Euzkadi ta Azkatasuna
. . . und seine Freiheit
"Es gibt ein fortwährendes Umwandeln und Arbeiten an der Moral,
Das bewirken die Verbrechen mit glücklichem Ausgange."
(Friedrich Nietzsche, Morgenröthe 98)
"Der Staatsräson ist es niemals darauf angekommen,
eine anmutige Volte zwischen Ursache und Wirkung zu schlagen.
Das schlechte, jedoch umso denkfaulere Gewissen der Welt,
die Presse der jeweiligen Machtgruppen
und das durch sie verschnittene Hirn ihrer Leser,
haben das Ding immer nur so gedreht und verstanden,
wie sie es gerade brauchten." (Franz Werfel)
"Zum Terroristen wird man nur durch Fehlschläge.
Gelungene Terrorakte führen ins Reich der legitimen Macht."
(Nelson Mandela)

[Baskenland]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

Zur Zeit Karls des Großen, als die Ungarn noch nicht in die Gegend zwischen Donau und Theiß eingereist waren, gab es in Europa nur ein nicht indo-europäisches Volk, nämlich die arabischen Sarazenen (und natürlich ihre Verwandten, die Juden; aber in den Augen des christlichen Abendlandes waren die entweder ein Sonderfall, der nicht mit zählte, oder sie wurden mit den Muslimen in einen Topf geworfen - den der "Beschnittenen"). Die saßen in Sizilien und auf der Iberischen Halbinsel. Als daher Karl der Große einst von einer Reise nach Spanien zurück kehrte und dabei die Nachhut unter seinem getreuen Paladin Roland bei Roncesvalles in den Pyrenäen, in der Nähe der alten Römer-Stadt Pamplona, von Unbekannten überfallen und aufgerieben wurde, konnte es dafür nur eine Erklärung geben: Die Sarazenen hatten ihn in eine Falle gelockt und massakriert. So steht es jedenfalls im "Rolandslied", das aus unerfindlichen Gründen bis heute in den europäischen "Sagen"-Büchern herum spukt, obwohl es weder eine griechische noch römische noch germanische oder sonstige Sage ist, sondern einfach nur eine üble Geschichts-Klitterung des fränkischen Hoch-Mittelalters in ungelenken Versen, die wahrscheinlich nicht mehr, sondern eher weniger historischen Kern hat als die heute fast vergessenen Sagen um Guillaume d'Orange, Girart de Roussillon oder Garin de Monglane. Böse Zungen bezweifeln inzwischen, ob Karl der Große oder Roland jemals in Spanien waren, noch bösere gar, ob sie überhaupt je gelebt haben; aber niemand bezweifelt, daß damals schon am Golf von Vizcaya ein kleines, zähes Volk lebte, das sich so ziemlich als einziges in Europa bis heute nicht von seinen Unterdrückern hat platt machen und gleich schalten lassen: die Basken.

Woher sie gekommen sind, weiß niemand so genau. Einige mit viel Fantasie begabte Autoren meinen, sie seien Überlebende des geheimnisvollen, im Meer versunkenen Kontinents "Atlantis"; andere halten sie für "Nachkommen des Cro-Magnon-Menschen" (aber sind wir das letztlich nicht alle irgendwie?); und wieder andere meinen, da niemand mit bekommen habe, wie sie nach Europa einwandert sind, müßten sie schon immer da gewesen sein. Wie dem auch sei; sie sehen nicht viel anders aus als andere Menschen, die um sie herum leben, und neuere genetische Untersuchungen haben ergeben, daß sie wahrscheinlich doch "kaukasischer" Abstammung sind; aber die politisch korrekten Herren Professoren teilen die Menschen halt lieber nach Sprachen ein als nach Genen, und die Basken sprechen nun mal keine indo-europäische, sondern eine ganz andere Sprache. Genauer gesagt, andere Sprachen, denn "das Baskische" gibt es gar nicht (ebenso wenig wie es "das Irische" oder "das Räto-Romanische" gibt) - auch wenn uns kluge Lexika, vor allem französische, etwas anderes weis zu machen versuchen. Es gibt West-Baskisch, das in der Vizcaya gesprochen wird (das ist die Gegend um Guernica), Ost-Baskisch, das in der Soule gesprochen wird (das ist die Gegend um Mauléon-Licharre) und schließlich Mittel-Baskisch, das sich wiederum in drei Mundarten unterteilt, die jeweils in der Guipúzcoa (um San Sebastián), Labourd (um Ustaritz) und West-Navarra (um Pamplona) gesprochen werden - und damit weiß der geneigte Leser auch schon so in etwa, wo der größte Teil dieser Geschichte spielt. Umso erstaunlicher, daß diese Dialekte sich bis heute erhalten haben, obwohl es weder diesseits noch jenseits der Pyrenäen jemals einen wirklich unabhängigen Staat der Basken gegeben hat. Gewiß, da gab es auf spanischer Seite das Königreich Navarra, auf dessen Thron auch schon mal ein (halber) Baske saß, aber eben nur mal für kurze Zeit. Und da gab es auf französischer Seite das Herzogtum Gascogne, von dem die Franzosen meinen, es sei nach den Basken benannt. Aber selbst wenn dem so wäre: Mit den Gascognern haben die Basken nur gemeinsam, daß sie verwaltungsmäßig erst von ihren römischen, dann von ihren westgotischen und schließlich auch von ihren französischen Besatzern zusammen in einen Topf geworfen wurden, den sie "Aquitanien (Land am Wasser)" nannten, und daß sie gleichermaßen als Säufer galten: Bis heute bedeutet "soule" im Französischen "besoffen", und "Armagnac" bezeichnet nicht so sehr den Bewohner dieser gascognischen Landschaft als vielmehr einen Branntwein bzw. jemanden, der diesem regelmäßig in übergroßen Mengen zuspricht und darob ein grobes Verhalten an den Tag legt. Jahrhundertelang (bis zur Aufstellung einer offiziellen "Fremden-Legion") füllten die Franzosen ihre Kanonenfutter-Einheiten für die riskantesten Reise-Einsätze mit Basken und Gascognern auf - das ist die dritte und letzte Gemeinsamkeit.

In der guten alten Zeit, die heute im allgemeinen als schlecht und böse gilt, da ja nur die neuerungssüchtige Moderne gut sei, hatten die Basken hüben wie drüben gewisse Sonder-Rechte, die es ihnen ermöglichten, ihre Eigenart einigermaßen zu bewahren. Dann kam die Pariser Mai-Revolution von 1789, die später "französische" Revolution genannt wurde und alle Menschen gleich machte (dafür wird sie jedenfalls heute von den offiziellen Märchen-, pardon, Geschichts-Schreibern gerühmt), also auch die Basken gleich schaltete und ihnen ihre Sonder-Rechte nahm. Nicht nur ihnen, sondern auch all den anderen "unfranzösischen" Minderheiten in Frankreich: den Bretonen, den Flamen, den Elsässern und den Juden - wobei die letzteren beiden praktisch deckungsgleich waren, denn nur im früher deutschen, also toleranten Elsaß hatte sich eine nennenswerte jüdische Minderheit gehalten; in allen anderen Gegenden hatten die Franzosen sie schon vorher platt gemacht. (Der okzitanische Süden hatte schon seit den Albigenser-Kriegen keine Sonderrechte mehr gehabt.) Aber die Minderheiten - und auch viele Franzosen - bedankten sich schön für diese Gleichheit und griffen zu den Waffen, um ihre Ungleichheit und ihre Freiheit zu verteidigen gegen den Wahlspruch der neuen Republik, "unité, indivisibilité", "Einheit (nein, liebe deutsche Leser, nicht "Einigkeit" - die brauchts doch gar nicht, wenn man die Untertanen zur Einheit zwingen kann!), Unteilbarkeit". Letzteres war besonders wichtig: "Gleiches Recht für alle" meinte nicht, daß nun alle mehr Rechte haben sollten als bisher, sondern daß einige, die bisher Sonder-Rechte hatte (die man nun abfällig "Vor-Rechte" oder "Privilegien" nannte) diese verloren, also vor allem die Freiheit, anders zu sein. Die alberne und in sich widersprüchliche Parole "liberté, égalité, fraternité", "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" (die Schwestern waren noch ausgeschlossen, auch wenn "droits des hommes" bis heute fälschlich mit "Menschen-Rechte" übersetzt wird statt richtig mit "Männer-Rechte", wie es damals unzweifelhaft gemeint war) sollten die Franzosen erst bei der übernächsten, der Februar-Revolution von 1848, erfinden - allerdings erstmal nur auf die Befreiung der Sklaven gemünzt, denn von den Nicht-Sklaven verlangte man noch etwas mehr, nämlich auch "probité", Rechtschaffenheit. Erst im Jahre 1880, bei den 50-Jahr-Feiern zur Juli-Revolution von 1830, als auch der 14. Juli zum National-Feiertag erklärt wurde, sollte die Rechtschaffenheit gestrichen, der Spruch von "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" unter krasser Verfälschung der Geschichte auf 1789 zurück datiert und die damalige "Erstürmung" der leer stehenden Bastille - die schon lange nicht mehr als Gefängnis genutzt worden war, aber zufällig auch im Juli statt fand - zum Beginn der "französischen" Revolution hoch stilisiert werden.

Exkurs. Was ist Freiheit? Nein, diesmal will Dikigoros nicht ganz banal fragen "Freiheit wessen wovon wozu?", wie er es sonst so gerne tut, sondern hoch offziell - politisch und [staats-]rechtlich sozusagen. Antwort: "Ein wichtiges Grundrecht, vielleicht sogar das wichtigste." So hat er es im Jura-Studium an der Universität gelernt; aber da war diese Antwort längst nicht mehr unumstritten; es war eine Zeit des Umbruchs, in der sich auch bei dieser Frage ein Umdenken abzeichnete. Freiheit? Das war doch nur etwas "negatives", ein Abwehrrecht gegen den Staat. Ja, wozu wurde das denn in einer Demokratie noch benötigt? Und wozu diente es überhaupt? Was hatte man von der Freiheit zu reisen, wenn man nicht genügend Geld in der Tasche hatte, um dieses "Recht" auch im angemessenen Rahmen (d.h. nicht einfach bloß als Rucksack-tramp per Anhalter oder gar per pedes, sondern mindestens als Flugreisender im 3-Sterne-Hotel mit Vollpension) wahr zu nehmen? War es nicht viel wichtiger, vom Staat statt "negativer" Nichteinmischung eine "positive" Teilhabe an den Mitteln und Ressourchen zu erlangen, die diese Freiheit erst lebenswert machten, sprich an der Staatsknete? War das nicht das wichtigste Grundrecht? Eine faszinierende Frage, fand Dikigoros damals, und er hätte gerne über sie promoviert; aber sein Doktorvater war dagegen, und so schrieb diese Dissertation über den Wandel des modernen Grundrechtsverständnisses einer seiner Kommilitonen, unter Verwendung von Dikigoros' Zettelkasten. (Aber er hat sich später durch manche brauchbare Idee zu den "Reisen durch die Vergangenheit" und einigen Episoden aus seiner eigenen Lebensreise revanchiert :-) Heute kann Dikigoros nur den Kopf schütteln über solche Abwege des Geistes: Freiheit ist und bleibt die Freiheit von staatlichen Eingriffen in welcher Form auch immer, sei es von Steuern und Abgaben oder von Frondiensten (zu denen auch der Wehrdienst zählt). Inwieweit es notwendig ist, diese Freiheit einzuschränken ist eine andere Frage; aber zu glauben, in einer "Demokratie" sei sie überhaupt nicht mehr von nöten, ist schlichtweg naïv; und das gilt erst recht für die Annahme, die Teilhabe an den materiellen Segnungen des Sozialstaates sei wichtiger - woher kommt denn die Staatsknete? Der Staat gibt Euch doch nur mit einer Hand einen Teil dessen zurück, was er Euch zuvor mit der anderen weggenommen hat - und die Differenz bleibt an den Fingern der Obrigkeit, am Beamtenapparat und der Verwaltungsmaschinerie hängen. Wie schrieb ein großer französischer Filisof des 19. Jahrhunderts? "Staat ist die große Fiktion, vermöge derer jedermann glaubt, auf Kosten des anderen Leben zu können." Exkurs Ende.

Zurück in die 90er Jahr des 18. Jahrhunderts. Vor allem in den Grenzregionen zwischen "echten" Franzosen und "ihren" Minderheiten tobten die Kämpfe: In der Vendée, in der Provence, im Roussillon und in der Gironde, dem Gebiet nördlich des Baskenlandes. Am Ende hatte die Freiheit verloren und die Gleichmacherei gesiegt. Nun, liebe Leser, wie sollte es auch anders sein in einer Demokratie: Da gilt der Wille der Mehrheit, nicht wahr, dem sich die Minderheiten zu beugen haben, und wenn sie Widerstand zu leisten wagen, muß dieser gebrochen werden, denn Gemeinnutz geht vor Eigennutz. (Oder gehört dieser schöne Spruch zu einer anderen Staatsform? Wenn ja, dann haben ihn deren Schöpfer jedenfalls bei den "Demokraten" abgeschöpft, pardon abgeschrieben.) Als das republikanische Terror-Regime einige Jahre später in Bedrängnis geriet, unterstützten die Basken den Vertreter einer anderen Minderheit, einen Korsen. Der Korse siegte und errichtete an Stelle des Königs- ein Kaiserreich; aber er dankte den Basken und seinen anderen royalistischen Verbündeten ihre Hilfe schlecht: Er versuchte nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa gleich zu schalten. Als auch er schließlich gescheitert war, wurde das geschlagene Frankreich wieder eine Monarchie; doch die alten Rechte der Minderheiten wurden nicht nur nicht wieder hergestellt, sondern unter dem Neffen des Korsen, der aus Frankreich erneut ein Kaiserreich machte, wurden diese noch brutaler unterdrückt als unter den Republikanern - selbst der Gebrauch ihrer Muttersprache wurde ihnen verboten.

In Spanien dauerte es etwas länger, bis zu den Bürgerkriegen des 19. Jahrhunderts, die von den Spaniern "Carlisten-Kriege" genannt werden. An deren Ende verloren die Basken auch dort ihre "Fueros", ihre Sonder-Rechte. 1895 gründete Sabino Arana, ein junger Mann aus Bilbao, eine Organisation, die er "Euzkadi" nannte (was für "Baskenland" stand); er starb sieben Jahre später im Kerker, aber die Erinnerung an ihn blieb lebendig. Im 20. Jahrhundert versuchten die Basken erneut, ihre Freiheit zurück zu erlangen. Da die Republik sie ihnen nicht gewähren wollte, unterstützten sie den Vertreter einer anderen Minderheit, einen Galizier, im Spanischen Bürgerkrieg gegen die "Republikaner", Demokraten, Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten. Der Galizier siegte; aber er dankte den Basken ihre Hilfe schlecht: Er gab ihnen nicht nur ihre alten Rechte nicht zurück, sondern unterhöhlte ihre Eigenständigkeit noch, indem er die Ansiedlung armer Angehöriger einer weiteren Minderheit, der Andalusier, im Baskenland förderte. Die Einwanderung dieser Wirtschaftsflüchtlinge sollte nach und nach die - in anderen Teilen Spaniens schon längst nicht mehr vorhandene - mittelständische Wirtschafts-Struktur des einst reichen Baskenlandes zerstören. In den fünfziger Jahren griffen einige Basken Aranas Wortschöpfung "Euzkadi" wieder auf und ergänzten sie um die Wörter "... ta Aztakasuna (und seine Freiheit)"; ihre Feinde aber nannten die Organisation bald nur noch nach ihrer Abkürzung "E.t.A."

(Fortsetzung folgt)

Im März 2004, zwei Wochen vor den Parlamentswahlen, verbietet die spanische Zentralregierung erneut die Baskenpartei. Kurz darauf verüber muslimische Terroristen Sprengstoffanschläge auf die Bahnhöfe von Madrid. Die Regierung ist schnell bei der Hand: "Das kann nur die ETA gewesen sein." Noch vor den Wahlen kommt die Wahrheit heraus.

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