Nichts steht geschrieben - Lawrence of Arabia (1962)

NICHTS STEHT GESCHRIEBEN
SIEBEN STAATEN STATT SIEBEN SÄULEN
und nach Weisheit suchen wir vergeblich . . .
"Ogareru hito mo hisashikarazu
Tada haru no yo no yume no gotoshi
Takeki mono mo tsui ni horobinu
Hitoe ni kaze no mae no chiri ni onaji"
"Ist der Stolz auch noch so hoch, wird er doch nicht dauern,
gleicht am Ende doch nur dem Traum der Frühlingsnacht.
Ist der Mut auch noch so groß, wird er dennoch fallen,
gleicht am Ende doch nur dem Wüstensand im Wind."

DAVID LEAN: LAWRENCE OF ARABIA (1962)
[belgisches Filmplakat]
EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
DIE [UN]SCHÖNE WELT DER ILLUSIONEN

(von Filmen, Schauspielern und ihren Vor-Bildern)

"Sieben Säulen der Weisheit", die Memoiren des T. E. Lawrence, waren - nach Carl Mays Winnetou" - eines der ersten Bücher, die Dikigoros als Kind besaß, zwar nur in einer wenig mehr als 100 Seiten langen deutschen Übersetzung ad usum Delphini, aber er erinnert sich noch genau an jenes kleine Taschenbüchlein (obwohl er es längst nicht mehr besitzt - es wanderte in den Müll, als er die dicke Original-Ausgabe von "Seven Pillars of Wisdom" erstand :-) und wie er dazu kam: Damals, in der guten alten Zeit, als man im christlichen Europa noch ebenso brav an den lieben Gott glaubte wie im muslimischen Raum daran, daß Allāh größer sei, ging er nicht nur auf eine gut katholische Schule, sondern lieh auch die Bücher, die er las, in einer gut katholischen Bibliothek aus. Jede Ausleihe kostete einen Groschen, dafür gab es jeweils ein Wertmärkchen zum Einkleben in ein faltbares Sammelkärtchen; und wenn man eines der letzteren voll geklebt hatte, konnte man es in einer gut katholischen Buchhandlung in Zahlung geben. Als das erste Kärtchen voll war, fragte Dikigoros seinen Religionslehrer, Merkwürden T., welcher dieser Buchhandlungen (es gab deren mehrere am Ort) er denn den Vorzug geben sollte, und der meinte: "Also Niko, am besten gehst du zu ... (es gibt sie heute noch, was ein Wunder ist - Gott läßt seine Schäflein eben nicht im Stich :-) und bestellst Herrn R. einen schönen Gruß von mir. Er wird dich dann auch beraten, welches Buch du kaufen sollst." Da Dikigoros schon damals ein sparsamer Mensch war, entschied er sich, statt eines "normalen" Buches zwei Taschenbücher zu erstehen, und der gut katholische Buchhändler fand tatsächlich zweie, die mit einem Kärtchen bezahlt werden konnten: Das eine war eine bis zur Lächerlichkeit verkürzte Fassung des "Heike Monogatari" (das für die Japaner in etwa die Bedeutung besitzt wie für die Deutschen das Nibelungenlied, aber davon wußte Dikigoros damals noch nichts; das Zitat in der Überschrift stammt aus dem ersten Vers - in Dikigoros' etwas eigenwilliger Übersetzung, die das Versmaß wahren soll; wer eine wörtliche Übersetzung ins Englische lesen will, kann das hier tun). Das andere war wie gesagt "Die sieben Säulen der Weisheit". [Da Dikigoros von einem seiner Leser gefragt worden ist: Sein viertes Buch war "Kai aus der Kiste" von Wolf Durian, das er bis heute von allen hier genannten für das beste hält (schon weil man es in einem Rutsch durchlesen kann :-).]

[Seven Pillars of Wisdom]

Wundert es Euch, liebe Leser, daß eine katholische deutsche Buchhandlung einem Schulkind damals zwei Bücher empfahl, die so gar nichts mit dem Christentum zu tun hatten, sondern im Gegenteil ein recht unchristliches, ja antichristliches Weltbild vermittelten? Als das Heike Monogatari geschrieben wurde, wurden in Japan gerade alle Christen einen Kopf kürzer gemacht (wenn sie Glück hatten - sonst wurden sie lebendig von einem Felsen gestürzt, was sicher noch weniger angenehm war), und T. E. Lawrence kämpfte zusammen mit fanatischen Muslimen gegen die von einem ziemlich weltlichen Sultan regierten Türken, die zu allem Überfluß auch noch mit dem allerchristlichsten deutschen Kaiser Wilhelm II verbündet waren. Nun, vielleicht wußte das der Buchhändler selber nicht so genau, vielleicht wollte er auch nur seine beiden ältesten Ladenhüter los werden, und die schlimmsten Passagen waren in diesen Büchlein ja ohnehin getilgt worden. (Immerhin gab es zu jedem Büchlein ein Heiligenbildchen mit Maria und dem lieben Jesulein als fromme Beigabe - so etwas sammelten und tauschten brave Kinder an katholischen Schulen früher, d.h. bevor die Fußball-Bundesliga gegründet wurde; danach sollten die meisten auf Fotos von Balltretern umsteigen :-)

* * * * *

"Travels in Arabia Deserta", die Erinnerungen des Charles Montagu Doughty an seine Reisen in das Innere der Arabischen Halbinsel in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts, waren - nach der Bibel (aus der übrigens die Wendung "Sieben Säulen der Weisheit" stammt; für Nicht-Bibel-Kenner: Sprüche Salomons IX, 1) - eines der ersten Bücher, die der junge Thomas Edward (der im selben Jahr - 1888 - geboren wurde, als sie in erster Auflage erschienen) als Kind besaß, zwar nur in einer knapp 600 Seiten langen Bearbeitung für den Normalverbraucher (das Original war fast doppelt so lang), aber er erinnerte sich noch genau daran, als er mit knapp 21 Jahren zum ersten Mal selber dorthin reiste. Es war ein merkwürdiges Buch, wenn man bedenkt, daß sein Verfasser Geologe war und in erster Linie die Wüste beschreiben sollte - wie es etwa sein Zeitgenosse Sven Hedin in seinen Reisebüchern tat. Das tat Doughty auch; aber in der gekürzten Fassung verschoben sich die Gewichte mehr zur Beschreibung der arabischen Menschen, ihrer Sitten und Gebräuche. Der junge Thomas fand Gefallen an ihnen, und er fand den Inhalt des Buches auf seinen eigenen Reisen bestätigt. Also beschloß er, auch selber Geologe (und Archäologe) zu werden. Nach dem Studium (in Oxford, wo er mit seinen Eltern und seinem Bruder wohnte) ging er wieder nach Arabien zurück (das damals noch zum Osmanischen Reich gehörte); 1914 war er auf einer Expedition im Raum von Äl-'Aqaba [Akaba]. Dann brach der Erste Weltkrieg aus; England annektierte Ägypten, das es schon längere Zeit militärisch besetzt hielt. [Wohlgemerkt ohne Kriegserklärung und lange, bevor das Osmanische Reich - zu dem Ägypten damals formell noch gehörte - auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg eintrat; behaltet das immer im Hinterkopf, liebe Leser, wenn Euch mal wieder jemand weis zu machen versucht, die Engländer seien 1914 aus "moralischen" Gründen in den Weltkrieg eingetreten, weil die bösen Deutschen das neutrale Belgien überfallen und dort die Babies am Spieß gebraten hätten. Die Angelsachsen hatten noch nie Skrupel, neutrale Länder zu überfallen, wenn es ihren Interessen förderlich war, sei es in den Napoleonischen Kriegen Dänemark, sei es im Ersten Weltkrieg Ägypten und - zwei Jahre später - Griechenland (das sie gewaltsam in den Krieg zwangen - aber das ist eine andere Geschichte), sei es im Zweiten Weltkrieg Norwegen (wo ihnen die Deutschen freilich um ein paar Stunden zuvor kamen) und Persien.] Thomas ging nach Äl-Qāhira (Kairo), wo er als Nachrichtenoffizier in die britische Armee eintrat; und binnen kurzem sollte der bis dahin völlig unbekannte junge Geologe weltberühmt werden.

[Lawrence mit Turban] [Lawrence auf Kamel] [Lawrence auf Krad]

T. E. Lawrence zählt zu den Extremfällen, deren Bild nicht nur von einem Schauspieler geprägt, sondern völlig von ihm überlagert worden ist. Das ist umso verwunderlicher, als er eine der jüngsten der auf dieser "Reise durch die Vergangenheit" vorgestellten historischen Persönlichkeiten ist, die überwiegend im 20. Jahrhundert lebte, als es schon die Fotografie gab und somit die Möglichkeit, das echte Bild des - zeitweise äußerst populären - Wüstenkriegers zu bewahren. Aber schaut mal nach, was es an authentischen Bildern gibt aus der Zeit, von der dieser Film handelt (also nicht die Kinderfotos, von denen es einige gibt) - Dikigoros hat nur drei gefunden: Auf dem ersten würdet Ihr ihn sicher nicht wieder erkennen - aber so sah er aus! - auf den beiden anderen sieht man sein Gesicht nicht richtig. Alle anderen Bilder, die man uns heute von ihm zeigt - auch auf dem Umschlag von "Seven Pillars of Wisdom" und auf der Bildergalerie, die Denis McDonnell eigens zu diesem Zwecke ins Internet gestellt hatte (aber nach Lektüre dieser Seite von Dikigoros wieder entfernt hat :-) - sind entweder Gemälde, Zeichnungen, Plastiken (oft nicht vom lebenden Modell, sondern lange nach seinem Tode "aus dem Gedächtnis" oder nach anderen zweifelhaften Vorlagen gefertigt) oder "retouchierte" (also getürkte) Fotos, oder solche, die aus dem Film stammen und gar nicht T. E. Lawrence zeigen, sondern Peter O'Toole! (Umgekehrt gilt das übrigens auch: Als Sibylle Binder anno 2002 zu O'Toole's 70. Geburtstag eine Biografie über ihn veröffentlichte, zierte deren Cover selbstverständlich ein Porträtfoto aus dem Film "Lawrence of Arabia", und in der Einleitung schrieb sie: "Er ist der ewige Lawrence von Arabien..." O'Toole hat sich aber auch ungewöhnlich stark mit jener Rolle identifiziert - sogar etwas Arabisch sprechen und Kamel reiten gelernt, um sich dabei nicht doubeln lassen zu müssen - und halt sonst keine großen historischen Persönlichkeiten gespielt, außer zweimal König Heinrich II von England; aber einmal - in "Becket" - stahl ihm Richard Burton die Show, und das andere Mal - in "Der Löwe im Winter" - Anthony Hopkins. Der Film "Caligula", in dem er den Imperator Tiberius spielte, galt als "Porno" - obwohl er im Vergleich zur literarischen Vorlage allenfalls als "Softporno" bezeichnet werden kann - und verschwand in den Schmuddelkinos; und welcher Nicht-Historiker kennt schon den Cornelius Flavius Silva, den er in "Masada" spielte (einer Fernsehserie, die später auch als Film heraus kam, worüber Dikigoros an anderer Stelle mehr schreibt) oder den Bischof Cauchon, den er in "Jeanne d'Arc" spielte? Eben - niemand! Und in der Mini-Nebenrolle, die er in "Hitler: The Rise of Evil" spielte, hätte die Mehrheit der Zuschauer wohl weder Hindenburg noch ihn selber wieder erkannt, wenn der Vorspann nicht ausdrücklich darauf hingewiesen hätte :-)

[Lawrence - Gemälde in Öl] [Lawrence - Zeichnung von 1948] [Lawrence - Plastik] [Lawrence und Gertrude Bell]

Offenbar "retouchiert" (vielleicht sogar eine Fotomontage) ist auch das Bild, das Lawrence zusammen mit Gertrude Bell zeigt; und bei diesem Namen werden fleißige Leser von Dikigoros' "Reisen durch die Vergangenheit" gleich an einen anderen Bericht aus "Wenn Frauen eine Reise tun" denken. Schreibt Dikigoros da nicht, daß die Hauptschuld an der Misere, die er in den beiden ersten Zeilen der Überschrift umreißt, Gertrude Bell treffe - also nicht Lawrence? Wohl wahr, aber der schuf die militärischen Voraussetzungen für die Fehler der Gertrude Bell, oder jedenfalls trug er den mit Abstand größten Anteil auf britischer Seite daran. Und damit sind wir schon mitten im geschichtlichen Rahmen, in dem der Film spielt.

Halt - warum will Dikigoros hier so weit ausholen? Handelt es sich nicht um die mehr oder weniger genaue Verfilmung des Buches von T. E. Lawrence? Böse Zungen meinen nein; aber die sind ungerecht: Wenn man einen so dicken Schinken (über 850 Seiten für knapp vier Jahre!) genau verfilmen wollte, würde der Film 24 Stunden oder länger dauern; da muß man schon etwas auswählen und straffen. Es ist dies übrigens der einzige Fall in der "Welt der [un]schönen Illusionen", in denen uns der "Titelheld" seine Memoiren hinterlassen hat, wenn man mal von Gāndhī absieht (der sie indes zu einem Zeitpunkt schrieb, als seine politische Karriere noch gar nicht richtig begonnen hatte) und von Höß (dem indes seine Folterknechte auf die Finger sahen - und schlugen, wenn er nicht schrieb, was ihnen gefiel). Was bedarf es da also noch der Ergänzungen? Ach, liebe Leser, Ihr meint, wenn Memoiren inhaltsgetreu verfilmt werden, dann würde der Film die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit zeigen? Wenn das so einfach wäre! Da kennt Ihr aber die Memoiren-, speziell die Kriegs-Memoiren-Schreiber schlecht... Als Kind machte Dikigoros - wie Kinder so sind - keinen Unterschied zwischen Lebensbeschreibung und Märchen, zwischen Geschichte und Geschichten; später, als Student lernte er, daß es einen grundlegenden Unterschied gebe zwischen "Quellen" und "[Sekundär-]Literatur", d.h. die Erinnerungen, Memoiren und Autobiografien historischer Persönlichkeiten seien eine wertvolle Quelle, und alles, was aus der Feder anderer über sie geschrieben wurde, sei "nur" Literatur. Und noch später, als erwachsener Mensch, begriff er, daß diese willkürliche Unterscheidung der Schreibtisch-Historiker nichts über den Wahrheitsgehalt oder gar Wert solcher Werke aussagt. Eine Autobiografie ist kein Beweis für die Richtigkeit dessen, was ihr Verfasser über sein Leben zu Papier bringt, sondern allenfalls dafür, wie er sein Leben im Alter gesehen haben will - oder sogar nur, wie er will, daß andere (und sei es "die Nachwelt") es sehen. (Die Memoiren eines Bismarck, eines Churchill eines Speer oder eines Nixon - um nur ein paar der bekanntesten Beispiele zu nennen - sind, als historische Quellen gesehen, so gut wie wertlos; denn die haben allesamt nur in den Punkten die Wahrheit geschrieben, die eh schon allgemein bekannt waren und deshalb von ihnen partout nicht verfälscht werden konnten, ohne daß es gleich jedem aufgefallen wäre.) Dagegen kann die Biografie, die ein Dritter über ihn schreibt, viel sachlicher und wahrheitsgetreuer sein - kann, muß aber nicht, denn es gibt immer wieder Lobhudler der politisch Mächtigen (oder ihrer Nachfolger), die sich einschmeicheln, oder Propagandisten, die ihre politischen Feinde in den Dreck ziehen wollen. Es ist also in beiden Fällen Vorsicht geboten. Das gilt umso mehr, wenn kommerzielle Interessen ins Spiel kommen. Viele Memoiren-Schreiber scheren sich weder um die Wahrheit noch um die Nachwelt, noch machen sie sich auch nur die Mühe, selber zur Feder zu greifen; vielmehr beauftragen sie einen so genannten Ghost-writer, der ihnen irgend eine Lebensgeschichte zusammen schmiert, gespickt mit pikanten Skandalen und Skandälchen, Enthüllungen und Indiskretionen, die der Verlag gut zu verkaufen hofft - womöglich auch noch als Drehbuch-Grundlage für eine ebenso lukrative Verfilmung.

Das letztere war bei T. E. Lawrence wohl nicht der Fall; dennoch gehen die Lücken in seinen "Sieben Säulen der Weisheit" weit über diese oder jene Kleinigkeit hinaus, die man schon mal vergessen, verdrängen oder einfach auslassen kann, weil sie unwichtig ist. (Wer es genau wissen will, lese die etwas in Vergessenheit geratene, aber immer noch unübertroffene Biografie von Richard Aldington aus dem Jahre 1950, die etwas irreführend "Portrait of a Genius, but..." betitelt ist, während die französische Übersetzung ehrlicher "Lawrence l'imposteur [Lawrence der Hochstapler]" überschrieben ist - nur die deutsche ist wie gewohnt politisch korrekt und neutral: "Der Fall T. E. Lawrence" :-) Das gilt erst recht für die Lücken im Film - und auf den wollen wir nun einen Blick werfen. Lean läßt ihn aus der Rückschau beginnen: Lawrence stirbt bei einem Motorradunfall. Nach dem Trauergottesdienst in der Londoner St. Paul's Kathedrale (dort steht übrigens bis heute die Bronze-Büste, die Dikigoros Euch oben abgebildet hat) macht sich ein amerikanischer Reporter an seine ehemaligen Vorgesetzten heran, um mehr über sein geheimnisvolles Leben zu erfahren. Die wiegeln ab - schließlich will jeder das Hauptverdienst für den Sieg in Nahost an seine eigenen Fahnen heften, nicht an die des Toten. "Der hatte eine untergeordnete Position bei mir in Kairo inne," sagt einer der Befragten, und nun beginnt die Rückblende: Lawrence langweilt sich am Schreibtisch beim Kartenzeichnen, bis seine Vorgesetzten, die ihn für einen Waschlappen halten, ihn an die Front abkommandieren, "damit vielleicht mal ein Mann aus ihm wird". Genauer gesagt nicht an die Front, sondern - noch gefährlicher - hinter die Front, wo er Kontakt mit Prinz Fäisal aufnehmen soll, dem Führer der aufständischen Araber. Unterwegs lernt er gleich problemlos Kamel reiten, und außerdem die Araber kennen: Sein Begleiter wird erschossen, weil er vom Brunnen eines anderen Stammes trinkt. "Solange Ihr untereinander so verfeindet seid," sagt Lawrence zum Scheich, dem die Quelle gehört, "werdet Ihr Euch nie von den Türken befreien können." Von denen bekommen Fäisals Beduinen gerade ziemliche Prügel - ist der Mut auch noch so groß -, da sie noch mit dem blankem Säbel kämpfen, während die bösen Türken mit deutschen Gewehren und Kanonen von Krupp operieren.

Bei Fäisal befindet sich schon ein anderer, höherrangiger britischer Offizier, der angesichts der desaströsen Lage dafür plädiert, daß die Araber sich zurück ziehen und erstmal eine ordentliche Ausbildung an modernen Waffen durchlaufen. Das sieht Lawrence freilich ganz anders: "Wenn Sie das tun, dann wird aus dem arabischen Aufstand eine armselige Einheit der britischen Armee." - "Wir können Sie hier in der Wüste nicht länger unterstützen," sagt der andere Brite zu Fäisal. "Warum nicht über 'Aqaba?" - "Das müßten Sie erst einmal erobern." - "Na gut, erobern wir 'Aqaba," sagt Lawrence. Alle erklären ihn für verrückt: Von See her ist die Festung uneinnehmbar; von Land her ist es aus logistischen Gründen unmöglich, eine Armee durch die Wüste zu führen. "Wieso eine Armee?" sagt Lawrence zum Scheich, "gib mir 50 Männer mit, dann nehme ich 'Aqaba im Handstreich, denn die Türken rechnen ja nicht mit einem Angriff, werden sich also überrumpeln lassen." Unterwegs gewinnt Lawrence nach anfänglichen Schwierigkeiten den Respekt der Araber, indem er, als einer von ihnen in der Wüste verschütt geht, zurück reitet und ihn unter Einsatz seines eigenen Lebens rettet. Bei der Gelegenheit wird die unüberwindbare Kluft zwischen der Mentalität der Araber und der des Briten - der Lawrence trotz allem bleibt - deutlich sichtbar: Die Araber wollen ihren Mann zurück lassen, denn wenn er umkommen soll, dann war das Allāhs Wille, Kismät [Schicksal] - "dann steht es so geschrieben". - "Nichts steht geschrieben," sagt Lawrence schroff, "und in meinem Lebensbuch schon gar nicht, es sei denn das, was ich selber hinein schreibe." Und er schreibt die Eroberung Akabas hinein. Zuvor gewinnt er freilich noch ein paar arabische Hilfstruppen. "Warum sollte ich Euch helfen?" fragt deren Anführer, ein gewisser Auda (gespielt von Anthony Quinn), "damit hier statt der Türken künftig die Engländer herrschen?" - "Nein," versucht Lawrence an sein Nationalgefühl zu appellieren, "damit hier künftig die Araber herrschen." - "Die Araber?" fragt Auda höhnisch zurück, "wer soll das sein? Ich kenne keine Araber, ich kenne nur... [folgt eine Aufzählung der einzelnen arabischen Stämme in der Gegend]; hier herrsche ich, und die Türken bezahlen mich gut, wenn ich still halte." - "Du läßt Dich also kaufen," stichelt Lawrence; aber da gibt Auda in selbstgerechtem Zorn zurück: "Bei solchen Summen hat das nichts mehr mit Sich-kaufen-lassen zu tun; das ist ein Tribut, den mir die Türken zahlen!" Doch Lawrence ist unerschüttert: "Ich zahle noch besser," sagt er, "die Türken haben reichlich Gold in der Stadt, und das kriegst Du, wenn Du mit uns kommst." Nun trifft er endlich den Nerv des Arabers: Patriotismus? Ehre? Nein - Geldgier! Umso größer ist die Wut bei Auda, als sie 'Aqaba erobert haben - natürlich klappt der Handstreich, liebe Leser, sonst wäre Lawrence ja nicht berühmt und der Film nie gedreht worden - und sich heraus stellt, daß die Türken dort kein Gold deponiert haben, sondern nur Papiergeld; und damit will sich Auda verständlicher Weise nicht abspeisen lassen. "Äl-Oräns ist ein Lügner!" schimpft er; aber der bleibt weiter ganz cool und stellt ihm einfach einen Schuldschein im Namen ihrer Majestät aus, zahlbar in zehn Tagen; bis dahin hofft er, aus Kairo zurück zu sein. Wieder absolviert er einen Marsch durch die Wüste; diesmal kommt freilich einer seiner beiden Lustknaben, pardon jungen Begleiter, bei einem Sandsturm ums Leben, und entsprechend geknickt kommt Lawrence in Kairo an.

Exkurs. Zweimal der Marsch durch die Wüste? Ja, der Film hat Längen; und Dikigoros ist schon von einem Leser gefragt worden, ob ein Film denn nur dann Gnade vor seinen Augen finde, wenn er Überlänge hat. Nein, ganz bestimmt nicht; aber er nimmt gerne die Gelegenheit wahr, einmal etwas Grundsätzliches zu diesem Thema zu schreiben. Wir sollten einige unterschiedliche Dinge nicht in einen Topf werfen: Wenn ein Film überdurchschnittlich lang ist, dann kann das daran liegen, daß der Regisseur versucht, mehr darin unterzubringen als sinnvoll ist - ein typisches Beispiel dafür ist "Cleopatra", wo gleich zwei Geschichten aus zwei Drehbüchern aneinander gehängt werden (da wäre es sicher klüger gewesen, mehrere Filme daraus zu machen, wie z.B. bei "Sissi" oder "Winnetou"); in solchen Fällen kann man mit Recht von "Überlänge" sprechen. Es kann aber auch daran liegen, daß eine Geschichte (zumeist eine Lebensgeschichte) halt besonders komplex ist, so daß Kürzungen ihr nicht gerecht werden - insoweit sind z.B. "Cromwell", "Venizelos" oder "Gandhi" eher zu kurz als zu lang geraten. Ein anderer - und sehr häufiger - Grund sind die überwiegend mit Rücksicht auf das weibliche Publikum eingefügten Weiber-, pardon Liebesgeschichten, die meist frei erfunden oder doch sehr frei ausgesponnen sind und meist nichts Notwendiges zum Gang der Handlung beitragen (das gilt z.B. für "The Crusades", "Braveheart", "Solimano", "They Died With Their Boots On" oder "Schtonk"); dies sind zweifellos ungerechtfertigte Längen. Es gibt aber auch Längen, die gerechtfertigt sind: Die langen Aufnahmen der Einsamkeit und Monotonie des schottischen Berglandes in "Braveheart" sind z.B. wichtig, um die Atmosfäre einzufangen, in welcher der Film spielt. Noch wichtiger ist es, die trostlose Weite der Wüstenlandschaft darzustellen, in der "Lawrence of Arabia" spielt. Seid Ihr mal in der Wüste gereist, liebe Leser? Nein, nicht mit dem Auto durch eine relativ fruchtbare "Wüste" wie die der südwestlichen Bundesstaaten der USA (von der Walt Disney einmal treffend gesagt hat, daß sie "lebt", die mithin gar nicht "wüst" und leer ist), auch nicht durch die zwar einsamen, aber relativ harmlosen Wüsten Asiens (die erst dann bedrohlich werden, wenn man nicht mehr einsam bleibt, sondern auf muslimische Banditen trifft), durch die etwa ein Sven Hedin gereist ist, sondern durch die lebensgefährlichen Sandwüsten Arabiens, die nicht umsonst auf Englisch "desert" heißen, weil man in ihren "verlassen" ist? Diese Wüsten-Durchquerungen können gar nicht lang und qualvoll genug dargestellt werden, wenn der Zuschauer einen halbwegs richtigen Eindruck von der Atmosfäre erhalten soll, in der dieser Film spielt. Exkurs Ende.

Seine Offizierskollegen in Kairo halten Lawrence erstmal für verrückt und wollen kaum glauben, daß er das für uneinnehmbar gehaltene Akaba erobert hat, bloß mit einer Handvoll Araber - die sie insgeheim allesamt für Untermenschen halten, oder jedenfalls für schlechte Soldaten (womit sie ja auch gar nicht so verkehrt liegen :-). Doch dann empfängt General Allenby, der Oberbefehlshaber der Briten in Ägypten, Lawrence persönlich, befördert ihn zum Major und verspricht ihm alles, was er verlangt: Waffen, Munition, Gold, Selbstverwaltung für die Araber... Lawrence erklärt ihm, was er als nächstes vorhat: den britischen Truppen den Weg nach Auraschalīm [Jerusalem] frei machen, indem er alle türkischen Eisenbahnen demoliert, die dorthin fahren. Seine Vorgesetzten halten ihn zwar immer noch für etwas plemplem, aber auch für einen nützlichen Idioten, der den Arabern glaubhaft machen kann, daß England überhaupt keine politischen Ambitionen im Nahen Osten verfolge, sondern nur aus reiner Nächstenliebe kämpfe, um die Araber von den bösen Türken zu befreien. Also zieht Lawrence wieder los; und während er und seine Araber einen türkischen Eisenbahnkonvoi überfallen, taucht ein (für die Handlung des Films völlig überflüssiger, aber wohl historischer) amerikanischer Kriegsreporter vom Chicago'er Tageskurier auf und stellt dumme Fragen, die - bzw. deren Beantwortung - dem Zuschauer zeigen sollen, daß die Araber (noch?) nicht reif sind für einen eigenen Staat. Als nächstes schleicht sich Lawrence persönlich in die türkische Festung Deraa, wird gefangen und ordentlich in die Mangel genommen (was allerdings im Film - anders als im Buch - nur zart angedeutet wird), aber nicht erkannt, sondern wieder laufen gelassen (obwohl die Hohe Pforte längste eine fette Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt hat). Dennoch plagen ihn nun ernsthafte Selbstzweifel, ob er der richtige Mann am richtigen Ort sei, und er kehrt erneut nach Kairo zurück, um zu demissionieren. "Sie sind wohl verrückt geworden", sagt General Allenby (der inzwischen tatsächlich Jerusalem besetzt hat), "wir sind im Krieg, da können Sie nicht einfach abhauen, wann es Ihnen paßt; ich will Damaskus erobern, dazu brauche ich wieder Ihre Hilfe - und die der Araber." Lawrence hat inzwischen erfahren, daß die Franzosen und Engländer das Sykes-Picot-Abkommen geschlossen haben, wonach sie das Osmanische Reich bis auf das türkische Kernland nach dem Krieg unter sich aufteilen wollen, und kommentiert das mit dem cynischen Satz: "Es mag eine Ganovenehre unter Dieben geben, aber offenbar keine unter Politikern." - "Ich bin kein Politiker, sondern Soldat," kontert Allenby, und Lawrence läßt sich erneut breit schlagen.

Exkurs. Gewisse Historiker - vor allem jüdische und arabische - haben immer wieder behauptet, das Doppelspiel der Entente-Mächte habe darin bestanden, sowohl den Arabern als auch den Juden Palästina zu versprechen, um sie auf ihrer Seite in den Krieg zu ziehen: den ersteren im Oktober 1915 in einem Brief von Henry McMahon an Shärīf Ħusäin (Ihr dürft ihn getrost so schreiben, liebe Leser, auch wenn die Arabisten "Ħusain" schreiben - das "ai" wird wie "äi" gesprochen - und die Laien "Hussein" - das Anfangs-H ist leicht angerauht, etwas stärker als ein deutsches "ch" vor "i" und "e", und der mittlere Konsonant ist ein einfaches, stimmloses "Sīn", kein emfatisches "Sād" wie in Basrā und Fäisal, die man viel eher "Bassrā" und "Fäissal" bzw. "Baßrā" und "Fäißal" schreiben könnte) von Mäkka [Mekka] und im Sykes-Picot Agreement vom Mai 1916, den letzteren in der Balfour Declaration vom November 1917. Eine solche Auffassung zeugt indes von historischer Halbbildung oder von ungenauem Lesen der einschlägigen Dokumente. (Lawrence las sie richtig!) McMahons Brief an Ħusein steht unter ausdrücklichem Vorbehalt der Zustimmung Frankreichs (und nimmt im übrigen schon damals den Libanon sowie die Provinzen Baģdād und Basrā aus bzw. für England in Anspruch). Im Sykes-Picot-Abkommen erklären Großbritannien und Frankreich zwar eingangs, daß sie [vor]bereit[et] (im englischen Original-Text "prepared") seien, einen arabischen Staat "anzuerkennen und zu beschützen" (was man denn so nennt - also ein Protektorat!), aber schon im nächsten Absatz legen sie ganz konkret fest, wie sie die arabischen Gebiete unter sich aufteilen, pardon "verwalten und kontrollieren" wollen. Und die so genannte "Balfour Declaration" - eine mehr oder weniger unverbindliche "Sympathie-Erklärung", die der britische Außenminister Balfour an den jüdischen Bankier Rothschild schickte zur Weiterleitung an die "Zionistische Föderation" - anerkennt zwar das Recht der Juden auf eine "nationale Heimstatt" in Palästina, aber mit einer Einschränkung, die man heute in Israel nicht mehr so gerne zitiert: "Es muß klar sein, daß nichts getan werden darf, was die zivilen und religiösen Rechte bereits bestehender nicht-jüdischer Gemeinden in Palästina beeinträchtigen könnte." War das ein Freibrief für die Zionisten? Wohl kaum! Nein, der Betrug bestand von Anfang an darin, daß die Alliierten gar nicht daran dachten, den Arabern einen eigenen, unabhängigen Staat zu überlassen - aber in Anbetracht des ständigen Gezänks der arabischen Stämme untereinander sowie der Gefahr, die bisher noch von jedem arabischen Staat für seine nicht-arabischen Nachbarn ausgegangen ist, war das vielleicht sogar gerechtfertigt. Exkurs Ende.

Auf dem Marsch nach Dimašq [Damaskus] gibt es ein blutrünstiges Gemetzel mit den Türken - der Film will uns die ganze Zeit erzählen (wie auch die Memoiren), daß Lawrence aus Freude am Töten und Blutvergießen handelte; nun, das mag eine förderliche Eigenschaft gewesen sein - aber ob sie alleine ausreicht, um sein Handeln zu erklären? Um solchen Neigungen zu frönen hätte Lawrence doch nicht in die Wüste zu gehen brauchen - Krieg war überall, und an vielen Fronten wurde wesentlich mehr getötet als an der "ägyptischen" Front. Wie dem auch sei, Lawrence und seine Araber nehmen Damaskus - woraufhin sich die verschiedenen Stämme sogleich untereinander in die Haare kriegen, zumal sie nicht in der Lage sind, die Infrastruktur der Stadt aufrecht zu erhalten - dafür brauchen sie wieder die Engländer. Lawrence warnt sie mit dem Satz: "Holt Euch englische Ingenieure, und Ihr holt Euch englische Herrschaft anstelle der türkischen." Und so kommt es denn auch, denn Fäisal ist unfähig, die arabischen Stämme zu einen. Lawrence ist untröstlich, und es gibt einen traurige Abschiedsszene - obwohl er eigentlich mit sich zufrieden sein könnte: Er wird zum Oberst[leutnant] befördert, in den USA jubelt ihn die Presse zum Helden hoch, und er kann nun endlich nach Hause zurück kehren. Ende.

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So weit so gut. Vermißt Ihr auch den Haupt-Handlungsstrang und die Haupt-Motive der Handelnden, liebe Leser? (Wenn Ihr das mit der "Lust am Töten" glauben und Euch damit zufrieden geben wollt, lest bitte nicht weiter.) Dann wollen wir doch einmal nach diesen suchen - und nach den Gründen, weshalb sie fehlen. Fragen wir also: Was trieb einen jungen Archäologen aus ordentlichem Hause dazu, zu einer Zeit, als zwar schon Krieg herrschte, aber in England noch niemand "gezogen" wurde, sich freiwillig als Militärspion zu melden, sich in die Wüste zu begeben, Kamele zu besteigen und sich mit Arabern in Schwulitäten einzulassen? Die Frage so zu stellen heißt sie zu beantworten: Lawrence war homosexuell. (Er betrachtete die Körper von Frauen als "schmutzig", während er die junger Männer als "sauber" empfand; daß er das gleich im 1. Kapitel seines Buches so explizit schrieb, mag ein Grund dafür gewesen sein, daß eine unzensierte Ausgabe erst 1940 auf den Markt kam, obwohl er es bereits - im dritten Anlauf - 1922 fertig gestellt hatte; es war jedenfalls der Grund dafür, daß Frau Dikigoros das Buch bereits nach dem ersten Kapitel empört aus der Hand legte und es nie zuende gelesen hat :-) Und das war auch im nach-viktorianischen England noch lange nicht lustig [gay], sondern strafbar und konnte nicht nur Karrieren, sondern Leben zerstören - der Fallus, pardon der Fall des Oscar Wilde war noch in aller Munde. Aber wurde nicht gerade beim Militär streng darauf geachtet, Homosexualität zu unterbinden? Richtig, deshalb meldete sich Lawrence ja auch nicht zu irgend einer "normalen" Einheit, sondern eben zu dem Haufen, der von Ägypten aus Wühlarbeit gegen die türkische Herrschaft auf der arabischen Halbinsel betrieb.

Der Film versäumt es auch - wie die Autobiografie -, die Ereignisse in den größeren Handlungsrahmen des Weltkriegs einzufügen und darzustellen, was sie in den Augen aller Beteiligten waren: ein bloßer Nebenkriegs-Schauplatz. Findet Ihr das unglaublich, liebe Leser? Wahrscheinlich - aber Ihr seid Kinder des 20. Jahrhunderts und denkt in Kategorien wie die heutigen Politiker, also: Erdöl, Erdöl und nochmal Erdöl. Aber davon konnte im Ersten Weltkrieg noch lange nicht die Rede sein: Das Automobil war zwar schon erfunden, aber das konnten sich nur ganz reiche Leute leisten, und die blieben lieber beim Pferd, denn erstens lief das schneller, zweitens hielt es länger, und drittens kam es auch dort vorwärts, wo "Autos" - wie mundfaule Zeitgenossen die Dinger bald abkürzten - stecken blieben. (Autobahnen gab es noch nicht, und selbst gut ausgebaute Straße waren Mangelware :-) Und sonst konnte man mit "Benzin" (so nannte man das gecrackte Öl, nach einem verkrachten deutschen Ingenieur, der eine der ersten Motor-Kutschen gebaut hatte) auch nicht viel anfangen - außer vielleicht Petroleum-Lampen damit zu füllen, doch dafür reichten auch die einheimischen Vorkommen der meisten Länder; außerdem war abzusehen, daß die Petroleum-Lampe demnächst der mit elektrischen Strom betriebenen Glühlampe (die seit 1910 aus einer Glasbirne mit Wolframdraht bestand und im Volksmund bald "Glühbirne" genannt wurde) weichen würde. Also kam es auf die arabische Halbinsel mit den blöden Shäiķhs (bitte nicht mit weichem "ch" sprechen, liebe deutsche Leser, sondern mit einem ganz harten, als käme vorher ein a, o oder u!) und ihren Stämmen, die einander seit ewigen Zeiten bekriegten, gar nicht weiter an. So dachten die Briten, die auch bei der Annexion Kuwäits 1913 nicht an das Öl, sondern nur an den Hafen gedacht hatten (der übrigens gut gewählt war; das alte Äl-Ħassa hatte nie zur Provinz Basrā gehört und war erst im 17. Jahrhundert von den Türken erobert worden; insoweit gibt es auch keinerlei "historische" Rechtfertigung für die Ansprüche 'Irāqs auf jenes kleine Shäiķhtum), so wie sie 1914 bei der Annexion Ägyptens nur an den Suezkanal und den Hafen Alexandria gedacht hatten. Deshalb interessierten sie sich jetzt hauptsächlich für die Ostküste des Mittelmeeres und für die Straßen, die über Jerusalem in Palästina und Damaskus in Syrien ins Herzland des Osmanischen Reiches, nach Anatolien, führten, und natürlich für die Meerengen am Bosporus. Und deshalb landeten sie jede Menge Truppen in Gallipoli, bevor ihnen etwa ihre russischen Verbündeten zuvor kämen, die auch schon immer nach Byzanz, Konstantinopel und Istámbul geschielt hatten - egal wie es gerade genannt wurde. Umgekehrt nahm auch die Türkei die Araber auf die leichte Schulter: Das blöde Pack da unten war doch eh zu nichts nutze - wohl aber die stammverwandten Turkvölker, die von Rußland unterdrückt wurden (damals faßte man das, was heute Kazaķhstān, Turkmenistān, Usbekistān, Kirgistān und Tadzhikistān heißt, unter dem Begriff "Turkestān" zusammen) und auch Glaubensbrüder waren (ihr geistiges Oberhaupt - der Ķhalīf - war der Sultān in Konstantinopel). Also galt es, alle militärische Kraft auf den Marsch durch den Kaukasus zu konzentrieren, und wenn dabei die armenischen Christen im Weg waren, dann bekamen die halt auch gleich ihr Fett weg. Als dagegen irgendwann Baģdād und die (noch nicht erschlossenen) Ölfelder des heutigen 'Irāq in die Hände der Briten fielen (übrigens relativ spät im Krieg, sie hatten es damit nicht so eilig), nahm man das hüben wie drüben kaum zur Kenntnis.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden aus der Konkursmasse des Osmanischen Reichs sieben neue "Staaten" (wenn man denn auch die britischen und französischen "Völkerbunds-Mandate" so nennen darf): die Türkei, das französische Protektorat Syrien (mit Alexandrette und Libanon), die englischen Protektorate Ägypten, Äl-'Irāq [Irak] (bestehend aus den Provinzen Baģdād, Äl-Mausil [Mōßal] und Äl-Basrā [Baßra]), Falistīn [Palästina] (mit dem heutigen Israel; das heutige [Trans-]Jordanien wurde ein Jahr später formell abgetrennt), 'Ummān [Oman] und Ħadramaut, und - als einziger unabhängiger Staat - das Sultanat (später Königreich) Äl-Ħiğāz (Hedschas) und Näğd (Nedschd) unter Ibn[u] Sa'ūd (das später nach seinem Clan "Sa'ūdi-Arabien" genannt werden sollte - bitte nicht wie ein weibliches Schwein aussprechen, liebe Leser, denn damit würdet Ihr jeden guten Muslim tödlich beleidigen, sondern mit einem scharfen "ß" im Anlaut und einem deutlichen Hiatus zwischen dem "a" und dem langen "u") mit 'Asīr und Äl-Yämän [Jemen]. So so... und all diese Länder und Völker hätte man also im vorgeblichen Idealfall zu einem einzigen Staat "Arabien" zusammen fassen sollen? Dazu noch in einer Zeit, als man die Eigenstaatlichkeit der im Ersten Weltkrieg von den Mittelmächten (zu denen auch das Osmanische Reich gezählt hatte) "befreiten" Völker allenthalben lautstark propagierte? Wie wir heute wissen, wollen nicht einmal die verschiedenen Stämme der so entstandenen (und inzwischen durch weitere Teilungen auf über die doppelte Anzahl angewachsenen) Einzelstaaten noch zusammen leben! Was haben Ägypter, Palästinenser, Kurden, Sa'ūdis, 'Irāqīs usw. schon mit einander gemeinsam? Ja ja, "die" islamische Religion. (Nein, die paar Christen und Juden an der Mittelmeerküste konnte man vernachlässigen - die zionistische Einwanderung wurde zwar von Herzls Epigonen propagiert, hatte aber noch keine nennenswerten Ausmaße angenommen.) Aber auch "die" Europäer haben doch "die" christliche Religion - leben sie deshalb zusammen in einem Staat? Wenn es nach einigen Polit-Narren ginge, die aus der Europäischen Union einen solchen machen wollen, dann ja - aber die Völker wollen nicht, wie sie immer wieder deutlich gemacht haben, wenn man sie denn ausnahmsweise mal gefragt hat, und sie haben Recht. Die Religion reicht als Kitt nicht aus - weniger denn je, und sie hat noch nie ausgereicht. (Sonst, liebe Leser, hätte man doch das Osmanische Reich nicht zu zerschlagen brauchen, oder? War das nicht - mehr noch als das Habsburger Reich - ein schöner Multikulti-Vielvölkerstaat mit gemeinsamer Religion?) Außerdem sieht "der" Islām nur aus der Sicht der Nicht-Muslime so einheitlich aus, wie ihn unsere Politiker mit ihrem Schubladen-Denken gerne hätten: Da gibt es nicht nur Sunniten (mit vier z.T. erheblich von einander abweichenden "Rechtsschulen"), und Shī'iten (ebenso wenig wie es bei uns nur Katholiken und Protestanten gibt), sondern Aläwiten, Drusen, Ismailiten, Wahhabiten... und wenn Ihr Dikigoros fragt, welcher Glaube z.B. den "Staat" Kuwäit (und nicht nur den) zusammen hält, dann würde er antworten: der an das Öl und daran, daß man die Gewinne, die daraus fließen, auf keinen Fall mit den ärmeren Nachbarn teilen sollte.

Deshalb wäre es wohl keine sinnvolle Alternative gewesen, einen arabischen Staat (oder eine arabische Konföderation) zu schaffen, wie es Lawrence vorschwebte - oder gar im Zeitalter des Nationalismus Türken und Araber unter der Fahne des Islam im Osmanischen Reich zusammen zu halten, wie es die Politik der Mittelmächte war, und wie es Lawrences österreichischer Gegenspieler, der Orientalist (und katholische Priester!) Alois Musil den Arabern schmackhaft zu machen versuchte - wobei er allerdings zunehmend frustriert wurde ob der Erkenntnis, daß mit den untereinander verfeindeten Araber-Stämmen im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen war, schon gar kein gemeinsamer. Musils Fazit - wenn Dikigoros es mit seinen eigenen Worten umschreiben darf: Araber sind wetterwendisch, treulos, feige, verschlagen, hinterhältig, verlogen, arbeitsscheu, nur an stehlen, rauben, morden und vergewaltigen interessiert. Das klingt hart - und Musil formuliert es höflicher -; aber das Leben in der Wüste ist hart und bringt wohl zwangsläufig einen solchen Menschenschlag hervor, über dessen Angehörige niemand den Stab brechen sollte, der ihnen nur in "zivilisierten" Städten begegnet und sich wundert, daß sie auch dort nicht so ohne weiteres aus ihrer Haut können. [Wenn Euch das nicht zusagt, liebe christliche Abendländer, wenn Ihr Anstoß nehmt daran, daß ein Muslim bis zu vier Frauen heiraten darf, daß er das Recht hat, sie und ihre Kinder zu Erziehungszwecken körperlich zu züchtigen, daß er über die Verheiratung der Kinder, insbesondere der Töchter, bestimmt und daß Ehebrecherinnen von ihren Verwandten in "Selbstjustiz" zum Tode verurteilt und hingerichtet werden können, ja müssen, um die Familienehre wieder herzustellen, dann dürft Ihr sie Euch nicht ins Land holen, sonden müßt statt dessen wieder selber mehr Kinder machen. (Zum Trost: Ein eigenes Kind kostet auch nicht mehr als ein Sozialhilfe schmarotzender Muslim, und im Gegensatz zu dem und seinen Kindern werden Eure eigenen vielleicht mal Willens und in der Lage sein, Eure Renten zu erwirtschaften.) Und brecht nicht den Stab über Sozialarbeiter, Standesbeamte und Richter, die nicht daran denken, den eigenen Kopf für die Fehler und Versäumnisse der Politiker hin zu halten. Die Journaille hat es leicht, daher zu schreiben; aber Dikigoros weiß aus für gewöhnlich gut unterrichteter Quelle, daß brave Muslime sowohl den Berliner Strafrichtern, die die Mörder-Familie Sürücü frei gesprochen haben, als auch der Frankfurter Familienrichterin, die einer regelmäßig von ihrem Ehemann verprügelten Marokkanerin die Scheidung verweigerte, zuvor gedroht hatten, sie zu ermorden, wenn sie anders entschieden hätten. Ob die Richter des Bundesgerichtshofs mehr Mut haben, bleibt abzuwarten; wenn, dann weil sie einen Personenschutz haben, von dem die Richter der unteren Instanzen nur träumen können; die, die sie bedrohen, würden im Zweifel nicht mal aus der BRD abgeschoben, weil ihnen im Heimatland ja die Todesstrafe drohen könnte - wollt Ihr ihnen da verübeln, daß sie urteilen, wie sie urteilen?] Nicht umsonst hatte Muħammäd einst die strengen Regeln des Islām aufgestellt, um die wilden Araber zu bändigen. Übermäßig streng und unbarmherzig erscheinen Äl-Qur'ān [der Koran] und die Sharīya nur Nicht-Muslimen und solchen, die nicht wissen, welche Zustände bei den vor-islamischen Arabern herrschten. Und die Türkei hätte sich mit den arabischen Klötzen am Bein wohl nie zu einem modernen, laïzistischen Staat entwickelt, wie sie es unter Atatürk wenigstens vorübergehend getan hat - aber das Scheitern dieser seiner Idee ist eine andere Geschichte.

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Bleibt noch die Frage, warum David Lean Anfang der 1960er Jahre diesen Film drehte, und warum er die Hauptrolle ausgerechnet mit Peter O'Toole besetzte - gegen den erklärten Willen seines Produzenten Samuel Spiegel, der mit Recht darauf hinwies, daß der echte Lawrence einen ganzen Kopf kleiner war und die Rolle lieber mit Marlon Brando oder Albert Finney besetzt hätte. Lean und Spiegel hatten schon 1957 einen großen Kinoerfolg gelandet mit "The Bridge on the River Kwai", jenem rührseligen Stück über die armen alliierten Soldaten in japanischer Kriegsgefangenschaft, die jene Brücke bauen mußten und dabei starben wie die Fliegen. (Das Drehbuch zu "Lawrence of Arabia" stammte dagegen von einem Anfänger, Robert Bolt, der den englischen Zuschauern später mit "A Man for all Seasons" - einem Film über Heinrich VIII - und den deutschen mit "Der kleine dicke Ritter" von der Augsburger Puppenkiste - besser bekannt werden sollte.) Wenn sie sich nach einem neuen historischen Thema umsahen, so konnten sie sich von der Tagespolitik im Nahen Osten inspirieren lassen: Der ägyptische Militär-Diktator Ğamāl 'Abd-äl-Nāsir (den ersten Buchstaben könnt Ihr, liebe deutschsprachige Leser, getrost wie Euer "G" aussprechen, das tun die Ägypter auch - obwohl die anderen Araber das nur mit dem "Gāf" tun, während sie das "Ğīm" meist wie ein englisches "G" in "German" aussprechen, also "dsch" -; aber betont den Namen um Himmels willen nicht auf der ersten Silbe, dann bedeutet er nämlich "Kamel", und das gilt auch bei den Arabern als nicht sonderlich schmeichelhaft, obwohl - oder gerade weil - Nāsir diesen Beinamen ohne weiteres verdient hätte :-) hatte versucht, durch die Gründung einer "Vereinigten Arabischen Republik" den alten Traum des T. E. Lawrence doch noch zu verwirklichen; und die Briten hatten - nachdem ihr Versuch, mit Hilfe der Franzosen und Israelis den von ihm verstaatlichten Suez-Kanal zurück zu erobern, am Widerstand der Russen und Amerikaner (!) gescheitert war - mit dem CENTO-Pakt dagegen gehalten, den sie mit den (muslimischen, aber nicht arabischen) Türken, Iranern und Pākistānī schlossen. 1961 hatten sie - wie einst 1939 für Polen - eine Garantie für das Ölscheichtum Kuwäit abgegeben, auf das ihre nördlichen Nachbarn begehrliche Augen geworfen hatten. Dann brach die VAR auseinander, ein Putsch jagte den anderen, die ganze arabische Halbinsel stand in Flammen. Der nächste Krieg mit britischer Beteiligung schien bevor zu stehen, was dem Film einen ungeheuren Kinoerfolg garantiert hätte... Nun, er lief auch so nicht schlecht; bekam seinen Oscar, und die Briten wandten sich vorerst anderen außenpolitischen Zielen zu. Erst vier Jahrzehnte später - das "arabische" Erdöl hatte inzwischen eine immense Bedeutung erlangt - sollten Briten und Amerikaner die einstigen osmanischen Provinzen Mōsal, Baģdād und Basrā (vorübergehend auch als "'Irāq" bekannt) wieder besetzen - aber das ist eine andere Geschichte, von der David Lean noch nichts ahnen konnte.

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Nachbemerkung. Siebzehn Jahre nachdem David Lean "Lawrence of Arabia" gedreht hatte, erschien in England ein Buch mit dem Titel "The Murder of Lawrence of Arabia" [Die Ermordung des Lawrence von Arabien] von einem gewissen Matthew Eden. Seine These lautete - nun, das sagt schon der Titel; und im Verdacht hatte er gleich zwei Tätergruppen mit zwei guten Motiven: erstens die britische Regierung unter dem Sozialisten MacDonald, die fürchtete, T. E. Lawrence könnte die ihm von Oswald Mosley angetragene Führung der Britischen Fascisten übernehmen und mit denen die nächsten Wahlen gewinnen (ein Treffen mit Hitler war schon geplant), und zweitens die jüdischen Zionisten, die fürchteten, T. E. Lawrence könnte die ihm vom König von Trans-Jordanien angetragene Führung der arabischen Nationalisten übernehmen und mit denen den nächsten anti-jüdischen Aufstand in Palästina anzetteln. (Was natürlich auch der britischen Regierung peinlich gewesen wäre, denn viele Juden, vor allem in den USA, hätten geglaubt, daß sie dahinter steckte - es war ja allgemein bekannt, daß die Briten der zunehmenden Einwanderung der Juden nach Palästina ablehnend gegenüber standen, zumal der aus Mittel- und Osteuropa.) Die Mosley Society hat diese These aufgegriffen und vertritt sie bis heute mehr oder weniger deutlich auf ihrer Webseite. Aber Dikigoros' Leser ahnen sicher schon, daß er, wenn er diese Auffassung teilen würde, diese Geschichte in einem anderen Kapitel seiner "Reisen durch die Vergangenheit" abgehandelt hätte. Warum also glaubt Dikigoros nicht an diese eigentlich schlüssige und durch viele Indizien gestützte Mordthese?

Nun, die erste Variante können wir schnell abhaken: Um einen Wahlsieg der britischen Fascisten zu verhindern, brauchte die Regierung T. E. Lawrence schwerlich umzubringen; denn erstens hatte er deren Führung gar nicht übernommen (und auch keine Absicht dies zu tun, vielmehr schon definitiv abgesagt), und zweitens hat sie ja auch Mosley nicht umgebracht, sondern nur unmöglich gemacht; das wäre bei Lawrence noch viel leichter gewesen, schon aufgrund seiner Homosexualität. Die britische Regierung war ja sogar stark genug, den mit Deutschland (und dem National-Sozialismus) sympathisierenden König Edward VIII zur Abdankung zu zwingen, ohne ihn gleich zu ermorden. Das Risiko, einen Volkshelden umzubringen, war, wenn es heraus gekommen wäre, viel zu groß; das hätte den Parteien, die dahinter standen (MacDonald führte eine Koalitions-Regierung), für alle Zeiten das Genick gebrochen und die Wähler erst recht den Fascisten in die Arme getrieben. Also, die britische Regierung ist aus dem Schneider, denn ihre Motive, Lawrence am Leben zu lassen, waren gewichtiger als die, ihn zu ermorden.

Und die zweite Variante? Wißt Ihr, liebe Leser, in letzter Zeit hat sich so eine bequeme Tendenz breit gemacht, die guten von den bösen Juden zu unterscheiden: Die guten Juden, das sind die Opfer des Holocaust, die das Shoa-business organisieren und daran prächtig verdienen, denn mit denen hat jeder Mitleid, und da ist "Wiedergutmachung" angesagt. Die bösen Juden, das sind die Zionisten, die in Palästina den armen Arabern das Leben zur Hölle machen; und wenn man Anti-Zionist ist, dann heißt das noch lange nicht, daß man auch Anti-Semit wäre - im Gegenteil, es gab und gibt sogar viele Juden, die dem Zionismus abgeschworen haben. Zionismus, was ist das eigentlich? Historisch gesehen war das die Idee einiger europäischer Juden des 19. Jahrhunderts, einen eigenen Nationalstaat zu gründen, wie alle anderen Völker Europas auch. Den Anfang machte 1862 ein gewisser Mosche Hess (nicht - jedenfalls nicht offiziell - verwandt mit Rudolf Hess) mit seinem Buch "Rom und Jerusalem". Die Idee, das in Palästina zu tun, verfolgte erstmals Lew Pinsker, ein Arzt aus Odessa, der Anfang der 1870er Jahre den zunehmenden Antisemitismus der Russen und Ukraïner verspürte und Tausenden seiner Glaubensbrüder die Auswanderung dorthin ermöglichte. Den eigentlichen Durchbruch für "den" Zionismus schaffte aber erst ein Journalist aus Ofen, Theodor Herzl, der als deutschsprachiger Jude die seit dem "Ausgleich" von 1867 massiv zunehmende Fremdenfeindlichkeit der Ungarn verspürte und anno 1896 in Österreich - wohin er wie Dikigoros' Urgroßvater vor der Zwangsmadgyarisierung geflohen war - ein Buch mit dem Titel "Der Judenstaat" schrieb (wer sich für den Inhalt interessiert, kann den Text hier vollständig nachlesen [Link mit freundlicher Genehmigung des deutschen Zionisten Michael Rosenkranz]) und ein Jahr später in der Schweiz den "Zionistischen Weltkongreß" gründete. Er hätte auch Uganda oder Madagaskar als neue Heimstätte der Juden akzeptiert; aber als er 1904 viel zu früh - mit nur 44 Jahren - starb, dauerte es nur ein Jahr, bis sich seine Nachfolger auf "Eretz Israel [Groß-Israel]" - das arabische Palästina - festlegten, das damals wie gesagt noch zum Osmanischen Reich gehörte. Der wichtigste jener Nachfolger war ein weißrussischer Jude namens Chaim Weizmann, der später in Deutschland, der Schweiz und England lebte und Präsident der "Zionistischen Weltorganisation" [World Zionist Organisation] (und noch später, als er in Israel lebte, auch dessen erster Präsident) wurde. Spuken da in Euren Hinterköpfen dunkle Vorstellungen vom "Weltjudentum" oder einer "zionistischen Weltverschwörung" herum, liebe rechte Leser? Vorsicht, werft bitte nicht alles in einen Topf. Was Ihr meint - oder meinen müßtet, wenn Ihr Euch etwas besser in der jüdischen Geschichte auskennen würdet - ist deren Konkurrenz-Verein, der "Jüdische Weltkongreß [World Jewish Congress]", dessen Führer der zwielichtige Nahum Goldmann war, der 1940 in die USA auswanderte und sich erst 1956 mit der Existenz des Staates Israel abfinden sollte. (Der WJC erklärte Deutschland im März 1933 theatralisch den Krieg und rief zum weltweiten Boykott deutscher Waren auf, worauf die Nazis eine Woche später ihrerseits mit einem Aufruf zum Boykott jüdischer Waren reagierten, der aber - da er auf den 1.4. datiert war - weitgehend als April-Scherz aufgefaßt und nicht befolgt wurde :-) Wenn Ihr die Geschichte der "Zionistischen Weltorganisation" kennt, dann könnt Ihr unmöglich glauben, daß die Zionisten ein Interesse daran hatten, T. E. Lawrence zu ermorden, bloß weil er ein britischer Fascist und Hitlerfreund war.

Bis kurz vor Ende des 20. Jahrhunderts gehörte es - jedenfalls in Deutschland - zu den am besten gehüteten Geheimnissen der "Zeitgeschichte", daß es 1933 keine engeren Verbündeten und besseren Freunde gab als die National-Sozialisten und die Zionisten. [In den USA wurden bereits 1985 die - bis heute nicht auf Deutsch erschienenen - Bücher von Francis R. Nicosia ("Das Dritte Reich und die Palästina-Frage") und Michael R. Marrus ("Die Unerwünschten") veröffentlicht. In der BRD wurde ihr Inhalt bis 1997 tot geschwiegen, als ausgerechnet das Simon-Wiesenthal-Center eine Besprechung ins Internet setzte.] Ihr Ziel war ein gemeinsames: Die deutschen Zionisten - organisiert in der "Zionistischen Vereinigung für Deutschland" - wollten nach Israel, und die Deutschen wollten sie los werden und richteten ihnen ein "Palästina-Amt" ein, das die Auswanderung förderte, vor allem finanziell. Die Briten hatten ja zur Bedingung für eine Einwanderung nach Palästina den Nachweis eines Vermögens von mindestens 1.000.- Pfund (ca. 200.000.- Teuro heutiger Kaufschwächekraft) pro Nase in harten Devisen gemacht, und die Reichsmark war auf dem Weltmarkt nicht mehr konvertibel. Was tun? Schon im Juni 1933 waren Verhandlungen zwischen den Zionisten und dem Deutschen Reich aufgenommen worden, die seitens WZO und ZVD von einem gewissen Chaim Arlosoroff geführt wurden. Ihr Ergebnis war das Transfer-["Ha'avara"-]Abkommen vom August 1933, wonach das Deutsche Reich bis 1939 - als die Briten ihre Pforten für deutsche Juden als "Angehörige eines Feindstaates" dicht machten - fast 140 Millionen Reichsmark in den Ha'avara-Fond pumpte, aus dem die Auswanderung von ca. 50.000 (nach anderen Schätzungen sogar ca. 66.000) Zionisten finanziert wurde. Alle waren mit dieser Lösung zufrieden, denn die Juden in Palästina importierten für die ihnen zur Verfügung gestellten Devisen hauptsächlich Waren aus Deutschland. Alle? Nein, verständlicherweise nicht die Araber (die Arlosoroff gleich bei seinem nächsten Besuch in Palästina ermordeten) und die Briten, die den Juden nahe legten, doch lieber nach Uganda auszuwandern, wo sie nicht so sehr stören würden. Und da sollten die Zionisten in Palästina 1935 Angst vor T. E. Lawrence, dem Hitler-Freund, haben? Oder die Juden in den USA sollten glauben, daß die Engländer den letzteren nach Palästina geschickt hätten, um dort die Juden zu bekämpfen? Und ihn deshalb umbringen? Gestattet, liebe Leser, daß Dikigoros ob einer solchen These milde lächelt. Das können nur Leute glauben, die Jahrzehnte lang für dumm verkauft worden sind und nichts über das enge Verhältnis zwischen Zionisten und Nazis wissen, die doch eigentlich Geistesverwandte waren. Jeder anständige Mensch ist Nationalist oder, wenn Ihr so wollt, "Patriot" - aber beides sind Fremdwörter, und mit den Haarspaltern, die da einen fundamentalen Unterschied konstruieren wollen, kann Dikigoros nicht allzu viel anfangen; für ihn bedeutet beides nur, daß man sich als Volk einen Staat wünscht, in dem man zusammen leben und den man lieben kann (was bei Multikulti-Konglomeraten wie der BRDDR oder dem heutigen Vereinigten Königreich, in dessen Hauptstadt London sich mittlerweile an die 200 verschiedene Völker und Stämme tummeln, natürlich nicht möglich ist - auf Leserfragen: natürlich nicht, weil die Natur so etwas nicht vorsieht); deshalb ist jeder anständige Jude Zionist - wäre Dikigoros Jude, wäre er es auch.

Nachbemerkung zur Nachbemerkung. Wie nicht anders zu erwarten, haben die letzten vier Absätze zweierlei bewirkt: einen Anstieg der Zugriffszahlen, da halt viele Begriffe vorkommen, die auf den Suchmaschinen auch unabhängig von "Lawrence von Arabien" eingegeben werden, und eine Menge Kritik, vor allem aus drei Kreisen: den Muslimen - insbesondere den aus Palästina stammenden -, den anti-zionistischen Juden - insbesondere denen in USA - und den unverbesserlichen Antisemiten - insbesondere denen in Mitteleuropa. Mit den letzteren kann man am leichtesten fertig werden, nämlich durch die Frage, was ihnen denn lieber ist: daß die Juden bei ihnen leben oder daß sie in Israel leben? Na also. Den anti-zionistischen Juden will Dikigoros zwar nicht grundsätzlich "Feigheit vor dem Feind" unterstellen - niemand soll gezwungen werden, mit der Waffe in der Hand nach Nahost zu gehen und dort sein Leben zu riskieren für einen Staat, dessen Politik er vielleicht aus guten Gründen ablehnt. Aber wenn man es schon nicht tut, sollte man wenigstens Neutralität bewahren und nicht auch noch nach Tähran pilgern und dort denjenigen, die beschlossen haben, für ihre Heimat zu kämpfen, verbal in den Rücken fallen, wie das einige New Yorker Rabbiner auf Einladung Ahmadinejads getan haben - das ist einfach schäbig, und mit solchen Leuten und ihren Gesinnungsgenossen diskutiert Dikigoros nicht. (Entgegen dem, was durch die westlichen Monopolmedien verbreitet wurde, ging es in Tähran nicht in erster Linie um den Holocaust bzw. dessen Leugnung, sondern um die ungleich wichtigere Frage, ob es ein Existenzrecht Israels in Palästina gebe oder nicht; und die New Yorker Rabbiner meinten letzteres, denn es sei das von Jahwe gewollte Schicksal der Juden, für immer unter alle Völker verstreut zu leben, ohne eigenen Nationalstaat.) Am schwersten wiegt die Kritik der Palästinenser. Ja, es spricht einiges für Salibis These, daß die Juden des Alten Testaments, die Mosche aus Ägypten befreite, nicht direkt nach Palästina zogen, sondern erstmal in den Yemen. Aber was besagt das schon? Haben die Juden nicht die ersten Bücher des Alten Testaments aus den älteren Überlieferungen anderer Völker abgeschrieben, als sie an den Wassern von Babylon saßen? Und stammten nicht die Juden dort unzweifelhaft aus Palästina, und kehrten sie nicht ebenso unzweifelhaft am Ende der "babylonischen Gefangenschaft" dorthin zurück? Reicht das etwa nicht als Grundlage für ihren "historischen" Anspruch, dort zu leben? (Das schreibt Dikigoros unabhängig von der Frage, ob man solche Anspruchsgrundlagen überhaupt anerkennen soll oder nicht - solange die Palästinenser selber auf dieser Ebene argumentieren, müssen sie sich deren Bejahung gefallen lassen.)

Wie dem auch sei, nachdem Dikigoros diesen drei Gruppen seiner eher unerwünschten Leser (er kann sie sich halt nicht aussuchen :-) geantwortet hat, will er auch seinen erwünschten Lesern - die sich hoffentlich in der überwältigenden Mehrheit befinden - einen kleinen Denkanstoß geben. Viele von Euch fragen sich ja, ob die Israelis ihre Existenz in Nahost denn mit gar so brutalen Mitteln verteidigen müssen, und ob die Palästinenser nicht ebenso gute oder sogar bessere - historische oder sonstige - Rechte haben, dort zu leben. Hm... Nun stellt Euch mal vor, in nicht allzu ferner Zukunft würde den letzten Amerikanern europäischer Abstammung der Holocaust durch neue, radikale Mehrheiten drohen. (In Lateinamerika sind diese bereits fast überall an die Macht gelangt; und einige propagieren schon ganz unverholen die Ausrottung der Gringos; in der Karibik werden die Schwarzen ein gleiches tun - Haïti war nur ein kleiner Vorgeschmack -, und in Nordamerika... na, wartet mal ab, die Jüngeren von Euch werden das wahrscheinlich noch mit erleben!) Wohin würden sie, wenn sie Amerika verlassen müssen, gehen wollen und können? In Asien und Afrika wird sie niemand aufnehmen, es dürfte für sie dort auch nicht sonderlich attraktiv sein. Sie werden also in die alte Heimat ihrer Vorfahren zurück zu kehren versuchen, nach Europa. Das wird aber nicht ganz einfach sein; denn wenn es so weit ist - in ca. zwei Generationen, also 50-60 Jahren - werden die Weißen in Europa nur noch Minderheiten sein; die Mehrheit wird von Afrikanern und Muslimen gestellt werden, die argumentieren werden: "Ihr christlichen Amerikaner habt hier nichts verloren, denn wir leben hier schon seit über 100 Jahren; wir, unsere Eltern und Großeltern haben diese Länder mühsam erobert, während Ihr bzw. Eure Vorfahren diesen unseren Kontinent schon vor 200 bis 600 Jahren verlassen habt. Wir wollen Euch hier nicht haben!" In einer ganz ähnlichen Lage befanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg die jüdischen Europäer in Palästina; sie griffen zu den Waffen und eroberten sich einen kleinen Teil des Landes ihrer Vorfahren zurück - Galiläa, einen schmalen Küstenstreifen und den Nordrand der Negev-Wüste. (20 Jahre später auch Judäa und Samaria; aber diese Rück-Eroberung will die so genannte "Internationale Staaten-Gemeinschaft" bis heute nicht anerkennen.) Ob die weißen Amerikaner 100 Jahre später wenigstens versuchen werden, ein gleiches zu tun, steht in den Sternen, erst recht, ob sie den gleichen Erfolg haben werden. Vielleicht, wenn unter ihnen ein neuer Lawrence ist, der sie in ihrem Kampf gegen die Türken anführt...


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