V. S. NAIPAUL
(Widiādhar Surājprasād Naipaul, *1932)

[Naipaul im Garten] [Naipaul am Schreibtisch] [Naipaul bei der Verleihung des 
Booker-Preises]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' SEITE
ALS ES NOCH KEIN INTERNET GAB -

Große Reiseschriftsteller des 20. Jahrhunderts

Er ist Dikigoros' Lieblings-Schriftsteller unter den noch lebenden, und das, obwohl sein Hindi-Lehrer - ein großer Gelehrter, der Naipaul persönlich kannte und die Übersetzung seiner Werke ins Deutsche betreut hat - ihn genau so beschrieb, wie das alle seine Kritiker tun (sogar die, die ihm ursprünglich wohlwollend gegenüber standen, wie sein langjähriger Freund Paul Theroux): als im zwischenmenschlichen Umgang schwierigen, misanthropen, hochnäsigen Brahmanen, dessen giftiger Sarkasmus an nichts und niemandem ein gutes Haar läßt, der immer etwas zu nörgeln, zu mäkeln und zu kritisieren hat. (Schon sein Gesicht sieht immer aus, als hätte er gerade auf eine Zitrone gebissen.) Deshalb hätte er wohl auch nie den Nobel-Preis für Literatur bekommen, für den er schon wiederholt vorgeschlagen war - denn wer läßt sich schon gerne kritisieren? -, wenn nicht... aber dazu kommen wir gleich. "Mit Rushdie komme ich wesentlich besser zurecht, obwohl der Muslim ist und ich Hindu," pflegte Dikigoros' alter Guru zu sagen, der sehr darunter litt, selber nur ein ("zweitkastiger") Kshatriya zu sein und das Gefühl nicht los wurde, trotz seiner unbestrittenen Verdienste von den ("erstkastigen") Brahmanen nicht als gleichberechtigt angesehen zu werden, auch nicht von diesem Schriftsteller, dessen Sanskrit-Kenntnisse gleich Null und dessen Hindi-Kenntnisse alles andere als überragend sind (Naipaul hatte auf der Schule in Trinidad Lateinisch und Französisch als Fremdsprachen gelernt) - und so einer schreibt nun Bücher über Indien... (Der alte Gelehrte tröstete sich mit dem Gedanken, daß in seiner Heimat, dem Panjāb, viele Erstkastige sich inzwischen als Bedienstete verdingen müssen bei wirtschaftlich erfolgreicheren Leuten aus seiner, der Krieger-Kaste: "Mahārāj ist bei uns gleichbedeutend mit Koch," pflegte er - auf seine Art kaum weniger boshaft als Naipaul - zu sagen.) Von ihm hat Dikigoros gelernt, wie Naipaul richtig heißt. Hinter der Abkürzung "V.S." verbirgt sich vermeintlich - so steht es jedenfalls in einer der ersten deutschen Übersetzungen seiner Werke - ein nichtssagendes "Vidiahar Suraiprassad". Tatsächlich hat Naipaul einen Namen, der Programm ist - wenn man ihn denn richtig liest: Widiā-dhar bedeutet "Wissens-Träger" (gemeint ist natürlich "heiliges, religiöses Wissen", wie es die Kenntnis der Weden vermittelt), Surāj-prasād "Opfergabe an den Sonnengott (den guten Herrscher)" - ein Name, der fürwahr eines Brahmanen würdig ist und jedem Insider sofort zeigt, welch hoher Abstammung sein Träger nach hinduïstischem Verständnis ist.

Über Naipaul's Erstlingswerke, "Der mystische Masseur" (1957) und "Ein Haus für Herrn Biswas" (1961), zwei autobiografisch angehauchte Romane über Naipaul's Heimat, die West-"Indischen" (also karibischen) Inseln, regte sich noch niemand sonderlich auf, fast ebenso wenig über "Die Mittel-Passage" (1962), die Beschreibung einer Reise durch die Karibik (die "gutmenschliche" Ausnahme findet sich hier - aber wohlgemerkt mit fast 40 Jahren Verspätung). Doch dann kam Naipaul die Idee, auf die Suche nach seinen Wurzeln zu gehen, in Indien (wo seine ältere Schwester Kamla Ende der vierziger Jahre als Stipendiatin der indischen Regierung studiert hatte). Resultat seiner zweijährigen Reise - von der Naipaul später sagen sollte, sie sei so traumatisch gewesen, daß sie sein Leben entzwei gebrochen habe - war "Eine Zone der Finsternis" (1964, deutsche Übersetzug unter dem irreführenden Titel "Land der Finsternis. Meine Heimat Indien" - Indien war eben nicht Naipaul's Heimat!), ein Reisebericht, der in der Feststellung gipfelte: "In Indien ist alles Schrott" ("shoddy" ist sein Lieblings-Wort über Indien). Nun kennt Dikigoros Indien recht gut (sicher besser als Naipaul :-) - auch für ihn war seine erste Reise dorthin ein Schlüssel-Erlebnis. Und obwohl er einräumen muß, daß dort tatsächlich Mensch und Material bis zum Äußersten (und das heißt halt oft: bis zur Schrott-Reife) beansprucht werden, hat es ihm dort fast immer sehr gut gefallen. Woher diese unterschiedliche Einschätzung? Vielleicht ist es eine Frage des Erwartungs-Horizonts: Dikigoros freut sich über jeden pünktlichen Zug, jedes saubere Hotel und jedes Restaurant, in dem das Essen gut ist; Naipaul ärgert sich über alles, auf das diese Aussagen nicht zutreffen - und hat deshalb vielleicht öfter Grund als Dikigoros, seine Stimme zu erheben.

Über ein Jahrzehnt später versuchte Naipaul es noch einmal; aber auch nach seiner zweiten großen Indien-Reise fällte er ein nicht minder vernichtendes Urteil: "Indien, eine verwundete Zivilisation" (1977). Gewiß, was er schrieb stimmte durchaus; aber es blieb eine Frage des Standpunkts: Naipaul kam aus der materiell "reichen" westlichen Zivilisation und konnte deshalb die Inder nicht begreifen, die unter Reichtum noch andere, natürlichere Dinge verstehen als ein dickes Bank-Konto und ein schnelles Auto, z.B. den Reichtum an Kindern - für den sie materielle Einschränkungen gerne in Kauf nehmen. Aber wie soll man das der Leserschaft einer kinderfeindlichen Welt vermitteln, bei der ein Spruch wie "Kinder statt Inder" bestenfalls Heiterkeit, meistenteils Unverständnis und schlimmstenfalls Aggressionen auslöst und die glaubt, Inder betrachteten ihre Kinder bloß als Alterssicherung, d.h. als Ersatz für die nicht vorhandene Renten-Versicherung? Die im Winter auf Ski-Urlaub jettet, mit dem Sessel-Lift auf Bergspitzen fährt und auf überfüllten Pisten die Hänge hinab brettert, die einen indischen Pilger, der wochenlang zu Fuß ins Garhwal-Gebirge an die Quellen des Ganges tippelt, unterwegs in schäbigen Unterkünften pennt und fastet, statt im Luxus-Restaurant einzukehren, schlicht für verrückt hält? Die über ärmliche, schmutzige, von Menschen, Affen und Ratten überfüllte Tempel nur die Nase rümpft (Naipaul tut das auch), da doch bei ihr zuhause die prächtigsten Gotteshäuser herum stehen - meist ziemlich leer, aber so bleiben sie wenigstens schön hygienisch-sauber! Nein, Dikigoros ist kein Aussteiger-Typ, aber über Naipaul's Indien-Bücher muß er lächeln. Weniger Humor hatten die ethno-linken Gutmenschen - bei denen war der Aufschrei groß: Wie konnte es ein "Inder" wagen, so etwas über die Heimat seiner Vorfahren zu schreiben? So ein kolonialistischer Nestbeschmutzer...

In der Tat fühlten sich nun erst einmal diejenigen bestätigt, die schon immer meinten, am islamischen Wesen (das immerhin monotheistisch war, also den tausenden hinduistischen "Götzen" theologisch "überlegen") sollte die indische Welt genesen, von alten britischen Kolonial-Offizieren a.D. bis zu pseudo-wissenschaftlichen Mode-Schriftstellerinnen wie Gisela Bonn oder Annemarie Schimmel. Naipaul erteilte ihnen die passende Antwort in "Unter den Gläubigen. Eine islamische Reise" (1981), Resultat einer Reise, die ihn - wie zur gleichen Zeit Dikigoros - durch den Iran, Pākistān, Malaysia und Indonesien geführt hatte. Mit beißendem Sarkasmus schildert er die "Errungenschaften" der muslimischen Religion in diesen Ländern - nun war er auch dort persona non grata. Bereits zuvor hatte Naipaul in "Guerillas" (1975) und "Ein Knick im Fluß" (1979, deutsche Übersetzung unter dem Titel "An der Biegung des großen Flusses") das düstere Schicksal des schwarzen Kontinents behandelt (er hatte dort - wie sein Freund Theroux - als Entwicklungshelfer gearbeitet), nachdem "die verwünschte Sonne der Unabhängigkeit über Afrika aufging", nachdem "die Weißen vertrieben und ihre Denkmäler zerstört waren" und als bereits abzusehen war, daß nach der "Entkolonisierung" auch die Inder vertrieben werden würden - die zusammen mit den Europäern das politische und wirtschaftliche Rückgrat jener Länder gebildet hatten. Nur vordergründig handelt es sich um Romane - Naipaul kann so seine Hauptfigur drastischer formulieren lassen, z.B.: "Was Hunde (er läßt "und Nigger" unausgesprochen) brauchen, ist ein ordentlicher Tritt."

Als ob er sich nicht schon zwischen alle Stühle gesetzt hätte, wandte sich Naipaul nun dem Westen zu - der ihn inzwischen für einen seiner engagiertesten Verfechter hielt. "Das Rätsel der Ankunft" (1987) schildert seine eigenen Erfahrungen (und Enttäuschungen), als er als junger Mann in das Mutterland des einstigen Empire kam, nach Groß-Britannien, das längst nur noch dem Namen nach "groß" war. Dahinter verbarg sich eine doch erschreckende materielle und kulturelle Armut, die Naipaul nun mit der gleichen zynischen Kritik - "trockener noch als der Gin, den er dabei trinkt" - beschreibt wie die in Asien und Afrika. Aber das allein macht dieses Buch nicht interessant; es sind vielmehr die Rückblicke auf seine frühen Reisen, mit Erfahrungen und Erkenntnissen, die er damals nicht hatte - und auch nicht haben konnte. Nicht nur die Fahrten nach Indien - das Gelobte Land seiner Fantasie - waren für ihn ein Schock, sondern auch die Rückkehr in die Karibik - die Inseln seiner Erinnerung -, denn nun bemerkte er, wie sie sich geändert hatte: Nach dem Ende der weißen Kolonialherrschaft hattem sich fast überall rassistische Negerregimes gebildet - nicht anders als in den meisten "dekolonisierten" Ländern Afrikas -, unter denen vor allem die wenigen noch verbliebenen Inder litten, die nun erst wußten, was sie an den Weißen gehabt hatten. Und urplötzlich erkannte Naipaul auch, daß er selber 1950 Teil einer "großen Völkerwanderung" war, die nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen hatte, und mit der nicht nur die Europäer aus ihren einstigen Kolonien in die Heimat zurück kehrten, sondern auch ihre einstigen Untertanen, die sich anschickten, die "Mutterländer" allmählich zu erobern. 37 Jahre, nicht mal ein Menschenalter, hatte ausgereicht, um die Orte so zu verändern, daß sie nicht mehr die seinen waren, wie er schrieb. Wohlgemerkt, ganz emotionslos und durchaus nicht resigniert; er nimmt das vielmehr mit filosofischer Gelassenheit: "Jede Forschungsreise, jedes Buch erweiterte mein Wissen und relativierte meine frühere Vorstellung von mir und der Welt." Und er meinte von ihm selber geschriebene Bücher und die Forschungen, die er dafür anstellen mußte, nicht etwa die Bücher, die andere geschrieben hatten - ganz im Gegenteil: "Die Vorstellung, daß die historische Wahrheit (Naipaul war, wenn er reiste, immer auch auf der Suche nach der Vergangenheit - wie Dikigoros -, denn ohne deren Kenntnis kann man die Gegenwart nicht verstehen) irgendwo in Bibliotheken aufbewahrt wird, in halb heiligen Bänden, mit halb göttlichen Wächtern, haben viele von uns... Doch Bücher sind greifbare Gegenstände, geschaffen oder hergestellt, um einer Nachfrage zu genügen..." Wohl wahr - aber welcher Hüter der Heiligen Grale der so genannten "historischen Wahrheit" will das schon hören? Wundert es Euch, daß so ein bekennender "Relativierer" und potentieller "Revisionist" sich nicht gerade beliebt machte? Solche Untertanen kann die Politik nicht brauchen, und solche Reisende, die auf eigene Faust in der nicht-verordneten Wahrheit herum schnüffeln, schon gar nicht. Nun, die Umerziehung - Glauben statt Wissen - trägt ja schon Früchte, wie Naipaul durchaus richtig erkannt hat, wenn er über die "neue Generation junger Menschen gegen Ende des 20. Jahrhunderts" klagt, die ihr Weltbild nicht mehr aus eigenen Reisen gewinnen, sondern es sich von Politikern und Religionsführern aus zweiter und dritter Hand vorsetzen und sich so verblöden lassen.

Damit nicht genug, ließ Naipaul 1989 "Eine Rundreise im Süden" (deutsche Übersetzung unter dem Titel "In den alten Sklavenstaaten") folgen - er beschreibt darin die Südstaaten der USA wie das tiefste Afrika. Seine Kritik an der "multi-kulturellen Gesellschaft", die bei allen Beteiligten zu "Wurzellosigkeit und Identitäts-Störungen" führt, könnte nicht profunder und radikaler sein. Das pauschal mit "Kultur-Pessimismus" zu umschreiben, wie es einige seiner Gegner tun, trifft die Sache nicht. Naipaul hat seinen eigenen Stil entwickelt, und der ist nun mal "erbarmungslos kritisch", wie es ein Kritiker erbarmungslos genannt hat; er hat nichts mehr gemein mit seinen einstigen literarischen Vorbildern Balzac und Maugham (über den er promoviert hatte). [Nachtrag 2008: Keine zwei Jahrzehnte später - Naipaul sollte es noch mit erleben - griff in den USA zum ersten Mal ein (Halb-)Neger nach der politischen Macht, die dort das Präsidentenamt verleiht. Aber es war kein Nachkomme jener Sklaven, wie sie im Süden - und nicht nur dort - lebten, sondern ein halber Kenyaner, der im Pazifik geboren und in Indonesien als Muslim aufgewachsen war. Die überwiegend weißen Wähler der "Democrats" stellten ihn auf - kann es einen besseren Beweis für Naipauls These geben, daß auch die an "Wurzellosigkeit und Identitäts-Störungen" litten? Die Schwarzen die ihn wählten sowieso, denn Barack Hussein Obama war ja gar keiner der ihren, die sie durch die Bank aus Westafrika stammten, also ganz anderen Ethnien angehörten.]

Naipaul's drittes Indien-Buch: "Indien. Eine Million Meuterer jetzt" (1990, deutsche Übersetzung unter dem Titel "Ein Land in Aufruhr") betitelte er so in Anlehnung an die "große Meuterei" im 19. Jahrhundert. Es ist ein reifes Alterswerk, mit großem Hintergrundwissen geschrieben, aber ihm fehlt die Unbefangenheit und Spontaneität seiner beiden Vorgänger. Naipaul war halt inzwischen weltberühmt; er konnte nicht mehr unerkannt und unbelästigt durch die Lande fahren, sondern jeder versuchte, ihm Indien von seiner besten Seite zu zeigen - freilich ohne ihn letztlich zu überzeugen. Auch die muslimischen Staaten durfte er noch einmal besuchen, ohne sich bekehren zu lassen: "Jenseits des Glaubens. Unter den bekehrten Völkern" (1998) heißt sein jüngstes Werk. Und allen, die ihn darob als "brahmanischen Muslim-Fresser" zu verunglimpfen suchen, hält er nur entgegen, daß er seit Jahren in zweiter Ehe mit einer Muslimin verheiratet ist: der pakistanischen Schriftstellerin Nadir Alwī. Zuletzt hat Naipaul mit dem - bewußten und vorsätzlichen - Tritt in ein weiteres politisches Fettnäpfchen von sich reden gemacht: So wie er einst Mobuto, den blutrünstigen Diktator und Totengräber des Kongo, demaskiert hatte (ja, liebe Leser, angesichts der vielen dummen Ethno-Linken, die so manches, was in der "Dritten Welt" vor sich ging, nicht durchschauten und auch gar nicht durchschauen wollten, war das durchaus demaskierend), so riß er zwei Jahrzehnte später dem britischen Polit-Clown Blair seine ewig grinsende Maske vom Gesicht, geißelte ihn als "Piraten", Philister und Totengräber der englischen Kultur und verglich ihn mit seinem Freund, dem rhodesischen Banditen Mugabe. Aber da war Naipaul längst zur Unperson geworden - und das verdankte er nicht zuletzt dem Schriftsteller, den Dikigoros Euch im nächsten Kapitel dieser "Reise durch die Vergangenheit" vorstellen will.

[Nobelpreis für Literatur]

So endete die Ursprungsfassung dieses Kapitels vom September 2000. Ein Jahr später war alles anders: Nach dem Kamikaze-Angriff islamischer Terroristen auf das World Trade Center in New York City war Naipaul plötzlich nicht mehr der unverbesserliche, griesgrämige Kritikaster, der die braven Muslime runtermachen wollte, sondern ein weiser alter Mann, der das alles vorausgesehen und rechtzeitig gewarnt hatte. Endlich wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen; Und alle Kritiker, die ihn bisher verrissen hatten, beeilten sich, ihn mit Lob zu überschütten. Insofern ist diese Seite jetzt beinahe überflüssig geworden, denn nun braucht Dikigoros keinen Reisenden mehr vorzustellen, der im deutschsprachigen Raum fast unbekannt ist, sondern könnte noch selber etwas dazu lernen aus der Fülle des Materials, das allenthalben über Naipaul zusammen getragen wird. Dennoch bevorzugt er nach wie vor, dies durch die Bücher Naipauls selber zu tun, und kurz nach der Preisverleihung erschien denn auch sein bisher letzter autobiografischer Roman: "Ein halbes Leben".

Und Naipaul veröffentlichte noch ein weiteres Buch - für das ihn seine alten Kritikaster[innen] wieder übel anfeindeten: "Abschied von Eldorado". Das sei doch keine sauber recherchierte, geschweige denn vollständige Kolonialgeschichte, sondern eine episodenhafte Anreihung von Einzelschicksalen; und es mangele Naipaul noch immer an dem von den Gutmenschen doch nun lange genug als politisch korrekt verordneten "Mitgefühl" mit den armen, ausgebeuteten Kolonialvölkern... Stimmt, liebe Leser, stimmt. Das ist keine universelle, politisch-korrekte "Kolonialgeschichte", wie sie ein Schreibtisch-Historiker verfaßt hätte, sondern eine Reise durch die Vergangenheit der Kolonien, speziell seiner Heimat. Und sie ist ganz unsentimental - na und? Sonst wäre Naipaul ja nicht mehr Naipaul - oder soll er, nur weil er den Literatur-Nobelpreis verliehen bekommen hat, jetzt auf seine alten Tage genauso jämmerlich daher schmieren wie die anderen, die ihn - mit viel weniger Recht - vor und nach ihm erhalten haben? Dann wäre er ja nicht mehr Naipaul... Und so haben seine Fans - die ja allmählich immer mehr werden - allen gutmenschlichen Anfeindungen zum Trotze auch dieses Buch wieder mit klammheimlicher Freude gelesen.

[Abschied von Eldorado]

Und, wie das so ist, verschwand mit der weltweiten Anerkennung auch der bittere Zug aus Naipauls Gesicht. Jetzt sieht er annähernd aus wie ein zufriedener alter Mann, der erreicht hat, was er wollte: den Menschen die Augen öffnen für die Welt, so wie er sie auf auf seinen Reisen gesehen hatte.

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