WELCHEN FRIEDEN BRINGT DAS MEER?
UND WELCHES GLÜCK DER DRACHE?
PERLENHAFEN UND PELZERHAKEN
LANGES KAP UND BREITE INSEL
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REISEN ÜBER DEN PAZIFIK

[Hokusai, Tsunami]
[Nihon-no Hitatachi (japanische Geschichte)]
EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

(Fortsetzung von Teil I)

* * * * *

Erst müssen wir noch einen kleinen Abstecher nach Norden machen, nach China. Auch das ist bekanntlich im Zweiten Weltkrieg von den hochherzigen Amerikanern, im Bündnis mit den ebenso hochherzigen Sowjet-Russen, vom japanischen Joch befreit worden - diese edle Tat war ja überhaupt (neben der Befreiung Polens - nicht von den Russen, aber von den Deutschen - und der letzteren von ihren Uhren) das Haupt-Kriegsziel der Alliierten, da die Japaner dort doch so schreckliche Kriegsverbrechen begangen hatten! Leider sind sich die Chinesen noch nicht ganz einig, was sie denn nun mit ihrer neu gewonnenen "Freiheit" anfangen sollten, und so nehmen sie denn erstmal den schönen, fast schon traditionellen Bürgerkrieg wieder auf, an dessen Fortführung sie die bösen japanischen Besatzer so lange brutal gehindert hatten. Und wieder - wie kann es anders sein - versuchen die braven Amerikaner, sich einzumischen, pardon, segensreich einzuwirken, um dem Streit ein Ende zu machen. Was immer man Präsident Truman nicht vorwerfen kann - er wird sich zumindest den Stiefel anziehen müssen, daß die beiden größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts unter ihm gedient und in seinem Namen gehandelt haben. Es gibt da nämlich nicht nur Eisenhower, sondern noch einen anderen US-General, klein und häßlich, und aus seiner Häßlichkeit (und seinen militärischen Mißerfolgen) ist Haß gewachsen, Haß auf alle und alles, auf jeden und jede. Haß auf die Krauts und die Limeys, Haß auf die Japse und - vor allem - die Chinesen. Er kennt sie ja, diese minderwertigen Schlitzaugen, schließlich war er lange genug Militär-Attaché in diesem Drecks-Land. Und ganz besonders haßt er den smarten Staats-Chef Chiang Kai-shek und dessen hübsche, energische Frau Mai-ling Soong, eine Sino-Amerikanerin, die verhindert, daß dieser häßliche Falang mit seiner Essig-Fratze allzu viel Einfluß auf ihren Mann, seine Kriegsführung und seine Politik nimmt.

Ja, nun ist es heraus, warum Dikigoros diesen Joseph Warren Stilwell schon dreimal zuvor erwähnt hat. Wieviele tote Deutsche hatte Eisenhower gleich auf dem Gewissen (wenn er denn eines hatte)? Zehn Millionen? Geschenkt! Stilwell trägt die Schuld daran, daß heute eine Milliarde Chinesen (und Tibeter und Mongolen und Uiguren und und und) unter dem Joch des Kommunismus ächzen. (Wie viele Millionen nicht mehr ächzen können, weil sie unter dem Menschen verachtenden rot-chinesischen Regime umgekommen sind, kann heute niemand mehr mit letzter Sicherheit feststellen, Dikigoros schon gar nicht... na, und so weiter, er will sich nicht wiederholen.) Stilwell tat das bewußt, er wollte die Chinesen bestrafen, weil er sie haßte, er verurteilte sie zum langsamen Tod durch den Kommunismus; aus persönlichem Haß gegen die Eheleute Chiang Kai-shek, gegen "Peanut und Madame", wie er sie nannte, flüsterte er dem tumpen Juristen Truman ein, man solle nicht mehr die, sondern lieber ihre Feinde, die Maoisten unterstützen. Da Essig-Joe bald abkratzte, unterstützen die USA die Rot-Chinesen zwar nicht, aber da seine Nachfolger als "Sondergesandte" in China, die Generäle Marshall (das ist der, nach dem das "European Recovery Program" im Volksmund "Marschall-Plan" genannt wurde), Acheson und Wedemeyer mangels Sprach- und Landeskenntnissen zu keinem eindeutigen Ergebnis kamen, Chiang Kai-shek halt auch nicht mehr; und diese amerikanische "Neutralität" in der Endfase des chinesischen Bürgerkriegs führte letztlich, im September 1949, zum Sieg Maos. [Ja ja, liebe Kritiker, es war vielleicht nicht allein Stilwells Schuld; Chiang Kai-shek trug auch ein gerüttet Maß eigene Verantwortung für sein Scheitern - wenngleich aus ganz anderen Gründen, als sie heute in den Geschichts- und Märchenbüchern nicht nur der Rot-Chinesen stehen: Erstens hatte er 1941 ein äußerst großzügiges Friedensangebot der Japaner abgelehnt, und zweitens hatte er nichts aus den Fehlern der Franzosen in Vietnam gelernt. Wie war das gleich mit der Währungsreform von 1945, die ihnen dort die letzten Sympathien verscherzte? Chiang Kai-shek tat in China beinahe das gleiche: Er führte 1948 einen so genannten "Gold-Yüan" ein, der freilich nur auf dem Papier so hieß, und ließ die Chinesen alle ihre alten Gold- und Silbermünzen (und ausländischen Gelder) dagegen eintauschen. Ein paar Monate Hyperinflation später war der "Gold"-Yüan nicht mal mehr das Papier wert, auf dem er gedruckt worden war, der Mittelstand war endgültig ruiniert, und Chiang Kai-shek hatte seinen letzten Rückhalt im Volk verloren - was sich freilich alles hätte vermeiden lassen, wenn die USA nur ein paar Millionen Dollars zur Stabilisierung der chinesischen Währung ausgespuckt hätten.] Halt, was gehen uns denn die Chinesen an? Vielleicht sind sie gerne Kommunisten? Was ist daran verbrecherisch, sie in ihrem eigenen Saft schmoren zu lassen?

[Wappen VRC]

Ach, liebe Leser, wenn es denn nur ihr eigener Saft wäre - aber es wird bald auch den Lebenssaft anderer Völker kosten. Zum Beispiel den des Volkes, dem wir eben noch eine so glänzende Zukunft profezeit hatten, des koreanischen, zu dem wir nun wieder zurück kehren müssen. Zwei Jahre nach dem Abzug der Amerikaner aus Pusan sitzt General MacArthur, der Oberbefehlshaber der US-Truppen in der Japanischen See, an Bord seines Flugzeugs und blickt mißmutig aus dem Fenster gen Westen. Es ist ein Blick zurück im Zorn, denn er ist nur noch Oberbefehlshaber a.D. Vor einem Jahr sind nordkoreanische Truppen mit rot-chinesischer Unterstützung in Süd-Korea einmarschiert, um es vom Kapitalismus zu befreien. Die gerade erst abgezogenen Amerikaner mußten ganz unfriedlich wieder umkehren, um ihre süd-koreanischen Verbündeten vom Kommunismus zu befreien. Wenn es nach MacArthur gegangen wäre, dann hätte man diesen Krieg so beendet wie den gegen Japan, nämlich indem man ein paar Atombomben auf Nord-Korea geworfen hätte. Das wäre eine billige Lösung gewesen. (Dikigoros gebraucht das Wort "billig" hier im Sinne von "kostengünstig", liebe Leser, nicht im Sinne von "zu billigen" oder gar "gerecht" - was ist in der Geschichte schon gerecht?) Aber auf ihn hat ja niemand gehört; und als er seinen Vorschlag mit etwas mehr Nachdruck (seine Gegner sagen auch: mit einer ziemlichen Portion Arroganz) bei Präsident Truman und den Amtsträgern seiner demokratischen Partei vertreten hat, haben die ihn einfach Knall auf Fall abgesetzt. (Immerhin sollte man in Los Angeles einen unscheinbaren kleinen Park nach ihm benennen - der wiederum Jimmy Webb zu einem Song inspirieren sollte, den Richard Harris [nicht verwandt und nicht verschwägert mit Bomber-Harris] zu einem Welthit machen sollte -, den auch Dikigoros einst besucht hat, als er noch Städte und Stätten bereiste, nur weil sie in Musikstücken besungen wurden, die ihm gefielen. Es ist schon merkwürdig, wodurch manche Namen unsterblich werden.) Na, die werden schon sehen, was sie davon haben...

[Wappen Nord-Korea] [Wappen Süd-Korea]

Ja, das werden sie. Ehe man sich's versieht, wird aus dem vermeintlichen Spaziergang, den man auch ohne Atombomben gewinnen zu können glaubte, ein ausgewachsener dreijähriger Krieg. Die Amerikaner, die der ständigen Kriege allmählich müde sind, beginnen zu murren; und bei den nächsten Präsidenten-Wahlen erleiden die demokratische Partei und ihr Kandidat die bis dahin empfindlichste Schlappe ihrer Geschichte; die Republikaner dagegen erringen einen Erdrutsch-Sieg. Gut für sie. Die Sache hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Um auch ganz auf Nummer sicher zu gehen, hatten die Republikaner nämlich vorher den Demokraten ihren Präsidentschafts-Kandidaten abgeworben; und den hat das amerikanische Wahlvolk in einem neuerlichen Anfall von geistiger Umnachtung (diese Anfälle traten - und treten - bei diesem sonst so vernünftigen und pragmatischen Volk dummer Weise meist dann auf, wenn Wahlen anstehen) tatsächlich gewählt: Dwight D. Eisenhower, den Nachkriegs-Verbrecher Nr. 1 in Europa! Und der schickt sich nun an, Stilwell auch in Asien den Rang abzulaufen: Wenn die USA den Korea-Krieg zuende führen und am Ende gewinnen sollten, würde auch das kommunistische System in Rot-China (das damals noch längst nicht gefestigt ist) stürzen - der Fehler der von Stilwell "beratenen" Narren wäre korrigiert. Nein, das kann Eisenhower nicht zulassen: Er beendet den Korea-Krieg (Einzelheiten seines Verlaufs erspart sich Dikigoros; wer es unbedingt wissen will, kann es hier nachlesen) 1953, wenige Monate nach seinem Amtsantritt, mit einem faulen Kompromiß und macht sich damit nicht nur am Schicksal der Nord-Koreaner, sondern auch der Rot-Chinesen schuldig. So hat er Stilwell doch noch übertrumpft, und alle Feinde der Deutschen dürfen sich freuen: Selbst Dikigoros muß einräumen, daß der größte Verbrecher des 20. Jahrhunderts, der alle anderen (der geneigte Leser mag sie sich selber zusammen suchen) in die Tasche steckt, ein Deutscher war. Hat Dikigoros vorhin im Ernst gefragt, ob "Ike" ein Gewissen gehabt habe? Nun, in seiner Biografie steht zu lesen, daß sein Lieblings-Autor William Shakespeare gewesen sei, und bei dem finden sich bekanntlich die schönen Worte:

"Conscience is but a word that cowards use,
Devised at first to keep the strong in awe:
Our strong arms be our conscience,
swords our law. (Richard III, V,3)
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(Gewissen ist ein Wort für Feige nur,
Geschaffen um die Starken abzuschrecken:
Laßt uns're Fäuste das Gewissen sein,
Und uns're Schwerter das Gesetz.)"

Gibt es etwa Leser, die Dikigoros das alles nicht glauben? Bestimmt gibt es die. Hat er sich das nicht alles nur ausgedacht in seiner schmutzigen Fantasie? Er war doch wohl nicht dabei, oder? Nein, war er nicht. Aber er hat einen Zeugen, der über jeglichen Zweifel erhaben sein dürfte: Eisenhower's Hof-Biografen, den renommierten jüdischen Harvard-Professor Martin Blumenson. Seine Eisenhower-Biografie, unmittelbar nach dessen Tod geschrieben und in den 1970er Jahren jedem amerikanischen GI in der PX für den Spottpreis von einem US-Dollar zugänglich gemacht, enthält Bilder der in Todeslagern zusammen gepferchten deutschen Soldaten, die das Pech hatten, nach Kriegsende in amerikanische Gefangenschaft zu geraten. Sie standen (!) tatsächlich wie die sprichwörtlichen Öl-Sardinen hinter Stacheldraht zusammen gequetscht - da braucht Dikigoros gar nicht auf das umstrittene Buch des kanadischen Historikers James Bacque "Other Losses (Andere Verluste)" (die deutsche Übersetzung erschien unter dem Titel "Der geplante Tod" - etwas irreführend, wenn man bedenkt, daß es ja keineswegs nur bei der Planung blieb) zurück zu greifen... A propos Verluste: Darf Dikigoros noch kurz die Bilanz des Korea-Krieges nachtragen? Knapp eine Million Tote, davon mehrere zehntausend Amerikaner und Europäer in den Hilfstruppen der UNO; zuzüglich der Menschen, die in Nord-Korea bis heute an Hunger gestorben sind und weiterhin sterben. Wie viele Millionen es insgesamt gewesen sind und noch sein werden, kann heute niemand mit letzter Sicherheit feststellen, Dikigoros schon gar nicht (s.o.); aber er tröstet sich und den geneigten Leser mit dem Gedanken, daß es im Vergleich zu dem, was kurz zuvor in Europa, Japan und China geschah, nur "Peanuts" sein können.

[Wappen der Marshall-Islands (mit Bikini)

1. März 1954, mitten im Pazifik. Aikichi Kuboyama steht am Bord seines Fischkutters, der "Daigo Fukuryu Maru (Glücklicher Drache Nr. 5)" und blickt mit seinen 22 Kameraden mißmutig auf das kleine Insel-Atoll ein paar Seemeilen vor ihnen. Der Drache scheint ihnen entgegen seinem Namen kein Glück gebracht zu haben. Aber das kann man ihm nicht einmal übel nehmen, denn zum einen sollte das Schiff eigentlich "glückbringende Windhose" heißen; aber letztere gibt es nur in japanicher Lesart ("tatsumaki"), und dann könnte sie nicht kombiniert werden mit Fuku, dem Glück, das zu den Wörtern zählt, die es nur in chinesischer Lesart gibt (s.o.); also ließ man Maki weg und las Tatsu chinesisch, als Ryu, und das bedeutet halt Drache. (Übrigens ausweislich des Kanji kein böses Ungeheuer - wie der Drache in Asien ohnehin nicht als notwendigerweise böse angesehen wird -, sondern ein papierenes Modell zum Drachenfliegen.) Zum anderen ist es gar nicht die Aufgabe des Drachen, Glück zu bringen, schon gar nicht den Fischern; dies ist vielmehr traditionell die Aufgabe eines anderen Vogels, des Kranichs - aber dazu später mehr. Wie dem auch sei, der Fang ist mal wieder arg bescheiden. Dabei fährt man doch schon immer weiter aufs Meer hinaus. Jetzt, nachdem die amerikanischen Besatzer endlich aus Japan abgezogen sind, darf man das wieder. Was man seit dem auch wieder darf, weiß er als ein einfacher Fischer und Amateur-Funker nicht, zum Beispiel Filmaufnahmen über die Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zeigen. Während der Besatzungszeit war es streng verboten, auch nur das Wort "gen [Atom]" in den Mund zu nehmen, geschweige denn laut darüber zu sprechen, was die Amerikaner mit Hiroshima und Nagasaki angestellt hatten. (Wie es im besetzten Deutschland verboten war, über die wahren Mörder der Juden in den Jahren 1933-45 zu sprechen.) Alle auffindbaren Filme, die Aufnahmen der Angriffe zeigten, wurden von den Besatzern beschlagnahmt und vernichtet; der geringste Versuch der "Hibak'sha", der übervegetierenden Opfer, an den Jahrestagen zu friedlichen Demonstrationen auf die Straße zu gehen, wurde blutig nieder geknüppelt - die Amerikaner konnten den stummen Vorwurf, der allein in ihrem Anblick gelegen hätte, nicht ertragen. Ende April 1952 sind die Besatzer abgezogen, im Juni sind die ersten, gut vor ihnen versteckten Filme wieder aufgetaucht, Anfang Juli sind sie in die Kinos gekommen, ab August sind die Bilder in allen Zeitungen zu sehen gewesen, und ein neues Schlagwort macht die Runde: "08/15", denn der Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima war um acht Uhr fünfzehn Ortszeit erfolgt.

Aber Aikichi und seine Kameraden gehen nicht ins Kino, sie lesen auch keine Zeitungen. Offen gestanden können die meisten von ihnen gar nicht richtig lesen, jedenfalls keine anspruchsvolle politische Tages-Zeitung. Es ist bis heute ein großes Tabu in Japan (wie in einigen "fortschrittlichen" westlichen Staaten nicht minder), daß viele Menschen nicht richtig lesen und schreiben können. Der geneigte Leser, der oben die Absätze über die japanische Schrift nicht übersprungen hat, weiß warum. Es ist ja nicht so, daß Japaner so viel klüger als Nicht-Japaner wären, daß sie so ein kompliziertes Schrift-System leichter erlernen könnten - ihnen bereitet es ebenso große Schwierigkeiten, und sie verbringen den größten Teil ihrer Kindergarten- und Schulzeit damit, lesen und schreiben zu lernen. Die amerikanischen Besatzer wollten 1945 das komplizierte sino-japanische Schriftsystem durch das lateinische Alfabet ersetzen; aber die Japaner wehrten sich mit Händen und Füßen dagegen. Warum? Dikigoros weiß es nicht. Die offiziellen Argumente waren sicher nicht stichhaltig, denn das Japanische läßt sich mit "Romaji"-Zeichen mindestens ebenso gut, wenn nicht besser, und jedenfalls leichter darstellen als mit Kanji und Kana. Vielleicht hingen sie einfach nur an ihrem gewohnten Schriftbild? Dikigoros glaubt das nicht. Sein alter Japanisch-Lehrer hat mal angedeutet, daß gebildete Japaner es unerträglich fänden, wenn jeder ungebildete Krethi und Plethi ihre wissenschaftliche und sonstige Literatur so einfach lesen und sich anmaßen könnte, über alles mit zu reden. Das soll nur solchen Leuten vorbehalten bleiben, welche die geistige Anstrengung auf sich nehmen und meistern, das komplizierte sino-japanische Schrift-System zu erlernen.

Wie dem auch sei, Aikichi Kuboyama und seine Kameraden haben die Zeitungen nicht gelesen und wissen von alledem nichts, also haben sie auch keine Ahnung, was das sein könnte, als sie über dem Bikini-Atoll plötzlich einen grellen Blitz aufleuchten sehen. Sicher wieder so ein dämliches Experiment der Langnasen - von dem die natürlich, wie üblich, niemanden vorher in Kenntnis gesetzt haben. Wen scherts... Der "Glückliche Drache" macht kehrt und schippert nach Hause. Als er zwei Wochen später dort ankommt, ist die ganze Besatzung krank; Aikichi stirbt ein paar Monate später als erster; die anderen vegetieren noch ein paar Jahre länger vor sich hin und werden daher in der Statistik der Todesopfer von Bikini offiziell nicht als solche geführt. Na und? Das rührt die Amerikaner alles gar nicht. Wer hat diesen blöden Japsen denn erlaubt, hunderte Seemeilen außerhalb ihrer Hoheitsgewässer unangemeldet auf Thunfischfang zu gehen? Schließlich sind die "Marshall Islands", die zum ehemals deutschen "Ozeanien" gehören, seit 1945 kein japanisches "Schutzgebiet" mehr, sondern amerikanisches! Außerdem sind die Japse eh alle Kriegsverbrecher - geschieht ihnen also nur recht! Doch die Japaner - die nun mal keine Deutschen sind - nehmen dieses "Urteil" nicht an. Ab sofort wird jedes Jahr der Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gedacht, und der Opfer vom Bikini-Atoll. (Die dort eingesetzte Wasserstoff-Bombe war tausendmal stärker als die beiden im Krieg abgeworfenen Plutonium-Bomben; außerdem war sie auf persönlichen Wunsch Präsident Eisenhowers - der immer noch nicht genug auf dem Kerbholz hatte - mit einem speziellen Uran-Mantel umgeben worden - etwas, das man bei den auf Japan abgeworfenen Bomben versäumt hatte -, der die dauerhafte radioaktive Verseuchung des Versuchsgeländes und seiner Umgebung sicher stellen sollte und stellte. Von den blöden Kanaken auf den Inseln rings umher, die erst ihren deutschen, dann ihren japanischen Kolonial-Herren in den Hintern gekrochen waren, ohne jemals einen Aufstand gegen sie anzuzetteln, sollte keiner überleben, denn Zeugen waren nicht erwünscht. Die diesbezüglichen Aktenstücke werden bis in die 1970er Jahre als "top secret" streng unter Verschluß gehalten.)

Aber damit nicht genug. Die Japaner haben wieder schnell gelernt. Diesmal von den Amerikanern, wie man wirkungsvoll Propaganda macht und dabei die Weltöffentlichkeit belügt. Da die Geschichte dieser Lüge und des Geschäfts, das mit ihr gemacht wird, zum einen weniger unerfreulich und zum anderen mit weniger Tabus behaftet ist das schmutzige Shoa-Business mit dem "Holocaust" will Dikigoros sie hier etwas ausführlicher erzählen, damit der geneigte Leser eine kleine Vorstellung bekommt, wie Geschichte heutzutage "gemacht" wird. Ein toter Fischer ist schön und gut, und ein Drache der kein Glück bringt auch. Aber wen schert das schon? Die Japaner blicken aufmerksam über den großen Teich: Dort wird gerade das offensichtlich gefälschte, pardon, "dramatisierte" (Brockhaus) Tagebuch eines "kleinen jüdischen Mädchens" (in Wahrheit war es eine pubertierende Schlampe, die ihre sexuellen Fantasien zu Papier gebracht hatte; der geschäftstüchtige Vater hatte daraus das gemacht, was heute als "Tagebuch der Anne Frank" auf dem Markt ist) mit großem propagandistischem Aufwand vermarktet. Aber woher sollen die Japaner eine Anne Frank nehmen? Brauchen sie nicht, sie haben doch Sadako Sasaki. Sie ist zu einem hübschen, kräftigen Mädchen heran gewachsen, einem hoffnungsvollen Nachwuchstalent der japanischen Leichtathletik. Einige Monate nachdem Aikichi Kuboyama gestorben ist, trainiert sie gerade für die japanischen Jugend-Meisterschaften, da bricht sie auf der Aschenbahn zusammen. Der Arzt diagnostiziert "Leukämie", und der Minister für Öffentlichkeitsarbeit und Propaganda "Spätfolge des Atombomben-Abwurfs auf Hiroshoma". Was nun folgt, will Dikigoros zunächst so beschreiben, wie es die deutschsprachige Öffentlichkeit aus der Feder eines Wiener Deppen erfahren hat, der darüber 1961 einen Bestseller mit dem Titel "Sadako will leben" verfaßt hat.

Sadako kommt ins Krankenhaus und beginnt dort, aus Langeweile, pardon, aus den Verpackungen ihrer Medizin, Papierflieger zu falten, die man in Japan "Kraniche" nennt. Sie hat gehört, daß sie wieder gesund würde, wenn sie davon 1.000 Stück zusammen bekäme. Irgendwann merkt sie, daß das wohl doch nichts hilft, und da besinnt sie sich darauf, statt für die eigene Gesundung für den Frieden in der Welt zu beten. (Ist das nicht nett?) Als Sadako nach dem 644. Papier-Kranich stirbt, beginnen Kinder erst aus ganz Japan, später aus der ganzen Welt, ebenfalls Papier-Kraniche zu falten und für den Weltfrieden zu beten. 1958 wird ihr im Hiroshima Peace Park ein Denkmal errichtet, auf dem sie einen gefalteten Kranich hoch hält. Millionen junger Menschen in aller Welt glauben an dieses hübsche Märchen, falten Papier-Kraniche und schicken sie nach Hiroshima oder pilgern sogar selber hin, um sie dort nieder zu legen, vor der Inschrift: "Dies ist unsere Hoffnung, dies beten wir: daß Friede über die Welt kommen wird." Weltweit nimmt das Falten von Papierfliegern, pardon, die edle Kunst des Origami (wie der geneigte Leser inzwischen weiß, wird das richtig auf der zweiten Silbe betont, nicht auf der dritten) einen ungeahnten Aufschwung, und wer wissen will, was das ist und woher das kommt, dem wird erklärt, daß "ori" falten und "kami" Papier bedeutet und daß die Japaner das aus religiösen Gründen, d.h. beim Beten, schon immer gerne getan haben. Im 12. Jahrhundert gab es dann einen großen Naturforscher namens Yorimoto, der die ersten wissenschaftlichen Forschungen an Zugvögeln vornahm, indem er ihnen Zettel an die Füße band um festzustellen, wohin sie flogen. Einige Kraniche mit solchen Zetteln will man noch Jahrhunderte später gesehen haben, und daraus schloß man, daß ein Kranich 1.000 Jahre lebe. Und das wiederum verdrehte dann im 17. Jahrhundert ein Maler namens Sōtatsu zu der Vorstellung, daß es einem ein langes Leben beschere, wenn man 1.000 Kraniche darstelle - er faltete sie freilich nicht, sondern pinselte sie auf ein 15 Meter langes Kakemono und wurde von zahlreichen Kollegen nachgeahmt. Der Kranich wurde so zum allgemeinen Symbol für Glück, Wohlstand und langes Leben. Und nun eben auch für den Frieden. Wenn Ihr das alles glauben wollt, liebe Leser, dann überspringt bitte die nächsten Absätze, deren Lektüre Euch die Unschuld Eures Glaubens nehmen könnte.

* * * * *

Wo soll Dikigoros nun anfangen, um etwas Licht in diesen dunklen Märchenwald zu bringen, ohne gleich einen Kahlschlag zu veranstalten? Beginnen wir mit Origami. Das bedeutet also "Papier falten", denn es wird ja mit den Zeichen für "Papier" und "beugen" geschrieben. Wohl wahr, liebe Japanologen, aber habt Ihr Euch mal gefragt, warum das für "Papier" gebrauchte Kanji nicht aus einem Laut- und einem Sinnzeichen oder aus zwei Sinnzeichen besteht, sondern - als einziges zusammen gesetztes Kanji überhaupt - aus zwei (nach chinesischer Lesart gleichen) Lautzeichen? Kommt Euch nicht der leise Verdacht, daß da ursprünglich mal ein anderes Zeichen mit gleichem Laut, aber anderem Sinn gestanden haben könnte? Welchen "religiösen" Sinn soll es denn machen, Papierflieger zu falten, wenn man zu den Göttern betet? Nun, die Frage stellen heißt sie beantworten, jedenfalls wenn man Japanisch kann: "Kami" wird eben nicht nur das Papier ausgesprochen, sondern auch die Gottheit (daher, liebe Nicht-Japanologen, "Kamikaze", Götterwind); und wer Papier faltet, der bannt - und beugt mit etwas Glück - vielleicht den Willen der Götter; ähnliche Vorstellungen findet man am Anfang aller menschlicher Religionen, auch wenn Völker, die noch kein Papier kannten, sich mit Statuen aus Holz und Stein oder Höhlen-Malereien auf Felswänden behelfen mußten. Damit die Götter nicht gleich merkten, was man mit ihnen vorhatte, wurde das zweite Zeichen in "Origami" einfach ausgetauscht; auch dieses Versteckspielen mit den Göttern ist durchaus menschlich - glaubte nicht noch in der Bibel jemand, er könnte Jahwe mit seinem Opfer-Schmu täuschen?

Welche Götter sollten aber nun beim Origami gebannt werden? Die des Friedens? Schau'n wir mal. Eine der ältesten japanischen Legenden besagt, daß ein großer Krieger - der, der aus Japan Groß-Japan gemacht hatte, Dai-Yamato - sich bei seinem Tode in einen Kranich verwandelte und davon flog. Im 11. Jahrhundert gruben buddhistische Mönche diese Legende wieder aus; seither wurde es üblich, nach einer siegreichen (!) Schlacht die Namen der eigenen Gefallenen auf Zettelchen zu schreiben, diese Kranichen ans Bein zu binden und sie damit auf die Reise zu schicken. Von da an wurde das Falten von Papier-Kranichen zu einem symbolischen Gebet erst für die Toten eines gewonnen Krieges, dann für einen gewonnen Krieg überhaupt. Denn was anderes ist "Frieden" als die Zeit nach einem gewonnenen Krieg, nach dem man frei von der Bedrohung durch seine Feinde ist (auch im englischen Wort "Freedom" klingt dieser Zusammenhang zwischen Frieden und Freiheit noch an)? Aus einem verlorenen Krieg kann niemals Freiheit, also auch niemals Friede entstehen; und Besatzer können niemals "Befreier" sein. Halt, wird der brave Japanologe da aufschreien, das stimmt doch gar nicht, im Gegenteil: Bedeutet das japanische Wort für Friede - "Ji" in chinesischer, "Osa" in japanischer Lesart - nicht wörtlich genommen: "Frieden-haben-durch-sich-unterdrücken-lassen"? Und ist dieses Zeichen nicht Bestandteil der glorreichen ("erleuchteten") Meiji-Ära von 1868-1912, in der Japan mit westlicher Hilfe so große zivilisatorische Fortschritte gemacht hat? Ja, liebe Japanologen, so habt Ihr es wohl im Studium gelernt, und so steht es ja auch auf Euren (nicht den japanischen!) Webseiten. Ihr habt nur ein paar Kleinigkeiten übersehen dabei. Zum Beispiel, daß die Japaner selber jene Zeit gar nicht als leuchtend empfanden (geschweige denn als "friedlich" - niemals zuvor oder danach haben die Japaner in ihrer neueren Geschichte so viele Kriege geführt, u.a. den Bürgerkrieg von 1877, als die Familie Satsuma vergeblich versuchte, das Shōgunat wieder herzustellen - aber das ist eine andere Geschichte), sondern als demütigende Zeit der erzwungenen Übernahme westlicher "Errungenschaften", von denen sie eigentlich gar nichts wissen wollten: Militär, Schulwesen, Verwaltung und Regierung hätten sie viel lieber so gelassen, wie es vorher war, und daß sie dagegen keinen Widerstand leisteten geschah weniger aus Friedensliebe denn aus Ohnmacht. Deshalb nennen patriotische Japaner diese Zeit heute nicht mehr so gerne "Meiji" (was man übrigens auch mit "in Unterdrückung übernachten" übersetzen kann - und Dikigoros ist geneigt, diese Bedeutung für die richtige oder zumindest diejenige zu halten, welche die meisten Japaner assoziieren, wenn sie das Wort hören oder lesen), sondern eher "Bakumatsu (Ende des Shōgunats)" - wobei sie als Zeichen für "Ende" einen gefällten Baum verwenden. Von jener Zeit wollen die Japaner heute nicht mehr gar so viel wissen, um es vorsichtig auszudrücken. (Und wenn Dikigoros "die Japaner" schreibt, dann meint er damit nicht etwa nur irgendwelche unverbesserlichen Nationalisten und Außenseiter der japanischen Gesellschaft, sondern auch ganz seriöse, anerkannte Institutionen wie z.B. die Universität Nagasaki.)

Aber streiten wir nicht um des Meiji-Kaisers Bart, liebe Leser. Das Wort an der Statue und auf den Fahnen im Hiroshima Peace Park, das dem Gaijin für gewöhnlich auch mit "Frieden" übersetzt wird, ist nämlich gar nicht "Ji", sondern "Heiwa". Der zweite Bestandteil ist leicht erklärt: Es ist das selbe Zeichen, vor das man nur ein "dai (groß)" zu stellen braucht, um Dai-Yamato, Groß-Japan, zu erhalten. ("Wa" ist die chinesische Lesart, "Yamato" die japanische - aber woher soll der arme Gaijin das wissen?) Der erste Bestandteil ist etwas schwieriger zu erklären, da man sich hierzu nicht nur ein wenig in der japanischen Sprache, sondern auch in der japanischen Geschichte auskennen muß, sonst wundert man sich nur, was mit "flacher Friede" oder "flaches Japan" gemeint sein soll. Betet man etwa dafür, daß die Amerikaner hier in Hiroshima irgendwann wieder alles platt machen werden? Warum nicht, wird der tumpe amerikanische Tourist fragen, der die preisgekrönten, aber darob nicht minder dummen Bücher seines Landsmanns John Dower gelesen hat? Schließlich haben ja erst die Atombomben-Abwürfe Japan das Ende des gnadenlosen Krieges und damit den Frieden gebracht, den diese vermeintlich mit offenen Armen aufgenommen haben, und schließlich haben ja auch die "befreiten" Deutschen Straßen nach ihren "Befreiern" Stalin, Churchill und Roosevelt benannt und ihnen Denkmäler errichtet - warum sollten nicht auch die Japaner ein bißchen masochistisch sein? Aber das ist wie gesagt nur die Version für ausländische Touristen. Tatsächlich bedeutet "Hei" nur vordergründig "flach". Es ist das Zeichen aus "Heian"; das war die Epoche vom späten 8. bis zum späten 12. Jahrhundert, als sich die Japaner zum ersten Mal in ihrer Geschichte von der Oberherrschaft ihrer ausländischen Feinde (damals waren das die Chinesen und Koreaner) befreien konnten und die vollständige Souveränität erlangten.

Ahnt der Gaijin-Leser allmählich, was ihm da als "Frieden" verkauft wird, wofür die Japaner tatsächlich beten? Nein? Dann muß Dikigoros wohl noch etwas mehr in die Tiefe gehen. (Nicht-Japanologen dürfen auch diesen Absatz überspringen; die etymologischen Feinheiten des Japanischen sind nur etwas für Fach-Idioten.) In Euren Lehr- und Wörter-Büchern werdet Ihr, liebe westliche Japanologen, "Tsuru", den Kranich, womöglich gar nicht finden, denn er wird - wiederum eine einmalige Ausnahme, ähnlich wie bei Origami - nicht nur mit zwei Zeichen geschrieben, die das gleiche bedeuten (Vogel + Vogel), sondern er wird anders ausgesprochen als jede Lesart, die eines dieser Zeichen hat. Gibt es nicht? Doch, aber eben nur in diesem einen Fall. Im Kanji "Tsuru" stecken die Zeichen für "Hayabusa", was westliche Lehrbücher mit "kleiner Vogel" übersetzen, und "Tori" - das ist der Vogel, der eine (Vulkan-)Insel bewohnt. (Ersterer hat noch ein Dach über dem Kopf, doch das muß uns hier nicht interessieren.) Nun hat jedoch - was freilich nur Motorrad-Liebhabern bekannt sein dürfte - die Firma Suzuki den kleinen, aber starken Feuerstuhl, mit dem sie den Markt erobert hat, nicht umsonst genauso genannt, nämlich "Hayabusa"; und das übersetzt sie ins Englische mit "Falcon (Falke)". Das klingt schon etwas weniger harmlos als "kleiner Vogel", denn der Falke ist bekanntlich ein Raubtier; aber die ganze Wahrheit ist das noch immer nicht. Der "Tsuru" ist vielmehr für die Japaner so etwas wie der "Fönix" für die alten Griechen war, nämlich der Vogel, der nach seinem Tode aus der Asche wieder geboren wird. (Deshalb erinnert das Symbol der Japan Airlines viele westliche Betrachter auch eher an einen Fönix als an einen Kranich - die Ähnlichkeit mit dem Symbol der griechischen Revolution von 1973 ist verblüffend.) Im übertragenen Sinne ist damit natürlich der Mensch gemeint, der Krieger, der in der Schlacht gefallen ist und wieder aufersteht. Im Japanischen sieht man das noch sehr schön: Das Kanji "Hayabusa" setzt sich zusammen aus dem Zeichen für Mensch und dem Zeichen für Boden, Erde ("tsuchi") - und nun wissen wir endlich, woher die Aussprache der ersten Silbe des Kranichs kommt. Und die zweite? Dikigoros weiß es nicht; aber wenn er es heraus bekommt, wird er es nachtragen. Vorläufig will er den Bogen seiner Interpretation nicht überspannen; deshalb erwähnt er nur am Rande, daß die chinesische Lesart von tsuchi "bai" lautet, was u.a. in den Wörtern für Entschädigung, Schadensersatz, Reparation, Wiedergutmachtung und Vergeltung vorkommt - aber das kann Zufall sein.

Noch etwas Historie gefällig? Die Hauptstadt Japans im Mittelalter war Kamakura. Sie wurde in den Bürgerkriegen des 14., 15. und 16. Jahrhunderts wiederholt nieder gebrannt und ist heute nur noch als Touristen-Attraktion von Bedeutung. Denn zwei Monumente haben die Japaner unverdrossen immer wieder aus der Asche ihrer alten Hauptstadt neu aufsteigen lassen: Den Daibutsu (die große Statue Buddhas) und den Tsuru-gaoka Hachiman-gū, den Tempel des Kranichs, ihren wichtigsten Kriegstempel, mit dem Schrein ihres Kriegsgottes Hachiman ("Siebenbanner"), dem in Japan über 40.000 Tempel geweiht sind, sowohl shintoïstische als auch buddhistische, zum täglichen Gebet. Jeweils in der zweiten April- und Oktober-Woche wird dort das Kamakura Matsuri gefeiert, das unbedarfte Naturen mit "Kirschblüten-Fest" übersetzen, da zum Tempel des Kranichs eine Sakura-Allee führt. Aber wie paßt nur der "Baum des Friedens" zum Tempel des Kriegsgottes? Dikigoros schaut sich das Kanji noch einmal genau an: Was da dem tumpen Gaijin mit "Friedensbaum" übersetzt wird (schon wieder ein anderes Wort für "Frieden" - hätte man da nicht gleich mißtrauisch werden müssen?) ist buchstäblich ein Baum, an dem ein weibliches Wesen seine Krallen wetzt - etwa die katzenäugige Kriegsgöttin? Halt, werden da wieder die braven Japanologen rufen, was schreibt der denn da? Es gibt doch gar keine japanische Kriegsgöttin (der Kriegsgott ist Hachiman, das hat Dikigoros doch gerade erst selber geschrieben!), geschweige denn eine katzenäugige! Neko, die Katze, ist ein gutes Tier; allenfalls Neko-mata, der Katzen-Dämon, ist böse, aber darob noch lange keine Kriegs-Göttin. Vielmehr ist das Maneki-neko, das Porzellan-Kätzchen, der Japaner liebstes Nippes-Figürchen, wie es da so aufrecht sitzt und die Pfote hebt - doch bestimmt nicht, um zu kratzen oder um die Krallen zu wetzen, sondern um dem ausländischen Besucher, dem man es zum Abschied schenkt, auf Wiedersehen zu winken...

Ja, da habt Ihr wohl Recht, liebe Japanologen, jedenfalls auf den ersten Blick. Aber werfen wir mal nacheinander einen zweiten, dritten und vierten Blick darauf: Gewiß, der Kriegsgott ist Hachiman, und der ist männlich. Aber so wie früher jeder anständige Staat neben einem Kriegsministerium für den Landkrieg auch ein Marineministerium für den Seekrieg hatte, so hat auch die japanische Mythologie neben einem Tempel für den Landkriegsgott auch einen Tempel für den Seekriegsgott. Die Japaner wissen das sehr wohl zu unterscheiden, und sie müssen glauben, daß sie letzterem einiges schuldig geblieben sind; denn den Zweiten Weltkrieg haben sie nicht zu Lande verloren - als sie im August 1945 kapitulierten, standen ihre Heere im Felde unbesiegt in der Mandschurei, China, Indochina, Hinterindien, Thailand, Malaysia und Insulinde -, sondern zur See, im Pazifik, bei den Midways, den Salomonen, den Marianen und im Leyte-Golf. Der Haupt-Tempel des Seekriegsgottes steht in Settsu, einem Vorort von Ōsaka, und wird Suminoe oder Sumiyoshi genannt, wie uns der zweite Blick lehrt.

Aber was soll das alles mit einer katzenäugigen Kriegsgöttin zu tun haben? Nur Geduld, liebe Leser, nur Geduld. Dritter Blick auf den Neko-mata. Nein, damit kann auch Dikigoros nichts anfangen, und darauf will er auch nicht hinaus, denn das Dämonische dieser Gestalt liegt nicht in den Krallen, sondern im Schwanz (deshalb züchten die Japaner übrigens nur schwanzlose Katzen :-). Vierter Blick auf das Maneki-neko. Nein, nicht auf den billigen Ramsch aus den Massenproduktions-Fabriken in Rotchina für den Export, sondern auf die echten, teuren, von Hand gefertigten Porzellan-Figuren, die für den Japaner den Status von Devotionalien haben und "Hattatsu-neko (48er Katzen)" genannt werden.

Wo kommen die eigentlich her? Dikigoros will es dem geneigten Leser verraten: Sie werden im Sumiyoshi-taisha, dem Schrein des Seekriegsgottes, hergestellt, nur eine geringe Anzahl pro Monat, und wenn man vier Jahre lang jeden Monat eine, also insgesamt 48, gesammelt hat (eine japanische Marine-Kompanie besteht aus drei Zügen à 48 Mann), hat man bei der Gottheit einen Wunsch frei. Hat immer noch jemand Zweifel, wie dieser fromme Wunsch lautet und was die Japaner unter "Frieden" verstehen? Es ist die Zeit nach dem vorigen Krieg, in der man seine Krallen wetzt, d.h. seine Waffen schärft in Vorbereitung auf den nächsten. Und folgerichtig gilt als Höhepunkt des "Kamakura Matsuri" auch eine Sportveranstaltung mit dem schönen Namen Yabusame: Bogenschießen vom Pferd in vollem Galopp auf bewegliche Ziele. Und das Falten der "Kette der tausend Kraniche", die auf den jährlichen Feiern zur Einnerung an Hiroshima und zur Ächtung des Atomkriegs dem jeweils tapfersten Friedens-Kämpfer verliehen wird, drückt, ebenso wie das Sammeln der Hattatsu-neko, nicht mehr und nicht weniger aus als den stummen Wunsch der Japaner, ihre ruhmreichen Krieger mögen sich wie Fönix aus der Asche erheben, ihre Feinde vernichten und ihrem Vaterland Frieden bringen und Freiheit von Einflüssen, die von jenseits des Ozeans kommen, vor allem von jenseits des "pazifischen" Ozeans. (Selbst in der Meiji-Ära hatten die Japaner zwar einiges von den Briten, den Deutschen und den Franzosen übernommen, aber demonstrativ so gut wie nichts von den Amerikanern.) Inwieweit sich die heutigen Japaner über die Illusion dieses ihres Wunsches im Klaren sind, weiß Dikigoros nicht - über so etwas sprechen sie nicht mit einem Gaijin, schon gar nicht mit so einem verdächtigen Subjekt, das ihre ureigenste Sprache und ihre ureigensten Gedanken zu verstehen sich erdreistet. Also möge auch der geneigte Leser all das tunlichst nicht hinterfragen, wenn er selber mal nach Japan kommen sollte - kein anständiger Japaner wird es ihm verraten, geschweige denn ihm bestätigen, was Dikigoros hier geschrieben hat. Der "Hiroshima Peace Park" ist ja eigens geschaffen worden, um den Ausländern Sand in die Augen zu streuen; und so dürfen sie denn auch hin reisen und sich an dem Schauspiel der japanischen Schulkinder erfreuen, die dort für den "Frieden" beten, den sie meinen.

Die erwachsenen Japaner gehen anderswo beten. Ihrem Sixtus von Berg und den anderen "Kriegsverbrechern" haben sie eine ganz spezielle Gedenkstätte eingerichtet, denn die betrachten sie als Martyrer, die lediglich ihre Pflicht getan haben und dafür der Lynch-Justiz der alliierten Besatzer zum Opfer gefallen sind. (Obwohl das amerikanische Besatzungs-Regiment unter dem einsichtigen General MacArthur in Japan wesentlich weniger schlimm war als das des Massen-Mörders Eisenhower in Deutschland. MacArthur war - ähnlich wie Lee oder Patton - seinen eigenen Soldaten kein besonders guter Vorgesetzter; aber er war seinen Feinden stets ein fairer Gegner; vielleicht schließt das eine das andere aus.) Heute pilgern jedes Jahr Millionen Japaner, allen voran sämtliche Regierungs-Mitglieder, zu ihren Gräbern am Schrein von Yasukuni - dem höchsten Heiligtum Japans -, um ihnen, die inzwischen in den Rang shintoïstischer Götter aufgestiegen sind, ihre Reverenz zu erweisen. (Die Gedenkstätte für Admiral Yamamoto befindet sich im Ausstellungsraum Nr. 6.) Und was Dikigoros hier referiert hat, ist nur ein Bruchteil der Ansichten seines Japanisch-Lehrers, der die Meinung vertritt, daß die Japaner eigentlich einen legitimen Anspruch auf ganz Amerika hätten - schließlich haben die Europäer diesen Kontinent einst völkerrechtswidrig ihren indianischen Verwandten geraubt und sich dabei des schlimmsten Völkermordes der Neuzeit schuldig gemacht, dem Holocaust an eben diesen Ureinwohnern. Dikigoros läßt das hier ohne Kommentar stehen; wie er selber darüber denkt, schreibt er an anderer Stelle. Und wenn der geneigte Leser ihm die wahre Geschichte des Sixtus von Berg und dem Kind der Bestimmung nicht glauben will (oder "nicht abkaufen", wie sein Fan "Kubo" zu schreiben pflegt, wenn es ihn mal wieder zu viel Überwindung "kostet", sein Gehirn einzuschalten), weil er die noch nirgendwo anders so gelesen hat, dann ist es auch nicht schlimm. Vielleicht ist es sogar gut so, denn der Mensch soll ja an den Frieden glauben; und die Wahrheit ist für sein Überleben oft weniger wert als der Schein. (Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1. Hauptstück; Dikigoros will das hier nicht ausführlicher zitieren.) Als der große Krieger Ernst von Salomon, der als Jüngling den Satz nieder geschrieben und geglaubt hatte, "daß wir den Krieg verlieren mußten, um die Nation zu gewinnen", als Greis "Die Kette der tausend Kraniche" verfaßte (übrigens ein sehr liebenswertes, mit viel hintergründigem Humor geschriebenes Buch, dessen Lektüre Dikigoros allen Menschen, die guten Willens sind, nur wärmstens empfehlen kann), wollte er jedenfalls an den schönen Schein glauben, und dank dieses Glaubens ist er wohl auch im Frieden mit sich und der Welt gestorben - was nach seinem bewegten Leben etwas heißen will. Auch wenn das eine so wenig wahr war wie das andere: Für ihn und sein Seelenheil war es wenn nicht die Wahrheit, so doch immerhin mehr als bloßer Selbstbetrug; er hätte es vielleicht "ein Mißverständnis, das produktiv wird" genannt, ein Psychologe von heute "a self-fulfilling prophecy".

A propos Mißverständnis: Da Dikigoros oben so viel von japanischen Gebeten und Feiern geschrieben hat, will er an dieser Stelle noch die offizielle Lesart nachtragen, welche die Japanern selber von ihren Feiertagen verbreiten, seit sie anno 1948 eine neue, gut-demokratische Verfassung aufgezwungen bekamen: Die Besuche in den Helden-Schreinen haben danach überhaupt nichts mit irgend einem "Heldengedenktag" o.ä. zu tun, sondern es ist ein schlichter Neujahrsbrauch, bei dem Raketen in die Luft geschossen werden, etwa so wie im Westen beim Silvester-Feuerwerk. Und besuchen nicht auch die Christen (besonders die Orthodoxen) am 6. Januar die Krippen mit den "Heiligen Drei Königen"? Na also. Es feiert auch niemand mehr den Geburtstag des im Westen zunehmend als "Kriegsverbrecher" geächteten Hirohito (nur den Geburtstag des jeweils regierenden Kaisers, aber das ist ja ganz normal); der 29. April, auf den er rein zufällig fällt (Zufälle fallen immer doppelt gemoppelt, deshalb ist auch der 3. November nicht etwa der Gedenktag für den Meiji-Kaiser, der die Kriege gegen China und Rußland gewann, sondern der "Tag der Kultur" :-) ist vielmehr der Tag des Umweltschutzes, den die Japaner bekanntlich sehr wichtig nehmen, so wichtig, daß sie ihn gleich eine ganze Woche lang feiern. [Nachtrag April 2007: Ab sofort haben die Japaner dieses alberne Versteckspiel aufgegeben und den 29. April wieder in "Shōwa-Tag" umbenannt - Shōwa ist der "Epochenname" Hirohitos.] Längst ist auch der 5. Mai kein "Tag des Knaben" mehr, der den künftigen Soldaten Japans gewidmet ist, sondern nur noch ein "Tag des Kindes", an dem auch Mädchen eine Karpfen-Fahne bekommen.

(Dabei hatten die eigentlich einen eigenen Feiertag, den 3. März, aber da wird jetzt das "Puppenfest" gefeiert - das selbstredend überhaupt nichts mit den unerwünschten Töchtern zu tun hat, die man im Kindbett tötete und deren Seelen man auf kleinen Papierbötchen die Flüsse hinunter treiben ließ, damit sie nicht als böse Geister das ElternHaus ihrer Mörder heim suchten. Schockiert, liebe westliche Leser[rinnen]? Dann faßt Euch mal an die eigene Nase und denkt daran, daß Ihr nicht nur Töchter, sondern auch Söhne "abtreibt" und Euch anschließend nicht mal die Mühe macht, ihren Seelen ein Papierbötchen zu falten!) Und die Sache mit dem Kamakura-matsuri hat Dikigoros völlig mißverstanden: Das echte Kirschblütenfest" findet am 21. März statt und ist - wie das westliche Gegenstück - eine schlichte Feier des Frühlingsanfangs, so wie am 23. September nicht etwa das alte Bärenfest der Ainu gefeiert wird, sondern schlicht der Herbstanfang. (Es gibt ja eh kaum noch Bären, die man wie früher schlachten und auffressen könnte, und die Ainu werden auch bald aussterben :-) Und, um auf das Thema dieser "Reise durch die Vergangenheit" zurück zu kommen: Selbstverständlich ist es reiner Zufall, wenn O-bon, das buddhistische Totengedenken, am 6.-9. August gefeiert wird (bis 1945 wurde er ca. eine Woche später gefeiert, der Zeitpunkt war - und ist noch immer - flexibel, wie der vieler christlicher Feiertage auch), den Tagen der Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Die japanische Regierung ist sogar so korrekt, daß sie diese nicht als offizielle Feiertage anerkennt: Theoretisch sind alle Behörden und sonstige staatliche Einrichtungen geöffnet - es geht bloß niemand hin. Aber dafür haben die Japaner inzwischen einen ganz neuen Feiertag geschaffen: den 20. Juli. Nun, liebe Leser, wenn Ihr so lange auf dieser Seite ausgeharrt und mitgelesen habt, dann werdet Ihr doch sicher erraten, wem oder was der gewidmet ist - oder? Richtig: dem Frieden, den das Meer bringt! Noch Fragen?

[Japan Wappen]

November 1963. In Vietnam ist seit neun Jahren Friede. Ein fauler Friede, wie viele meinen - und sie mögen wohl Recht haben; aber es fällt Dikigoros (der nach dem bisher letzten großen Krieg geboren und sich bewußt ist, welch seltenes Glück das für ihn und seine Generation ist) schwer, diejenigen moralisch zu verurteilen, die einen faulen Frieden einem fleißigen Krieg vorziehen, besonders, wenn sie mehrere Jahre von letzterem mit gemacht haben. Das Land ist geteilt, in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden; in ersterem herrscht Friedhofsruhe, in letzterem verübt die kommunistische Guerilla mit unschöner Regelmäßigkeit Terror-Anschläge. (Nguyen Hu Tho - der sich zwischenzeitlich als Advocat in Saigon nieder gelassen hat - hat sie unter dem Namen "Front National de Libération [Nationale Befreiungs-Front]" gegründet, um auch Süd-Vietnam die "Freiheit" des Kommunismus zu bringen.) Dadurch ist das tägliche Leben nicht gerade ungefährlich; aber die Süd-Vietnamesen haben ja ihren tüchtigen Staatschef Ngo Dinh Diem, der den korrupten und unfähigen Kaiser Nguyen Bao Dai in Pension geschickt hat und diese Terroristen unerbittlich nieder hält, um wenigstens seinen Annamiten und Cochin-Chinesen ein Leben in relativem Frieden und in relativer Freiheit zu ermöglichen. Ja, liebe Leser, Dikigoros weiß, daß dieser große Mann - Vietnams größter Politiker im 20. Jahrhundert - eine schlechte Presse hatte; aber er ist ziemlich sicher, daß ihm eines Tages der verdiente Platz unter den Martyrern der Geschichte eingeräumt werden wird. (Rehabilitiert ist er unter seriösen Historikern längst - sogar die Vietnamesen haben ihn, nachdem die Archive 1992 geöffnet wurden, als "braven Patrioten" wieder entdeckt; nur ein paar unverbesserliche westliche Dummschwätzer plappern noch die alten, verleumderischen Sprüche der Greuel-Propaganda von damals nach.) Gewiß, er war ein (katholischer) Christ, und er hat "die Buddhisten" verfolgt - aber was hat sich nicht alles unter diesem Namen getummelt! Nein, Dikigoros will nicht darauf hinaus, daß fast alles, was sich außerhalb Indiens diesen Namen angemaßt hat, diesen nicht verdient (einschließlich derer, die sich heute in Indien auf den Buddh berufen - darüber schreibt er an anderer Stelle); das ist lediglich seine Privatmeinung, über die man trefflich streiten kann. Aber völlig unstreitig ist, daß die so genannten "Buddhisten", die in den fünfziger und sechziger Jahren gegen Diem Opposition machten, nichts weiter waren als kommunistische Banditen, die allesamt an die Wand gestellt gehörten, so sie sich nicht dankenswerter Weise selber verbrannten. Diem dagegen ist der treueste Verbündete der USA in Südostasien (und dabei kein Kollaborateur oder Quisling, sondern ein echter Patriot - was wohl noch nie so schwierig gewesen ist in der vietnamesischen Geschichte wie damals), und wahrscheinlich der einzige echte Freund, den sie dort überhaupt noch haben, wenn man William Lederer und Eugene Burdick glauben darf, deren Buch "The Ugly American [Der häßliche Amerikaner]" vor ein paar Jahren auf dem Markt gekommen ist. (Es handelt übrigens ausschließlich vom negativen Bild, pardon Image der Amerikaner in Südostasien, was die wenigsten wissen, da die meisten das Buch nie gelesen haben und den griffigen Titel als Schlagwort rasch verallgemeinerten.)

Der einzige, der das nicht wahr haben will, ist der (katholische) US-Präsident John F. Kennedy, den das amerikanische Wahlvolk nach dem Abtritt des Verbrechers Eisenhower in einem erneuten Anfall geistiger Umnachtung in ihr höchstes Staatsamt gewählt haben. (Er erschien der Mehrheit der Amerikanerinnen much more sexy als sein Gegen-Kandidat, der bullig-biedere - und oft nicht so gut rasierte - Rechtsanwalt Nixon.) Dikigoros strapaziert den Begriff ungern; aber er kommt nicht umhin festzustellen, daß auch jener Kennedy zu den größten Verbrechern des 20. Jahrhunderts zählt; in den USA kommt er gleich nach Eisenhower und den beiden Roosevelts; und auch weltweit dürfte es locker für die "Top Ten" reichen. (Womit nicht gesagt sein soll, daß Nixon etwa besser gewesen wäre - das Gegenteil sollte er später hinreichend unter Beweis stellen.) Kennedy - der es chic findet, [links-]"liberal" und "sozial" zu sein - mag Diem nicht: der ist ihm zu "rechts" und zu "intolerant". Was tut man gegen solche Leute, wenn sie sich nicht abwählen lassen? Man bringt sie um die Ecke! So sieht das jedenfalls Kennedy - er läßt Diem eiskalt ermorden (wie schon ein Jahr zuvor die Schauspielerin Norma Jean Baker alias "Marilyn Monroe" - sein geistiger Enkel Bill Clinton wird knapp vier Jahrzehnte später diesen Mut nicht mehr haben, als sein ehebrecherisches Verhältnis mit der Praktikantin Monica Lewinsky publik wird), aus "Staatsraison", die in Wahrheit Staats-Unraison ist. Ein paar vernünftige Leute in den USA merken das auch (Dikigoros vermutet sie bei der CIA, ist sich aber nicht 100%ig sicher), und sie ziehen die einzig richtige Konsequenz: Sie schlachten das Schwein Kennedy, bevor es noch mehr Schaden anrichten kann - und diesmal ist es das richtige Schwein, das auch schon die Schweinerei mit den armen Schweinen (kubanischen Exilanten) in der Schweine-Bucht auf dem Kerbholz hat, die es erst dort hin gehetzt und dann im Stich gelassen hat. (Ein offizielles Gerichts-Verfahren gegen Kennedy wegen Mordes und Hochverrats mit anschließender Hinrichtung war leider aus formal-juristischen Gründen nicht möglich, obwohl es allemal gerechtfertigt und die Todesstrafe hoch verdient gewesen wäre.) Nur eines kann ihre mutige, patriotische Tat nicht mehr verhindern: Der ruchlose Mord Kennedy's am treuen Diem wird geradewegs in einen neuen Indochina-Krieg führen, den man zwar zur Unterscheidung von letzterem "Vietnam-Krieg" nennen wird, der aber bald auch auf die Nachbarländer Laos und Kambodiyā (Ihr gestattet doch, liebe Leser, daß Dikigoros dieses Land so schreibt, wie die Inder es tun, die ihm einst ihre Kultur gebracht haben, nicht "Kâmpuchea" o.ä.? Er schreibt ja auch "Barmā", und nicht "Burma", "Birma" oder "Myanmar") übergreifen wird (man sollte ihn daher besser nach seinem Urheber "Kennedy-Krieg" nennen), mit einer de-facto-Niederlage der USA enden und ganz Indochina unter das kommunistische Joch zwingen wird (unter dem es - allen Beteuerungen des Gegenteils zum Trotz - bis heute ächzt). Ho Chi Minh wird das nicht mehr mit erleben (er wird acht Jahre nach Diem sterben); aber Diems Nachfolger Nguyen Van Thieu wird die Niederlage überleben (man könnte auch sagen: die Nord-Vietnamesen lassen ihn entkommen) und ins amerikanische Exil gehen.

[Wappen Vietnam] [Wappen Laos] [Wappen Kambodiyas]

Dikigoros war noch nicht alt genug, um die Hinrichtung Kennedys und die Folgen seiner Verbrechen bewußt mit zu erleben. (Die Wahrheit sollte ohnehin erst Jahrzehnte später heraus kommen - und bis Deutschland hat sie sich ja heute noch nicht ganz herum gesprochen.) Er erinnert sich nur noch, wie seine Mutter damals geweint hat, als sie aus den Fernseh-Nachrichten davon erfuhr; denn die willfährigen Massenmedien hatten es verstanden, jenem Verbrecher einen falschen Heiligenschein aufzusetzen, der in den Augen des geblendeten Normalverbrauchers all seine Verbrechen hell überstrahlte. Mit ihm begann das Zeitalter des unkritischen, manipulierten Fernseh-Konsumenten. Dikigoros hat damals ganz andere Sorgen; er kämpft mit der Schule, vor allem mit dem Erdkunde-Unterricht. Da gibt es zwei Länder (und vier Staaten), die er ständig verwechselt. Er weiß nur, daß beide irgendwo weit weg in Ost-Asien liegen, daß es in beiden noch länger Krieg gegeben hat als in Europa, daß beide geteilt sind, wie Deutschland, und daß in beiden auf der einen Seite russische, auf der anderen amerikanische Besatzungs-Rruppen stehen, auch wie in Deutschland. Pardon, es muß natürlich heißen: auf der einen Seite russische Besatzungs-Truppen, auf der anderen amerikanische Beschützungs-Truppen, so viel hat er gerade noch gelernt. Im übrigen geht es ihm wie Obelix in der Zeichentrick-Geschichte "Asterix und die Goten", der nicht begreift, wieso die West-Goten im Osten (von Gallien) liegen sollen: Wieso sollte Süd-Vietnam nördlich von Nord-Korea liegen? Oder vielmehr Süd-Korea nördlich von Nord-Vietnam? Das soll sich einer merken! Und Amerika, das ist für ihn das Land der bösen Trapper und Cowboys und der edlen Indianer, so wie Carl May es in seinen Winnetou-Büchern beschrieben hat (ohne selber dort gewesen zu sein - aber das ist eine andere Geschichte). Noch etwas verwechselt Dikigoros beharrlich: den "atlantischen" und den "pazifischen" Ozean. Beide sind für ihn gleich irreal: Als jemand, der an der Nordsee geboren ist, glaubt er nicht, daß ein Meer jemals "friedlich" oder gar "still" sein kann, und das alberne Märchen von einem ganzen Kontinent ("Atlantis"), der im Meer versunken sein soll, glaubt er schon gar nicht: Wenn er bei Flut mal überspült worden wäre, hätte er doch bei Ebbe wieder auftauchen müssen, oder? (Selbst seine Geburtsstadt ist nach der großen Flutkatastrofe von 1962 wieder aufgetaucht.) Woher wollte dieser blöde Grieche, der das Märchen erfunden hatte, und der als Mittelmeer-Anrainer gar nicht wußte, was ein richtiger Gezeiten-Wechsel ist, das erfahren haben? Der war doch selber gar nicht dabei gewesen beim angeblichen Untergang, oder? [Nachtrag auf Leseranfragen: Was Dikigoros heute von der Atlantis-Geschichte hält, schreibt er hier.]

Ende 1968. Dikigoros geht noch immer zur Schule. "Welche wichtigen Ereignisse dieses Jahres werden wohl in künftigen Geschichtsbüchern festgehalten werden?" fragt seine Klassenlehrerin, Frau Dr. von und zu B., in die Runde. Sein Nachbar Uwe meldet sich: "Das Scheitern der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft." Die Oberstudienrätin schlägt - in völliger Verkennung der Tatsachen - die Hände über dem Kopf zusammen und sammelt weitere Antworten. Als Dikigoros sagt: "Der Einmarsch der Sowjets in die Tschecho-Slowakei zur Zerschlagung des Prager Frühlings" ist sie zufrieden. (Endlich mal, denn sie ist auch seine Geografie-Lehrerin, d.h. diejenige, bei der er immer wieder unangenehm auffällt, weil er all die Ost- und West-, Nord- und Süd-Staaten nicht auseinander halten kann.) "Und wozu wird das führen?" fragt sie weiter. Da es niemand zu sagen weiß, gibt sie selber die Antwort: "Zur völligen Diskreditierung des Kommunismus auf der ganzen Welt." Ha ha. Eine dumme Gans unterrichtet dumme Jungen, und man könnte meinen, sie hätte noch nie aus dem Fenster geschaut: Da ziehen Schüler (auch von ihrer Schule - sie schwänzen einfach, und niemand hindert sie, es ist die Zeit der "anti-autoritären Erziehung") und Studenten durch die Straßen, mit langen Haaren und Bärten und Plakaten mit Aufschriften wie "Ami go home", "Freiheit für Vietnam" und "Amis raus aus Indochina", demonstrieren, randalieren und skandieren: "Ho, Ho, Ho Chi Minh". Vom kommunistischen "Aufstand der 68er" - so wird man diese Dumme-Jungen-Streiche später nennen - hat die alte Ostpreußin offenbar nichts mit bekommen, und wohl ebenso wenig vom Vietnam-Krieg. Dikigoros auch nicht. Er weiß nicht, wer dieser "Ho" ist und was ihn das alles angehen sollte. Die Amis? In einer Illustrierten hat er gelesen, daß bei denen jetzt ein Cowboy aus Texas regiert, der nach dem Ableben des Vizepräsidenten erst Vizepräsident und dann, nach dem Ableben des Präsidenten, selber Präsident geworden ist. Und Vietnam? War das nicht eines dieser beiden unmöglichen Länder? Ist da immer noch Krieg oder schon wieder? Müßige Fragen. Da scheint es doch näher zu liegen, sich dem Fußballspiel zu widmen, damit Deutschland nicht wieder so eine Blamage erleidet wie bei der diesjährigen Fußball-EM... Aber Frau Oberstudienrätin ist nicht nur politisch blind; sie will auch nicht wahr haben, daß bald die Zeit kommen wird, da die meisten Profi-Fußballer mit einem gut dotierten Vertrag in ein paar Jahren mehr Geld verdienen werden als die meisten Schüler mit einem guten Abitur im ganzen Leben. So richtet sie an die Eltern ihrer Schüler einen mahnenden Brief: "Sehr geehrte Eltern, wie die Schulleitung feststellen mußte, treffen sich Schüler dieser Unterrichtsanstalt Mittwoch morgens um 8 Uhr regelmäßig zum Fußballspielen, statt den Schulgottesdienst zu besuchen. Wir weisen darauf hin..." Den Rest hat Dikigoros vergessen; er fühlt sich eh nicht angesprochen, denn erstens geht er regelmäßig zur Schulmesse, und zweitens spielt er nicht Fußball, sondern Basketball.

Das mit der "Balltreterei" sieht sein Chemie-Lehrer, Oberstudienrat Dr. Jolo, genauso wie seine Kollegin - obwohl er von der sonst nicht allzu viel hält: "Wißt Ihr, meine Lieben," pflegt er zu sagen (er liebt seine Schüler sehr, so sehr, daß er bisweilen in den gefährlichen Verdacht gerät, homosexuell zu sein, was damals noch als schweres Verbrechen gilt - jedenfalls wenn Minderjährige beteiligt sind - und allemal als Grund, aus dem Schuldienst entlassen zu werden), "Frau von B. hat ja keine Ahnung vom Leben, die hat ja selbst während des Krieges auf ihrem Rittergut gesessen und Pferde gezüchtet..." Er selber dagegen war im Dritten Reich ein ganz hochkarätiger Chemiker, mit der Entwicklung von Kampf-Gasen befaßt; und als alter Nazi (woraus er keinen Hehl macht - das ist damals noch kein Grund zur Entlassung aus dem Schuldienst, auch nicht, daß er seinen Schülern auf offener Straße ganz ungeniert den deutschen Gruß entbot. Dagegen wird einem heutzutage in der BRDDR bekanntlich schon der Prozeß gemacht, wenn man einen Hund hat, der gelegentlich die rechte Pfote hebt oder einen Gartenzwerg, der mit der rechten Hand winke-winke macht) ist er felsenfest überzeugt, daß Deutschland den Krieg nicht verloren hätte, wenn es die Segnungen der Chemie auch eingesetzt hätte. Die Amerikaner, ja, die haben inzwischen eingesehen, welch wertvolle Arbeit da geleistet worden ist; und wenn er nicht inzwischen zu alt wäre, würde er glatt in die USA auswandern (wie so viele seiner Kollegen anno 1945), um sie im Krieg gegen den gottlosen Kommunismus in Vietnam zu unterstützen: Da setzen sie jetzt einen chemischen Kampfstoff mit dem Namen "Agent Orange" ein - der entlaubt den Urwald, dann kann man den Feind besser sehen und vernichten... Er hat Vietnam und "die Vietnamesen" gefressen, denn sein eigener Neffe ist dort geblieben (und eigene Söhne hat er nicht, nur eine Tochter). Walter hatte das Pech, in französische Kriegsgefangenschaft zu geraten. Da er bei der Waffen-SS war (zwar nur als niederer Dienstgrad, aber mit gefangen - mit gehangen) lautete die Alternative, vor die man ihn und andere junge Deutsche in seiner Lage stellte: Schauprozeß und Verurteilung als "Kriegsverbrecher", oder "freillige" Meldung zur Fremdenlegion und ab nach Vietnam. Bei Diên Biên Phú hat es ihn dann erwischt, just am selben Tag, an dem die Amerikaner die Atombombe über dem Bikini-Atoll zündeten, und sein Onkel nimmt das nicht so sehr den Franzosen übel als den Vietnamesen, die sich den Segnungen der westlichen Zivilisation zu widersetzen gewagt haben und das noch immer tun. (So wie Dikigoros' Vater seine schwere Kriegsverwundung nicht den Engländern übel nimmt, die sie ihm zugefügt haben, sondern "den italienischen Verrätern", in deren Land ihm das zugestoßen ist.) Daß von seinen Schülern wohl niemand das Zeug zum Kampfstoff-Chemiker hat, sieht Dr. Jolo freilich ganz nüchtern; das ist halt eine andere Generation - dafür hat die "re-education" der alliierten Besatzer (das sind die, die man heute "alliierte Befreier" nennt, Anm. Dikigoros) schon gesorgt, daß aus denen nichts wird...

Exkurs. Dr. Jolo - der ja nicht mehr der Jüngste war und außerdem schwerkriegsversehrt, wie viele von Dikigoros' Lehrern - ist früh gestorben; und im Rückblick bedauert Dikigoros, daß er ihn nie gefragt hat, was er von den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki hielt - nicht unter dem Gesichtspunkt der Moral, der für ihn im Krieg keine Rolle spielte, sondern unter dem des militärischen Nutzens. Er erinnert sich an einige Sätze von ihm, die beim ersten Hören erschreckend cynisch klangen und die man in keinem Geschichtsbuch und selbst in keiner offiziellen Anleitung zur Kriegsführung wieder findet - dennoch scheinen sie ihm schlüssig zu sein: "Weißt Du, mein Lieber, im Krieg ist es nicht das Ziel, dem Gegner Tote beizubringen, sondern Schwerverwundete; deshalb ist Gelbkreuz so viel wirkungsvoller als Grünkreuz. Tote können zwar nicht mehr kämpfen, aber sie beanspruchen auch keine Ressourcen mehr, das hebt sich also beinahe auf. Dagegen können Schwerverwundete zwar auch nicht mehr kämpfen, aber sie beanspruchen noch Ressourcen, und zwar mehr als Gesunde; der Gegner wird also doppelt geschädigt, denn einfach sterben lassen kann er sie nicht, das würde die Kampfmoral der eigenen Truppen negativ beeinflussen. Im Mittelalter gab es mal einen oströmischen Kaiser, Basiläus II, den man ganz zu Unrecht den 'Bulgarenschlächter' nannte. Aber dafür war der viel zu klug: Als er nach einer Schlacht 14.000 Bulgaren gefangen hatte, tötete er sie nicht etwa, sondern ließ sie blenden und schickte sie so nach Hause zurück, als unnütze Fresser. So lange der herrschte, war Byzanz eine Großmacht; danach ging es stetig bergab." Was ist unter diesem Aspekt von den Atombomben zu halten? Schwer zu sagen: Einerseits töteten sie zumeist Zivilisten, die eh nicht hätten mitkämpfen können - aber vielleicht hätten sie in der Kriegsindustrie arbeiten können? Andererseits starben die meisten ja nicht gleich, sondern erst nach Jahren, in welchen sie reichlich Ressourcen der feindlichen Japaner beanspruchten. Doch, Dr. Jolo hätte ihren Einsatz wohl militärisch für gut und richtig befunden. Exkurs Ende.

Und dann ist da noch der Englisch-Lehrer, der eigentlich Harry heißt, aber von allen nur "Larry" genannt wird. Dikigoros besucht den neusprachlichen Zweig eines ursprünglich altsprachlichen Gymnasiums, und an das notwendige Personal, vor allem an Englisch-Lehrer, hat bei Einrichtung dieses Zweiges offenbar niemand gedacht: Aus der Pensionierung zurück gerufene Tattergreise, unausgegorene Referendare und sogar bloße Studenten der Anglistik wechseln einander ab. Am Ende kommt die Schule so auf den Hund, daß sie an der nächsten Straßenecke den ersten besten Penner aufliest, der einen amerikanischen Paß hat - eben Larry - und ihm einen Jahresvertrag als Aushilfslehrer gibt. Die anderen Lehrer konnten bloß kein Englisch; Larry dagegen kann weder Deutsch noch Englisch; er kann eigentlich gar nicht richtig reden, denn er hat einen Sprachfehler. Also will er mit den Schülern lieber lesen als sprechen. Eines Tages bringt er ein Buch mit: Telford Taylor, Nuremberg and Vietnam. Der Autor ist wieder einer dieser Tattergreise, war schon anno '47 Richter, nee, Oberstaatsanwalt, in Nürnberg. Moment mal, liegt das jetzt auch schon in Vietnam? fragt sich Dikigoros und ist drauf und dran, völlig an seinen Geografie-Kenntnissen zu verzweifeln. Nein, aber aus dem Buch wird er trotzdem nicht recht schlau: Was haben die Nürnberger Prozesse, die sich kollektiv gegen ein ganzes Volk und seine ganze Wehrmacht richteten, mit dem "Ausrutscher" eines einzelnen kleinen Leutnants der U.S. Army in einem vietnamesischen Kaff namens Son My zu tun? Auch sprachlich ist das alles viel zu hoch für eine Klasse, die trotz mehrerer Jahre Unterricht bisher kaum Englisch gelernt hat, geschweige denn juristische Vokabeln. "Können wir nicht lieber ein paar Songs von den Beatles durchnehmen?" fragt Dikigoros. Auch die Eltern murren: Erstens müssen sie das Buch zusätzlich kaufen - soll der Kerl doch erstmal den Stoff des Lehrbuchs durch nehmen, da hinkt die Klasse eh noch weit hinterher. Und zweitens ist Vergangenheits-Bewältigung noch nicht zum Volkssport der Deutschen geworden, ebenso wenig wie Kritik am mächtigsten Verbündeten, dem "Großen Bruder" USA. Das Werk wandert also ins Regal der ungelesenen Bücher (wo es erst viele Jahre später von Frau Dikigoros entdeckt wird, woraufhin ihr Mann es dann endlich mal richtig liest), und Larry bekommt am Ende des Schuljahrs seinen Vertrag nicht erneuert - zur großen Erleichterung der Schüler, die bis zuletzt nicht schlau geworden sind aus dem komischen Buch mit der US-Flagge auf dem Cover, welcher der Autor das Buch allen Ernstes (?) gewidmet hat, "und der Libertät und Justiz [liberty and justice], für die sie steht".

[Nachtrag. Erst viel später fand Dikigoros die Antwort auf die Frage, warum im Englisch-Unterricht - der ja damals, jedenfalls nach Lehrbuch, noch primär auf britisches Englisch und auf britische Quellen ausgerichtet war - ein Werk des US-amerikanischen Hauptanklägers bei den Nürnberger Prozessen durchgenommen wurde und nicht eines des britischen Hauptanklägers. Er hatte immer gedacht, das sei allein auf die Initiative ihres US-amerikanischen Aushilfslehrers geschehen, und er fand das eher befremdlich, denn auch in den USA war Vergangenheits-Bewältigung noch nicht zum Volkssport geworden (schon gar nicht in Sachen Vietnam-Krieg, der ja noch längst nicht vergangen war). Aber vielleicht hatte der britische Hauptankläger dazu ja nichts geschrieben...? Er ahnte damals nicht, daß der britische Hauptankläger von Nürnberg, Sir Hartley Shawcross - der doch die bösen Nazi-Deutschen damals so vehement verurteilt hatte, daß seine flammende Rede sogar als Sonderdruck erschien und im Zuge der Re-education an allen Schulen der britischen Besatzungszone gelesen werden mußte -, dazu sehr wohl etwas geschrieben hatte, und zwar schon 1963, und daß sein Werk in der BRD lediglich tot geschwiegen wurde und wird. (Die deutsche Übersetzung - "Stalins Schachzüge gegen Deutschland" - durfte nur in Österreich erscheinen, und selbst das war ein Wunder; heute ist nicht nur der Nachdruck, sondern auch der Vertrieb sowohl in der BRDDR als auch in der RÖ verboten; selbst die Abbildung wäre strafbar.) Kleines Zitat gefällig, damit auch Ihr, liebe Leser, versteht, warum? Bitte sehr: "Hitler und das deutsche Volk wollten den Krieg nicht. Wir haben diverse Bitten Hitlers um Frieden nicht erhört. Jetzt müssen wir feststellen, daß er Recht hatte. Statt einer Kooperation mit Deutschland, die er uns angeboten hatte, steht nun eine Konfrontation mit der riesigen imperialistischen Sowjet-Macht. Ich schäme mich, sehen zu müssen, daß die selben Ziele, die wir Hitler unterstellten, unter einem anderen Namen verfolgt werden." Späte Einsicht - aber immerhin verfänglich genug, um sie den Schülern eines deutschen Gymnasiums vorzuenthalten. Zugegeben, sie entspricht nicht genau dem Thema, um das es Telford Taylor ging, nämlich das RelativierenVergleichen der - angeblichen - deutschen und US-amerikanischen Kriegsverbrechen; es blieb seinem Sohn, William Shawcross vorbehalten, 2012 ein vergleichbaresähnliches Buch zu schreiben, mit aktuellerem Bezug, das Dikigoros zwar nicht sonderlich sympathisch ist, aber das er seinen Lesern nicht verschweigen will: "Justice and the Enemy", mit dem Untertitel: "Nürnberg, der 11. September und der Prozeß von Khalid Sheikh Mohammed". Könntet Ihr Euch vorstellen, liebe Leser, daß dieses Buch an deutschen - oder US-amerikanischen - Schulen im Unterricht durchgenommen würde? Dikigoros auch nicht. Nachtrag Ende.]

Ihr Geschichtslehrer - ein aus Mähren vertriebener Volksdeutscher (rückblickend erkennt Dikigoros, daß er einen tschechischen Namen trug; aber da er ihn stets deutsch aussprach, fiel ihm das damals nicht auf) - fühlt sich für "Zeitgeschichte", d.h. die Jahre ab 1945, nicht zuständig (er fühlt sich eigentlich schon für die Jahre ab 1933 nicht zuständig, wie das damals so ist). Und ihren Dr. Jolo, der sonst immer Bescheid weiß mit solchen Sachen, können sie diesmal auch nicht fragen, denn der reagiert allergisch auf den Begriff "Nürnberger Prozesse" - für ihn haben da Verbrecher zu "Gericht" gesessen über andere, die weit weniger schwere Verbrechen begangen haben als sie selber, die selbst ernannten "Richter", und dabei das Recht mit Füßen getreten.

Aber wenn der gute Dr. Jolo sie schon nicht alle davon abhalten kann, Jurist oder Historiker zu werden, muß er ihnen doch wenigstens die Sache mit dem Balltreten ausreden: Für ihn ist der Franzl Beckenbauer ein dummer Junge mit Volksschulabschluß, der gerade mal 1.500.- DM im Monat verdient und damit noch zu den ca. 300 Spitzenverdienern seiner Zunft zählt, denen, die in der vor ein paar Jahren gegründeten "Bundesliga" tätig sind. Nebenbei muß er sich als Suppenkasper für Werbespots der Firma Knorr verdingen (Dikigoros hat sogar noch eines der Bilder wiedergefunden, die den "Kaiser" in spe beim Suppelöffeln zeigen - hier ist es), um später, so mit 30, wenn ihn niemand mehr dafür bezahlen wird, daß er gegen einen aufgepumpten Lederball tritt, nicht zu verhungern, weil er sonst nichts gelernt hat. "Ihr werdet ja hoffentlich alle mal etwas Besseres werden, meine Lieben," pflegt er solche Moralpredigten abzuschließen. Zum Beispiel Offizier. Das ist zwar als Beruf längst nicht mehr so prestigeträchtig wie einst bei Kaiser Wilhelm oder noch bei Adolf; aber immerhin ist das die einzige Möglichkeit, in den höheren Öffentlichen Dienst aufzusteigen, ohne sich lange durch ein zeitraubendes, anstrengendes und unbezahltes Studium zu quälen. (Das war noch vor Gründung der so genannten Bundeswehr-Hochschulen.) So sieht das auch Dikigoros' Mitschüler Uwe, der nicht nur heißt wie Deutschlands Fußball-Idol jener Zeit, sondern auch seine Figur hat und ebenfalls ganz gerne gegen den Ball tritt - allerdings nicht, um das zu seinem Beruf oder seiner Berufung zu machen. Er verpflichtet sich erstmal für 12 Jahre, dann wird er weiter sehen. Ganz so lange wollen die anderen die Katze im Sack nicht gleich kaufen; die meisten verpflichten sich - so sie den Wehrdienst nicht verweigern, was damals gerade groß in Mode kommt - für 2-3 Jahre als "Zeitsoldaten", so auch Dikigoros.

* * * * *

Den größten Teil seiner Wehrdienstzeit verbringt Dikigoros in den USA, an der Raketenschule der Luftwaffe in Fort Bliss/Texas, an der Grenze zu Mexiko. (Was er da sonst noch so getrieben hat, d.h. außerhalb seiner Dienstzeit, berichtet er an anderer Stelle.) Zuerst als Schreibkraft für Raketen-Leergänge (nein, liebe Leser, kein Schreibfehler - siehe den letzten Link!), dann im Sanitäts-Revier. Das besteht eigentlich nur aus einem Stabsarzt, einem Feldwebel und ihm selber, der gar keine Ausbildung dafür hat. Aber das schert niemanden, wenn Not am Mann ist - die Planstelle ist gerade frei geworden. Wie sagen die Amerikaner: "Learning by doing (etwas lernen, indem man es tut)". Und ohne die Amerikaner in deren benachbarten San-Revier und im Beaumont-Hospital von El Paso kämen die Deutschen schwerlich aus, zumal ihr eigener Medizinmann sich höchstens einmal am Tag kurz auf der Dienststelle blicken läßt, meist in der Mittagspause; den Rest des Tages ist er offiziell auf "Visite" - wen oder was er da tatsächlich "visitiert", hat Dikigoros nie in Erfahrung gebracht. Aber sonderlich vermissen tut ihn niemand; die Amerikaner nennen ihn boshaft "Dr. Wrong", nicht nur weil er tatsächlich so ähnlich heißt, sondern wegen seiner zahlreichen Fehl-Diagnosen. Notgedrungen verbringen die beiden deutschen Sanitäter ihren Arbeitstag mit den Amerikanern (was ihren Englisch-Kenntnissen nur gut tut), und Dikigoros bald auch seine Freizeit vor Dienstbeginn und nach Dienstschluß. Ja, auch vor Dienstbeginn: er frühstückt gut und gerne mit den Angehörigen der U.S. Army, von deren Verpflegung sich die Bundeswehr mehrere dicke Scheiben abschneiden könnte. Auch von der Feierabend-Gestaltung. Da haben die Deutschen - die ja oft glauben, sie hätten die "Kultur" für sich gepachtet, und die Amis die "Unkultur" - für ihre Soldaten im Fort nur eine einzige Institution geschaffen: die "Soldatenstube". Dort wird gesoffen, geraucht und gegrölt - kein Wunder, daß viele Soldaten abends lieber über die Grenze fahren, in die Bars von Mexiko; da können sie sich billiger besaufen und die Mariachis für sich singen lassen. Dagegen haben die Amerikaner eine Vielzahl unterschiedlicher Freizeitmöglichkeiten geschaffen: Musik- und Schachclubs, Foto- und Sprachlabors (in denen man alle möglichen Sprachen lernen kann, von Deutsch über Japanisch bis Vietnamesisch), und natürlich kann man auch Bingo spielen oder einfach nur Bier trinken (aus den notorischen Plastik-Bechern; freilich muß man zu jedem Becher Bier eine Tüte Popcorn kaufen, damit man sich nicht ohne Grundlage besäuft).

In einer dieser Einrichtungen lernt Dikigoros eines Abends David kennen, einen "Spec" (Fachunteroffizier) im Range eines Sergeanten, der sein Gehalt damit aufbessert, daß er alle paar Wochenenden Schachturniere spielt (damit kann man, auch bei mittlerer Spielstärke, in den USA Geld verdienen, anders als in Deutschland); und zwischendurch trainiert er im "Callman Club". Bis Dikigoros kam, war er der unumstrittene Lokalmatador; aber der junge Deutsche (der zuhause Jugendmeister war) wird schnell sein Angstgegner. Bald spielen sie zusammen in der Liga und reisen auch gemeinsam zu Schachturnieren quer durch die USA (auch an den Pazifik, denn die großen Turniere finden u.a. in L.A. statt, wo David zuhause ist, so daß sie kostenlos bei seiner Schwester in Long Beach übernachten können); und während sie reisen, erzählt David Dikigoros über seine Vergangenheit in der U.S. Army: Auch er hat die Fahrt über das "friedliche Meer" mitgemacht - auch er war in Vietnam. Sogar freiwillig. Damals bestand die U.S. Army noch zu einem großen Teil aus Wehrpflichtigen, "drafted" genannt, weil sie ursprünglich per Los "gezogen" wurden, damals, als der Bedarf an Kanonenfutter noch nicht ganz so hoch war, daß alle zu den Waffen eilen mußten (oder, wie die Amerikaner beschönigend sagen, zu den Farben - gemeint sind die Farben der Fahne, denn die ist ja bekanntlich mehr als der Tod, das ist damals in allen Ländern der Erde völlig herrschende Meinung, auch und vor allem in den USA, die ihr "mit Sternen bekleckertes Banner" über alles, über alles in der Welt lieben). Und schon denen bekam es schlecht, wenn sie den Einsatz in Übersee etwa verweigern wollten (sogar wenn sie Boxweltmeister aller Klassen waren; nur den Pennsylvania Dutch - s.o. -, diesen notorischen Wehrdienstverweigerern, ließ man das durchgehen). David aber war "enlisted", also freiwilliger ("eingeschriebener") Zeitsoldat, da konnte er nicht einfach "nein" sagen; das war sein Job, den er sich selber ausgesucht hatte, und in Vietnam gab es immerhin Gefahrenzulage. Warum also nicht mitmachen?

David ist ein Kind Amerikas, und Uncle Sam hat es stets verstanden, seinen Kindern ihre Einsätze im In- und Ausland als Missionen für Frieden und Freiheit schmackhaft zu machen. War es denn nicht immer so gewesen? Erst mußten sie sich selber befreien, von der britischen Kolonialherrschaft. Dann mußten sie ihr eigenes Land befrieden, die Siedler von der Bedrohung durch die Indianer befreien. Dann die Neger-Sklaven von der Unterdrückung durch die bösen Südstaatler. Dann Kuba und die Filippinen vom spanischen Kolonial-Joch. Damals, Ende des 19. Jahrhunderts, reisten sie erstmals in großer Mission über den friedlichen Ozean, das war ein leichtes Spiel, ein niedriger Einsatz und ein schöner Gewinn. Nicht mehr ganz so leicht wurde es im 20. Jahrhundert, Europa vom deutschen Militarismus und Nazismus (also gleich zweimal) zu befreien, und Ostasien vom japanischen Imperialismus. Aber auch das war ja nochmal gut gegangen. Und an der moralischen Berechtigung, sogar Notwendigkeit der großherzigen amerikanischen Einsätze nach 1945 war ja nun überhaupt nicht zu zweifeln: Südkorea mußte vor der Tyrannei des Kommunismus bewahrt werden, und Südvietnam genauso. (Da sind sie wieder, die beiden nach Himmelsrichtungen benannten Staaten, die Dikigoros so oft verwechselt hat!)

"Wie unterscheiden sich denn die Nord- von den Süd-Vietnamesen?" fragt Dikigoros. "Gar nicht," meint David trocken, "die Asiaten sind alle gleich, Chinesen, Vietnamesen, Japaner, alle Schlitzaugen. Sie sind wie Kinder: extrem neugierig, extrem aufnahmefähig, extrem verspielt und extrem grausam." Er kennt das japanische Wort "asobi" nicht - und Dikigoros auch noch nicht -, das all dies ziemlich genau ausdrückt; und er weiß noch nicht, daß sich diese scheinbar so merkwürdige Kombination guter und schlechter Eigenschaften ziemlich einfach dadurch erklären läßt, daß die gelben Rassen als jüngste Zweige des menschlichen Stammbaums halt auch am extremsten neoten sind. (Der geneigte Leser möge im Lexikon nachschlagen, was das ist; Dikigoros ist kein Biologe und kann das deshalb hier nicht in der gebotenen Kürze und Klarheit erklären.) Nein, David hat eigentlich nichts gegen "die Asiaten", er stellt das ganz nüchtern fest und versucht, das beste daraus zu machen. Er ist einer der ersten Amerikaner (und der einzige in Fort Bliss), der einen japanischen Honda fährt (die Samurai-Familie, nach der diese Automarke benannt ist, stammt übrigens auch aus Satsuma, aber das nur nebenbei), was ihm so manche biestige Bemerkung seiner Kameraden einträgt: "Ja, wieso denn nicht?" fragt er, "die Wagen sind besser und billiger als vergleichbare amerikanische Modelle und verbrauchen weniger Sprit." (Das ist damals noch keine echte Kostenfrage, jedenfalls nicht in den USA, wo man für eine Gallone - also 3,75 l - Benzin so viel bezahlt wie in Deutschland für einen Liter, nämlich ca. 90 Pf; aber das ständige Tanken ist bei den großen Entfernungen lästig.) Auch Dikigoros, der bis dahin nur VW Käfer gefahren ist (erst den alten Wagen seines Vaters, dann den Dienstwagen des San-Reviers) ist begeistert von diesem völlig neuen Fahrgefühl: Da kommt etwas über den Pazifik, wovon sich Perry & Co. im letzten Jahrhundert keine Vorstellung gemacht haben! "Aber wie habt ihr denn dann Freund und Feind auseinander gehalten?" bringt er das Gespräch zurück auf Vietnam. "Gar nicht," sagt David, "die waren alle feindlich. Wenn du in ein Dorf kamst, haben erst alle freundlich getan, und kaum hattest du die Waffe aus der Hand gelegt, um zu essen oder zu schlafen, haben sie dich aus dem Hinterhalt überfallen. Wir waren am Ende so fertig, daß wir uns nur noch mit Drogen auf den Beinen gehalten haben. Wir haben einfach nur noch drauf gehalten. Wenn wir ein Dorf platt gemacht hatten, konnte uns jedenfalls von denen niemand mehr überfallen." - "Hast du auch Drogen genommen?" - "Ja, natürlich, wir alle." - "Und wie seid ihr davon wieder runter gekommen?" - "Die meisten gar nicht, die sind heute noch süchtig, alle Wracks. Ich wollte einfach wieder los kommen, das war's. Nur auf den Willen kommt es an."

* * * * *

Dikigoros' Militärdienstzeit geht zuende; der Krieg in Vietnam auch. Die USA hätten ihn leicht gewinnen können, aber die eigene öffentliche Meinung ist am Ende dagegen: Im Zweiten Weltkrieg hatten sich die deutschstämmigen Amerikaner noch problemlos im Pazifik gegen die Japaner verheizen lassen, und die Afriko-Amerikaner ebenso problemlos in Europa. (Zum Glück für die Deutschen, denn viele schwarze Angehörige der Besatzungstruppen fühlten sich mit ihnen solidarisch und mißachteten - soweit ihnen das bei ihren meist untergeordneten Rängen möglich war - Eisenhowers Befehle, sie schlecht zu behandeln und hungern zu lassen, ganz im Gegensatz zu vielen deutschstämmigen Amerikanern, die ihrem Oberbefehlshaber kräftig nacheiferten.) Aber nun sagt plötzlich so ein dumm-dreister Neger und Boxweltmeister: "Ich habe nichts gegen diese Vietcong," und die Gerichte geben ihm in letzter Instanz Recht! Von da an sehen auch die weißen Amerikaner nicht mehr ein, weshalb ausgerechnet sie den Süd-Vietnamesen - die ja um keinen Deut besser sind als die Nord-Vietnamesen, wie nicht nur David festgestellt hat - die Kastanien aus dem Feuer holen und dafür ihre eigene Haut zu Markte tragen sollen. Der Vietcong hat nach dem katastrofalen Scheitern seiner letzten Thet-[Neujahrs-]Offensive (nur die linke Journaille in den USA macht ihren Lesern weis, das sei ein großer Sieg für den Vietcong und eine verheerende Niederlage für die U.S. Army gewesen) die eigene Kapitulations-Erklärung schon unterschrieben in der Schublade liegen, da schließen die Amerikaner Waffenstillstand, ziehen ihre Truppen ab und geben Süd-Vietnam dem Zugriff der Kommunisten preis. Das hat sich nun gelohnt... Stehen die Amerikaner nicht in dem Ruf, Kriege nur dann zu führen, wenn es damit etwas zu verdienen gibt? Nun, einige mögen ja auch am Vietnam-Krieg durchaus verdient haben; aber insgesamt war er doch eine finanzielle Katastrofe für die USA: Fast drei Jahrzehnte lang hatten sie nach dem Zweiten Weltkrieg das so genannte System von Bretton Woods aufrecht erhalten können, das - laienhaft ausgedrückt - bedeutete, daß sie Papierfetzen mit grüner Farbe, schwarzen Zahlen und $$$-Zeichen bedrucken und damit in aller Welt nach Herzenslust einkaufen gehen konnten. Dieses System ist nun zusammen gebrochen (Flugzeuge und Bomben sind teurer geworden, und die USA haben davon mehr verbraucht als im Zweiten Weltkrieg), der Gold-Standard ist aufgehoben, die Öl-Scheichs wollen ihre Rechnungen künftig in hartem Geld bezahlt haben, und die Inflations-Spirale beginnt sich weltweit zu drehen. Die USA haben inzwischen einen Präsidenten, der glaubt, daß es finanziell mehr bringt, den riesigen Markt von Rot-China zu erobern als den mit "Agent Orange" verseuchten Urwald von dessen kleinem vietnamesischen Verbündeten.


Das Problem ist nur, daß dieser US-Präsident (wie die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger) kein Ökonom ist, der etwas von der Sache versteht, sondern ein Jurist; und da gilt noch immer der alte lateinische Spruch: "Iudex non calculat" (frei übersetzt: Juristen können nicht rechnen). Haben sie denn nichts gelernt aus dem Desaster mit der Öffnung Japans anno 1853/54? Nein, Rechtsanwalt Dr. Nixon reist über den Pazifik zum Pingpong-Spielen mit den roten Bonzen nach Peking und hätte sich wahrscheinlich über den folgenden Gedankengang seines Kollegen Dikigoros arg gewundert - wenn er ihn denn überhaupt verstanden hätte: Wenn man in solche "Entwicklungs-", "Schwellen-" oder sonstwie genannte Länder investiert, wie es die Amerikaner getan haben (und heute nur noch die tumpen Germanen tun), kann das nur eine von zwei möglichen Folgen haben: Entweder die Leute dort übernehmen das Wirtschafts-System, lernen selber mit den Maschinen umzugehen, sie nach zu bauen und ihre eigenen Waren zu produzieren - dann werden sie ihren Lehrmeistern bald auf dem Weltmärkten Konkurrenz machen. (So war es mit Japan, das gerade dabei ist, die USA auf allen Gebieten zu überflügeln: Ein japanischer Architekt baut in New York das höchste Gebäude der Welt, das World Trade Center, das bald zum Symbol für die westliche Welt und ihren Wohlstand wird - besonders in den Augen der neidischen Muslime, aber dazu später mehr). Oder aber, sie lernen es nie (und das gilt eigentlich für alle anderen Entwicklungsländer auf der Welt, wie wir heute wissen), verplempern das investierte Kapital, lassen die Maschinen verrotten und können ihre Schulden nie zurück zahlen. (Am Ende müssen die Banken sie dann auf Kosten der Steuerzahler abschreiben.) So wird es mit Rot-China sein, dessen schöner neuer Markt bloß aus Leuten besteht, die zwar gerne auf Pump konsumieren, aber leider nicht bereit oder in der Lage sind, das Konsumierte auch irgendwann einmal zu bezahlen; im Gegenteil: sie kupfern fleißig ab, scheren sich einen Dreck um geistiges Eigentum und prellen ihre dummen Lieferanten nicht bloß um den Kaufpreis, sondern auch um hunderte Milliarden an nicht gezahlten Tantiemen auf Patente und andere Urheberrechte. (Aber das ist eine andere Geschichte.) Mit dem kleinen, aufstrebenden Taiwan, das die USA nun plötzlich fallen lassen wie eine heiße Kartoffel, pardon Reisschüssel, hätten sie auf absehbare Zeit weitaus bessere Geschäfte machen können. Die geschäftstüchtigen Thais dagegen machen keine Verluste; sie ersetzen die amerikanischen Freier der U.S. Army, die ihre Wochenenden in den Puffs von Bangkok und Pattaya verbracht hatten und nun ausbleiben, bald durch deutsche "Neckelmännel" (das sind die, die mit dem Reisebüro des bekannten Pleitiers und Herrenreiters Jo Neckermann fliegen - die Thais können, ähnlich wie die Chinesen, kein "r" aussprechen und ersetzen es meist durch ein "l") und andere Sex-Touristen - aber auch das ist eine andere Geschichte.

Über das "wiedervereinigte" Vietnam senkt sich unterdessen ein Eiserner, pardon ein Bambus-Vorhang; es kommen keine Nachrichten mehr heraus - sie würden wohl auch niemanden mehr interessieren. Nur ein paar unverbesserliche abgehalfterte Schauspieler - von John Wayne bis Sylvester Stallone - drehen auf ihre alten Tage noch ein paar Filme über das Thema, vor allem über gefangene oder vermißte GI's, die zum Teil sogar gutes Geld einspielen. (Na also, dann hat ja doch noch jemand daran verdient!) Aber Dikigoros, der kein großer Kino-Gänger ist, verliert das ganze allmählich aus den Augen, zumal die Massenmedien in aller Welt, die des Vietnam-Krieges längst müde waren, sich andere, attraktivere (und lukrativere) Schlagzeilen gesucht haben. Wen interessiert schon das anonyme Massensterben irgendwelcher Schlitzaugen im entlaubten Dschungel Indochinas, wenn man doch viel prominentere Opfer zu beklagen hat: 1976 stirbt der große Pingpong-Spieler, pardon, Steuermann Mao, 1977 der Rock-Star Elvis Presley (der "My Way" gesungen und zum Welt-Hit gemacht hat), 1978 der französische Pop-Sänger und Liebling aller Frauen Claude François (der "My Way" unter dem Titel "Comme d'habitude" komponiert hatte, was aber außerhalb Frankreichs kaum jemand weiß - in Deutschland beklagt man 1978 vielmehr das tragische Ableben der Titel-Hoffnungen bei der Weltmeisterschaft der Balltreter in Argentinien), 1979 der Shah von Persien, 1980 der Ex-Beatle John Lennon (zu allem Überfluß wird er auch noch von einer Japanerin beerbt). Ja, das ist hart. Was fällt dem gegenüber schon ins Gewicht, daß z.B. Mao während der so genannten "Kultur-Revolution" 'zig Millionen Menschen (nicht nur Chinesen, sondern auch Tibeter) hat ermorden lassen (übrigens waren die Täter überwiegend grausame Kinder und Jugendliche, die "Roten Garden"), daß die riesigen Fußball-Stadien Argentiniens erstmal von Regime-Kritikern geräumt werden müssen, die dort inhaftiert waren (ein gewisser Hans-Hubert Vogts, der damals mit gegen den Ball tritt, meint dazu auf Befragen der BILD-Zeitung, er selber habe nie politische Gefangene gesehen in den Fußball-Stadien, obwohl er alle Spiele mit gemacht hat; also könne es wohl auch keine geben), daß die Ayatollahs im Iran nach der Flucht des Shahs (der feige Hund ist einfach abgehauen, hat seine Leute im Stich gelassen, obwohl er längst unheilbar an Krebs erkrankt war, statt mit der Waffe in der Hand zu sterben und als Held in die Geschichte einzugehen - das meint Dikigoros übrigens nicht ironisch) ein Terror-Regime errichten, das die Perser (und ihre Nachbarn) Millionen Tote kosten wird und daß im Fahrwasser der Rot-Chinesen ihre Marionette, ein buddhistischer Mönch namens Pol Pot, Millionen seiner kambodiyanischen Landsleute ermorden läßt?

Nein, das ist alles geschenkt. (Dikigoros hat doch hoffentlich niemanden gelangweilt mit all diesen blöden Leichen? Falls doch, so bittet er vielmals um Entschuldigung.) Überhaupt zeigt doch der Umstand, daß selbst ein Buddhist zum Massenmörder wird, daß es heuer auf religiöse Ismen kaum noch ankommt, sondern nur auf politische. So findet denn auch das Buchprojekt einiger junger Reporter aus New York - Sam Maull, Dick Riley und Thomas Harris (mit dem "Helden von Dresden" nicht verwandt oder verschwägert) - nur mäßiges Interesse, nicht zuletzt bei den Autoren selber: Als ein Verlag endlich ein paar Dollar Vorschuß ausspuckt, verabschieden sich die ersteren bald, nachdem die verfrühstückt sind. Thomas bleibt also alleine auf dem belämmerten Projekt sitzen. Nein, liebe Leser, es handelt sich nicht um "Das Schweigen der Lämmer" (das wird er erst Jahre später schreiben), sondern um den Kamikaze-Angriff eines im Auftrag muslimischer Terroristen handelnden Vietnam-Veteranen, der auf Rache sinnt für das, was ihm seine eigenen Landsleute angetan haben (ja, liebe Leser, die armen Schweine, die Jahre lang in vietnamesischer Kriegsgefangenschaft waren und dabei an Körper und Geist zerstört wurden, sind von ihren Landsleuten vielfach schmählich verraten worden - aber das ist eine andere Geschichte), auf ein besonders lohnendes, da symbolisches und mit 'zigtausenden Menschen gefülltes Ziel in den USA. "Schwarzer Sonntag" lautet der Titel des Buches, und mehr will Dikigoros vorerst nicht verraten. Es interessiert ja auch niemanden (ebenso wenig wie zwei Generationen zuvor das alberne Buch über einen Angriff der Japaner auf Perlenhafen - das war doch genau so abwegig), wie überhaupt niemanden mehr so recht interessiert, was in Übersee vor sich geht... Bis an den westlichen Gestaden des friedlichen Ozeans etwas geschieht, das "den" Westen nicht kalt lassen kann - denn es geht an seine Geldbeutel: Zwischen Rot-China und dem kommunistischen Vietnam bricht Krieg aus. Von Washington bis Moskau brechen die Weltbilder zusammen wie schlecht aufgereihte Domino-Steine, nach denen sie einst benannt wurden: Gemäß dieser schönen Theorie würden nach dem Fall Vietnams in die Hände "der" Kommunisten - hinter denen selbstverständlich Rot-China stand - nach und nach alle anderen Länder Südostasiens ebenfalls kommunistisch werden. Gewiß, Kambodiyā und Laos hat es auch erwischt - aber dorthin hatten Kennedy und Johnson den Krieg selber getragen, als sie den Vietnam- zum Indochina-Krieg ausweiteten, um den Nachschub der Vietcong über den Ho-Chi-Minh-Pfad zu unterbrechen. Und sonst? Fehlanzeige! Doch nun hat niemand eine Erklärung für den Krieg zwischen den kommunistischen Brüdern, der da aus heiterem Himmel ausgebrochen zu sein scheint. Tatsächlich ist er aber, wie wir heute wissen, schon viel früher ausgebrochen, eigentlich gleich nach der Eroberung Südvietnams durch die Nordvietnamesen.

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Und nun müssen wir uns wieder den Chinesen zuwenden, die ein halbes Jahrhundert zuvor nach Vietnam ausgewandert waren, weil die USA sie damals nicht nach Kalifornien einreisen ließen. Wie ist es ihnen in der Zwischenzeit ergangen? Prächtig: Sie sind durch Fleiß und Geschäftstüchtigkeit zu Wohlstand gekommen und haben sich den Ruf der "Juden Südostasiens" erworben, freilich auch den Neid und den Haß, den sich der wirtschaftlich Erfolgreiche von den weniger Erfolgreichen oft zuzieht. So lange der Vietnam-Krieg andauerte, waren sie in Nord- wie Südvietnam gleichermaßen gern gesehen, denn in ihren Händen lag der kriegswichtige Außenhandel, insbesondere die Devisen-Wirtschaft. Als der Krieg beendet ist, werden sie nicht mehr gebraucht. Aber das ganze Land ist herunter gekommen (weniger durch die eigentlichen Kriegshandlungen als durch die kommunistische Mißwirtschaft im Norden und die korrupte Vettern-Wirtschaft im Süden, die in den letzten Jahren nur noch von amerikanischen Finanzspritzen und Hilfslieferungen am Leben gehalten wurde); weite Teile der Bevölkerung sind verarmt und leiden Hunger. Da kommt die Regierung - wie so viele Regierungen in der Geschichte - auf eine glorreiche Idee, wie man dieses Problem beheben kann: Durch Enteignung der wenigen Tüchtigen und Wohlhabenden und Umverteilung ihres Eigentums durch (und das heißt in dem meisten Fällen auch: an) die neuen Bonzen. Das geht so lange gut, wie es gut geht, ein Huhn zu schlachten, das goldene Eier legt: An einem Brathuhn ist zwar erstmal mehr dran als an einem Ei; aber wenn es einmal verbraten und verfrühstückt ist, gibt es nicht nur keinen Braten, sondern auch keine Frühstücks-Eier mehr, und dann ist der Ofen sehr schnell aus. Die vietnamesische Wirtschaft bricht zusammen, und die Schuld gibt man - den Chinesen.

Damals beginnen die ersten Chinesen aus Vietnam zu fliehen. Auf kleinen Booten, die von der vietnamesischen Küstenwache nicht so leicht bemerkt werden, fahren sie über das friedliche Meer gen Süden - denn der große Bruder Rotchina im Norden nimmt die "Kapitalisten", die ihre Schulbücher aus Taiwan importieren und mit dem Kommunismus nichts am Hut haben, nicht auf (und in den westlichen Nachbarländern Kambodiyā und Laos herrscht ja noch Krieg). So hat sich Dikigoros das jedenfalls damals erklären lassen - sein Weltbild ist noch in Ordnung. Er ist aufgewachsen und erzogen worden in dem Glauben, daß die Geschichte von Ideen und ideologischen Ismen beherrscht wurde und wird: Früher Katholizismus und Protestantismus, Christentum und Islam, heute Kommunismus und Kapitalismus, Sozialismus und Demokratismus, Liberalismus und Militarismus, das sind die Triebfedern menschlichen Handelns. Vielleicht auch noch Rassismus: Wie war (und ist) das mit den Weißen, den Roten und den Schwarzen in den USA? Und dem Widerstand der schwarzen und gelben Eingeborenen-Völker gegen ihre weißen Kolonialherren? Gut, auch das noch. Aber Nationalismus? Diese überholte Theorie hat doch seit Hitler und den Nazis niemand mehr im Ernst vertreten... Doch bald soll sein Weltbild ins Wanken geraten, denn als die Vietnamesen "ihre" Chinesen in die Emigration zwingen (wie einst Hitler die deutschen Juden), nehmen das die kommunistischen Rot-Chinesen, die mit ihren kapitalistisch verseuchten Verwandten in Vietnam eigentlich gar nichts zu tun haben wollen, zum Anlaß, ihre kommunistischen vietnamesischen Genossen mit Krieg zu überziehen!

Aber noch ist es nicht so weit. Die erste Welle der chinesischen Vietnam-Flüchtlinge - nur ein paar tausend, noch nennt sie niemand "Boat People" - wählen sich als Ziel ihrer Reise Song Khla an der Ostküste Thailands. Dort leben schon seit langer Zeit Chinesen - die nächste größere Stadt, Had Yai, ist fest in ihrer Hand; und im Gegensatz zu manch anderen Ländern werden sie dort auch einigermaßen gut behandelt. Doch die Flüchtlinge sollen eine böse Überraschung erleben. Nein, "erleben" ist nicht das richtige Wort, denn die meisten er- und überleben sie gar nicht: Sie werden von syamesischen "Piraten" überfallen, ausgeraubt, vergewaltigt und ermordet. Anfangs glauben sie noch, das sei persönliches Pech gewesen, aber nachdem das ein paar Male - eigentlich jedesmal - passiert ist, werden sie nichts mehr glauben, was ihnen die Thais erzählen... Mit dem Glauben ist das halt so eine Sache. Dikigoros hat lange geglaubt, er hätte mit Berti Vogts nichts gemeinsam; aber er hätte diesen Balltreter und sein naïves Argentinien-Interview ja nicht erwähnt, wenn er sich nicht den Vorwurf machen müßte, eben doch etwas mit ihm gemeinsam gehabt zu haben. Er war nämlich kurz nach dem, was er im vorigen Absatz geschildert hat, selber in Thailand, und wenn man ihn gefragt hätte, hätte er gesagt: "Der Strand von Song Khla ist in meinen Augen der schönste Strand der Welt, und von Boat People habe ich da nichts gesehen und nichts gehört, also kann es wohl auch keine geben." Damals kannte er die National-Hymne der Thais noch nicht, in deren 1. Strofe es heißt:

Thailand drückt an seine Brust
alle Menschen die blutsmäßig Thais sind
(Einbürgerung Fremdrassiger o.ä. Scherze kennen die nicht, Anm. Dikigoros)
Jeder Quadratzentimeter Thailands
gehört allein den Thais
(deshalb kann dort auch kein Ausländer privat Grund und Boden erwerben, Anm. Dikigoros)
Die Thais lieben zwar den Frieden,
(da ist er schon wieder, "der" Friede - aber welcher?)
aber sie sind nicht feige im Krieg
(da ist Dikigoros aber beruhigt)
Alle Thais sind bereit,
jeden Tropfen ihres Blutes für das Vaterland zu opfern,
für Sicherheit, Freiheit und Fortschritt...

Die Thais glauben noch an "Blut und Boden" und daß sie das Recht haben (wenn nicht sogar die heilige Pflicht gegenüber Buddha und ihrem Gott-König, von dem die 2. Strofe der Thai-Hymne handelt, deren Peinlichkeit Dikigoros Euch ersparen will), jeden bluten zu lassen (auch, aber nicht nur im übertragenen Sinne), der es wagt, seinen Fuß auf ihre geheiligte Erde zu setzen. Und dieses Recht, diese Freiheit - nach der sie sich "Thai (Freie)" nennen - nehmen sie sich halt. Und was glaubt Dikigoros heute? Nicht mehr viel. Aber er ist überzeugt, daß die Thais das mieseste Volk der Welt sind, und er nimmt sich die Freiheit, das uneingeschränkt zu schreiben, nachdem er (fast) alle Völker der Welt kennen gelernt hat und glaubt beurteilen zu können, wo die Unterschiede liegen. Ob ein (!) Roosevelt gegen den Wunsch der überwiegenden Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung einen "pazifischen" Weltkrieg vom Zaun bricht, ob ein (!) Eisenhower die Spenden von Millionen Amerikanern an die besiegten und hungernden Deutschen zurück hält, damit sie verrecken - das sind Einzelne, mächtige Einzelne leider, die das Leben oder Sterben von Millionen Menschen in der Hand und auf dem Kerbholz haben; aber man kann ihre Verbrechen nicht "den" Amerikanern anlasten, ebenso wenig wie man die Verbrechen einer Minderheit von chinesischen, vietnamesischen oder kambodiyanischen Kindern, die nie im Leben etwas anderes kennen gelernt hatten als Gewalt, Mord und Totschlag und von einzelnen Kriminellen wie Mao, Ho Chi Minh oder Pol Pot dazu aufgehetzt wurden, "den" Chinesen, Vietnamesen oder Kambodiyanern anlasten kann - im Gegenteil, die Mehrheit dieser Völker war ja nicht Täter, sondern vielmehr Opfer. Aber in Thailand war es anders: Da haben sich nicht etwa nur "ein paar Piraten" - wie Thailand die Weltöffentlichkeit glauben machen will -, sondern da hat sich das ganze Drecksvolk, jeder und jede, so sie nur Gelegenheit dazu hatten, spontan an Raub, Vergewaltigung und Mord an den wehrlosen Flüchtlingen beteiligt.

[Nachtrag: Im Dezember 2004 stellten die Thais erneut unter Beweis, welch ein Drecksvolk sie sind. Bei der großen Flutwellen-Katastrofe nach dem Seebeben vom 2. Weihnachtstag vor der Küste von Aceh - von der Weltöffentlichkeit allgemein mit dem japanischen Ausdruck "Tsunami" belegt - erwischte es auch zahlreiche ausländische "Qualitäts"-Touristen, vor allem in den Luxus-Hotels von Khao Lak nördlich von Phuket. Was taten die Thais? Sie ließen erstmal die Polizei das Katastrofengebiet für ein paar Tage absperren und von syamesischen Banditen ausplündern, die z.T. mit schwerem Gerät die Panzer-Safes der Farang-Hotels knackten und hinterher mit den Thai-Polizisten Halbe-Halbe machten. Falang-Frauen wurden vergewaltigt und ausgeraubt, Falang-Kinder entführt und nur gegen Lösegeld wieder frei gelassen. Die Regierung Thailands erhob ein lautes Geschrei, als ausländische Ärzte (syamesische kümmerten sich nicht um die Falangs) einreisten und es wagten, neben den Thais auch Touristen zu behandeln; außerdem schrie sie kackfrech nach Milliarden-"Entschädigung" für die Verluste, die Thailand durch das Ausbleiben der Touristen entstanden und verlangte im übrigen, daß auf diese moralischer Druck ausgeübt werde, wieder ins Trümmergebiet zu reisen und dort "Urlaub" zu machen, d.h. beim Aufräumen zu helfen und noch mehr Geld dazulassen. Das einzige Land, in dem sie damit Gehör fand, war das der dummen Neckelmännel, Deutschland, wo nicht nur die Regierung eine halbe Milliarde Steuergelder als "Flutopferhilfe" verplemperte, sondern auch private Narren, die man in den Medien von morgens bis abends mit Lügen-Märchen über die armen, aber sooo hilfsbereiten Thais berieselte. Natürlich floß auch aus den USA und Japan Geld nach Thailand - die einen sicherten sich mit Schmiergeldern den lukrativen Auftrag, ein Frühwarnsystem für künftige Seebeben einzurichten, die anderen die Baugenehmigungen zur Errichtung neuer Hotels - denn die Europäer waren jetzt erstmal aus dem Rennen, schon weil sie ruiniert waren, denn die großen deutschen Versicherungen zahlten nur an Ausländer, und die deutschen Spenden und Hilfsgelder flossen in die Taschen korrupter Politiker; aber diese peinlichen Wahrheiten wagte niemand laut auszusprechen - schon gar nicht vor laufenden Reporter-Mikrofonen oder Fernseh-Kameras - oder zu schreiben, außer ein paar Ex-Pats vor Ort, die dafür ihr Leben riskierten, und - Dikigoros.]

Ja, liebe deutsch-nationale Leser, die Dikigoros Euch förmlich die Stirn runzeln sieht, "die" Russen, Polen, Tschechen und Jugoslawen haben das nach 1945 mit den Deutschen auch nicht viel anders gemacht - und die Bundesregierung schiebt ihnen zur Belohnung noch heute Milliarden in die Ärsche -, und auch in den angelsächsischen Kriegsgefangenen-Lagern sind nach 1945 noch Millionen Deutsche zu Tode gequält worden, Ihr braucht ihm das nicht zu mailen, er weiß es; aber einige von denen hatten wenigstens einen Grund, nämlich Rache - und die fällt halt oft schlimmer aus als die gerächte Tat, das liegt in der Natur der Sache, selbst wenn es sich bei den vermeintlich gerächten Taten vielfach nur um Propagandalügen handelte. Doch die Thais hatten keinen Grund, sondern nur ein Motiv, genauer gesagt zwei: Habgier und Mordlust, denn die chinesisch-stämmigen Boat People hatten ihnen niemals auch nur das Geringste zu Leide getan. (Wenn man ihnen, als den "Juden Südostasiens", den Vorwurf machen konnte, ihr Gastvolk "ausgebeutet" zu haben, dann mag das vielleicht auf Vietnam zutreffen, aber jedenfalls nicht auf Thailand.) Dikigoros weiß auch, daß nach dem Vietnam-Krieg nicht mal ein Zehntel so viele Boat People ermordet wurden wie nach dem Zweiten Weltkrieg Deutsche, und daß "die" Thais "den" Deutschen nicht allzu viel getan haben (höchstens ab und zu mal ein paar leichtsinnige Sex-Touristen und andere Neckermänner abgezockt, die es aber oft selber schuld waren, ebenso wie die an AIDS erkrankten Prostituierten, die das Thai-Regime neuerdings in einem Konzentrationslager 15 km südlich von Pattaya verrecken läßt, oder die 40.000 Thais, die sich partout zum Christentum bekennen wollen und deshalb im Gefängnis sitzen und da ab und zu mal etwas gefoltert werden - die sollen sich gefälligst mit dem Gedanken an die Martyrer trösten).

Aber wollen wir das tatsächlich zum Maßstab nehmen? Wird ein Verbrechen dadurch größer oder kleiner, daß an der Zahl der Opfer eine Null mehr oder weniger hängt? Ist nicht der Mord an den 7.000 KZ-Häftlingen auf dem Lazarett-Schiff "Cap Arcona", bei dem die britischen Jagdbomber-Piloten ihren Opfern im Tiefflug ins Auge sehen konnten, zehnmal schlimmer als der Knopfdruck eines amerikanischen Bomber-Piloten, der den Abwurf einer Atombombe auslöste, über der außer Sichtweite liegenden feindlichen Stadt Hiroshima und ihren ihm völlig anonymen Einwohnern? Und ist es nicht noch zehnmal schlimmer als der in den letzten Kriegstagen erfolgte Beschuß von im Wasser treibenden Männern mit Bordwaffen aus einem immerhin in einigen Metern Abstand fliegenden Flugzeug, wenn man mitten im Frieden ans Ufer gespülte, wehrlose schiffbrüchige Frauen und Kinder von Hand mit Knüppeln und Steinen tot prügelt, wie es die Thais in Song Khla getan haben? Wiegt das nicht die "fehlenden" Nullen auf? Aber was soll's: "Mai pen lai (das macht doch nichts)" ist so ziemlich der häufigste Satz, den man in Thailand hört. Die Syamesen legen gegenüber solchen (und anderen) Dingen ein bemerkenswertes Kehr-mich-nicht-an an den Tag; ihr wichtigster (einige meinen auch: einziger) Lebens-Inhalt ist "Sanuk". Über diesen Begriff ist - ähnlich wie über den japanischen Begriff von "Frieden" - im Westen so viel Unsinn geschrieben worden (meist von deutschen Besser-Wessis - aber die Ossis holen auf), daß Dikigoros auch dazu ein paar (auf)klärende Worte verlieren muß. "Sanuk" wird heute meist mit dem neu-deutschen Wort "Fun [Spaß]" übersetzt (was aus dem Englischen kommt; die Engländer übersetzen es lieber mit "frolic", was aus dem Deutschen [fröhlich] kommt - verrückte Welt :-), und die meisten Nicht-Thais glauben, das bedeute in erster Linie, sich in der Long ten lam (oder, wie es heute auf Neu-Syamesisch heißt, im "Nait khlab") und in der "Gogo baa" zu besaufen und mit leichten Mädchen zu verlustieren. Das mag zwar auch dazu gehören; aber es darauf zu beschränken wäre viel zu kurz gegriffen. "Lebensfreude" träfe die Sache besser, würde aber in den Ohren eines unbedarften und unwissenden Lesers zu positiv klingen, und Dikigoros will hier keinen falschen Zungenschlag hinein bringen. "Sanuk" ist ein Wort aus Süd-Thailand - just aus der Gegend von Song Khla - und ist von den benachbarten Malaien zu den Syamesen gekommen. (Auch wenn es der Bahasa Malaysia und der Bahasa Indonesia verloren gegangen ist - die Phāsa Thai hat es bewahrt. Etymologisch stammt es aus dem Indischen: Sanaī ist eine Hanfart, und zwar die, aus der jenes Rauschmittel gewonnen wird, das bei den Arabern "Haschisch" und im Westen "Marihuana" heißt; Sanak ist der Zustand, in dem man sich nach dessen Konsum befindet. Das Malaiische braucht das Wort deshalb nicht [mehr], weil es zwei Begriffe hat, die diesen Zustand differenzierter auszudrücken vermögen: die verrückte Seite durch "amok " [gesprochen "amuk", mit kurzen Vokalen, Betonung auf der zweiten Silbe, nicht, wie die Deutschen meist sagen, "aahmock" o.ä] - ein Wort, das über das Holländische "amoek" auch in die übrigen Sprachen des Westens eingegangen ist - und die heitere Seite in "senang".) Es bedeutet eine Freude, die vom Herzen kommt - und was bereitet manchen Völkern mehr Herzens-Freude, als ihre primitivste Grausamkeit ausleben zu können?

Die Völker Süd- und Südost-Asiens gebrauchen für das, was wir Westler im übertragenen Sinne mit "Herz" bezeichnen, diejenigen Wörter, die im fysischen Sinne ihre Leber bezeichnen, vom indischen "Kalejā" (welches das alte Sanskrit-Wort "Hriday" fast vollständig verdrängte, das man nur noch in Kosenamen wie "Herzchen" oder "Herzblatt" wieder findet - und bei Mutter Teresa :-) bis zum austronesischen "Hati" (das die Malaien im Zusammenhang mit "senang" gebrauchen). Auch die Japaner gebrauchten dafür früher - neben "Chū", dem chinesischen Wort für Herz, und "Fuku", dem chinesischen Wort für Bauch - das Wort "kimo", das "Leber" bedeutet und mit dem gleichen Radikal [Niku=Fleisch] geschrieben wird wie Bauch, Darm, Galle, Lunge und Gehirn. Heute aber nehmen sie dazu - wie wir - ihr Wort für das fysische Herz: "kokoro"; auch das ein Hinweis darauf, daß die Japaner uns in ihrer Denkart inzwischen näher stehen als "den" Asiaten. [Fysisch tun sie das ohnehin: Sie sind die einzigen Angehörigen der "gelben" Rasse, die auch im Erwachsenenalter noch Milch trinken können und das auch tun - in Japan gibt es inzwischen mehr Milchkühe als in der BRD -; das können seit der Überflutung Europas und Nordamerikas mit genetisch minderwertigem Menschenmaterial selbst viele "Weiße" nicht mehr - einige beklagen sich schon, daß man in Japan auf ihre Eßgewohnheiten nicht genügend Rücksicht nähme! Und die so genannten "Laktose-Intoleranten" mögen sich jetzt nicht aufregen; Dikigoros hat sie ja nicht als "(lebens)unwert" bezeichnet, sondern nur als minderwertig; und daß sie das gegenüber Menschen, die keine Allergie gegen Milchzucker haben, sind, steht wohl objektiv außer Frage.] Übrigens wird "kokoro" mit dem Kanji geschrieben, das chinesisch "Shin" ausgesprochen (und von den Rot-Chinesen neuerdings "xin" transkribiert) wird und ursprünglich - wie "Fuku" - den Bauch bezeichnete, eben den Ort, an dem die Chinesen das "Herz" vermuteten. Nein, liebe Küchen-Sinologen, die Ihr ein paar Semester Rot-Chinesisch studiert habt und jetzt bedenklich mit dem Kopf wackelt: "Wèi" - das Wort, das in Euren modernen Wörterbüchern für Bauch steht, war ursprünglich bloß der (kranke) Magen, deshalb findet Ihr es auch in allen möglichen und unmöglichen Kombinationen von Magenkrebs und Magengrube bis Gastritis. Die ursprüngliche Bedeutung von Xin findet Ihr dagegen in noch nicht ausgetilgten Kombinationen wie z.B. Xinwor. Vertraut Dikigoros, seine Informationsquelle ist eine Taiwanesin, die klassische chinesische Filologie studiert hat und sicher mehr darüber weiß als alle deutschen und rot-chinesischen "Sinologen" zusammen.

Zurück zu den Völkern, die das "Herz" in der Leber suchen. Irgendwie haben sie ja Recht, denn das Herz ist doch eigentlich nur ein großer Muskel, der die paar Liter lauwarmer Suppe aus Salzwasser und Hämoglobin, die ein Wahl-Ossi aus Hessen mal einen "ganz besonderen Saft" genannt hat, durch unseren Körper pumpt. Die Leber dagegen reinigt diese Suppe von Schadstoffen und Giften; und da muß doch der Analogie-Schluß erlaubt sein, daß sie auch die mehr oder minder schädlichen Gefühlsregungen filtert, die auf den Menschen einwirken und von ihm ausgehen. (Eine Vorstellung, die übrigens auch dem Abendland nicht ganz fremd ist: Von der Antike bis zum Mittelalter glaubte man an die Verarbeitung und Ausscheidung schlechter Gefühle durch die Leber-Galle, und diesbezügliche Redewendungen haben sich in den meisten westlichen Sprachen - so auch im Deutschen - bis heute erhalten.) Eine dieser gefühlsmäßigen Regungen, für das die Leber den Asiaten denn auch in erster Linie steht, ist der "Mut zur Grausamkeit" - der grundsätzlich als positive Eigenschaft gilt. Eine andere Gefühlsregung legen dagegen nur Ausländer in diesen Begriff - und Asiaten, die ihrer eigenen Kultur schon völlig entfremdet sind und deshalb vom westlichen Nebenbegriff für Herz auf ihre Leber zurück schließen: die "Liebe", jene merkwürdige romantische Erfindung des Abendlandes. Das fällt ihnen umso leichter, als es dafür in Asien keine richtige Entsprechung, folglich auch keine andere Bezeichnung gibt. Dikigoros erinnert sich noch gut an den Sommerhit des Jahres 1982, den eine Malaysierin mit dem japanischen Künstler-Namen "Sakura" für eine Schallplatten-Firma mit dem indischen Namen "Garuda" in Indonesien zur Nr. 1 machte. Die Musik war vollkommen westlich, und der Text auch: Nein, nicht "Eine neue Leber ist wie ein neues Leben", sondern "Hati lebur jadi debu", eine gebrochene Leber - gemeint ist ein "gebrochenes Herz" im westlichen Sinne - wird zu Staub... Solche Schlager führen bei denen, die ein Land nur flüchtig bereisen und seine Kultur nur oberflächlich studieren, zu gravierenden Mißverständnissen, vor allem wenn sie nur den Titel lesen und sich den vielleicht übersetzen lassen. Das Gefühl, das im Text besungen wird, ist "[rasa] sayang". Der Refrain beginnt mit dem Satz: "Hanya satu yang'ku sayangi (Nur einer [ist], für den ich fühle)." Dikigoros will die vielfältigen Haupt- und Nebenbedeutungen dieses Wortes (die irgendwo zwischen dem afro-amerikanischen "[feeling] blue" und dem russischen "Toská" angesiedelt sind) hier nicht weiter auseinander klamüsern; aber er kann den geneigten Lesern versichern, daß es mit "Liebe" im westlichen Sinne absolut nichts zu tun hat und daß die scheinbar nahe liegende Übersetzung "Es gibt nur einen, den ich liebe" schlicht falsch wäre.

Welche Folgerungen man auch immer ziehen mag aus dieser bemerkenswerten Übereinstimmung der asiatischen Wörter für Leber und ihre Nebenbedeutungen - Dikigoros ist jedenfalls überzeugt, daß die Syamesen von Song Khla mit den chinesischen Boat People aus Vietnam viel "Sanuk" hatten, so viel wie einige von ihnen im ganzen Leben nicht wieder. In ihren Augen und in ihren "Herzen" kann dieses Vergnügen kein Verbrechen gewesen sein, denn es hatte ja einen glücklichen Ausgang: Alle haben sich daran beteiligt; (fast) jeder bekam etwas von der schönen Beute ab; und niemand wurde bestraft. Also muß es Buddhas Segen gehabt haben. Friedrich Nietzsche - dessen Filosofie ebenfalls den Mut zur Grausamkeit predigt - schrieb einmal: "Es findet eine ständige Umwerthung aller moralischen Werthe statt; das machen die Verbrechen mit glücklichem Ausgang [...] Getheiltes Unrecht ist halbes Recht." Der ist freilich nie in Thailand gewesen, weshalb die dort gewesenen Falangs seine Worte wohl nie ernst nehmen werden - aber was soll's: Mai pen lai!

Exkurs. Ob der Aussagen der letzten Absätze ist Dikigoros heftig angegriffen worden, mehr als ob aller anderen Absätze dieser und überhaupt aller seiner "Reisen durch die Vergangenheit" - die nun wahrlich nicht arm an angreifbaren Absätzen sind. Was nichts daran ändert, daß diese Aussagen zutreffend sind. Angegriffen (nicht etwa in Frage gestellt - die Angreifer wollen keine Antworten hören, sondern "Recht" behalten) wurden und werden sie ausnahmslos von Leuten, die ebenso unbedarft wie einst Dikigoros selber durch Thailand gereist sind und von alledem nichts bemerkt haben. (Deshalb versteht Dikigoros sie auch, wenngleich er kein Verständnis für sie hat.) Manche jener Angreifer haben sogar eine Zeit lang dort gelebt - freilich weit vom Schuß irgendwo j.w.d. [für Nicht-Berliner: "janz weit draußen"] in der Provinz - und glauben deshalb, alles besser wissen zu müssen, obwohl sie durch die Bank ein Dasein fristen wie die berühmten drei Äffchen: Nichts sehen, nichts hören und nichts sagen können, denn sie leben ja mangels Sprach-, Lese- und Schreib-Kenntnissen als taubstumme Analfabeten im Lande. (Was durchaus erwünscht ist; es gibt ein syamesisches Sprichwort, von dem die Thais erwarten, daß sich alle Ausländer brav daran halten, und das lautet: "Wenn du in ein Land kommst, wo die Einwohner die Augen vor dem Bösen verschlossen halten, so halte auch du deine Augen verschlossen." Und einen Spruch: "Es ist besser, wenn der Ausländer nicht zuviel weiß." Deshalb erfahren die meisten Falangs nicht einmal, wie das Land richtig heißt, denn die Thais korrigieren Sprachfehler von Ausländern ebenso wenig wie die Japaner oder die Chinesen - nicht aus Höflichkeit, sondern weil sie nicht wollen, daß die ihre Sprache richtig beherrschen.) Und so gilt bei jenen braven Ausländern denn der Satz, daß nicht sein kann was nicht sein darf, und daß sie nicht heiß macht, was sie nicht wissen. Und wo Wissen gegen Glauben steht, da ist das halt wie mit den Äpfeln und Birnen, die man nicht miteinander vergleichen kann. Dikigoros ist tolerant, jeder mag glauben, was er will und nach seiner Façon selig werden. Es gibt durchaus ehrenwerte Freunde der Weisheit, die das eben zitierte Lebensmotto ganz offen vertreten; und Dikigoros respektiert das. Für viel schlimmer hält er die Leute, die meinen, daß sich die Schwere eines Verbrechens nach der Zahl der Opfer, also der Nullen, bemessen müsse. (Ob die selben Leute schon einmal darüber nachgedacht haben, wie viele unschuldige, ungeborene Kinder jedes Jahr bei uns im Westen getötet werden? Da ist die berühmte Sechs-Millionen-Grenze längst überschritten, und darüber gibt es sogar ganz offizielle, nachprüfbare Zahlen, seit die Abtreibung weltweit legalisiert ist.) Das sieht Dikigoros anders, und deshalb findet er auch keine Entschuldigung für die Thais. Exkurs Ende.

Die Thais haben auch nicht die Ausrede, daß sie irgend ein böser Diktator aufgehetzt hätte, diese Verbrechen etwa in blindem Gehorsam zu begehen - im Gegenteil: Ihr langjähriger König Bhumibol stammt zwar aus der Familie der Fürsten von Song Khla, ist aber persönlich ein braver Mann, der am liebsten komponiert und musiziert ("böse Menschen haben keine Lieder!") und selber sicher noch keiner Fliege etwas zu Leide getan hat. Aber er ist halt auch kein typischer Thai: Er ist in den USA geboren (in einer bekannten Universitäts-Stadt, wo seine Eltern studierten; auch er selber spricht mit seinen Kindern nur Englisch), in der Schweiz zur Schule und auf die Universität gegangen (deshalb führte er auch bei Hofe die von ihm bevorzugte Schweizer Küche ein), und er interessiert sich ausschließlich für westliche Musik - Thai-Musik ist ihm ein Greuel, ebenso wie die Thai-Küche und die Thai-Sprache, wenngleich er das als höflicher Mensch und guter Landesvater nie laut sagen würde. Und er ist der erste Herrscher auf dem Thai-Thron, der die Zivilcourage hatte zu sagen: "Von meiner einen Frau, der Sirikit (die man ihm 1950, nach vier Jahren Regentschaft, zwangsweise aufs Auge gedrückt hatte, damit er endlich zum König gekrönt werden konnte - was ohne Ehefrau nach Thai-Verständnis nicht möglich gewesen wäre), habe ich die Nase so voll, daß ich mich hüten werde, noch mehr Weiber zu heiraten." Und seine beiden ältesten Töchter, Sirinthorn und Chulabhorn, schickte er, wiederum unter Verstoß gegen alle alt hergebrachten Thai-Sitten, nicht in den Puff, pardon, den Harem irgend eines anderen südostasiatischen Duodez-Fürsten, sondern auf die Schule und an die Universität; und ihren Studienabschluß feierte er jeweils mit einem großen Volksfest, um seine Untertanen anzuspornen, es ihm nachzumachen - leider ohne größeren Erfolg. (Seine dritte Tochter - die Dikigoros persönlich kennt - hatte keine Lust zum Studieren, sondern wanderte in die USA aus, um dort zu heiraten; sie wurde zur Strafe von der Thronfolge ausgeschlossen, was sie indes wenig kratzte, da sie ohnehin ziemlich weit unten rangierte.) Bhumipol trägt nach hinduïstischer Tradition den Herrscher-Namen "Rāma IX", so wie er seinen Staat nicht mehr "Syām (Land)" nennt, sondern auf Indisch "Pradesh (Provinz)" und seine Währung nicht mehr Tikal, sondern "Baht", von Indisch "Bāt (Kredit)" - aber das ist eine andere Geschichte. Gemäß einer alten Weissagung soll "Rāma IX" der letzte König von Thailand sein; und trotz aller Treueschwüre des Thai-Volks zu seinem Königshaus ist Dikigoros geneigt, dieser Profezeiung zu glauben.

[Und noch ein Nachtrag - damit kritische Leser sehen, daß Dikigoros durchaus zu differenzieren weiß und das selbst in Bezug auf die Thais tut, wenn es denn angezeigt ist. Es gibt - auch wenn die so genannte "Weltöffentlichkeit", d.h. die von den Massenmedien manipulierte Konsumentenschaft das kaum noch wahr nimmt - noch immer (oder wieder) "Boat People" in Südostasien. Anno 2009 ereiferte sich das USCRI (US-Komitee für Flüchtlinge und Migranten) darüber, daß die Thai-Marine mehrere Boote mit insgesamt fast 1.000 Rohingya-Flüchtlingen aus "Birma" aufgebracht, zurück auf hohe See geschleppt und dort "ihrem Schicksal überlassen" habe. So so. Aber erstmal gibt es da einen ganz wesentlichen Unterschied: Während die "Boat People" aus Vietnam in den 1970er Jahren brave, fleißige, integrationswillige Chinesen waren, handelt es sich bei den Rohingya um muslimische Trouble-maker, die (fast) kein Land der Welt haben will - auch Barmāa nicht. (Entgegen weit verbreiteter Meinung sind das auch keine Nachkommen indischer Bengalen - die wurde schon in den Jahren nach 1947 ermordet oder vertrieben -, sonst würde Bangla Desh sie wohl aufnehmen, sondern Nachkommen irgendwelcher Araber, die sich dort mal festgesetzt hatten.) Und dann - was hätte die Thai-Marine denn sonst tun sollen? Sie an Land gehen und dort von der aufgebrachten Bevölkerung tot schlagen lassen? Das wäre doch sicher das schlechtere "Schicksal" gewesen als das, dem sie auf See ausgesetzt waren, nämlich von westlichen Schiffen aufgegriffen und dann als Asylanten an die BRDDR weiter gereicht zu werden! Ihr meint, es hätte doch noch eine dritte Alternative gegeben, nämlich sie in Thailand aufzunehmen und sie vom Militär mit Waffengewalt vor der bösen Bevölkerung zu schützen? Pardon, so etwas mögen sich die Regierenden in gewissen westlichen Ländern erlauben können - nicht aber in Thailand, wo sie tagtäglich fürchten müssen, vom Volkszorn hinweg gefegt zu werden. Ausländische, vor allem muslimische Asylanten gegen den Willen des Volkes ins Land zu holen, würde dort jeder Regierung das Genick brechen - das ist eben anders als etwa in der gut-demokratischen BRDDR. Denkt mal drüber nach! Nachtrag Ende.]

Nicht, daß die Nachbarvölker der Thais so viel besser wären - diese traurige Erfahrung machen die Flüchtlinge bald, als sie ihr Reiseziel in Malaysia ändern. Nein, dort überfallen sie keine "Piraten", sondern die malaysische Regierung nimmt sich ihrer an: In den Konzentrations-, pardon, Flüchtlings-Lagern von Pulau Bidong, einer Insel vor der Ostküste der Halbinsel Malakka, verrecken sie wie einst die entwaffneten Truppen der Wehrmacht in den Lagern der amerikanischen Besatzungszone oder die ostdeutschen Flüchtlinge in den Lagern der Sowjetischen Besatzungs-Zone Deutschlands. Und Dikigoros muß zu seiner Schande gestehen: Er war damals auch in Malaysia, und wenn man ihn gefragt hätte, hätte er wohl erneut H. H. Vogts zitiert. Dabei ist er nun wahrlich nicht, wie so viele andere Globe-Trottel, mit einem Brett vorm Kopf und verschlossenen Augen und Ohren um die Welt gereist. Im Gegenteil, er hat überall, so auch in Malaysia, intensiv den Kontakt mit der Bevölkerung gesucht und gefunden, und die Chinesen (mit denen er dort mehr Kontakt bekommen hat als mit den anderen Volksgruppen, da sie besser Englisch sprechen) haben kein Blatt vor den Mund genommen über ihre Diskriminierung durch die malaiische Regierung, auch nicht gegenüber ihm als Außenstehenden. Wenn sie vom Schicksal der Boat People gewußt hätten, hätten sie es ihm sicher nicht verheimlicht. Aber sie saßen vornehmlich an der Westküste; und Pulau Bidong war weit und gut abgeschottet... selbst Malaysiern war das Betreten streng verboten. (Nein, liebe Leser, Dikigoros wird Euch jetzt nicht mit falschen Parallelen in Sachen "deutsche Konzentrationslager 1933-45" kommen: Die Deutschen haben damals sehr wohl gewußt, daß es die gab; so wie man heute weiß, daß es Gefängnisse gibt - aber wenn man nicht gerade Anwalt oder Knacki ist, weiß man halt nur in den wenigsten Fällen, was da drinnen vor sich geht, zumal wenn diejenigen, die wieder heraus dürfen, zum Schweigen vergattert worden sind und sich auch daran halten. Und Otto Normalverbraucher dürfte schwerlich Gelegenheit gehabt haben, mal eben ins General-Gouvernement zu reisen, um dort die "Vernichtungslager" - die es ja im "Alt-Reich" als solche nicht gab - von innen zu besichtigen und zu testen, was nun tatsächlich aus den Duschen kam.)

[Wappen Malaysia]

Als Dikigoros aus Malaysia zurück kehrt und das alles erfährt, beginnt er, sich etwas näher mit der Geschichte und Vorgeschichte dieser Ereignisse zu beschäftigen. Und weil die Quellenlage in Deutschland wegen der heimlichen Zensur des (Ver-)Schweigens äußerst dünn ist, beginnt er noch ein paar Fremdsprachen zu lernen: Bahasa (die Sprache Malaysias - und Indonesiens, aber über das Schicksal der dort lebenden und sterbenden Chinesen schreibt er an anderer Stelle), Japanisch und auch etwas Chinesisch. Nein, kein richtig brauchbares gesprochenes Chinesisch (er bekommt das mit den verschiedenen Tonstufen nicht hin), aber immerhin lernt er, mit einem Wörterbuch umzugehen, und wer das mal versucht hat, ohne es gelernt zu haben, weiß, was das heißt... Und schon dabei lernt man ja eine ganze Menge über ein Land: Zum Beispiel, daß es gar kein einheitliches "Chinesisch" als Sprache gibt, und folglich auch gar kein einheitliches "chinesisches" Volk: Es gibt in China ebenso viele und so völlig verschiedene Völker und Völkchen wie in Europa oder Indien, die allesamt von den nordchinesischen Han unterdrückt werden, die versuchen, den anderen ihre Sprache, das "Mandarin", aufzuzwingen, indem sie behaupten, das sei die einzige Kultur- und Schriftsprache, und mit dieser schönen Sprache bzw. ihrer Schrift alleine könne man auch alle innerchinesischen Grenzen überwinden, da alle anderen "chinesischen Dialekte" gleich geschrieben würden. Das ist ein ziemlicher Blödsinn, so als wollte man behaupten, da alle europäischen Sprachen mit lateinischen Buchstaben geschrieben werden können, wäre das Lateinische das einzig vorstellbare Verständigungsmittel für alle Europäer, oder da fast alle indischen Sprachen in der Dewnagrī-Silbenschrift dargestellt werden können, könnten und müßten sich auch alle Inder in Sanskrit verständigen können. Tatsächlich hat auch das Kantonesische eine eigene Schrift, ebenso wie die Kantonesen (das sind die Leute, die u.a. die Hauptbevölkerung Hongkongs und der meisten chinesischen Kolonien im Ausland - auch in Vietnam - stellen) eine eigene Sprache, eine eigene Küche und überhaupt eine eigene Kultur haben. Und in ihrem südlichen Nachbarland ist es so ähnlich; anders als David meinte, sind halt nicht alle Vietnamesen gleich, geschweige denn alle "Schlitzaugen".

Nur in einem sind sie sich alle ziemlich ähnlich, um nicht zu sagen gleich: in ihrem bis zum Fremdenhaß gesteigerten Nationalismus. Nein, nicht Rassismus, liebe Leser! Dikigoros hat nie Probleme mit den Japanern gehabt - die achten die Deutschen (wahrscheinlich, weil sie die nicht besonders gut kennen), während sie ihre chinesischen und vor allem koreanischen Brüder und Schwestern zutiefst verachten und diskriminieren, selbst wenn sie in Japan leben oder gar die japanische Staatsangehörigkeit haben. Auch mit Taiwanesen hat er nie Probleme; allein die Rot-Chinesen scheinen alle kapitalistischen (und wie man Dikigoros glaubhaft versichert hat, auch kommunistischen - also überhaupt alle) Ausländer zu hassen. Und "Ausländer" sind nicht nur die Fremden aus anderen Staaten: Die Kantonesen hassen und verachten die Nordchinesen (was auf Gegenseitigkeit beruht), einschließlich der Mongolen und Mandschus, das sind für sie allemal barbarische "Hunnen". Und die Thais hassen überhaupt alle Ausländer; sie lieben und wollen nur ihr Bestes: ihr Geld. Und die Boat People hatten halt den Fehler begangen, Gold mit auf die Flucht genommen zu haben, und wenn es ein Volk auf der Welt gibt, das dafür seine Seele verkauft (wenn es denn eine hat - viel kann ein Thai dafür nicht bekommen, wenn man Dikigoros fragt), dann sind es die Thais. Kurzum: In Asien gibt es keinen Rassismus - weder als Haß auf andere noch als Solidarität untereinander -, sondern nur Nationalismus, und den gleich in extremster Form; und die Chinesen in Vietnam sind nur dessen auffälligste Opfer geworden, weil sich die Massenmedien im Westen ihrer Sache angenommen haben.

In die Massenmedien gelangt dieses Thema wiederum nur, weil sich ein paar Störenfriede in Europa in ungebetener Weise einmischen. Zum Beispiel der Verein "Ein Schiff für Vietnam", der sich und sein Schiff später unpassender Weise nach einer Ecke der Türkei, in die sich - außer Dikigoros und seiner Frau auf ihrer Hochzeitsreise - noch kein ausländischer Tourist verirrt haben dürfte, in "Komitee Cap Anamur" umbenennen wird. (Ob Rupert Neudeck, sein Gründer, noch nie vom "langen Kap" oder von der "Cap Arcona" gehört hatte?) Auf sein Konto gehen die wenigen vor dem Tod in malaysischen Lagern geretteten Vietnam-Flüchtlinge. Oder die Organisation "Mediziner ohne Grenzen", ein Verein vornehmlich französischer Ärzte. Die machen auch Druck auf ihre Regierung, den Chinesen zu helfen, wie damals vor einem halben Jahrhundert, als sie nach Indochina einwandern wollten. Die Franzosen haben zwar inzwischen alle ihre Kolonien am Pazifik verloren (bis auf Neu-Kaledonien, das werden sie einfach nicht los, weil die faule Mehrheit der Kanaken es viel bequemer finden, weiter den Franzosen auf der Tasche zu liegen als sich unter dem Namen "Kanakistan" selbständig zu machen und am Ende etwa selber arbeiten zu müssen), und das ganze ginge sie eigentlich gar nichts mehr an; aber um in der Weltöffentlichkeit als "großherzig" da zu stehen, machen sie ihre Grenzen ein kleines Stück auf (sie haben schon Millionen Afrikaner ins Land gelassen, da kommt es auf ein paar tausend Asiaten auch nicht mehr an). Aber damit ja kein Flüchtling glaubt, er könne sich auf die faule Haut liegen und in Saus und Braus herum schmarotzen, sucht man ihnen gezielt das mieseste Fleckchen Erde aus, das Frankreich zu vergeben hat: ein zugiges Plateau auf dem still gelegten Güterbahnhof im Südosten des alten Pariser Arbeiter- und Armenviertels "Les Gobelins", wo man die ausrangierten Lagerhallen abreißt und an ihrer Stelle schnell ein paar schäbige Plattenbauten hin rotzt, die man wie zum Hohn nach den Orten vergangener Olympischer Spiele benennt: "Les Olympiades". Dazwischen verläuft ein Gewirr kleiner und kleinster Gäßchen, die man allesamt unter dem Namen "Rue de Javelot" zusammen faßt - in den meisten Pariser Stadtplänen sucht man die freilich vergeblich. Da sollen sie in ihrem eigenen Saft schmoren wie die anderen Ausländer in ihren Ghettos, die längst zu Brutstätten der Kriminalität geworden sind, in die sich kein weißer Franzose mehr hinein trauen kann - und etwas anderes erwarten die Pariser hier insgeheim auch nicht. Weg mit Schaden.

Auch Kanada und Australien nehmen großzügig ein paar tausend "Boat People" (so nennt man sie jetzt) auf - vorausgesetzt, sie können Geld und eine ordentliche Ausbildung vorweisen, denn diese Staaten sind bei der Immigration schon immer selektiv gewesen. Und was macht der Rest der ursprünglich anderthalb Millionen Chinesen, die aus Vietnam geflohen sind? Er flieht nach Hongkong. Das ist noch immer eine Kolonie der Limeys. Aber die denken gar nicht daran, sich hunderttausende oder mehr Hungerleider ans Bein zu binden - jedenfalls nicht legal und mit Anspruch auf Sozialhilfe. Wer Schmiergeld zahlen kann, wird illegal herein gelassen und taucht irgendwo in den Armenvierteln unter, wo sich tüchtige Unternehmer (das sind die, die Hongkong zu einem Wirtschaftsfaktor gemacht haben, der den Rot-Chinesen bald derart in die Augen sticht, daß sie eines begehrlich auf seine "Rückkehr" werfen) diejenigen heraus picken, die man für irgendwelche Knochen- oder Drecksarbeiten (miß)brauchen kann. Der Rest wird abgeschoben nach Rot-China, und von ihnen wird nie wieder gehört; sie werden daher auch nicht der einen Million Toten hinzu gerechnet, welche die Boat People offiziell zu beklagen haben, denn ihre Leichen sind ja nie gefunden worden - "other losses" sagte man dazu nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa...

Darf Dikigoros noch ein paar Zeilen darauf verwenden, zu berichten, was aus den Haupt-Opfern der vorigen Zeilen geworden ist? Für die Toten von Hiroshima und Nagasaki stehen inzwischen nicht nur dort, sondern fast auf der ganzen Welt Denkmäler zweifelhafter Art und Güte - meist geht es ihren Erbauern weniger um die Opfer als um den Versuch, auch die friedliche Nutzung der Kern-Energie zu verunglimpfen Für die Opfer von Pelzerhaken hat der Magistrat von Neustadt ein Museum eingerichtet, in dem anfangs wahrheitsgemäß über das Kriegs-Verbrechen ihrer Ermordung durch die R.A.F. berichtet wurde. Ein paar Jahre später wird aus dem Verbrechen ein "Versehen", noch später ein infames Täuschungs-Manöver der SS, die den armen, unschuldigen Piloten der R.A.F. und ihrem Bomber Command "eine perfide Falle zur Vernichtung der Häftlinge gestellt" habe, indem sie ihnen weis gemacht habe, auf den Lazarett-Schiffen hätten sich der von den Toten auferstandene Hitler und seine wichtigsten Helfershelfer befunden, die gerade nach Norwegen oder Südamerika fliehen wollten - wenn das kein Grund zum Angriff war! (Wie schrieb mal ein gewisser Rudolf Augstein im Spiegel: "Geschichte muß alle zehn Jahre umgeschrieben werden." Recht hat er.) Wie war das gleich: "Nichts ist unmöglich..." - ach nein, das war ja ein anderes Kap. Heute steht an der Strandpromenade zwischen Neustadt und Pelzerhaken ein Denkmal, auf dem die Toten des britischen Terror-Angriffs als "Opfer des Nationalsozialismus" bezeichnet sind, während ihre Mörder als hochherzige Befreier gewürdigt werden. Es wird einmal im Jahr von Politikern aller im Magistrat vertretenen Parteien besucht, die diese Lüge in wohl gesetzten Worten wiederholen; andere einheimische Besucher hat Dikigoros an dieser Stätte der Schande nie gesehen. Man hätte die Zeugen damals vielleicht doch besser alle umgebracht, dann hätten sie nicht mehr weiter erzählen können, wie es tatsächlich war - diese Scheiß-Wahrheit vergiftet doch bloß die Atmosfäre zwischen den Verbündeten, die uns die Limeys ja heute sind!

A propos Scheiß-Wahrheit: Für die ermordeten Boat People gibt es bis heute nirgendwo ein Denkmal, weder in China noch in Vietnam, und natürlich erst recht nicht bei ihren Mördern in Thailand oder Malaysia. Nur einen kleinen buddhistischen Altar in Paris und einen Müllberg aus alten Blechdosen und Ziegeln auf Pulau Bidong, den die Malaysier zur Erinnerung an und Warnung vor diesen "Umweltverschmutzern" haben stehen lassen. Denn die heutige offizielle Version der malaysischen Regierung zu diesen Ereignissen - die fast so verlogen ist wie die des Neustädter Magistrats zum Fall "Cap Arcona" - lautet wie folgt: "Bis 1996 (...) waren an die 40.000 'Boat People' hier. Heute sind alle Flüchtlinge in andere Teile der Welt umgesiedelt oder nach Hause zurück geschickt worden, und die Flora und Fauna der Insel kann sich wieder erholen." Dem UNHCR, der die Finanzierung des Lagers übernommen hatte - während die Gärtnerarbeit (jawohl, liebe Leser, Pulau Bidong und seine Umgebung gelten als "National-Park", und dafür sagt man auf Malaiisch "taman negara", Staats-Garten) den Böcken vom malaysischen Roten Halbmond übertragen wurde - wurde dagegen 1991 von der malaysischen Regierung ein Abschlußbericht vorgelegt, wonach 252.452 Boat People im Lager gewesen seien, deren "Versorgung und Betreuung" den bundesdeutschen und anderen westlichen Steuerzahlern gebührend in Rechnung gestellt wurde. (Merkwürdig nur, daß die Flüchtlinge es trotz dieser kostspieligen Versorgung nötig hatten, malaysischen Schmugglern, die nachts durch die Absperrung schlüpften, gegen den Rest ihres Goldes Lebensmittel zu stark überhöhten Preisen abzukaufen - gar mancher Malaie hat sich daran nicht nur im übertragenen Sinne eine Goldene Nase verdient; und gar mancher Flüchtling ist, wenn er kein Gold mehr hatte, schlicht verhungert.) Wenn aber am Ende 40.000 Flüchtlinge weg geschickt wurden (Dikigoros hat hier diejenigen Zahlen genommen, die für Malaysia noch am schmeichelhaftesten sind; nach der Webseite der Boat People waren es 254.495 Flüchtlinge, von denen 9.365 "weg geschickt" wurden - allerdings rühmt sich alleine das "Komitee Cap Anamur", 10.395 gerettet zu haben) und kein einziger in Malaysia geblieben ist (was unstreitig ist), so könnte Dikigoros ja mal fragen, wie viele dann noch fehlen und was wohl aus ihnen geworden ist; aber s.o. - er will ja nicht (auf-)rechnen...

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In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts haben viele Völker in Europa aus der Katastrofe der vietnamesischen "Wiedervereinigung" gelernt - sie trennen mehr oder weniger friedlich den Wildwuchs, der zusammen gepfropft worden war, obwohl er nicht zusammen gehörte: Die Sowjet-Union löst sich in ihre Bestandteile auf, ebenso die Tschecho-Slowakei und (leider weniger friedlich, aber das ist eine andere Geschichte) Jugo-Slawien. Nur ein Volk, ein unverbesserliches Volk, setzt sich erneut die Narrenkappe auf und macht es genau umgekehrt: die Deutschen. Über seine Reisen in die DDR (nein, nicht vor dem Mauerfall - da wären sie beschwerlicher und gefährlicher gewesen als eine Reise über den Pazifik -; Dikigoros erlaubt sich aber, die DDR auch weiterhin "DDR" zu nennen) schreibt Dikigoros an anderer Stelle; hier will er sich auf nur einen Aspekt beschränken: die "Fijis". Sein Kollege Joe, der mit einer echten Fiji verheiratet ist, möge ihm verzeihen, er hat diesen Ausdruck nicht geprägt, sondern die Ossis. Natürlich gab und gibt es in der DDR gar keine Fijis; so nennen sie dort vielmehr die Vietnamesen, die an allen Ecken herum stehen und geschmuggelte Zigaretten verkaufen. Aber das sind nun keine Flüchtlinge chinesischer Abstammung, die im Holzboot über den Pazifik geflohen sind - im Gegenteil: Es sind Kader des kommunistischen Vietnam, die ins sozialistische Bruderland DDR geschickt wurden, um zu... ja, wozu eigentlich? Um zu arbeiten und zu lernen? Oder gar um arbeiten zu lernen? Ha ha. Nach übereinstimmender Auskunft aller Ossis, die Dikigoros darauf angesprochen hat, waren die Vietnamesen dafür viel zu dumm, zu faul und zu diebisch. Dikigoros bezweifelt zwar, daß ausgerechnet die Ossis das Recht haben, ein solches Urteil abzugeben; aber ihm fällt schon auf, daß die Bundesregierung da offenbar mit zweierlei Maß mißt: Die Vietcong-Kader in den "Neuen Bundesländern" (so nennt man die DDR heute auf Amtsdeutsch) werden immer noch mit Samthandschuhen angefaßt - trotz Milliarden-Zahlungen aus dem deutschen Steuersäckel an ihre Regierung, um die "Rückführung" zu finanzieren, bleiben sie einfach da und werden auch nicht abgeschoben; von ihren Opfern dagegen, den Boat People, hat die Bundesrepublik so gut wie niemanden aufgenommen.

Was ist sonst noch so passiert auf der Welt im allgemeinen und am Pazifik im besonderen? Die Inseln von Hawaii sind - juristisch zwar noch nicht, aber praktisch längst - japanisch geworden (so wie die Mittelmeer-Insel Mallorca deutsch), was man nicht nur daran sieht, daß es inzwischen entgegen einem in Deutschland weit verbreiteten Vorurteil auch Bier auf Hawaii gibt - japanisches natürlich. Die Japaner haben den Nachkrieg gewonnen. (Oder, wie einige Amerikaner sagen, den "Wirtschafts-Weltkrieg". Aber das ist wohl eine Fehleinschätzung; tatsächlich haben die Japaner gar nicht auf wirtschaftlichem Gebiet gesiegt, sondern vielmehr auf kulturellem, auf dem sie längst auch ihre alten chinesischen und ihre neuen deutschen Lehrmeister überrundet haben, deren Erbe sie bewahren; aber das ist eine andere Geschichte.) Und das, lieber Commodore Perry, obwohl die meisten von ihnen bis heute nicht gelernt haben, richtig Englisch zu sprechen - aber niemand würde noch im Ernst behaupten, daß sie darob etwa nur "halb-zivilisiert" wären. (Na ja, fast niemand; Frau Dikigoros hält die japanische Manga-, Hentai- und Porno-"Kultur" für primitiv und kindisch. Aber Kultur und Zivilisation sind halt nicht notwendiger Weise deckungsgleich, und die deutsche und amerikanische Kunst-, Literatur- und Filmszene von heute ist vielleicht weniger kindisch, aber kaum weniger primitiv.) Zumal ihr Wirtschaftswachstum atemberaubend ist, und da sieht man ja schon über einiges hinweg. Auch darüber, daß es wider alle herkömmlichen Regeln ökonomischer Vernunft überwiegend auf Pump gebaut ist. Der "Nikkei" - so nennt man den Aktien-Index der Börse von Tókyó - klettert in Schwindel erregende Höhen, und klettert und klettert... Dann kommt der "Big Bang", als er binnen weniger Tage von 41.000 auf 14.000 Punkte stürzt und sich das ganze als großer Schwindel der Banken und Wert(los)papier-Häuser entpuppt. (In der Folgezeit wird der Nikkei, der einst dreizehnmal so hoch stand wie der "Dow Jones" - sein amerikanisches Gegenstück an der Börse von New York - sogar unter den letzteren fallen.) Decken wir den Mantel des barmherzigen Schweigens über die Inseln von Nihon, über deren Wirtschaft die Sonne so bald nicht mehr aufgehen soll - fortan spricht es niemand mehr mit "p" aus...

Aber in den ersten Pariser Stadtplänen taucht die bisher verschwiegene (wenngleich schwerlich aus Barmherzigkeit) "Rue de Javelot" auf. Es ist alles ganz anders gekommen, als die Franzosen gedacht hatten: Die Boat People in "Les Olympiades" sind zu einer friedlichen, wohlhabenden Gemeinde mit hohem Steueraufkommen geworden; sie sind die erfolgreichsten aller Zuwanderer nach Frankreich (und sogar erfolgreicher als so mancher "echte" Franzose). Für sie war die Vertreibung aus Indochina letztlich ein Glück (so wie es rückblickend für viele Deutsche ein Glück war, nach 1945 aus Ost- und Südosteuropa vertrieben zu werden, auch wenn sie und ihre Nachkommen das bis heute nicht wahr haben wollen und es jedenfalls nicht gerne in der Öffentlichkeit hören), denn in ihrer alten Heimat am Pazifik hätten sie niemals diesen hohen Lebensstandard erreichen können - im Gegenteil, dort ist es immer weiter bergab gegangen.

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Bevor Dikigoros sich nun wieder Indochina zuwendet, ist es an der Zeit, dem geneigten Leser ein Geständnis zu machen: Er selber ist nie in Vietnam, Kambodiyā oder Laos gewesen (ebenso wenig wie in Nord-Korea) - und dennoch maßt er sich an, über diese Länder zu schreiben? Nun, er hat[te] ja seinen guten alten Freund Melone, der - wäre er nicht so schreibfaul gewesen - einer der großen Reiseschriftsteller des 20. Jahrhunderts hätte werden können; denn was er auf seinen Reisen um die Welt erlebt hat, würde ganze Bücher füllen: Er hat den Landweg nach Indien neu entdeckt; er hat Mittelamerika während des Bürgerkriegs bereist, er war (mit Dikigoros) in Südamerika und (ohne ihn) in Afrika, und er war einer der ersten Pioniere, die Indochina auf eigene Faust, d.h. ohne Pauschal-Arrangement vom Reisebüro, bereist haben, als das wieder möglich wurde. Melone ist Geschäftsmann, und obwohl für ihn "Wirtschaft" auch Wirtschaft im Sinne von "Bar" bedeutet, testet er nicht nur diese ausgiebig, sondern er läßt seine kritischen Kenner-Blicke auch über die anderen Wirtschaftszweige jener Länder schweifen, und nicht nur einmal. Im Ergebnis ist sein Urteil vernichtend: "Diese Länder taugen nicht mal für die Tourismus-Branche (er sagt nie "Tourismus-Industrie", denn es ist ja keine); wer außer Leuten wie mir soll sich das bei der Infrastruktur schon antun? Normal-Verreisern, die für ihren Urlaub viel Geld hin blättern, kannste das nicht zumuten, niemals." - "Und die Menschen?" will Dikigoros wissen. "Ja, die Prostituierten sind sehr nett, viel netter und viel weniger raffgierig als die Thailänderinnen; überhaupt ist ja dort alles viel billiger. Aber..." - "Aber es stehen ja nicht alle Leute bloß auf billig," versetzt Frau Dikigoros, "manche legen auch noch Wert auf Qualität und sind bereit, dafür etwas mehr Geld auszugeben." - "Genau so ist es," erwidert Melone, "Du würdest es da sicher keine 24 Stunden aushalten."

[Wappen von Vietnam] [Wappen von Laos] [Wappen von Kambodiyas]

Leider hält Melone nur bei Dikigoros und noch ein paar anderen Freunden Vortrag, nicht bei der Bundesregierung, dem Bundesverband der Deutschen Industrie oder anderen in Wirtschafts-Angelegenheiten maßgeblichen Stellen - aber die naïven Dummköpfe dort würden wahrscheinlich eh nicht auf ihn hören, sondern seine Berichte als Unkenrufe eines unverbesserlichen Kassandro abtun. (Es geht ja nicht um ihr eigenes Geld, sondern um das der Steuerzahler und Mitglieds-Firmen.) Schließlich hat man doch schon die Wirtschaft aller anderen ost- und südostasiatischer Schwellenländer mit massiven Entwicklungshilfe-Leistungen und Krediten zur schönsten Blüte gebracht! Aber leider ist das alles nur eine Scheinblüte, wie Melone richtig diagnostiziert hat, und sie währt nur kurz. 1997 bricht die Wirtschaft ganz Südostasiens zusammen - die Verbrecherstaaten Thailand, Malaysia und Indonesien erwischt es am schlimmsten. Und das kostet nicht nur Melones Arbeitgeber, sondern am Ende auch ihn selber den Kopf (und Frau Dikigoros hatte immer gedacht, der würde mal auf einer seiner halsbrecherischen Abenteuer-Reisen umkommen!) - aber das ist eine andere Geschichte.

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1999 gibt es noch eine "Wiedervereinigung": Hongkong kehrt nach Rot-China zurück - obwohl es noch nie Bestandteil der Volksrepublik China war (aber war die DDR je ein Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland? Ist sie es heute - außer auf dem Papier?) Nun kann erst recht niemand mehr nachprüfen, was aus dem Rest der Boat People geworden ist. Sie wären wohl inzwischen ohnehin eines natürlichen Todes gestorben. Und so mögen sie denn in Frieden ruhen - als Mordopfer in der blutigen Erde Thailands, Malaysias und Rot-Chinas oder auf dem Meeresgrund des Pazifischen Ozeans.

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Im Sommerurlaub 2001 besucht Dikigoros mit seiner Frau das Grab seiner Großeltern in Neustadt. (Seine Oma wäre am 1. August 100 Jahre alt geworden.) Neben der alten Kirche hat gerade ein neues "Ärztehaus" aufgemacht. Im Erdgeschoß befindet sich eine Apotheke. Inhaber ist... Ralf Clostermann, ein Enkel des heldenhaften Piloten aus dem Zweiten Weltkrieg! Nachfragen ergeben, daß ihm der Magistrat für das schöne Ladenlokal in bester Lage Sonderkonditionen eingeräumt hat - man muß doch etwas für die Wiedergutmachung tun, schließlich war sein Großvater ein Opfer des National-Sozialismus, oder jedenfalls fast, denn wie man schon in der 1951 erschienenen deutschen Übersetzung seiner Memoiren ("Die große Arena") nachlesen konnte, handelte es sich bei der Cap Arcona um "ein großes Torpedoboot, das aus allen Rohren feuerte". Allerdings wollten die verdammten Nazi-Deutschen das damals noch nicht glauben; und Dikigoros erinnert sich, daß das ganze auch im städtischen Museum von Neustadt - das erste Museum, in das sein Vater ihn als Kind mitgenommen hatte - ganz anders dargestellt wurde, nämlich so wie sein Großvater es beschrieben und wie er es hier wieder gegeben hat, denn der damalige Leiter des Museums war ein Augenzeuge der Geschehnisse und ergänzte die kleine Dauerausstellung noch um eigene Erlebnisse. Aber das ist viele Jahrzehnte her; inzwischen ist das Museum um einen Anbau erweitert worden, extra um eine neue, große Ausstellung zum brutalen Bombenangriff der bösen Nazis auf die unter ausdrücklichem alliierten Schutz stehenden Rot-Kreuz-Schiffe mit KZ-Häftlingen in der Neustädter Bucht anno 1945 unterzubringen. (Ein Glück, daß inzwischen alle, die es besser wußten, pardon, die aufgrund ihres schwachen Gedächtnisses glaubten, sich an etwas anderes zu erinnern, gestorben sind - sonst würde womöglich niemand in der Clostermann-Apotheke einkaufen, was Neustadt den Vorwurf des Antisemitismus eintragen könnte!) Nun kann man endlich erfahren, wie es wirklich war: Die SS gab einen getürkten Einsatzbefehl an die RAF, die sich täuschen ließ. (Nach einer anderen Version funkten die Briten an die Schiffe, daß sie herzlich eingeladen seien, den Hafen von Neustadt anzulaufen, und daß ihnen nichts geschehen würde; aber die SS fing die Funksprüche ab - wie immer das gehen soll - und leitete sie nicht an die Schiffe weiter, sondern funkte an die Briten, daß sich dort "Kriegsmaterial" befände, das dringend vernichtet werden müsse - eine fast ebenso überzeugende Erklärung.) Darüber, wie es nach dem Angriff weiter ging, herrscht dagegen wieder Einigkeit: "Wer ins Wasser sprang, den erschoß die SS, die noch im Moment der Katastrophe den Vernichtungsbefehl Himmlers befolgte. Sie schoß in die verzweifelt um ihr Leben kämpfenden Häftlingsmassen hinein, sie schlug sie von Rettungsbooten (der Alliierten?) weg; noch am Strand, wohin einige Häftlinge gelangen konnten, exekutierte sie die scheinbar Geretteten..." Zwar gab es damals nach Erinnerung von Dikigoros' Großeltern gar keine SS in Neustadt und/oder Pelzerhaken; aber das muß man wohl wieder auf eine Gedächtnislücke schieben. Dikigoros und seine Frau gehen auch am neuen, touristengerecht aufgeschütteten Strand entlang nach Pelzerhaken, wo früher ein simples Mahnmal an die Verbrechen der Alliierten erinnerte, pardon, an die Wohltaten der Befreier muß das ja heute heißen. Statt dessen gibt es dort jetzt einen neuen, bombastischen Friedhof. (Dagegen hat man den alten, kleinen "Heldenfriedhof" gegenüber dem Marinehafen von Hooligans zerstören lassen und nicht wieder hergestellt. Er erinnerte eh nur an ein paar unverbesserliche Nazi-Deutsche, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren.) Dort gibt ein großer, fünfteiliger Gedenkstein die damaligen Geschehnisse ganz genau - und für alle verbindlich - wieder: Danach starben hier am 3.5.1945 in einem "K-Z" 7.000 arme Opfer des National-Sozialismus aus 24 Nationen. Jawohl, so war's, denn wenn etwas so fest in Stein gehauen ist, dann kann es doch nur wahr sein - oder?

[Das verlogene Mahnmal von Pelzerhaken - so wird 
Geschichte gefälscht!]

Im selben Sommer 2001 liest ein alter Freund von Dikigoros das Erstlingswerk des mittlerweile weltbekannten Erfolgsautors Thomas Harris, "Schwarzer Sonntag". Es gefällt ihm so gut, daß er es auf einer häufig besuchten Meinungs-Plattform im Internet einer ausführlichen Besprechung würdigt. Ein paar nette junge Islamisten, die schon seit Jahren "unauffällig" in Deutschland leben - wie auch viele andere potentielle Terroristen aus der muslimischen Welt, die von der Bundesregierung geduldet werden, aus falsch verstandener "Toleranz" der Gutmenschen, aber auch aus Angst, sie könnten sich sonst rächen - und sich bestens "integriert" haben, lesen das Buch und finden die Idee gut. Sechs Wochen später, an einem Schwarzen Dienstag, führen sie sie aus.

[Der Tag danach. Manhattan]

Nachtrag September 2002. Im fernen Europa fast unbemerkt, hat sich unter dem Druck und Eindruck des neuen Weltunfriedens eine bemerkenswerte Annäherung zwischen den Völkern diesseits und jenseits des Pazifischen Ozeans vollzogen: Auf der Weltmeisterschaft der Balltreter, die von Japan und Korea gemeinsam ausgerichtet wurde (was viele - auch Dikigoros - im Vorfeld nicht ohne Sorge betrachtet hatten), ist es im Überschwang des Erfolgs fast zur Versöhnung zwischen den alten Feinden gekommen. Das japanische Publikum hat die völlig unerwarteten Siege seiner Mannschaft ausgelassen gefeiert, mit Sprechchören, in denen das Inselreich erstmals seit 57 Jahren wieder laut, deutlich und ungeniert "Nippon" gerufen wurde. Und die Amerikaner haben für den Anschlag vom elften September 2001 ein neues Schlagwort geprägt, das sie ausgerechnet der Bezeichnung der Japaner für ihren Atombomben-Abwurf auf Hiroshima, ebenfalls 57 Jahre zuvor, nachempfungen haben: "09/11". Und damit rechtfertigt sich erst recht die Aufnahme jenes Ereignisses in diese "Reise durch die Vergangenheit", auch wenn die heimliche Hauptstadt der USA nicht am Pazifik, sondern am Atlantik liegt.

* * * * *

Ach, wie gerne hätte Dikigoros diese "Reise durch die Vergangenheit" mit dem versöhnlichen Nachtrag des Jahres 2002 ausklingen lassen; aber Geschichte ist kein Wunschkonzert, und das Hauptthema ist nun mal der Pazifik und die Frage, wie friedlich er ist; und im Frühjahr 2011 hat er die Antwort gegeben mit einem furchtbaren Seebeben und einem dadurch hervor gerufenen Tsunami, der diesmal nicht Südostasien, sondern die japanischen Inseln traf, vor allem den Norden der Hauptinsel Honshū. Nun wäre das ja an sich nicht gar so schlimm, denn wenn ein Volk auf derartige Natur-Katastrofen bestens vorbereitet ist, dann das japanische, spätestens seit dem großen "Kanto"-Erdbeben von 1923, das eine sechsstellige Zahl von Todesopfern forderte. In Japan ist alles "erdbebensicher" gebaut, selbst die Atomkraftwerke, denn die Japaner waren nicht abergläubisch: Sie haben - trotz "08/15" - voll auf die friedliche Nutzung der Atomenergie gesetzt. Und nun hat es eines ihrer AKW erwischt: das auf dem nördlich Tōkyō gelegenen Fukushima. (Wenn Ihr diese Seite aufmerksam gelesen habt, wißt Ihr ja schon, was das bedeutet: "Glücksinsel".) Nein, nicht direkt, aber blöderweise hat es eine externe Stromleitung erwischt, über die das Kühlaggregat des AKW gespeist wird, und das ist nun für einige Zeit ausgefallen, was wiederum dazu geführt hat, daß Radioaktivität ausgetreten ist. Die Welt hält den Atem an und vergießt Krokodilstränen ob jener "Tragödie" - nur um geradezu beleidigt zu reagieren, als dann doch nicht das passiert, was insgeheim alle, insbesondere die US-Amerikaner, gehofft hatten: daß die radioaktive Wolke gen Süden ziehe und die Hauptstadt erreiche, die man unmöglich rechtzeitig hätte evakuieren können - das hätte schätzungsweise 10 Millionen Tote gekostet und Japan für absehbare Zeit als wirtschaftlichen Konkurrenten ausgeschaltet. (Der Nachrichtensender CNN sendete Tage lang rund um die Uhr Berichte zu just diesem Szenario, die z.T. so gehässig sind, daß verschiedentlich sogar der Verdacht geäußert wird, daß die USA, genauer gesagt eine geheimnisvolle staatliche Einrichtung namens HAARP, den Tsunami künstlich herbei geführt habe; aber das hält Dikigoros denn doch für unwahrscheinlich - nicht aus moralischen, aber aus technischen Gründen.) Aber nichts dergleichen geschieht, ja, es bricht nicht mal die kleinste Panik aus, es kommt weder zu Plünderungen noch zu Mord und Totschlag, wie das z.B. 2005 in New Orleans der Fall war, als der vergleichsweise läppische Wirbelsturm "Katrina" - dessen Spuren noch immer nicht beseitigt sind - den Golf von Mexiko heim gesucht hatte. Geradezu wutentbrannt stellen sich die politisch-korrekten Gutmenschen die Frage: Ticken die Japaner denn so völlig anders, und wenn ja: warum? (Doch nicht etwa, weil sie noch eine echte Volksgemeinschaft haben, in der sich alle mehr oder weniger mit einander verbunden fühlen - anders als der "multi-kulturelle" Vielvölkermischmasch, den die USA inzwischen darstellen?)

Und in der BRDDR - wo es inzwischen ähnlich "multi-kulturell" aussieht: bereits 20% der Bevölkerung haben einen "Migrations-Hintergrund", Tendenz rapide steigend - nimmt man stirnrunzelnd zur Kenntnis, daß die Japaner die Folgen jener Katastrophe mit einem Finanzaufwand zu bewältigen planen, der nicht mal die Kosten für ein einziges Jahr DDR-Alimentierung erreicht. Aber irgendeinen Vorteil muß man doch in Mitteleuropa aus der ganzen Sache ziehen können - oder? Ja, gewiß, jedenfalls eine ganz bestimmte Gruppe saugt daraus Honig: die kriminellen Gegner der friedlichen Atomenergienutzung, die schon seit Jahren alles daran setzen, die BRDDR total von den Öl-Scheichs und Gas-Tsaren abhängig zu machen - denn die Kohlekraftwerke haben sie bereits still gelegt, und mit Sonnenlicht-Kollektoren, Growianen u.a. Unfug ist nicht ein Bruchteil der Energiemenge zu gewinnen, die ein hoch entwickelter Industrie-Staat benötigt. [Ihr wollt Dikigoros bitte nicht mißverstehen, liebe Leser; er ist durchaus der Meinung, daß man noch reichlich Energie einsparen und die Abhängigkeit so verringern könnte; aber dafür müßte man wieder zu einer einfacheren Lebensweise zurück kehren, z.B. statt täglich Auto zu fahren auch mal wieder das Fahrrad oder Schusters Rappen gebrauchen; er persönlich ist dazu bereit - aber die Mehrheit seiner Mitmenschen ist es definitiv nicht, am allerwenigsten die so genannten "Grün-Alternativen".] Die Manipulation durch die Monopolmedien setzt unvermittelt ein; Tag und Nacht wird der Normalverbraucher mit den Gefahren berieselt, die angeblich auch Europa drohen, wenn dort mal ein Tsunami... nein, an dem lag es ja gar nicht, es war vielmehr "der Fluch der Atomkraft"; also müssen alle AKW in der BRDDR sofort still gelegt werden. Und der kriminellen Vereinigung, die das am lautesten verkündet, gelingt es tatsächlich bei der wenig später anstehenden Landtagswahl im einstigen Musterländle der deutschen Industrie, Baden-Württemberg, die Macht zu ergreifen - der Wähler hat sich ins Bockshorn jagen lassen, und aus lauter Angst vor jenen Böcken zieht auch die Bundesregierung - obwohl die GAL an der gar nicht beteiligt ist - gleich nach und beschließt: Die BRDDR steigt aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie aus (die Atomsprengköpfe der US-Streitkräfte bleiben selbstverständlich auf deutschem Boden stationiert!) und zieht sich auch aus dem internationalen Forschungsprojekt ITER zurück. [Den Kerl, der dafür als "Umweltminister" verantwortlich zeichnet, hätte der besagte Wahl-Ossi aus Hessen - ein erklärter Fan seines Namensvetters Lavater, des Vaters der Fysiognomik - schon auf den ersten Blick als körperlich und geistig minderwertig eingestuft; für Dikigoros personifiziert er die Polit-Fratze der BRDDR schlechthin. Sein seliger Latein- und Geschichtslehrer hätte gesagt: "So einen hätten die alten Spartaner direkt nach der Geburt auf den Misthaufen geworfen!"] Damit steht fest, daß in absehbarer Zeit die Lichter ausgehen - oder, wie es mal ein Kabarettist ausgedrückt hat: Deutschland ist für den Untergang nominiert! (Aber das ist den Deutschlandhassern ja nur Recht :-) Auch daran ist also - jedenfalls indirekt - der vermeintlich so weit entfernte Pazifik schuld.


Anhang I: Interview des "Tagesspiegel" mit Dikigoros' Kollegen Andreas (dessen Auffassung er nicht unbedingt teilt; aber vielleicht finden ja die geneigten Leser eine Antwort auf die von ihm gestellten Fragen)...

Anhang II: ... und die Gegenrede (wegen der Ausgewogenheit :-)


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