ROLAND UND DAS OLIFANT
TUROLDUS: LA CHANSON DE ROLLANT
PHAFF CHUNRAT: DER HELT ROLANT
LUDO ARIOSTO: ORLANDO FURIOSO

"Hoch über'm Tal, dort standen uns're Zelte,
die bunten Wimpel flatterten am Schaft . . .
Die Speere flogen, und der Hornruf gellte,
in hartem Kampfe fanden wir die Kraft."


[links: Roland versucht vergeblich, Durendal zu zerstören, um es nicht in Feindeshand fallen zu lassen; rechts: Roland reicht seinen Handschuh zurück, ein Engel nimmt ihn entgegen]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN, DIE GESCHICHTE[N] MACHTEN

von sagenhaften Reisen und märchenhaften Reiseberichten

Nein, liebe Leser der Otto-Generation, nicht Ottifant, sondern Olifant hieß das Ding, mit dem Roland in höchster Not Karl den Großen und sein Heer zurück rief auf das Schlachtfeld von Roncevalles, wo die Nachhut des tapferen Frankenheeres, das gerade von einem mehr oder weniger erfolgreichen Feldzug aus Spanien heim kehrte, von den bösen Sarazenen überfallen wurde, an einer Stelle der Pyrenäen, die man heute "Rolandsbresche" nennt. Leider kam der Frankenkönig - Kaiser sollte er erst 22 Jahre später werden - nicht mehr rechtzeitig, um das Massaker an seinen treuen Paladinen zu verhindern; aber noch im Sterben gelang es Roland, einem Sarazenen, der ihm sein Schwert Durendal rauben wollte, mit dem er das Anjou erobert hatte, die Bretagne, Poitou und Maine, die Normandie, die Provence und Aquitanien, die Lombardei und die Emilia Romagna, Bayern und Flanden, Burgund und Polen (!), Konstantinopel und Sachsen, Schottland, Island und England (und morgen die ganze Welt? :-) das Olifant über den Schädel zu hauen und ihn so zu töten. Nur um das Schwert - das doch nicht in Feindeshand fallen sollte - zu zerstören, reichte Rolands Kraft nicht mehr aus; er schaffte es nur noch, seinen Handschuh auszuziehen und ihn - als Symbol für sein Leben - dem himmlischen Vater als seinem Lehensherrn zurück zu reichen. (Im Bild oben nimmt ihn ein Engel freundlicherweise entgegen, obwohl das nicht im Originaltext steht.) Aber zum Trost für alle guten Patrioten: Karl und seinem Hauptheer gelang es wenigstens, ihren Tod anschließend zu rächen, indem er die Sarazenen vernichtend schlug. Gott sei's gelobt, Amen.

[Rolandsbresche]
"Halt sunt li pui, e mult halt les arbres [Hoch sind die Berggipfel, und höher
die Baumwipfel]" heißt es im Rolandslied - und das soll hier gewesen sein?

So steht es jedenfalls (etwas ausführlicher, aber nicht unbedingt substantiierter :-) in der Sage, die Ihr sicher alle mal gelesen habt, wahrscheinlich schon als Kinder, wie Dikigoros auch. Fandet Ihr es nicht merkwürdig, daß sich ausgerechnet diese Sage im deutschsprachigen Raum so penetrant gehalten hat, als einzige aus den großen französischen Sagen-Zyklen der Chansons de geste (in denen es doch weitaus interessantere Stoffe gibt, wie z.B. La Chanson de Guillaume, Le Charroi de Nîmes, Le Couronnement de Louis, Girart de Roussillon, La Prise d'Orange, Le Moniage Guillaume, Garin le Lorrain, Raoul de Cambrai, Folque de Candie, Aimeri de Narbonne, Garin de Mongland oder Girart de Vienne), und dazu noch unter dem Sammelbegriff "deutsche Heldensagen"? Daß sich noch bis in die 1960er Jahre das Fahrtenlied von Werner Heisterkamp gehalten hat, aus dem Euch Dikigoros eingangs vier Zeilen zitiert hat, das auf das Rolandslied anspielt? Daß noch immer überall in Deutschland Rolandssäulen, Rolandsbögen, "Eiserne Rolande" u.a. Rolandsdenkmäler herum stehen? (Dikigoros will sie hier nicht alle aufzählen; aber er hat Euch unter seinen "Empfehlungen zur Vertiefung" eine Seite verlinkt, auf der einige der schönsten abgebildet und erläutert sind.) Daß viele deutsche Historiker Karl den Großen noch immer zu den "deutschen" Kaisern zählen, obwohl es die bis 1871 gab nicht gab (sondern nur römische Kaiser, denn dort, im alten Rom, wurden sie gekrönt - das war ja gerade der Witz am Kaiser-Titel, der die Nachfolge der Caesaren des untergegangenen Imperium Romanum dokumentieren sollte) und obwohl der angeblich so große Franken-Herrscher doch eigentlich das genaue Gegenteil war, nämlich ein Todfeind der (heidnischen) Germanen-Stämme östlich des Rheins, vor allem der Sachsen, die er mit Gewalt zum Christentum zu bekehren oder auszurotten suchte? Warum nur, warum? Ist es einfach nur das, was die Araber - und die von ihnen unterworfenen Perser und Inder - "Mumūrshā" nennen und der große jüdische Psychologe Sigmund Freud den "Todestrieb"? Oder ist es eine spezifisch deutsche Faszination für den "heldenhaften" Untergang infolge Verrats der eigenen Magen, aber auch infolge eigener Überheblichkeit, falsch verstandenem Stolz und falsch verstandener Treue? Denn diese Motive liegen nicht nur dem Rolandslied zugrunde, sondern bekanntlich auch dem Nibelungenlied. Dabei empfand der mittelalterliche Dichter das massenhafte Sterben durchaus als sinnlos: "âne nôt [unnötig]" nannte er die tragischen Ereignisse, die er besang; erst die ach so moderne, aufgeklärte Neuzeit sollte ihnen einen vermeintlichen "Sinn" unterlegen und die handelnden Personen zu Helden und Vorbildern hoch stilisieren; aber das ist eine andere Geschichte.

[Medaille von Goetz auf Karl den Großen, 1942]

Wenn Ihr Franzosen wäret, liebe Leser, und dazu noch aus Dikigoros' Generation, also aus einer Zeit, da auf der Schule noch altes Kulturgut gepflegt wurde, dann hättet Ihr gelernt, daß das "Rolandslied" in Wirklichkeit gar kein französisches Epos ist (obwohl es in einer Art Küchen-Französisch geschrieben ist), sondern vielmehr ein anglo-normannisches. Das älteste, "Oxforder" Manuskript stammt wahrscheinlich aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Aber dabei kann es sich nur um eine spätere Abschrift handeln, denn bei der Invasion der Normannen in England, genauer gesagt bei der Schlacht von Hastings, also anno 1066, soll es ein gewisser "Taillefer [Zerteileeisen]" schon gesungen haben, bevor er - wie Roland - den Heldentod starb. Nebenbei bemerkt hieß auch der Normanne, der die "Normandie" gründete, "Rollo". Und der Verfasser - Turoldus - scheint ausweislich seines Namens ebenfalls ein Normanne gewesen zu sein. (Am Hofe Wilhelms des Eroberers soll es gleich mehrere Personen dieses Namens gegeben haben, der in seiner modernen Form - Touroud - in der Normandie noch heute nicht ganz ungebräuchlich ist.) Unverbesserliche Französischtümler (ja, die gibt es in Frankreich durchaus, sogar wesentlich häufiger als Deutschtümler in Deutschland!) können sich also mit dem Gedanken trösten, daß die Normannen es wohl aus Frankreich nach England gebracht haben, nach einem urfranzösischen Vorbild. Böse Zungen behaupten freilich, daß es Karl den Großen nie gegeben habe, folglich auch keinen Roland und keine Schlacht bei Roncesvalles.

Exkurs. Ihr findet diese These - die auf den Amateur-Historiker Heribert Illig zurück geht - abwegig, liebe Leser? Aber auch die These des Amateur-Historikers Heinz v. Ritter-Schaumburg, daß die "Nibelungennot" eine alte Fassung der Thidrekssaga zum Vorbild hatte, in der die Niflungen nicht ostwärts nach Etzelburg, sondern nordwärts nach Soest zogen, fanden anfangs viele abwegig (Dikigoros erinnert sich noch an den ersten Spiegel-Artikel aus dem Jahre 1975 zu diesem Thema); und doch ist sie inzwischen glänzend bestätigt worden, sehr zum Ärger aller Fachidioten, pardon Fachgermanisten und Fachhistoriker. Das ist allerdings im Falle Karls des Großen nicht so ohne weiteres möglich; da liegt vielmehr das vor, was die Juristen ein "non liquet" nennen, d.h. Illigs These kann weder mit hinreichender Sicherheit bewiesen noch mit hinreichender Sicherheit widerlegt werden, weil es an glaubwürdigen zeitgenössischen Quellen fehlt. Ihr meint, das Rolandslied sei doch eine? Na kaum, das stammt frühestens aus dem 11. Jahrhundert, da sind sich alle einig. Oder die "Vita" von Einhard? Aber seitdem man dessen "Annales regni Francorum [Jahrbücher der fränkischen Könige]" als Fälschung entlarvt hat, steht der auch insgesamt auf ziemlich wackeligen Beinen. Gewiß, Karl war auf dem fliegenden Teppich nach Baģdād gereist, zum Kalifen Harūn al-Rāschīd, wie 1200 Jahre nach ihm auch der berühmte Hör-Zu-Igel "Mecki" - zum Beweis haben wir sogar einen märchenhaften Reisebericht, aufgeschrieben von ihm selbst, sowie ein authentisches Bild von seinem Empfang beim Kalifen, welches uns mangels eines selbigen von Karl dem Fiktiven, pardon Karl dem Großen als Beweis auch für dessen Besuch dortselbst genügen muß.

Harun al-Raschid hatte Karl zwar keinen Gegenbesuch abgestattet, aber immerhin einen weißen Elefanten zum Geschenk gemacht, der in Aachen große Bewunderung hervor rief - vielleicht stammte von dem ja Rolands "Olifant"? Außerdem wissen wir seit neuestem aus einem - ganz ernst gemeinten - ZEIT-Artikel, daß Karl der Große - wiewohl Analfabet - die Urform der Computer-Schrift erfand und auch schon den Euro als Gemeinschafts-Währung für Europa "im Sinn" hatte. Wenn man dann noch weiß, daß die Geschichte vom Zug des Frankenherrschers und seiner 12 "Paladine" [Gaugrafen] über die Pyrenäen gegen die Basken und die Niederlage der Nachhut auf dem Rückzug nebst dem Tod ihres Anführers Harembert (oder Arembert oder Charembert - die Gelehrten streiten, ob das "H" im Anlaut noch als "Ch" gesprochen wurde oder schon stumm war; und wenn Ihr den Namen irgendwo nachschlagen wollt, versucht es auch mal mit Hari[m]bert - der Name "Herbert" hat viele Frühformen) in Robolavalle von der "Fredegar-Chronik" bereits dem Merowinger Dagobert I ("le bon roi Dagobert", wie er in einem bis heute in Frankreich sehr beliebten Kinderlied genannt wird) zugeschrieben wird... Anno 636 soll das gewesen sein, also fast anderthalb Jahrhunderte vor Roncesvalles, und damals soll die Rache tatsächlich gelungen sein, wie im Rolandslied beschrieben. Und auch Dagobert - oder jedenfalls eine Gesandtschaft von ihm - soll zwar nicht bei Harun al-Raschid in Bagdad, aber immerhin bei Basiläus Heraclius in Byzanz gewesen sein, um über seine Anerkennung als "Imperator [Kaiser]" zu verhandeln. Und Harembert soll sein Neffe gewesen sein. [Einige meinen auch, sein Sohn - was kein Widerspruch ist, da es sein Schwestersohn war; Berichte bzw. Andeutungen zu dieser inzestuösen Beziehung finden sich auch in einigen Quellen über Karl den Großen und Roland wieder, nämlich im "Ronsasvals" und im "Tristan de Nanteuil" bzw. in der "Vita Aegidii". Ausschließen kann man allein die Theorie, Harembert sei Dagoberts Bruder gewesen; einen Bruder dieses Namens mag es zwar auch gegeben haben, aber der kann nicht gemeint gewesen sein, denn er starb schon 632.] Nach alledem könnte man tatsächlich an der Existenz Karls des Großen zu zweifeln beginnen. Doch dann hat sich heraus gestellt, daß auch die angeblich aus dem 7. Jahrhundert stammende "Fredegar-Chronik" eine Fälschung ist, ebenso wie ihre angeblich aus dem 8. Jahrhundert stammenden Fortsetzungen, und ebenso ihr mutmaßliches Vorbild, die angeblich aus dem 6. Jahrhundert stammenden Geschichtsbücher des Schorsch Blümerich ["Georgius Florentius"], den Ihr wahrscheinlich besser unter seinem Bischofs-Namen "Gregor von Tours" kennt. Seht Ihr, und an dieser Stelle hat ein total frustrierter Heribert Illig die These aufgestellt, daß nicht nur Karl der Große, sondern gleich drei ganze Jahrhunderte des Mittelalters, nämlich vom Beginn des 7. bis zum Beginn des 10., frei erfunden seien - schließlich gibt es über jene Zeit keine "echten" Quellen, sondern nur eine große Lücke. Nun wissen fleißige Leser von Dikigoros' "Reisen durch die Vergangenheit" ja, wie er persönlich darüber denkt, nämlich daß solche Überlieferungen, von denen lediglich der Urheber und/oder das Entstehungsdatum falsch angegeben sind, bisweilen mehr zur historischen Wahrheitsfindung beitragen können als solche, deren "echte" Urheber unter einem "richtigen" Erscheinungsdatum lauter Lügen verbreiten. Deshalb läßt er diesen Exkurs hier auch enden.

Wie dem auch sei, selbst wenn es Karl den Großen gab - und davon wollen wir der Einfachheit halber mal ausgehen -, dann wären seine Gegner bei Roncesvalles nicht die Sarazenen gewesen, die dort nie gesessen haben, sondern wie gesagt die Basken. So schrieb es auch ein knappes halbes Jahrhundert später Karls Biograf Einhard in der ihm eigenen dürren Sprache: Die "perfiden Wascones" überfielen die Franken und töteten fast alle, u.a. Hruodlandus, den Präfekten der Bretagne. Am peinlichsten ist der letzte Satz dieses 9. Kapitels der "Vita Caroli Magni": "Und man konnte das Geschehene nicht einmal rächen, weil sich der Feind nach vollbrachter Tat so zerstreut hatte, daß nicht mal ein Gerücht übrig blieb, wo man nach ihm hätte fahnden können."

Aber wenn das allgemein anerkannt wäre, dann hätte sich "La chanson de Roland", wie man heute sagt, nicht so lange auf den Lehrplänen gehalten. Es ist noch heute Pflichtlektüre an den höheren Schulen Frankreichs, und zwar in der Larousse-Ausgabe von Guillaume Picot, die auf dem Cover das Bild von Roland und Olivier ziert, das Ihr oben links abgebildet seht (sind das nicht selten unsympathische Visagen? Ein merkwürdiges Heldenbild müssen die damals gehabt haben!), und innen das Détail aus dem Fensterglas der Kathedrale von Chartres, das Ihr oben rechts seht, wieder mit dem vergeblichen Versuch Rolands, Durendal zu zerstören. (Offenbar haben beide Künstler nie ein Schwert in der Hand gehabt, sonst hätten sie gewußt, daß man zu diesem Zweck nicht mit der Schneide, sondern mit der flachen Klinge auf den Fels hauen muß. Dabei wollte der Sagenschreiber wohl nur zum Ausdruck bringen, welch eine besondere Waffe das war. Schwerter, mit denen man Steine durchschlagen konnte, waren damals so selten, daß sie in den Sagen eigene Namen trugen; auch der "Ekkesax [Schneidestein]" der Thidrekssaga war so ein Prachtstück, wie schon sein Name sagt - dem erst spätere Generationen eine falsche Etymologie unterschoben und der Sage nachträglich eine Episode hinzufügten, in der "Dietrich von Bern" es einem gewissen "Ecke" abnimmt bzw. von Zwerg Laurin abnehmen läßt.) Und der Kommentierung der ausgewählten Textstellen läßt sich ohne weiteres entnehmen, daß die Franzosen dieses Chanson als ihr Nationalepos verstehen wollen - als das, was Dikigoros in der Einleitung dieser "Reise durch die Vergangenheit" eine "Lebenslüge der Nation" genannt hat. Und eine Lüge ist es, denn von einem französischen Nationalgefühl konnte damals noch gar keine Rede sein - von einem "sarazenischen" übrigens auch nicht - und folglich auch nicht von einem Kampf zwischen zwei Nationen. Es war vielmehr ein Kampf zwischen zwei Religionen: dem Christentum und dem Islam, denn das Schimpfwort der Franken für die Sarazenen ist nicht etwa "Nigger", "Rothaut" "Schlitzauge" oder sonst irgend etwas, das auf die Rasse oder Nationalität abzielt, wie in anderen Fällen, sondern "Culvert" - Grünarsch. Der gute Professor Picot entblödet sich nicht, diesen Begriff wie folgt zu "erklären": "Terminus, der kein Äquivalent im [modernen] Französischen hat. Nach Godefroy ein Individuum, dessen Status zwischen Freiheit und Sklaverei liegt, aber näher an der Sklaverei." Viel dümmer kann man kaum herum eiern. Was ist die Farbe des Islam? Eben. "Culvert" bedeutet schlicht und einfach: "Muslimisches Arschloch". Welcher Nationalität ein solcher "Culvert" war, war dagegen unerheblich. Lest doch einmal die Verse 3589-3601. Da sagt der Emir Baligant zu Karl: "Du hast [zwar] meinen Sohn getötet und mein Land verwüstet. Aber unterwirf Dich [dem wahren Glauben] und werde mein Vassal, dann setze ich Dich sofort als Lehensmann ein bis zum Orient." Karl antwortet: Das wäre ja noch schöner; einem Heiden schenke ich weder Friede noch Liebe. Empfange das Gesetz [des Christen-]Gottes, und ich werde Dich sofort lieben." Könntet Ihr Euch einen solchen Dialog zwischen den Angehörigen zweier verfeindeter Nationen vorstellen - etwa zwischen einem deutschen und einem holländischen Fußballfan? Wohl kaum. Aber tröstet Euch: Zwischen Baligant und Karl fruchtet er auch nichts. So lassen sie denn die Schwerter sprechen, und Gott (und der Erzengel Gabriel) schenken Karl den Sieg, voilà.

Wie kam nun jemand knapp 300 Jahre nach dem historischen Ereignis auf die Idee, ein solch böses, zum Haß zwischen den Religionen aufrufendes Werk zu schreiben? (Hätte er das weitere 900 Jahre später getan, dann wäre er wohl wegen "Volksverhetzung" verurteilt worden, wie Brigitte Bardot für ihr mutiges Buch "Un cri dans le silence [Ein Schrei in der Stille]". Ach, liebe deutsche Leser, wo gibt es bei uns noch solche Beispiele von Zivilcourage? Oder gar Gerichte wie in Italien, die Oriana Fallaci wegen ihres - noch viel deutlicheren - Buches "La rabbia e l'orgoglio [Die Wut und der Stolz]" nicht verurteilt haben. In diesem unserem Lande der politisch korrekten Duckmäuser, die vor der Zensur der Gutmenschen zittern, hat sich bis heute noch kein Verlag getraut, eine Übersetzung dieser beiden Bücher ins Deutsche heraus zu bringen.) Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen, wenn man es sich mit der herrschenden Meinung leicht macht und La Chanson de Rollant "um 1100" datiert, wie dies früher üblich war. Da standen die Christen längst nicht mehr in der Defensive gegen den Islam; Papst Urban hatte 1095 anläßlich eines Konzils in Frankreich zum Kreuzzug gegen die heidnischen Sarazenen aufgerufen; und der wollte auch propagandistisch gut vorbereitet sein; denn mangels allgemeiner Wehrpflicht war man auf Dumme, pardon Freiwillige angewiesen - und natürlich mußte man in weiser Voraussicht auch schon mal den Heldentod um des Himmelsreiches willen verherrlichen. (Ja, liebe Leser, damals waren die Christen nicht weniger fundamentalistisch und fanatisch als es die Muslime heute noch sind: Nur ein toter "Ungläubiger" ist ein guter Ungläubiger; und wenn man sein eigenes Leben im heiligen Krieg für die gute Sache, die Sache Gottes, einbüßte, dann kam man promptement ins Paradies.) Ist das nicht eine schlüssige Erklärung? Ja, das wäre sie, wenn wir nicht inzwischen wüßten, daß La Chanson de Rollant schon vor 1066 geschrieben wurde.

Wollen wir doch dem Turoldus zugute halten, daß er kein primitiver Propagandist war, sondern daß er (wie der Dichter der Nibelungennot oder wie Dikigoros :-) versuchte, Parallelen zwischen der Vergangenheit und der eigenen Gegenwart zu sehen und sie seinen Lesern näher zu bringen. Suchen wir also nach diesen Parallelen zwischen der Zeit Karls des Großen und der des Turoldus - und wenn wir auf Unterschiede stoßen, fragen wir auch bei denen nach dem Warum. Reporter lernen in ihrer Lehrzeit, Nachrichten stets unter dem Gesichtspunkt des "wer, wann, wo, was" aufzubereiten (und das "Warum" den Kommentatoren zu überlassen), also etwa: "Heidnische Sarazenen haben am 15. August 778 bei Roncesvalles das Heer der christlichen Franken überfallen..." Aber in der Praxis machen sie es dann meist ganz anders, etwa so: "Roncesvalles, 15. August 778. Heidnische Sarazenen überfielen die christlichen Franken, weil..." Also fangen auch wir mit dem Ort an, damit Ihr endlich erfahrt, warum Dikigoros die Sache mit dem Olifant in die Überschrift aufgenommen hat - das verrät ihn uns nämlich. Pardon - glaubt Dikigoros das im Ernst? Ist das Motiv vom Horn, in das der tragische Held vor der letzten Schlacht besonders kräftig stößt, nicht uralt, viel älter als das "Rolandslied"? Begegnen wir ihm nicht schon im indischen Mahābharat, im Alten Testament (vor Jericho bliesen die Juden das Schofar, das der doofe Martin Luder mit "Posaune" übersetzte :-) und bei den alten Germanen, wo sich ein Gott - Heimdal - dieser vornehmen Aufgabe annahm (wobei es natürlich auch mal ein anderes Instrument sein konnte, das zum letzten Gefecht rief, wie das Muschelhorn oder die Lure)?

[Muschelhorn am Kurukshetr]
[Heimdal bläst Lure]

Wohl wahr, liebe Leser, wohl wahr. Deshalb glaubt Dikigoros ebenso wenig wie Einhard, daß Roland mit jenem famosen Horn noch irgend jemanden rufen konnte, um ihm zu helfen oder auch nur, um ihn zu rächen. Seht Ihr, ein Horn (das nicht unbedingt vom Elefanten sein mußte, es genügte auch eines vom Rind) konnte auf unterschiedliche Art und Weise hergerichtet werden, aber jeweils nur für einen ganz bestimmten Zweck: Entweder zum Trinken (dann mußte es hohl sein, aber am spitzen Ende verschlossen), oder zum Signal geben (dann mußte es ebenfalls hohl sein, aber an beiden Enden offen) oder als Waffe (dann mußte es massiv sein, denn sonst hätte es weder genügend Gewicht noch genügend Stabilität besessen). Die eine Verwendung schloß die beiden anderen also aus. Aber sowohl zum Trinken als auch zum Einsatz in der Schlacht war das Elefantenhorn eigentlich viel zu schade (El[e]f[ant]enbein war schon im Mittelalter relativ selten und entsprechend teuer), auch wenn der Illustrator des 12. Jahrhunderts (also rund vier Jahrhunderte nach der Schlacht) tatsächlich geglaubt zu haben scheint, daß Roland seinem Feind da einen riesigen Elefantenzahn an den Kopf haute. (Immerhin ist das wenigstens ein echtes "Olifant", während das Ding, mit dem das Rindvieh von "Künstler" noch einmal sieben Jahrhunderte später den armen Roland in der Mitte abspeist, ein Rinderhorn ist, und das, worauf der dämliche Engel auf dem Bild ganz rechts Querflöte zu spielen versucht, ebenso ein Fantasie-Produkt wie die Pseudo-Eiche und der Pseudo-Ahorn, zwischen denen er sich da verrenkt :-)

[Roland bläst Horn, moderne Darstellung]

Aber mit dem Ding aus der Illustration des 12. Jahrhunderts - das offenbar nicht hohl war - konnte man erst recht keine Töne erzeugen. Üblicherweise wurden Elefantenhörner im Mittelalter denn auch für etwas ganz anderes eingesetzt: sie dienten als eine Art Marschallstab, den der Lehensherr seinem Paladin verlieh, und der oft mehr oder weniger reich mit Gold und/oder Silber beschlagen war, je nach Stellung und Stellenwert seines Trägers. (Aber wenn man kein Schwert mehr zur Hand hatte, konnte man es natürlich auch mal jemandem über den Kopf schlagen - das konnte man mit einem Marschallstab schließlich auch, und sei es nur, um sich einen Spaß daraus zu machen, Kriegsgefangene zu mißhandeln, wie es die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg taten; Dikigoros zitiert an anderer Stelle eine ein-schlägige Passage aus den Memoiren eines braven britischen Gutmenschen.) Das mit dem Stoß ins Elefantenhorn war also ein Mißverständnis des Dichters. Ja, ein Mißverständnis, keine Erfindung, denn den Ruf gab es wirklich. Ihr glaubt das nicht? Wart Ihr schon mal in Roncesvalles? Das ist gar nicht so ab-wegig, seit der Tourismus-Verkehr angesichts der zunehmenden Gefahren, die mit einer Reise ins Heilige Land verbunden sind, die alte Pilgerstraße nach Santiago de Compostela wieder entdeckt hat, die mitten durch Roncesvalles führt. Dort könnt Ihr noch heute bei stürmischem Wind ein schauriges Echo hören, das klingt wie ein überlautes Horn. Und dort dürfte auch der Ursprung jenes Sagenmotivs liegen, von dem Einhard noch nichts wußte. Das erste "Wo" haben wir also, fragen wir nach dem zweiten und gleich weiter nach dem "Wer" und dem zweiten "Wann" (das erste hatten wir schon: vor 1066), denn sie müssen ja alle in einem Zusammenhang stehen. Mit anderen Worten: Saßen die Sarazenen irgendwann unlängst von 1066 in Zaragoza und kämpften unweit von Roncesvalles gegen die Franken (und ihre von Turoldus genannten Verbündeten, die so gar nicht in die Zeit Karls des Großen passen wollen), und gab es da einen tragischen Helden, der in der Schlacht fiel, womöglich noch durch Verrat? Um die Antwort vorweg zu nehmen: sie lautet in allen Punkten "Ja".

* * * * *

[Die iberische Halbinsel 1037]

Wenn Ihr einen Blick auf die Karte oben werft, dann seht Ihr die Iberische Halbinsel im Jahre 1037. Da sitzen die Sarazenen tatsächlich in Zaragoza, und die christlichen Brüder sind untereinander zerstritten, z.B. die Brüder Garcia III, Ramiro I und Gonzalo, die das Erbe ihres 1035 verstorbenen Vaters Sancho III Garcés (den man im Nachhinein "den Großen" nannte) von Navarra geteilt haben in die Mini-"Königreiche" Pamplona (auf der Karte ungenau als "Navarra" bezeichnet, so sollte es erst später wieder heißen), Aragon und Ribagorza (das Ihr Euch als den Südzipfel von Aragon vorstellen müßt). [Der vierte Bruder, Fernando, ist nur scheinbar leer ausgegangen; im Endeffekt macht er das beste Geschäft, denn er erobert mit Hilfe seiner Brüder das Königreich Kastilien (mit León, Asturien, Galicien und der Grafschaft Portugal). Das war 1037, der Stand, den die Karte wiedergibt.] Im Jahre 1064 fühlt sich Ramiro I von Aragon - der inzwischen seinen Bruder Gonzalo hat umbringen lassen und sich seine Gebiete unter den Nagel gerissen hat - stark genug, um zum Kreuzzug gegen Zaragoza aufzurufen, genauer gesagt aufrufen zu lassen, zwar nicht durch den Papst, aber immerhin durch Ermengoll III, den Bischof von Urgel (dem er dafür seine Tochter Sancha zur Frau gegeben hat). [Wenn Ihr mal in Andorra wart, wißt Ihr, daß der Bischof von Urgel dort noch heute so eine Art Staatsoberhaupt ist. Zur Legitimität seiner Herrschaft beruft er sich darauf, daß ihm Karl der Große diese für seine Hilfe gegen die Sarazenen zugesagt habe.] Wie war das: "Der König rief, und alle, alle kamen." Nein wirklich, kein Witz: Der eben zitierte Satz stammt zwar aus einer späteren Zeit, aber schon damals kamen tatsächlich viele Kreuzritter zusammen, nicht nur aus Navarra, Aragon und Barcelona, sondern auch aus Burgund, der Provence und - der Normandie. (Ob Turoldus dabei war? Oder Taillefer? Oder beide - wenn sie nicht überhaupt dieselbe Person waren?) Nun habt Ihr wahrscheinlich von diesem famosen "Kreuzzug" noch nie etwas gehört, und das ist auch kein Wunder, denn er kam nie bis Zaragoza (Parallele zu Karl dem Großen!), sondern blieb schon vor Barbastro hängen, weshalb ihn einige auch eher scherzhaft den "Kreuzzug von Barbastro" nennen. (Schaut mal auf die Karte - sehr weit ist der wirklich nicht gekommen :-) Und auf dem Rückweg wurden sie von den Sarazenen verfolgt, bis zur Festung Graus, schon in Ribagorza. Und Roldán, pardon Ramiro, fiel. Amen. Ach so, der "Verrat" des Stiefvaters? Tja, damit kann Dikigoros nicht dienen (was vor allem daran liegt, daß wir Ramiros Stiefvater nicht kennen - er war der uneheliche Sohn einer gewissen Sancha, und wen die dann geheiratet hat, weiß der Geier; sicher einen Vertrauten von Karl, pardon Sancho dem Großen, und vielleicht hatte der eine ähnliche Stellung wie Ganelon; aber wie er hieß und ob und wen er verraten haben könnte, wissen wir nicht). Aber immerhin mit dem eines Stiefbruders, nämlich Ferdinands von Kastilien: Der war zwar nicht wie Ganelon persönlich nach Zaragoza gegangen, um sich mit dem Emir gegen Ramiro zu verbünden, hatte aber seinen Sohn zu demselben Zweck geschickt; und die Besatzung der Burg Graus, vor der Ramiro fiel, war - kastilianisch. So viel zur Chanson der Rollant, deren Entstehungszeit wir nun zeitlich ziemlich genau einordnen können: zwischen 1064 und 1066.

Exkurs. Es gibt durchaus ernst zu nehmende Literatur-Historiker, die meinen, daß der so genannte "Pseudo-Turpin" älter sei als "La Chanson de Rollant". Dennoch gilt der erstere mehr oder weniger als Märchenbuch - denn Turpin, der bei Roncesvalles gefallen war, kann es ja schlecht geschrieben haben -, während letztere zum Nationalepos der Franzosen geworden ist. Warum? Dikigoros weiß es nicht; drin stehen tut mehr oder weniger das gleiche. Vielleicht liegt es einfach daran, daß letztere zuerst - 1837 - als Druckerzeugnis verlegt wurde (wieder in Oxford :-) und damit bei Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Frankreich der breiten Masse zur Verfügung stand, und ersterer nicht. Exkurs Ende.

[Pseudo-Turpin]

Nun kommt es - um die Frage bezüglich der "deutschen Heldensagen" wieder aufzugreifen - nicht ganz von ungefähr, daß das "Rolandslied" auch in Deutschland eine populäre Sage geworden ist, da sie rund 100 Jahre nach Turoldus ins Deutsche übersetzt wurde, von jemandem, der sich selber als "der phaffe Chunrat" bezeichnet. Dieses "Liet" vom "Helt Rolant" würde auch Dikigoros als Propagandaschrift verstehen - was ja die Parallelen nicht ausschließt. Aber wozu brauchte man denn noch so eine verspätete deutsche Fassung, wenn doch schon das französische Original offenbar als Propaganda ausgereicht hatte, um auch die Deutschen zu bewegen, zwei Kreuzzüge mit zu machen? Die richtige Antwort auf diese Frage wird uns leicht durch zwei Irrtümer verstellt. Den ersten hat Dikigoros gerade zitiert; er lautet: Die Deutschen zogen schon auf dem 1. und 2. Kreuzzug mit gen Jerusalem. Aber im Gegensatz zu dem, was Ihr in älteren, patriotisch gefärbten Geschichts-Büchern über die Kreuzzüge lesen könnt (in jüngeren Geschichts-Büchern, die das nicht mehr sind, könnt Ihr über sie gar nichts mehr lesen, denn sie gelten als nicht politisch korrekt und werden daher meist nur kurz erwähnt - und verdammt -, oder gleich ganz weg gelassen), war "Gottfried von Bouillon" kein Deutscher, sondern Godefroy de Bouillon war so zu sagen der erste Belgier; sein Haufen bestand aus Flamen und Wallonen (die nicht nur in Palästina, sondern auch schon auf dem Anmarsch durch die Rheinlande, die Ostmark - ja, so hieß sie noch; zum "Ôstarrîche" sollte sie erst später erhoben werden -, den Balkan und das byzantinische Reich greulich hausten); und am 2. Kreuzzug nahm zwar der deutsche König Konrad III. teil (der nie Kaiser war, obwohl bis heute im Bonner Stadtteil Beuel ein Gäßchen nach ihm "Kaiser-Konrad-Straße" heißt, über die man zur berühmten Doppelkirche St. Clemens von Schwarz-Rheindorf gelangt, die er eingeweiht haben soll), aber seine paar Deutschen wurden schon in Anatolien aufgerieben, bevor sie das Heilige Land nur von weitem sahen. Der zweite Irrtum ist bis heute unausrottbar und lautet: "Das Rolandslied des Pfaffen Konrad wurde um 1170 von Heinrich dem Löwen, dem Welfen-Herzog, in Auftrag gegeben." Das hätte nun im Hinblick auf das Thema dieser "Reise durch die Vergangenheit" wenig Sinn gemacht, denn der letztere hatte überhaupt kein Interesse an einem Krieg gegen die Sarazenen - wieso auch? Damals war das Heilige Land doch noch fest in christlicher Hand! Vielmehr bereitete er gerade eine Pilgerfahrt nach Jerusalem vor, ganz friedlich (wenngleich nicht ganz unbewaffnet, denn es hätte ja sein können, daß man unterwegs auf feindliche Ungarn, Bulgaren, Byzantiner o.ä. traf :-), die er 1072 auch erfolgreich absolvierte. Seine "Kreuzzüge" führte Heinrich lieber in Wagrien, Mecklenburg und Vorpommern, gegen die heidnischen Slawen und war deshalb bei den National-Sozialisten mit ihrer spinnerten Idee vom "neuen Lebensraum im Osten" und den staatlich besoldeten Historikern des Dritten Reiches der erklärte Lieblings-Herrscher des Mittelalters. (Hitler pilgerte sogar persönlich zu seinem Sarg und ließ ihn öffnen - Dikigoros tat das auch, aber für ihn hat niemand den Deckel aufgemacht :-) Das wiederum brachte ihn in Konflikt mit den politisch-korrekten Gutmenschen der Gegenwart und ihren staatlich besoldeten Historikern, für die er zur persona non grata wurde. Weitere Forschungen über ihn wurden zwar nicht offiziell verboten, aber de facto unterbunden. So blieb es also bei der alten Theorie, an die Dikigoros so gar nicht glauben mag.

Warum nicht? Nun, zwar erwähnt Konrad im Nachwort "den herzogen Hainrichen" (nicht ausdrücklich als Auftraggeber, aber wir wollen nicht kleinlich sein), doch was spricht dafür, daß damit Heinrich der Löwe gemeint war? Eigentlich nur, daß der um 1170 Herzog von Bayern war. Sicher, auf dem Papier. Aber auf dem Hintern saß er in seinem Stammherzogtum [Nieder-]Sachsen und kümmerte sich um das Reichslehen da unten am Alpenrand eher nebenbei. Außerdem saß der Pfaffe Konrad nicht irgendwo in Bayern, sondern - in Regensburg. Das war damals nicht nur die Stadt in Bayern, die als einzige diese Bezeichnung verdiente (München - gerade erst von Heinrich dem Löwen gegründet -, Passau, Salzburg und Wien waren Mitte des 12. Jahrhunderts bessere Dörfer, die gerade mal Marktrecht hatten, aber noch lange kein Stadtrecht; und Würzburg, Bamberg und Nürnberg lagen in Franken, das noch lange nicht zu Bayern gehörte, dto Augsburg in Schwaben), sondern es beherbergte auch und vor allem eine Pfalz der Stauferkönige. (Das traf sonst nur noch auf einen anderen Ort in Bayern zu: Braunau am Inn, das im Schnittpunkt der Handelsstraßen zwischen Konstanz und Gran, zwischen Prag und Venedig lag und erst Ende des 18. Jahrhunderts an Österreich fallen sollte.) Wer wird Konrad also wohl den Auftrag erteilt haben, das Rolandslied ins Deutsche zu übertragen? Natürlich Friedrich Barbarossa, der schon lange davon träumte, das Kreuz zu nehmen und neben dem Kaisertitel auch noch den eines Königs von Jerusalem zu gewinnen! Dikigoros kann Euch sogar mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, wann und bei welcher Gelegenheit das war: Weihnachten 1165 veranlaßte Barbarossa mit viel Brimborium die Heiligsprechung von Karl dem Großen - aus diesem Anlaß wird er auch das Heldenepos um dessen "Neffen" Roland in Auftrag gegeben haben. Ein paar Jahre später - die Literatur-Historiker nehmen wie gesagt "um 1170" an - war es fertig.

Bekommen wir das noch genauer hin? Na klar, und bei der Gelegenheit wollen wir auch gleich auf all diejenigen eingehen, die noch immer glauben, daß Auftraggeber Heinrich der Löwe von Braunschweig war. Dort soll im Jahre 1176 ein "magister Conradus presbiter" urkundlich erwähnt worden sein. Allerdings nicht als Verfasser des Rolandsliedes - das müßte dann wohl nach 1176 geschrieben worden sein, oder? Nein, das hält Dikigoros für ausgeschlossen. Warum? Nun, da müssen wir nochmal auf den "herzogen Hainrichen" zurück kommen; er glaubt nämlich auch den zu kennen. Weihnachten 1165 wurde im Reich nicht nur die Geburt des lieben Jesulein gefeiert und die Heiligsprechung Karls des Großen, sondern auch - die Geburt von Barbarossas Sohn Heinrich, der natürlich sofort den Herzogstitel erbte. Aber kann denn ein gerade Geborener einen solchen Auftrag erteilen? Natürlich nicht, aber die Eltern in seinem Namen, und so wird es gewesen sein, denn Barbarossa war offenbar entschlossen, seinen Sohn zu einem literarisch gebildeten Menschen zu erziehen - wir wissen, daß Heinrich schon in ganz jungen Jahren, gewissermaßen im Kindergartenalter, selber Minnegedichte schrieb und Umgang mit Leuten wie Friedrich von Hausen und Ulrich von Gutenberg hatte. [Ihr meint, das sei doch recht unwahrscheinlich? Ihr glaubt, weil heute den Kindern von klein auf alle Kreativität genommen wird, hätten sie auch im Mittelalter keine gehabt? Ihr irrt. Damals hatten Kinder noch das Glück, als kleine Erwachsene behandelt zu werden, nicht als unmündige, unverantwortliche kleine Dummchen; und wenn Ihr mal gesehen habt, wie verzweifelt sich auch und gerade ganz junge Menschen bemühen, von den Erwachsenen ernst und für voll genommen zu werden, dann wißt Ihr, daß die damalige Erziehungsmethode richtig war und die heutige falsch ist. Natürlich hatte das auch eine Kehrseite: Kindliche Kriminelle wurden ebenso hart bestraft wie erwachsene, und kindliche Soldaten und Kreuzfahrer wurden ebenso getötet wie erwachsene - und wir täten gut daran, auch das wieder einzuführen; aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr.]

Aber nun haben die Vertreter der These von Heinrich dem Löwen als Auftraggeber des Rolandsliedes noch eine besonders scharfsinnige, um nicht zu sagen spitzfindige Entdeckung gemacht: Als Roland zu seinem Schwert spricht, erwähnt er, daß in seinem Knauf allerlei Reliquien steckten, u.a. "diu herschaft sent Plasien". Und St. Blasius war doch der besondere Schutzheilige von Heinrich dem Löwen, dem er auch den Braunschweiger Dom weihte! Wohl wahr, liebe Leser, wohl wahr. Allerdings offenbart das mal wieder zweierlei: Erstens, daß deutsche Germanisten oft Fachidioten sind - die in diesem Fall noch nicht einmal die französische Vorlage gelesen zu haben scheinen, denn schon dort wird (in Vers 172.9) als Reliquie in Durendal "del sanc seint Basilie" genannt, und Turoldus hätte wohl Hellseher sein müssen, um zu ahnen, daß das mal der besondere Schutzheilige eines noch nicht geborenen deutschen Herzogs sein würde. Aber ist eine Herrschaft nicht etwas anderes als nur etwas Blut? Muß es mit dieser bewußten Änderung durch den deutschen Bearbeiter nicht eine besondere Bewandnis haben? Na klar, und die offenbart, daß deutsche Literatur-"Wissenschaftler" oft auch keine Ahnung von Geografie und Geschichte haben. "Herrschaft" ist nämlich auch etwas anderes als "Dom". Welche "Herrschaft St. Blasien" kommt aber in Frage? Da gab es gleich zweie: Die eine lag an der ligurischen Küste - der heutigen Côte d'Azur - ca. 40 km östlich von Marseille, in der heutigen Provence, die man damals "Arelat" oder "Niederburgund" nannte. Und wem gehörte die? Heinrich dem Löwen? Nein, Barbarossa, denn der hatte 1156 Beatrix von Burgund geheiratet, dessen letzte Erbin (die übrigens nur zweite Wahl war; eigentlich hatte sich Friedrich von seiner ersten Frau Adele scheiden bzw. die Ehe anullieren lassen, um eine Prinzessin von Byzanz zu heiraten; aber das ist eine andere Geschichte). Die andere lag im Schwarzwald, am Fuße des Feldbergs - ca. 40 km südöstlich von Freiburg. Hatte die wenigstens etwas mit Heinrich dem Löwen zu tun? Kaum - aber dafür umso mehr mit Barbarossa; dort entstanden nämlich die Gesta Friderici Imperatoris - eine Art Biografie Barbarossas. Noch Fragen? Ach so, Dikigoros ist Euch noch die Erklärung schuldig, was das alles mit der Datierung des Rolandsliedes zu tun haben soll. Ganz einfach: Barbarossas Sohn Heinrich wurde schon 1169 (mit knapp vier Jahren!) zum König gekrönt; von da an hätte er also nicht mehr als "Herzog" durchgehen können.

Aber nochmal die Frage: Bedurfte es damals wirklich noch der Motivation durch ein solches Propaganda-Machwerk? Und worin sollte seine Besonderheit liegen? Nun, liebe Leser, die Ihr das Buch zur Hand haben solltet, achtet doch mal darauf, wer neben Roland die Hauptfigur ist, sozusagen sein Kontrapunkt, der Bösewicht, der ja in einem Roman nie fehlen darf, wenn der Held in umso strahlenderem Lichte erscheinen soll. Richtig: Ganelon, "der Verräter" - und zwar in viel höherem Maße als noch in La Chanson de Rollant. Verrat ist eine böse Sache und allemal ein Grund, den Verräter zu bestrafen - auch wenn man dazu erst einen Zweikampf oder gar einen Krieg führen muß. Aber heraus zu finden, wer ein Verräter ist und wer nicht, ist oft gar nicht so einfach. Dikigoros hat dieser Frage ein eigenes Kapitel seiner "Reisen durch die Vergangenheit" gewidmet - welches freilich nur das 20. Jahrhundert umfaßt. Wer es gelesen hat, weiß, daß es schon den Zeitgenossen schwer fällt, eine Entscheidung zu treffen - wieviel schwieriger muß es erst für die Nachwelt sein, zumal nach vielen Jahrhunderten? War Ganelon ein Verräter? Seine Standesgenossen, die über ihn zu Gericht saßen, sahen das offenbar anders und wollten ihn nicht schuldig sprechen; aber für Karl den Großen war der Fall klar: Er hatte doch die Sarazenen überredet, die Nachhut der Franken zu überfallen, weil er Roland persönlich haßte. (Aber das war natürlich eine Erfindung des Chanson-Dichters, denn in Wahrheit hatten die Sarazanen wie gesagt nichts mit dem Untergang Rolands zu tun, und die Basken brauchten keinen Verräter mit persönlichem Groll gegen irgendwen: Karl der große Völkermörder - davon konnten auch die Bretonen und die Sachsen ein Lied singen - hatte ihre Hauptstadt Pamplona platt gemacht - so wie Barbarossa Mainz und Mailand platt gemacht hatte -, das war Grund genug zur Rache.) Aber wozu brauchte das Rolandslied eigentlich einen "Verräter", wenn es wirklich nur den Heldenmut des Generalgouverneurs der Bretagne hätte verherrlichen wollen? Vielleicht als moralische Rechtfertigung für den Angriffskrieg gegen den Emir von Zaragoza?

Gegen wen aber brauchte man im ausgehenden 12. Jahrhundert eine Rechtfertigung zum "Kreuzzug"? Gegen die Selçuken? Die standen längst nicht mehr im Heiligen Land. Gegen Saladin - der es inzwischen erobert hatte? Aber wen sollte der denn verraten haben? Er war schließlich kein Christ und schuldete den Kreuzfahrern gleich gar nichts. Hatte er sie etwa gerufen? Nein. Wer dann? Die Antwort ist eindeutig: der Wasiléos von Wisádion - oder, wie die Westeuropäer sagten, der Basiläos von Byzanz. Und was war sein Dank gewesen? Schon den "nullten" Kreuzzug unter Peter von Amiens hatte er ins Messer laufen lassen; gegen die Ritter vom Ersten Kreuzzug hatte er Krieg geführt, weil sie sich ihm nicht unterwerfen wollten; als sie Nicäa erobern wollten, gewährte er den Selçuken eine ehrenvolle Kapitulation und freien Abzug. Als die Normannen Antiochia erobert hatten, nahm er es ihnen wieder ab und annektierte es selber. Auch beim Zweiten Kreuzzug wäre es fast zum Krieg unter den Christen gekommen: Der Basiläos hatte heimlich Frieden mit den Selçuken geschlossen und ließ die Kreuzfahrer-Heere - vor allem das kleine deutsche - eines nach dem anderen ins Verderben ziehen. Das war Verrat - da waren sich ausnahmeweise mal alle Chronisten einig. Wirklich? Hatte der Basiläos die Westeuropäer nicht vielmehr 1071, nach der verlorenen Schlacht von Mantzikert, zu Hilfe gerufen? Damals war niemand gekommen. Aber Jahrzehnte später, nachdem er sich einigermaßen mit seinen Nachbarn arrangiert hatte, kamen sie an und störten den mühsam gewahrten Frieden! So hat es Dikigoros kürzlich in einem Geschichtsbuch gelesen - aber das ist nur ein weiterer Beleg dafür, wie schlampig deutsche "Historiker" heutzutage arbeiten. Richtig ist (jedenfalls wenn wir dem Chronisten Bernold von Konstanz glauben dürfen, und Dikigoros meint, daß wir das dürfen), daß der Basiläos im Jahre 1095 Gesandte zum Papst schickte und um Truppenhilfe gegen die Selçuken bat. "Um Jerusalem zu befreien", sagten sie. Dabei hatte der Basiläos daran überhaupt kein Interesse; der hatte vielmehr - genau wie 24 Jahre zuvor nach der Schlacht von Mantzikert - die Rückeroberung Anatoliens im Hinterkopf, denn da mußte notwendigerweise jeder durch, der Jerusalem erobern wollte. Wenngleich auch der Papst ganz andere Dinge im Hinterkopf gehabt haben mag, als er zum Kreuzzug "zur Befreiung Jerusalems" aufrief, nämlich das Schisma zwischen der römisch-katholischen und der griechisch-orthodoxen Kirche notfalls mit Gewalt zu beenden (es standen halt Gauner gegen Gauner :-), so bleibt es doch eine Tatsache, daß die Idee zum Kreuzzug auf byzantinischem Mist gewachsen war. Der Basiläos hatte die Geister, pardon die Kreuzfahrer, gerufen, und als er sie nicht mehr brauchte, versuchte er sie mit ziemlich schäbigen Mitteln wieder los zu werden, und das gleich mehrfach, d.h. ein Basiläos war nicht besser als der andere. Deshalb kann Dikigoros gut verstehen, daß die "oströmischen" Griechen, das perfide Byzantion, in ganz Westeuropa als Verräter galten. Das schrie nach Rache; und der Ruf lautete nun nicht mehr "Montjoie", sondern "nach Byzanz!" - so wie er 250 Jahre später "is tam bul [in die Stadt]!" und 700 Jahre später "à Berlin!" lauten sollte. Nur die tumpen Deutschen schrien (noch) nicht mit. Aber das konnte man ja ändern.

Stop, liebe Leser, Dikigoros will hier keinen falschen Zungenschlag hinein bringen. Es gibt Ereignisse in der Geschichte, die im Nachhinein so hingebogen werden, wie sie den Siegern in den Kram passen; aber manchmal kommt auch alles genau so zusammen, wie es die Propagandisten vorher gesehen haben. Das erstere müßtet Ihr als Kinder des 20. Jahrhunderts nur zu gut wissen: Im Jahre 1967 schrieb ein amerikanischer Historiker (der sich zwei Jahre zuvor schon unbeliebt gemacht hatte mit einem Buch, in dem er dem Präsidenten der Französischen Republik, einem gewissen De Gaulle, die Ermordung des Admirals Darlan vorgehalten hatte) ein Buch mit dem Titel "Verrat auf Italienisch". Er meinte damit den Abfall Italiens von seinen "Achsen"-Partnern Deutschland und Japan im Jahre 1943. (Daß dieser Vorwurf berechtigt war, unterliegt keinem ernst zu nehmenden Zweifel, auch wenn 15 Jahre später ein deutscher Schmierfink unter dem Titel "Verrat auf Deutsch" das Gegenteil behaupten sollte.) Aber im Jahre 1978 - also gut 800 Jahre nach dem Pfaffen Konrad, schrieb ein britischer Ex-Offizier und Hobby-Historiker ein Buch mit dem Titel "Der Verrat von 1204". Darin behauptet er, die westlichen Kreuzfahrer hätten ihre christlichen Ideale "verraten", als sie den Vierten Kreuzzug gegen Byzanz statt gegen Jerusalem führten. Ein guter Witz, liebe Leser, ein guter Witz. Man mag wie gesagt trefflich streiten, ob das Verhalten der Byzantiner während der ersten drei Kreuzzüge "verräterisch" genannt werden konnte; aber was dem Vierten Kreuzzug voraus ging, war nun wirklich des Guten zuviel. Wie soll das gewesen sein? Der Papst und der Doge von Venedig wollten Byzanz vernichten? Pardon, der Papst hatte diesen Kreuzzug ausdrücklich verboten und die Byzanzfahrer sogar mit dem Kirchenbann belegt! Und die Venezianer beherrschten von Galata aus ohnehin längst den Zwischenhandel mit dem Orient - was hätten die sich wohl von einer Vernichtung Wisádions erhoffen sollen? Die wollten den Kreuzfahrern ihre Transportschiffe nur nicht umsonst zur Verfügung stellen, sondern dafür sollten die etwas tun, nämlich die zu den Ungarn übergelaufene Stadt Zadar für Venedig zurück erobern. War das unbillig? Wohl kaum.

Doch nun traf es sich, daß in Byzanz Dinge geschahen, die sich der Schreiber des Rolandsliedes kaum besser hätte ausdenken können, mit einem "Verrat", der fast so unschön war wie der Ganelons an Roland: Der böse Alexios hatte den Basiläos Isaak (der zwar nicht sein Stiefsohn war, aber immerhin sein Stiefbruder :-) vom Thron gestoßen, ihn geblendet und sich selber an seine Stelle gesetzt. Allerdings ließ er den Sohn Isaaks, Alexios den Guten, entkommen, und der ging prompt nach Deutschland, zum Staufer-König Philipp von Schwaben. Warum? Nun, der war mit seiner Schwester Irenä verheiratet, also - Moment, kurz mal nachrechnen - der Schwiegerneffe von Alexios dem Bösen. Darauf hatte Philipp nur gewartet: Hier bot sich die einmalige Chance, in die Fußstapfen Karls des Großen zu treten! Das konnte auch seiner eigenen Karriere nur förderlich sein (er war noch nicht zum Kaiser gekrönt); also schickte er schleunigst Gesandte zu den Kreuzfahrern, die noch immer in Zadar festsaßen, weil die Venezianer plötzlich Nachforderungen gestellt hatten: 34.000 Mark Silber (eine irre Summe - eine Mark Silber entsprach in etwa 500 Teuro heutiger Währung) wollten sie noch haben. Wo in aller Welt - außer in Venedig, Pisa oder Genua - gab es so viel Geld? Na wo wohl: in Byzanz! Und Alexios der Gute versprach, es ihnen zu zahlen, wenn sie ihn dorthin begleiten, den Verräter Alexios den Bösen beseitigen und ihn als den legitimen Erben seines Vaters Isaak wieder auf den Thron setzen wollten. War das unbillig? Wohl kaum. Gesagt, getan, und alles klappte wie am Schnürchen, pardon an der Eisernen Kette, welche die Hafeneinfahrt versperrte. Als die Kreuzfahrer die gekappt hatten, floh Alexios der Böse, Alexios der Gute wurde auf den Thron gesetzt, die Kreuzfahrer ließen sich ganz friedlich gegenüber in Galata nieder und warteten darauf, daß der neue Basiläos ihnen das Geld für die Überfahrt und vielleicht auch noch etwas Ausrüstung und Verpflegung für die Weiterreise nach Jerusalem gab. Ja, Dikigoros ist überzeugt, daß die meisten Kreuzfahrer so dachten. Daß es anders kam, war nicht ihre Schuld, sondern die - der Verräter. Und das war nicht etwa Alexios der Böse - der war ja längst weg -, sondern.... Alexios der Gute, der gar nicht daran dachte, sein Versprechen zu halten und seine Schatz- und Speisekammern zu öffnen. Als die Kreuzfahrer kurz vor dem Verhungern waren, schlugen sie zu, Byzanz zusammen und sich erstmal drei Tage und drei Nächte den Bauch voll. Ja, dabei ging auch einiges zu Bruch, und an die 2.000 Byzantiner sollen umgekommen sein (von fast einer Million Einwohnern, also rund 2 Promille; als die Mongolen ein paar Jahrzehnte später Europas zweite Millionen-Metropole, Kiew, die alte Hauptstadt der Rūs, eroberten und dem Erdboden gleich machten, sollten umgekehrt gerade mal 200 - also 0,2 Promille - der Einwohner am Leben bleiben - aber darüber schreibt Dikigoros in einem anderen Kapitel dieser "Reise durch die Vergangenheit" mehr). Doch wie so oft in der Geschichte hängte man den Verbrechen der Deutschen ein paar Nullen zuviel an und verharmloste dafür die Verbrechen der anderen, in diesem Fall der Franzosen und Belgier (die anschließend einen der ihren zum "Lateinischen Kaiser" von Ostrom ausriefen: Baudouin von Flandern - ein dreiviertel Jahrtausend später sollte ein Namensvetter von ihm König von Belgien werden.) Egal, ein schlechtes Gewissen hatte damals ohnehin niemand: Die Byzantiner - egal welcher Couleur, das hatte man ja nun gesehen - waren treulose Verräter gewesen, ebenso wie alle Deutschen - egal welcher Couleur - böse Nazis gewesen waren, und das hatte man bestraft. Hart, aber gerecht, wie Karl der Große. Wer es nicht glauben wollte, konnte es nachlesen: im Rolandslied.

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Noch einmal gut 300 Jahre später schreibt ein Italiener namens Ludovico Ariosto ein Buch mit dem Titel "Orlando furioso [Der wütende Roland]", das eigentlich nicht mehr viel mit seiner Vorlage zu tun hatte - außer dem Namen des Titelhelden und der Episode von Roncesvalles. Obwohl - ganz abwegig war es nicht, denn wie Dikigoros eingangs nicht umsonst zitiert hat, erzählt ja auch das Rolandslied schon das Märchen von all den fremden Ländern, die Roland angeblich für Karl den Großen eroberte. Inzwischen hatte sich der Gesichtskreis halt um einiges erweitert, also kamen noch Indien, Medien [Persien] und Tartarien [Mongolei] hinzu. Wohlgemerkt, Ariost behauptet nicht, daß Roland die auch alle erobert hätte - nein, nur bereist, auf der Suche nach Souvenirs für seine geliebte Angelica (die er "Dame von Catay [China]" nennt - aber das wird er doch wohl nicht im Ernst gemeint haben). Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gab es in Europa - das damals im Herzen noch ganz jung war - eine ungeheure Aufbruchstimmung, wie man sie sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts im alten Europa, das nur noch von Euros und Opas gelenkt wird, kaum mehr vorzustellen vermag: Man wollte die ganze Welt entdecken, erkunden, erforschen, erobern. Nein, nicht um Arbeitsplätze zu exportieren, wie heute, sondern eigene Ideen und vor allem den wahren Glauben (aber wer hat die bzw. den heute schon noch? Wo nichts ist, hat der Exporteur sein Recht verloren!), und um im Gegenzug neue Güter - vor allem Rohstoffe - einzuführen. Aber über diese Motivation schreibt Dikigoros in einem anderen Kapitel dieser "Reise durch die Vergangenheit" mehr, und er will sich an dieser Stelle nicht wiederholen. Aber er will, daß Ihr das Werk jenes Ariost nicht gering schätzt. Seht Ihr, wir Kinder des 20. Jahrhunderts sind eigentlich - jedenfalls "geistesgeschichtlich" gesehen - Kinder des 19. Jahrhunderts. Davor hätte jemand, auch wenn er überdurchschnittlich gebildet war, nicht viel mit der Zusammenstellung von Sagen anfangen können, die Dikigoros Euch hier vorstellt. Nibelungennot? Chanson de Rollant? Wen interessierte das? (Das "Buch Mormon" war noch nicht mal geschrieben :-) Die bekanntesten Sagenbücher waren der "Herzog Ernst" und - der "Wütende Roland", und zwar nicht nur im italienischen Sprachraum. Als Joseph Haydn 1782 seine Oper "Orlando Paladino" komponierte, basierte das Libretto selbstverständlich auf dem "Orlando furioso" - von den früheren Fassungen der Rolandssage dürften dagegen weder dessen Verfasser noch der große Komponist je etwas gehört haben.

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Nun bleibt nicht mehr viel zu berichten: Roncesvalles, 25. Juli 1813. Die Angelsachsen, die sich zur "Befreiung" Europas von Napoléon angeschickt haben, werden von den Franzosen unter General Soult schwer geschlagen. Sie haben unter dem Herzog von Wellington (der selbstverständlich entkommen ist - sonst hätte er ja bei Waterloo nicht mehr dabei sein können) bis zum letzten Portugiesen gekämpft. 1967 stellt die spanische Regierung des bösen falangistischen Caudillo Franco (der freilich kein Franke war, sondern nur so hieß - er war rein sefardischer Abstammung) auf dem Col de Ibañeta einen Gedenkstein auf, um die Franzosen zu ärgern.

[Rolandsstein]

1200 Jahre nach der Schlacht von Roncesvalles dreht Frank Cassenti einen Film mit dem Titel "La Chanson de Roland" mit Klaus Kinski in der Titelrolle. Seine These: Das Rolandslied wurde geschrieben, um den vom mittelalterlichen Feudaladel unterdrückten und ausgebeuteten Massen einen Nationalismus einzuimpfen, der sie dies verdrängen ließ. Aber das kann wohl nur ein Kommunist glauben, und das Sowjet-Imperium geht 13 Jahre später unter - es ist nicht annähernd so alt geworden wie das Karolinger-Reich, und der Schauspieler, der es zu Tode gerüstet hat (freilich nicht mit Elefanten-Hörnern :-) heißt nicht Roland, sondern Ronald - aber so groß ist der Unterschied ja nicht.

[Ronald Reagan]

Noch einmal 12 Jahre später kommt wieder ein "Olifant" zum Einsatz, und diesmal geht es wirklich gegen die Sarazenen, freilich nicht in Roncesvalles, sondern ein paar tausend Meilen weiter östlich, im einstigen Reiche Harūn al-Rāschīds, des Kalifen von Baģdād. Aber da erleben KarlsRonalds Erben eine böse Überraschung - denn wer tritt ihnen da entgegen? Ein neuer Roland! Den haben die Franken - mit Hilfe der Germanen - entwickelt und an die Sarazenen geliefert, damit die den Erzengel Gabriel die fliegenden Teppiche die Flugzeuge der Alliierten abschießen können, die den neuen Olifanten Luftschutz gewähren (und nebenbei Bombenteppiche auf Baģdād legen :-). [Der Verräter, der sie den Sarazenen geliefert hatte, hieß zwar nicht Ganelon, sondern Jacques - aber als das heraus kam, ließ der einfach einen seiner kleineren Paladine über die Klinge springen und wusch seine Hände in BlutUnschuld, bevor er über "Rolandsgate" stürzen konnte wie einst einer seiner Amtskollegen jenseits des großen Teichs über "Watergate".] So wiederholt sich zwar nicht alles in der Geschichte - aber es gibt Treppenwitze der Weltgeschichte, die nicht bloß auf Namensgleichheiten beruhen; doch darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr.

[britischer Kampfpanzer 'Olifant' in der arabischen Wüste] [FlARaK-System 'Roland']
Links: Britischer Kampfpanzer Olifant in der arabischen Wüste               Rechts: Flugabwehr-Raketensystem Roland


Anhang: Der dreifache Wilhelm - zur Person des 'Taillefer'


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