MARK  TWAIN
[SAMUEL CLEMENS]
(1835 - 1910)

Mark Twain
Autogramm

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS WEBSEITE
ALS ES NOCH KEIN INTERNET GAB
Reiseschriftsteller des 20. Jahrhunderts

Von Mark Twain wissen die meisten Leser heute nur noch, daß er mal Lotse auf dem Mississippi war (daher sein Pseudonym: "Markierung zwei Klafter" bedeutete freie Fahrt für die Raddampfer) und daß er zwei Bücher über Tom Sawyer und Huckleberry Finn geschrieben hat. Diese beiden Bücher hatten aber zu seinen Lebzeiten nur mittelmäßigen Verkaufserfolg, der jedenfalls nicht ausreichte, um sich den Lebensunterhalt als Schriftsteller zu verdienen. Sein Geld verdiente Mark Twain als Zeitungsmann, wie so viele große Reiseschriftsteller nach ihm (nicht vor ihm, denn so lange gab es noch keine Zeitungen): erst als Drucker und Setzer, dann als Reporter. Eigentlich notgedrungen, denn ursprünglich hatte er ganz andere Pläne: Mit siebzehn zog er in den Wilden Westen - aber als er in Kalifornien ankam, ging der Goldrausch dort gerade zuende. Dann wurde er Lotse auf einem Mississippi-Dampfer; gerade als er mehr hätte werden können, brach der Sezessions-Krieg aus, und die Schiffahrt kam infolge der unionistischen Blockade zum Erliegen. Er ging erneut in den Westen, um dem Kriegsdienst in der konfoederierten Armee zu entgehen, und schrieb von dort gelegentlich Berichte für Zeitungen - freilich hatten die Leute im Krieg meist andere Sorgen als humorvolle Schilderungen zumeist eher trauriger Ereignisse zu lesen. Aber als der Krieg zuende war, begann Mark Twain für die "New York Saturday Press" zu schreiben und wurde auf einen Schlag berühmt - man mußte nur weit genug weg sein, für New Yorker war Kalifornien damals exotisch genug. Mark Twain lernte daraus und fuhr im nächsten Jahr nach Hawaii (damals noch "Sandwich-Inseln" genannt, aber das ist eine andere Geschichte). Nun druckten auch kalifornische Zeitungen seine "Reisebriefe" ab, allen voran die "Sacramento Union". (Sacramento war - und ist formell bis heute - die Hauptstadt Kaliforniens; Los Angeles und San Francisco waren damals noch eher unbedeutende Orte, denen angesichts der permanenten Erdbeben-Gefahr niemand eine große Zukunft vorauszusagen gewagt hätte.) Der Zeitschrift "Alta California" konnte er nun auch die Berichte seiner Reisen nach New York als "exotisch" verkaufen.

[Mississippi]

Doch der große Durchbruch als Reiseschriftsteller kam erst mit einer Reise nach Europa, genauer gesagt rund um das Mittelmeer. Die "Briefe" und Reportagen, die er von dieser Reise schrieb, faßte er 1869 in einem wahren Klassiker der Reiseliteratur zusammen: "Die Unschuldigen im Ausland". Er entwickelte einen völlig neuen Schreibstil: Er wollte nicht mehr (nur) belehren, sondern erheitern; er nahm die - mit scharfem Auge beobachteten und mit scharfer Zunge gegeißelten - Eigenarten der von ihm bereisten Ländern auf die Schippe. Nicht weniger freilich als das Unwesen des Massen-Tourismus, das damals seinen Anfang nahm, insbesondere wenn er auf seine amerikanischen Landsleute traf - er bezeichnete die Kreuzfahrt-Touristen als "die neuen Pilger". Der ungeheure Erfolg, den dieses Buch hatte, veranlaßte Mark Twain, auch Bücher über seine früheren Reisen zu schreiben: "Auf die rauhe Tour" über seine erste Reise gen Westen (mit 20 Jahren Verspätung - für die Amerikaner, deren "Zivilisation" sich mit rasenden Schritten entwickelte, war es schon fast "die gute alte Zeit", als der "Wilde Westen" noch wild und ein Abenteuer noch ein Abenteuer war, als ein richtiger Cowboy noch richtige, selber gedrehte Zigaretten rauchte, keine fertigen, womöglich auch noch gefilterten "Kastraten" aus der Papp-Schachtel, die ein gewisser Philip Morris gerade auf den Markt gebracht und nach einem außerhalb Europas kaum bekannten englischen Duke benannt hatte - das war doch etwas für Schwule und Weiber), "Das vergoldete Zeitalter" über die weniger erfreulichen Auswirkungen des Goldrausches - die waren auch noch über 20 Jahre nach seinem Ende nur zu aktuell; und schließlich, ebenfalls mit über 20 Jahren Verspätung, "Leben auf dem Mississippi". Der Erfolg war noch größer als der von "Auf die rauhe Tour", und die Gründe waren wohl die gleichen: Mark Twain beschrieb eine Zeit, die unweigerlich vorbei war und nie wieder kommen würde - dabei war es doch in den Augen der meisten Zeitgenossen wie gestern gewesen, man hatte bloß versäumt, einmal richtig hin zu schauen. Zwischendurch unternahm Mark Twain seine zweite große (fast zwei Jahre dauernde) Europa-Reise, die er in "Ein Tramp im Ausland" beschrieb.

Nach all den Reisen und all den kommerziellen Erfolgen (Mark Twain unternahm auch große Tourneen durch die USA, in denen er Lesungen aus seinen Werken veranstaltete; in einer Zeit, da es noch kein Radio oder Fernsehen gab und nicht jeder eine Zeitung lesen konnte, war damit noch Geld zu verdienen) glaubte Mark Twain, auch ohne seinen alten Verleger auskommen zu können. Er gründete einen eigenen Verlag und - machte Pleite, mit 190.000 Gold-Dollar Schulden (was mehreren Millionen US-$ heutiger Papier-Währung entspricht). Da trat er die Flucht nach vorne an und unternahm seine dritte große Fahrt nach Übersee - diesmal eine Reise um die englisch-sprachige Welt, und das war damals, als fast die halbe Erde zum englischen Empire gehörte, im wahrsten Sinne des Wortes eine Weltreise. "Dem Äquator folgend", die Frucht dieser in den Jahren 1895-97 unternommenen Reise, reicht bereits ins 20. Jahrhundert hinein. Was Mark Twain darin von sich gab, war das böseste und bei allem Humor menschenverachtendste, was er je geschrieben hatte - zum Beispiel berechnet er den Wert oder Unwert eines Inders auf Penny und Cent genau. (Ein Inder ist 1,75 US-$ pro Jahr "wert" - jawohl, Mark Twain benutzt dieses Wort -, denn mehr produziert er im statistischen Jahres-Durchschnitt nicht für den Export; ein weißer Australier dagegen mehr als 42x soviel; selbst wenn man die Produktion für den Binnen-Markt mitrechnet, bleibt sich die Relation in etwa gleich.) Das hatte zwar auch schon sein Vorläufer Jonathan Swift in Bezug auf irische Kinder getan, der abschließend empfahl, sie allesamt zu schlachten und aufzuessen, aber bei dem war wenigstens klar, daß es ironisch gemeint war. Bei Mark Twain dagegen weiß man - trotz all seiner Seitenhiebe auf die brutale Unterdrückungs-Politik der britischen Kolonialherren gegenüber den "Eingeboren" Australiens und Indiens - bis zum Schluß nicht, ob er es nicht vielleicht doch ernst gemeint haben könnte. Heute fehlt dieses Buch denn auch in allen "Gesammelten Werken", und in den wenigen Einzel-Ausgaben pflegt man es um ca. die Hälfte zu kürzen, um all die "rassistischen" oder sonstwie "politisch unkorrekten" Passagen. (Es ist bis heute nie in einer vollständigen deutschen Übersetzung erschienen.) Es war gleichwohl Mark Twain's bestes Reise-Buch (genauer gesagt waren es zwei Bände, die 1897 und 1899 erschienen - inzwischen hatte er einen neuen Verlag auf den Namen seiner Frau gegründet), dessen großer kommerzieller Erfolg ihn sanierte: Bereits die erste Auflage (zum Preis von je 1 US-$ pro Band; beide Bände zusammen waren also mehr "wert" als ein Inder!) spielte die zur Begleichung seiner Schulden benötigten 190.000 US-$ im Handumdrehen ein. Mark Twain war der erste Reiseschriftsteller, der vom Ertrag seiner Reisebeschreibungen leben konnte. Er gehört daher an den Anfang einer solchen Übersicht.

Mark Twains Reisebücher sind heute so gut wie vergessen. Seinen anhaltenden Ruhm begründen ausgerechnet die beiden gewissermaßen nebenbei entstandenen Romane über Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Sie haben ihre eigenen Reisen durch Geschichte, Politik und Justiz gemacht, die vielleicht nicht so aufregend sind wie die ihres Verfassers, aber doch ebenso bezeichnend für das 20. Jahrhundert wie das Vergessen der ersteren. Bei ihrem Erscheinen nahm man sie als das, was sie waren: Kinderbücher, zur Unterhaltung geschrieben, ohne große filosofische oder sonstige Hintergedanken. Dann endete die Besatzung der Südstaaten durch die "Carpetbeggars", und der "Backlash" setzte ein, die erneute Diskriminierung der Schwarzen - nicht nur im Süden. Nun stellte man plötzlich fest, daß eine der Hauptgestalten dieser beiden Romane ein "Nigger" war, mit dem weiße Knaben so ganz selbstverständlich Umgang hatten, daß man einfach Anstoß daran nehmen mußte. Das Buch kam in einigen Staaten auf den Index und blieb dort bis in die 30er Jahre. Dann kam der Zweite Weltkrieg, den die USA nicht nur mit vielen Neger-Regimentern, sondern auch mit der Behauptung führten, einen "Kreuzzug gegen den Rassismus" der Deutschen zu unternehmen. Flugs wurden die Druckerpressen angeworfen, und neben Papier-Dollars und Kriegsanleihen wurde vor allem das Buch "Huckleberry Finn" gedruckt. (Nebenbei wurde es auch noch verfilmt, mit Mickey Rooney in der Hauptrolle - für viele ein "Kultfilm".) Roosevelt, Truman und Eisenhower drückten es jedem Staatsgast, ob er wollte oder nicht, in die Hand und empfahlen es wärmstens zur vorurteilsfreien Lektüre. Ob es so viel häufiger gelesen wurde als jenseits des Atlantiks "Mein Kampf", das jedem deutschen Hochzeitspaar vom Standesbeamten in die Hand gedrückt wurde, ob es wollte oder nicht? Offenbar nicht, denn der Treppenwitz der Geschichte ließ bis 1957 auf sich warten: Da erst fiel irgend einem Leser auf, daß Mark Twain - wie es zu seiner Zeit üblich war - statt von "Neger" von "Nigger" sprach, und das war doch politisch nicht korrekt! (Sprachlich, liebe Leser, ist es völlig korrekt, denn das lateinische Wort für schwarz[er], "niger", spricht sich - anders als die weibliche Form "nigra" - mit kurzem "i"!) So kam das Buch erneut auf den Index, aus genau den gegenteiligen Gründen wie ein halbes Jahrhundert zuvor. Es wurde noch lange trefflich argumentiert und prozessiert, bevor das nunmehr als "rassistisch" verschrieene Buch wieder in die Regale durfte. Heute, da man "gutmenschlichen" Unfug wie die Gleichbehandlung Ungleicher ("Equal Opportunity") und den blinden Aktionismus ("Affirmative Action") zur Diskriminierung Weißer aufgrund ihrer Hautfarbe in den USA längst ad acta gelegt hat (außer in einigen staatlichen Behörden und Universitäten), ist auch dieser alberne Streit eingeschlafen. Mark Twain hätte sich darob im Grabe umgedreht - vor Lachen!

[Raddampfer]

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