"DIE  GESCHICHTE  WIRD  GESCHRIEBEN
VON DENEN, DIE HELDEN ERHÄNGEN!"

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"Every man dies, but not every man really lives..."*

*Jedermann stirbt einmal, aber nicht jeder hat wirklich gelebt.
Mel Gibson als William Wallace of Elerslie
(und Patrick McGoohan als Edward I "Longshanks")
MEL GIBSON: BRAVEHEART (1995)

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EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
DIE [UN]SCHÖNE WELT DER ILLUSIONEN

Er war ein strenggläubiger Katholik aus einer dreizehnköpfigen Familie, und er selber hätte sicher bald ebenso viele Kinder... Stop, was soll das hier zur Sache tun? Stellen wir das zurück und fangen noch einmal von vorne an: Er ist ein strenggläubiger Katholik, und eines Tages setzte er sein ganzes, nicht unbeträchtliches Vermögen auf eine Karte zum Kampf gegen England, das wohl niemand so gehaßt hat wie er, niemand seit sieben Jahrhunderten, seit sich die Schotten unter William Wallace zum Freiheitskampf gegen die Engländer erhoben. Sein Name ist Programm: Mel Gibson. Das ist nicht etwa das Pseudonym eines Schauspielers, sondern sein "bürgerlicher" Name - obwohl er keineswegs bürgerlich ist: Mel ist die Kurzform zweier gälischer Namen, des schottischen Malcolm (eines alten Königs-Namens) und des irischen Melvin oder Malvin - was ebenfalls König bedeutet (wenn man den Clanführer denn so nennen darf; vielleicht wäre es besser mit "Herzog" zu übersetzen, nicht aber mit "Chief" [Häuptling] wie es die Engländer tun). Sein zweiter Vorname lautet Columcille ("colum[b]" ist die Taube, die den Heiligen Geist symbolisiert, "cille" ist die Kirche; der Heilige Columba ist für die Schotten das, was der Heilige Patrick für die Iren ist, nämlich derjenige, der das Christentum in ihr Land gebracht und damit den in allen anderen christlichen Ländern wichtigsten Heiligen, nämlich St. Johannes - auf Gälisch "Séan", entsprechend dem französischen "Jean" - auf den zweiten Platz verwiesen hat), und der dritte Gerard - was zwar nicht "tapferes Herz" bedeutet, aber immerhin "tapferer Speer" - und damit kommen wir "Braveheart" schon sehr nahe. Der Haß seines Vaters auf die Angelsachsen, in dem er erzogen wurde, war so groß, daß er die USA verließ, um zu verhindern, daß seine Söhne eines Tages für sie in den Krieg gegen die Vietnamesen ziehen müßten, und mit seiner Familie nach Australien auswanderte. [Selbstverständlich hat Mel Gibson wieder eine Gälin geheiratet, die nicht nur Robyn heißt, sondern auch - wie sich das bei dem Namen gehört - rotes Haar hat. Von seinen bisher sieben Kindern trägt freilich keines einen gälischen Namen; aber den Sohn, der geboren wurde, während er "Braveheart" drehte, nannte er immerhin William - nach dem schottischen Nationalhelden.]

Mel Gibson hatte nie zuvor eine historische Persönlichkeit gespielt, immer nur mehr oder weniger brutale Fantasie-Gestalten wie "Mad Max", und als er endlich einen Stoff nach seinem Geschmack fand, und einen Helden, mit dem er sich ganz und gar identifizieren konnte, wollte das niemand verfilmen. Also produzierte er den Film selber (für 70 Millionen US-$), führte selber Regie und übernahm auch selber die Hauptrolle. Auch die übrigen Rollen, vom englischen König Edward I bis hinunter zum letzten Komparsen, besetzte Gibson mit Iren oder Schotten (angeblich suchte er dabei sogar bevorzugt Nachkommen des Titelhelden, um sie bei den Schlachten mit in die erste Reihe zu stellen), ausgenommen Sophie Marceau als französische Prinzessin Isabella. (Die spricht mit ihrer Zofe dankenswerter Weise modernes Französisch, damit die Zuschauer es auch verstehen, nicht - wie es historisch gewesen wäre - Altfranzösisch, das damals sowohl die Franzosen als auch die normannischen Herrscher Englands sprachen. Englisch sollte erst 1362 Amtssprache werden. Der als gebildet geltende Wallace lernte denn auch neben seiner Muttersprache Gaelisch - die im Film nur selten gesprochen wird - nicht etwa Englisch, sondern Französisch, die Hofsprache, und Lateinisch, die Kirchensprache, in der auch im Film die Priester beten. "Braveheart" ist ein Film für Polyglotte, wie überhaupt alle Filme, in denen Mel Gibson noch das Sagen haben sollte: In "The Passion of the Christ [Die Passion Christi]" wird Aramäisch, Assyrisch, Hebräisch und Lateinisch gesprochen, in "Apocalypto" gar ein eigens zu diesem Zweck rekonstruierter Maya-Dialekt des 16. Jahrhunderts!) Gedreht hat Mel Gibson ausschließlich in Schottland - in der eindrucksvollen Gebirgslandschaft des Ben Nevis ["Ben" ist das gaelische Wort für "Berg"] - und im Freistaat Irland. Die Kritik (vor allem die englische) machte den Film trotz zehn Oscar-Nominierungen (und immerhin fünf -Verleihungen) erbarmungslos als "primitives, brutales Machwerk" herunter - zu Unrecht: Das Leben war damals "primitiv" und "brutal", liebe Leser, zumal im Krieg; und es anders darzustellen, nach den verzärtelten Maßstäben des ausgehenden 20. Jahrhunderts, hätte dem Stoff Abbruch getan. Wie dem auch sei: Es kann kein Zweifel bestehen, daß Mel Gibson den William Wallace verkörpern wird, solange es Kinogänger und Fernsehzuschauer gibt, und sei es nur, weil uns kein "echtes" Bild des historischen William Wallace überliefert ist, und weil niemand anderes diese Story wieder verfilmen wird. Sogar das Denkmal, das man Wallace kürzlich in Stirling (an dessen Universität übrigens die Schauspielerin Diana Rigg - die für ihre Rolle als Emma Peel in "The Avengers [Mit Schirm, Charme und Melone]" von Queen Elizabeth II geadelt wurde - Rektorin ist) errichtet hat, trägt - sehr zur Empörung nicht nur englischer, sondern auch einiger schottischer Historiker - die Züge Mel Gibsons. Und "Braveheart" wird, solange es Videorecorder und DVD-Player gibt, bei allen Freiheitskämpfern der Welt ein Kultfilm bleiben, besonders bei den Bergvölkern des Kaukasus, die ihn ihren Partisanen regelmäßig vorspielen, bevor sie in die Schlacht gegen die Russen ziehen.

Der Film beginnt mit dem bösen Satz des Ich-Erzählers (wir werden erst kurz vor Ende des Films erfahren, wer das sein soll), den Dikigoros leicht abgewandelt in der Titelzeile zitiert: "Ich werde Euch von William Wallace erzählen; englische Historiker werden sagen, ich sei ein Lügner; aber [die] Geschichte wird von denen geschrieben, die [ihre] Helden erhängt haben." Oha, das ist starker Tobak, und Dikigoros kann sich nur wundern, daß dieser Satz aus der deutschen Fassung nicht heraus gestrichen wurde - hat der Zensor sich darauf verlassen, daß das deutsche Publikum in geschichtsloser (oder einseitig verzerrt dargestellter) Zeit nicht erkennen würde, was damit nur gemeint sein kann, oder wußte er es selber nicht? Die Briten haben Jahrhunderte hindurch keinen "Helden" erhängt, weder William Wallace noch Thomas Fitzgerald noch Charles I - der übrigens auch Schotte war - noch sonst jemanden: Der erstere wurde auf dem Rad zu Tode gefoltert, die beiden anderen wurden geköpft. [Nein, liebe Leser, die Ihr in Euren Geschichtsbüchern etwas anderes gefunden habt, Wallace wurde nicht erhängt, sondern nur aufgehängt, so weit ist das im Film ganz richtig dargestellt; dann wurden ihm - im Film mit Rücksicht auf die Jugendfreigabe nicht gezeigt - bei lebendigem Leib die Genitalien und Eingeweide heraus gerissen; dann wurde er gerädert und erst dann geköpft und gevierteilt. Der Tod trat also nicht durch den Strang ein. Und Wolf Tone, den Anführer des großen Aufstands der Iren von 1798, verurteilten die Engländer zwar zum Tode durch Erhängen, er beging jedoch vorher Selbstmord.] Erst im 20. Jahrhundert änderte sich das: 1916 erhängten die Engländer Roger Casement, und 1946 in Nürnberg... Nein, das ist nicht weit her geholt; nicht umsonst steht die umfangreichste Internet-Seite zur Geschichte des William Wallace, die von Dikigoros' Kollegen Carole Bos und Chuck Bauman, unter dem Motto "Trials Without Justice [Prozesse ohne Gerechtigkeit]". Seht Ihr, liebe Leser, deshalb hätte dieser Film in Deutschland eigentlich verboten werden müssen (wie es bis heute alle anderen Spielfilme sind, die historische Verbrechen der Engländer zum Thema haben, wie "Mein Leben für Irland", "Der Fuchs von Glenarvon", "Ohm Krüger", "Carl Peters" usw.), denn es geht doch nicht an, rechtskräftig verurteilte Kriegsverbrecher als "Helden der Geschichte" zu bezeichnen, bloß weil sie wie Keitel, Jodl u.a. als Soldaten für ihr Land kämpften gegen die edlen alliierten Besatzer, pardon Befreier in spe?!

[Sir Roger Casement vor seiner Ermordung durch die Briten] [Rudolf Hess nach seiner Ermordung durch die Briten]

Nun taugen freilich die Casement, Keitel, Jodl und wie sie alle hießen in Dikigoros' Augen nicht unbedingt als "Helden"; und Mel Gibson wird die letzteren im Zweifel nicht einmal gekannt, geschweige denn gemeint haben. Aber es gibt im 20. Jahrhundert einen - und nur einen - tragischen Helden, den die Engländer erhängten, und das war im August 1987 - sieben Jahre, bevor "Braveheart" gedreht wurde - in Spandau. Oder glaubt Ihr etwa an das Märchen, daß sich der 93-jährige Rudolf Hess in seiner Zelle selber erhängt habe, entgegen der eidesstattlichen Versicherung seines ehemaligen tunesischen Gefängnisarztes, entgegen der Erklärung seines ehemaligen amerikanischen Festungskommandanten und entgegen einer bis heute geheim gehaltenen Autopsie nebst Fotos, wonach er ohne jeden Zweifel ermordet wurde? Jemand, der um den Frieden zu retten, nach Schottland flog (nein, nicht nach England - und Mel Gibson kennt sich in der schottischen Geschichte aus!), der nach dem verlorenen Weltkrieg als einziger der Nazi-"Größen" nicht feige aus dem Leben und aus der Verantwortung floh, sondern seinen selbst ernannten "Richtern" am Nürnberger Tribunal der Sieger mit Würde und Verachtung entgegen trat, der viereinhalb Jahrzehnte Isolationsfolterhaft klaglos ertrug? Na, dann träumt mal schön weiter - aber jammert bitte nicht herum, daß die Geschichte von Hollywood geschrieben würde, wenn Ihr sie Euch von den staatlich gelenkten Massenmedien der BRD vorschreiben laßt! [Die BRD-Machthaber fürchten noch immer, daß Hess eines Tages zur Ikone eines rechten "Risorgimento" werden könnte, und sie versuchen dem mit allen Mitteln vorzubeugen. So werden sie nicht müde zu betonen, daß er ein überzeugter Nazi und enger Vertrauter Hitlers war - und das stimmt ja auch. Gefährlich wird das ganze erst, wenn man es mit der Lüge verbindet, daß Hitler und die Nazis den Krieg gegen England oder gar den Zweiten Weltkrieg gewollt hätten. (Tatsächlich wurde ihnen nicht ihre vermeintliche Kriegslüsternheit zum Verhängnis, sondern ihre geradezu krankhafte Friedenssehnsucht - über die Dikigoros an anderer Stelle schreibt - in Verbindung mit ihrem unverbesserlichen Rassismus, der sie glauben machte, daß die Engländer ihre "natürlichen" Verbündeten sein müßten.) Denn echte "Helden" werden in der Geschichtsschreibung nur diejenigen, die Kriege angezettelt haben - egal mit welchem Ausgang - und dabei möglichst selber ums Leben gekommen sind (sonst reicht es nur zum "Friedensnobelpreis" :-); nicht aber diejenigen, die sich um den Frieden bemüht haben; das sicherste Mittel, damit Hess dereinst zum "Helden" oder gar zum "National-Helden" wird, ist also, ihn von einem naïven Friedensapostel zu einem fanatischen Kriegstreiber umzudeuten. Die zweite Bedingung für letzteres - nämlich ein "Gaijin" zu sein - erfüllt er schon, denn er wurde im britischen Protektorat Ägypten geboren, so wie Fitzgerald Normanne war, Tone und Casement Engländer (und Protestanten!).]

Gewiß, auch Mel Gibson betreibt in Braveheart Geschichtsklitterung (welcher Regisseur der auf dieser "Reise durch die Vergangenheit" vorgestellten Filme hätte das nicht getan?), denn er stellt den schottischen Kampf gegen die Engländer im 13. Jahrhundert dar als den zwischen frommen schottischen Christen und bösen heidnischen Engländern. Da werden ihm die englischen Historiker mit Recht widersprechen: Die heidnischen Rinderschädel, die er Wallace schon als Kind mit Steinen bewerfen läßt, hatten dort wohl eher die Schotten selber aufgestellt als die Engländer. (Immerhin, wenn man die Parallele, die Dikigoros oben gezogen hat, weiter verfolgt, dann ist der Vorwurf nicht ganz unberechtigt; denn die Engländer haben Rudolf Heß ein christliches Begräbnis verweigert und seine Leiche heimlich irgendwo verscharrt oder verbrannt, weil sie so zu verhindern hoffen, daß er zum Martyrer wird - aber das ist eine andere Geschichte.) Denen gilt vielmehr ihr damaliger König Edward I als besonders frommer und weitsichtiger Staatsmann. Schließlich war er es, der die Juden enteignete (nachdem er ein paar von ihnen der Münzfälschung überführt hatte) und aus England vertrieb und an deren Stelle die Hanse und lombardische Finanziers ins Land holte (die sein Zeitgenossen Philippe der Schöne - zusammen mit den Juden - gerade aus Frankreich vertrieben hatte; den letzteren blieb nur die Flucht ins tolerante Deutschland, z.B. ins Elsaß). Machte ihn das nicht zum populärsten englischen Herrscher des Mittelalters? War er es nicht, der Wales eroberte und für alle Zeiten dem englischen Herrschaftsbereich einverleibte? (Seitdem heißt übrigens der britische Thronfolger "Prinz von Wales".) Schuf er nicht ein völlig neues Bildungs- und Rechtssystem? Nennen ihn britische Historiker darob nicht bis heute den "englischen Justinian", in Anlehnung an jenen byzantinischen Herrscher, der vielen als so vorbildlich galt und gilt (zumal auch er ein großer Feind der Juden war)? Schottland sollte dagegen erst anno 1329, nach dem Tode Roberts I. (auf den wir gleich kommen werden) von Papst Johannes XXII offiziell als "christliches Königreich" anerkannt werden. Und die Iren, die Gibson den Schotten zu Hilfe kommen läßt im Kampf gegen die Engländer? In Wirklichkeit war es wohl eher umgekehrt: Die Engländer sollten später Irland mit Hilfe der Schotten erobern - aber das ist eine andere Geschichte. Gewiß, Mel Gibson fühlt sich als "Kelte" und glaubt, daß die Iren und Schotten doch logischerweise zusammen halten müßten gegen die Engländer; aber ach, liebe Leser, wann hätten in der Geschichte jemals Logik, Vernunft oder Wahrheit gesiegt? Hätten die keltischen Waliser ihren Aufstand gegen Edward I - der ja fast gleichzeitig erfolgte - mit dem der keltischen Schotten koordiniert, dann hätten die Engländer vielleicht beide Länder aufgeben müssen. Aber die Waliser und die Schotten konnten sich ja nicht mal jeder für sich über einen geschlossenen Aufstand verständigen - wie auch, wenn ich jedem Tal ein anderer Dialekt gesprochen wurde?

Womit hatte Wallace nun zunächst Erfolg, und woran ist er letztlich gescheitert? Einmal mehr kann Dikigoros Euch eine dieser unangenehmen Grundsatzfragen nicht ersparen. Schauen wir uns zunächst die Antwort an, die Mel Gibson im Film gibt: Da steht das Aufgebot der wilden Bergschotten vor der ersten Schlacht herum, nein, eigentlich ist es gar kein Aufgebot, sondern die Männer sind Freie, und deshalb sind die freiwillig gekommen, und sie legen Wert darauf, daß sie das Recht haben, wieder nach Hause zu gehen, wenn es ihnen nicht mehr paßt zu kämpfen. Und so fragen sie einander denn, als die Reihen der englischen Panzerreiter bedrohlich auf sie zu rücken: "Warum sollen wir uns eigentlich für unsere Adeligen tot schlagen lassen? Die sind doch auch nicht besser als die normannischen Adeligen; im Zweifel arrangieren die sich auch mit dem König von England." Diese Frage ist berechtigt, wie uns Gibson in einer kurzen Szene zwischen Robert [the] Bruce - dem Anwärter auf den schottischen Thron - und dessen alten, todkranken, schon völlig entstellten Vater zeigt; letzterer rät ersterem nämlich genau zu einem solchen Arrangement. Wallace dagegen appelliert an die Freiheitsliebe der Schotten: Sterben muß jeder einmal, und wenn er Pech hat, dann gleich in der heutigen Schlacht. Aber wer würde es sich verzeihen, im Bett zu sterben, wenn er sein Leben in Unfreiheit verbracht hat - würde er dieses Leben nicht am Ende gerne eintauschen für einen einzigen Tag Freiheit? Das sind schöne Worte, mit denen Wallace seine Leute da herum kriegt (sie erinnern an den Lieblingssatz Mussolinis: "Meglio vivere un giorno da leone che cento anni da pecora [Besser einen Tag als Löwe leben denn hundert Jahre als Schaf]" - wahrscheinlich geht er auf irgend einen antiken Autor zurück), aber an ihrer Richtigkeit sind Zweifel erlaubt. Viele - vielleicht sogar die meisten - Menschen wollen gar nicht frei sein, zumal wenn sie darum kämpfen müßten; sie wollen lieber ihre Ruhe und Bequemlichkeit haben und lassen sich nur allzu gerne die Freiheit nehmen und unterdrücken, wenn es nur von ihresgleichen ist - Dikigoros wird nie müde, die weisen Worte des großen jüdischen Weltreisenden Richard Katz über die indonesischen Eingeborenen in Niederländisch-Indien zu zitieren: "Die grausamste Diktatur eines indonesischen Sultans ist ihnen zehnmal lieber als die mildeste Regierung eines ihnen fremden, holländischen Gouverneurs - und ginge es uns, wenn wir ehrlich sind, nicht umgekehrt genauso?"

Die Fachhistoriker versuchen, uns den Blick auf diese Tatsache durch den Hinweis zu verstellen, daß sich im 13. Jahrhundert nicht nur der schottische, sondern auch der englische Adel durch besondere Aufmüpfigkeit gegen den König auszeichnete und ihm verschiedene Zugeständnisse abrang - angefangen mit der berühmten "Magna Charta" von 1215 bis zur "Confirmatio" von 1297. Mag ja sein, aber dennoch war das etwas anderes: Die englischen Adeligen konnten davon ausgehen, daß sie zumindest ein Lehen im gerade eroberten Wales oder im noch zu erobernden Schottland erhalten würden. Die schottischen Adeligen dagegen konnten bestenfalls hoffen, das aus der Hand des englischen Königs entgegen nehmen zu dürfen, was ihnen von Rechts wegen ohnehin zustand. Und die "Freien" (Wallace war eine Art Freibauer)? Ach, liebe Leser, absolute Freiheit von Herrschaft gibt es nicht; die Schotten akzeptierten ja auch durchaus ihre eigenen Adeligen - aus deren Mitte sie ihren "König" wählten -, aber eben nicht die fremden Normannen aus England. Und ob deren Herrschaft wirklich so tyrannisch und grausam war, wie es uns der Film zu suggerieren versucht? War das der Grund für die Erhebung?

Mel Gibson hängt die Ursachen der Rebellion dort auf, wo er sie als guter, prüder Katholik wohl aufhängen muß: Ursprünglich will Wallace nämlich gar keinen Aufstand gegen die Engländer. Er will vielmehr - das sagt er seinen zum Aufstand bereiten Freunden ganz deutlich - eine Familie gründen und brav seinen Acker bestellen. [Halt, hier muß Dikigoros einen kleinen Exkurs einschieben über das Wörtchen "brav": Kein anderes Wort hat - in allen Sprachen, die es kennen - einen derartigen Bedeutungswandel um 180 Grad erlebt wie dieses. Ursprünglich bedeutete es "wild, tapfer", heute bedeutet es "gehorsam, angepaßt". Vielleicht erfolgte dieser Umschwung in dem Augenblick, als es der Gehorsam gegenüber dem eigenen Oberherrn erforderte, tapfer gegen dessen Feinde anzukämpfen, unter Einsatz des eigenen Lebens? Heute sagt man, daß sich der Hammel "brav" zur Schlachtbank führen läßt; vielleicht waren die menschlichen Hämmel damals tapferer - aber in die Schlacht geführt und geschlachtet wurden sie trotzdem. Exkurs Ende.] Aber es kann der frömmste nicht in Frieden leben, wenn es den bösen Besatzern nicht gefällt. Als englische Soldaten seine Frau Murron töten (weil sie sich einer versuchten Vergewaltigung widersetzt), schlägt Wallace zu und vernichtet gleich die ganze feindliche Garnison. [Nachtrag. Dikigoros hat kritische Mails bekommen, weil er über diese Motivation im Film so "leichtfertig" hinweg gegangen sei. War dieses "ius primae noctis" - das "Recht auf die erste Nacht [mit der Braut]" -, das der "englische" (normannische!) Adelige im Film für sich in Anspruch nimmt, kein nachvollziehbarer Grund für einen Aufstand? Nein, liebe Leserinnen, ganz bestimmt nicht. Zunächst einmal ist äußerst zweifelhaft, ob es ein solches "Recht" jemals gab, oder ob das nicht vielmehr eine Erfindung der "aufgeklärten" GeschichtsfälscherHistoriker des 18. Jahrhunderts war; die Quellenlage ist da ziemlich dünn, entsprechende Gesetze gab es jedenfalls nicht. Es mag zwar sein, daß es auf den britischen Inseln ein nicht schriftlich fixiertes "Gewohnheitsrecht" gab, wie es einige Schreiber speziell für Schottland (allerdings noch nicht für das 13. Jahrhundert) behaupten - aber wen betraf das denn? Doch allenfalls die Mägde der Grundherren oder die Bräute ihrer Knechte, wenn sie die übliche Hochzeitsabgabe nicht aufbringen konnten oder wollten, nicht aber die Bräute freier Bauern, zu denen Wallace, wie wir gleich sehen werden, zählte. Das schließt zwar nicht aus, daß es zu Übergriffen "englischer" (normannischer!) Adeliger gegenüber Frauen ihrer schottischen (und englischen!) Untertanen kam; aber das hat nichts mit einem "Recht" auf die erste Nacht zu tun; deshalb hat es Dikigoros oben schlicht als "Vergewaltigung" bezeichnet, und daran hält er fest. So oder so scheidet das als ernst zu nehmendes Motiv für die folgenden Ereignisse aus, denn wegen der (versuchten) Vergewaltigung einer Frau - selbst einer mit Todesfolge, wie hier - beginnen Männer ebenso wenig einen nationalen Aufstand wie wegen des Rechts der Grundherren, einmal mit ihren Mägden oder den Frauen ihrer Knechte zu schlafen - wenn es das denn tatsächlich gegeben haben sollte. Nachtrag Ende.]

In London hat Edward I eigentlich ganz andere Sorgen: Sein Sohn, den er gerade mit einer Prinzessin von Frankreich verheiratet hat, ist ein Weichei, der König von Frankreich macht Ärger, und die Kassen sind mal wieder leer. Immerhin, 300 Panzerreiter kann er abstellen, die werden ja wohl genügen, um so ein paar blöde Bergtiroler zur Raison zu bringen. Aber die erste Schlacht (bei Stirling anno 1297) gewinnt ein martialisch in den Farben Schottlands geschminkter Wallace (für die Maske gab es einen der fünf Oscars) mit Bravour (einem Wort, das noch die alte Bedeutung von "brav" verkörpert) - against all odds, durch sein taktisches Geschick und wird dafür in einer eindrucksvollen Szene geadelt. (Die Historiker streiten trefflich darüber, ob das so stimmt, aber es ist eigentlich zu schön, um nicht wahr zu sein, und wenn nicht, dann ist es jedenfalls gut erfunden :-) Und nun sieht es tatsächlich so aus, als ob Schottland frei sei. Schottland? Wer ist Schottland? Wer ist damals "das Land"? Das waren im Mittelalter - und noch bis ins 19. Jahrhundert hinein - die "Landstände" (die sich auch als "das Volk" betrachteten), nicht die Plebs. Also der Adel - die "bona gent". Aber was sollte der schottische Adel mit dieser "Freiheit" anfangen? Stand der sich nicht objektiv besser, wenn er sich mit den Engländern arrangierte? Und wenn es gar darum ging, gegen die inländische Konkurrenz König zu werden, dann nahm man gerne auch ausländische Hilfe in Anspruch.

[schottische Herrscher in chronlogischer Reihenfolge von rechts nach links]

Der Film "Braveheart" verschweigt uns, daß das so genannte "erste Interregnum" - die königslose Zeit - in Schottland anno 1290 nicht etwa dadurch zustande gekommen war, daß die Engländer den schottischen König getötet hätten, sondern dadurch, daß Alexander III, der letzte männliche Sproß des Hauses Canmore (Großkopf) im Suff über eine Klippe stolperte und ins Meer fiel, wo er jämmerlich ertrank, ohne einen Erben zu hinterlassen. [Schon Alexanders Urahn Malcolm II, der Begründer der Canmore-Dynastie, hatte nur mit Hilfe seines englischen Schwagers den Vater (Kenneth), den Ehemann (Macbeth) und den Sohn (Lulach) der letzten legitimen Gruoch von Schottland (von der schon Shakespeare nicht einmal mehr den Namen kannte, er nannte sie einfach nur "Lady Macbeth") besiegen und töten können - aber das ist eine andere Geschichte.] Immerhin hinterließ er eine Enkelin, ein damals dreijähriges Mädchen namens Margaret, Tochter seiner Tochter und des Königs von Norwegen. Einfallsreiche, wenngleich etwas weltfremde Diplomaten (ja, liebe Leser, so etwas gab es damals schon!) kamen auf die glorreiche Idee, diese mit Edwards Sohn (dem späteren Edward II) zu verloben, und im Heiratsvertrag festzuschreiben, daß die Kinder aus dieser Verbindung einst alle drei Länder vereinigen sollten. Nun, der Vertrag brauchte sich in der Praxis nicht zu bewähren, denn auf der Rückreise von der Verlobungsfeier starb die kleine Margaret (wer weiß, wer da "nachgeholfen" hat :-), und so verheiratete Edward Longshanks seinen Sohn statt dessen mit einer französischen Prinzessin, und die Schotten stritten sich zwei Jahre herum, bis sie auf den (freiwillig eingeholten!) "Rat" Edwards einen gewissen John Balliol zu ihrem König wählten - aus insgesamt 13 Prätendenten (die beiden wichtigsten anderen Kandidaten waren John Comyn und Robert Bruce gewesen). Nach einigen Jahren verkrachte sich Balliol mit Edward; es kam zum Krieg, den die Engländer gewannen, und Balliol wurde von Edward - nein, nicht etwa getötet (wie es die Schotten untereinander zu tun pflegten), sondern nach Frankreich ins Exil geschickt, und es kam zum so genannten "zweiten Interregnum", das diesmal zehn Jahre dauern sollte. In dieser Zeit spielt der größte Teil von "Braveheart", und hier kehren wir wieder zum Film zurück.

Die Schlacht von Stirling, in der Wallace das Kommando über die Schotten an sich gerissen und die Engländer besiegt hatte, haben wir ja schon gesehen, wenn sie auch im Detail nicht ganz richtig dargestellt wird - weder im Film noch in den meisten Geschichtsbüchern; warum das so ist erklärt Dikigoros weiter unten. Wallace marschiert mit seinen Getreuen weiter bis nach England, wo er York (damals die zweitwichtigste Stadt nach London) einnimmt. Edward schickt seine Schwiegertochter zu ihm, um ihm Frieden anzubieten - während er insgeheim bereits die Invasion Schottland vorbereitet, mit in Irland gepreßten Hilfstruppen. Die Prinzessin von Wales - die sich insgeheim in Wallace verliebt hat - läßt ihn warnen; aber der scheut die Schlacht nicht. Ganz im Gegensatz zum schottischen Adel, allen voran Robert Bruce, der sich erneut von seinem alten Vater beschwatzen läßt, Wallace zu verraten. Verrat also auf beiden Seiten - welcher wird den Ausschlag geben? Als sich die Heere gegenüber stehen - der Film verrät uns nicht wo (nein, Mel Gibson ist kein Verräter :-) - laufen zuerst Edwards Iren zu Wallace über; dann desertiert die schottische Kavallerie - die Adeligen; dann gehen die Pikeniere beider Seiten aufeinander los. Mitten im schönsten Handgemenge befiehlt Edward, die Bogenschützen mitten drauf halten zu lassen. "Aber dann treffen wir doch auch unsere eigenen Leute," meint einer seiner Offiziere. "Na und? Wir haben doch genügend Reserven," gibt Edward ungerührt zurück - was seine Ruchlosigkeit zeigen soll. So gewinnt er die Schlacht - aber Wallace entkommt und fängt auf der Flucht sogar noch einen feindlichen Ritter ein. Als er ihm den (unhistorischen) Topfhelm abnimmt, ist es zu aller Überraschung ausgerechnet Robert Bruce. Wallace läßt ihn laufen, und Bruce scheint beeindruckt. Zum dritten Mal zeigt uns der Film, wie er sich mit seinem Vater bespricht: "William Wallace glaubt an etwas," sagt Bruce junior; "ich will glauben wie er, und ich will nie wieder auf der falschen Seite stehen." Tja, wenn es immer so einfach wäre heraus zu finden, welche Seite die richtige ist... Der Vater hat da gar keinen Zweifel: die Edwards. Während Wallace die verräterischen schottischen Adeligen einen nach dem anderen überfällt und eigenhändig umbringt, schickt der englische König erneut seine Schwiegertochter als Parlamentärin aus - und wieder warnt sie Wallace. Auch seine Freunde, die Bauern, wittern Verrat, als die Adeligen ihn nach Edinburgh einladen; aber schließlich geht er doch.

Es kommt wie es kommen mußte: Wallace gerät in einen englischen Hinterhalt, wird vor Gericht gestellt, wegen Hochverrats verurteilt und hingerichtet. Natürlich nicht so schnell, wie Dikigoros das hier schreibt. Der Film hat Längen - gut gemachte Längen, schöne Längen, wie die Landschaftsaufnahmen und die ebenfalls mit einem Oscar prämierte Musik von James Horner -; diese letzten zählen freilich nicht dazu, sondern sind eher ermüdend: Der Richter bietet Wallace einen schnellen Tod an, wenn er sich schuldig bekennt. "Ich habe dem englischen König nie die Treue geschworen, also kann ich kein Verräter sein," erwidert der. [Bestechende Logik, nicht wahr, liebe Leser? Aber was, wenn Barack Hussein Obama eines Tages wegen Hochverrats vor Gericht gestellt werden sollte und sich mit dem Agument verteidigt: "Ätsch, ich bin gar kein US-Amerikaner, sondern gebürtiger Kenyaner mit indonesischer Staatsbürgerschaft; meine Hawaiianische Geburtsurkunde ist gefälscht und mein Amtseid war unwirksam, da ich ihn auf die Bibel geschworen habe, aber in Wahrheit Muslim bin, also kann ich kein Verräter sein!" Würdet Ihr ihn dann ungestraft laufen lassen?] Die Prinzessin von Wales besucht Wallace im Gefängnis, um ihm einen schmerzlindernden Betäubungstrunk vorbei zu bringen, und bittet ihren Schwiegervater (der schon auf dem Sterbebett liegt - nur die Hoffnung, seinen Widersacher zu überleben, hält ihn noch einigermaßen aufrecht) vergeblich um eine Begnadigung. Und noch kurz vor der Hinrichtungstag wird Wallace sein Leben angeboten, wenn er sich dem englischen König unterwerfe. Er lehnt ab und wird getötet - wie, das hatte Dikigoros ja schon geschildert. Im Sterben sieht Wallace das Traumbild seiner toten Frau vor sich, mit der er nun bald wieder vereint sein wird.

Schnitt. Wir sind wieder auf einer großen Ebene, die dem Schlachtfeld von Stirling sehr ähnelt. Wieviel Zeit ist seit Wallaces Hinrichtung vergangen? Ein Tag, ein Jahr? Der Film verrät es uns nicht. Aber er verrät uns endlich, wer die ganze Zeit den Ich-Erzähler gespielt hat: Niemand anderes als der böse, adelige Verräter Robert Bruce! (Wallace konnte es ja nicht mehr sein, denn der war tot.) Er ist mit seinem Heer angetreten, um sich "Edward" zu unterwerfen; aber als es so weit ist, ändert er plötzlich seine Meinung und ruft den Schotten zu: "Ihr habt mit William Wallace geblutet, nun blutet mit mir!" Und wieder stürmt die schottische Infanterie los und schlägt das englische Heer. In der letzten Szene segelt das berühmte, riesige Wallace-Schwert eindrucksvoll durch die Luft und bleibt zitternd in der schottischen Erde stecken.

Schlußkommentar: "Im Jahre des Herrn 1314 stürmten schottische Patrioten, in Hunger und Unterzahl, das Feld von Bannockburn. Sie kämpften wie Kriegerpoeten, sie kämpften wie Schotten und gewannen ihre Freiheit. Für immer." [Das letzte Wort - forever - fehlt in einigen Fassungen; das konnte man im Jahre des Herrn 1995 nun wirklich niemandem mehr verkaufen. Überhaupt gehen manche "Historiker" mit solchen und ähnlichen Ausdrücken viel zu großzügig, um nicht zu sagen leichtfertig um: In der Geschichte ist nichts "endgültig".] Moment mal, war Wallace nicht schon anno 1305 hingerichtet worden? Wohl wahr, liebe Leser, und Dikigoros will Euch etwas verraten: Gegen das, was sich in den neun Jahren von 1305 bis 1314 abspielte (über die der Film - wie die meisten Geschichtsbücher - mit Schweigen hinweg geht) und was der historische Robert Bruce - dem die Besetzung mit dem faden Angus McFadyen (nomen atque omen :-) in "Braveheart" gar nicht gerecht wird - in dieser Zeit leistete, dagegen ist alles, was der berühmte William Wallace in den acht Jahren von 1297 bis 1305, von denen der Film hauptsächlich handelt, getan hat, kalter Kaffee. Die Schlacht am Flusse Bannock war zwar nicht die letzte, die Robert Bruce gegen die Engländer schlug, aber tatsächlich die entscheidende; sie entschied darüber, daß Schottland zwar nicht "für immer", aber fast noch ein halbes Jahrtausend von England unabhängig bleiben sollte. Wallace dagegen war schon ein Jahr nach der ersten Schlacht von Stirling bei Falkirk (das ist die Schlacht, die uns der Film irreführenderweise kurz vor seiner Gefangennahme zeigt) der überlegenen Feldherrenkunst Edward Longshanks unterlegen: Als der sah, daß sich seine Kavallerie an den Piken der Schotten festbiß, ließ er letztere von seinen Langbogenschützen aus der Distanz zusammen schießen. (Alles andere - der Verrat des Adels, das friendly fire auf die eigenen Truppen usw. - hat Mel Gibson frei erfunden.) Wallace - weit davon entfernt, wie im Film nach England zu marschieren und York einzunehmen - floh sang- und klanglos nach Frankreich zu John Balliol (er bezeichnete sich selber als dessen "königlicher Statthalter") und dachte gar nicht daran, mit Robert Bruce zusammen zu arbeiten - wie überhaupt kaum jemand damals.

[Angus McFadyen als Robert Bruce]

Bruce - der selber auch normannische Vorfahren hatte - wurde von Edward (der keineswegs nur noch auf dem Totenbett durchhielt, um Wallace sterben zu sehen, wie es uns der Film weis machen will, sondern ihn um zwei Jahre überlebte) für kurze Zeit als Marionetten-König von Schottland eingesetzt, dann aber wieder abgesetzt und geächtet, vom Papst exkommuniziert, von "seinem" Volk verlassen; seine Frau, Tochter und Schwester wurden gefangen, sein Bruder getötet; seine adeligen Kollegen versuchten, auch ihn zu ermorden (Comyn lockte ihn im Wald von Selkirk in eine Falle), aber er entkam (ist es wirklich feige, vor einer Übermacht zu fliehen?) und überlebte, denn er war schlau, verschlagen, hinterhältig (ja, auch verräterisch, er verriet seine Verräter!), grausam und rücksichtslos. Was blieb ihm anders übrig? Aber er war auch mutig, ein großer Feldherr und Kämpfer, der sich nicht scheute, das Schwert selber in die Hand zu nehmen - das zeichnete also nicht alleine Wallace aus. 1302 hatte der französische König Balliol fallen lassen (deshalb kam Wallace zurück nach Schottland, nicht weil ihn Bruce oder "die" schottischen Adeligen nach Edinburgh gelockt hätten); 1304 hatte auch der alte Comyn aufgegeben, sich Edward unterworfen und war in ein Kloster gegangen. Bruce wartete eiskalt ab. Für Wallace rührte er natürlich keinen Finger; als Edward ihn hingerichtet hatte, ging Bruce in das besagte Kloster und erschlug Comyn eigenhändig mit seinem Schwert (das war der Grund für seine Exkommunizierung), ebenso seine anderen Feinde unter den schottischen Adeligen (ja - er, nicht Wallace tat das!), dann ließ er sich von seiner Frau (!) zum König von Schottland krönen. Edward Longshanks bekam einen seiner berühmten Tobsuchtsanfälle und schwor, sich an "Schottland" zu rächen. Er kämpfte gegen den Exkommunizierten auch am Sonntag. (Das machte übrigewns einen Gutteil seines schlechten Rufes aus - jüngere Leser erinnern sich vielleicht, daß Goscinny und Uderzo in einer ihrer Asterix-Geschichten die Briten ganz "schockiert" sein lassen ob der Unsitte Caesars, die Kämpfe zur Eroberung ihrer Insel ständig zur "tea time" und zum "week end" anzusetzen -, aber formell war er im Recht: nur gegen brave Schafe fromme Angehörige der Kirche durfte am Tag des Herrn nicht gekämpft werden!) Und er machte keine Gefangenen; wer ihm lebend in die Hände fiel, wurde aufgeknüpft. Solange Edward Longshanks lebte, gewann Bruce keine einzige Schlacht - aber er schaffte es immer wieder, der Entscheidung auszuweichen und sich mit seinen wenigen Getreuen im Hochland zu verschanzen. 1307 starb Edward I, und sein Sohn Edward II war ein Weichei - vielleicht nicht ganz so weich, wie ihn uns der Film "Braveheart" vorstellt, aber es genügte, daß Bruce Oberwasser bekam. Er schritt zur Offensive, erschlug auch John Comyn d.J. (den die Engländer zur Unterscheidung von seinem Vater - "dem Schwarzen" - auch "den Roten" nennen), eroberte große Teile Nordenglands, und 1309 erkannte ihn der französische König als Robert I von Schottland an.

1314 stand er wieder bei Stirling, keine Meile vom alten Schlachtfeld von 1297 entfernt. Warum wird dann diese zweite Schlacht von Stirling von den Historikern offiziell "Schlacht am Bannockburn" genannt? Nun, das geschah, um die beiden Schlachten in der Erinnerung der Leute zu verwischen, denn der Ruhm von Stirling sollte doch William Wallace erhalten bleiben. Tatsächlich war das, was der 1297 angestellt hatte, nicht mehr als die taktisch geschickte Überrumpelung eines kleinen, unvorsichtigen englischen Heeres, das gerade über eine wackelige Holzbrücke setzten wollte, als die Schotten es angriffen und schlugen.

Exkurs. Irgendwo las Dikigoros, die "historische Bedeutung" der Schlacht von 1297 läge darin, daß da zum ersten Mal ein "Volksheer" über ein "Ritterheer" gesiegt habe - und so ähnlich deutet es der Film ja auch an. Aber wenn das wirklich so wäre, dann hätte Dikigoros dieser Schlacht einen längeren Abschnitt ein einem anderen Kapitel seiner "Reisen durch die Verganghenheit" gewidmet, denn sie fand nach zumindest einer Quelle am 11. September statt. Und er hält die Entwicklung vom Krieg zwischen kleinen, aus Berufssoldaten gebildeten Heeren zum "Volkskrieg", wo per "levée en masse" die ganze männliche Bevölkerung eines Staates in wehrfähigem Alter aufs Spiel gesetzt wird, für eine der verhängnisvollsten in der Geschichte der Menschheit. Aber bis dahin sollte noch ein rundes halbes Jahrtausend vergehen, denn - um das gleich mit abzuhandeln - auch die andere Schlacht aus dem zeitlichen Dunstkreis von Stirling, die "Sporenschlacht" von Kortrijk 1302, wird zu Unrecht in diesem Sinne gefeiert. Dikigoros legt da etwas andere Maßstäbe anlegt als die professoralen "Fachhistoriker": Die "Volksarmeen" des revolutionären Frankreichs besiegten die kleinen Berufsarmeen der Nachbarstaaten, weil sie ihnen tatsächlich überlegen waren, denn die Waffentechnik war inzwischen so weit fortgeschritten, daß auch eine noch so gut ausgebildete kleine Berufsarmee keine Chance mehr hatte gegenüber die Heerhaufen der kurzfristig zu den Waffen geeilten Zivilunken. Gewiß, ein professioneller Scharfschütze konnte immer noch zwei oder drei feindliche Amateursoldaten töten, vielleicht sogar vier oder fünf, bevor er selber getroffen wurde - aber was half das, wenn der Feind zahlenmäßig 10:1 überlegen war? Aber die erste Schlacht von Sterling und die Sporenschlacht von Kortrijk gingen aus anderen Gründen verloren, die nichts mit der Unterlegenheit der "Berufsheee" gegen die "Volksheere" zu tun hatten, sondern - mit der Unfähigkeit ihrer Anführer. Sterling war bzw. hatte eine kleine, aber feine Festung, die mit entsprechender Besatzung wohl stark genug gewesen wäre, einem Eroberungsversuch durch die Schotten mittel- oder sogar längerfristig Stand zu halten. Nun hatten die Engländer aber nicht bloß diese Besatzung, sondern eine Truppe, die der schottischen zahlenmäßig, waffenmäßig und ausbildungsmäßig deutlich überlegen war - sie brauchten also nicht mal eine Schlacht auf offenem Feld zu fürchten. Zwischen Sterling und dem Fluß, an dem es lag, gab es ein solches Feld; und dort stand das englische Heer. Es hätte nur zu warten brauchen, bis der schottische Haufen - der am anderen Ufer stand - seinerseits begann, die wackelige Holzbrücke zu betreten, um ihn dann zusammen zu schlagen. Warum der Kommandeur das nicht tat - sondern statt dessen selber Truppen über die Brücke schickte - ist sein erstes Geheimnis. Sein zweites Geheimnis ist, weshalb er, nachdem die Vorhut von den Schotten nieder gemacht worden war, mit dem Rest seiner - immer noch haushoch überlegenen - Truppen floh. Und sein drittes Geheimnis ist, warum er nicht etwa auf die Burg floh - die wie gesagt gut zu halten gewesen wäre -, sondern Hals über Kopf von dannen, so daß die Schotten die Burg praktisch kampflos einnehmen konnten. Das hat nun wahrlich nichts mit dem Unterschied zwischen Berufsarmee und Volksheer zu tun - im Gegenteil: Man fragt sich, wo der englische Kommandeur wohl seine militärische Ausbildung genossen hatte - vielleicht auf der Volksschule? 1302 bei Kortrijk war es sogar noch krasser: Infanterie und ArtillerieBogenschützen der Franzosen hatten die Schlacht eigentlich schon gewonnen; die Flamen begannen zu fliehen; da meinte der Commandeur, Verfolgung der Fliehenden (und Einheimsen des Ruhms :-) sei doch eigentlich Sache der Kavallerie; also pfiff er seine Fußsoldaten und Bogenschützen zurück und befahl statt dessen seine Reiter nach vorne. Wie die es dann schafften, die Schlacht doch noch zu verlieren, ist ein weiteres Geheimnis - vielleicht lag es am berühmt-berüchtigten Matschboden von Flandern, der gut 100 Jahre später auch die Schlacht von Azincourt entschied und gut 600 Jahre später die von Langemarck? Aber Dikigoros will die Parallelen nicht zu weit treiben - ganz im Gegenteil, er will Euch vor einer falschen Parallele warnen, die gewisse moderne "Historiker" gerne ziehen, wenn es um eine noch spätere Schlacht auf flandrischem Boden geht, nämlich die von Dünkirchen. Etwa: Infanterie und Panzer der Deutschen hatten die Schlacht eigentlich schon gewonnen; die Briten begannen über den Kanal zu fliehen; da meinte Göring, Verfolgung der Fliehenden (und Einheimsen des Ruhms :-) sei doch eigentlich Sache der Luftwaffe; also ließ er Hitler die Panzer zurück pfeifen... Nein, liebe Leser, so war es nicht! Vielmehr pfiff Hitler die Panzer zurück, weil er die Briten entkommen lassen wollte, in dem naïven Glauben, die würden ob einer solchen Großzügigkeit eher Frieden mit ihm schließen, den er selber doch so sehnlichst wünschte! Man fragt sich, wo der deutsche Kanzler wohl seine Ausbildung genossen hatte, die ihn Deutschland in den Untergang führen ließ - aber das fragt man sich ja bei seinen Nachfolger[inne]n bis heute nicht minder. Exkurs Ende.

[Er begann, Deutschland in den Untergang zu führen: Adolf Hitler] [Sie vollendete Hitlers Werk: Sarah Sauer]

Zurück zur Schlacht von 1314. Die war - entgegen der von 1297 - eine Meisterleistung Roberts, und zwar eine allerersten Ranges: Edward II hatte das bis dahin größte Heer auf britischem Boden zusammen gezogen - angeblich 100.000 Mann. (Selbst wenn das nicht ganz stimmt, wie einige Historiker meinen, dann dürften es doch, Knappen, Troß usw. mitgezählt, einige zehntausend gewesen sein.) Robert hatte aus Wallaces Niederlage von Falkirk gelernt: Er zog seine Pikeniere zunächst hinter den Waldrand zurück, wo sie die englischen Bogenschützen nicht erreichen konnten; zur Verteidigung gegen die englische Kavallerie hatte er Gräben ziehen lassen; und seine eigene Kavallerie führte er hinter die englischen Linien, genauer gesagt in den Rücken der Bogenschützen, und machte sie nieder; danach gingen seine Pikeniere vor und gewannen den Tag. Nun beeilten sich die schottischen Adeligen, ihren "höchst unermüdlichen Fürsten, König und Herrn, Lord Robert" anläßlich einer feierlichen Unabhängigkeitserklärung von England (als solche wird sie jedenfalls heute von den schottischen Verfassungshistorikern bezeichnet, formell war es nur ein Brief an den Papst; wer sich für das - lateinische - Original interessiert, kann es hier nachlesen) ihrer immer währenden Ergebenheit zu versichern. (Ja, die bösen Adeligen waren das, nicht Wallaces brave Bauern! Aus dieser "Erklärung von Arbroath" stammen all die schönen Sätze über die Freiheit, die Gibson seinem Wallace in den Mund legt und für die er ihn kämpfen läßt. Die Feststellung, daß alle Menschen vor Gott gleich seien, auch Juden und Griechen, ist ein Seitenhieb gegen den Antisemitismus der Engländer und die Vertreibung der Juden durch Edward I.) Nach weiteren Siegen Roberts bei Berwick, Mytton und Byland (die Ihr in kaum einem Geschichtsbuch finden werdet, liebe Leser - schließlich war William Wallace nicht dabei) schloß Edward II Waffenstillstand; und nachdem er 1327 von seiner Frau Isabella hingerichtetermordet worden war, schloß sein Nachfolger (Dikigoros schreibt bewußt nicht "sein Sohn", denn Edward II war schwul, und Isabella hatte ihn sich vermutlich von einem ihrer Liebhaber, Roger Mortimer, machen lassen - nicht etwa von William Wallace, wie es uns der Film suggerien will, denn den hat sie nie kennen gelernt; sie kam erst fünf Jahre nach seinem Tod nach England :-) Edward III Frieden. (Nicht etwa, weil er so friedliebend gewesen wäre - im Gegenteil: Statt des läppischen Krieges um das ärmliche Schottland wollte er endlich das reiche Frankreich erobern; und nachdem er Mortimer ermordethingerichtet und seine Mutter für den Rest ihres Lebens - schlappe 28 Jahre - ins Gefängnis gesteckt hatte, begann er den so genannten "hundertjährigen" Krieg, der tatsächlich viel länger dauerte; aber das ist eine andere Geschichte.) Und als schließlich auch noch der Papst den Kirchenbann löste, hatte Bruce auf der ganzen Linie gesiegt. Robert I war der größte König der schottischen Geschichte und einer der größten Herrscher des europäischen Mittelalters - aber bis heute hat das niemand so richtig erkannt, geschweige denn anerkannt.

Woran mag das liegen? Dikigoros hat lange darüber nachgedacht (einer der Gründe, weshalb die Bearbeitung dieses Kapitels seiner "Reisen durch die Vergangenheit" so lange gedauert hat), aber auch er kann die Frage nicht abschließend beantworten. Seine erste Vermutung war, daß es an der Martyrerrolle lag: Willam Wallace kämpfte in vorderster Front mit und bezahlte seine Tapferkeit im besten Alter mit seinem Leben; Robert Bruce wurde dagegen auf seinem Königsthron uralt und starb im Bett. Aber schon dieser Vergleich hinkt: Bruce hat viel mehr Schlachten persönlich mitgemacht - und auch in vorderster Reihe - als Wallace, und mehr als einmal sein Leben dabei riskiert. Und einige ähnliche Beispiele aus der Geschichte zeigen, daß es die Martyrerrolle nicht gewesen sein kann. In Mexiko revoltierten 1810 Miguel Hidalgo und sein Nachfolger Morelos erfolglos gegen die spanische Herrschaft und bezahlten das mit ihrem Leben. Sie gelten bis heute als Helden; ihre Köpfe zieren noch immer die mexikanischen Münzen und Geldscheine - ohne daß ihre Namen mit drauf ständen; jeder Mexikaner kennt sie. Die mexikanische Unabhängigkeit erkämpfte vielmehr der "verräterische Adelige" Agustin de Iturbide - der sich selber zum Kaiser machte und prompt ermordet wurde. Also auch er ein Martyrer? Ja, aber das hat ihm nichts geholfen - wenn ihn heute in Mexiko überhaupt noch jemand kennt, dann nur als Bösewicht. In Ungarn revoltierte Lajos Kossuth 1848 - ebenfalls erfolglos - gegen die Habsburger; die machten ihn aber nicht zum Martyrer, sondern ließen ihn am Leben. Die Unabhängigkeit Ungarns erkämpfte, nein erpreßte erst der "verräterische Adelige" Andrássy (aber das ist eine andere Geschichte. Er ist heute vergessen; Kossuths Kopf sah man dagegen selbst zu kommunistischen Zeiten auf den Zahlungsmitteln der Magyaren... Giuseppe Garibaldi revoltierte eigentlich sein ganzes Leben lang erfolglos gegen die Habsburger; auch er schaffte es nicht, den Martyrertod zu sterben, geschweige denn die nationale Einheit Italiens herbei zu führen. Das gelang erst dem "verräterischen Adeligen" Cavour (der Savoyen und die Riviera mit Nizza und Monaco an die Franzosen verschacherte und ihnen auch Korsika ließ) - dreimal dürft Ihr raten, wen die Italiener bis heute als Helden feiern... Die Wallace, Hidalgo, Morelos, Kossuth, Garibaldi und wie sie sonst noch heißen mögen, die Dikigoros vergessen oder verdrängt hat, sie alle haben den Freiheitskampf ihrer Länder und Völker durch ihr militärisch stümperhaftes und diplomatisch unmögliches Revoluzzertum mehr behindert als gefördert; dennoch hängt das dumme - von so genannten "Historikern" verdummte - Volk an ihnen als ihren Helden. Lassen wir das so stehen und versuchen nicht, das Unverständliche zu verstehen.

Nachtrag: Anno 2010 wurde in England Schottland Großbritannien endlich ein Film zur Würdigung des Robert de Bruce gedreht, den es inzwischen auch in deutscher Übersetzung gibt. Ein spannender Spielfilm, gut besetzt - vielleicht mit dem selbsternannten schottischen Patrioten Séan Connery in der Hauptrolle? Nein, ein stinklangweiliger, ganz schlecht gemachter "Dokumentarfilm", der - trotz kostenloser Ausstrahlung im Fernsehen - nicht mal ein Promille der Zuschauerzahlen von "Braveheart" gehabt haben dürfte. (Ganz ehrlich - auch Dikigoros hat ihn sich nicht bis zum Ende angetan, denn er ist mitten drin eingeschlafen :-) Nachtrag Ende.

Nun hat Dikigoros eingangs so viel über Mel Gibson geschrieben, daß er auch noch ein paar Zeilen über den Darsteller von Edward Longshanks schreiben will. Auch ein Kino-Bösewicht kann eindrucksvoll sein - vielleicht sogar besonders eindrucksvoll. (Der große englische, pardon schottische Komiker Rowan Atkinson alias "Mr. Bean" alias "Blackadder" hat einmal gesagt, daß es eine viel dankbarere Aufgabe für einen Schauspieler sei, den Bösen zu spielen als den Guten, weil sich das dem Publikum besser einpräge.) Und doch ist dies eine Rolle, die für Patrick McGoohan ganz untypisch war. Er - dessen Eltern wie die Gibsons in die USA ausgewandert, aber wieder in ihre Heimat Irland zurück gekehrt waren - hatte seine Schauspieler-Karriere als smarter Geheimagent John Drake in der Serie "Danger Man" begonnen; damit wurde er in den frühen 1960er Jahren so populär, daß er die ihm angebotene - schlecht bezahlte - Rolle in einer obskuren Filmserie mit dem Titel "007" als Geheimagent James Bond mit einem müden Lächeln ablehnte. (Dieses müde Lächeln begründete die Filmkarriere von Séan Connery, der McGoohans Satz "Mein Name ist Drake, John Drake", gekonnt nachäffte - heute kennt ihn der Zuschauer nur noch in der Form "Mein Name ist Bond, James Bond". Und da Dikigoros oben schon The Avengers erwähnt hat, will er eine weitere Parallele aus der schottischen Filmgeschichte nicht unerwähnt lassen: Etwa zur selben Zeit wurde es Ian Hendry zu dumm, weiterhin die Hauptrolle in jener Fernsehserie zu spielen, was die Karriere seines Partners Patrick MacNee alias "John Steed" begründete, der als Schotte zur Personifizierung des "englischen" Gentleman schlechthin wurde.) Später spielte McGoohan mit noch größerem Erfolg die Hauptrolle in der Serie "The Prisoner", aber dann verschwand er für mehr als zwei Jahrzehnte in der Versenkung, während der er nur ein paar jämmerliche Nebenrollen in der drittklassigen Filmreihe "Inspector Columbo" (mit Peter Falk in der Titelrolle) spielte - zumeist den Bösewicht. Eines dieser Machwerke muß auch Mel Gibson gesehen haben, denn er grub ihn 1995 wieder aus, um den alten König Edward I zu spielen. (Séan Connery hätte diese Rolle mit einem müden Lächeln abgelehnt - er spielte im Alter nur noch Hauptrollen, wie die des König Arthus.) Er spielte ihn überzeugend, aber die Rolle war, wiewohl die eines Bösewichts, nicht darauf angelegt, sich beim Zuschauer besonders einzuprägen - schon gar nicht neben Mel Gibson und seinen beiden attraktiven Partnerinnen Sophie Marceau und Catherine McCormack.

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Anno 2000, fünf Jahre nach Braveheart, wagte zum ersten Mal nach fast sechs Jahrzehnten wieder ein deutscher Regisseur - Roland Emmerich - einen Film über die historischen Verbrechen der Briten zu drehen; und die Hauptrolle besetzte er mit keinem anderen als Mel Gibson, dessen Film ihm den Mut zu diesem Unterfangen gegeben hatte. Der Patriot ist eigentlich der "bessere" Film gegenüber Braveheart; aber er hat keine Rolle geprägt, da Gibson dort keine historische Figur, sondern "nur" einen namenlosen amerikanischen Freiheitskämpfer aus dem Unabhängigkeitskrieg spielt. Warum erwähnt Dikigoros das hier? Weil eines der nächsten Kapitel dieser "Reise durch die Vergangenheit" wieder in England spielen wird, und weil er auf den frappierenden Gegensatz hinweisen möchte zwischen der Darstellung britischer "Kriegsverbrechen" in Braveheart und The Patriot (an deren Richtigkeit er doch gewisse Zweifel hegt) und der cineastischen Verharmlosung bzw. dem Verschweigen der tatsächlichen Kriegsverbrechen (an denen er keinen Augenblick zweifelt) in Cromwell, nur zweieinhalb bzw. drei Jahrzehnte zuvor. Edward I und Georg III (in dessen Namen die britischen Truppen im Unabhängigkeitskrieg handelten) waren also Verbrecher, und Cromwell war ein Held? Wenn Ihr diese Filme miteinander vergleicht, liebe Leser, dann stellt Euch einmal die Frage, ob die "Guten" und die "Bösen" in der [Film-]Geschichte nicht am Ende doch immer nur die Erfolgreichen (Cromwell hat Irland für England erobert und starb "im Felde unbesiegt") und die Erfolglosen (unter Edward bzw. seinem Sohn ging den Engländern Schottland verloren, und unter Georg III Nordamerika) waren. "Es giebt ein fortwährendes Umwandeln der Moral," schrieb einst Friedrich Nietzsche (noch bevor das Kino erfunden wurde :-), "das bewirken die Verbrechen mit glücklichem Ausgange." Für die Schotten haben ihre "Befreiungskriege" bis heute keinen glücklichen Ausgang gehabt - sie haben zwar mittlerweile wiederholt den britischen Regierungschef gestellt, aber das besagt für Schottland in etwa so viel wie die Regierung des Verräters Trudeau in Kanada für Québec besagte, nämlich gar nichts. Die Schotten haben zwar, im Gegensatz zu den "Franko-Kanadiern", eine eigene Fußball-"Nationalmannschaft", aber in ihrer ganz überwiegenden Mehrheit kein Nationalgefühl mehr. (Wie sie ja auch ihre eigene Sprache zugunsten des Englischen aufgegeben haben.) Auf der englischen Ausgabe von Wikipedia gibt es zwar eine Seite mit dem Titel "Scottish actors [Schottische Schauspieler]"; aber auf derselben fehlen bezeichnender Weise ausgerechnet vier Namen: Séan Connery, Patrick McGoohan, Patrick MacNee und - Mel Gibson.

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Anno 2002 spielte Mel Gibson die Hauptrolle in dem Film "We Were Soldiers" (der in Deutschland unter dem Titel "Wir waren Helden" lief), der zeigen sollte, wie furchtbar - und welch ein furchtbarer Fehler - der Vietnam-Krieg war. Eine merkwürdiger Kontrast zur Verherrlichung des Kampfes von William Wallace. Die Botschaft ist klar: Der Kampf der Schotten gegen die Engländer war ein "gerechter" Krieg, der Kampf der US-Amerikaner gegen die Vietnamesen war ein "ungerechter". Das kann man so sehen - oder auch anders. Aber Dikigoros kann nicht glauben, daß es heldenhafter oder gar schöner war, in einem mittelalterlichen Krieg zu verrecken als in einem neuzeitlichen. Juristisch gesehen mag man die Kriege einteilen in "gerechte" und "ungerechte", moralisch in "gute" und "böse", diplomatisch in Mittel, die vom Zweck geheiligt und solche, die das nicht werden, politisch in "Angriffs-" und "Verteidigungs"-Kriege, und historisch in gewonnene und verlorene. Aber das sind alles nur Spielereien irgendwelcher - meist ungedienter - Sesselpupser an ihren Schreibtischen. Militärisch gesehen ist ein Krieg - auch der "gute", "gerechte", zur "Verteidigung" geführte - nur dann gerechtfertigt, wenn derjenige, der ihn führt, eine reale Chance hat, ihn auch zu gewinnen, sonst ist er ein Verbrecher, der lediglich das Leben seiner Soldaten - und oft auch Zivilisten - opfert. (Wobei noch die Frage ist, wem: dem Kriegsgott oder nur der eigenen Eitelkeit?) Das gilt auch, wenn keine Chance mehr besteht, einen ursprünglich vielleicht chancenreichen Krieg zu gewinnen - wer in aussichtsloser Lage bis zur letzten Patrone weiter kämpft oder kämpfen läßt, der ist kein Held, sondern ein Verbrecher. Und wer einen Krieg trotz guter Siegeschancen verliert, der ist ein Verbrecher und Versager - also noch schlimmer. Deshalb waren Leute wie William Wallace, Crazy Horse und Ho Chi Minh "nur" Verbrecher, während Leute wie Kennedy, Johnson und Nixon Verbrecher und Versager waren. Und wer sind dann die Helden? Darüber kann man trefflich streiten. Dikigoros meint, daß es diejenigen sind, die einen Krieg mit den geringst möglichen Verlusten gewinnen - und auch selber überleben, um beim Wiederaufbau mit anzupacken, statt sich bequem unter einem Grabstein oder Denkmal zur letzten Ruhe betten zu lassen. Die herrschende Meinung sieht das freilich anders: Für sie muß ein "Held" nach möglichst verlustreichem Kampf durch die Hand der Feinde gefallen sein. (Aber das ist eine andere Geschichte.) Der Regisseur von "We Were Soldiers" - der zufällig auch Wallace heißt - läßt die letzte Kampfszene mit der Frage enden: "Sie wollten wissen, wie sich Custer gefühlt hat?" Aber auch das ist eine andere Geschichte.

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Als "Braveheart" anno 2010 im deutschen Fernsehen wiederholt wurde, kündete das die Programm-Zeitschrift, die Frau Dikigoros aus unerfindlichen Gründen abonniert hat, wie folgt an: "Schlachtenepos von und mit 'Mad Max' Mel Gibson ('Apocalypto')." Das offenbart eine mehr als peinliche Unkenntnis des Schreiberlings; denn in "Apocalypto" führt Gibson zwar Regie, spielt aber nicht selber mit; und mittlerweile dürfte es eine ganze Menge vor allem junger Leute geben, denen "Mad Max" gar nichts mehr sagt - wenn die olle Kamelle noch jemals wiederholt werden sollte, könnte man mit Fug und Recht schreiben: "Mit 'William Wallace' Mel Gibson ('Braveheart')" - denn als solchen kennt ihn jeder.

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Anno 2014 wurde das, was Dikigoros anno 2000 geschrieben hatte, schlagend bestätigt: Als der deutsche Privatfernsehsender Kabeleins am 17. September "Braveheart" zur besten Sendezeit einmal mehr wiederholte, war das am Vorabend des Referendums, mit dem die Schotten über ihre Unabhängigkeit abstimmen durften - und sich für einen Verbleib im "Vereinigten Königreich" entschieden. Warum? Nun, ihre eigene Fußball-Nationalmannschaft hatten sie wie gesagt schon, und ihre Sprache hatten sie längst aufgegeben - und niemand wollte sie zurück haben. Übrigens aus gutem Grund: Das Gälische ist wohl die einzige europäische Sprache, die noch stärker in Dialekte aufgesplittert ist UND eine noch idiotischere Schreibweise hat als das Englische. (In Sachen Aufsplitterung könnten vielleicht das Skandinavische und das Räto-Romanische mithalten, in Sachen Rechtschreibung das Neu-Griechische und das Deutsche, aber in beiden Punkten zugleich bestimmt keine :-) Was hätte noch für ein "YES" sprechen können? Eine Trennung vom maroden britischen Pfund und eine Schließung der Dämme gegen die Einwanderungsflut aus Afrika und Asien, die England in den letzten Jahrzehnten heim gesucht und ruiniert, Schottland aber noch weitgehend verschont hatte. Das wären gewiß zwei bessere Gründe gewesen als die beiden zuvor genannten. Aber gerade das wollten die Politiker, die für eine schottische Unabhängigkeit warben, nicht: Sie wollten vielmehr das Pfund behalten und sogar dem "Schengener Abkommen", das den ungehinderten und unbegrenzten Zuzug von Ausländern innerhalb der Mitglieds-Staaten ermöglicht, beitreten (von dem sich Großbritannien endlich - als es freilich längst zu spät war - verabschiedet hatte). Der alte Rothschild sagte einmal sinngemäß: "Mir ist es egal, wer regiert und wer die Gesetze macht, solange ich nur die Geldausgabe kontrollieren kann." Und wo er Recht hatte, da hatte er Recht. Ein Land, das seine eigene Währung nicht (mehr) kontrolliert, ist nicht (mehr) selbständig (von "unabhängig" ganz zu schweigen: Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles - frei nach Goethe :-) Die schottische Unabhängigkeit hätte also bloß darin bestanden, daß noch ein paar mehr aus Steuergeldern gut-dotierte Sesselpupser-Pöstchen für Parteibuchhalter geschaffen worden wären - selbständige Staaten brauchen ja noch mehr Verwaltung als bloß autonome Regionen. Ansonsten hätte sich nichts geändert, jedenfalls nicht zum Besseren, eher zum Schlechteren. Denn die schottische Regierung wäre wohl auf absehbare Zeit von einer nur dem Namen nach nationalistischen, tatsächlich aber sozialistischen Partei gestellt worden, deren Vorsitzende - die Dikigoros aufs Rad flechten und vierteilen würde, wenn er Engländer oder Schotte wäre - zwar stets das Wahlversprechen im haßverzerrten Maul führte, Schottland "schottischer" zu machen, aber vermutlich eine ähnliche Einwanderungs-Politik betrieben hätte wie etwa das benachbarte Schweden, d.h. binnen kürzester Zeit hätte Schottland einen 20%igen Ausländeranteil überwiegend muslimischen Glaubens, und in Glasgow und Umgebung sähe es bald aus wie in Göteburg (und London) und Umgebung.

[Terrier Scotty vor einem Wahlplakat der SNP - Karikatur] [So wird Schottland schottischer!] [Shariah-Recht auch für Schottland!]

Nein, das konnte kein guter schottischer Patriot wollen - ein Wallace hätte sich im Grabe umgedreht! Dikigoros ist überzeugt: Wäre Wallace am 18. September 2014 wieder auferstanden und hätte am Referendum teilgenommen, dann hätte auch er mit "NO" gestimmt. Und, um auch das noch nachzutragen: Wenn die Schotten den gespaltenen Ausgang des "Brexit"-Referendums vom 23. Juni 2016 (70% der Engländer dafür, 70% der Schotten dagegen) zum Anlaß nehmen sollten, zum zweiten [Schottlands First Minister Nicola Sturgeon hat sich <DEL>in die Tinte</DEL>ins Öl gesetzt (Karikatur)] Mal binnen zwei Jahren über ihre Unabhängigkeit von England abzustimmen, dann würde ein "YES" nichts ändern; sie kämen vielmehr vom Regen in die Traufe: Da kurz nach dem Referendum der Ölpreis einbrach - binnen drei Monaten um fast zwei Drittel - und Dank "Fracking" die alten Höchststände wohl nie wieder erreichen wird, können sie sich nicht mehr auf ihre faulen sozialistischen Ärsche setzen und vom Nordsee-Öl ernähren lassen, wie sich das einige Traumtänzer[innen] vorgestellt hatten. Ohne die Transfer-Zahlungen aus englischen Steuergeldern müßten sie sich also, da sie ansonsten über keine nennenswerten Einnahmequellen verfügen, der EU in die Arme werfen und bei den dauerhaft am Subventionstropf hängenden PIGS-[Schweine-]Staaten einreihen, d.h. sie würden statt von London von Brüssel aus regiert - wo sie erheblich weniger Mitspracherechte hätten - und bekämen überdies statt des Pfundes den noch maroderen [T]Euro als Währung. Dafür sind Wallace & Co. nicht gestorben!

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