TOTER HERING IM MONDENSCHEIN . . .
UND COCA COLA ZUR KNACKWURST

von Omaha/Nebraska und Atlanta/Georgia nach Berlin
"Atlanta? Das ist Sibirien mit Pfefferminz-Geschmack!"
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BILLY WILDER: ONE, TWO, THREE (1961)

[James Cagney und Lilo Pulver in 'Eins, Zwei, Drei'] [Lilo Pulver in 'Eins, Zwei, Drei'] [Horst Buchholz in 'Eins, Zwei, Drei']

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
"AVEZ-VOUS BOURBON?"
Große Reisefilme des 20. Jahrhunderts

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(FORTSETZUNG VON TEIL I)

Und damit zurück zum Film. Da eine Abtreibung also nicht in Betracht kommt, muß sich MacNamara etwas Anderes ausdenken. "Denk schneller, mein lieber Knatterton," versetzt seine Frau." Knatterton? Was soll denn der hier? Erinnert Ihr Euch noch an die Zeichentrickserie in der Quick, liebe ältere Leser? Oder vielleicht sogar an den Film von 1959? Wahrscheinlich nicht, denn er flopte an den Kinokassen genauso wie "Eins, Zwei, Drei" und wurde im Gegensatz zu letzterem auch später nicht "wiederentdeckt". Aber Wilder kannte ihn; und nachdem Dikigoros bereits an anderer Stelle berichtet hat, aus welchen Filmen Wilder Hubert von Meyerinck, Ralf Wolter, Lilo Pulver und Hanns Lothar übernommen hat, muß er auch Karl Lieffen erwähnen, den Wilder vom Meisterdetektiv Nick Knatterton zum hackenschlagenden, "typisch preußischen" Chauffeur Fritz umfunktionierte.

Dabei war Lieffen eigentlich - wie Wilder - Ostmärker, genauer gesagt: Deutsch-Böhme, aber nach 1918 geboren, so daß ihn die Tschechen zwangen, als "Carel Lifka" herum zu laufen. Erst 1939 konnte er ins "Altreich" emigrieren und wieder seinen echten Namen annehmen. Deutschen Fernsehzuschauern ist er wohl am besten als Vater Kempowski in "Tadellöser & Wolff" in Erinnerung - das war 1975, und obwohl es nur 14 Jahre nach "Eins, Zwei, Drei" war und nun schon so lange zurück liegt, kommt es Dikigoros fast vor, als sei es erst gestern gewesen - damals konnte man in der BRD noch fernsehen, ohne vor der Kiste einzuschlafen!

MacNamara denkt also laut: Soll er einen tödlich verunglückten Mitarbeiter der US-Botschaft als Ehemann für Scarlett erfinden? Oder besser einen verschwundenen Geheimagenten, der so geheim war, daß man nicht mal seinen Namen weiß? ("Besser ein toter Held als ein lebender Kommunist!") Aber beides redet ihm seine Frau aus: "Wenn die Hazletines da sind, solltest du lieber Otto haben!" Also leitet MacNamara alles in die Wege, um Piffl wieder aus den Fängen der Ostberliner Volkspolizei zu befreien, ihn "umzuerziehen" und diesem "krummen Hund" (ins Amerikanische übersetzt mit "crumb bum" [schlaffer Penner-Arsch]) auch einen ordentlichen, blaublütigen Stammbaum - durch Adoption - zu verschaffen. Ersteres ist nicht weiter schwierig: MacNamara fährt noch in derselben Nacht nach Ostberlin (die DDR-Grenzer besticht er mit einem Six-pack Coca Cola) ins "Hotel Potëmkin" (das sicher nicht nach dem so oft verkannten und verleumdeten Minister der Tsarin Ekaterina benannt wurde, sondern nach dem berühmt-berüchtigten Panzerkreuzer; früher hieß es, wie Fritz beiläufig bemerkt, "Hotel Göring, und noch früher "Hotel Bismarck). Dort residiert die russische Handelsdelegation. (MacNamara nennt die drei - den Dicken, den Glatzkopf und den Graubart - im Scherz "drei Brüder Karamasow", freilich nur in der deutschen Fassung; für die Amerikaner - denen Wilder wohl keine Kenntnisse der russischen Literatur, geschweige denn Dostojewskijs, zutraut - sind es die "Marx-Brothers", obwohl das doch mindestens vier, eigentlich sogar fünf waren.) Erstmal ist tote Hose: Ein paar Russinnen tanzen, ein paar Russen spielen Schach oder Domino (die "Domino-Theorie", wonach die Sowjets einen Staat nach dem anderen kommunistisch unterwandern wollten, war in den USA gerade in aller Munde), und die Kapelle dudelt dazu stilecht "Ausgerechnet Bananen [Yes, we have no bananas]", einen amerikanischen Schlager aus dem Jahre 1923. (Der gehörte eigentlich zur Buchvorlage, aber Wilder hat ihn wohl bewußt übernommen - er hatte die Ossis durchschaut und wußte, wonach sie nach Coca Cola am meisten lechzten :-) Aber dann bestellen die Russen "mehr Rock 'n' Roll", und wir hören - wie schon zur Einleitung als Titelmelodie - den "Tanets s sabljami" [Säbeltanz, im englischen "Sabre dance"], für den der armenische Jude Abraham ("Aram") Chatschaturjan (den Ihr doch bitte auf der jeweils letzten Silbe betonen wollt, nicht auf der jeweils vorletzten!) 1942 den Stalin-Preis erhalten hatte, also für Wilder typisch sowjetische Musik. (Tatsächlich galten Chatschaturjan, Prokofieff und Schostakowitsch als "die drei Brüder Karamasow" der sowjetischen Musikszene zur Stalinzeit - auch diese Anspielung kommt also nicht von ungefähr, und nicht umsonst fällt bei den Klängen des Säbeltanzes das Bild von Chruschtschëw, das an der Wand hängt, aus dem Rahmen, und darunter kommt ein altes Bild von Stalin zum Vorschein.) Ingeborg, nicht faul, legt dazu eine kesse Sohle auf's Parkett, genauer gesagt auf den Tisch, und MacNamara bietet sie den Russen als Sekretärin an - im Austausch gegen Piffl. Die versuchen erstmal, ihm andere Dinge zum Tausch anzubieten: Kaviar? Ein Auto? Chinesische Zigarren? Bulgarischen Joghurt? Nein, nichts zu machen. Da hat Peripetschikow einen glänzenden Einfall: "Wir haben noch ein ganzes Warenlager voll Spam, von Lend and lease übrig geblieben."

Nanu, Spam? Was soll denn das sein? Ihr, liebe jüngere Leser, kennt dieses Wort wahrscheinlich nur als Bezeichnung für massenhaften Müll in Eurer Email-Box; aber vor ein, zwei Generationen hatte es eine ganz andere Bedeutung, nämlich als Abkürzung für "Specially Processed Army Meat". Es handelt sich - im Gegensatz zu "Corned Beef", das aus Rindfleisch-Abfällen hergestellt wird - um stark gesalzene Abfälle aus Schweinefleisch, im Army-slang mehr oder weniger liebevoll "Stuff posing as meat [Zeug das sich als Fleisch ausgibt]" oder, wenn es dazu eine Scheibe hart getrocknetes Brot gab, "Shit on a shingle [Scheiße auf einem Dachziegel]" genannt. (Nur der Produzent, die Firma Hormel, bezeichnete es kackfrech als "SPiced hAM [Gewürz-Schinken]", und Dikigoros hat noch mit erlebt, wie es in Deutschland als "Frühstücksfleisch" in die Regale der ersten Billig-Supermärkte kam.) Während des Zweiten Weltkriegs lieferten die USA das Zeug massenhaft an ihre Verbündeten, vor allem an die Sowjets - Chruschtschëw soll einmal gesagt haben: "Ohne amerikanisches SPAM wäre die Rote Armee verhungert." [Diese Aussage findet Dikigoros ein wenig zu kurz geraten. Darf er etwas ausführlicher zitieren? Aus "Berliner Kreml", den Memoiren von Grigorij Klimow, die gerade wieder neu aufgelegt wurden und deren Lektüre er allen seinen Lesern - besonders den Linken - nur nachdrücklich empfehlen kann: "Wenn die russischen Menschen 'Lend-lease' hören, dann erstehen in ihrer Erinnerung Berge von Konservenbüchsen. Rußland ist das reichste landwirtschaftliche Gebiet mit unerschöpflichen Naturschätzen - und dieses Land lebte und kämpfte 1942-45 ausschließlich auf Kosten amerikanischer Lebensmittel. Wir Offiziere waren fest überzeugt, daß wir zwar ohne amerikanische Panzer und Flugzeuge hätten duchhalten können, ohne amerikanische Lebensmittel aber einfach verhungert wären. Fleischprodukte, Fette und Zucker waren in der Armee zu 90% amerikanischen Ursprungs, beinahe das gleiche Bild bot sich auch in der Heimat. Selbst Bohnen und Weizenmehl kamen aus Amerika. Das ganze Blechgeschirr wurde in der Sowjetunion in den Kriegsjahren aus amerikanischen Konserverdosen angefertigt. Die russischen Menschen werden diese Dosen und ihren Inhalt - Schweinefleisch - nicht so bald vergessen."] Nach der Kapitulation der Wehrmacht sammelte man Millionen Dosen Spam zusammen mit allerlei anderen nützlichen Dingen wie Kaffee-, Milch- und Ei-Pulver, Obstkonserven, Suppenwürfel, Rosinen, Zucker, Honig und Schokolade, in so genannten "10-in-1-Paketen", die als Notverpflegung für die G.I.s bei der geplanten Invasion Japans dienen sollten. Doch nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki kapitulierte Japan, und das Zeug wurde nicht mehr benötigt. Damit es nicht vergammelte, wurde im November 1945 eine Organisation mit dem Namen "C.A.R.E." gegründet, von der die Spam-Pakete nach Europa verschifft wurden, und zwar auf Kosten mildtätiger Spender, denen vorgespiegelt wurde, daß damit die hungernde Bevölkerung Mitteleuropas versorgt würde. Jeder US-Bürger durfte also für eine Spende von 10.- US-$ (ca. 200.- Teuro heutiger Kaufkraft) pro Paket sein Gewissen beruhigen, denn es hatte sich herum gesprochen, daß die amerikanischen Besatzungstruppen auf Befehl Eisenhowers nach Kriegsende die - durchaus ausreichend vorhandenen - deutschen Lebensmittel- und Arzneivorräte systematisch vernichtet und damit bewußt den Hungertod von Millionen Menschen herbei geführt hatten, und das fanden einige Amerikaner denn doch nicht so gut - einige, wie der Bischof von Chicago, sprachen sogar ganz offen von [Völker-]Mord an den Deutschen.

[Spam - wichtigster Bestandteil der Care-Pakete]

Exkurs. Die jüngeren Deutschen, denen die Nachkriegszeit nur aus ihren Geschichts- und Märchenbüchern "bekannt" ist, glauben bis heute allerlei Propaganda-Lügen der Besatzer und Umerzieher. Wie Joachim Fernau im Vorwort zu seinem bitterbösen Amerika-Buch "Halleluja" mitteilt, durfte er dieses Werk lange nicht schreiben, weil auch sein Verleger zu den Opfern jener Propaganda zählte und "die" Amerikaner für gute Menschen hielt: "Denken Sie an die Care-Pakete" soll er gesagt haben. Welch ein Dummkopf muß das gewesen sein; denn von den Millionen Care-Paketen sind nicht einmal 1% nach Deutschland gegangen, und auch die nur an ein paar ausgewählte - meist jüdische - Familien, zu Propagandazwecken; der deutsche "Normalverbraucher" kannte die Dinger nur vom Hörensagen; der schlappe Rest von 99% wurde in den Feindstaaten, pardon den "befreiten" Ländern verteilt (zu denen Deutschland noch nicht zählte - diese Geschichtsklitterung nahm erst vier Jahrzehnte später ein gewisser Bundespräsident vor. Ähnlich populär ist bis heute eine weitere Propaganda-Lüge, nämlich daß der "Marshall-Plan" den wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands oder gar ein "Wirtschaftswunder" bewirkt habe: In vier Jahren steckten die USA insgesamt gerade mal 13 Mrd. Dollar in das "European Recovery Program", wie der "Marshall-Plan" offiziell hieß (soviel verpulvern sie heuer in vier Tagen im Irak-Krieg); davon erhielten die westdeutschen Besatzungszonen etwas mehr als 10% - wertmäßig nur ein Bruchteil dessen, was zuvor von den Besatzern demontiert worden war -, und zwar nicht geschenkt, sondern auf Pump (die BRD hat diesen Kredit über den so genannten E.R.P.-fond mehr als hundertfach zurück zahlen müssen); der Rest der Hilfsgelder ging an Franzosen und Briten - die sie binnen kurzem verbriten, pardon verbrieten und verpraßten - nachzulesen z.B. bei Raymond Cartier, dessen Buch "Nach dem Zweiten Weltkrieg" Dikigoros nur immer wieder zur eingehenden Lektüre empfehlen kann. Ihr meint, davon habe Billy Wilder doch im Zweifelsfall gar nichts gewußt? Ihr irrt, liebe Leser, er spricht auch die Sache mit dem E.R.P. an, bzw. er läßt sie MacNamaras Frau ansprechen, als sie den Kauf eines Kleides durch ihren Ehemann für seine Sekretärin einen "privaten Marshall-Plan" nennt. Die einzige wirkliche Hilfe kam von zwei Seiten, die von den staatlich besoldeten "Historikern" der BRD beharrlich tot geschwiegen werden und deshalb so gut wie vergessen sind: Die private "Schweizerspende" im Wert von immerhin 35 Mio SFr kam wirklich den Deutschen zugute - und sie wurde wirklich geschenkt, nicht bloß kreditiert -, ebenso die private Spendensammlung, welche die Familie des großen Forschungsreisenden und Autors Sven Hedin in Schweden veranstaltete. Aber von beidem liest man heute nichts mehr, weder im "Brockhaus" noch im "Lexikon der deutschen Geschichte" noch sonst irgendwo - außer bei Dikigoros. Exkurs Ende.

Wie dem auch sei, da sich MacNamara auf nichts anderes einläßt ("Piffl oder nichts!") bequemen sich die Russen - von denen sich einer praktischerweise als KGB-Agent entpuppt - endlich, Piffl aus dem DDR-Knast zu holen; MacNamara dagegen erfüllt sein Versprechen nicht, sondern schickt ihnen im Gegenzug statt seiner Sekretärin Ingeborg seinen verkleideten Sekretär Schlemmer. Nach der in amerikanischen Filmen obligatorischen Auto-Verfolgungsjagd durch Ost-Berlin (an deren Ende die drei Russen verunglücken, indem sie ihre Schrott-Karre gegen einen Pfeiler des Brandenburger Tors fahren) bringt er Piffl, Ingeborg und die Kuckucksuhr wieder heil zurück nach West-Berlin, wo er den nächsten Programmpunkt in Angriff nimmt: Die Adoption Piffls durch Graf Waldemar von und zu Droste-Schattenburg. Auch die verursacht Probleme, denn der letztere arbeitet zwar als verarmter Adeliger in der Herrentoilette eines großen Berliner Hotels [das paßt nicht so recht zu der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg; aber die Szene stammt aus dem dem Film zugrunde liegende Buch, und das spielt nach dem Ersten Weltkrieg - da paßt es voll und ganz!], ist jedoch nicht gewillt, den guten Namen seiner Familie (eine hervorragende Inzucht von Blutern, die bis zu den Kreuzzügen zurück geht und entfernt verwandt ist mit dem Ex-König Faruq von Ägypten [den Nasser gerade vor ein paar Jahren zum Teufel gejagt hat]) gegen ein "Trinkgeld" von 2.000.- DM zu verschachern, das MacNamara ihm anbietet - er verlangt vielmehr 10.000.- DM. Schließlich einigen sie sich auf 4.000.- DM, und für weitere 500.- DM verkauft der Graf das Familienwappen ("Wie sieht's aus? Zwei Stück Seife auf 'ner Klosettrolle?" - "Nein, ein Stachelschwein, aufrecht stehend in einem Lilien-Feld!" ["fleur-de-lys" sagt er in der amerikanischen Fassung; juristische Ausdrücke - zu denen eben auch solche aus der Heraldik gehörten - waren damals nicht nur in England, sondern auch in den USA noch überwiegend französisch - altes normannisches Erbe. Als Dikigoros Examen machte, mußte er noch mühsam all die französchen Fachbegriffe aus dem Immobilienrecht lernen]) und ein Foto von Schloß Schattenburg, genauer gesagt von der Schloß-Ruine. "Leider wurde es durch den Krieg zerstört." - "Amerikanische Luftwaffe?" fragt MacNamara. "Nein, türkische Kavallerie, 1683." [Das echte Schloß Schattenburg - Wahrzeichen der Gemeinde Feldkirch im österreichischen Vorarlberg - wurde tatsächlich 1944 durch die U.S. Airforce zerstört. Inzwischen ist es jedoch wieder aufgebaut und serviert in seinem Restaurant amerikanischen Touristen seine Spezialität: Schnitzel - mit oder ohne Umlaut. Wilder wird aber nicht dieses Schloß Schattenburg im Hinterkopf gehabt haben, sondern eine Person, nämlich seinen Zeit- und Glaubensgenossen Otto Lee Schattenburg, der wie er aus Galizien stammte und als Arzt erst im Mount Zion Hospital von San Francisco und später in Honolulu auf Hawaii praktizierte, wo Wilder ihn kennen lernte - auch Piffls Vorname ist also kein Zufall, ebenso wenig wie das "Aloha", auf das wir gleich kommen werden. Und der Nachname? Schwer zu sagen. Dikigoros tippt darauf, daß Wilder als Österreicher noch den Namen des letzten Wiener Erzbischofs aus der Zeit der Monarchie kannte, Kardinal Piffl, der im November 1918 erfolglos versuchte, die Reichstags-Abgeordneten zu überzeugen, daß ein Kaiserreich besser sei als eine Republik - vielleicht erinnerte ihn das an einen Ost-Berliner, der 1961 die Tochter eines eingefleischten Kapitalisten zum Kommunisten zu bekehren sucht (und nicht bemerkt, daß sie ihm bei aller Liebe gar nicht zuhört :-)]

Exkurs: Damit Ihr nicht etwa meint, liebe Leser, daß sich deutsche Gerichte nur mit der Legalisierung von Kindesmord beschäftigten - nein, sie haben noch viele andere schöne und wichtige Urteile gefällt, die der Handlung des Films heutzutage im Wege stehen würden: So hat das oberste deutsche Zivilgericht, der so genannte Bundesgerichtshof, anno 1996 entschieden, daß die Adoption von Volljährigen, die lediglich dem Erwerb eines Adelstitels gilt, sittenwidrig und somit unwirksam sei (BGH III ZR 205/95, NJW 1997, 47) - bleibt nur die Frage, woher die Richter die Hellsichtigkeit nehmen, zu entscheiden, welche Motive einer solchen Adoption zugrunde lagen. Exkurs Ende.

Als Piffl von seiner Adoption erfährt, brüllt er gleich los (als sei er ein moderner Gutmensch): "Das ist ja eine Vergewaltigung!" Überhaupt stellt er sich in Sachen Umerziehung (MacNamara spricht von "Umarbeitung", aber jeder deutsche Zuschauer von damals mußte noch wissen, was gemeint war: die "re-education" war noch nicht so lange vorbei - böse Zungen behaupten ja, daß sie immer noch andauert :-) ziemlich widerspenstig an, als man ihn neu einkleiden und ihm ein paar Manieren beibringen will: Unterhosen will er nicht tragen, denn "die dienen keinen praktischen Zweck", schon gar keine aus Nylon, denn "das ist chemische Ausbeuterei". - "Aber da ist auch 50% Baumwolle dran, und damit hilfst du den geknechteten Baumwollpflückern in Mississippi," meint Scarlett, und so beruhigt sich Otto wieder. Ist das so, liebe Leser? Oder will Wilder uns hier nur zeigen, wie dämlich sowohl die Deutschen als auch die Amerikaner sind, die so etwas glauben? Denkt doch mal ein wenig nach: Warum gab es denn überhaupt Sklaverei in Amerika? Weil die Weißen zwar einerseits nicht auf Baumwolle, Tabak und Zuckerrohr verzichten wollten, aber andererseits zu faul waren, sie selber anzubauen - denn das war Knochenarbeit -; hätten sie sich statt dessen mit Hanf und Wolle, Honig und Zuckerrüben begnügt bzw. auf Tabakerzeugnisse ganz verzichtet, wäre uns allen geholfen gewesen: Wir lebten heute gesünder, und die Afrikaner wären nie als Sklaven nach Amerika exportiert worden. Insoweit ist es geradezu der Gipfel des Cynismus zu behaupten, die Nachfrage nach Bauwolle würde den sie pflückenden Sklaven bzw. Billiglohnarbeitern in irgend einer Weise "helfen"! (Aber Kommunisten sind ja so dämlich, daß viele das heute noch glauben - vielleicht wollte uns Wilder auch das sagen :-) Davon ganz abgesehen, bezweifelt Dikigoros, daß es sich dabei um Baumwolle aus Mississippi handelte, denn die wäre viel zu teuer gewesen: Die Bauwoll-Unterwäsche in West-Deutschland und West-Berlin kam - sowohl vor als auch nach dem Mauerbau - aus der "DDR", die sich das schwerlich hätte leisten können: Der Dollar war noch bärenstark, er kostete 4,20 DM, und für eine DM mußte man wiederum im Verrechnungswege mehr als 4 Aluchips bezahlen, d.h. ein US-$ kostete fast 17 DDR-Mark. Nein, die Baumwolle bezog man entweder aus der Sowjet-Republik Usbekistan oder aus dem seit einigen Jahren verbündeten Ägypten Nassers.

Aber Scarlett hat noch ein anderes "Argument", besser gesagt eine Ausrede: "Wir Amerikaner sind nun mal so prüde; wir ziehen sogar Brathühnern Unterhosen an." A propos: Das Hühnchen will Otto mit den Fingern essen (da hat er übrigens Recht, meint Dikigoros, der das auch tut, sehr zum Leidwesen seiner Frau - und seines Katers Gutfriß, für den viel mehr übrig bliebe, wenn auch er die Knochen bloß mit Messer und Gabel "abnagen" würde; aber die Amerikaner tun es auch - dazu setzen sie nämlich die Papierhütchen auf die Schenkelenden, die Scarlett als "Unterhosen" bezeichnet, damit die Finger nicht fettig werden :-), und den Spargel auf keinen Fall mit der Spargelzange (dto); und daß man dazu statt Rotwein nur Weißwein trinken sollte, will ihm schon gar nicht einleuchten (da ist er mal mit Frau Dikigoros - die grundsätzlich keinen Weißwein trinkt - einer Meinung), und erst recht nicht aus einem Glas. (Der Zuschauer lernt: Ossis trinken alles aus der Flasche; schon der DDR-Grenzer hat den Hals der ersten Cola-Flasche aus dem Bestechungs-Six-pack gleich am nächsten Straßenschild zerschmettert - wie ein durstiger Russe den seiner Wodka-Flasche - und sie in einem Zuge ausgetrunken.) Und damit Otto auch einen vorzeigbaren Beruf hat, macht MacNamara ihn zum neuen Chef der Flaschenabfüll-Abteilung. Dabei wird dem Zuschauer ein schönes Bild vom Wesen des deutschen Arbeitnehmers gezeichnet: "Sie klagen doch immer, daß Sie zu wenig Mitarbeiter haben," eröffnet MacNamara das Gespräch." - "Ja, wir sind furchtbar überlastet." - "Dann freuen Sie sich; Sie bekommen einen Assistenten." - "Wen?" - "Sich selber. Neuer Abteilungsleiter wird Otto Graf von Droste-Schattenburg." - "Abgelehnt." - "Ihre Stellung wird zwar niedriger sein, aber Ihr Gehalt höher." - "Angenommen." - "Sie haben 20 Minuten Zeit, dem Jungen alles über Flaschenabfüllung beizubringen." - "Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll." - "Raus." (Heutigen Lesern mag an diesem Dialog nichts besonders vorkommen; aber damals, in Zeiten des Arbeitskräftemangels, hätte jeder mittlere Manager in den USA, der auf sich hielt, seinem Chef den Krempel hingeworfen und fristlos gekündigt, wenn der die Stirn besessen hätte, ihm einen nichtsnutzigen Frühstücks-Direktor vor die Nase zu setzen. [In einem amerikanischen Lebenslauf wäre eine solche Degradierung - mit oder ohne Gehaltserhöhung - tödlich.] Auch Ingeborg hatte bereits mit Kündigung gedroht, wenn MacNamara sich privat nicht mehr für sie "interessiere".)

"Sie wollen mich wirklich zum Chef der Flaschenabfüll-Abteilung machen?" fragt Otto. "Ja, es muß sein, sonst hält Ihr Schwiegervater Sie für einen adeligen Nichtstuer." - "Ha, wissen Sie, was ich als erstes tun werde? Ich werde die Arbeiter dort zur Revolte führen: Limonaden-Sklaven aller Länder vereinigt euch, schüttet den Sirup in den Orkus..." - "Zieh' erstmal deine Hosen an, Spartakus," gibt MacNamara ungerührt zurück, "wenn Sie erstmal ein anerkannter Schwiegersohn sind, können Sie meinetwegen tun und lassen, was Ihnen gefällt, Sie können sogar das Coca-Cola-Rezept stehlen und sich wieder mit Moskau aussöhnen. Aber hier und heute werden Sie sich benehmen wie ein Gentleman." - "Ich will nur mein Motorrad zurück haben." - "Hast du je gehört, daß eine Gräfin im Beifahrersitz fährt?" fragt Scarlett, die sich schon freut, daß künftig alle anderen Amerikanerinnen vor ihr einen Knicks machen werden, "außer vielleicht Grace Kelly" [die hatte gerade einen Duodez-Fürsten geheiratet - den von Monaco -, stand also im Rang über einer Gräfin; aber das ist eine andere Geschichte]. "Vor dir wird niemand einen Knicks machen, ich lasse mich nicht zum Kapitalisten erziehen, und meinen Sohn schon gar nicht." - "Ach," meint Scarlett nur, "mit 18 kann er selber entscheiden, was er sein will: ein armer Kapitalist oder ein reicher Kommunist." - "Wenn dein Vater dich nicht enterbt," giftet MacNamara, "denn wenn er diesen Schwiegersohn sieht, bekommst du womöglich keinen roten Heller - entschuldige die Anspielung." - "Das kann schon sein," meint Scarlett nachdenklich, "Daddy bekommt schon einen Tobsuchtsanfall, wenn jemand im Restaurant russische Eier bestellt."

Unterdessen sind Mr. und Mrs. Hazletine in London zwischen gelandet und haben dort ein Telegramm vorgefunden, das ihnen Mrs. MacNamara geschickt hat: "Glückwunsch, bald werden Sie Großeltern." Mr. Hazletine stürzt zur nächsten Telefon-Zelle und ruft in Berlin an, während Mrs. Hazletine daneben steht und in ihr Taschentuch heult. "MacNamara, ich schicke Ihnen da ein süßes, unschuldiges Mädchen von noch nicht 18 Jahren..." Kunstpause, dann sagt er zu seiner Frau: "Mach' dir keine Sorgen Melanie [selbstverständlich trägt auch seine Frau - wie seine Tochter - einen "typischen Südstaaten-Namen", d.h. einen aus "Vom Winde verweht"], sie ist verheiratet." - "Dem Himmel sei Dank." - "Moment mal, MacNamara, mit wem ist sie denn verheiratet?" - "Oh, da machen Sie sich bitte keine Sorgen," sagt der, "Sie werden ihn reizend finden: gepflegt, kultiviert, spricht mehrere Sprachen, stammt aus einer der besten Familien Europas. Wir bringen ihn mit zum Flughafen. Happy landing." - "Diese Lügen," meint Scarlett, "so leicht kannst du Daddy nicht täuschen." - "Ich habe ja nicht gesagt, daß es leicht wird," erwidert MacNamara, "aber man muß halt was tun. Wo bleiben die Hüte? Eins, zwei drei!" Schlemmer knallt dreimal mit den Hacken und macht sich wieder an die Arbeit, während MacNamara das Familien-Diner im teuersten Berliner Restaurant bestellt: Flambierter Truthahn in Maismehlgrütze, dazu Coca Cola Magnum extra. ("Was weiß ich, woher Sie Maismehlgrütze bekommen, versuchen Sie's mal in der PX!") Dazu gekreuzte Flaggen (in der deutschen Fassung die trizonesische und die amerikanische; in der amerikanischen Fassung die trizonesische und die konföderierte!) und Musik. In der deutschen Fassung sollen es Volkslieder sein, aber auf keinen Fall welche, in denen "Rheinwein" oder "Hofbräuhaus" vorkommt (das wären ja Getränke der Konkurrenz!); in der amerikanischen Fassung sollen es Songs sein, aber auf keinen Fall "Marching through Georgia", ein Lied aus dem Bürgerkrieg, das die Yankees gerne singen, wenn sie die Südstaatler ärgern wollen, denn die Unionstruppen sangen es, als sie aus dem einstmals blühenden Landschaften Georgias "verbrannte Erde" machten, also zur Verherrlichung ihrer Kriegsverbrechen.

A propos: Da ist noch ein lästiger Reporter vom "Tageblatt" namens Untermeier, der gerüchteweise gehört hat, daß die Erbin von Coca Cola einen waschechten Kommunisten aus Ostberlin geheiratet habe. ("Der größte Schock für Atlanta, seit General Sherman es 1864 niedergebrannt hat," nennt Mrs. MacNamara das in der amerikanischen Fassung; in der deutschen Fassung ist es bloß "das größte Ereignis in Atlanta seit Elvis Presleys Liederabend." Wilder traut den historisch ungebildeten und verblödeten Nachkriegs-Deutschen halt auch in amerikanischer Geschichte keine Kenntnisse zu.) MacNamara versucht, ihn abzuwimmeln: Es gebe keine Story, denn Miss Hazletine habe keinen Kommunisten geheiratet, sondern Graf Otto den Bluter, türkische Kavallerie... (Das ist die Pointe. Wilder traut den historisch ungebildeten und verblödeten Amerikanern nämlich ebenso wenig Geschichtskenntnisse zu wie den Deutschen, und er zeigt zugleich, wie bei denen Geschichtsklitterung entsteht: zum einen aus Oberflächlichkeit - MacNamara hat gar nicht genau hin gehört, was Graf Waldemar ihm erzählt hat - und zum anderen durch bewußte Lügen.) Aber Untermeier schnappt sich Scarlett, und die plaudert munter alles aus, was MacNamara so mühsam zu vertuschen sucht. Als der dazu kommt, schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen: "Was kostet es, wenn Sie die ganze Sache vergessen?" - "Glauben Sie, Sie könnten einen deutschen Journalisten bestechen?" - "Ich hab's noch nie versucht." - "Amerikanische Journalisten mögen ja bestechlich sein, aber wir deutschen..." Na ja, da denkt sich Dikigoros so seinen Teil; aber auch hier läßt die Pointe nicht lange auf sich warten: Schlemmer stürzt herein mit den notariell beglaubigten Adoptions-Papieren, da sieht er Untermeier, knallt prompt die Hacken zusammen und entbietet den deutschen Gruß. "Ah, die Herren kennen sich?" fragt MacNamara. "Jawohl, der Herr war mein Vorgesetzter." In der deutschen Filmfassung kommt nun heraus, daß Untermeier Obersturmführer in der SS war, und prompt zieht er kleinlaut ab, verspricht sogar, die "Story" in MacNamaras Version - "Heirat zweier prominenter Familien, der von-Droste-Schattenburgs und der Hazletines, das Tagesereignis" - in die Zeitung zu bringen, und McNamara verabschiedet ihn mit einem boshaften "Siegheil!"

Das wäre ja schon schlimm genug, denn es würde uns lehren, daß deutsche Reporter seit dem verlorenen Zweiten Weltkrieg zwar nicht bestechlich sind, wohl aber erpreßbar, nämlich mit ihrer Vergangenheit. (Wohlgemerkt ihrer kollektiven, nicht etwa ihrer persönlichen Vergangenheit, denn was Untermeier selber Schlimmes getan haben soll, bleibt unklar - also wohl gar nichts.) Nun mag es ja in vielen Fällen tatsächlich keine besonders schöne und vorzeigbare Vergangenheit gewesen sein, wenn man Obersturmführer der SS war; aber das ist nicht der Punkt: In der amerikanischen Fassung reicht es nämlich, daß Untermeier Oberleutnant in der Waffen-SS war - und das, liebe junge Leser, sind zwei Paar völlig verschiedene Schuhe, auch wenn man Euch auf den staatlichen Verdummungs-Anstalten (Universitäten, Schulen, wahrscheinlich inzwischen auch schon in einigen Kindergärten) etwas anderes eingetrichtert hat. Die SS war ursprünglich eine Schlägertruppe der NSDAP für den Straßenkampf - Hitlers Gorillas -, also ein ebenso übler Haufen wie die vergleichbaren Schlägertruppen der KPD - der "Rotfrontkäpferbund" - und der SPD - das "Reichsbanner Schwarzrotgold". Später, als es keine Wahlkämpfe und Straßenschlachten mehr gab, wußte man mit ihr nicht viel mehr anzufangen, als sie Konzentrationslager bewachen, pardon beschützen zu lassen (schließlich stand "SS" für "Schutzstaffel"). Die Waffen-SS hingegen war eine Elitetruppe (in der übrigens zuletzt mehr Ausländer als Deutsche kämpfen, auch "arisierte" Juden) - und deshalb bei den Amerikanern entsprechend verhaßt. Die meisten ihrer Angehörigen (man erkannte sie an den Impf-Tätowierungen unter der Achsel) wurden, wenn sie in Gefangenschaft gerieten, zu Tode oder zu Krüppeln gefoltert, teils aus purem Sadismus (besonders die als amerikanische Besatzungssoldaten zurück gekehrten deutschen Emigranten sollen sich dabei hervor getan haben), teils um ihnen falsche Geständnisse frei erfundener Greueltaten abzupressen. Und dieses Damokles-Schwert schwebte (und schwebt, wenn auch nicht mehr mit der Drohung fysischer, sondern "nur" noch beruflicher, finanzieller und gesellschaftlicher Zerstörung) über jedem noch nicht "erwischten" ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS; deshalb ist es nicht so sehr eine Schande für Untermeier, daß er sich erpressen läßt, sondern für das damalige Besatzungsregime (das ja in Berlin bis 1990 andauerte) und für seine heutige Erbin, die Groß-BRDBRDDR. (Und für andere Staaten, deren Angehörige mit dabei waren, nicht minder - aber das ist eine andere Geschichte.)

Zurück zum Film. In dem Bemühen, Otto standesgemäß einzukleiden, hat MacNamara allerlei Kleidungsstücke - Anzüge, Krawatten, Schuhe - ins Büro liefern lassen, als seine Frau herein geschneit kommt. "Hier sieht's ja aus wie bei Woolworth in der Herrenabteilung." - "Ja, es ist das reinste Irrenhaus." - "Den Ober-Irren kenne ich. Was soll denn das nun wieder werden?" - "Ich habe Otto rausgeholt, jetzt arbeite ich ihn um, zu einem ordentlichen Schwiegersohn und Ehemann." - "Bei dir sollte sich auch mal jemand ans Umarbeiten machen." Sie nimmt die Pässe aus dem Safe und kündet an, mit den Kindern zurück nach Atlanta zu fliegen, wo sie hingehören: "Wenn du uns dort besuchen willst, bist du jederzeit willkommen." MacNamara versucht - scheinbar mit Erfolg - sie zu umzustimmen. Mrs. MacNamara ist das, was die Amerikaner einen "no nonsense" Mensch nennen: Nüchtern, realistisch, ohne Illusionen, eine Frau, die genau weiß, was sie will. Dabei frech, schlagfertig und ihrem Mann auf ihre Art durchaus ebenbürtig. [Als MacNamara vorschlug, dem noch zu erfindenden toten Ehemann von Scarlett posthum einen Orden zu verleihen, meinte sie - die ihren Mann ständig ironisch mit "mein Führer" anredet: "Und dann besorg dir gleich selber einen: Hornochse erster Klasse mit Eichenlaub und Schwertern." Dikigoros hätte nicht gedacht, daß man diesen Spruch so treffend ins Amerikanische übersetzen kann: "First class hero with oaf leaves clusters (Held erster Klasse mit Hornochsenlaub - oaf, Hornochse, statt oak, Eiche)".] Mrs. MacNamara sieht auch über einiges hinweg; aber als die Chefsekretärin ihres Mannes im Unterrock durch's Büro spaziert und sich verplappert, daß MacNamara ihr qua "fringe benefits [Nebeneinkünfte]" ein Kleid gekauft und von ihr verlangt habe, es auszuziehen, bringt das selbst bei ihr das Faß zum Überlaufen. Sie nimmt die Pässe und geht, ohne sich auch nur von ihrem Mann zu verabschieden, dem sie von Ingeborg nur ein Wort ausrichten läßt: "Aloha (das heißt 'mir langts', auf Hawaiianisch)!"

In das Durcheinander platzt Kommissar Peripetschikow herein. Er ist, wie Wilder sagen würde, "ein Mann für alle Jahreszeiten". Das weiß der Zuschauer spätestens seit der Szene, als die drei Russen beraten, ob sie der Ostberliner Polizei Piffl entreißen und ihn an MacNamara übergeben sollen. "Wenn sie das erfahren in Moskau..." - "Ja, was dann?" fragt sein Kollege. "Du hast gut reden, du bist Junggeselle. Aber stellt dir vor was sie machen mit meiner Familie: Sie stellen sie an Wand und erschießen allesamt: Meine Frau, meinen Schwager, meine Schwiegermutter..." Kurze Pause. Dann fällt bei ihm der Groschen: "Genossen, let's do it!" Als Piffl hört, daß er vor einem russischen Kommissar steht, unternimmt er einen letzten verzweifelten Versuch, das Rad zurück zu drehen: "Genosse Kommissar, Sie müssen mir helfen, zurück zu kehren in die Sowjet-Zone. Ich werde dort gebraucht, ich bin Raketen-Spezialist." - "Ach ja, das ist Sache wo wir sind weit voraus Amerikanern. Wenn in Amerika etwas läuft schief, sie haben Knopf, um zu sprengen Rakete. In Rußland haben zwei Knöpfe." - "Haben zwei?" fragt Piffl, sichtlich begeistert, wohl in Erwartung irgend eines technischen Wunderwerks. "Ja," sagt Peripetschikow trocken, "einen um zu sprengen Rakete, einen um zu sprengen Spezialist." Piffl ist auf einen Schlag ernüchtert: "Was für eine Art Kommissar sind sie?" knurrt er. "Ein Ex-Kommissar." - "Was," wirft MacNamara ein, "Sie sind getürmt?" - "Ja, ist altes russisches Sprichwort: "Zieh' westwärts, junger Mann." Eigentlich ist "Go west, young man" ein amerikanisches Sprichwort - nach einem Schlager aus der Goldgräberzeit Kaliforniens, über die Dikigoros an anderer Stelle schreibt; aber inzwischen hat er tatsächlich auch ein sowjet-russisches Kriegsplakat gefunden, das dieses Motto propagiert.

['Na zapad (nach Westen)!' - sowjet-russisches Kriegspropagandaplakat]

Als Peripetschikow dann auch noch erzählt, daß er seine beiden Kollegen hat verhaften und 27 Waggons Schweizer Käse der russischen Handelskommission hat mitgehen lassen, bricht für den bis dahin bedingungslos überzeugten Sowjet-Menschen Piffl eine Welt zusammen: "Sie sind ja noch dreckiger als er, Ihre eigenen Genossen zu verraten!" - "Hören Sie, junger Freund, "ich nicht will protzen mit Namen, aber was Sie glauben hat Stalin gemacht mit Trotski, was Chruschtschëw mit Malenkow? [Ein schlechter Vergleich - aber wer weiß das schon? Dikigoros hat keine Lust, das den geneigten Lesern im einzelnen auseinander zu setzen; sie mögen es selber irgendwo nachlesen.] Wenn ich nicht verrate sie, sie verraten mich." - "Ein altes russisches Sprichwort," feixt MacNamara. Während Piffl wutentbrannt zur Tür hinaus stürmt, fordert Peripetschikow seine Belohnung für dessen Befreiung ein. "Was wollen Sie, Geld?" - "Unsinn, ich werde sein reicher Mann. Ich tausche 27 Waggons Schweizer Käse gegen 27 Waggons Sauerkraut, lasse versilbern Sauerkraut und verkaufe als Lametta zu Weihnachten Aber dafür ich brauche Fremdsprachen-Sekretärin, und Sie mir versprochen blonde Fräulein." - "Sie kommen im richtigen Augenblick," sagt MacNamara, "ich übersiedele nämlich gerade nach London." Er ruft Ingeborg herein, die ganz happy ist, endlich einen neuen Chef zu bekommen, der sich mit Sicherheit auch privat intensiv um sie kümmern wird, und die beiden ziehen beglückt ab.

Otto dagegen "kann die ganze Welt gestohlen bleiben." Nicht mal das Baby will er mehr, denn "niemand sollte noch Kinder setzen in eine Welt wie diese." - "Ach was," meint MacNamara jovial, "schau mal: eine Welt, die die Venus von Milo, William Shakespeare und Briefmarken mit Pfefferminzgeschmack hervor gebracht hat, kann doch so schlecht nicht sein." In der amerikanischen Fassung wird daraus: "Eine Welt, die das Taj Mahal, William Shakespeare und Zahnpasta mit Streifen hervor gebracht hat..." Hm - mit dem Unterschied zwischen Briefmarken mit Pfefferminzgeschmack und Zahnpasta mit Streifen brauchen wir uns nicht lange aufzuhalten - die beiden sind eh nicht ganz ernst gemeint -, ebenso wenig mit William Shakespeare, den deutsche Zuschauer im Zweifel ebenso gut kennen wie amerikanische - war er doch in der angelsächsischen Welt bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts vollkommen in Vergessenheit geraten; erst die deutschen Romantiker entdeckten ihn damals neu. Aber dann: Kann es sein, daß Wilder glaubt, die Amerikaner wüßten vielleicht nicht, wer oder was die "Venus von Milo" ist? Durchaus möglich, und wahrscheinlich hatte er sogar Recht. (Die Amerikaner aber auch: Was das Contergankind so berühmt gemacht hat, versteht Dikigoros bis heute nicht - weder der Kopf noch der Oberkörper sind irgendwie bemerkenswert, geschweige denn göttlich - auch nicht in der Vergrößerung. Und wenn Ihr, liebe europäische Leser Euch bei diesen Zeilen auf Euren kulturellen Schlips getreten fühlen solltet, lest mal das hier.) Was dagegen schmerzt ist, daß Wilder glaubt, die Deutschen kennten den Tāj Mähäl ["Kronenpalast"] nicht. Gewiß, die meisten Amerikaner können sich darunter etwas vorstellen, spätestens seit Mark Twain darüber in einem seiner Reisebücher berichtet hat. Heute sind die meisten deutschen Indien-Touristen bestimmt schon mal in Āgrā gewesen. Sollte das 1961 tatsächlich noch anders gewesen sein? Nun, die wenigsten Deutschen waren damals schon mal in Indien - und auch heute zählt das ja nicht gerade zu den bevorzugten Reisezielen der "Urlaubsweltmeister" aus Germanien. Aber zumindest als Schlagwort und omnipräsentes Bild aus der Fremdenverkehrswerbung müßte es heute auch in Mitteleuropa Allgemeingut sein. Eine andere Frage ist, ob dessen Anblick all das aufwiegt, was Otto Ludwig Piffl an der Schlechtigkeit der Welt auszusetzen hat - wenn man es recht betrachtet, hat MacNamara zwei schlechte Beispiele gewählt: Für Dikigoros verkörpern beide die Zerstörung bzw. Usurpierung alter Kulturgüter durch minderwertige muslimische Eroberer; wenn es nach ihm ginge, würde man die Statue im Louvre mit neuen Armen versehen und den Kronenpalast abreißen, um den alten Hindū-Tempel wieder herzustellen, der früher dort stand - aber das ist eine andere Geschichte.

[Venus von Milo][Venus von Milo (Detailansicht)][Taj Mahal]

Wie dem auch sei, den primitiven deutschen Kommunisten Otto Piffl beeindruckt weder das eine noch das andere. Erst Scarletts Tränen bringen ihn wieder zur Besinnung: "Vielleicht gelingt es uns, eine Welt zu schaffen, in der es gerechter zugeht, in der Freiheit und Gleichheit für alle herrschen, und Frieden und Gerechtigkeit..." - "Ich gratuliere," versetzt MacNamara, "Sie haben soeben Abraham Lincoln zitiert, und unsere Verfassung, und unseren Fahneneid." - "Ich habe was?" Wie zur Bestätigung schlägt die Kuckucksuhr, Uncle Sam kommt heraus, und der "Yankee Doodle Dandy" wird herunter gerasselt. "Los, wir haben nicht mehr viel Zeit," drängt MacNamara, verfrachtet Scarlett, Otto, einen Schneider, der ihm noch die Hosen zuende nähen muß, die er beim Anprobieren zerrissen hat, und einen Stoß Hüte in den Mercedes - auf den ein Maler noch während der rasenden Fahrt von Berlin nach Tempelhof das Familienwappen pinseln muß. Scarlett wählt eine Melone aus, die selbst Piffl so weit überzeugt, daß er bereit ist, wenigstens einen Versuch zu wagen, den Grafen zu spielen, obwohl er eigentlich glaubt, daß er sich dazu gar nicht eignet und sich all die dummen Sprüche, die man ihm einzutrichtern versucht, niemals merken kann, wie: "Eine Familie, die zusammen Golf spielt, hält zusammen." Das ist in der Tat ein dummer Spruch - was soll das? Nun, liebe deutsche Leser, die Amerikaner haben ein Sprichwort: "A family that prays together stays together [eine Familie die zusammen betet bleibt zusammen]" - Wilder macht aus "prays [betet]" einfach "plays [spielt]". Und der Bürgerkrieg, und die Gewerkschaften, und Tennessee Williams... (Thomas Lanier, der große Südstaaten-Dramatiker des 20. Jahrhunderts, nannte sich so, obwohl er gar nicht aus Tennessee, sondern aus Mississippi stammte und in New York lebte. Als Wilder "One, Two, Three" drehte, war gerade "Period of Adjustment [Zeit der Anpassung]" erschienen, ein Theaterstück, das - etwa im Gegensatz zu "27 Waggons Baumwolle", "Endstation Sehnsucht", "Camino Real", "Die Katze auf dem heißen Blechdach" oder "Baby Doll" - bis heute nicht ins Deutsche übersetzt worden ist.) "Halt, aufhören," schreit Otto, "das ist doch Wahnsinn!" - "Na, mein Junge, es wird schon nicht auffallen," meint MacNamara, "die einzigen Grafen, die wir Amerikaner kennen, sind die Fotografen und die Stenografen [und die Paragrafen und die Pornografen, Anm. Dikigoros]". In der amerikanischen Fassung wird daraus: "Die einzigen Adeligen, die wir Amerikaner kennen, sind Nat King Cole (dessen Lieblingslied übrigens "Yes, we have no bananas" gewesen sein soll :-) Count Basie und Duke Ellington". [King=König, Count=Graf, Duke=Herzog, Anm. Dikigoros] (Für jüngere Leser: Das waren bekannte Jazz-Pianisten und Band-leader; letzterer hieß richtig "Edward Kennedy" - aber unter dem Namen wollte man ihn verständlicher Weise nicht auftreten lassen :-)

Am Flughafen angekommen, klappt alles wie am Schnürchen: Mrs. Hazletine ist ganz hingerissen von Otto, macht einen Knicks vor ihm, redet ihn mit "Eure Hoheit" an, empfiehlt ihrer Tochter, sich das Familienwappen überall hin - "unbedingt auch auf die Unterwäsche" - malen zu lassen, und MacNamara rückt Otto bei seinem Schwiegervater in ein so strahlendes Licht ("er ist Diplom-Ingenieur, ich hatte größte Mühe, ihn von der Konkurrenz los zu eisen"), daß der prompt seine vorgefaßte Meinung ("ein Mitgiftjäger oder ein Traumtänzer, ich kenne diese Europäer") ändert und seinen Schwiegersohn zum Chef-Verkäufer für Europa mit Sitz in London ernennt. ("Kann uns auch geschäftlich nur nützlich sein - Otto Graf von Droste-Schattenburg"). MacNamara ist ganz geknickt, aber Mr. Hazletine hat ihn nicht vergessen: "Sie steigen auf, ganz nach oben. In der Hauptverwaltung in Atlanta ist der Posten des Vizepräsidenten für den Einkauf neu zu besetzen, und das werden Sie. Sie sterben doch sicher schon vor Heimweh." - "Ja," seufzt MacNamara, "ich sterbe." Dann nimmt er seinen Regenschirm (den er sich schon für den Londoner Regen gekauft hatte) und reicht ihn Otto: "Hier, mein Graf, den brauche ich jetzt nicht mehr." - "Thanks, old boy," meint der jovial, und so ist eine neue Niete in Nadelstreifen geboren. (James Cagney und Horst Buchholz haben sich bei den Dreharbeiten so verkracht, daß ersterer - der Wilder die Schuld daran gab - vor Wut seine Schauspieler-Karriere beendete. Dikigoros begreift nicht, warum. Eigentlich hatte Cagney Buchholz ziemlich an die Wand gespielt und überhaupt keinen Grund, böse zu sein.) "Mr. MacNamara, ich vergöttere Sie," sagt Scarlett zum Abschied, "werden Sie uns schreiben?" - "Mehr als das, ich schicke euch ein Paket versilbertes Sauerkraut zu Weihnachten." Als MacNamara sich umblickt, sieht er seine Frau und seine Kinder, die gerade ins Flugzeug nach Atlanta steigen wollen. Es kommt zur großen Versöhnungsszene und zum Happy-end, als MacNamara von dem "Fußtritt nach oben" berichtet, den man ihm verpaßt habe. "Diesen Fußtritt wollte ich Dir schon lange verpassen," sagt seine Frau. Ja, liebe Leser, so endet dieser Reisefilm paradoxerweise in Wohlgefallen, obwohl (oder weil :-) niemand dort landet, wo er eigentlich hin wollte: Piffl wollte nach Moskau und kommt nach London; McNamara wollte nach London und kommt nach Atlanta; seine Familie wollte nach Venedig und blieb in Berlin... Nur die Frauen haben am Ende alle bekommen, was sie wollten: Ingeborg ihren [Ex-]Kommissar Peripetschikow, Scarlett ihren Otto und Mrs. MacNamara ihren Mann zurück in den USA, nach 17 Jahren, die er mit ihr "wie ein Marco Polo" durch die Weltgeschichte getigert ist, von Bagdad nach Caracas, von Kapstadt nach Berlin... Aber einen boshaften Gag zum Abschluß kann sich Wilder nicht verkneifen: Als MacNamara am Getränke-Automaten eine Coca Cola ziehen will, kommt zu seinem Entsetzen... Pepsi Cola heraus! Der Film endet mit einem lauten "Schlemmer!!!" und den Schlußakkorden des "Sabre Dance".

[Plakat]

Das klingt auf den ersten Blick alles ziemlich beliebig witzig und nur auf billige Effekthascherei abzielend. Aber glaubt der geneigte Leser wirklich, Billy Wilder hätte in diesem Film irgend etwas dem Zufall überlassen? Nicht die Bohne, d.h. nicht mal den Geburtsort MacNamaras: "Omaha" hieß die von den Amerikanern gewählte Bezeichnung für den Strandabschnitt in der Normandie, an dem sie im Juni 1944 zur Invasion West- und Mittel-Europas starteten; und aus Omaha/Nebraska muß folgerichtig der typische Yankee-Manager kommen, der Ost-Europa (und mit der Sowjet-Union noch halb Asien dazu) erobern will, als Absatzmarkt von "300 Millionen durstiger Genossen, Kosaken und Mongolen... Napoleon hat versagt, Hitler hat versagt, aber Coca Cola wird's machen!" Ebenso folgerichtig muß sein Gegenspieler bei (und oberster Chef von) Coca Cola ein typischer Südstaaten-Trottel aus Atlanta/Georgia sein, der nicht mal Berlin richtig aussprechen kann (er sagt - wie ein Deutscher, der Lübke-Englisch spricht - penetrant "Bérlin", obwohl ihn MacNamara immer wieder korrigiert, daß es richtig "Berlín" heißt, auch im Amerikanischen!), der sich das dicke Geschäft mit den Russen durch die Lappen gehen läßt (aus ideologischen Gründen, weil er mit den "Drecks-Kommunisten" nichts zu tun haben will), dann seine Tochter ausgerechnet an einen linientreuen, ja strammen Jung-Kommunisten verliert, pardon verheiratet, und sich diese Laus am Ende auch noch als General-Manager für ganz Europa in den Pelz setzt, während er den tüchtigen "Frontkämpfer" und Starverkäufer MacNamara zum Vizepräsidenten für den Einkauf befördert und damit im Ergebnis kalt stellt. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, und so ist denn auch seine Tochter - die natürlich "Scarlett" heißen muß (nach der gleichnamigen Hauptgestalt in "Vom Winde verweht") - das Musterbeispiel eines dummen, zickigen Gänschens aus den Südstaaten: weltfremdes, Töchterchen aus reichem Hause, das sich in jeden Mann verliebt, der ihr über den Weg läuft ("alle Frauen in unserer Familie sind so heißblütig"), mit 17 schon dreimal verlobt war auf einer Stippvisite nach Berlin (Ost) ausgerechnet einen SED-Aktivisten kennen lernt und prompt heiratet, da sie ihn nicht für einen Kommunisten hält (obwohl er ständig deren Propaganda-Frasen drischt, die sie aber nur lustig findet), sondern für einen "Republikaner", da er ja aus der deutschen demokratischen "Republik" kommt.

Die Berliner Mauer war wie gesagt noch nicht gebaut, als das Drehbuch geschrieben wurde, "man konnte noch durch das Brandenburger Tor fahren und sogar wieder zurück", wie es in der nachträglich dazu geschriebenen Einleitung heißt. Die beginnt gleich mit einem Paukenschlag, mit dem Wilder sich (und die Amerikaner) gleich richtig einführt: "Am Sonntag, den 13. August 1961, waren die Augen der Welt auf Washington gerichtet, auf das große Baseballspiel zwischen den Yankees und den Senators. [In der amerikanischen Fassung erzielt Roger Maris die Homeruns 44 und 45 gegen die Senators; aber Wilder nahm wohl mit Recht an, daß die Deutschen - die ja im allgemeinen keine Ahnung von Baseball haben und damals auch noch nicht Dikigoros' Webseite über Babe Ruth gelesen haben konnten - eh nicht wüßten, wer Roger Maris war, geschweige denn für welchen Verein er spielte. Damals gab es in Deutschland ja noch nicht mal eine Fußball-Bundesliga!] Am selben Tag errichteten die Kommunisten durch einen Handstreich eine Mauer mitten durch Berlin." (Folgen Ausführungen über die Segnungen der Zivilisation, welche die West-Berliner genossen, vor allem Coca Cola, das Produkt von MacNamaras Arbeitgeber.) Das war biestig. Und doch wahr, und Dikigoros fragt sich rückblickend, ob nur Wilder das schon damals so richtig sah. Heute wissen wir, daß kein Politiker im Westen, d.h. zwischen Bonn und Washington, vom Mauerbau überrascht worden - geschweige denn dagegen - war. BRD-Kanzler Adenauer hatte schon seit Jahren intern gewettert, daß Deutschland östlich von Elbe und Werra "ausblute", und daß sich am Ende Polen nach Ost- auch noch Mittel-Deutschland unter den Nagel reißen würde, wenn man dem Flüchtlingsstrom der Ossis gen Westen nicht endlich Einhalt böte. [Daß er damit genau das Gegenteil erreichte, nämlich die Einwanderung großer Ausländerströme nach Westdeutschland, um die ausbleibenden Ossi-Flüchtlinge auf dem damals noch unterbesetzten Arbeitsmarkt zu ersetzen, sah der alte Narr nicht, aber das ist eine andere Geschichte.]


Wien 1961: Kennedy gibt
den Mauerbau in Auftrag

Adenauer lag den Amerikanern so lange in den Ohren, den fluchtwilligen Ossis (es wurden immer mehr; 1961 drohte ein neues Rekordjahr zu werden) endlich einen massiven Riegel vorzuschieben, bis US-Präsident Kennedy den Sowjet-Führer Chruschtschëw nach Wien einlud und ihn beschwatzte, seiner Marionette Ulbricht den Bau der Berliner Mauer zu befehlen. Jener DDR-Führer mag zwar ein vernagelter Kommunist gewesen sein; aber entgegen der West-Propaganda war er durchaus nicht dumm - jedenfalls nicht halb so dumm wie seine Zeitgenossen Heuss oder Lübke - und hatte überhaupt kein Interesse am Mauerbau. Denn erstens waren die Steine knapp - wie alles in der DDR -, und zweitens wußte er kaum, wie er die für ihre geringe Produktivität viel zu zahlreiche DDR-Bevölkerung ernähren sollte und hatte sich insgeheim über jeden Unzufriedenen gefreut, der in den Westen "übermachte" - andernfalls wäre es ihm ein leichtes gewesen, die U-Bahn-Übergänge, über die der Flüchtlingsstrom meist lief, zu sperren. Überrascht war nur einer, den man nicht informiert hatte: der etwas beschränkte Oberbürgermeister von Berlin, Herbert Frahm alias Willy Brandt (Dikigoros ist nachträglich zu der Überzeugung gelangt, daß der nicht böswillig, sondern einfach nur dumm war), denn der sah voraus, daß auf seine Stadt schwere Zeiten zukommen würden. Aber Kennedy ließ sich zu nicht mehr herab als zu einer nichtssagenden und billigen Propaganda-Reise, auf der er dumme Sprüche kloppte. Das ist eine bittere Wahrheit, die im Westen immer noch nicht weit genug verbreitet ist, ebenso wenig wie die bittere Wahrheit, daß 1989 alle Politiker im Westen gegen die Mauer-Öffnung waren; nur das blöde Wahlvieh im Westen und Der Dumme Rest im Osten, der sich einbildete, "das Volk" zu sein, wollten sie - und natürlich die SED-Führung, und zwar aus den selben Gründen, aus denen Ulbricht sie 1961 gar nicht hätte bauen lassen wollen: Sie wußte nicht mehr, wie sie ihre unproduktive, viel zu zahlreiche und unzufriedene Bevölkerung ernähren sollte. Was blieb ihr da übrig, als sie in den Westen abzuschieben, zu den fetten Fleischtöpfen mit der Staatsknete in Westmark? (Daß das ganze dann völlig aus dem Ruder lief, ahnte niemand - auch Dikigoros nicht, das will er an dieser Stelle ganz offen einräumen.)


Berlin zwei Jahre später: Kennedy
kann kein Wässerchen trüben;
das dumme Volk jubelt ihm zu!

A propos: In einem besonders netten und biestigen Dialog unterhalten sich Mrs. MacNamara und Scarlett über Männer im allgemeinen und Politiker im besonderen. Scarlett meint, daß die Revolutionäre im Bett viel besser seien als die anderen; und Otto beschreibt sie als äußerlich Kennedy ähnelnd. "Nur hier oben hat er mehr." - "Im Kopf?" - "Nein, auf dem Kopf. Mehr Haare. Und ideologisch gesehen, ist er natürlich viel fundierter." - "Womöglich haben wir den falschen Mann gewählt?" fragt Mrs. MacNamara; aber diesen Witz versteht Scarlett offenbar nicht: "In Rußland könnte das nicht passieren." - "Ach, da machen sie keine Fehler beim Wählen?" - "Nein, da wird überhaupt nicht gewählt!" Spätestens an dieser Stelle müßte auch dem letzten Zuschauer auffallen, daß Scarlett nicht nur das vordergründige Dummchen ist, sondern in ihrer scheinbaren Naivität auch manche Wahrheiten gelassen ausspricht. Sie weiß, daß im Ostblock nicht (oder nur pro forma) gewählt wird; aber es stört sie nicht. Sie zieht offenbar immer wieder Parallelen zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, zwischen der "Re-education" und Zwangsteilung Deutschlands nach 1945 und der "Re-construction" und Teilung der Zwangsvereinigten Staaten von Nordamerika nach 1865 - ihr Vater hat sie nun mal so erzogen, und im Gegensatz zu seiner Sexual-Erziehung scheint wenigstens das gefruchtet zu haben. Gab es 1961 diesen Gegensatz zwischen Nord- und Südstaatlern tatsächlich noch so stark? Dikigoros weiß es nicht, denn er hat damals noch nicht in den (Süd-)Staaten gelebt, und später ist er ihm nicht mehr aufgefallen. Vielleicht kennt er auch nicht genug Yankees, und vielleicht hat er auch einfach nicht genügend darauf geachtet. Eines ist jedenfalls sicher: Der - von Wilder mit keinem Wort erwähnte (auch bei ihm darf die Konkurrenz nicht erwähnt werden, er zitiert stets nur seine eigenen Filme, und das ausgiebig!) - Film "The Birth of a Nation", gedreht im Ersten Weltkrieg, um den Süden (einschließlich der Rassentrennung und des KuKluxKlan - der ursprüngliche Titel lautete sogar "The Clansman") endlich zu rehabilitieren und "die" Amerikaner in Nord und Süd einzustimmen auf den gemeinsamen Kampf gegen die bösen deutschen Hunnen, erreichte (vom finanziellen Einnahmerekord mal abgesehen) sein Ziel nicht - die dreistündige Original-Fassung ist heute sowohl in den Nord- wie in den Südstaaten verboten. Und während Coca Cola die Fahne des Südens hoch hält (es ist nach wie vor die bekannteste Firma in Atlanta/Georgia, ja im ganzen Süden - vielleicht mit Ausnahme des Fernseh-Senders CNN, aber der produziert ja nichts, außer Sprechblasen und Bildern aus der Konservendose), ist Pepsi Cola ein Produkt des Nordens - mit Hauptsitz in New York.


Anhang: Good Bye Lenin!


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