als potentielle Straftäter[innen] behandelt werden). Als Dikigoros begann, Schriftvergleichung zu studieren (wie fleißige Leser aus einem anderen Kapitel dieser "Reise durch die Vergangenheit" schon wissen, war das früher an einigen deutschen Universitäten noch möglich), überraschte seine Dozentin ihre Studenten mit zwei Schriftproben und der Aufgabe zu erraten, wer deren Verfasser waren. Nun ist es aus psychologischer Sicht (die Veranstaltung fand am Fachbereich Psychologie statt) bisweilen hilfreich, Anfängern Aufgaben zu stellen, die sie unmöglich lösen können - nicht um ihnen zu zeigen, wie dumm sie sind, sondern um ihnen ein Ziel aufzuzeigen, das sie am Ende ihrer Ausbildung erreichen können. Es ist schon allgemein schwierig (nicht nur für Anfänger), die Urheber von Handschriften zu erraten, zumal wenn die Unterschrift entfernt ist, aber erst recht, wenn sie nur teilweise entfernt ist und ein irreführender Rest stehen bleibt. Beide Schriftproben waren in englischer Sprache; die eine sah eigentlich ganz normal aus - wohl irgendwann im 18. oder 19. Jahrhundert von einem Mann mittleren Alters verfaßt. Die andere - ach du Schreck, war da ein besoffenes Huhn (die Schrift war auffallend linksschräg) mit schmutzigen Krallen über's Papier getorkelt, ohne Punkt und Komma? Aber immerhin stand eine Anrede drüber und der Teil einer Unterschrift drunter: "Meine Teuerste geliebte Emma die teure Freundin meines Busens..." und "... Brontë". Emma Brontë? Richtig, die hatte doch "Wuthering Heights" ['Stürmische Höhen', ungenau auch schon mal als 'Sturmhöhen' übersetzt] geschrieben; eigentlich kannte Dikigoros ihren Namen ja als "Emily" - aber das war wohl die Koseform; die Schreiberin mußte folglich eine ihrer beiden Schwestern sein. Im ansonsten schlecht lesbaren Text war weiter unten noch von einer gewissen "Horatia" die Rede - weiß der Geier, wer das war, jedenfalls nicht die Schreiberin.

Die richtige Lösung sah jedoch zur allgemeinen Verblüffung ganz anders aus: Beide Schriftproben stammten vom selben Urheber, einem Mann, der im Alter von 39 Jahren seinen rechten Arm verloren und daraufhin gelernt hatte, mit Links zu schreiben (daher die Linksschräge), was einer ungeheuren Energie und Willensanstrengung bedurfte, denn damals wurde noch streng darauf geachtet, daß man mit rechts schrieb (wenn man denn überhaupt lesen und schreiben lernte), und im fortgeschrittenen Alter fiel die Umstellung umso schwerer. Wenn man es wußte - und vor allem wenn man wußte, woran man solche und andere Eigenschaften in einer Handschrift erkennt - konnte man tatsächlich sehen, daß beide Schreiben vom selben Urheber stammten, mochte auch das äußerliche Schriftbild, d.h. die Form der Buchstaben, auf die der Laie immer zuerst achtet, noch so verschieden sein. Der Schreiber war Admiral Lord Nelson, Herzog von Brontë (einem Duodez-Fürstentum in Sizilien, das ihm der König von Neapel ehrenhalber verliehen hatte); die Adressatin war Lady Hamilton (deren Vorname Emma den meisten heutigen ebenso unbekannt ist wie die des Admirals - Horatio - oder der ihrer Zeitgenossen Germaine de Staël und George Gordon Byron, die man in der Regel nur nach ihrem Stand nennt: Lady, Lord, Madame [ein Titel, der - ebenso wie "Monsieur" - ursprünglich nur Angehörigen des Königshauses zustand, später auch anderen Adeligen; Frau von Staël war Baronin] - eigentlich merkwürdig im Zeitalter der Demokratie und der Emanzipation, oder?); Horatia war ihre gemeinsame Tochter.

Aber beginnen wir ganz oben mit dem ersten Satz der Überschrift, den jeder Leser sicher schon einmal gehört oder gelesen hat, denn er wird immer wieder zitiert als die letzten Worte Nelsons an seine Mannen vor der Schlacht von Trafalgar. Aber das stimmt so nicht - das Zitat stammt weder von Nelson noch aus irgend einer Rede. Richtig ist allein, daß es mit der Schlacht von Trafalgar zu tun hatte. Kurz bevor dieselbe begann, wollte der Admiral nämlich noch einen Funkspruch, pardon ein Flaggensignal an seine Kapitäne los werden folgenden Inhalts: "England confides that every man will do his duty". [England vertraut darauf, daß jeder Mann seine Pflicht tun wird.] Nun ging es seinem Signal-Offizier, einem gewissen Pascoe, aber wie Professor Knobel in "Schtonk": Er fand das Zeichen für "confides" (typische Kirchensprache - da kam der Pfarrerssohn durch :-) nicht im Signalbuch und schlug daher vor, es durch "expects" [erwartet] zu ersetzen. Auch "Duty" fand er nicht - und das findet Dikigoros merkwürdig. Aber er ist geneigt, das so zu erklären wie einer von Nelsons Kapitänen, der gesagt haben soll: "Was will der Alte denn mit dem Unsinn? Jeder Mann weiß doch, daß er seine Pflicht zu tun hat!" Es stand also deshalb nicht im Signalbuch, weil Pflichterfüllung eine Selbstverständlichkeit war, die keines eigenen Signals bedurfte - und folglich mit vierfachem Aufwand buchstabiert werden mußte. Die Pflicht eines jeden Mannes war es, sich fürs Vaterland tot schießen zu lassen - nicht umsonst lautete der Wahlspruch der Kriegsmarine von Alters her: "Dulce et decorum est pro patria mori". (Nelson nahm sie auch selber sehr ernst: Er präsentierte sich in voller Admiralsuniform mit allen Orden mitten auf dem Achterdeck - ein prächtiger Anblick. Das fanden auch die französischen Scharfschützen und knipsen ihn ab.)

Nicht, daß nur die Männer in die Pflicht genommen worden wären; aber die Pflicht einer jeden Frau war eine andere, der des Mannes genau entgegen gesetzte: Sie hatte nicht fürs Vaterland zu sterben, sondern ihm Leben zu schenken - entweder Knaben als Kanonenfutter oder Mädchen, die ihrerseits wieder die Augen schließen und an England denken sollten. Deshalb ist der zweite Satz in der Überschrift durchaus kein blöder Spruch, sondern er war bitterer Ernst - nur unwissende, dumme Gänschen können heute darüber lachen. Und auch wenn moderne Boulevardblätter sich über die "Sex-[Vermeidungs-]Tips" einer gewissen Ruth Smythers aus dem Jahre 1894 - neu aufgelegt anno 2008 - mokieren: Die Autorin hatte schon Recht, denn Geschlechtsverkehr, Schwangerschaft und Kindergebären waren unbequeme, schmerzhafte und gefährliche Angelegenheiten. Noch im 19. Jahrhundert war der "natürliche" Tod eines Mannes der im Krieg (was nicht unbedingt gleichbedeutend war mit dem glorreichen Heldentod auf dem Schlachtfeld; die meisten starben ziemlich jämmerlich nach einer Verwundung unter dem Messer der Kurpfuscher, an Wundbrand oder an anderen Krankheiten, die das Kriegslager mit sich brachte) und der einer Frau der im Kindbett. (Als ein gewisser Dr. Semmelweis auf die abwegige Idee kam, Ärzte und Hebammen sollten sich, bevor sie an einer gebärenden Frau herum pfuschten, die Hände in gechlortem Wasser waschen, lachte man ihn bloß aus; und als er fortfuhr, diese seine Empfehlung öffentlich auszuposaunen, steckte man ihn kurzerhand in die Irrenanstalt, wo er 1865 verreckte.) Und im Grunde genommen gilt das heute noch, wenn man/frau nicht gerade in Mitteleuropa oder in Nordamerika lebt. (Denkt nur mal an die vielen Problemgeburten, die heutzutage leichthin mittels Kaiserschnitt gelöst werden - bis Ende des 19. Jahrhunderts bedeutete der den sicheren Tod der Frau und wurde nur dann vorgenommen, wenn klar war, daß sonst Mutter und Kind gestorben wären. [Nein, Dikigoros weiß schon, daß der Prozentsatz der Kaiserschnitte in westlichen Ländern heute auch deshalb so hoch ist - fast 30% -, weil die Ärzte und Krankenhäuser daran deutlich mehr verdienen als an einer normalen Geburt und ihn deshalb auch dann durchführen, wenn er eigentlich gar nicht notwendig wäre; aber trotzdem... es werden immer mehr.]) Ach, liebe Leser[innen], Ihr seid anderer Meinung? Ihr glaubt, es sei "natürlicher", an Herzverfettung, AIDS oder Säuferleber zu sterben, und Kinder brauche man gar nicht mehr so viele, weil wir ja heute alle so viel gesünder sind und älter werden? Täuscht Euch nicht. Das statistische Lebensalter ist zwar gestiegen, aber das liegt allein daran, daß die Männer kaum noch in den Krieg ziehen und die Frauen kaum noch Kinder bekommen. (Wenn im 19. Jahrhundert ein Mensch erst die Kinderkrankheiten über- und dann als Mann die Ausmusterung bzw. als Frau die Wechseljahre erlebte, konnte er schon damals uralt werden. Wahrscheinlich waren die Menschen damals sogar [über]lebensfähiger als wir, trotz - oder wegen - der weniger reichlich vorhandenen Nahrungs- und Genußmittel und der umso zahlreicheren Krankheiten, die sie durchmachen mußten und gegen die wir heutigen nicht mehr immun sind; genetisch gesehen ist es um unsere Volksgesundheit wesentlich schlechter bestellt, darüber können all die schönen Mittelchen, die uns die Farmazie auftischt, nicht hinweg täuschen. Und wartet mal ab, was für minderwertige Schwächlinge erst die Klon-Menschen werden, deren Erbmasse nicht mehr aus zwei Gensätzen gekreuzt wird, wie dies in der Natur aus gutem Grunde geschieht, sondern nur noch aus einem einzelnen dupliziert...) Ihr meint, liebe Angehörige der westlichen Zivilisation, das sei der Fortschritt, und das sei auch gut so? Und Ihr schaut mit Verachtung hinab auf die primitiven Gesellschaften in Afrika, Lateinamerika und Asien, wo die alten Regeln der Natur mit ihrem "unmenschlichen" Selektionsdruck noch immer gelten? Ihr meint, es sei grausam, wenn so viele Kinder geboren werden, nur um wieder zu sterben, weil sie nicht zu den Stärksten zählen, die überleben? Ihr meint, es sei besser, nur wenige Kinder zu bekommen und diese wenigen mit allen Mitteln durchzubringen, egal wie [erb]krank und schwach sie sind? Der [Gen-]Doktor wirds schon richten? Dann wartet mal ab, wie lange das gut geht, und welche Gesellschaftsform am Ende überlebt! Darf Dikigoros eine Prognose wagen? Die Primitiven werden überleben, denn sie werden ihre Geburten-Überschüsse bei Euch abladen, und wenn weder Eure von "moralischen" Skrupeln geplagten Männer sich aufraffen, die Eindringlinge hinaus zu werfen (d.h. im Zweifel, Krieg gegen sie zu führen und sie zu töten) noch Eure "emanzipierten" Frauen, mit eigenen Kindern dagegen zu halten (und auch das sieht Dikigoros nicht), sondern statt dessen für die Eindringlinge arbeiten gehen, um denen genügend Sozialhilfe zahlen zu können, dann werden die Euch verzärtelte, humanitätsduselige Narren binnen weniger Generationen an die Wand gedrückt und ausgerottet haben, denn die haben keine Skrupel, sondern das urtümliche, gute Gewissen der Wilden.

Aber im 18. Jahrhundert war das noch anders - nicht umsonst eroberten die Europäer in der Neuzeit mit ihren Geburten-Überschüssen fast die ganze Welt. Nelsons Mutter bekam ein knappes Dutzend Kinder (vielleicht auch mehr; früh gestorbene Kinder wurden oft gar nicht mit gezählt, die nachgeborenen bekamen ihre Namen noch einmal), die zwar durchweg "schwach auf der Brust" waren, aber etwa die Hälfte kam durch; als jedoch ihr fünfter Sohn Horatio neun Jahre alt war, starb sie bei der Geburt einer Tochter im Kindbett. Nelsons Vater, ein biederer Pfarrer und Rektor der Sonntagsschule in Norfolk (das ist der nördliche Teil von Kent, wo es fast immer windig, kalt und regnerisch ist - das typische England) entfloh den Pflichten des Alleinerziehenden immer häufiger durch mehr oder weniger ausgedehnte Kuraufenthalte im schönen Bath an der Westküste. Wer hätte wohl einen Pfifferling darauf gegeben, daß aus seinen Kindern mal etwas würde, zumal in der Marine? Konnte man da im aristokratischen Europa nicht nur dann etwas werden, wenn man von Adel war oder Geld hatte? Im Prinzip ist das richtig; aber nun kommt eine britische Besonderheit ins Spiel. Habt Ihr mal von "Parkinson's Law" gehört, liebe Leser? Sicher, das Gesetz von der wundersamen Selbstvermehrung der Bürokratie. Aber das ist nur ein Kapitel aus seinem kleinen Meisterwerk (einem der wenigen Bücher, ob deren Lektüre im Original es schon lohnen würde, die englische Sprache zu erlernen, wenn es sonst keine Gründe gäbe); ein weiteres Kapitel mit der eigentlich nichtssagenden Überschrift "Die kurze Liste" handelt von den Prinzipien der Personal-Auswahl. Parkinson unterscheidet zwischen der "chinesischen" Methode, die sich inzwischen weltweit durchgesetzt hat (man läßt die Kandidaten schöngeistige Aufsätze schreiben) und der - ungleich erfolgreicheren - englischen Methode, die seinerzeit dazu führte, daß England zur Weltmacht wurde: Wenn jemand sich z.B. bei der Marine bewarb, fragt man ihn, welche Verwandten von ihm da schon tätig seien. Nelson hätte anworten können: "Mein Onkel Moritz war Kapitän im Siebenjährigen Krieg, und mein älterer Bruder, auch Moritz, arbeitetet als Sekretär im Marine-Ministerium." Das mag Euch als Nepotismus erscheinen, liebe Leser, aber das war es nicht. Nepotismus ist, wenn jemand einem Verwandten irgendeine Pfründe zuschanzt, für die er nicht zu arbeiten braucht (z.B. gut bezahlter "Frühstücks-Direktor" in einem Staatsunternehmen), nicht aber, wenn man jemandem einen Job gibt, der durch genetische Verwandschaft und Erziehung im familiären Umfeld Eigenschaften und Fähigkeiten erworben hat, die für eine ganz bestimmte Tätigkeit von Vorteil sind. (Und wenn das doch "Nepotismus" ist, dann ist gegen diese Form des Nepotismus nicht viel zu sagen - die Parteibuch-Protektion von heute ist jedenfalls zehnmal schlimmer.)

Nelson war aber nicht nur mit Käptn Suckling (dem älteren Bruder seiner Mutter) verwandt, sondern der war auch just reaktiviert worden (man hatte sein altes, schon abgetakeltes Schiff, die "Raisonnable", wieder entmottet, genauer gesagt entwurmt und entmuschelt, weil Krieg drohte, und ihm wieder das Kommando gegeben), als Nelson 12 Jahre alt war, und so kam er zu ihm als Kadett. Richtig, d.h. im Gefecht eingesetzt wurde der alte Pott zwar nicht mehr, aber für die Ausbildung eines Kadetten war er gut genug. Es war ein verdammt hartes Brot, im Zeitalter der Segelschiffe zur See zu fahren, zumal als Kind (Nelson soll selbst für einen 12-jährigen ungewöhnlich klein und schmächtig gewesen sein); davon können sich die 18-19-jährigen Schlipssoldaten, die heute als Offiziers-Anwärter zur Marine gehen, dort immer gut verpflegt werden, sich kaum noch die Hände schmutzig machen müssen und deren größte Sorge es ist, jeden Tag pünktlich Feierabend zu machen und das Wochenende bei Muttern oder der Braut zu verbringen, gar keine Vorstellung mehr machen. Nelson fuhr aber nicht nur auf Schiffen der Kriegsmarine, sondern auch auf Handelsschiffen und nahm sogar an einer Polar-Expedition teil. Als er 18-jährig (mit Hilfe gefälschter Papiere, denn von Rechts wegen hätte er mindestens 21 sein müssen) die Leutnants-Prüfung ablegte, hatte er schon die Welt gesehen, von der Karibik bis Indien. Nun ja, jedenfalls die Hafenstädte: Bombay, Madras, Calcutta... (Er wäre dort fast drauf gegangen, denn er erkrankte an einer der vielen Tropenkrankheiten - die meisten Biografen nehmen an, daß es Malaria war.) England hatte gerade den Siebenjährigen Krieg gewonnen, in dem es Frankreich das Ohiotal und Kanada (also praktisch Nordamerika) und Indien entrissen hatte. Ohne es zu wissen, stand es damals auf dem Höhepunkt seiner Macht, denn jenes erste Kolonialreich war ungleich wertvoller als das zweite, das sich die Engländer nach dem Verlust ihrer nordamerikanischen Kolonien (die sich als "Vereinigte Staaten von Amerika" für unabhängig erklärten) vornehmlich in Afrika zusammen raubten. Ja, raubten, denn es ist ein Unterschied, ob man irgendwo eigene Siedler hin schickt, die dort etwas aufbauen (also echte "Kolonisten", denn "colon" bedeutet Bauer!), oder ob man eine Gegend nur unterwirft, um sie von ein paar so genannten "Kolonial"-Beamten verwalten und ausplündern zu lassen. Das erste britische Kolonialreich war wertvoll wegen seiner Menschen; das zweite war wertlos, denn die Bodenschätze hätte man auch ausbeuten können, ohne sich als "Kolonialherren" aufzuspielen, und die Menschen... na ja.

Das Instrument, mit dem England fast die halbe Welt eroberte, war seine Flotte - worüber man sich nur wundern kann, wenn man sieht, gegen welche Konkurrenz sie anzukämpfen hatte. Nein, Dikigoros meint nicht die spanische Flotte im 16. Jahrhundert (gegen die es trotz der in ihren Auswirkungen weit überschätzten Vernichtung der Armada anno 1588 nicht ankam, sonst wäre Lateinamerika nicht spanisch bzw. portugiesisch geworden), auch nicht die holländische im 17. Jahrhundert (über die er an anderer Stelle schreibt), sondern die französische in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Franzosen hatten aus ihrer Niederlage im Siebenjährigen Krieg gelernt und nicht nur die beste Armee, sondern auch die beste Flotte der Welt geschaffen, mit den besten Werften, den besten Schiffen, den besten Kanonen, den besten Offizieren und Mannschaften ihrer Zeit. Damit war ihnen denn auch die Revanche gelungen; denn nichts anderes war der amerikanische Unabhängigkeitskrieg. Es gibt eine merkwürdige Duplizität der Ereignisse: So wie 1944 die Amerikaner praktisch im Alleingang die Franzosen von den Deutschen "befreiten" und sich De Gaulle anschließend aufspielte, als hätte er etwas Entscheidendes dazu beigetragen, so "befreiten" 1782 die Franzosen praktisch im Alleingang die Amerikaner von den Engländern, und anschließend spielte sich Washington auf, als habe er etwas Entscheidendes dazu beigetragen. (Beide Hochstapler wurden übrigens vom dummen, pardon dankbaren Volk zum Präsidenten gewählt.) Die Engländer sahen freilich die Tragweite jener Niederlage noch nicht. So wie die holländischen Pfeffersäcke ein gutes Jahrhundert zuvor noch geglaubt hatten, ein gutes Geschäft zu machen, als sie Neu Amsterdam (das heutige New York - nicht nur die Stadt, sondern den ganzen Staat, Nova Belgia) gegen Surinam eintauschten (einen moskitoverseuchten Streifen Sumpfland an der Küste Guyanas), so empfanden auch die Engländer diese blöden Tabakpflanzer in Neuengland nur als lästige, aufmüpfige Untertanen, die nicht halb so gefährlich waren wie die Iren, die gleichzeitig versuchten, ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen. Die ersteren ließ man gehen - weg mit Schaden -, aber die letzteren schlug man kräftig aufs Haupt, schaltete sie gleich und errichtete bald darauf den Einheitsstaat "Groß-Britannien". (Mit dem letzten Satz, liebe deutsche Leser, dürft Ihr Dikigoros unter keinen Umständen zitieren; Ihr müßt vielmehr das so darstellen, was 137 Jahr später in Mitteleuropa geschah; denn als der böse Nazi Hitler anno 1938 die unabhängige, gut-demokratische Republik Österreich gewaltsam annektierte, um "Groß-Deutschland" zu schaffen, waren ausweislich der Volksabstimmung, die man darob durchführte, immerhin fast 2% der Bevölkerung dagegen. Ganz anders die Vereinigung Irlands mit England anno 1800: Die erfolgte völlig freiwillig; das war so offensichtlich, daß man nicht mal eine Volksabstimmung durchzuführen brauchte, denn das Ergebnis wären glatte 100% gewesen - für wen? Das sollt Ihr doch gerade nicht wissen, schon danach zu fragen wäre politisch-unkorrekt; also haltet schön den Mund!) Und was die überseeischen Besitzungen anbelangte: Nelson war (wie der größte Teil der englischen Flotte) die meiste Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges damit beschäftigt, in der Karibik (die man noch immer "West Indies" nannte, nach dem großen Irrtum des Kolumbus) gegen die Franzosen zu kämpfen, um Jamaica zu verteidigen, Haïti zu erobern und die Bahamas zurück zu gewinnen - jede einzelne dieser Inseln hielt man für wertvoller als alle Neuengland-Kolonien zusammen.

Auch die Franzosen erkannten die Bedeutung Nordamerikas wohl noch nicht; es dürfte ihnen in erster Linie um das Prestige gegangen sein, England geschlagen zu haben, denn sie machten keinerlei Anstalten, Kanada zurück zu erobern (was sie ohne weiteres gekonnt hätten). Ein unangenehmer Nebeneffekt war, daß dieser Prestigeerfolg viel Geld gekostet hatte, und so hatte der unfähige Finanzminister von Gerhard I, ein gewisser Eichel (der war zwar nicht der Vater des Euro - den gab es schon länger, auch wenn die einfachen Untertanen ihn noch nicht auf Münzen und Geldscheinen zu Gesicht bekommen hatten -, aber unter ihm wurde er zum Teuro), den Staat an den Rand des Ruins gewirtschaftet. Pardon, da hat sich Dikigoros doch schon wieder im Jahrhundert geirrt. Nein, es war der unfähige Finanzminister von Ludwig XIV, ein gewisser Necker (der war zwar nicht der Vater des Ecu - den gab es schon länger, auch wenn die einfachen Untertanen die großen Silbermünzen, die so hießen, meist nicht zu Gesicht bekamen; die rechneten noch in kleinen Kupferstücken, in Denaren [denier], von denen zwölf auf einen Solidus [sol, Mehrzahl sous] gingen und 240 auf ein Pfund [livre] - ältere Leser werden das Währungssystem wieder erkennen, das einmal als "typisch britisch" galt: 1 lbs. = 20 s. = 240 d. -, und erst sechs Pfund, also 1.440 Kupferstücke, galten einen Ecu -, sondern nur der Vater der bereits erwähnten Germaine de Staël, aber unter ihm wurde er zum Teuro), der den Staat an den Rand des Bankrotts gewirtschaftet hatte. (Ja ja, liebe Professoren für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, es war auch die Mißernte von 1788, die zur Inflation führte; aber Mißernten gab es immer mal wieder, daran allein lag es nicht!). Also mußte der König das Parlament einberufen, um sich noch mehr Steuern bewilligen zu lassen (dabei lagen die ohnehin schon bei fast einem Fünftel der heutigen Steuern und Sozialabgaben, also hart an der Grenze des Zumutbaren), was wiederum zur Französischen Revolution von 1789 und letztlich zu seiner Enthauptung führte. (Man wünschte sich, es würde bei Frankreichs Nachbarn ebenso enden :-) Es stimmt zwar nicht, daß die Franzosen damals schon den Spruch "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" auf ihre Fahnen schrieben (das sollten sie erst 1848 tun, aber das ist eine andere Geschichte), doch sie mißbrauchten bereits den Begriff der Gleichheit für ihre Gleichmacherei; und wie ein britischer Nelson-Biograf süffisant schrieb: Sie glaubten allen Ernstes, dieses Prinzip auf die Seefahrt und zumal auf die Kriegsmarine anwenden zu können. Wie dem auch sei, die - zumeist adeligen - Offiziere wurde ermordet oder zur Flucht genötigt (viele flohen ausgerechnet nach England), die Schiffs-Besatzungen taten was sie wollten, die Werftarbeiter auch (und sie wollten am liebsten nichts tun - die Sorte soll es auch heute noch geben :-), und so kam die französische Marine binnen kurzer Zeit völlig auf den Hund.

In diese Lücke stießen die Engländer eiskalt, pardon, ganz cool sagt man ja heute. Nicht, daß ihre Kriegsmarine besser gewesen wäre, aber sie war weniger schlecht. Damals suchte man die Schiffs-Besatzungen noch in Hafenspelunken, Bordellen und auf der Landstraße zusammen - mit Gewalt, das war ganz legal, denn zur englischen Marine, die (mit Recht) einen greulichen Ruf genoß, meldete sich niemand freiwillig, nicht mal, wenn er im Zuchthaus saß (was ganz und gar keine Zuckerschlecke war, liebe Knackis von heute!) - aber auch dort wurde regelmäßig "rekrutiert", oder, wie man ganz offen sagte, gepreßt. Zur See fahren war ein Himmelfahrts-Kommando (manche meinten auch: ein Höllenfahrts-Kommando), nicht mal so sehr wegen möglicher Kampfhandlungen und saumäßiger Chirurgen, sondern wegen der vielen Krankheiten. Wenn 50% einer Besatzung lebend (wenngleich oft todkrank) vom Einsatz zurück kamen, dann war das viel; manchmal waren es weniger als 10%, kaum genug, um noch die Segel zu setzen und zu steuern. Nach der Rückkehr bekamen sie in der Regel nicht mal eine Heuer, sonst einen Fußtritt; die meisten waren gesundheitlich ruiniert und landeten in der Gosse, um dort zu verrecken. Wenn sie Glück hatten, erwischten sie unterwegs ein feindliches Schiff, das sie aufbrachten, eine sogenannte "Prise" (französisch für "genommen"), und wenn sie sehr viel Glück hatten, gab ihnen der Kapitän etwas vom Prisengeld ab - was er sich in der Regel nur leisten konnte, wenn er von Haus aus Geld hatte, denn die britische Marine bezahlte auch ihre Offiziere saumäßig - und wer von Haus aus Geld hatte hütete sich meist, in deren Dienste zu treten oder kaufte sich einen Rank, mit dem er im Hafen bleiben konnte. Nelson war eine der wenigen Ausnahmen; er hatte zwar von Haus aus kein Geld, wurde auch im Dienst nicht reich - wenigstens vorerst nicht -, aber er sorgte immer dafür, daß seine Männer ihre Heuer bekamen, schon mit Anfang 20, als junger Fregatten-Kapitän. (Das, liebe Leser, die Ihr bei der Marine dient oder gedient habt, entspricht nicht dem heutigen Dienstgrad, sondern in etwa dem KaLeu; die damaligen Fregatten entsprachen in Größe und Funktion den heutigen Schnellbooten.) Er selber lief damals demonstrativ in einer alten, billigen Uniform herum - sehr zum Naserümpfen seiner Kollegen. Das sprach sich herum - bald gab es für Nelsons Einsätze Freiwillige zuhauf, und er konnte sich die besten aussuchen. So wenig wie er nach unten trat, so wenig katzbuckelte er nach oben; vielmehr trieb er seine vorgesetzten Admiräle mit seiner penibel-sturen Korrektheit oft an die Grenze des Wahnsinns - was er sich freilich erlauben konnte, denn er besaß erst die Protektion seines Onkels Suckling (der noch bis zum Rechnungsprüfer - heute würde man sagen: General-Inspekteur - der Marine aufstieg), und später die des Kronprinzen (den er kennen gelernt hatte, als der noch Kadett war) und nachmaligen Königs William IV von England. Außerdem war er mit dem künftigen Premier-Minister Pitt d. J. befreundet (der sein Jahrgang war) und in zweiter Ehe mit der Tochter eines hohen Richters verheiratet, einer Frances Nisbet, die er auf einer seiner Fahrten in die Karibik kennen gelernt hatte.

Aber lassen wir diese Ehe. (Ein Nelson-Biograf hat zwar mal geschrieben, daß sie ihn an eine Ehe aus den Romanen von Jane Austin erinnere, aber das ist wahrscheinlich nur eine Nachwirkung der Verfilmung auch jener Romane mit Laurence Olivier. Die Ehe war unglücklich, da kinderlos, das schrieb er ausdrücklich - Nelson, nicht der Biograf. Wie schwer das in der damaligen Zeit wog, hat Dikigoros bereits angedeutet; es wog umso schwerer, als die Frau einen Sohn aus erster Ehe hatte - den oben erwähnten Josiah -, was zu beweisen schien, daß es an ihr nicht liegen konnte. Für einen Berufssoldaten war es keine Schande, mit nur einem Auge und nur einem Arm herum zu laufen - wohl aber, als zeugungsunfähig oder gar impotent zu gelten.) Wenden wir uns lieber gleich "Lady" Hamilton zu; und da Dikigoros diesen Titel zwischen Anführungszeichen gesetzt hat, weiß der geneigte Leser schon, daß da irgend etwas nicht stimmen kann. Was er eben geschrieben hat über die Nicht-Notwendigkeit von hoher Geburt oder Geldadel in der britischen Marine des 18. Jahrhunderts, das galt für andere Lebensbereiche nicht - schon gar nicht, wenn man als Diplomat Karriere machen wollte. Im Auswärtigen Dienst gilt es noch heute (nicht nur in England) als unverzeihlicher Faux-pas, die falsche Frau zu heiraten; und Sir William Hamilton war nun mal Diplomat, und nicht nur ein kleiner Mitläufer, sondern immerhin im Botschafterrang - den er nie erreicht hätte, wenn er sich so etwas zuvor geleistet hätte. Der Skandal, den Lady Hamilton auslöste, beruhte nicht so sehr auf ihrem Dreiecksverhältnis zwischen zwei Männern, sondern vielmehr auf der Tatsache, daß diese beiden Männer etwas "Besseres" waren, während sie selber nur ein Emporkömmling aus der Unterschicht war - was sich auf Dauer eben doch nicht verheimlichen ließ.

Zurück zu Nelson. Wo waren wir stehen geblieben in seiner ruhmreichen Karriere? In Neapel. Es gibt noch einiges nachzutragen seit seinem ersten Besuch 1793. Im nächsten Jahr verlor er in einem Gefecht beim korsischen Calvi ein Auge (und mehrere Zähne). Im Frühjahr 1797 schlug er die zahlenmäßig überlegene spanische Flotte am Kap St. Vincent; als Belohnung wurde er zum Konteradmiral befördert. Da war er gerade mal 39 Jahre alt - allerdings wirkte er deutlich älter, nicht nur durch die vielen Verwundungen (und Malaria-Anfälle?), sondern auch durch sein früh ergrautes Haar; seine Frau soll ihn beim Heimaturlaub kaum noch wiedererkannt haben. Aber es kam noch schlimmer: Im Sommer des selben Jahres verlor er bei einem Überfall auf das spanische Teneriffa, den er verpfuscht hatte, seinen rechten Arm. (Woraus zwingend folgt, daß alle Darstellungen, die Nelson mit nur einem Arm, aber noch mit zwei Augen zeigen, schlicht falsch sind; umgekehrt würde ein Schuh draus - aber so herum hat es Dikigoros noch nie gesehen.) Ja, verpfuscht, denn so gut er als Kapitän in Sachen Menschenführung war, so schlecht und unfähig war er in Sachen Gefechtstaktik. Sein militärisches Credo lautete - ähnlich wie das eines Blücher oder später das eines Custer - und noch so mancher krummer Hunde bis ins 20. Jahrhundert hinein: "Ran an den Feind!" Und das bedeutete: Frontalangriff ohne Rücksicht auf Verluste, notfalls bis zum letzten Mann. (Nelson war nur insoweit eine Ausnahme, als er sein eigenes Leben dabei mit aufs Spiel setzte, anders als etwa die britischen Heeres-Offiziere - die noch im Ersten Weltkrieg mit Trillerpfeife und Stöckchen abseits standen, während sie ihre Untergebenen ins Feuer der feindlichen Maschinengewehre hetzten.) Im Herbst 1797 wurde Nelson als Krüppel demobilisiert, mit einer jährlichen Invalidenrente von immerhin 1.000 Pfund (nach heutigem Geld ca. 200.000.- Teuro). Aber Nelson kanns nicht lassen; wenige Monate später meldete er sich wieder zurück zum Dienst. Man gab ihm für 1798 ein scheinbar ruhiges Kommando: Er sollte mit 13 Linienschiffen den Hafen von Toulon blockieren, um ein Auslaufen der französischen Mittelmeerflotte zu verhindern. Doch das mißlang ihm, und die britische Journaille schrie schon nach Absetzung und Kriegsgericht für den offenbar unfähigen Nelson. Aber der, nicht faul, machte sich an die Verfolgung des überlegenen Gegners und bewies dabei mehr Grips als seine Regierung, die glaubte, die Franzosen wollten nach Westen durch die Meerenge von Gibraltar segeln und dann nach Norden gen Irland, um den dortigen Aufstand gegen die britische Kolonialherrschaft zu unterstützen. Nelson dagegen suchte nicht im westlichen Mittelmeer nach ihnen, sondern segelte gen Osten, weil er erraten hatte, was die Franzosen tatsächlich vorhatten: Sie brachten Truppen nach Ägypten, das Napoleon erobern wollte, da er es als Schlüssel nach Asien betrachtete. (Er plante bereits, einen Suez-Kanal zu bauen!) Den Truppentransport konnte Nelson zwar nicht mehr verhindern; aber es gelang ihm, die französische Flotte zu überrumpeln, als sie nach vermeintlich getaner Arbeit nichtsahnend und ungesichert in der Bucht von Abukir vor Anker lag. Nelson (der dabei noch einmal schwer am Kopf verwundet wurde) zerstörte die meisten französischen Schiffe und schnitt so Napoleons Armee vom Nachschub ab. Zur Belohnung wurde ihm der Titel eines "Barons vom Nil" verliehen - und die Journaille beeilte sich, ihn zum Helden hoch zu jubeln. Und nicht nur die. Der große Komponist Joseph Haydn widmete ihm seine "Missa in angustiis" - die im Volksmund "Nelson-Messe" genannt wurde; und sein Dienstherr, Fürst Esterházy, lud ihn sogar nach Eisenstadt ein - selbstverständlich zusammen mit Lady Hamilton, denn die sprach im Gegensatz zu Nelson Italienisch, die Sprache der Gebildeten. (Auf Englisch hätte man sich damals nicht verständigen können, geschweige denn auf Deutsch. Auch Haydn und sein englischerschottischer Verleger korrespondierten auf Italienisch.) Bis 1939 wurde jener Besuch in allen Biografien Nelsons und Haydns erwähnt; aber man kann ja nicht erwarten, daß in einem alliierten Propagandafilm des Zweiten Weltkriegs das freundschaftliche Treffen des britischen Seehelden mit dem Komponisten des "Deutschlandliedes" thematisiert wird - und wäre es auch eine noch so dankbare Episode. Und für Nachkriegs-Biografien und -Filme gilt naturgemäß das gleiche, denn der Propagandakrieg der Briten gegen Deutschland geht weiter - bis heute; aber das ist eine andere Geschichte.

Exkurs für alle, die glauben, daß Nelson doch viel weniger wichtig für den Lauf der Weltgeschichte gewesen sei als die Engländer behaupten. Das ist ein Irrtum. Dikigoros meint zwar, daß kaum ein anderer britischer Admiral die Schlacht von Trafalgar - zu der wir gleich kommen werden - gewonnen hätte; doch darüber - und über die Bedeutung jenes Sieges oder einer eventuellen Niederlage - läßt er mit sich streiten; nicht aber über jenes Husarenstück bei Abukir. Kein anderer Brite, weder im Marineministerium noch sonstwo, hätte die französische Flotte dort gesucht und gefunden. Und - Ironie der Geschichte: Wäre Nelson das nicht gelungen, dann hätte Napoleon wahrscheinlich erst Ägypten, dann den vorderen Orient bis einschließlich Indien erobert und wäre als erfolgreicher General in die Geschichtsbücher eingegangen - mehr aber auch nicht. (Es sei denn, er hätte versucht, sich zum "Kaiser von Indien" zu machen - aber das wäre vermutlich schief gegangen :-) Es hätte keine "Napoleonischen Kriege" gegeben, England hätte nicht nur Indien verloren, sondern auch keinen Vorwand - und wohl auch keine Möglichkeit - gehabt, sich das niederländische Kolonialreich in Südafrika und Südasien unter den Nagel zu reißen, mit anderen Worten: Es wäre nie wieder zur Weltmacht aufgestiegen (die es ja nach dem Verlust der Vereinigten Staaten einstweilen nicht mehr war). Doch nach Nelsons Streich bei Abukir floh Napoleon aus Ägypten, kehrte nach Frankreich zurück, ergriff dort die Macht und überzog ganz Europa mit einem Jahre langen Krieg, aus dem schließlich England als Sieger hervor ging, indem es bis zum letzten Neger Inder Deutschen kämpfte. (Bei Waterloo kämpften neben ein paar Schotten nur die Preußen unter Blücher und die niedersächsische "Legion" unter dem gebürtigen Iren Wellington gegen Napoleon; Engländer waren an der Schlacht nicht beteiligt. Nein, Dikigoros hat die Russen nicht vergessen, die vorher in Rußland, Polen und Deutschland gegen Napoleon kämpften, hinterher mit in Paris einzogen und dort die ersten "Bistros" [russisch für "Schnellimbiß"] eröffneten; aber in Waterloo waren sie nicht mit dabei.) Napoleons Karriere begann und endete mit einem Treppenwitz. (Über den am Ende seiner Karriere, die um wenige Wochen oder sogar nur Tage verfrühte Rückkehr von Elba, schreibt Dikigoros an anderer Stelle.) Mit anderen Worten: Ohne Nelson hätte es kein zweites britisches Empire gegeben, keinen Krimkrieg, keinen Ersten und erst recht keinen Zweiten Weltkrieg; England wäre wohl schon anderthalb Jahrhunderte früher zu jener zweitklassigen Mittelmacht abgesunken, die es nach 1945 wurde. Lest diesen Absatz bitte noch einmal, ganz langsam, und denkt ein wenig länger darüber nach. Er ist, historisch gesehen, der wichtigste Teil dieses Berichts. Exkurs Ende.

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Die Sache mit Kopenhagen 1801 hatte Dikigoros schon erwähnt - zur Belohnung wurde Nelson nicht nur zum Viscount erhoben, sonder auch zum Vizeadmiral befördert. 1802 brach der Friede aus - obwohl man den "Frieden von Amiens" eigentlich nur als Waffenstillstand ansehen sollte -; Nelson nahm seinen Abschied also nicht aus privaten Gründen, sondern weil der Krieg vorbei schien. Als er ein Jahr später wieder ausbrach, war Nelson selbstverständlich wieder mit dabei; und in Anerkennung seiner früheren Verdienste machte man ihn zum Oberbefehlshaber der englischen Mittelmeerflotte. Mit der blockierte er zwei Jahre lang den Hafen von Toulon, dann brach die neue französische Mittelmeerflotte aus - nach Cádiz, wo sie sich mit der spanischen Flotte vereinigte. Nelson versuchte daraufhin Cádiz zu blockieren; aber auch diese Blockade durchbrach der Gegner.

Am Kap Trafalgar kam es dann zur allseits bekannten Schlacht - oder doch eher zur allseits unbekannten Schlacht? Nelson setzte wieder auf seine alte Hazard-Taktik: "Ran an den Feind", d.h. nicht brav in Schlachtreihe aufstellen und sich dann aus der Distanz beharken, wie das die heutigen Tennis-Spieler von der Grundlinie aus tun, sondern zwei Stoßkeile bilden, wie später die Panzer-Generäle im Zweiten Weltkrieg, und ohne nach links und rechts zu schauen durch. Dabei war er klug genug, seinen Kapitänen keine taktische Fesseln anzulegen, sondern "Feuer frei" zur eigenen Entscheidung zu geben - der nichtssagende Spruch aus der Überschrift war sein einziges Kommando für die Schlacht - er wurde also während derselben nicht mehr gebraucht und konnte getrost den Heldentod sterben. Die Briten hatten das Glück, daß ihnen ein spanischer VolltrottelAdmiral gegenüber stand, der, statt die beiden Angriffskeile in die Zunge zu nehmen und zusammen zu schießen, seine Flotte sinnlose Ausweichmanöver mal nach Norden, mal nach Süden fahren ließ und die Schlacht so schließlich verlor. Der Weg für Nelsons Apotheose war frei; er bekam ein Staatsbegräbnis in der Londoner St. Paul's Cathedral, in ganz England wurde Staatstrauer angeordnet, und sein Bruder William wurde zur Belohnung Earl. (Manche Biografen regen sich darob auf - aber wer hätte etwas davon gehabt, wenn diese Würde posthum an Horatio verliehen worden wäre? Der hätte sie doch nicht weiter vererben können :-)

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Wie war es überhaupt möglich, daß 1941, also mitten im Zweiten Weltkrieg - den das gut-demokratische England doch zusammen mit dem gut-demokratischen Frankreich gegen das böse, faschistische Nazi-Deutschland kämpfte, um die Welt von letzterem zu befreien (wie uns jedenfalls heute weisgemacht wird) -, ein solcher Film gezeigt werden durfte, der einen Helden aus einem Krieg verherrlichte, den das gut-demokratische England gegen das... äh, jedenfalls gegen das jetzt mit ihm verbündete Frankreich geführt hatte, der dazu noch ganz offensichtlich als Kriegspropagandafilm aufgemacht war? Man könnte, wenn man sich die Antwort auf diese Frage leicht machen wollte, feststellen, daß die Engländer Napoléon Bonaparte - ihren damaligen Gegner - ebenso plakativ mit Hitler gleich setzten wie etwa Felipe II von Spanien, dessen Große Armada anno 1588 vergeblich eine Invasion in England versucht hatte, in "The Sea Hawk [Der Herr der sieben Meere]". (Letzteres ist den Machern bzw. ihren Rechtsnachfolgern übrigens so peinlich geworden, daß der ebenso hetzerische wie abwegige Anfang von "The Sea Hawk" - den es in der deutschen Fassung ohnehin nie zu sehen gab - heute nirgendwo mehr legal gezeigt werden darf. Man kann den ganzen Fim auf YouTube anschauen - aber Part 1 mußte "aus urheberrechtlichen Gründen" vom Netz genommen werden - für die übrigen 13 Teile wurde ein solches offenbar nicht geltend gemacht :-) Doch eine solche Antwort würde zu kurz greifen und verdrängen, was wirklich dahinter steckte. Die Wahrheit ist, daß 1940, als dieser Film gedreht wurde, das böse, faschistische Vichy-Frankreich, der "État français" des Marschalls Pétain, noch als Verbündeter Nazi-Deutschlands galt; und gerade der Seeheld Nelson, der die französische Mittelmeerflotte bei Abukir vernichtet hatte, eignete sich hervorragend, um zu rechtfertigen, daß die englische Luftwaffe anno 1940 die französische Mittelmeerflotte, die wehrlos in Mers-el-Kebir vor Anker lag, mit Mann und Maus versenkte - selbstverständlich nur, um zu verhindern, daß auch nur ein armer französischer Matrose als lebender Gefangener in die Hände der deutschen "Hunnen" fiel, die ja bekanntlich schon im Ersten Weltkrieg belgische Babys am Spieß gebraten und aufgefressen hatten - da noch besser ein nasses, aber demokratisches Grab.

Im November 1942, als sich das Kriegsglück wendete, die Alliierten in Nordafrika landeten und die Wehrmacht daraufhin auch in das bis dahin unbesetzte Vichy-Frankreich einmarschierte, wurde Frankreich auch wieder als Verbündeter dargestellt, und zwar auch und gerade aus der Situation des eben noch verfeindeten, aber nun wieder ausgesöhnten und sogar verbündeten Nachbarn heraus: 1943 verfilmte Laurence Olivier als Regisseur das Drama "Henry V" von William Shakespeare, mit sich selber in der Titelrolle, und es gelang ihm ganz unzweifelhaft ein propagandistisches Meisterwerk mit jener Geschichtsklitterung, in der natürlich mit keinem Wort erwähnt wurde, daß Heinrich V in der Schlacht von Azincourt anno 1415 fast 10.000 französische Gefangene massakrieren ließ (damals kam übrigens in Frankreich der Begriff vom "perfiden Albion" auf, aber das ist eine andere Geschichte), so wie die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg über eine Million deutsche Kriegsgefangene in ihren Todeslagern verrecken lassen sollten (aber auch das ist eine andere Geschichte). Ach, und das schöne Happy-end, als Heinrich V die Tochter seines französischen Gegenspielers Charles VI heiratet - natürlich aus purer Liebe -, und so die beiden großen Nationen "endgültig" miteinander versöhnt. (Kein Wort davon, daß der schäbige Charles VI seinen eigenen Sohn für illegitim erklärte und zugunsten seiner solchermaßen verschacherten Tochter enterbte; auch davon, daß sich besagter Sohn das nicht gefallen ließ, sondern die Engländer wenige Jahre später zum Teufel jagte - mit Hilfe der Lothringerin Jeanne d'Arc, die anschließend von den Engländern als Kriegsverbrecherin hingerichtet wurde - aber auch das ist eine andere Geschichte.) Wie dem auch sei, Laurence Olivier vermochte das Bild Heinrichs V nicht nachhaltig zu prägen - vielleicht, weil er dem Publikum noch zu frisch als Lord Nelson in Erinnerung war, vielleicht auch, weil die Briten Heinrich V weniger als reale Gestalt ihrer Geschichte denn als Bühnenfigur Shakespeares empfanden.

Exkurs: Ein anderer wäre vielleicht in der Lage gewesen, dies zu tun, aber wie Dikigoros bereits in der Einleitung feststellte, hat er eine andere "historische Persönlichkeit" geprägt, die allerdings nur eine Romanfigur ist. 1945 hatte es C.F. Forester fertig gebracht, im 4. Band seiner Hornblower-Serie ("Der Kommodore") seinen Helden als Vorkämpfer gegen die bösen Nazi-Deutschen hinzustellen, die 1813 zusammen mit PétainNapoléon Bonaparte in Rußland eingefallen waren. (Woran soviel richtig ist, daß die "Grande Armée" ja tatsächlich zu fast drei Vierteln aus Deutschen bestand; aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle.) Insbesondere habe er an den Kämpfen um Riga teilgenommen. Na ja... Es hat nicht an Mutmaßungen gefehlt, daß Nelson das Vorbild für jenen famosen "Hornbläser" gewesen sei, zumal Forester auch letzterem den Vornamen "Horatio" verpaßt hatte. Aber das ist ein Trugschluß. Für Hornblower stand vielmehr Nelsons jüngerer Zeitgenosse Thomas Cochrane Modell, der geistige Großvater des Giftgaskrieges, eine der schillerndsten Figuren seiner Zeit - und dennoch heute so gut wie vergessen. Leider ist der Roman allzuweit weg von seiner wahren - ungleich interessanteren - Lebensgeschichte, als daß es sich lohnen würde, darüber an dieser Stelle mehr zu schreiben; aber wäre Cochrane 100 Jahre später geboren, hätte ihm Dikigoros sicher eine Seite seiner Soldaten-Biografien gewidmet. Wie dem auch sei, als der "Hornblower" 1951 verfilmt wurde - von keinem geringeren als Raoul Walsh, der ja schon den genialen Kriegspropagandafilm "They Died With Their Boots On" über General Custer gedreht hatte - bekam der Ire Gregory Peck die Titelrolle; er wäre wohl der einzige gewesen, der zuvor den Nelson noch überzeugender hätte verkörpern können als Laurence Olivier - aber danach war er anderweitig festgelegt, eben auf jene Fantasiegestalt Hornblower, die er perfekt darstellte. Exkurs Ende.

Ach so - was ist denn nun dran an der Gleichsetzung von Napoleon und Hitler, die seit Korda so oft und gerne bemüht wird? Wenn Ihr Dikigoros fragt: nicht allzu viel: Hitler kam nicht durch einen Militär-Putsch an die Macht, sondern ganz legal, nachdem seine Partei in demokratischen Wahlen wiederholt die stärste geworden war, er vom Reichspräsidenten mit der Kabinettsbildung beauftragt wurde und eine Koalition zustande brachte. Er dachte "völkisch", d.h. er wollte den Deutschen "neuen Lebensraum im Osten" erobern - eine Schnapsidee, auf die Napoleon nie gekommen wäre; ihm waren die Völker völlig schnuppe, es ging ihm allein um die Befriedigung seiner persönlichen Machtgelüste, die wahrscheinlich aus tiefen Minderwertigkeits-Komplexen ob seiner Kleinheit und Häßlichkeit gespeist wurden, die er mit einem Kaisertitel, einer schönen Frau und entsprechendem Pomp kompensieren mußte - all das lag wiederum Hitler fern. Am wichtigsten war jedoch ihre völlig unterschiedliche Einstellung zu England: Napoleon betrachtete es immer als Hauptfeind, den es bis aufs Messer zu bekämpfen gelte; und hätte Nelson nicht zweimal seine Flotte zerstört, hätte er wahrscheinlich eine Invasion der britischen Inseln versucht - die französischen Truppen (und ihre HiWis aus dem Rheinbund :-) standen in Boulogne bereits Gewehr bei Fuß zum Übersetzen. Hitler, der Narr, betrachte England dagegen als seinen potentiellen Freund und Hauptverbündeten; den Invasionsplan ("Operation Seelöwe") verfolgte er nur halbherzig und war eigentlich froh, als er ihn endlich zu den Akten legen konnte. Die einzige Parallele war der gescheiterte Rußland-Feldzug, aber auch da gab es doch mit Verlaub gewaltige Unterschiede: Napoleons Feldzug war von Anfang an sinnlos, denn er hatte überhaupt kein Konzept für den Fall eines etwaigen Sieges - nachdem er Moskau mehr oder weniger kampflos besetzt hatte, kehrte er sang- und klanglos wieder um, weil er nicht wußte, wie er sich dort halten oder was er sonst damit anfangen sollte. Der deutsche Rußlandfeldzug von 1941 hätte dagegen ohne weiteres zum Erfolg führen können, beinahe als Selbstläufer, wenn Hitler & Co. ihn statt als Eroberungs- als Befreiungskrieg geführt hätten, entweder der Befreiung der Russen von Stalin oder aber - wenn man denn den Russen mißtraute - der Befreiung der anderen Völker der Sowjet-Union von der russischen Vorherrschaft. Beide Konzepte wären wahrscheinlich aufgegangen; vielleicht hätte man sie sogar kombinieren können, denn wie die Geschichte 50 Jahre später zeigen sollte, entließen die Russen ihre Kolonialvölker ohne viel Aufhebens in die Unabhängigkeit, jedenfalls ohne zu deren Verhinderung Kriege anzuzetteln, wie es die Serben taten, als "Jugo-Slawien" auseinander fiel (aber das ist eine andere Geschichte). Auf diese Idee kam freilich auch Napoleon nicht - der wie gesagt nicht "völkisch" dachte -, aber vielleicht bestand diese Möglichkeit zu seiner Zeit auch gar nicht, denn das russische Volk liebte sein Väterchen Tsar, und die übrigen Völker des Tsarenreichs Reichs bekamen von Napoleons Zug auf Moskau wahrscheinlich gar nichts mit, und wenn doch, dann wäre ein Aufstand, etwa in der Ukraïne, wahrscheinlich ebenso aussichtslos gewesen wie so viele davor und danach, denn Napoleon hätte - anders als Hitler - nicht die technischen Möglichkeiten gehabt, ihn wirksam zu unterstützen. Und selbst im Nachleben der beiden Diktatoren gibt es praktisch keine Gemeinsamkeiten: Napoleon dachte gar nicht daran, Selbstmord zu begehen; und Hitler wäre, wenn er den Zweiten Weltkrieg überlebt hätte, von den Alliierten schwerlich zum Herzog von ElbaHelgoland gemacht worden. Hitler wurde verteufelt und verdammt (zu Recht, wenngleich aus ganz anderen Gründen als Ihr sie in Euren Geschichts- und Märchenbüchern findet). Napoleon dagegen wurde bereits wenige Jahre nach seinem Tode vergöttert, bis sein Nachruhm in Frankreich größer war als der Nelsons in England. (Kommentar überflüssig.)

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Eigentlich hatte Korda zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gleich zwei Filmprojekte mit Laurence Olivier angedacht, und auch das zweite betraf einen "Helden" der britischen Geschichte, nämlich Lawrence von Arabien, ebenfalls ausdrücklich als Propagandafilm gedacht. Aber die der Filmindustrie zugeteilten Ressourcen waren beschränkt - die Briten waren (anders als die Deutschen) klug genug, vom ersten Tag des von ihnen lange geplanten und sorgfältig vorbereiteten Waffengangs an einen "totalen Krieg" zu führen; dazu gehörte, daß alles staatlich rationiert war, auch in der Filmindustrie, halt ein echter Kriegssozialismus, wie ihn George Orwell in 1984 als "Engsoc" persifliert. Also wurde der Film erstmal auf Eis gelegt, und als er dann zwei Jahrzehnte später doch noch gedreht wurde, hatte Korda schon das Zeitliche gesegnet, und David Lean zog jene Geschichte ganz anders auf (aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle). Aber Laurence Olivier lebte noch (er sollte uralt werden und noch so illustre Persönlichkeiten wie Douglas MacArthur, Rudolf Hess und Peter den Großen spielen), und es fand sich jemand, der ihn wenige Jahre nach Lawrence of Arabia noch einmal in einem Monumentalfilm auf die Leinwand brachte: Basil Dearden drehte Khartoum, und Olivier bekam die Hauptrolle, den "Mahdi". (Das bedeutet übrigens nicht "der Führer", wie man bisweilen lesen kann, sondern ganz im Gegenteil "der Geführte" :-) Warum prägte er diese Rolle nicht auf sich? War der Film schlechter? War er schon zu sehr auf Nelson festgelegt? Stimmte sonst irgend etwas nicht? Schwer zu sagen, liebe Leser, schwer zu sagen. Grundsätzlich meint Dikigoros, daß ein- und derselbe Schauspieler durchaus zwei verschiedene Rollen prägen kann, wenn sie zeitlich nur weit genug auseinander liegen, wenn er z.B. einmal einen jungen Mann spielt, und das andere Mal einen alten. Khartoum war auch nicht schlechter als Lady Hamilton oder Lawrence of Arabia - und historisch stimmte der Inhalt eher mehr als weniger, wenn man ihn mit den beiden vorgenannten Werken vergleicht. Dikigoros kann nur Mutmaßungen anstellen: Zunächst einmal hatte Olivier ja auch in Lady Hamilton - wiewohl der Film ein Vierteljahrhundert älter war - durchaus keinen Jüngling gespielt, sondern einen erwachsenen Mann. Dann - und das wiegt schon schwerer - war er ein Brite durch und durch. Der Mahdi dagegen war halt ein Araber. 1966 herrschte noch die Unsitte in westlichen Filmstudios, auch Schwarze und Gelbe von weißen Mimen spielen zu lassen, denen man halt das Gesicht schwarz anmalte oder Pseudo-Schlitzaugen anschminkte - nach dem Reinfall mit Khartoum begann man endlich, diese alberne Praxis aufzugeben. Der wichtigste Grund für das Scheitern des Films dürften aber gerade die historischen Fakten gewesen sein, die er nicht genügend verfälschtebeschönigte. Welchen Sinn machte der "Heldentod" eines Gordon, wenn hinterher doch alles den Bach runter gegangen war? Gewiß, ähnliche Filme hatten früher Erfolg gehabt, aber unter ganz anderen Voraussetzungen: Man konnte leichten Herzens den Opfergang der "Leichten Brigade" bei Balaklawa verschmerzen, wenn man wußte, daß man den Krim-Krieg letztlich doch gewonnen hatte, ebenso den des 7. Kavallerie-Regiments am Little Big Horn, wenn man wußte, daß man anschließend die Indianer-Kriege doch gewann. Aber was hatte man im Sudan gewonnen durch diese idiotische Schaukelpolitik (sich erst groß zu engagieren, dann alles kampflos aufgeben zu wollen und schließlich, als es zu spät war, doch zurück zu kehren), das den Opfergang Gordons hätte rechtfertigen können? Selbst der Schlußkommentar machte kaum Hoffnung auf die Zukunft - und er sollte Recht behalten, jedenfalls so weit wir das heute abschätzen können. Nicht wahr, um Custer trauert niemand mehr, und den Indianern geht es heute besser als zu seinen Lebzeiten. Kriege zwischen Russen und Türken, in die irgendwelche Idioten aus den Ländern Napolens und Nelsons glauben sich einmischen zu müssen, wird es wohl auf absehbare Zeit nicht mehr geben. Aber im Sudan, just in der Gegend, wo der Mahdi-Aufstand begann, wird bis heute gemordet. Und die Truppen, welche die Briten damals rechtzeitig dorthin zu schicken versäumten, haben sie - und leider auch die Deutschen als ihre braven Verbündeten - heute auf Dauer und unter hohen Kosten dort stationiert. Das wußtet Ihr nicht, liebe Leser? Dann nehmt Euch mal eine Landkarte vor und schaut, wo "Darfour" liegt! Noch Fragen?

1968. Frankreich, Italien, die BRD und noch ein paar Pisselstaaten hatten gut zehn Jahre zuvor die "Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG)" gegründet - also genau das, was die Angelsachsen insgeheim in all ihren Weltkriegen gegen die "Bösewichte" von Napoleon bis Hitler fanatisch bis zur Selbstvernichtung bekämpft hatten -, und nun wollte das wirtschaftlich zerrüttete England beitreten, um auch am deutschen Wesenan den deutschen "Ausgleichszahlungen" in den Brüsseler Topf zu genesen. Doch nun betrat ein neuer Bösewicht die Bühne - den sie selber einst an die Macht gebracht hatten: der französische Staatspräsident De Gaulle. Der war ein erklärter Feind der Angelsachsen, und die deutschen EUEWG-Gelder - die er selber dringend zur Sanierung der maroden französischen Landwirtschaft brauchte - wollte er um keinen Preis teilen, schon gar nicht mit den Briten. Deshalb förderte er eine cineastische Gemeinschafts-Produktion nach dem Roman "Lady Hamilton" von Alexandre Dumas, die noch einmal an die Erbfeindschaft zwischen Frankreich und England erinnerte, wie sie in den napoleonischen Kriegen noch bestanden hatte, um dem Publikum - das ja auch Wahlvieh, pardon Wahlvolk war - zu erklären, warum man England nicht in die EWG aufnehmen durfte. Der Streifen - mit Richard Johnson und Michèle Mercier in den Hauptrollen -, der in Deutschland mit dem Untertitel "Zwischen Schmach und Liebe", in Frankreich als "Les amours de Lady Hamilton" und in Italien als "Le calde notti die Lady Hamilton" (für alle, die Avanti, avanti von Billy Wilder nicht gesehen haben: das bedeutet "Die heißen Nächte der L.H.") in die Kinos kam, hatte nur bescheidenen Erfolg, denn für ein Werk mit historischem Anspruch enthielt er zuviel Erotik, und für einen Softporno zuwenig. De Gaulle trat im nächsten Jahr vom Präsidentenamt zurück, im übernächsten kratzte er ab, und 1973 wurde das "Vereinigte Königreich" doch Mitglied der EWG. Prompt verfilmten die Angelsachsen den Stoff noch einmal - mit Peter Finch und Glenda Jackson in den Hauptrollen -, diesmal mit dem Anspruch auf "historische Genauigkeit", aber wieder mit unterschiedlichen Titeln: Auf dem amerikanischen Markt lautete er schlicht "The Nelson Affair", in England dagegen etwas pompöser "Bequest to the Nation [Vermächtnis an die Nation]". Dabei wurde nun auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, daß sich nicht etwa nur Emmas gehörnter Ehemann und Nelsons Verwandte ihr gegenüber ziemlich schäbig verhalten hatten (für die man da ja noch am ehesten Verständnis haben kann!), sondern auch und gerade Nelson und die britische Regierung. Der erstere, weit davon entfernt, sie testamentarisch zu bedenken (hatte sie also doch nur Fälschungen vorgelegt? zuzutrauen wäre es ihr gewesen!), hatte vielmehr vor der Schlacht von Trafalgar der Regierung einen netten Brief geschrieben, daß sie sich doch bitte um die finanzielle Versorgung Emmas kümmern sollte, falls er nicht zurück käme - das sei sein Vermächtnis an die Nation. Das war schon dreist... Wohlgemerkt, der englische Staat ließ sich bei der Versorgung von Nelsons Witwe und seinen Schwestern nicht lumpen; da hätte man wohl auch Emma eine angemessene Rente als Hamiltons Witwe aussetzen können, denn die Nation hatte tatsächlich allen Grund, ihr dankbar zu sein - nicht für ihre Liebesaffaire mit Nelson, sondern für ihre Tätigkeit als Ehefrau des britischen Botschafters. Wir erinnern uns: Sie war es, die durch ihre guten Beziehungen zur Königin von Neapel die italienischen Schiffe und Soldaten los eiste, mit deren Hilfe die Franzosen im Mittelmeer geschlagen wurden - aber daran erinnerten sich die Briten damals schon ebenso ungern wie heute, da machte es keinen Unterschied, ob Regierung oder Kinopublikum. So flopte auch dieser Streifen - welcher Spielfilm, der die historische Wahrheit auf die Leinwand brachte, hatte je kommerziellen Erfolg? Dikigoros fällt keiner ein. (Böse - französische - Zungen behaupten sogar ganz ernsthaft, daß das dank ihrer Diplomatie aufrecht erhaltene Bündnis mit Neapel viel wichtiger für den Ausgang des Krieges zwischen England und Frankreich gewesen sei als die Schlachten von Abukir und Trafalgar zusammen; denn auf Sizilien wuchsen die Zitronen, deren Besitz oder Nichtbesitz letztlich über die Seeherrschaft entschied - als damals einziges Mittel gegen den unter Seefahrern gefürchteten und verbreiteten Skorbut. Aber so etwas Ketzerisches paßt verständlicher Weise weder den Historikern noch den Filmproduzenten noch den Kinogängern in den Kram - große Schlachten und tote Helden lassen sich nun mal besser heroïsieren als Zitronen und Vitamin C :-)

Ein letzter Exkurs: Nur der Vollständigkeit halber will Dikigoros noch zwei Verfilmungen dieses Stoffes erwähnen, die längst in Vergessenheit geraten sind (sie fehlen sogar im zehnbändigen "Lexikon des internationalen Films"): 1921 drehte Richard Oswald - dem wir noch einmal kurz als erstem Verfilmer der Geschichte des Hauptmanns von Köpenick begegnen werden - "Lady Hamilton", mit Conrad Veidt und Liane Haid in den Hauptrollen. Warum darf dieser Film heute nicht mehr gezeigt werden? Wegen seines Inhalts? Ach was, der unterscheidet sich von dem Kordas nur durch das Fehlen der albernen Anspielungen auf Hitler als Reïnkarnation Napoleons. Aber Dikigoros hat Euch noch nicht den Namen des Schauspielers genannt, der die dritte Hauptrolle - Lord Hamilton - spielt: Werner Kraus. Was, den kennt Ihr nicht? Sollt Ihr auch gar nicht, liebe Leser, das ist doch der Witz! Der spielte nämlich in Jud Süss die Multi-Rolle aller Juden außer der Titelfigur (die spielte bekanntlich Ferdinand Marian, aber das ist eine andere Geschichte). Also dürft Ihr ihn heute auch in keiner anderen Rolle mehr sehen. Und der zweite vergessene Film, "Nelson" von 1927? Tja, da ist auch Dikigoros ratlos; aber wer es weiß - oder zu wissen glaubt - darf ihm gerne mailen. Exkurs Ende.

1989, als sich die "Wieder"-Vereinigung von DDR und BRD abzeichnete, versuchten die britische Premierministerin Thatcher und der französische Präsident Mitterrand - beide erklärte Deutschen-Hasser -, sich in einer letzten gemeinsamen Anstrengung dagegen zu stemmen. Dazu gehörte auch die finanzielle Förderung einer Neuverfilmung von "Henry V" durch den farblosen Kenneth Branagh (der zugleich die Titelrolle spielte). Der Film wurde von der Kritik sehr gelobt, aber an den Kinokassen ein mittlerer Flop; von einer Prägung irgendwelcher Personen konnte nicht die Rede sein. Aber an die Neuverfilmung der Lebensgeschichte Nelsons hat sich seither niemand mehr gemacht - es scheint kein propagandistischerhistorischer Bedarf mehr zu bestehen; er kann also in Frieden ruh'n. (Auf Leserfragen: Nein, ein Grab der Emma Hamilton ist nicht bekannt - es hat also nichts mit Chauvinismus zu tun, wenn Dikigoros Euch hier kein Bild davon zeigt -; sie wurde wohl auf irgend einem Armenfriedhof anonym verscharrt. Aber bis zum Zweiten Weltkrieg kannte man noch das Haus, in dem sie - angeblich - starb; es wurde bei einem britischen Bombenangriff auf Calais vollständig zerstört und nicht wieder aufgebaut.)

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Nachtrag. Als sich im Oktober 2005 die Schlacht von Trafalgar zum 200. Mal jährte, luden die Briten zur Jubelfeier nach Portsmouth ein - großzügig, wie sie sind, auch die damals Unterlegenen. Nein, liebe Leser, ein Schelm wer Böses dabei denkt, etwa daß sie ihre Gegener damit nur demütigen wollten! Sie laden doch auch an jedem 8. Mai die Deutschen zur Jubelfeier über ihre Niederlage im Zweiten Weltkrieg ein, und alle BRDDR-Politiker reisen brav hin! In Paris und Madrid dachte man kurz nach, wie man darauf reagieren sollte, dann fand man eine gemeinsame Lösung: Während alle anderen eingeladenen Staaten (immerhin 35) brav ihre Segelschulschiffe (oder was sie sonst so in der Art hatten) hin schickten - wie es ja eigentlich auch gedacht war - entsandte Spanien seinen größten und modernsten Flugzeugträger, die Principe de Asturias, und Frankreich den größten Flugzeugträger Europas, die atomgetriebene Charles de Gaulle (so genannt nach dem Schöpfer ihrer "Force de frappe [Atomwaffenstreitmacht]"), um den Briten - deren "Royal Navy" über nichts Gleichwertiges mehr verfügt - deutlich vor Augen zu führen, daß eine Seeschlacht heute anders ausgehen würde. Tja, liebe Leser, die Ihr vielleicht auch schon mal in Portsmouth wart und dort den Nachbau der Victory (Nelsons Flaggschiff bei Trafalgar) gegen teures Eintrittsgeld besichtigt habt, "Rule Britannia" ist nicht mehr - aber das ist eine andere Geschichte.


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