KATRINAS SPUREN BLEIBEN

NEW ORLEANS ein Jahr nach der Katastrophe:

Eine Stadt zwischen Depression, Wiederaufbau und Legendenbildung

von Markus Günther (Mannheimer Morgen, 25. August 2006)

Sandy Smith hat reichlich Make-up aufgetragen. Sie ist nicht mehr die jüngste, vielleicht Anfang 60, viel zu blond und viel zu stark geschminkt. Sie trägt Bluse, Jeans-Rock und weiße Turnschuhe. Sie spricht mit starkem Südstaatenakzent und nennt jeden fremden Mann "Honey", was so viel heißt wie "Schätzchen". 20 solcher "Schätzchen" hat sie heute um sich versammelt für ihre tägliche "Post-Katrina-Sightseeing-Tour", eine dreistündige Rundfahrt, die "garantiert die besten Schauplätze der Katastrophe" und "echte Opfer und Augenzeugen" präsentiert. Für 35 Dollar plus Trinkgeld. Zwei Dosen Cola inklusive.

Katastrophentourismus ist heute in New Orleans die normalste Sache der Welt. Sandy Smith kam aus purer Not auf die Idee. Die langjährige Reiseführerin hat auch die Sumpftour, die Friedhofs- und die Plantagentour im Angebot. Doch weil es nur wenige Touristen und darunter nur wenige Familien gibt, sind die Katastrophengucker derzeit die besten Kunden.

"Ich erzähle Ihnen erst einmal meine eigene Geschichte", beginnt Sandy Smith, als der Bus losfährt, und schlägt die Beine übereinander. Durch die Strumpfhose mit den Laufmaschen sieht man dutzende von Moskitostichen, die in dieser Jahreszeit zum Leben hier einfach dazu gehören. Ihre Geschichte klingt beliebig und austauschbar, man hat das hundertfach gehört: Erst kam der Sturm, dann das Wasser, dann die Zwangsevakuierung. Die Tage in Hunger und Not, das Chaos, der rettende Hubschrauber, die Notunterkunft in Houston. Dann die Rückkehr zum Ort der Zerstörung, das marode Haus und die tote Katze im Dachstuhl. Jeder hier kann eine solche Geschichte erzählen. "Da oben, wo immer noch die Fensterscheibe fehlt", sagt Sandy Smith im Vorbeifahren, "ist damals ein Mann vom Sturm aus dem Fenster gerissen worden. Man hat ihn 400 Meter entfernt gefunden. Schlimm, nicht wahr?"

New Orleans ist ein Jahr nach dem verheerendsten Sturm der US-Geschichte in einem seltsamen Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Zukunft. Immer noch unter Schock und immer noch weitgehend zerstört, auf gut ein Drittel der alten Einwohnerzahl reduziert, aber übervölkert mit auswärtigen Hilfsarbeitern, fast ausschließlich Latinos, die unter Brücken und in Containern notdürftig campieren.

An manchen Stellen schon wieder prächtig herausgeputzt wie im French Quarter und im vornehmen Garden District, wo sich die Millionäre am Samstagmorgen wieder zur Weinprobe treffen. Auch der botanische Garten ist für eine Million Dollar saniert worden. Nur gibt es niemanden, der jetzt Zeit oder Lust hätte, einen botanischen Garten zu besuchen.

Nur einen Steinwurf entfernt liegen die Häuser im Viertel Gentilly noch in Trümmern. "Da, schauen Sie, da haben die Helfer die Zahl der Toten auf die Hauswand geschrieben. Und dort, das Loch im Dach, da sind Leute herausgeklettert und dann aus der Luft gerettet worden. Ja sicher, Sie können ruhig fotografieren."

Diesmal geht das noch gut, doch beim nächsten Stop haben die Leidgeplagten keine Lust mehr, sich von Touristen knipsen zu lassen. Einer wirft mit einem Dachziegel nach dem Bus und ruft: "Verschwindet!" Wir steigen schnell wieder ein. Einmal, erzählt Sandy Smith, ist sogar auf den Bus geschossen worden. Seither meidet sie das Viertel "Lower Ninth Ward", das Armenviertel, das am schlimmsten zerstört worden ist. "Aber das hier ist genau so interessant, Sie verpassen nichts."

Katrina hat sich in einem Jahr zu einem monumentalen Drama mit epochalen Ausmaßen entwickelt. Der Sturm ist vorüber, doch Katrina führt ein agiles Nachleben. Katrina ist heute Trauma und Forschungsgegenstand, Ausstellungsobjekt und Politikum, Buchthema und Arbeitsbeschaffungsprogramm, Wirtschaftsmotor und Wahlkampfthema, Armuts- und Kriminalitätsursache, Grund für Selbstmorde und Immobilienspekulationen.

Katrinas Spuren in den Straßen und in den Seelen sind unübersehbar. "Mit dem Sturm bin ich fertig geworden, aber jetzt, die Zeit danach, die bringt mich um", erzählt Gina Barbe, die nun arbeitslos ist und wegen Depressionen behandelt wird. Wie viele andere leidet sie unter den Bildern der Zerstörung, den Müllbergen, den Autowracks, den kaputten Häusern und dem Gestank nach Schimmel und Bauschutt. "Manchmal muss ich schon weinen, wenn ich nur einen Haufen Sperrmüll sehe."

Das klingt lächerlich, ist aber typisch für den Seelenzustand der Menschen in New Orleans. Die Selbstmordrate hat sich seit Katrina verdreifacht, Psychopharmaka werden doppelt so häufig wie früher verschrieben. "Das war kein Trauma, das nach 24 Stunden vergangen ist", sagt Kathleen Crapanzano, Psychiatrieexpertin im Gesundheitsministerium von Louisiana, "für die psychische Gesundheit der Menschen reicht es nicht, dass es Fortschritte im Detail gibt. Die Stadt als Ganzes muss wieder gesund und normal aussehen."

Doch das ist leichter gesagt als getan. Normal ist nichts in New Orleans. Erst 60 Prozent der Haushalte haben wieder Strom, nur 20 Prozent der Schulen sind wieder eröffnet worden, ganze 17 Prozent der öffentlichen Busse fahren wieder. Die Arbeitslosenrate ist höher als vor dem Sturm, und zugleich herrscht ein schlimmer Mangel an Arbeitskräften.

Zu den Problemen, die der Normalität im Weg stehen, gehört die Kriminalität. 55 Morde im ersten Halbjahr 2006, das ist - auf die Einwohnerzahl (etwa 160 000) bezogen - eine der höchsten Mordraten in den USA. Die nächtlichen Plünderungen sind so schlimm, dass im Juni die Nationalgarde anrücken musste. Der Polizeichef hat jüngst den Dienst quittiert; seine um fast die Hälfte reduzierte Truppe hat ganze Straßenzüge längst den Gangs überlassen.

Folgerichtig greifen immer mehr Einwohner selbst zur Waffe. Der Markt boomt. "Die Polizei kommt doch sowieso nicht, wenn man anruft", sagt Michael Mayer, der ein Waffengeschäft betreibt und zu den Gewinnern der Katastrophe gehört, "die Leute wollen sich selbst verteidigen. Frauen sind derzeit unsere besten Kunden." Die Ausbildung an der Waffe bietet er als kostenlosen Service an.

Die Tour von Sandy Smith ist unterdessen wieder in der Innenstadt angekommen. "Hier in der Canal Street sehen Sie die Geschäfte, die damals geplündert wurden. Aber das waren keine Einheimischen, das waren professionelle Banden von auswärts, die gekommen und wieder verschwunden sind." Die Katastrophentouristen nicken brav, weil man einer Dame wie ihr nun einmal nicht widerspricht. Die Tour geht zu Ende. Smith schwärmt vom besten Cocktail in New Orleans, der "Katrina", einer Mischung aus Wodka, Zitronensaft und Blue Caracao. Und sie bittet darum, Werbung zu machen, damit die Touristen bald wiederkommen. "Es ist doch eine wunderschöne Stadt, nicht wahr, Schätzchen?"

Das ist, genau genommen, eine interessante Frage: War New Orleans tatsächlich so schön, wie es immer hieß? Was war dran am Klischee aus Südstaatenromantik und schwarzer Musik? Schön war New Orleans eigentlich nur, wenn es dunkel war, wenn man schon etwas getrunken hatte und die vollbusige schwarze Sängerin in der Bourbon Street als Zugabe "Get here" sang.

Bei Lichte gesehen war die Stadt lange vor Katrina verbaut und heruntergekommen, von sozialen Spannungen zerrissen und in Korruption versunken. Ihre Schönheit war die einer zwielichtigen älteren Dame, viel zu blond und viel zu stark geschminkt. "Das war's", sagt Sandy Smith, und lädt zum Umtrunk in die nächste Eckkneipe: "Schätzchen, darauf trinken wir jetzt erst einmal eine ,Katrina'."


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