... UND MORGEN DIE GANZE WELT
VON LONDON BIS HANNOVER
Der Gang der Weltgeschichte
(Fortsetzung von Teil I)

[Globus - Abbildung mit freundlicher Genehmigung von F.I.M.A.]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE
)

[Weltausstellung 1933 in Chicago - 1. Plakat]

1933 findet wieder eine Weltausstellung in Chicago statt. Nanu, wird der für gewöhnlich gut informierte Leser fragen, davon steht doch gar nichts in den offiziellen Statistiken? Wohl wahr, denn an diese Weltausstellung will sich heute keiner mehr so genau erinnern. Ja, warum denn nicht? Etwa weil Chicago seit der Zerstörung der deutschen Kultur und der Vertreibung oder Umerziehung ihrer Träger zu einer Hochburg der italienischen Mafia und ihrer Verbrechen geworden war? Ach was, das ist den Amerikanern nicht halb so peinlich wie die einstige deutsche Dominanz. Oder vielleicht, weil ihnen das Motto der Weltausstellung, "Ein Jahrhundert des Fortschritts", im Nachhinein peinlich ist? Worin bestand denn dieser "Fortschritt"? Schauen wir uns das Plakat der Weltausstellung etwas näher an: Da ist im Hintergrund ein Indianer-Häuptling zu sehen. Nicht sehr lebensnah - sind die Indianer nicht so gut wie ausgerottet, wenn nicht fysisch, so doch kulturell? Tut das etwa irgend jemandem leid? Oder ist es pure Nostalgie? Wenn ja, dann ist das kein Einzelfall. Seit einigen Jahren haben die USA das Aussehen ihres Geldes (also dessen, was ihnen am heiligsten ist) verändert: Auf den Münzen prangt nun all das, was im Laufe jenes Jahrhunderts verschwunden ist: Indianer und Büffel, Merkur (der Gott der Handelsfreiheit) und Liberty (die Göttin der politischen Freiheit). Als wollte man plötzlich all das zurück haben - oder halt nur, um sich an der schönen Erinnerung zu erfreuen.

Die schönen neuen Geldstücke haben freilich den "Schwarzen Freitag", den Zusammenbruch der New Yorker Börse im Jahre 1929 (kurz nach der Weltausstellung von Barcelona), nicht verhindern können. Und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise ist vier Jahre danach noch längst nicht überwunden, auch nicht in den USA. Ist es etwa das, was die Ausstellung von 1933 so peinlich macht? Produkte zu präsentieren, die eh nur auf Halde produziert werden, weil sie niemand kauft? Aber dafür kann doch Chicago nichts! Außerdem geht es ja schon wieder bergauf - wenigstens in einigen der an der Ausstellung beteiligten Ländern. Da hat zum Beispiel im Januar jenes Jahres 1933 jemand die Macht ergriffen, über den man zwar geteilter Meinung sein kann; aber er hat immerhin Ideen: Um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen läßt er Autobahnen bauen; um der kränkelnden Industrie wieder auf die Beine zu helfen, rüstet er kräftig auf, und um das alles zu finanzieren, verbietet er den privaten Besitz von Gold (selbst der Besitz von Gold-Zertifikaten wird unter Strafe gestellt) und reglementiert den Außenhandel und den Devisenverkehr streng. Und er tut etwas für Volksgesundheit und Volkshygiene. Wer dagegen aufmuckt, weil er nicht an den Erfolg dieser "völkischen" Politik glaubt (oder weil er überhaupt anderen Glaubens ist), den trifft die volle Härte des Gesetzes, der wandert ins Lager. Mischehen werden verboten (die Scheidung der bestehenden wird erleichtert und ermuntert), und in der Öffentlichkeit wird auf strenge Rassentrennung geachtet. Das ist unorthodox, aber das Volk läßt ihn gewähren, auch wenn die Erfolge zunächst eher mäßig sind.

[Fränzchen Rosenfeld mit Gattin] [der Plagiator aus Braunau]

Der Politiker, von dem Dikigoros hier schreibt, ist zwar kein Österreicher, aber er heißt wie deren vorletzter Kaiser: Franz. Genannt wird er Fränzchen (oder, auf Amerikanisch, Fränklein), und er wird bald Nachahmer jenseits des Großen Teichs finden, vor allem in Skandinavien und in Holland. Daher kamen seine Vorfahren, obwohl das doch eher für seine Tulpenfelder bekannt ist, nicht für seine Rosenfelder. (Leider auch nicht für seine Berge - wäre Fränzchens Konkurrent, Senator van den Berg, 1933 an die Macht gekommen, hätte die Geschichte der Weltausstellungen einen anderen Verlauf genommen.) Und in Deutschland. Das hat nämlich einige Tage nach den USA auch einen neuen Regierungschef bekommen; es ist just der Braunauer, der sich einst so über Wien geärgert hatte. (Wie er das auf legale Art und Weise geschafft hat, ist Dikigoros bis heute ein Rätsel, denn hinter ihm standen nicht, wie bei Fränzchen, ein paar Millionen Dollar Wahlkampfgelder, sondern nur ein paar Millionen hungernder Arbeitsloser. Sollten die ihn etwa alle gewählt haben?) Das ist ein ganz frecher Kopist und Plagiator. Er stiehlt Fränzchen Rosenfeld nicht nur sein komplettes Regierungs-Programm einschließlich des Autobahnbaus, sondern er geht so weit, selbst den Adler mit den unnatürlich weit ausgebreiteten Schwingen auf dem Plakat der Weltausstellung von Chicago abzukupfern; nur daß er das "I WILL" durch ein Hakenkreuz ersetzt (das ist auch geklaut, bei den Indern - aber das ist eine andere Geschichte); so komisch ist der Reichsadler zuvor in Deutschland noch nie dargestellt worden! Wahrscheinlich hätte er auch noch die Dreistigkeit besessen, "Joch und Pfeile" oder die "Fasces" - die zusammen gebundenen Rutenbündel der alt-römischen Liktoren - zu klauen, die das Wappen der USA bzw. die Rückseite ihrer 10-Cent-Stücke zieren, wenn ihm da nicht schon seine Freunde Franz aus Spanien und Benni aus Italien zuvor gekommen wären (Benni wurde seitdem auch "Fascist" - später "Faschist" geschrieben - genannt). Und so wie eine schlecht informierte Nachwelt des 19. Jahrhunderts die Taten des "dritten" Napoleon fälschlich dem ersten Napoleon zuschrieb, so wird eine schlecht informierte Nachwelt des 20. Jahrhunderts die Taten des einen Autobahnbauers aus den USA dem anderen Autobahnbauer aus Braunau am Inn anhängen.

Dabei gibt es da, wenn man genau hinschaut, doch ganz gewaltige Unterschiede im Detail: Wer Fränzchen politisch nicht in den Kram paßt, der verliert sofort seine Stelle, ohne Pensions- oder sonstige Ansprüche. Wen dagegen der Braunauer entläßt, den beurlaubt er nur; der behält sein volles Gehalt und bekommt mit 65 seine volle Pension ausgezahlt. (So steht es jedenfalls in den Nürnberger Gesetzen" und ihren Durchführungs-Verordnungen, weshalb die heute von Leuten, die deren Inhalt anders darstellen, um den Braunauer zu verunglimpfen, unter Verschluß gehalten werden und Nicht-Juristen nur schwer zugänglich sind.) Wer bei Fränzchen das Pech hat, von Geburt an behindert zu sein ("erbkrank" nennt man das damals) wird kastriert - beim Braunauer dagegen "nur" sterilisiert. Bei Fränzchen steht auf "Miscegenation (Rassenschande)" (Tip für nicht-englischsprachige Leser: älteres Wörterbuch benutzen; in den neueren steht das nicht mehr drin!) die Todesstrafe (für "normale" Vergewaltigung innerhalb der eigenen Rasse gibt es nur Zuchthaus); beim Braunauer eigentlich gar nichts - wer Rückgrat und ein dickes Fell hat kann das Gesetz gegen Misch-Ehen ignorieren, auch wenn viele, denen der Vorwand zur Trennung gerade recht kommt, später das Gegenteil behaupten. [Das beste Beispielspaar dafür sind Heinz und Heinz. Der eine, Heinrich Heinz Rühmann, gilt heute allen, die ihn zu kennen glaubten, als aufrechter Demokrat und Judenfreund, womöglich sogar als heimlicher Anti-Nazi und "innerer Widerstandskämpfer" - aber er nutzte das Gesetz, um sich 1938 von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. (Später behauptete er kackfrech, Goebbels habe ihn dazu gezwungen.) Der andere, Hermann Heinz Ortner - ein einstmals bekannter Verfasser von Romanen und Theaterstücken über historische Persönlichkeiten, vornehmlich alte deutsche Maler, aber auch Isabella von Kastilien - ist heute aus allen Literaturgeschichten getilgt, er hat quasi nie existiert, als sei er in eines der "Schwarzen Löcher" von Hawking, pardon, von Orwell gefallen. Sein Verbrechen? Er war Mitglieder der NSDAP, also ein böser Nazi - und dennoch wollte er sich nicht von seiner jüdischen Frau scheiden lassen. Wurden er oder seine Frau dafür ins KZ gesteckt? Iwo, er wurde lediglich 1943 aus der Partei ausgeschlossen; aber er bekam noch nicht mal Publikationsverbot, und seine Theaterstücke wurden bis 1945 weiter aufgeführt - danach freilich nicht mehr.] Die dagegen bei Fränzchen zur falschen Rasse gehören, dürfen zwar 1936 mit zu den Olympischen Spielen - dem Weltausstellungs-Ersatz der Nazis - fahren (die USA nehmen zehn kleine Negerlein mit nach Berlin und sind empört, als die Deutschen den weißen Amerikanern zumuten, mit denen im selben Hotel zu wohnen), aber nach der Rückkehr in die USA nicht mit zur Sieges-Feier in ein "weißes" Hotel, obwohl - oder vielleicht gerade weil - sie, die "falschen", die meisten Siege zu feiern hätten. Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen. (Nein, liebe Leser, es heißt nicht "... Schuldigkeit getan", auch wenn Schiller oft so falsch zitiert wird. Lest es bitte selber nach: 3. Akt, 4. Auftritt am Ende. Nein, nicht in den "Räubern" - der Mann heißt Moor - und auch nicht im "Othello" - da spielt zwar auch ein Mohr mit, aber der ist von Shakespeare -, sondern im "Fiesko von Genua"! Wem sollten die Betroffenen es auch "schuldig" sein, Medaillen zu gewinnen? Etwa Fränzchen, dem Rassisten?) Beim Braunauer dagegen müssen die "falschen" bei der Siegerehrung nicht mal den Olympischen Gruß entbieten - die jüdische Fechterin Helene Mayer tut es trotzdem, was ihr die Amerikaner (sie lebt in den USA - mit deutschem Paß) nie verzeihen werden. Und als der Braunauer in seiner Sportbegeisterung jedem Medaillen-Gewinner persönlich die verschwitzte Pfote drücken will, wird ihm das vom IOC (in dem mehrheitlich Amerikaner und andere "gute Demokraten" sitzen) in aller Form untersagt. Das ist zwar ein unerhörter und bisher nie da gewesener Affront gegenüber dem Staatsoberhäuptling eines gastgebenden Landes (bis dahin war es immer erlaubt gewesen, obwohl sich die meisten Staatsoberhäuptlinge hüteten, sich so die Finger schmutzig zu machen), aber der Braunauer will keinen Skandal und gehorcht. So wird z.B. Jesse Owens, der erfolgreichste Leichtathlet des US-Teams, nicht nur den Händedruck Fränzchens (dem hatte das übrigens niemand verboten!), sondern auch den des Braunauers entbehren müssen - aus letzterem macht man später eine Staatsaffäre, ersteres wird tunlichst verschwiegen.

So sind die Organisatoren der Weltausstellung von Chicago denn auch peinlich berührt von den vielen Parallelen, und nach einiger Zeit ziehen sie das Plakat mit dem Indianer und dem "Nazi"-Adler aus dem Verkehr und ersetzen es durch ein paar harmlosere. Nach dieser Pleite versucht Fränzchen krampfhaft, den Wirtschaftsaufschwung mit neuen Mammutprojekten auf Kosten der Steuerzahler herbei zu zaubern: Riesige Staudämme, riesige Brücken... Im (nicht nur wasser-)ärmsten Bundesstaat der USA, in Kalifornien, werden gleich zwei dieser Prestigebauten in Angriff genommen - mit finanziert von dem Bankier Amadeo Giannini, der seine "Bank of Italia", die er 1906 nach dem großen Erdbeben in San Francisco gegründet hatte, in "Bank of America" umbenennen muß, zur "Strafe" für Italiens Angriff auf Abessinien, den auch der Völkerbund lautstark verurteilt hat. (Ein halbes Jahrhundert später werden die Amerikaner und der Völkerbund - der sich dann nicht mehr so, sondern "UNO" nennen wird - mit dem gleichen Argument wie damals die Italiener einen Angriff auf das Abessinien benachbarte Somalia führen: Die dort herrschenden einheimischen Diktatoren begehen Mord und Totschlag an ihren armen, unterdrückten Untertanen und schrecken selbst vor Kannibalismus nicht zurück, da sie in ihrer Unfähigkeit die Wirtschaft des Landes ruiniert und eine Hungersnot verschuldet haben - da muß man doch als zivilisierter Staat "helfend" eingreifen, zur "Befreiung" der armen Eingeborenen von solchen Mißständen! Was, die wollen das gar nicht? Woher wollen die Kritiker das denn wissen? Es hat sie, die Eingeborenen, doch niemand danach - geschweige denn davor - gefragt!) Und Fränzchen weiß bei dieser Gelegenheit, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden: Da sind doch immer noch diese verdammten Chinesen; man hat ihnen zwar die weitere Einwanderung verboten, aber die, die schon da sind, vermehren sich wie die Kanickel. Nun hat man sie schon in Ghettos gesperrt, so genannte "China-towns" (im Gegensatz zu den Juden, die ihre Isolierung meist selber gewählt haben, würden die Chinesen auch gerne außerhalb der ihnen zugewiesenen Viertel leben, man läßt sie jedoch nicht), aber man muß ihnen doch mal klar machen, daß sie den Weißen ihre Arbeitsplätze nicht weg nehmen dürfen (die USA haben damals die meisten Arbeitslosen weltweit). Da entwickelt Fränzchen das geniale Konzept des "natürlichen Todes durch Arbeit" (auch das wird der Braunauer später bei ihm abkupfern): Die "Oakland Bay Bridge" und die "Golden Gate Bridge" in San Francisco gehören zu den gefährlichsten Brückenbauten aller Zeiten; tausende Arbeiter verunglücken (was man billigend in Kauf nimmt, es muß halt sein), viele davon tödlich, und die meisten sind - chinesische Kulis. (Zum Glück gibt es nur elf weiße Todesopfer, deshalb ist auch nur diese Zahl in die offiziellen Statistiken eingegangen - die Chinesen zählen nicht mit.) Nie wieder werden chinesische Arbeiter in größerer Menge zu öffentlichen Bauprojekten heran gezogen werden.

Und als es mit dem Wirtschaftsaufschwung immer noch nicht klappen will, gibt Fränzchen dem Braunauer (bei dem es besser läuft) die Schuld und bezeichnet ihn als einen großen Verbrecher, gegen den man unbedingt Krieg führen müsse. (An der Spitze der US-Bestsellerlisten steht freilich zur gleichen Zeit ein gewisser Walter Millis mit "Der Weg in den Krieg 1914-1917", der gnadenlos mit der damaligen Kriegshetze der USA gegen die Deutschen abrechnet.) Diese berühmt gewordene "Quarantäne-Rede" hält Fränzchen im Jahre 1937, während in Paris die nächste Weltausstellung statt findet. Da ereignen sich einige in seinen Augen sehr unschöne Dinge. Zum Beispiel scheinen die Deutschen und die Franzosen das Kriegsbeil endgültig begraben zu wollen - und das, obwohl ihre Regierungen im gerade tobenden Spanischen Bürgerkrieg die jeweils andere Seite unterstützen. Das Volk ist halt blöd; es kapiert einfach nicht, daß die Regierenden immer nur sein bestes wollen: sein Geld auf dem Finanzamt und sein Blut auf den Schlachtfeldern! Im Nachhinein werden ihm dann zwar immer irgendwelche schönen "Ismen" verkauft, für die es angeblich gekämpft - und ggf. ins Gras gebissen - hat; aber diese nachgeschobenen Gründe sind bisweilen so unglaubwürdig, daß sie nur der Nachwelt als erbauliche Märchen aufgetischt werden können, d.h. denen, die nicht selber dabei war. Heute wird z.B. die Mär verbreitet, Francos Falangisten seien "Nationalisten" oder gar "Rassisten" gewesen, deshalb hätten die braven Kommunisten und Anarchisten ihren heiligen Kreuzzug gegen sie geführt. Damals hätten die Leute bloß herzlich gelacht über so einen Schwachsinn; die zeitgenössischen Plakate des republikanischen Propaganda-Ministeriums sprechen nämlich eine ganz andere Sprache: Da werden die falangistischen "Nationalisten" von den "guten Demokraten" der Linken als eine (kriminelle) Vereinigung ("Junta") von Arabern, Niggern und Pfaffen verunglimpft - wie paßt das zusammen? Fernab all dieser Sorgen eröffnet in Pasadena, einer Nachbarstadt von Los Angeles am Fuße des San-Gabriel-Gebirges, Mac McDonald zusammen mit seinem Bruder Dick einen kleinen Schnell-Imbiß, wo Arbeitslose und andere von der anhaltenden Wirtschaftsdepression gebeutelte arme Schlucker sich an billigen Hamburgern satt essen können. (Als die Wirtschaftskrise sieben Jahrzehnte später zurück kehrt, ist auch der Billig-Hamburger wieder da - und diesmal weltweit.)

Zurück zu der von Fränzchen so bitter beklagten deutsch-französischen Verbrüderung (die später als "fraternization" bzw. "collaboration" streng bestraft werden sollte). Die hatte sich schon seit einiger Zeit abgezeichnet: 1931/32 verbrachte ein gewisser Ernst von Salomon, der die Franzosen ausweislich seiner in Deutschland weit verbreiteten Bücher immer von Herzen gehaßt hatte, ein Jahr in Frankreich und schrieb darüber ein Buch mit dem Titel "Boche in Frankreich", das so gar nichts Feindseliges mehr an sich hatte - am liebsten wäre er gleich für immer dort geblieben. 1935 schrieb so ein Defaitist namens Jean Giraudoux ein Theaterstück mit dem Titel "La guerre de Troie n'aura pas lieu (Der Krieg um Troja wird nicht statt finden)" - aber natürlich wußte jeder Theaterbesucher, daß damit der nächste Krieg gegen Deutschland verunglimpft werden sollte. Im selben Jahr haben sich die deutschen und französischen Veteranen-Verbände - die doch eigentlich gegründet worden waren, um die Erinnerung an den Weltkrieg und den Haß zwischen den beiden Völkern wach zu halten - zu gemeinsamen Versöhnungs-Feiern getroffen. 1936, bei der Olympiade in Berlin, hat die französische Équipe beim Einmarsch ins Stadion den Braunauer doch tatsächlich mit ausgestrecktem rechtem Arm gegrüßt - unter dem Jubel von 100.000 begeisterten Zuschauern. Das Frankreich-Bild der Deutschen nimmt zunehmend freundlichere Züge an - und das beruht auf Gegenseitigkeit: 1937, kurz vor der Weltausstellung, hat ein Regisseur namens Renoir (Sohn des bekannten Malers) einen Film in die französischen Kinos gebracht mit dem Titel "Die große Illusion", der die bösen Boches mitten im Weltkrieg von ihrer menschlichen Seite zeigt - bis dahin ein unerhörter Vorgang.

Darf Dikigoros an dieser Stelle einen kleinen Exkurs einschieben über das, was aus den Akteuren des letzten Absatzes geworden ist? (Wen es nicht interessiert, der möge diesen Absatz überspringen.) Jean Renoir wird 1940 außer Landes gejagt; Jean Giraudoux stirbt 1944, und die wenigen überlebenden Teilnehmer der Olympiade von 1936, die nicht zu den anderthalb Millionen Franzosen zählen, die 1945 von der kommunistischen "Resistance" als "Kollaborateure" ermordet oder als Kanonenfutter in Indochina verheizt werden, müssen notgedrungen das Märchen verbreiten, sie hätten damals lediglich den "olympischen" Gruß entboten; merkwürdig nur, daß darauf sonst - außer den Deutschen, Österreichern, Italienern und Griechen - kein anderer Olympionik gekommen war. Und Filme wie "Die große Illusion" dürfen nie wieder gedreht werden, weder in Frankreich noch erst recht nicht in Deutschland - bis heute nicht. Der deutsche, pardon österreichische, pardon amerikanische Hauptdarsteller, Erich Oswald alias "Eric von Stroheim", der die tragische Figur des Rittmeisters von Rauffenstein spielt, wird aus allen deutschsprachigen Werken der Film-Geschichte getilgt; Alexis Moncorgé alias "Jean Gabin" hat Glück, daß er damals nicht die Hauptrolle spielt, sonst wäre seine Karriere beendet gewesen, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Erst im nächsten Jahrtausend, als alle Beteiligten längst tot sind - Renoir als Ältester stirbt als letzter, 1979 in Beverly Hills -, wird der Film in Deutschland und Frankreich wieder gezeigt werden dürfen, allerdings nur im Nachtprogramm des Exoten-Senders "arte", damit ihn nur ja nicht zu viele Leute sehen. Exkurs Ende.

Auf der Weltausstellung von 1937 gibt es nur zwei Pavillons, für die sich die Franzosen wirklich interessieren: den deutschen und den sowjetischen, die einander direkt gegenüber stehen und zu übertrumpfen suchen. Der Braunauer und der "stählerne" Georgier haben alles aufgeboten, was Rang und Namen hat, von Albert Speer bis Arno Breker. Man baut und modelliert damals im "heroïschen" Stil - steinerne Statuen überlebensgroßer nackter Männer und Frauen mit durchtrainierten Körpern wie aus dem Fitness-Studio. Was daran nun so schlimm sein soll, weiß Dikigoros nicht - den Leuten damals hat es halt so gefallen. Dagegen will kaum jemand den Pavillon der spanischen Republik sehen, in dem ein Machwerk des Schmierfinken und Deutschen-Hassers Picasso ausgestellt ist, das von Form (man sagt damals "entartete Kunst" dazu) und Inhalt (es ist eine gemalte Lüge über den Kampf um das baskische Städtchen Guernica, in bester Greuelpropaganda-Tradition des Ersten Weltkriegs) so erbärmlich ist, daß man es erst viele Jahrzehnte später - als der Geschmack der Kunstfreunde schon ziemlich auf den Hund gekommen ist - einer größeren Anzahl von Betrachtern wird zumuten können. Aber noch ist es nicht so weit. Noch sind z.B. Breker und Picasso - über alle ideologischen Grenzen hinweg - persönlich die besten Freunde; beide haben lange zusammen in Paris gelebt und kennen einander gut. Auch Breker und Stalin verstehen einander prächtig; der sowjetische Diktator ist so begeistert von dem national-sozialistischen Bildhauer, daß er ihm das Angebot macht, nach Moskau überzusiedeln und für ihn zu arbeiten. (Breker lehnt ab, was man ihm nach dem Krieg sehr übel nehmen wird - zur Strafe werden alle seine Werke, die er bis dahin geschaffen hat, zerstört.) Sind eigentlich gut gebaute Körper per se "faschistoïd" oder "kommunistisch"? Es kommt wohl auf die Urheber an. Die deutschen und sowjetischen Skulpturen werden später abgerissen, die französischen (die fast genauso aussehen - bis auf das edelste Stück des Jünglings, das etwas mickrig ausgefallen ist) können dagegen noch heute besichtigt werden, vor dem Palais de Chaillot - voilà.

Und es gibt ja nicht nur die Bildhauerei: Das neue Medium Film macht nicht nur bei den Franzosen, sondern auch bei den Deutschen Furore, und die schießen - in Person von Leni Riefenstahl - am Ende den Vogel ab, der die Goldmedaille für den besten auf der Weltausstellung vorgeführten Film ziert: Nein, nicht für den über die Olympiade - der wird erst ein Jahr später fertig -, sondern für "Triumph des Willens", eine Dokumentation des Nürnberger Reichsparteitags der NSDAP von 1935; der französische Premierminister Daladier überreicht der Regisseurin die Auszeichnung persönlich. Heute wird das Andenken an die kurze Zeit der deutsch-französischen Versöhnung in den 1930er Jahren (die echte, freiwillige; nicht die den Kriegsverlierern auf der Spitze der deutschen bzw. französischen Bajonette aufgezwungene der 1940er oder 1950er Jahre) mit allen Mitteln unterdrückt: Die Straßen um das damalige Ausstellungsgelände herum sind nach unversöhnlichen Revanche-Politikern und Kriegstreibern benannt: Clémenceau, Foch, Kennedy (ja, liebe Leser, Vietnam war mal eine französische Kolonie; aber jener US-Präsident wird den Krieg dort erst so richtig anheizen), Poincaré, Wilson - da kommt Freude auf, wenn man spazieren geht. (Etwas weiter, am Ende der Avenue Foch, wo heute dunkelhäutige Gastarbeiterinnen aus Brasilien dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen, haben sie auch eine Ecke in "Place Adenauer" umbenannt; aber das erwähnt Dikigoros nur nebenbei.) Neuerdings haben die Franzosen sogar den größten und berühmtesten Platz von Paris, "l'Étoile (Stern)" nach ihrem unfähigsten Soldaten und Politiker im 20. Jahrhundert benannt, nach Charly von Gallien. Was hatte der nicht alles auf dem Kerbholz: Eine Million Franzosen sind 1944/45 unter seiner Regierung als angebliche "Kollaborateure" ermordet worden; eine weitere Million Menschen (davon über die Hälfte Deutsche und Elsässer) hat er sinnlos in Indochina verheizt; und als er Ende der 1950er Jahre noch einmal an die Macht gekommen ist, hat er leichtfertig Algerien - wo damals noch eine Million Franzosen lebten - verspielt und dem Terror der Muslime ausgeliefert.

Vielleicht haben die Gallier einen Hang zum Masochismus, denn sie haben ja auch die Verlängerung der Champs Élysées hinter dem Triumf-Bogen "Avenue de la Grande Armée" genannt, nach der "Großen Armee", die Napoléon 1812 nach Moskau geführt hat und die dabei fast völlig drauf gegangen ist - das wäre, als würden die Deutschen einen Teil des Berliner Kudamms nach der 6. Armee benennen, die in Stalingrad drauf gegangen ist. (Nein, liebe Leser, Dikigoros vergleicht hier nicht Äpfel mit Birnen. Mag sein, daß von den 300.000 Gefallenen der "Großen Armee" drei Viertel Deutsche und "nur" ein Zehntel Franzosen waren (diese Zahlen nannte Napoléon selber im Gespräch mit Metternich - tatsächlich dürfte die Zahl der Toten etwas niedriger und der Anteil der Franzosen etwas höher gewesen sein, aber das ändert nicht viel); mag sein, daß in Algerien hauptsächlich die 10 Millionen eingeborenen Berber das Nachsehen hatten - die meisten Franzosen dort konnten ja nach Frankreich fliehen; und auch bei Stalingrad mögen zwar "nur" 200.000 Deutsche, Italiener, Ungarn und Rumänen gefallen - oder später in Gefangenschaft verreckt - sein; aber wie wir heute, nach Öffnung der sowjetischen Geheim-Archive wissen, darüber hinaus fast zwei Millionen Sowjets - darunter viele von Stalin zwangsgepreßte Frauen und Kinder. Macht es wirklich einen Unterschied, welcher Nationalität die Opfer größenwahnsinniger Politiker und Militärs sind?) In Rußland gibt es heute kein "Stalingrad" und keine Denkmäler auf den "stählernen" Georgier mehr. Aber keine Sorge, das haben uns - den Deutschen und Russen - die Franzosen schon abgenommen: Sie haben den größten Platz im 19. Arrondissement von Paris "Stalingrad" genannt, ebenso die dazugehörige Metro-Station, gleich eine Haltestelle hinter dem Nord-Bahnhof, dort, wo die Züge aus Deutschland (und Rußland) ankommen, als besonderen Service für deutsche Besucher und unmißverständliches Zeichen, wie es um die viel beschworene deutsch-französische "Freundschaft" nach 1945 wirklich bestellt ist. (Im Volksmund heißt die Ecke freilich längst "Klein-Senegal"; und ob die überwiegend schwarzen Bewohner des 19. Arrondissements heute überhaupt noch etwas mit "Stalin" und "Stalingrad" anfangen können, wagt Dikigoros zu bezweifeln.)

[Expo Paris 1937]

Pardon, Dikigoros hat vorgegriffen (mußte er, denn bis heute hat es keine weitere Weltausstellung in Paris mehr gegeben). Zurück ins Jahr 1937. Damals sind die Gallier noch weit davon entfernt, die Germanen unter Quarantäne zu stellen, wie Fränzchen das propagiert, sondern sie jubeln ihnen sogar zu, besonders ihren Luftschiffen, die der Pariser Weltausstellung einen Besuch abstatten. (Seit der Nr. 129 werden sie nicht mehr nach Graf Zeppelin, sondern nach Graf Hindenburg benannt, dem kürzlich verstorbenen Reichspräsidenten). Sie werden immer größer und fliegen jetzt sogar schon Passagiere über den Atlantik. Das ist sehr ärgerlich für die Konkurrenz, vor allem die in den U.S.A., denn erstens erhöht das mal wieder das Prestige der Deutschen, und zweitens geht das auf Kosten der amerikanischen Schiffahrt-Linien - wer bucht schon noch lange, teure Dampferfahrten über den Großen Teich, wenn er es schneller und billiger im Luftschiff haben kann? Die amerikanischen Millionäre, die Rockefeller, Ford und Hearst jedenfalls nicht. (Das letzte Luftschiff der Amerikaner, die Macon - ein Kriegsschiff mit Bomben und Maschinengewehren an Bord -, ist vor ein paar Jahren ohne Feind-Einwirkung im Pazifik abgesoffen.) Doch Fränzchen, genialer Politiker der er nun mal ist, findet eine Lösung: Er verbietet der amerikanischen Industrie, den Deutschen Helium zur Befüllung der Luftschiffe zu verkaufen - das wäre nämlich unbrennbar, im Gegensatz zu Wasserstoff, mit dem die Dinger nun gefüllt werden müssen. (Nein, liebe Leser, Dikigoros verkennt nicht, daß nach heutigen Erkenntnissen - entgegen dem, was damals sowohl die amerikanische als auch die deutsche Untersuchungs-Kommission glaubte - auch Wasserstoff sich nicht von selber hätte entzünden können; aber das beweist nur, daß jemand "nachgeholfen" haben muß.) Und dann braucht nur noch jemand eine kleine Zeitbombe im Luftschiff zu deponieren und dafür zu sorgen, daß die nächste Landung im amerikanischen Lakehurst (dort liegt der Militär-Flughafen von New York, auch wenn das schon zum Nachbarstaat New Jersey gehört, wie sein heutiger Nachfolger, der Flughafen von Newark) hinaus gezögert wird, damit die Bombe nicht zu spät explodiert, unter irgend einem fadenscheinigen Vorwand (angeblich war, als das Luftschiff ankam, zu schlechtes Wetter; aber als man die Landung dann endlich frei gab, war es noch schlechter); schon geht es in Flammen auf. Wer die Bombe gelegt hat oder hat legen lassen, wird nie offiziell heraus kommen; aber das höhnische "Beileids"-Telegramm, das Fränzchen dem Braunauer schickt, spricht Bände. Dann wird noch eine kleine Presse-Kampagne inszeniert, wie unsicher so ein Luftschiff doch sei; das genügt, um es für alle Zeiten aus dem Markt zu drängen. So haben die Amerikaner zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: den Deutschen (was haben die eigentlich in den USA verloren) eins ausgewischt und ihrer einheimischen Industrie einen lästigen Konkurrenten vom Hals geschafft. Aber auch mit den paar Toten von Lakehurst (einige Passagiere haben sogar überlebt) bleibt die Pariser Weltausstellung von 1937 eine der billigsten in der Geschichte. (64 Jahre später wird kurz nach einem Start im amerikanischen Queens - dort liegt der andere Flughafen von New York, und das gehört inzwischen auch offiziell zum Stadtgebiet - in einem Flugzeug der europäischen Firma Airbus, das auf dem Weg in die Dominikanische Republik ist, eine kleine Zeitbombe explodieren - und diesmal wird es keine Überlebenden geben. Wahrscheinlich ist die Bombe von irgendwelchen Terroristen dort eingeschmuggelt und gezündet worden; aber um eine Massenpanik zu vermeiden werden die diesbezüglichen Zeugenaussagen unterdrückt und eine kleine Presse-Kampagne inszeniert, der "Unfall" sei durch "technische Fehler" am Airbus bedingt, wie sie die ganze Baureihe aufweise... So werden die Amerikaner zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: den Dominikanern - was haben die eigentlich in den USA verloren? - eins auswischen und ihrer einheimischen Industrie einen lästigen Konkukrrenten vom Hals schaffen.)

Dennoch bleibt ein übler Nachgeschmack: Beim Trauermarsch für die Opfer des feigen Mordanschlags säumen an die 100.000 New Yorker die mit Hakenkreuz-Flaggen geschmückte Fifth Avenue. Fränzchen ist entsetzt und schäumt vor Wut - das wird nicht wieder vorkommen! Als 1938 ein in den USA früher äußerst beliebter deutscher Boxer zum WM-Kampf nach New York reist, sorgt Fränzchen höchstpersönlich dafür, daß genügend Plakatträger, Buhrufer und Steinewerfer am Straßenrand stehen. ("Nazi go home" lautet die Parole, die Fränzchen ausgegeben hat; und damit nicht allzu sehr auffällt, wie absurd das ist, hat die New Yorker Boxkommission kurz vor dem Kampf seinen jüdischen Manager wegen einer Lappalie gesperrt.) Der deutsche Boxer kann es kaum fassen: 1932, als er noch Weltmeister aller Klassen war, hatte er sich von Fränzchen, der damals Gouverneur von New York war, für dessen Wahlkampf-Tournee einspannen lassen (er ist also mit schuld daran, daß dieser Mann jetzt US-Präsident ist); und nun das! Aber wie hat er selber mal gesungen: "Das Herz eines Boxers muß alles vergessen, sonst schlägt ihn der nächste knockout." Offenbar hat er nicht alles vergessen, denn er verliert den Kampf gegen den "Braunen Bomber" (merkwürdig, daß die amerikanischen "Anti-Nazis" ihren eigenen Mann so nennen!) durch Knockout; und nach dem Kampf - er liegt noch im Krankenhaus - hat Fränzchen nichts eiligeres zu tun, als ihm seine Kampfbörse sperren zu lassen, offiziell wegen "Feigheit vor dem Feind" (er hat durch ein "unbeabsichtigtes" Foul, einen Schlag in die Wirbelsäule, verloren, weil er seinem Gegner einen Augenblick den Rücken zugedreht hat), tatsächlich, weil die schönen Dollars nicht nach "Nazi"-Deutschland fließen (fliegen können sie ja nun nicht mehr) sollen.

Und zur nächsten Weltausstellung, 1939 in New York City, werden die Deutschen gar nicht erst eingeladen. Die Chinesen und Japaner übrigens auch nicht - wohl aber die Sowjets, denn deren Führer, den guten Onkel Jo (nein, liebe 68er, nicht Onkel Ho - der ist zwar auch nicht besser, aber der kommt erst später), verehrt Fränzchen sehr. Seine erste Amtshandlung nach der Machtergreifung im Januar 1933 ist nicht umsonst die diplomatische Anerkennung der Sowjetunion und der Regierung Stalins gewesen. Der ist nicht so ein frecher Plagiator wie der Braunauer - im Gegenteil: von dem kann selbst Fränzchen noch etwas lernen! Zwar hat sich Onkel Jo ausgerechnet mit dem Braunauer zusammen getan, um Polen zu überfallen, aber das sieht Fränzchen nicht so eng. (Man kann es ja auch schlecht vergleichen: Die Deutschen haben sich nur zurück geholt, was die Polen ihnen 20 Jahre zuvor geraubt hatten, Onkel Jo dagegen hat nicht nur den Rest von Polen - etwa zwei Drittel - einkassiert, sondern dazu auch noch Estland, Lettland, Litauen, Finnland und Rumänien überfallen. Schwamm drüber, die werden sich schon irgendwann verkrachen, und dann steht Fränzchen als Bündnispartner für Onkel Jo Gewehr bei Fuß.) So entgeht den Nicht-Eingeladenen ein besonderes Schauspiel, nämlich das (vorerst) letzte anti-jüdische Pogrom in New York City, das übrigens noch perfekt nach Rassen getrennt ist - "to draw the color line, den farbigen Trennungsstrich ziehen" nennt man das. Aber das hätten die Deutschen und Italiener wohl eh nicht verstanden, denn bei ihnen gibt es so etwas nicht - anders als bei Onkel Jo, aber der hat ja auch vollstes Verständnis.

Allerdings waren sie in Deutschland auch schon mal nahe dran, im November 1938. Da ermordete ein gewisser Herschel Grünspan den deutschen Gesandten in Paris (so wie schon im Februar 1936 ein gewisser David Frankfurter in Davos den NSDAP-Funktionär Wilhelm Gustloff ermordet hatte; es war also nicht das erste Mal, daß sich die Juden unbeliebt machten), und ein paar wild gewordene Nazis warfen daraufhin bei jüdischen Kaufhäusern und Synagogen die Fensterscheiben ein und kokelten etwas herum. ("Gewalt gegen Sachen", sollten das 50 Jahre später ihre geistigen Erben nennen, die "Rot-Grünen" um Fischer und Trittin - oder sind das doch mehr Karikaturen als Erben?) Doch ganz vergleichen kann man das nicht, denn die in der "Reichskristallnacht" zu Bruch gegangenen Fensterscheiben und andere Schäden wurden von den deutschen Versicherungen bis auf den letzten Pfennig ersetzt; dagegen galt ein Pogrom in Fränzchens Land - wie in den meisten anderen Ländern der Welt, außer "Nazi-Deutschland" - nach versicherungsrechtlichen Bestimmungen als "Akt Gottes". (Jawohl, so heißt das dort bis heute, denn an den amerikanischen Vorschriften hat sich noch nichts geändert! Wohl aber an den deutschen: da fallen solche "Schäden aus Höherer Gewalt" jetzt, im demokratischen Rechtsstaat, auch endlich unter die Ausschluß-Klausel - sonst würden die rot-grünen Chaoten-Banden sich ja ganz umsonst die Mühe machen, Fensterscheiben einzuwerfen und zu plündern!) Da zahlen die Versicherungen - wie bei Kriegen, Bürgerkriegen, Erdbeben und anderen "Naturkatastrofen" - null. Also bloß keine Deutschen mehr ins Land lassen, schön aufbauschen, was bei denen geschieht und totschweigen, was in Fränzchens Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten abgeht. Wie lautet ein bekannter Werbe-Slogan: "Nichts ist unmöglich..."

Aber auch die Weltausstellung von New York bringt den USA nicht den erwünschten Wirtschaftsaufschwung - im Gegenteil: Als sie 1940 ihre Pforten schließt, befindet sich Amerika auf dem Tiefpunkt seiner Rezession, während drüben in Europa die Waffen schweigen und schon wieder auf Friedenswirtschaft umgestellt wird. (Diese verdammten Gallier haben doch tatsächlich Frieden geschlossen mit den Zeppelin-Germanen! Und die bekannte Mode-Schöpferin Gabriele "Coco" Chanel hat gar ihrem amerikanischen Liebhaber den Laufpaß gegeben und sich statt seiner einen 14 Jahre jüngeren Deutschen genommen. Pfui, wie unmoralisch - nicht der Altersunterschied, sondern daß er Deutscher ist; dafür soll sie nach dem Krieg noch die Quittung bekommen!) Nun hilft nur noch ein neuer Weltkrieg, sagt sich Fränzchen. Zwar hat er es schon im Vorjahr irgendwie geschafft, die Welt-Organisation seiner Glaubensbrüder zur Kriegserklärung an das Deutsche Reich zu überreden. [Das hatte es noch nie gegeben (außer natürlich bei den Muslimen; aber die machen ja keinen Unterschied zwischen Staats- und Religionsführung und leben in permanentem Krieg mit allen "Ungläubigen"), daß eine Glaubensgemeinschaft einem weltlichen Staat den Krieg erklärt; aber der Braunauer hat bloß den Kopf geschüttelt und das ignoriert. (Allerdings hat auch er inzwischen das böse Buch von Marx' russischen Widersachern gelesen - und spätestens nach dieser Kriegserklärung glaubt auch er, was darin steht.)]

Nun wird es Fränzchen aber zu bunt: Da sein blöder Kongreß bei einer Kriegserklärung nicht mitmachen würde (schließlich hat er gerade die Neuwahlen mit dem Versprechen gewonnen, sich aus dem Krieg heraus zu halten, und die Mehrheit der Wähler hat ihm tatsächlich geglaubt!), gibt er einfach eigenmächtig den Befehl, auf deutsche Schiffe zu schießen und über Japan eine Wirtschaftsblockade zu verhängen. (Was bleibt ihm anderes übrig? Rund drei Drittel der Amerikaner haben deutsche, irische, italienische, mexikanische oder schwedische Vorfahren, die einfach keinen Krieg gegen die Achsenmächte wollen, wie die letzten Wahlen nur zu deutlich gezeigt haben - und bei der letzten Meinungsumfrage von Gallup haben sich sage und schreibe 83% der Befragten gegen einen Krieg ausgesprochen!) Die Japaner reagieren mit einer Kriegserklärung. Fränzchen unterschlägt sie und läßt seine Soldaten im Perlen-Hafen von Hawaii voll ins Messer des japanischen Angriffs laufen. Hinterher tut er ganz überrascht und bringt so den Kongreß hinter sich. Jetzt wird die Kriegswirtschaft richtig angekurbelt und so die Rezession endlich überwunden. Und für seine japanisch-stämmigen Mitbürger, die mit ihrem geradezu verbrecherischen Fleiß ("industry", s.o.) den "echten" Amerikanern so viele Arbeitsplätze weg nehmen und sie arbeitslos machen, hat sich Fränzchen etwas besonderes Nettes ausgedacht: Die werden allesamt - Männer, Frauen und Kinder - in Todes-Lager gesteckt. (Einige entkommen ihren amerikanischen KZ-Schergen und kehren auf zum Teil abenteuerlichen Wegen nach Japan zurück, wo sie wieder in Hiroshima angesiedelt werden, woher die meisten von ihnen stammen - aber das ist eine andere Geschichte.) Jenseits des Großen Teichs macht es ihm der Braunauer nach und kombiniert es mit dem "Golden-Gate-Konzept" des "natürlichen Todes durch Arbeit". Ja, erst jetzt, es ist schon wieder ein Plagiat, der Kerl ist wirklich mehr als dreist.

Aber kann man das wirklich vergleichen (ganz abgesehen davon, daß solche Vergleiche in einigen Staaten - u.a. der BRD - noch immer von der Staatsanwaltschaft beschnüffelt werden)? Fränzchen steckt die Angehörigen eines Staates, den er mitten im Frieden mit einer völkerrechtswidrigen Blockade überfallen hat (aber was schert ihn das Völkerrecht? Die USA sind dem Völkerbund nie beigetreten; und nach dem Krieg, in Nürnberg, erfinden sie einfach ein neues "Völkerrecht" - das sie freilich für bzw. gegen sich selber nicht gelten lassen), und von dem er nun - ob zurecht oder zu unrecht, ist ihm egal - Notwehrmaßnahmen befürchtet, in Lager und läßt sie dort verrecken. Der Braunauer steckt die Angehörigen eines Volkes, das ihm mitten im Frieden völkerrechtswidrig (nämlich statt durch eine Regierung - die es gar nicht hat - durch einen selbst ernannten Religions-Rat) den Krieg erklärt hat, in Lager und läßt sie dort Zwangsarbeit verrichten (denn in Deutschland herrscht, anders als in den USA, Mangel an Arbeitskräften). Hüben wie drüben sind die Sterberaten etwa gleich hoch, um die 50%; aber Fränzchens 50% werden verschwiegen und dem Braunauer noch auf seine 50% drauf geschlagen. Auch aus den japanischen Opfern Fränzchens werden im Nachhinein "Täter" gemacht - ihnen werden die Greuel an der chinesischen Zivil-Bevölkerung als "Kriegsverbrechen" angehängt, die in Wirklichkeit chinesische Bürgerkriegs-Truppen an ihren eigenen Leuten verübt haben. (Die Söhne Nippons sind davor weitgehend zurück geschreckt - sie haben eine merkwürdige Ehrfurcht vor ihren kulturellen "Lehrmeistern"; dabei verdankt die japanische Kultur den Chinesen des 20. Jahrhunderts etwa so viel wie die deutsche den Römern des 20. Jahrhunderts, nämlich gar nichts. Diese falsch verstandene - und schlecht gedankte - Ritterlichkeit der Japaner führt dazu, daß sich der chinesisch-japanische Krieg in die Länge zieht, bis Fränzchens Amerikaner sich einmischen und ihn zum Zweiten Weltkrieg ausweiten können.) Jahrzehnte lang wird dieses verleumderische Märchen politisch ausgeschlachtet für erpresserische Forderungen nach Entschädigungen und Entschuldigungen. Erst zu Beginn des nächsten Jahrtausends wird man gelegentlich in historischen Fachzeitschriften, die kaum jemand kennt (und auch da nur in der einen oder anderen klein gedruckten Fußnote) lesen, wie es wirklich war. So ist das, wenn die Schlacht geschlagen ist und der Gegner auch, dann kann man das mit ihm machen...

Nachdem also nun einige größere Rechnungen der letzten Weltausstellungen mit Zins und Zinseszinsen beglichen sind, ist den Leuten die Lust auf solche Veranstaltungen zunächst einmal vergangen. Erst 1958 kommt wieder eine zustande, und wer muß die ausrichten? Na, wie immer, wenn sonst niemand will: Belgien. Waffenstillstand ist nun schon seit dreizehn Jahren, aber der Kriegszustand ist erst vor drei Jahren für beendet erklärt worden, und selbstverständlich bleiben die US-Truppen bis auf weiteres in Mitteleuropa stationiert, um die "Reconstruction", pardon "Reeducation" (Umerziehung zur Demokratie) zu überwachen. "Besatzer" nennt man sie dort undankbarerweise, bis man die Besetzten zwingt, sie "Befreier" zu nennen - immerhin haben sie die meisten Mitteleuropäer von ihren Armband-Uhren und allem anderen plünderungswürdigen Eigentum "befreit". Eine Volksgruppe scheint man bei dieser "Befreiung" freilich vergessen zu haben - oder nicht? Nein, die Ostdeutschen hat man nicht etwa vergessen, sondern ganz bewußt ausgenommen; denn das, was heute die meisten Historiker auf der Welt (wenn sie nicht gerade Deutsche sind, die dürfen noch immer nicht) als Präventiv-Krieg gegen Stalin bezeichnen, betrachten die Amerikaner damals als einen "Überfall" der bösen Deutschen auf die friedliebende Sowjet-Union. Zur Strafe werden sie mit Gewalt aus ihren angestammten Gebieten im Osten vertrieben - sollen sie doch sehen, wie sie im Westen zurecht kommen, da hat man ihnen großzügig ein paar Besatzungszonen eingerichtet, hinter dem Eisernen Vorhang. Einige verhungern, einige erfrieren, einige werden erschlagen oder kommen sonstwie um - insgesamt schätzt man die Zahl der Opfer auf rund zehn Millionen; aber wen schert das schon im schönen Brüssel? Davon wird man sich doch die gute Stimmung zur Weltausstellung nicht verderben lassen! (Lederer's und Burdick's böses Buch "The Ugly American" - der häßliche Amerikaner" ist zwar schon geschrieben und in den USA auch gerade erschienen; aber es hat noch kein Verleger gewagt, eine deutsche Übersetzung zu veröffentlichen - das sollte noch fünf Jahre dauern.)

[Sputnik]

Aber noch bevor die Ausstellung eröffnet ist, kommen schlechte Nachrichten: Die Sowjets haben einen Satelliten ins All geschossen (oder, wie sie sagen, in den Kosmos), den "Sputnik" (genau genommen ist es schon der dritte seines Namens, die ersten beiden sind abgeschmiert, mitsamt den armen Hunden, die sie darin eingesperrt hatten; aber das verraten sie damals noch nicht, und darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr) und die Amerikaner damit ebenso düpiert wie die Europäer. Also wollen die auch mal Flagge zeigen. Militärisch, politisch und wirtschaftlich eingekeilt zwischen den "Supermächten" USA und SU, haben sechs europäische Staaten im Vorjahr als kleines Gegengewicht die "EWG", die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet, und deren inoffizielle Hauptstadt ist Brüssel. Es liegt also nahe, dort etwas von dem bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung (von den Deutschen etwas ungenau auch "Wirtschaftswunder" genannt) zu präsentieren, den Europa seither geschafft hat. Dikigoros' Vater, der lange genug auf Staatskosten gereist ist, vor allem in der SU und im sonnigen Italien (aber davon berichtet Dikigoros an anderer Stelle), macht sich eigentlich nicht mehr sonderlich viel daraus; aber dann bietet seine Dienststelle eine preiswerte Busreise nach Brüssel zur Weltausstellung an; und da alle seine Kollegen fahren (es gibt Sonderurlaub!) und er sich nicht ausschließen will, fährt Urs halt auch mit. (Familienangehörige dürfen auf der Busreise nicht mit genommen werden; aber sein Sohn ist eh noch zu klein, den läßt er also zuhause bei Muttern.) Eigentlich sind sich alle einig, daß die EWG eine gute Sache ist: Die europäischen Staaten haben die meisten ihrer Kolonien in Übersee verloren (und der Verlust der restlichen zeichnet sich schon ab), da darf man sich nicht von Einfuhren abhängig machen, jedenfalls nicht bei den Grundbedürfnissen der Bevölkerung. Essen und trinken müssen die Leute immer; und wenn es so weiter geht mit dem Bauernlegen und Höfesterben, der Landflucht und der Verstädterung, dann wird man sich bald nicht mehr aus eigener Kraft verpflegen können. Also beschließt man, den Bauern ein wenig unter die Arme zu greifen, die Landwirtschaft zu subventionieren, um sie am Leben zu erhalten. Das ist schön und gut. (Ein paar Jahre später wird Europa unter Butter-Bergen ersticken und in Milch-Seen ertrinken, die auf Steuerzahlerkosten künstlich angelegt werden; aber das ahnt damals noch niemand.)

Dennoch wird Dikigoros' Vater schon am Eingang zum Ausstellungsgelände irgendwie mulmig, denn was hat man dort als weit sichtbares Wahrzeichen aufgestellt? Das "Atomium", das Modell eines Atoms. Urs ist zwar kein Chemiker und weiß nicht, welches Atom da Modell gestanden hat (später liest er, es sei gar kein Atom, sondern ein Eisen-Molekül); aber er assoziiert das mit den Millionen Toten von Hiroshima und Nagasaki - und er weiß, daß die erste Atombombe eigentlich für Berlin bestimmt war und die zweite für seine Heimatstadt. Ist es bald wieder so weit? Nicht nur er assoziiert das: Seine Majestät, der belgische König Balduin höchstpersönlich, interveniert, als die Amerikaner auf dem Ausstellungsgelände einen Atom-Reaktor bauen wollen, und stellt diesen Teil des Geländes ausgerechnet den Sowjets zur Verfügung, die dort ein Modell des "Sputnik" ausstellen - was sonst? Das ganze ist also weniger eine Industrie-Ausstellung als ein Politikum, und was der König sich da heraus nimmt, ist ein Affront. Die Amerikaner erteilen ihm eine Lektion: sie ziehen ihre Industrie-Exponate zurück und bauen statt dessen ein großes Kino auf, in dem sie alte Mickey-Mouse-Filme zeigen. Diese Filme spielen der Ausstellung fast eine Million harte Dollar ein, und so muß König Balduin (der eine gewisse Ähnlichkeit mit der schusseligen und stets am Rande der Pleite krebsenden Zeichentrick-Ente Donald Duck nicht verleugnen kann) diese Verhohnepiepelung zähneknirschend hinnehmen. Es ist nicht die einzige Demütigung, die Belgien von den Amerikanern hinnehmen muß: Die Belgier sind bekanntlich - damals war es jedenfalls noch allgemein bekannt - die Erfinder der "Pommes Frites", der in siedendes Öl geworfenen Kartoffelschnetzel. Inzwischen hat ein frustrierter Küchenmixer-Vertreter namens Ray Kroc den Brüdern McDonald ihre Imbißbude abgekauft und daraus eine Kette gemacht, die sich langsam über die ganze Welt ausbreitet. Er verkauft jetzt nicht nur Hamburger, sondern auch Pommes frites, und er nennt sie, sehr zum Ärger der Belgier, "French Fries (Französische Fritten)". Als er anfragt, ob er auch welche auf der Brüsseler Weltausstellung verkaufen darf, bekommt er freilich einen symbolischen Tritt in den Allerwertesten - so tief ist Belgien denn doch noch nicht gesunken!

Auf der Heimfahrt diskutieren die Busreisenden nur eine Frage: Macht es Sinn, die beiden großen Atom-Mächte mit einem eigenen, kostspieligen Raumfahrtprogramm und einer eigenen, kostspieligen "force de frappe" heraus zu fordern, wie Frankreich, der Initiator der EWG, das tut? Wer wird am Ende die Zeche zahlen und die Folgekosten tragen, die also auch diese Weltausstellung wieder verursacht? Wird die europäische "Wirtschaftsgemeinschaft" nicht bald zu einer politischen Gemeinschaft ausarten, und werden nicht wieder einige Leute versuchen, darauf ihr ganz spezielles Süppchen zu kochen? Die Frage stellen heißt sie beantworten; und dann darf man nicht denen das Feld überlassen, die den Karren schon einmal in den Dreck gefahren haben. Seufzend sucht Urs seinen alten Wehrpaß heraus, geht damit zum Kreiswehrersatzamt (seit einem Jahr gibt es das wieder) und heuert nochmal an, diesmal freiwillig, als Reservist. Die nehmen jeden, denn so viele nur leicht versehrte Offiziere gibt es ja nicht mehr, die meisten sind in alliierten Kriegsgefangenenlagern verreckt oder verkrüppelt worden. (Urs hat Glück gehabt: da er eh ein kaputtes Bein als Souvenir von der Großen Reise mitgebracht hatte, haben ihn die Engländer bald laufen lassen, d.h. laufen konnte er ja nicht mehr, aber immerhin noch gehen, sogar ohne Krücken; viele seiner Kameraden wären froh gewesen, wenn es sie nicht schlimmer erwischt hätte.) Also treffen sich die alten Landsknechte - Urs zählt noch zu den jüngsten; er war fast noch ein Kind, als der Krieg ausbrach - einmal im Jahr für ein paar Wochen zum Singen, Saufen und Austauschen von Erinnerungen. Da Urs viele Erinnerungen hat und auch einen ordentlichen Stiefel verträgt wird er schnell befördert (sein ziviler Rank wird zeitlebens seinem militärischen nachhinken); aber er widersteht allen Angeboten der "Suffköppe", wie er sie nennt, diese Tätigkeit zu seinem Hauptberuf zu machen. Und eine Weltausstellung besucht er nie wieder.

Die Amerikaner schauen mehr oder minder mitleidig auf das "neue Europa" der Mickey-Mäuse herab, das sich da zusammen rauft. Das hatte doch der Braunauer schon versucht, der weiß Gott mehr auf dem Kasten hatte als Adenauer, DeGaulle, Gasperi (nomen atque omen!) und all die anderen Kasperle zusammen, die jetzt versuchen, ihn nachzuäffen. Und hatten sich nicht damals gerade die "germanischen" Niederländer, Flamen und Luxemburger - die jeden Vorteil davon gehabt hätten - mit Händen und Füßen gegen dieses Vereinte Europa gewehrt (die "welschen" Franzosen, Wallonen und Italiener dagegen viel weniger)? Aus diesen Europäern soll noch jemand schlau werden... die Amerikaner nicht. Wie schon einmal, zu Beginn des ersten Weltkriegs, verlagern die USA ihr Interesse nach Westen, an den Pazifik. 1962 und 1964/65 veranstalten sie Ausstellungen in Seattle (dort werden die Düsenbomber gebaut, in denen die Atombomben transportiert werden, und dort wird erstmals "moderne Stadtplanung" vorgestellt) und in New York City, aus Anlaß des 300. Jahrestages seiner Gründung. (Tatsächlich war es nur der 300. Jahrestag der Umbenennung Neu-Amsterdams - aber das ist eine andere Geschichte.) Die Kosten der ersteren übernimmt Boeing (und setzt sie von der Steuer ab, d.h. der amerikanische Steuerzahler muß blechen), die letztere wird ein finanzielles Desaster.

* * * * *

1967 findet noch eine Weltausstellung in Nordamerika statt, allerdings nicht in den USA, sondern in Kanada. Anlaß ist der 100. Jahrestag der Erhebung der kanadischen Territorien zum "Dominion" (d.h. zur auch zahlenmäßig von weißen Einwanderen, nicht mehr von Eingeborenen dominierten Kolonie) im britischen Kaiserreich, dem "Empire". (Inzwischen heißt es allerdings "Commowealth", nach einer Bezeichnung, die sich der englische Diktator und Iren-Schlächter Cromwell im 17. Jahrhundert für die britischen Inseln ausgedacht hatte; er meinte damit: "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" - auch den Spruch hatte der Braunauer also geklaut.) Es ist der allerletzte Rest, den England noch vorzeigen kann von seinem einstigen Empire, das es 1939 leichtfertig auf den Kopf gehauen hat, als es dem Deutschen Reich aus nichtigem Anlaß den Krieg erklärte (und Frankreich anstiftete, ein gleiches zu tun - was es ebenfalls sein Kolonialreich kosten sollte). Die besten Kolonien hat es gleich bei Kriegsende verloren; die übrigen haben ihm 20 Jahre später seine amerikanischen Verbündeten genommen, soweit es sich zu lohnen schien, sie in die politische Unabhängigkeit - und damit in die wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA - zu entlassen. (Den Rest, d.h. die offensichtlichen Zuschußgebiete, die allein von Subventionen der britischen Steuerzahler lebten, durfte England behalten, aber die zählen nicht wirklich.) Und selbst von den einstmals "weißen" Dominions sind ihm nur noch zwei geblieben, nachdem sich Rhodesien und Südafrika Anfang der 1960er Jahre aus dem Staub gemacht haben: Australien - aber das ist weit weg - und eben Kanada. Auch dort gärt es übrigens: Seine "Anglofonen" (das sind die, die kein ordentliches Englisch sprechen) sind zugleich Frankofobe, und seine "Frankofonen" (das sind die, die kein ordentliches Französisch sprechen) sind zugleich Anglofobe, d.h. sie mögen einander nicht, und diese Spannungen bündeln sich wie in einem Brennglas auf dem "Königshügel", im zweisprachigen Montréal. Der Teufel weiß, was die Engländer geritten hat, die Ausstellung ausgerechnet in der heimlichen Hauptstadt der französischen Provinz Québec abzuhalten...

Aber nun zur Ausstellung an sich: Wenn Dikigoros eben die "modernen Stadtplanung" in Seattle erwähnt hat, dann muß er jetzt vom "modernen Haus- und Wohnungsbau" berichten - Architektur en gros et en détail. Gewiß, es beginnt gerade eine Zeit, in der die Künste einen merkwürdigen Weg einzuschlagen beginnen, den des "Fortschritts" um jeden Preis. In Literatur und Theater, Malerei und Bildhauerei mag das schlimm genug sein - aber wem es nicht gefällt, der kann ja einfach weg schauen. Wer jedoch 1967 profezeit hätte, daß eine Generation später tatsächlich ein großer Teil der westlichen Großstadt-Menschen in solchen und ähnlich scheußlichen Kästen würde wohnen müssen, wie sie hier erstmals ausgestellt und als wegweisend bezeichnet werden, den hätte man vermutlich in die Klapsmühle gesteckt (was ein Fehler gewesen wäre, wie Dikigoros meint; besser hätte man solche Leute lynchen sollen - und die "Architekten" gleich mit.) Das Publikum schüttelt den Kopf, bleibt aus - obwohl "einfach weg schauen" diesmal nichts hilft. (Vielleicht hätte man doch schon den Anfängen wehren sollen, bei den anderen Künsten?!) Bestechend finden diese Weltausstellung wohl alleine die Herren vom IOC, die "Architekten" der Olympischen Spiele, deren "Begrüßungsgelder" einen Hauptbestandteil des Defizits bilden, mit dem die Ausstellung abschließt; jedenfalls vergeben sie die überübernächste Olympiade nach Montréal, wo sich die Peinlichkeiten wiederholen werden. Da wird es sogar erst richtig peinlich: Wenn die inzwischen unabhängigen Neger-Staaten Afrikas eine Weltausstellung boykottieren, fällt das nicht weiter auf - die haben eh nichts auszustellen (im Gegensatz zu Südafrika, aber das boykottiert ja nicht), denen hätte man noch im Wege der Entwicklungshilfe die Anreise zahlen müssen. Wenn sie jedoch die Olympischen Spiele boykottieren (wiederum wegen der Teilnahme Südafrikas) und plötzlich weiße Athleten die meisten Laufdisziplinen gewinnen, dann wundert sich die Sportwelt doch. Aber darüber hat Dikigoros inzwischen eine eigene Webseite geschrieben.

1970 darf Japan erstmals eine "echte" Weltausstellung ausrichten. Nein, die Japaner haben nicht den Mut, als Standort noch einmal - wie 1915 - Hiroshima zu wählen. (Es könnte ja jemand auf die abwegige Idee kommen, daß damit ein Affront gegen ihre amerikanischen Verbündeten beabsichtigt sei.) Oder das andere Städtchen, das Jahrhunderte lang ihre Im- und Export-Hauptstadt, ihr Tor zum Handel mit der Welt war, nämlich Nagasaki, das sie inzwischen wieder aufgebaut haben. Oder ihre uralte Kultur-Hauptstadt Kyōto, für das die zweite Atombombe eigentlich bestimmt war. (Die Amerikaner haben, vielleicht aus Mißgunst und Neid, weil sie so etwas nicht hatten, stets bevorzugt alte Kulturstätten ihrer Feinde angegriffen und zerstört, auch und gerade wenn sie keinen militärischen Wert hatten und deshalb schlecht verteidigt waren: Monte Cassino, Rothenburg, Dinkelsbühl, Nürnberg - nein, liebe Leser, das mit Dresden waren die Engländer, und die taten es nicht, um Kulturgüter zu zerstören, sondern Menschenleben, wir wollen doch bei der Wahrheit bleiben! -, Kyōto oder eben - weil dort gerade schlechtes Wetter war und Wolken die Sicht auf das Ziel versperrten - Nagasaki. Aber das ist eine andere Geschichte) Und in ihrer politischen Hauptstadt Tōkyō ist einfach kein Platz. Also wählen sie ihre Industrie-Hauptstadt Ōsaka.

Wer es bisher noch nicht gemerkt hat, muß es spätestens jetzt merken: Japan ist kein billiger Jakob mehr, der alles abkupfert und die in Massenproduktion von ausgebeuteten Arbeiter-Ameisen hergestellten Plagiate zu Dumping-Preisen auf den Weltmarkt wirft. Wohl schauen sich die Japaner die Produkte ihrer Konkurrenz noch an, aber sie kupfern nicht mehr blindlings ab, sondern denken nach, wie sie die verbessern können - und sie tun es! Bei optischen Geräten, wie Kameras, bei Uhren und bald auch bei Autos werden sie die Konkurrenz, die sie eben noch belächelt hat, bald das Fürchten lehren. Aber noch fürchten die sich merkwürdigerweise vor ganz anderen Dingen: Die Sowjets stellen ihre Raketen aus - ja, hat denn noch niemand eine sowjetische Rakete gesehen? Die rollen doch jedes Jahr bei der Parade zum 1. Mai über den Roten Platz in Moskau - wahrscheinlich sind es eh nur Attrappen. Gewiß, noch ist Krieg in Vietnam, da sind Waffen scheinbar wichtiger als zivile Konsum-Güter; und dennoch muß mit Blind- und Taubheit geschlagen sein, wer nicht merkt, was von dieser Weltausstellung den Gang der Weltgeschichte beeinflussen wird. Sie weist übrigens, um das vorweg zu nehmen, auf dem Papier einen zweistelligen Millionen-Gewinn der Veranstalter aus (wohlgemerkt nicht in Yen, sondern in US-Dollar) - was wird der alte Spielverderber Dikigoros nun daraus wieder machen?

Als Dikigoros noch klein war, war es - jedenfalls in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern - üblich, daß Kinder eine musikalische Ausbildung erhielten, noch vor Beginn der Schulpflicht, im Elternhaus. Nein, nicht nur "höhere Töchter" (was ist das eigentlich?) lernten Klavier spielen, sondern fast alle Kinder erlernten irgend ein Instrument, sei es Geige, Gitarre oder einfach nur Blockflöte - und wenn nicht einmal dafür Geld vorhanden war, lernten sie wenigstens Singen, ebenso natürlich wie Sprechen. Dikigoros hat Glück: seine Eltern bekommen für 100.- DM (was damals viel Geld ist) ein altes, gebrauchtes Klavier, und sein Vater bringt ihm die Anfangsgründe bei: Notenlesen, Akkorde und Tonarten verstehen, Tonleitern klimpern... Später wird sich ein pensionierter Dorfkapellmeister finden, der ihn halbwegs preiswert weiter unterrichtet. Alle seine Bekannten haben irgend ein Instrument erlernt, er wächst ganz selbstverständlich damit auf; in der Schule gibt es einen Schul-Chor und ein Schul-Orchester, und in der Schul-Messe spielt er später die Orgel. Er schreibt dafür die populären, aber so greulich interpretierten Stücke der Rolling Stones in Kirchenmusik um, um seinen Mitschülern, Lehrern und Priestern zu demonstrieren, daß es auch so geht; und eigentlich müßten das alle merken (die meisten merken es wohl auch); aber niemand verliert je ein Wort darüber, weder positiv noch negativ. Allein seine Musiklehrer meinen, er sollte unbedingt Musik studieren und Berufsmusiker werden; aber er weiß, daß an den Universitäten jetzt Zwölftonmusik, Stockhausen und andere Unmöglichkeiten gelehrt werden - das mag er nicht, und das will er nicht zu seinem Lebensinhalt machen. Schon gar nicht, um dann den Clown auf der Bühne zu spielen; er kann sich auch als Amateur zuhause alleine oder mit ein paar Freunden an seiner Musik erfreuen...

Der Fortschritt geht weiter. Irgendwann kommt ein findiger Kopf auf die Idee, an der Gitarre einen Verstärker anzubringen und vor dem Sänger ein Mikrofon aufzustellen - da hört man auch in den hinteren Reihen mehr. Und irgendwie ist es ja ganz praktisch, wenn man ein Konzert auf Tonband aufnehmen kann (leider sind diese Dinger ziemlich schlecht und teuer), dann können auch Leute mit hören, die nicht persönlich dabei sein konnten. Allerdings sind die "verstärkten" Gitarrenklänge, die Tonbandaufnahmen und auch das Gedudele aus dem Radio allesamt nur zweite Wahl (UKW ist noch nicht weit verbreitet, und Mittel- und Kurzwelle aus dem Röhren-Radio, na ja...), und zerkratzte Schellack-Platten dto.; noch können die "Konserven", wie man das alles abfällig nennt, der Life-Musik ebenso wenig das Wasser reichen wie eingemachtes Kompott frischem Obst. Aber dann kommt die Weltausstellung von Ōsaka, und auf einen Schlag wird alles anders: "HiFi", High Fidelity (Hohe Treue) nennen die Aussteller das: Technik vom Feinsten, und gar nicht mehr so teuer. Elektrische Gitarren (man braucht nicht mehr die mannshohe Baß-Geige mit sich herum zu schleppen, sondern kann einfach vier dicke Saiten auf den handlichen "E-Baß" spannen!) und Orgeln (man braucht nicht mehr in die Kirche zu gehen, wo die riesigen Orgel-Pfeifen aufgebaut sind - alles hat Platz in einem kleinen Kasten, den man wie ein Akkordeon auf den Schoß nehmen kann!), Tonbandgeräte und Lautsprecher, und alles mit der neuen Technik "Stereo", fast als säße man im Konzertsaal! Die Welt ist begeistert und ergeht sich in Lobes-Hymnen. Die Deutschen (die Grundig, Philips, Telefunken und Uher) und die Schweizer (Revox) werden weltweit führend in der neuen Technik (von Sony, Hitachi und anderen japanischen Firmen hat außerhalb Japans noch niemand etwas gehört, und wenn doch, dann hat er nur müde gelächelt). Auch Dikigoros ist hoch erfreut über sein neues Tonband-Gerät. Für ihn ist es selbstverständlich, daß das die Hausmusik nur ergänzt: Aufnehmen, anhören, Fehler beseitigen, besser machen; Musik von Leuten, die besser sind, aufnehmen, nachspielen und daraus lernen. Viel weiter denkt er noch nicht.

Im Laufe der Jahre bemerkt er jedoch schmerzlich, wie das Interesse an Musik allgemein nachläßt. Nein, nicht an der Musik an sich, sondern am aktiven Musizieren. Man läßt sich lieber "berieseln", und das umso mehr. Mit der Zeit wird es Mode, von morgens bis abends nicht nur das Radio, sondern den Fernseher, den Plattenspieler, das Tonbandgerät (später den Kassettenrecorder und den CD-Player) laufen zu lassen. Man versteht zwar selber nichts mehr von Musik, aber man verspürt das Bedürfnis nach einer Geräusch-Kulisse. (Das ist fast wie mit der Sportbegeisterung: Je weniger die breite Masse selber Sport treibt, desto länger verbringt sie vor dem Fernseher und sieht zu, wie eine kleine, hoch spezialisierte und hoch bezahlte Minderheit das tut.) Man läßt musizieren, so wie man Fußball spielen läßt. Aber das ist ja auch kein Wunder: Warum sollte man sich noch für teures Eintrittsgeld das life-Geschrammel einer mittelmäßigen Schul-Band anhören (wie sie Dikigoros' Mitschüler Wolfgang noch ein paar Jahre mühsam, aber letztlich vergeblich, am Leben zu erhalten versucht, neben seinem Studium), wenn einem jetzt Radio, Schallplatte und andere Tonträger die besten Orchester und Bands der Welt für wenig Geld (oder ganz umsonst) und in erstklassiger Tonqualität auf dem Tablett servieren? Warum sollte man noch selber bei Wind und Wetter auf den Sportplatz gehen, wenn das Fernsehen die besten Athleten der Welt hautnah in die gut geheizten Wohnzimmer bringt? (Sogar in Zeitlupe, wenn's drauf an kommt!) Diese Einstellung ist verständlich; aber mit ihr geht mehr verloren, als man auf den ersten Blick glaubt. In der ersten Generation ist es lediglich die Fähigkeit der breiten Masse, zu musizieren (und zu singen - eine der wichtigsten Voraussetzungen zur Pflege der Sprache und der Kultur), in der nächsten Generation haben selbst schon die "Profis" verlernt, was richtige Musik ist: Erbärmliches Geschrammel und Gejammere zu Negertrommeln, ohne sinnvollen (bisweilen selbst ohne sinnlosen) Text beherrscht die Szene und ihre Anhänger: je primitiver, desto "erfolgreicher" - jedenfalls wenn man diesen "Erfolg" nur in Geld bemißt. Der Rückschritt mutet bisweilen barbarisch an - schlimmer als in den Diskotheken der Nach-Ōsaka-Epoche kann es auch in der Steinzeit nicht gewesen sein.

Was haben sich nicht immer alle das Maul zerrissen über den ach so primitiven deutschen Schlager. Ja, das war er manchmal, wie das deutsche Volkslied kam er bisweilen mit zwei, drei Akkorden aus und einer einfachen Melodie - aber wenigstens die beherrschten seine Komponisten noch! Wie sagte Dikigoros' Mitschüler Axel (der Enkel eines großen Forschungs-Reisenden, der leider so gar nichts von seinem Opa geerbt hat) mal über einen deutschen Schlager: "Also, außer daß das eine abgeschlossene Geschichte ist, ist da doch gar nichts dran..." Immerhinque! Wenn die Texte auch nicht gerade höhere Poesie waren - sie bestanden wenigstens noch aus ganzen Sätzen, die halbwegs zusammen hingen. Aber inzwischen scheinen die "Macher" selbst das verlernt zu haben. Wozu auch? Das Publikum hört ja eh nicht mehr hin - am liebsten sind ihm englische oder andere fremdsprachige Texte, die es nicht versteht, da fällt nicht so auf, daß sie genau so blöd sind wie die deutschen. Ein Glück, daß man jetzt Dank der neuen Playback-Konserven-Technik nicht mehr life aufzutreten und die Texte und Melodien deshalb nicht mehr auswendig zu lernen braucht - einige Interpretinnen und Interpreten können nämlich nur noch mit dem Hintern wackeln und lallen. Das ist bitte wörtlich zu nehmen - den europäischen Chanson-Wettbewerb gewinnt in jenen Tagen ein Lied, dessen Refrain (so nennt man den Kehrreim jetzt) lautet: "la, lallalaaa, lallalaaa, lallalaaa, la, lallalaa, lallalaaa..." (Nein, liebe Leser, die Ihr damals noch nicht geboren wart, das ist kein schlechter Scherz, sondern die traurige Wahrheit! Aber zu diesem Thema schreibt Dikigoros mehr an anderer Stelle.) Die Schlager-Stars und -Sternchen mögen zumeist keine ausgebildeten Opernsängerinnen und -sänger gewesen sein, aber die meisten konnten wenigstens noch halbwegs eine Tonleiter 'rauf und 'runter plärren - selbst dazu reicht es jetzt nicht mehr. Wolfgangs Band schafft es endlich, mit einem Titel unter die ersten zehn ("Top Ten" nennt man das jetzt) der deutschen Hitparade zu kommen - dem schlechtesten, den er je geschrieben hat. (Dikigoros, den sie damals noch "Tarzan" nannten, muß zu seiner Schande gestehen, daß er ihn inspiriert hat, nach seiner Rückkehr aus den USA, als er "wieder da" war.) Nach wenigen Wochen legt sich der Erfolg, und das Geld ist schnell verfrühstückt, denn es bleibt ihr erster und letzter "Hit" (englisch "to hit" heißt schlagen, deshalb nennt man die Schlager jetzt so). Die Hausmusik stirbt aus; die Hersteller traditioneller Musikinstrumente gehen in Konkurs, HiFi und High-Tech machen mit ihrer Disco-"Musik" alles platt; und das nicht nur in Deutschland. (Der Treppenwitz ist, daß man für derart primitive "Musik" HiFi gar nicht mehr bräuchte - just die Musik, für deren Wiedergabe sie einst geschaffen wurde, ist nämlich durch sie vernichtet worden.)

Auf der ganzen Welt erfaßt die Menschen eine große musikalische und damit kulturelle Verarmung, und das zu einer Zeit, da die meisten Leute glauben, daß die zivilisierte Welt immer "reicher" werde, daß allenthalben der Wohlstand ausgebrochen sei. Tja, das kommt wohl darauf an, was man darunter versteht: Daß man jetzt ein Zweitauto in der Garage stehen hat? (Dikigoros' Mutter hat zeitlebens nicht den Führerschein gemacht und hatte nie das Gefühl, darob etwas versäumt zu haben.) Oder eine Tiefkühltruhe im Keller? Da braucht frau nicht mehr mühsam selber zu kochen, sondern kann mal eben auf die Schnelle Junk-food, pardon Fast-food [Schnellfutter] in die Mikrowelle schieben; das spart Zeit, die kann man dann vor dem Fernseher verplempern - ab sofort sogar in Farbe! (Dikigoros hat Pech: Erstens behalten seine Eltern den alten schwarz-weiß-Fernseher, den seine Mutter mal in der Lotterie gewonnen hat, bis er seinen Geist aufgibt - und das wird fast 25 Jahre dauern -, zweitens bereitet seine Mutter Grünkohl, Rotkohl und Apfelkompott weiterhin selber zu - deshalb mag er das bis heute nicht aus der Konserven-Dose -, nur die eigene Herstellung von Nudeln gibt sie auf - die ißt Dikigoros daher auch vorgefertigt aus dem Plastik-Beutel. Aber wenn man bedenkt, daß seine Urgroßeltern noch im selbst gezimmerten Ruderboot mit selbst genähten Netzen in der Ostsee Fische fingen und im nach Kaiser Wilhelm - dem ersten - benannten Wald hinter ihrem Dorf Beeren und Brennesseln sammelten, daß seine Großeltern noch im selbst gepachteten Garten Obst und Gemüse anbauten und im selbst gezimmerten Stall Geflügel und Kaninchen aufzogen, daß seine Mutter noch Kuchen und Tortenböden aus selbst geknetetem Teig gebacken hat - nicht mit dem von Dr. Oetker aus der selbst gekauften Papp-Schachtel -, dann ist der "Fortschritt" schon gewaltig.) Oder die zweite Urlaubsreise im Jahr? Gewiß - aber sieht man da noch so viel wie (geschweige denn mehr als) früher auf einer einzigen? Denn mit der kulturellen Verarmung geht auch die kulturelle Gleichschaltung einher: Konnte man vor gerade mal einem Lebensalter noch um die Erde reisen und überall andere Kulturen sehen und hören (wobei Dikigoros, kurzsichtiger Fotomuffel, der er ist, letzteres immer wichtiger gefunden hat), so klingt einem bald überall nur noch der (un-)musikalische Einheitsbrei entgegen. Und anders als bei Ernährung und Architektur (es zwingt einen ja niemand, Hamburger zu mampfen oder in Plattenbauten zu wohnen) kann man sich dem praktisch nicht mehr entziehen.

Als Dikigoros in den späten 1970er Jahren durch Südamerika reist, plärrt ihm allenthalben die schmierige "Musik" des Kino-Musicals "Grease" (das bedeutet "Schmiere" - nomen atque omen) entgegen. Die kulturelle Vielfalt der Welt wird ausgelöscht, schneller als er sich das in seinen schlimmsten Alpträumen hätte vorstellen können, und den Anfang dazu hat die Weltausstellung von èsaka gemacht, an dieser Feststellung führt kein Weg vorbei. "Aber das ist doch wunderbar," behaupten die Multi-Kulti-Apostel, die damals beginnen, ihr Unwesen zu treiben, "nun haben wir endlich eine weltweit einheitliche Kultur, das muß doch die Völkerfreundschaft fördern!" Wirklich? Dikigoros glaubt diesen Leuten, die sich ihre Weltanschauung gebildet haben, ohne die Welt anzuschauen, nicht - im Gegenteil: Die Südamerikaner, die sich von morgens bis abends John Travolta und Olivia Newton-John anhören, hassen die Amerikaner dafür aus tiefstem Herzen. Sie lassen sich deren (Un-)Kultur äußerlich aufzwingen, aber im Innersten verspüren sie darob eine tiefe Verzweiflung. Den "Gringos" werden sie das nicht auf die Nase binden; aber Dikigoros, der einige Zeit unter Mexikanern gelebt hat und fließend Spanisch spricht, den sie darum - und weil er Deutscher ist - als einen der ihren betrachten, schütten sie ihr blutendes Herz aus.

Hatten nicht noch während der Weltausstellung von Ōsaka ausgerechnet zwei Amerikaner ein altes peruanisches Volkslied weltberühmt gemacht? Zugegeben, Dikigoros findet weder den inhaltlich doch etwas dünnen Text noch die etwas eintönige Melodie sonderlich berauschend; und er hat auch nicht erwartet, über jedem Anden-Paß einen krächzenden Condor und hinter jeder Straßenecke Schilf-Flöte spielende Indios zu erblicken - aber noch viel weniger hat er damit gerechnet, daß ihm aus allen Radios von morgens bis abends "Sääändi" oder "Jurdä Wánndättai Wont" entgegen krächzt. (Es ist der staatliche Rundfunk, und es kommt auf allen Sendern; dagegen kann sich der einzelne nicht wehren.) Und Dikigoros hat zwar überhaupt kein Verständnis für die Terroristen des "Sendero Luminoso" - dessen Anfänge an der Universität von Ayacucho er "life" mit erlebt hat -, aber im Nachhinein versteht er sie und ihre Beweggründe. Vielleicht meinen die (mit Hilfe der Ōsaka-Technik immer totalitärer) herrschenden Multi-Kulti-Apostel ja in Wirklichkeit etwas ganz anderes als sie uns glauben machen wollen: Völker, denen man die eigene Kultur und damit die eigene Identität genommen hat, kann man leichter beherrschen; der gleich-geschaltete Untertan ist der bessere Untertan, jedenfalls aus Sicht der Regierenden - und die kontrollieren ja die Massen-Medien, in denen diese kulturelle Nivellierung propagiert wird.

Der Treppenwitz der Geschichte der Weltausstellungen bleibt aber auch diesmal nicht aus: Die Japaner haben nämlich für Ōsaka nicht nur High Tech entwickelt, sondern auch die traditionelle Musik für jedermann erschwinglich gemacht: Ein Konzertflügel von Yamaha kostet nur den Bruchteil eines von Bechstein oder Steinway - und so viel schlechter ist er nun auch nicht. So kommt es, daß Japan das letzte Land auf der Welt ist, in dem die Hausmusik in breiten Schichten, in dem die Musik der Wiener Klassik - und das deutsche Volkslied! - weiter gepflegt werden. (Dikigoros ist so manche Veranstaltung seiner Deutsch-Japanischen Gesellschaft in peinlicher Erinnerung, als die deutschen Gastgeber "ihre" eigenen Lieder, welche die japanischen Gäste aus Höflichkeit anstimmten, nicht mit singen konnten.) Und damit haben die Japaner wenigstens für ihr eigenes Land die Folgen von èsaka wieder gut gemacht. Bald verdrängen sie auch die deutschen Technik-Firmen vom HiFi-Markt, deren vorübergehender technischer Vorsprung im Ergebnis nur dazu geführt hat, daß die deutsche Unterhaltungs-Musik als erste in die Primitivität zurück gefallen ist. (In Frankreich und Italien, wo die Technik hinterher hinkt, erfolgt der Niedergang ein ganzes Jahrzehnt später, und in den USA wird gerade die Western- und Country-Musik neu entdeckt; deshalb bekommt Dikigoros das damals nicht so richtig mit.) Während also ein Konkurrent nach dem anderen Pleite macht, erobert Japan den Weltmarkt - zum doppelten Ärger der USA. Denn wenn man bedenkt, mit welchem Ziel Fränzchen Rosenfeld und seine Amerikaner (nein, liebe Leser, nicht die Amerikaner; Dikigoros kennt viele, die dagegen waren - es war weit mehr als die absolute Mehrheit -, und auf die läßt er nichts kommen!) den Zweiten Weltkrieg eigentlich geführt haben, nämlich zur Auslöschung der "faschistoïden" abendländischen Kultur und der "imperialistischen" ostasiatischen Wirtschaftsmacht, dann ist ausgerechnet der vermeintliche (Mit-)Verlierer Japan als einziges Land der Welt unbeschadet - vielmehr mit Gewinn - aus jenem Krieg hervor gegangen!

Und, allen Multi-Kulti-Aposteln zum Trotz: Die Japaner haben es geschafft, sich die mitteleuropäische Musik-Kultur anzueignen und sie zu bewahren, obwohl (oder - wie Dikigoros meint - gerade weil) sie sich ihre eigene Kultur nicht haben aufmischen lassen. Die Japaner sind das einzige große Volk der Welt, das sich und seine Kultur unverpanscht erhalten hat. (Nein, liebe Leser, "die Chinesen" sind kein Volk, sondern ein staatlicher Zwangsverband der von den Han unterdrückten Völker Ost-Asiens mit weitgehend ausgelöschter Kultur, dessen blutiges Auseinanderbrechen einige von uns noch erleben werden.) Es hat die fremden Kulturen nicht eingemixt, sondern läßt sie zum beiderseitigen Vorteil getrennt nebenher laufen - equal, but separate, sagten die Amerikaner, bevor sie die Apartheid (die südafrikanische, nicht die eigene) als Feindbild entdeckten. Und weil die Japaner sich ihrer eigenen Identität und Kultur so sicher sind, können sie auch ohne Fremdenhaß und Rassendünkel leben - dazu neigen nur solche Völker, deren Kultur man entweder verhunzt oder gleich ganz ausgerottet hat, die sich ihrer selbst nicht mehr sicher sind und deren Führer zwischen den Kulturen - eben "multi-kulti" - leben und deshalb die "150%igen" markieren müssen, wie Napo, der Korse, Berti (der Junior), Fränzchen, der Jude, Adi, der Ostmärker, oder Onkel Jo, der "Georgier". (Das sind nur die markantesten Beispiele. Eine etwas ollständigere Liste hat Dikigoros hier zusammen getragen.)

"Aber was schreibst du denn da?" fragt Yuko, Dikigoros' alter Japanisch-Lehrer, seinen Schüler, "als ob unsere Politiker und Militärs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allesamt Pazifisten gewesen wäre..." - "Aber Sensei," gibt der zurück, "kennt Ihr denn deren Biografien nicht? Die Japaner, die damals Kriege provoziert haben, haben entweder in den USA oder in China gelebt und studiert - und zwar vorzugsweise chinesische Literatur- oder europäische Kriegs-Geschichte." Yuko, der deutsche Literatur-Geschichte studiert hat und eigentlich Professor für Germanistik ist (und ein großer Freund und Kenner des deutschen Volkslieds), wird rot und schweigt - er selber lebt auch schon viel zu lange im Ausland und empfindet die Worte seines Schülers als verkappten Vorwurf. Eigentlich sollte er Japanern Deutsch beibringen, nicht Deutschen Japanisch. "Und du selber?" - "Für mich ist eine Fremdsprache immer eine fremde Sprache, egal wie gut ich sie erlernt habe; und wenn ich eine Zeit lang als Gast im Ausland gelebt und mich dort angepaßt habe, dann war das immer nur nach Aussen; im Inneren habe ich den deutschen Kulturkreis nie verlassen." Yuko schweigt - Japanisch zählt nicht gerade zu den Sprachen, die sein Schüler besser beherrscht als manche "native speakers" (deren offizielle Staatssprache ja nicht immer ihre "echte" Muttersprache ist - auch in anderen Ländern sorgen die Regierenden für Gleichschaltung!); und vielleicht glaubt er insgeheim, daß das seine, des Lehrers, Schuld sei. (Nein, Sensei, ist es nicht; Dikigoros war einfach zu faul, die knapp 2.000 Kanjis ordentlich zu lernen!) Aber wie dem auch sei: Die heutigen Japaner können mit sich selbst zufrieden sein und deshalb mit der Welt in Frieden leben.

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Das kann man von den Engländern nicht gerade behaupten - im Gegenteil. Nach dem politischen Abstieg hat auch der kulturelle auf breiter Front eingesetzt. Niemand verkörpert diesen Niedergang besser als der punkige Transvestit, der in den Hitparaden singt: "Rule Britannia ist out of bounds" - er hat ja Recht! Britannien ist die längste Zeit groß gewesen (aber das ist eine andere Geschichte). Daran ändert auch Maggy nichts, die "Eiserne Lady", die es inzwischen mit eisernem Besen regiert. Nein, nicht als Königin, sondern als Premier-Ministerin, denn die Emanzipation ist inzwischen - nicht nur in England - weit gediehen (aber auch das ist eine andere Geschichte). Immerhin gibt es das Königshaus noch. Die Coburger haben sich erst in "Battenberg", dann in "Mountbatten", dann in "Windsor" umbenannt, denn inzwischen herrscht weltweit der merkwürdige Glaube, man könne gewisse Dinge ändern, wenn man sie nicht mehr beim Namen nennt bzw. ihnen einen neuen (möglichst langen und unverständlichen) verpaßt, der noch nicht so verbraucht klingt und vermeintlich keine negativen Assoziationen mehr weckt: So wird aus dem Kriegs-Krüppel erst der Kriegs-Versehrte, dann der Behinderte (ohne daß es ihm davon besser ginge; immerhin bekommt Urs jetzt einen schönen neuen Ausweis, mit dem er auch im Halteverbot parken darf; das ist viel wert in dieser Zeit - nur kann er leider nicht mehr Auto fahren). Aus der Putzfrau wird erst die Reinemachefrau, dann die Raumpflegerin und schließlich die Parkett-Kosmetikerin. Und aus dem vornehmen lateinischen Niger (die Römer sprachen das "i" kurz, daher schrieben es ungebildete, d.h. des Lateinischen nicht mächtige Leute auch mit "gg") wird erst der Neger (das ist Französisch, und so hat Dikigoros es noch gelernt, als er jung war), dann der Schwarze (das ist Deutsch) oder "Black" (das ist Englisch), dann der Colorierte (das ist Spanisch) und schließlich der "Afrikaner" (auch wenn das an "Affe" erinnert und wenn er - wie die meisten britischen Neger - noch nie dort war). Das alte englische Sprichwort "to call a spade a spade" (einen Neger einen Neger, d.h. eine Sache beim Namen nennen) wird als "politisch unkorrekt" aus der Sprache verbannt.

Aber das hat alles nichts geholfen - das englische Königshaus ist nicht mehr sonderlich populär. Inzwischen regiert, besser gesagt, thront Lizzy (die eigentlich Lizzy Drina heißt, nach ihrer Ururgroßmutter), schon gut drei Jahrzehnte über dem weiter schrumpfenden Commonwealth. Es waren gut drei Jahrzehnte, aber keine guten drei Jahrzehnte, weder für ihr Land noch für sein Königshaus. Wenn man später einmal auf ihre Regierungszeit zurück blicken wird, wird man wohl nur drei Dinge in angenehmer Erinnerung behalten: die Erfindung des viel besungenen Minirocks (der auch ohne Weltausstellung die Welt erobert hat - sollte einem das nicht zu denken geben?), die Beatles (die ebenfalls die Welt erobert haben; und Dank Ōsaka verdienen sie mit ihren Tonträgern seit ihrer Trennung - die just während jener Ausstellung erfolgte - ein Vielfaches dessen, was sie mit ihren Life-Auftritten verdienten, als sie noch gemeinsam um die Welt tingelten) und den Gewinn der Weltmeisterschaft im Balltreten 1966 (gegen Deutschland, im Bündnis mit einem Linienrichter aus Onkel Jo's Land, im Stadion von Wembley, das damals noch "Empire-Stadion" hieß - obwohl es längst kein Empire mehr gab -; das ist nun wirklich erfreulich, daran können und werden sie sich noch lange aufgeilen). Die weniger angenehmen Dingen - z.B. den Niedergang der traditionellen Industrien, das Anwachsen der Immigranten-Ghettos und Slums in London und anderen Großstädten, das Scheitern des Wohlfahrts-Staats ("from the cradle to the grave, the British welfare system", hatte Dikigoros noch im Englisch-Unterricht gelernt, nun ist es im Grabe angekommen), den Religions-Bürgerkrieg im nord-irischen Ulster und die Rassen-Bürgerkriege in Bradford und anderen mittelenglischen Städten - wird man verdrängen, indem man sie einfach aus der offiziellen Geschichtsschreibung streicht.

Lizzy macht, das muß einfach mal gesagt werden, keine gute Figur, ihre jüngere Schwester, diese "Skandal-Nudel" (die Engländer wissen noch nicht, was eine Skandal-Nudel ist!) schon gar nicht, und ihr ältester Sohn und Thronfolger, der Prinz von Wales, auch nicht. Er trägt den Namen Charly, und der hat englischen Papageien für gewöhnlich mehr Glück gebracht als englischen Königen. (Seine beiden Namensvettern wurden von ihren Untertanen gestürzt, einer sogar geköpft.) Aber wohl weil die inzwischen auch nur noch Papageien sind (ihre Hauptaufgabe ist, die Regierungs-Erklärungen nachzuplappern, die ihnen der jeweilige Premier-Minister vorsetzt), hat man es mal wieder riskiert. Wenn er nur auch aussehen würde wie ein Papagei, mit schönem, buntem Gefieder - so etwas braucht man einfach im Zeitalter der Massenmedien, das Ōsaka eingeläutet hat! Aber er sieht eher aus wie eine Vogelscheuche, und seine langjährige Freundin Camilla wie ein krankes Pferd - ein schönes Paar. Die englischen Werbefachleute arbeiten eine Strategie aus, wie sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können: Der Thronfolger bekommt eine hübsche junge Ehefrau verpaßt (die beiden mögen einander zwar nicht, aber das wird vertuscht; Hauptsache die Frauenzeitschriften als wichtige Sympathieträger sind zufrieden), und das Commonwealth fünf Jahre später, 1986, eine neue, glanzvolle Weltausstellung. Wieder in Kanada, aber eingedenk der Pleite von Montreal diesmal am anderen Ende der Welt, pardon, des Landes, im pazifischen Vancouver. Der Prinz und die Prinzessin von Wales (die aber niemand so nennt, sondern - nach ihrem Vornamen Diana - "Prinzessin Di") vertreten das Mutterland, durchschneiden bei der Eröffnungsfeier die Schleife, grinsen mühsam in die Kameras und machen Winkewinke. Sie sind das Traumpaar der Massen(-medien), und alles ist eitel Sonnenschein. Die Ausstellung wird ein großer Erfolg, politisch und auch wirtschaftlich. Das versichert Dikigoros jedenfalls jemand, der es wissen muß, denn er wohnt gleich um die Ecke und war selber dabei. Nun hat sich Dikigoros im Laufe der Jahre angewöhnt, Weltausstellungen, Olympiaden und ähnliche Veranstaltungen nicht direkt zu besuchen, sondern ihre Schauplätze (oder müßte man jetzt schon "Show-Plätze" schreiben?) einige Zeit danach, um zu sehen, was die Leute vor Ort auf längere Sicht davon gehabt haben (außer erhöhten Preisen für Hotels und Restaurants). Lassen wir also die Endabrechnung für Vancouver noch ein paar Jahre und Zeilen liegen, ebenso die für Brisbane, wo anno 1988 eine Veranstaltung statt findet, die ebenfalls "World Expo" genannt wird, aber eigentlich nur der Selbstdarstellung des Bundesstaates Queensland dient und von kaum einem ernst zu nehmendem Land richtig beschickt wird. (Die größte Aufmerksamkeit erlangt noch der "Friedens-Pavillon" von Nepal - einem Land, das von einem im Ausland kaum wahrgenommenen Bürgerkrieg zerrissen wird, der zwei Jahrzehnte später mit einem Sieg der Maoïsten enden und Rotchina nach Tibet seine zweite Kolonie im Himālay bescheren wird - ebenfalls vom Ausland kaum wahrgenommen.) Nach einem halben Jahr - und kaum einem zahlenden Besucher - baut man den Krempel in Brisbane sang- und klanglos wieder ab, nicht ohne zu versichern, daß das ganze ein großer Erfolg war, politisch und auch wirtschaftlich - aber das kennen wir ja schon...

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Die beiden nächsten Weltausstellungen finden auf der Iberischen Halbinsel statt: 1992 im spanischen Sevilla und 1998 im portugiesischen Lissabon. Die erstere soll wieder an die Entdeckung Amerikas erinnern, wie vor 99 Jahren in Chicago. Aber während das damals ein echter Grund war, ist es diesmal nur noch ein Vorwand: Zunächst einmal gilt dieses Ereignis inzwischen nicht mehr als Anlaß zum Feiern - im Gegenteil: Was damals noch zur Heldentat hoch stilisiert wurde, gilt heute als schweres Verbrechen und als ein Grund, sein Haupt in Sack und Asche zu hüllen - wenn man Europäer ist. Damals glaubte man noch allgemein, daß die Entdeckung der Neuen Welt nur Gutes gebracht habe; inzwischen glaubt man allgemein, daß dabei bloß großartige Kulturen vernichtet wurden, ohne etwas gleichwertiges an ihre Stelle zu setzen. (Dikigoros glaubt keines von beidem; aber darüber schreibt er an anderer Stelle.) In Wirklichkeit geht es bei diesen Weltausstellungen jedoch weder um Helden noch um Verbrecher vergangener Tage, sondern nur um Geschäftemacher der Gegenwart: Spanien und Portugal sind der Europäischen Gemeinschaft beigetreten, und wiewohl sie von der schon Unsummen an Entwicklungshilfe kassiert haben, genügt ihnen das immer noch nicht. Sie suchen krampfhaft nach neuen Vorwänden und finden sie in der Ausrichtung der ach so wichtigen Weltausstellungen. Tatsächlich braucht die kein Mensch mehr - sie haben sich im Zeitalter der Massenmedien ganz einfach überlebt. Nicht einmal mehr dem Normalverbraucher, geschweige denn dem "Insider", bieten die dort ausgestellten Produkte noch irgend etwas Neues. Etwas Tamtam drum herum, das ist alles. Zum Glück fragt niemand, warum ausgerechnet Sevilla den Zuschlag bekommen hat. Kolumbus ist doch gar nicht von dort abgefahren, sondern von Palos, dem heute versandeten kleinen Hafen an der "Costa de la Luz (Lichtküste)", der eine kleine Finanzspritze viel dringender bräuchte als das vergleichsweise reiche Sevilla. Aber es geht ja nicht um kleine Finanzspritzen, sondern um massive Investitionen in Milliarden-Höhe; und für die privaten Taschen der korrupten Funktionäre, die das Geld verteilen, muß ja auch noch ein hübsches Sümmchen übrig bleiben.

Am Ende werden für beide Weltausstellungen offizielle Bilanzen veröffentlicht, die jeweils einen Millionen-Gewinn ausweisen. Als später jemand nachrechnet, kommt heraus, daß es in Wirklichkeit doppelt so hohe Millionen-Verluste waren - die Milliarden, die aus den Brüsseler EU-Töpfen in "infrastrukturelle Maßnahmen im Vorfeld" geflossen sind, nicht mit gerechnet. Offiziell erhalten beide Veranstaltungen dennoch eine gute Presse - und wer es nicht besser weiß, glaubt vielleicht sogar das Märchen, daß nun alles besser geworden sei in Spanien und Portugal. Nur wenige Leute, wie Dikigoros, erinnern sich noch an die gute alte Zeit vor dem EU-Beitritt, als der Liter Bier in den Trinkhallen umgerechnet 50 Pfennige kostete, die Flasche Sherry 2.- DM, die Flasche Bacardi 3,50 DM (die Tapas dazu gab es umsonst) und die Übernachtung im 2-Sterne-Hotel 6.- DM. (Nein, liebe Leser, natürlich nicht in den Touristen-Hochburgen, aber dort mußte man ja nicht unbedingt Urlaub machen.) Aber sagt die Regierung nicht, daß es den Leuten jetzt viel besser gehe, daß sie viel höhere Einkommen beziehen, daß sie sich also auch etwas teureres Bier leisten können? Das kommt darauf an, was man unter "den Leuten" versteht: Vielleicht den statistischen Durchschnittsbürger, errechnet aus dem Brutto-Sozialprodukt dividiert durch die Bevölkerungszahl? Gewiß, der mag - jedenfalls auf dem Papier - "reicher" geworden sein. Doch in Wirklichkeit hat der EU-Beitritt in beiden Ländern nur die Groß-Industrie reich gemacht (und das heißt im Zeitalter der Globalisierung: die multinationalen Konzerne, deren Gewinne schnell außer Landes fließen); den - auf der iberischen Halbinsel ohnehin von jeher dünn gesäten - industriellen Mittelstand, z.B. im Baskenland, hat er dagegen binnen weniger Jahre völlig ruiniert. (Aber vielleicht war das Absicht? Wenn die Basken nicht mehr aus eigener Kraft für sich sorgen können, sondern von den EU-Geldern abhängig werden und von deren Umverteilern in Madrid, vielleicht begraben sie dann endlich ihre bösen, nationalistischen Unabhängigkeitsträume? Der Galizier hatte es auf die plumpe Tour versucht, indem er massenhaft Hungerleider aus Süd-Kastilien im Baskenland angesiedelt hatte, um es wirtschaftlich und kulturell kaputt zu machen; die "Demokraten" versuchen es eben auf ihre Art, die sie für eleganter halten, und haben damit augenscheinlich mehr Erfolg.)

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Bevor wir uns nun Hannover und der vorerst letzten Veranstaltung dieser Art zuwenden, wollen wir noch einmal an den Ort der beiden ersten Weltausstellungen zurück kehren, nach London und Paris, und bei der Gelegenheit auch gleich den 1986 in Vancouver verlorenen Faden wieder aufnehmen. Was ist denn inzwischen aus unserem Traumpaar, Charles und Diana, geworden? Es macht immer noch Schlagzeilen, aber leider keine der erfreulichen Art: Ihre Ehe ist gescheitert, das Paar lebt getrennt, Charles treibt es wieder mit seiner - mittlerweile geschiedenen - Jugendfreundin Camilla, und Diana mit einem gewissen Dodi. Das ist der Sohn des bestgehaßten Mannes im Vereinigten Königreich, denn - ja, was hat er denn eigentlich groß verbrochen? Eigentlich müßten ihm seine Landsleute (jawohl, er hat einen britischen Paß, denn er ist in Ägypten geboren, als das noch britische Kolonie war) doch dankbar sein; er hat nämlich ihr ebenso traditionsreiches wie marodes Kaufhaus "Harrods" gekauft und mit großem finanziellem Aufwand saniert. Aber Dankbarkeit für derartige Hilfeleistungen war noch nie eine Stärke der Briten - im Gegenteil: so etwas verletzt ihren nationalen Stolz. Auch Rolls Royce, Jaguar, Rover usw. mögen zwar allesamt Pleitegeier sein; aber wenn die böse ausländische (womöglich gar deutsche) Konkurrenz sie übernimmt, ist das Geschrei groß. Und nun spannt der Sohn dieses ägyptischen Lackaffen und Playboys ausgerechnet ihrem Kronprinzen die Frau aus! Die Presse schmiert, das Volk feixt (warum sollen eigentlich nur bei den Bürgerlichen 30% der Ehen scheitern?), und Königin Lizzy schäumt vor Wut. War da nicht noch ein Viertes aus ihrer Regierungszeit, neben Minirock, Beatles und Fußball-WM, an das man sich erinnern wird? Richtig, die Filme über den Geheim-Agenten ihrer Majestät mit der Doppel-Null-Nummer 7 und der Lizenz zum Töten! Diesen Geheimdienst, den "MI5", gibt es ja wirklich; und als Diana und Dodi ihren nächsten Kurzurlaub in Paris machen, erleiden sie dort einen tragischen "Unfall", der reif für jeden James-Bond-Film wäre. Jeder, der bis drei zählen kann, weiß sofort, was Sache ist - zumal bald darauf auch alle wichtigen Zeugen dieses "Unfalls" nach und nach "verunfallt" werden; aber die Presse und alle anderen Medien werden geknebelt, offiziell bleibt es beim Verkehrs-Unfall (an dem die Presse nach einer abenteuerlichen Version, die zu lancieren sich das britische Königshaus nicht entblödet, sogar schuld sein soll!), und damit ist dieses Problem gelöst.

Exkurs. Über die Themen "politische Moral" und "Mord aus Staatsraison" kann man trefflich streiten. Dikigoros versteht durchaus, daß z.B. Churchill im Zweiten Weltkrieg General Sikorski, den Führer der polnischen Exil-Regierung verunfallen lassen mußte, denn der feindete Englands Verbündeten an, den guten Onkel Jo Stalin, bloß weil der in Katyn ein paar polnische Kriegsgefangene hatte erschießen lassen. Weg mußte auch der "liebe Führer" (jawohl, so nannten und nennen ihn die Inder bis heute: "Netaji") der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Subash Chandr Bosh (von Ausländern, Anglo-Indern und anderen, die des Bengalischen nicht mächtig sind, meist "Bose" geschrieben); denn er war - wie der in Deutschland geborene und bald darauf ebenfalls verunfallte junge König Rama VIII von Siam - ein Freund der Japaner und des Braunauers (Bosh' Nachfolger, der liebe Gandhi, übrigens auch, und ursprünglich sogar der Bandit, pardon Pandit Nehru, wenngleich das seit seiner Konvertierung zum Sozialismus niemand mehr wahr haben will - am Sinn der Ermordung des Netaji darf also schon gezweifelt werden). Ferner ist nachvollziehbar, daß im Dezember 1945 General Patton "verunfallen" mußte; denn abgesehen davon, daß er - im Gegensatz etwa zu dem Kriegs- und Nachkriegsverbrecher Eisenhower - keinen persönlichen Haß gegen die besiegten Deutschen empfand (sondern im Gegenteil Mitgefühl - für so etwas konnte man bei den Alliierten wegen "Humanismus vor dem Feind" ganz offiziell an die Wand gestellt werden!), wollte er den Krieg zusammen mit letzteren gegen die Sowjets fortführen. Mit dem Programm hätte er bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen ein gefährlicher Konkurrent eben jenes Verbrechers Eisenhower werden können - und der ging bekanntlich über Leichen. (So wie schon Fränzchen über Leichen gegangen war, als er anno 1935 den als "Diktator von Louisiana" verunglimpften Gouverneur Huey Long ermorden ließ, der im Begriff war eine neue, national-sozialistische Partei zu gründen und ihn angesichts des offensichtlichen Scheiterns des "New Deal" bei den Wahlen von 1936 mit einiger Sicherheit geschlagen hätte.) Erst ein paar Jahre später sollten einige wenige, denen die Propaganda das Gehirn noch nicht ganz vernebelt hatte, erkennen, daß man statt der "Nazi-Sympathisanten", des Bengalen Bosh - der als einziger die Teilung Bengalens und damit Indiens hätte verhindern können - und des Generals Patton besser den Kashmiri Nehru - an dessen Heimat sich die Teilung Indiens bis heute festgefressen hat - und den General Stilwell, den Totengräber Chinas hätte verunfallen lassen - aber das ist eine andere Geschichte. Und, um auch diesen letzten Vergleich noch zu bringen: Dikigoros hat ebenso vollstes Verständnis dafür, daß in den 1970er Jahren die deutsche Bundesregierung die im Gefängnis Stammheim einsitzenden Terroristen der Baader-Meinhof-Gruppe umbringen ließ, um zu verhindern, daß sie durch weitere Entführungen oder Terroranschläge frei gepreßt würden (das war staatliche Notwehr). Exkurs Ende.

Aber in diesem Fall muß Dikigoros zumindest einen Augenblick inne halten und nachdenken. Gewiß, Diana hätte, wenn sie Dodi heiraten wollte (und das wollte sie wohl) nach mohammedanischem Familienrecht zum Islam konvertieren müssen; und sie war die Noch-Ehefrau des nächsten Oberhäuptlings der anglikanischen Kirche - und die Mutter des übernächsten. Konnte England das hinnehmen? (Ein paar Affären, z.B. mit ihrem Stallmeister, hatte man ihr durchgehen lassen; das hatte in England gute Tradition; schon Drina hatte eine mit ihrem Stallmeister gehabt - freilich erst, nachdem sie verwitwet war, denn ihrem geliebten Berti war sie treu wie Gold gewesen.) Nein, aber es gab keine gesetzliche Handhabe, das zu verhindern. So rächt es sich, wenn die Gesetze zu lasch sind: Weil in Deutschland die Todesstrafe abgeschafft ist, mußte die Bundesregierung die Gefangenen in Stammheim heimlich töten; und weil Ehebruch in England nicht mehr strafbar ist und anders nicht mehr geahndet werden kann, mußte die britische Regierung Diana und ihren Verlobten heimlich töten. Wer der Gerechtigkeit in den Arm fällt erreicht damit letztlich immer nur, daß die Ungerechtigkeit ihren Lauf nimmt. Posthum ernennt die Journaille Diana zur "Königin der Herzen", und ein abgehalfterter Pop-Sänger, der gerade aus der Trinker- und Fixer-Heilanstalt entlassen ist, zur "Königin der Kerzen". (Nein, liebe Leser, auf Englisch reimt sich das nicht, daß es das auf Deutsch tut, ist Zufall.) Er schreibt auch einen Song darüber, passenderweise auf die Melodie eines älteren Songs, den er geschrieben hatte, als das amerikanische Herrscherhaus der Kennedy die Hure ihrer beiden immer spitzen Spitzbuben, pardon, Spitzen-Politiker, Norma Jeane (die sich nach einem früheren US-Präsidenten "Monroe" nannte), hatte ermorden lassen, als sie drohte lästig zu werden. Der Verkaufserfolg ist überwältigend, der bankrotte Sänger wird binnen weniger Wochen wieder zum Millionär. Lizzy ist heil froh, daß er keine Anspielungen gemacht hat (wenn man nicht das Haus Windsor als den Wind verstehen will, der Di's Lebenslicht so plötzlich ausgepustet hat - aber so weit denkt offenbar keiner der Beteiligten) und erhebt ihn dafür in den Adelsstand (wie zuvor schon die Beatles). Und so kommt sie sogar noch zu einen fünften Erinnerungsposten an ihre Regierungszeit - ein weiterer Treppenwitz in der an Treppenwitzen so überreichen Geschichte der Weltausstellungen.

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Und nun kommen wir endlich nach Hannover und damit zum vorläufigen Tiefpunkt der Weltausstellungen - der zugleich in vielerlei Hinsicht ein Höhepunkt ist: an Inkompetenz, Betrug, Geld- und Ansehens-Verlusten in aller Welt. Eigentlich könnte Dikigoros das kurz und trocken abhaken, denn damit ist schon alles gesagt; aber seine Frau ist mit einer der Organisatorinnen der "Expo 2000" befreundet (nein, nicht mit Birgit Breuel - das würde er als Scheidungsgrund betrachten :-), deshalb hat er etwas tiefer hinter die Kulissen geblickt und will dem geneigten Leser seine An- und Einsichten nicht vorenthalten. Bereits im Vorfeld hat die erfolglose Chefin der eigens zu diesem Zweck gegründeten (und nach der Expo sofort in Konkurs gegangenen) GmbH - die bereits als Leiterin der sogenannten "Treuhand" für die größte Vermögensvernichtung der Nachkriegsgeschichte gesorgt hat - erklärt, was die Expo nicht sein soll: Keine Industrie-Ausstellung und überhaupt keine Leistungs-Ausstellung. Das würde nämlich einen völlig falschen Eindruck erwecken: Deutschland ist keine Leistungs-Gesellschaft mehr; Leistungen läßt man vielmehr dort erbringen, wo es billiger ist, in der Dritten Welt, zur Not von Frauen und Kindern, die sind am billigsten. "Globalisierung" nennt man das; deshalb ist das "Logo" der Expo 2000 logischerweise auch einfach ein Globus. Genauer gesagt ein Globus, auf dem düstere Wolken und stürmische See zu sehen sind - hoffentlich ist das kein schlechtes Omen. Aber da sind die Veranstalter vor. Die haben auch erkannt, daß es Unsinn wäre, im Multimedia-Zeitalter Besucher mit Produkten hinter dem Ofen hervor locken zu wollen, die entweder jeder schon hat oder niemand mehr braucht. Also wird die Parole ausgegeben: Dies wird eine Multi-Kulti-Expo, d.h. ausgestellt wird ein möglichst breiter Mix möglichst vieler "Kulturen". Das wird durchaus quantitativ berechnet: Da es infolge der politischen Unabhängigkeit zahlreicher neuer Klein- und Kleinststaaten (jawohl, Nepal stellt aus - und gar nicht mal schlecht -, aber Tibet ist noch immer chinesische Kolonie!) mehr davon auf der Welt gibt als je zuvor, hat die Expo 2000 den ersten Welt-Rekord schon mal sicher.

Der zweite Rekord sind die hohen Anlaufkosten - aber die hofft man, durch möglichst viele Besucher und möglichst hohe Eintrittspreise wieder herein zu bekommen. Also rührt man eine ordentliche Werbe-Kampagne in den Massenmedien an. Die berichten auch wahrheitsgemäß - und die Besucher bleiben aus. Nanu, wie das? Schauen wir uns ein wenig auf der Expo um - zuerst natürlich in der deutschen Halle (warum die offiziell "Pavillon" genannt wird, weiß kein Mensch - es ist wirklich nur eine Halle). Von der erwartet der auswärtige (nicht nur der ausländische) Besucher verständlicher Weise am meisten. Was aber wird geboten? Im Erdgeschoß stehen ein paar Gips-Büsten herum von "berühmten Deutschen". Dazu zählen z.B. die Wahl-Französin Rosie Delon (geb. Albach, gesch. Meyen) alias "Romy Schneider", die in Deutschland selbst aus Dikigoros' Generation kaum noch jemand kennt (sie hat in den 1950er Jahren mal die "Sissi" gespielt und ist seit fast 20 Jahren tot). Oder auch "die Maus", eine Kunstfigur aus einer Fernseh-Sendung für Kinder. Dikigoros muß wieder an den Transvestiten zurück denken, der einst "Rule Britannia is out of bounds" gesungen hat. In dem Text kommen auch schon Menschen und Mäuse vor - war er nun so profetisch, oder haben sich die Aussteller an der britischen Un-Kultur orientiert? Im Obergeschoß des "deutschen" Pavillons laufen Kurz-Filme über das Leben in Deutschland - die Monitore sind etwas unscharf, das hätte man zuhause besser und billiger haben können. Und wer so scharfe Augen (oder ein Opernglas mit) hat, daß er doch etwas darauf erkennen kann, der kann über den Inhalt nur den Kopf schütteln. Das soll deutsches Leben sein? Ach nein, es soll ja demonstrieren, daß Deutschland zur Multi-Kulti-Gesellschaft verkommen ist! Genauer gesagt zur Zero-Kulti-Gesellschaft, denn durch Addition von Nullen ergibt sich auch nicht mehr als Null (ebenso wenig durch Multi-plikation auch nur einer Null mit noch so hohen Kulturen, pardon, Zahlen - ein fauler Zero-Apfel reicht!), und die Aussteller haben natürlich darauf geachtet, daß auch die anderen Staaten sich nur mit solchen Exponaten beteiligen, die in ihre Nullsummen-Spiel passen. Die USA - die gerade dabei sind, wieder zu sich zu finden - lehnen dankend ab. Nun, die haben halt keine Kultur, unken die Veranstalter und haken das ab. (Oder wissen die Amerikaner etwa schon aus eigener, leidvoller Erfahrung, was von Multi-Kulti zu halten ist?)

Wer einen Blick für Symbolik hat, der kann bei einem Rundgang über das Ausstellungsgelände so mancherlei erblicken, das wie die Faust aufs Auge paßt: Zum Beispiel den verunglückten Pleitegeier aus Stein. Oder das (schwarze) Milchmädchen mit dem Riesentopf, in dem Frau Breuel offenbar ihre Rechnung gemacht hat, kurz bevor er ihr herunter fällt. Oder die steinernen Hände, die das indische Ausstellungsgebäude über dem Kopf zusammen schlägt. Oder die Denkmäler auf die schwarzen und weißen Rekrutinnen, die demnächst zum Wehrdienst an der Waffe gemustert werden. Oder die bockspringenden Paviane, die man zum Gärtner im Glashaus gemacht hat. (Hat die da gerade ein Leser mit Frau Breuel verglichen? Pfui, so eine Beleidigung für jeden gescheiten Pavian verbittet sich Dikigoros als Tierfreund ausdrücklich!) Wer da noch den Überblick behalten will, der muß schon artistische Kunststücke leisten. Nein, es reicht nicht aus, wenn einen das auf die sprichwörtliche Palme bringt, denn die darf man nicht beklettern, das soll nämlich gar keine Palme mit Kokosnüssen sein, sondern ein (von den Veranstaltern preisgekröntes) "Kunstwerk", eine stilisierte Frau mit mehreren Brüsten! Wirklich sehr lebensnah, wie die ganze Ausstellung...

Trotz alledem sind die Besucher offenbar beeindruckt - das sagen sie jedenfalls in den wenigen Interviews, die veröffentlicht werden (und selbst die sind wahrscheinlich getürkt). Zuhause erzählen sie dann, was sie wirklich von diesem Schildbürger-Streich halten - wen wundert es, daß die Gäste ausbleiben und die Veranstaltung immer tiefer in die roten Zahlen rutscht? Nun will Dikigoros nicht verschweigen, daß einige Aussteller doch Gewinn gemacht haben - alles schon mal da gewesen: Wie anno 1904 in St. Louis werden Hamburger der große Renner, und diesmal wagt niemand mehr, McDonald's den Zugang zu verwehren - im Gegenteil: Die sind ein Garant für guten Umsatz, denn sie servieren immer gleich bleibende Qualität zu gleich bleibenden Preisen. Erstere mag zwar nicht besonders hoch sein, letztere aber auch nicht; und was einem sonst von der "Multi-Kulti-Küche" der Expo 2000 angeboten wird, ist zum Teil schlicht Schweine-Fraß zu Mondpreisen - wer soll das essen? Dikigoros erinnert sich dunkel an das alte, fast in Vergessenheit geratene, da politisch nicht mehr korrekte, Sprichwort: "Viele Köche verderben den Brei." Tja, der Multi-Kulti-Fraß paßt halt zum Multi-Kulti-Brei, wie sollte es anders sein; aber diese dickköpfigen Untertanen wollen das einfach nicht einsehen, und so müssen die meisten Restaurationsbetriebe der Expo ihren Laden bald dicht machen, während die Leute bei McDonalds Schlange stehen. Und vor den Toiletten - dort sind die Warteschlagen sogar am längsten, denn inzwischen hat sich herum gesprochen, daß es nicht lohnt, vor den größeren Pavillons anzustehen. (Und vor einigen kleineren, die es vielleicht eher verdient hätten, bilden sich die Schlangen mangels Interessenten gar nicht erst.) Die Veranstalter gehen auf die Suche nach Sündenböcken: Na klar, die Presse ist schuld, und die fehlende Werbung. Da wird man jetzt mal kräftig gegen halten. Getürkte Zahlen werden veröffentlicht, geschönte Berichte lanciert (sogar im Internet!), negative Berichte unterdrückt, ein abgehalfterter Schauspieler und eine bekannte Sex-Nudel für ein paar Millionen engagiert, um die Expo allen, die noch immer nicht da waren, wärmstens zu empfehlen.

Wenn Dikigoros eben von "getürkten" Zahlen gesprochen hat, so richtet sich dies keineswegs gegen die Türken. Vielmehr stammt diese Redensart von einem anderen Schwindel, gut zwei Jahrhunderte zuvor. Damals hatte ein Baron aus Siebenbürgen einen Kasten gebaut, der angeblich "automatisch" Schach spielen konnte. Er stellte ihn zuerst in Wien aus, und obwohl es damals noch keine Weltausstellungen gab, kam alle Welt, um gegen ihn zu spielen - und zu verlieren. An dem Kasten saß eine lebensgroße menschliche Figur, ein Roboter in Türkenkleidung. Später kam heraus, daß im Inneren des Kastens ein Mensch versteckt war, der halt sehr gut Schach spielte und daher fast immer gewann. Fortan sagte man von jemandem, den man des Betrugs verdächtigte: "Der hat wohl einen Türken gebaut." Nun ist Dikigoros bekanntlich kein großer Freund der Türken - also muß es einen besonderen Anlaß geben, wenn er sich von Angriffen gegen sie distanziert. Gibt es auch. Zwar sind die englischen Hannoveraner, wie eingangs berichtet, längst ausgestorben, aber in Hannover selber gibt es noch Verwandte von ihnen, die zwar nicht mehr regieren, aber immer noch für die eine oder andere Schlagzeile gut sind. Einer von ihnen - Ernst heißt er - geht eines Tages über das Expo-Gelände, ist entsetzt, in welch schlechten Ruf seine Stadt durch so eine miese Veranstaltung gerät, und ertränkt seinen Kummer in Bier (als Ehrengast bekommt er das gratis). Seinen türkischen Leibwächter lädt er auch dazu ein (obwohl der als guter Muslim ja eigentlich keinen Alkohol trinken dürfte). Und nun sind vor den Toiletten wieder diese langen Schlangen. Der Leibwächter (den Ernst dabei hat, damit er die aufdringlichen Papparazzi nicht immer eigenhändig verprügeln muß, denn das gibt stets eine schlechte Presse) weiß Rat. Und da er nicht einem Bauwerk der Christenhunde die Ehre antun will, sein Wasser abzuschlagen, pinkelt er als guter Patriot gegen den türkischen Pavillon - das ist einer der mittleren. Ernst macht es ihm nach - behauptet jedenfalls hinterher die Journaille, und damit hat sie die erste echte, d.h. nicht von der Expo-Leitung lancierte Schlagzeile zu dieser Veranstaltung. Der Hannoveraner ist kein Spielverderber; er dementiert nicht - obwohl die "Beweise" gegen ihn mehr als dünn sind - und nimmt so wenigstens einen Teil der schlechten Presse auf sich; ein wahrer Martyrer. (Aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle und will sich hier nicht wiederholen.) So ändern sich die Zeiten: In London war es anno 1851 noch ganz selbstverständlich, an die Ausstellungs-Stände zu urinieren; und wenn der Prinzgemahl das getan hätte, dann wäre das den Zeitungen nicht mal einen Dreizeiler wert gewesen, geschweige denn wochenlange Schlagzeilen und diplomatische Verwicklungen - aber damals stellte die Türkei ja noch nicht aus.

Am Ende verzeichnet die Bilanz noch zwei neue Rekorde: Während frühere Weltausstellungen in der Regel nur ein paar Millionen Verlust gemacht haben, bringt es die Expo 2000 auf mehrere Milliarden. (Und selbst diese Rechnung ist noch geschönt). Aber der finanzielle Verlust ist nicht einmal der schlimmste: Noch nie hat sich ein Land mit einer Weltausstellung derart vor aller Welt blamiert. Die Breuel-Deutschen sind angetreten zu beweisen, daß es auf der Welt keine Kulturen mehr gibt, sondern nur noch den Multi-Kulti-Einheitsbrei; aber bewiesen haben sie eigentlich nur, daß es in Deutschland keine Kultur mehr gibt bzw. daß die in der Öffentlichkeit nichts mehr verloren hat - das wäre doch faschistoïd. So endet denn vorläufig die Geschichte der Weltausstellungen; und wenn Dikigoros nicht wüßte, daß es in der Geschichte kein "nie", kein "endgültig" und kein "für immer" gibt, würde er sagen: hoffentlich für immer.

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