Freitag, 28. Juli
Nach einer etwas härteren Nacht, wache zumindest ich mit einem
knurrenden Magen auf. Ein altes Muttchen erklärt uns, dass wir
ziemlich mutig seien an dieser Stelle zu nächtigen. Ohne Frühstück,
Ralf hat jetzt seit 24 Stunden nichts gegessen, soll es nun an die Adria
gehen, um endlich Dreck und Gestank loszuwerden, der an uns schon seit
Amalfi haftet. Dort haben wir das letzte Mal Wasser an uns gelassen. Den
ersten Strand lassen wir wegen des überfüllten Parkplatzes links
liegen. Schade, da er leicht zugänglich war. Beim zweiten Versuch
haben wir scheinbar mehr Glück. Ein Parkplatz ist nämlich sehr
schnell gefunden. Wir stehen auf einer Klippe, der Strand naturgemäß
am unteren Ende. Wir wandern los. Ausgehungert. Mir fällt ein, dass
ich noch etwas vergessen habe, laufe zurück zum Bus. Dann den Anderen
hinterher. Der Weg zum Strand ist die Hölle. Eine relativ glatte Oberfläche
mit feinen Staub verpflichtet nahezu zum Ausgleiten. Nach einigen Beinahe-Unfällen
gelingt mir das dann auch. Ich liege im Dreck, die Schulter schmerzt ein
wenig. Doch weiter geht’s, immer weiter. Immer neue Kurven verlangen meine
volle Konzentration. Irgendwann und irgendwie komme ich dann doch unten
an.
Mit M.+M., die unten auf mich gewartet haben, stürzen wir uns in
die salzigen, aber dennoch kühlenden und vor allem reinigenden
Fluten. Ralf ist uns irgendwie abhanden gekommen. Ich schwimme also, immer
noch ausgehungert, den ganzen Strand ab und finde ihn schließlich
keinen Steinwurf von den Toiletten und Duschen entfernt. Na klar, wo sonst.
Man hätte gleich da suchen müssen. Aber auch ich möchte
nach zwei Tagen ohne WC, diesem hier einen Besuch abstatten. Die Toiletten
sind das Paradies, nirgendwo in Italien gibt es schönere. Wir haben
schon verschiedene Modelle erlebt. Mit Brille und ohne Brille, aus Metall
oder Keramik. Aber noch nie hatten wir Brille und Deckel zusammen.
Und dazu ausreichend Papier, der Raum nett gefließt. Und das ganz
unvermutet an einem Strand. Als ich jedoch mein Geschäft hinter mir
habe und erleichtert die Spülung betätige, passiert das wovor
sich jeder Mensch am meisten fürchtet. Der Abfluss ist verstopft.
Dem zu folge steigt das Becken bis oben hin an. Selbst Rettungsversuche
mit der Klobürste bewegen nichts. Was das Becken für einen Anblick
bietet, werd ich dem Leser lieber ersparen, wie gesagt ich war vor zwei
Tagen das letzte Mal auf einem WC. Ich verlasse ruhig die Toilette und
lege mich wieder zu Ralf. Das Problem scheint sich behoben zu haben, da
viele Menschen nach mir die Toilette nutzen und das ziemlich lange. Keiner
rennt vom Ekel ergriffen wieder heraus. Nachdem ich den Rest der
Gruppe zu uns geholt habe, geht es, immer noch ausgehungert und in sengender
Hitze, den Folterberg wieder hinauf. Total verschwitzt komme ich oben an.
Und wofür habe ich jetzt gebadet ? Wir fahren los.
Ein paar hundert Meter weiter weist uns dann ein freundlicher Autofahrer
auf unsere offene Heckklappe hin. Zum Glück haben wir gut gepackt
und so lag nur ein T-Shirt auf der Straße. Nachdem wir uns
in einem Supermercato mit allem zum Überleben nötigem eingedeckt
haben, zelebrieren wir auf einem Parkplatz, neben einer Bahnstrecke, ein
tolles 2 1/2 - Stunden-Frühstück. Obwohl man die Mahlzeit
schon nicht mehr als Frühstück bezeichnen kann, da es sich von
16 Uhr bis 18.30 Uhr streckt. Nach diesem exklusiven Mahl und einer intensiven
Unterhaltung über die Beziehung der einzelnen Gruppenmitglieder zu
Frauen (Weiberheld ab 20 Frauen), legen wir ab in Richtung Rimini. Über
eine sogenannte Panoramastraße von Pesaro nach Cattolica geht es
durch eine sehr schöne Landschaft. Links erstreckt sich eine wundervolle
Hügellandschaft, rechts hat man Blick auf´s Meer. In dem Badeort
angekommen, bricht über diese Touristenanlage ein Unwetter herein.
Es regnet, stürmt und blitzt was das Zeug hält. Wir freuen uns
schadenfroh über die Touris, die in ihren kleinen Pedalmobilen unterwegs
sind. Rimini ist völlig überlaufen, wir sind aber eher ruhigere
Orte gewöhnt. Nirgends haben wir bisher auch soviel Deutsche auf einem
Haufen gesehen. Etwas außerhalb suchen wir einen Platz zum Schlafen
und werden an einem riesigen Strohhaufen fündig. Der Regen hat sich
inzwischen eines besseren besonnen und lässt uns in Ruhe. Aber, hält
das auch die ganze Nacht ?
Wir sind uns nicht ganz sicher, nach einigen Diskussionen wird dann
schließlich wenigstens das Überzelt aufgebaut. Minimaler Schutz
gegen den Regen ist also gewährleistet. Wegen der hohen Regenwahrscheinlichkeit
muss das geplante Spaghettifestmahl leider verschoben werden. Wir ziehen
uns in den Bus zurück und laben an uns an Haferflocken. Gott sei Dank
fehlt es nicht an Milch, Zucker, usw. Merkwürdig, immer wieder sehen
und hören wir Autos auf der anderen Seite des Heuhaufens. Zuerst denkt
man ja an einen Bauern der uns vertreiben möchte. Aber alle Autos
fahren nach einer gewissen Zeit wieder ab. Nach einigen harten, teilweise
sehr persönlichen Diskussionen geht es dann ins Bett, bzw. in die
Saccos. Es scheint manchmal, als wären wir alle stinkige Hyänen,
die bei einer Schwäche des anderen, sofort übereinander herzufallen,
nicht abgeneigt sind. Es ist bei jeder Kleinigkeit darauf zu achten, dass
sich der andere nicht vor Beleidigtsein einpisst. Wenn ich daran
denke, dass wir inzwischen ein nicht geringes Gefühl von Zusammengehörigkeit
und Einsicht entwickelt haben und Urlaubsstimmung im Grunde schon vorhanden
ist, wundere ich mich, wie wir es am Anfang der Reise überhaupt miteinander
ausgehalten haben.
Samstag, 29. Juli
Die Nacht war gut und vor allem trocken, es herrscht schon wieder heiterer
Sonnenschein. Marcus will mitten auf dem Stoppelfeld seinen Brenner anwerfen,
wovon wir ihn mit Verweis auf die Situation in Pisa abhalten. Wir verlagern
unseren Frühstücksort auf die andere, feuersicherere Seite des
Heuhaufens. Was wir gestern im Dunklen nicht sehen konnten, zeigt sich
uns jetzt. Der Boden ist übersät mit benutzten Kondomen, deswegen
auch die ständig an- und abfahrenden Autos. Nutten gibt es hier sehr
viele. Sie stehen fast überall, selbst an den entlegensten Stellen
sind sie zu finden. Trotz alledem lassen wir uns unser Frühstück
auf diesem Platz schmecken. Kurze Zeit später ist es dann soweit,
wir baden an dem legendären Strand von Rimini. Vom Wasser hatte man
sich allerdings mehr erhofft. Es ist wirklich nicht das sauberste, man
kommt aber damit klar. Es muss gut sein, Tausende von blöden Touristen
können ja nicht irren. Wir wollen dann gerade den Strand verlassen,
als wir von einem halbstarken Italiener mit Machtfunktion darauf hingewiesen
werden, dass wenn wir weiter diesen Platz genießen wollen, ein Liegemöbel
für 8.000 Lire unbedingt notwendig sei. Wir machen ihm unsere Aufbruchsstimmung
klar und ersparen uns damit eine Drohung mit Platzverweis. Gebadet und
gebräunt fahren wir nun ins Ausland, nach San Marino.