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ANCONA
28. Juli  -  29. Juli
 
Freitag, 28. Juli

Nach einer etwas härteren Nacht, wache zumindest ich mit einem knurrenden Magen auf.  Ein altes Muttchen erklärt uns, dass wir ziemlich mutig seien an dieser Stelle zu nächtigen. Ohne Frühstück, Ralf hat jetzt seit 24 Stunden nichts gegessen, soll es nun an die Adria gehen, um endlich Dreck und Gestank loszuwerden, der an uns schon seit Amalfi haftet. Dort haben wir das letzte Mal Wasser an uns gelassen. Den ersten Strand lassen wir wegen des überfüllten Parkplatzes links liegen. Schade, da er leicht zugänglich war. Beim zweiten Versuch haben wir scheinbar mehr Glück. Ein Parkplatz ist nämlich sehr schnell gefunden. Wir stehen auf einer Klippe, der Strand naturgemäß am unteren Ende. Wir wandern los. Ausgehungert. Mir fällt ein, dass ich noch etwas vergessen habe, laufe zurück zum Bus. Dann den Anderen hinterher. Der Weg zum Strand ist die Hölle. Eine relativ glatte Oberfläche mit feinen Staub verpflichtet nahezu zum Ausgleiten. Nach einigen Beinahe-Unfällen gelingt mir das dann auch. Ich liege im Dreck, die Schulter schmerzt ein wenig. Doch weiter geht’s, immer weiter. Immer neue Kurven verlangen meine volle Konzentration. Irgendwann und irgendwie komme ich dann doch unten an. 

Mit M.+M., die unten auf mich gewartet haben, stürzen wir uns in die salzigen, aber dennoch kühlenden und vor allem reinigenden  Fluten. Ralf ist uns irgendwie abhanden gekommen. Ich schwimme also, immer noch ausgehungert, den ganzen Strand ab und finde ihn schließlich keinen Steinwurf von den Toiletten und Duschen entfernt. Na klar, wo sonst. Man hätte gleich da suchen müssen. Aber auch ich möchte nach zwei Tagen ohne WC, diesem hier einen Besuch abstatten. Die Toiletten sind das Paradies, nirgendwo in Italien gibt es schönere. Wir haben schon verschiedene Modelle erlebt. Mit Brille und ohne Brille, aus Metall oder Keramik.  Aber noch nie hatten wir Brille und Deckel zusammen. Und dazu ausreichend Papier, der Raum nett gefließt. Und das ganz unvermutet an einem Strand. Als ich jedoch mein Geschäft hinter mir habe und erleichtert die Spülung betätige, passiert das wovor sich jeder Mensch am meisten fürchtet. Der Abfluss ist verstopft. Dem zu folge steigt das Becken bis oben hin an. Selbst Rettungsversuche mit der Klobürste bewegen nichts. Was das Becken für einen Anblick bietet, werd ich dem Leser lieber ersparen, wie gesagt ich war vor zwei Tagen das letzte Mal auf einem WC. Ich verlasse ruhig die Toilette und lege mich wieder zu Ralf. Das Problem scheint sich behoben zu haben, da viele Menschen nach mir die Toilette nutzen und das ziemlich lange. Keiner rennt vom Ekel ergriffen wieder heraus.  Nachdem ich den Rest der Gruppe zu uns geholt habe, geht es, immer noch ausgehungert und in sengender Hitze, den Folterberg wieder hinauf. Total verschwitzt komme ich oben an. Und wofür habe ich jetzt gebadet ? Wir fahren los. 

Ein paar hundert Meter weiter weist uns dann ein freundlicher Autofahrer auf unsere offene Heckklappe hin. Zum Glück haben wir gut gepackt und so lag  nur ein T-Shirt auf der Straße. Nachdem wir uns in einem Supermercato mit allem zum Überleben nötigem eingedeckt haben, zelebrieren wir auf einem Parkplatz, neben einer Bahnstrecke, ein tolles 2 1/2  - Stunden-Frühstück. Obwohl man die Mahlzeit schon nicht mehr als Frühstück bezeichnen kann, da es sich von 16 Uhr bis 18.30 Uhr streckt. Nach diesem exklusiven Mahl und einer intensiven Unterhaltung über die Beziehung der einzelnen Gruppenmitglieder zu Frauen (Weiberheld ab 20 Frauen), legen wir ab in Richtung Rimini. Über eine sogenannte Panoramastraße von Pesaro nach Cattolica geht es durch eine sehr schöne Landschaft. Links erstreckt sich eine wundervolle Hügellandschaft, rechts hat man Blick auf´s Meer. In dem Badeort angekommen, bricht über diese Touristenanlage ein Unwetter herein. Es regnet, stürmt und blitzt was das Zeug hält. Wir freuen uns schadenfroh über die Touris, die in ihren kleinen Pedalmobilen unterwegs sind. Rimini ist völlig überlaufen, wir sind aber eher ruhigere Orte gewöhnt. Nirgends haben wir bisher auch soviel Deutsche auf einem Haufen gesehen. Etwas außerhalb suchen wir einen Platz zum Schlafen und werden an einem riesigen Strohhaufen fündig. Der Regen hat sich inzwischen eines besseren besonnen und lässt uns in Ruhe. Aber, hält das auch die ganze Nacht ? 

Wir sind uns nicht ganz sicher, nach einigen Diskussionen wird dann schließlich wenigstens das Überzelt aufgebaut. Minimaler Schutz gegen den Regen ist also gewährleistet. Wegen der hohen Regenwahrscheinlichkeit  muss das geplante Spaghettifestmahl leider verschoben werden. Wir ziehen uns in den Bus zurück und laben an uns an Haferflocken. Gott sei Dank fehlt es nicht an Milch, Zucker, usw. Merkwürdig, immer wieder sehen und hören wir Autos auf der anderen Seite des Heuhaufens. Zuerst denkt man ja an einen Bauern der uns vertreiben möchte. Aber alle Autos fahren nach einer gewissen Zeit wieder ab. Nach einigen harten, teilweise sehr persönlichen Diskussionen geht es dann ins Bett, bzw. in die Saccos. Es scheint manchmal, als wären wir alle stinkige Hyänen, die bei einer Schwäche des anderen, sofort übereinander herzufallen, nicht abgeneigt sind. Es ist bei jeder Kleinigkeit darauf zu achten, dass sich der andere nicht vor Beleidigtsein einpisst.  Wenn ich daran denke, dass wir inzwischen ein nicht geringes Gefühl von Zusammengehörigkeit und Einsicht entwickelt haben und Urlaubsstimmung im Grunde schon vorhanden ist, wundere ich mich, wie wir es am Anfang der Reise überhaupt miteinander ausgehalten haben.
 

Samstag, 29. Juli 

Die Nacht war gut und vor allem trocken, es herrscht schon wieder heiterer Sonnenschein. Marcus will mitten auf dem Stoppelfeld seinen Brenner anwerfen, wovon wir ihn mit Verweis auf die Situation in Pisa abhalten. Wir verlagern unseren Frühstücksort auf die andere, feuersicherere Seite des Heuhaufens. Was wir gestern im Dunklen nicht sehen konnten, zeigt sich uns jetzt. Der Boden ist übersät mit benutzten Kondomen, deswegen auch die ständig an- und abfahrenden Autos. Nutten gibt es hier sehr viele. Sie stehen fast überall, selbst an den entlegensten Stellen sind sie zu finden. Trotz alledem lassen wir uns unser Frühstück auf diesem Platz schmecken. Kurze Zeit später ist es dann soweit, wir baden an dem legendären Strand von Rimini. Vom Wasser hatte man sich allerdings mehr erhofft. Es ist wirklich nicht das sauberste, man kommt aber damit klar. Es muss gut sein, Tausende von blöden Touristen können ja nicht irren. Wir wollen dann gerade den Strand verlassen, als wir von einem halbstarken Italiener mit Machtfunktion darauf hingewiesen werden, dass wenn wir weiter diesen Platz genießen wollen, ein Liegemöbel für 8.000 Lire unbedingt notwendig sei. Wir machen ihm unsere Aufbruchsstimmung klar und ersparen uns damit eine Drohung mit Platzverweis. Gebadet und gebräunt fahren wir nun ins Ausland, nach San Marino.

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