KILLER, KÖNIG, KAVALIER
Richard Harris als Lord Protector von England
(und Alec Guinness als hingerichteter König)

Ken Hughes: CROMWELL

[Cromwell] [Cromwell] [Cromwell]

FORTSETZUNG VON TEIL I

Warum hatte Charles das Parlament, genauer gesagt das Unterhaus, eigentlich aufgelöst? Was waren das für Leute, die er da nach Hause geschickt hatte? Ihr werdet es kaum für möglich halten, liebe Leser, aber im House of Commons saßen damals Abgeordnete, die schlimmer waren als die Parlamentarier von heute. Wenn man überhaupt einen historischen Vergleich bemühen will, dann müßte man sagen: Sie waren etwa so schlimm wie die Klientele von Robespierre und Khomeini zusammen, und Charles' Position war um keinen Deut besser als etwa die von Ludwig XVI. oder die des Shah-in-Shahs von Persien - eher noch schlechter: Was damals in England (mit einiger Verspätung als Reaktion auf die Entwicklungen des 16. Jahrhunderts auf dem Kontinent, auf einen Zwingli, einen Calvin, einen Bockelson, einen Knipperdolling - aber auch auf einen Sickingen und einen Hutten) an religiösen Fanatikern herum lief, das ging auf keine Kuhhaut und stellte alle islamischen Theologie-Studenten ("Tālibän") und Fundamentalisten (von "Äl Qaidā [das Fundamant]") des 20. Jahrhunderts weit in den Schatten. Die harmlosesten waren noch die Katholiken (die sich ohnehin kaum noch auf die Straße wagten) und die "Anglikaner" (das waren praktisch Katholiken, die statt des Papstes in Rom den König von England als Kirchen-Oberhaupt anerkannten - eine Erfindung Heinrichs VIII). Aber dann waren da noch diverse Protestanten: Die "Täufer [Baptists]", die Presbyter, die Quäker, die "Reinen [Puritans]" und innerhalb derselben die so genannten "unabhängigen [independents]" Fundamentalisten, die nichts von religiöser Toleranz gegenüber Andersgläubigen wissen wollten. Zu den letzteren zählte Cromwell.

Da der Film uns das alles verschweigt, muß Hughes irgendwie anders erklären, wie aus dem königstreuen Richard Harris plötzlich ein Feind des Königs werden konnte, und das geschieht auch gleich in der nächsten Szene: Auf einem Feld sind königliche Soldaten dabei, unter dem Kommando des Grafen Manchester Land einzuzäunen; die Bauern protestieren und wollen die Zäune einreißen, das Militär nimmt ihren Anführer fest. Zufällig reitet Harris vorbei: "Was ist denn hier los? Das sind meine Männer, ich übernehme die Verantwortung!" - Übernehmt Ihr auch die Verantwortung für Widerstand gegen den König?" fragt Manchester, "ich soll hier Felder abgrenzen." - "Mit welchem Recht?" - "Dem Recht des Königs; der König ist das Recht." - "Im Gegenteil, Mylord," bellt Harris zurück, "der König hat das Recht zu achten, und das hier ist von Rechts wegen Gemeindeland."

Stop, liebe Leser, der Regisseur hat uns diese Szene zwar schwerlich eingespielt, damit wir länger über den zugrunde liegenden Konflikt nachdenken - aber tun wir es trotzdem. Was ist "Recht"? Das, was der König sagt? Das, was die Parlamentarier sagen? Pardon, aber das sind allenfalls Gesetze. Was ist Recht? "Recht ist, was der Partei nützt," sagten die Sozialisten im 20. Jahrhundert - Ihr, liebe Ossis, erinnert Euch vielleicht noch an das schöne Lied "Die Partei, die Partei, die hat immer Recht...", und wie weit Ihr es damit gebracht habt: Die Verstaatlichung von Grund und Boden, besonders solchem, der landwirtschaftlich genutzt wurde, schlug fast immer zum wirtschaftlichen Nachteil nicht nur der direkt Betroffenen, sondern der ganzen Volkswirtschaft aus. "Recht ist, was dem Volk nützt," sagten ihre Gegner, die Faschisten - auch ein schöner Spruch, wenn man denn wüßte, wen sie mit "dem Volk" meinten, und vor allem, wenn man im voraus wüßte, was nützlich ist und was nicht. (Die meisten Gesetze sind - auch und gerade heute - im besten Falle unnütz, im schlimmsten Falle schädlich, laßt Euch das von einem alten Juristen sagen!) "Recht ist, was der Volkswirtschaft nützt," sagen die Kapitalisten, pardon die Vertreter der freien Marktwirtschaft, und sprechen von "sozialisieren" statt von "verstaatlichen". Das mag zwar besser klingen; indes werden - nicht immer, aber immer öfter - auch da Grund und Boden enteignet für Projekte, die - nicht nur wirtschaftlich - alles andere als nützlich sind. Machen wir uns einmal frei von den traurigen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, in dem der Staat mit enteigneten Land meist etwas weniger Sinnvolles anstellte als zuvor die Enteigneten, und fragen uns, wie das im 17. Jahrhundert mit dem Gemeindeland in England (und eigentlich in ganz Europa - auf Deutsch hieß es "Allmende", auf Russisch "Mir") war. Es gehörte der Dorfgemeinschaft, d.h. jeder konnte dort umsonst sein Vieh weiden; das war praktisch, und wenn man sich einmal an den Trott gewöhnt hatte, konnte das immer so weiter gehen, nach dem "guten, alten Recht". Wenn man aber eine Volkswirtschaft voran bringen wollte - und das wollte Charles -, dann war das pure Verschwendung: Wieviel mehr konnte dieser Boden abwerfen, wenn er landwirtschaftlich genutzt wurde? Doch dafür mußte er abgezäunt werden, damit eben nicht mehr jeder Dörfler sein Vieh über die Getreide- und Gemüsefelder treiben und die Saat auffressen lassen konnte. Moralisch gesehen war der König im Recht - aber wen schert schon die Moral? Cromwell setzte sich durch, der König mußte nachgeben, und so saß er bald wieder in der Zwickmühle zwischen zu niedrigen Einnahmen aus Kronland und mangels Parlament nicht bewilligten Steuern.

Exkurs. Ihr meint, liebe Leser, der König sei moralisch gar nicht im Recht gewesen? Ist das Euer Ernst, Ihr Kinder des 20. Jahrhunderts? Wißt Ihr eigentlich, wie hoch die so genannte "Staatsquote" selbst in nicht-sozialistischen Ländern inzwischen ist? In der Bundesrepublik Deutschland z.B. liegt sie über 50%! Und meint Ihr etwa, daß die vielen Staatsbetriebe doch eigentlich mehr als genug Einnahmen erwirtschaften müßten, um den Staatshaushalt zu finanzieren, ohne die Bürger noch zusätzlich mit Steuern und so genannten "Sozial"-Abgaben zu belasten? Ja, das sollte man meinen; aber leider ist es nicht so - im Gegenteil: Die Staatsbetriebe - in deren Vorständen und Aufsichtsräten unfähige Politbonzen und Parteibuchhalter sitzen - machen durch die Bank Verluste und müssen durch Subventionen aus dem Steueraufkommen der übrigen Bürger über Wasser gehalten werden. Im England des 17. Jahrhunderts dagegen jammerten die Herren Unterhaus-Abgeordneten - also die Eigentümer von Grund und Boden - schon, wenn der König es wagte, Zölle auf Ein- und Ausfuhren zu erheben! Aber selbst wenn wir Charles I nicht mit den heutigen Verhältnissen vergleichen, sondern mit seinen Zeitgenossen, ist schwer zu erklären, warum er einen so schlechten Ruf hatte (und bis heute hat). Lag es vielleicht gar nicht an seiner Wirtschaftspolitik? War er in anderen Dingen besonders unfähig, korrupt, grausam oder erfolglos? Ach was, nicht mehr als andere englische König vor oder nach ihm auch - Dikigoros würde sogar sagen: eher weniger. Doch in den Augen der Puritaner hatte er eine ganze Menge Schändliches getan: Seine erste Amtshandlung gleich nach der Thronbesteigung war die Hochzeit mit einer französischen Prinzessin katholischer Konfession - pfui! Dann erkannte er die Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit seiner Untertanen ("Habeas Corpus") an und das Recht des Parlaments auf Steuerhoheit ("Petition of Rights") - beides zweifellos große Dummheiten; denn wir die Geschichte lehrt, wird so etwas von den derart Begünstigten nie als großzügiges Entgegenkommen ausgelegt (geschweige denn mit Dankbarkeit quittiert), sondern als Zeichen der Schwäche. Wer seinen Feinden die Hand reicht, darf sich nicht wundern, wenn die einem den Arm abhacken - oder gleich den Kopf. Wie war das 1789 in Frankreich? Wie war das 1978 im Iran? Eben. Und besonders gefährlich lebt, wer, statt das Volk durch Kriege gegen auswärtige Feinde im Inneren zusammen zu schweißen, mit diesen seinen auswärtigen Feinden Frieden schließt, womöglich gar mit Feinden des einzig wahren Glaubens, wie den Papisten!

Doch entgegen allen Widerständen religiöser Fanatiker - wenn man so will entgegen aller innenpolitischer "Vernunft" - beendete Charles den Jahre langen Krieg gegen die katholischen Mächte Spanien und Frankreich. Das war rückblickend am verhängnisvollsten, allerdings auf den ersten Blick mehr für die Franzosen und Deutschen als für die Engländer, denn dadurch bekam der französische König (bzw. sein Regierungschef, der vom kleinen Grafen du Plessis zum Kardinal Richelieu aufstieg und zum mächtigsten Mann Europas wurde) die Möglichkeit, die bis dahin von England unterstützten Hugenotten zu besiegen, und den Rücken frei, um sich in den Dreißigjährigen Krieg in Mitteleuropa einzumischen, der sonst unweigerlich zuende und nach dem Frieden von Prag allenfalls als 17-jähriger Krieg in die Geschichte eingegangen wäre. Aber was ging das die Engländer an? Zweierlei: Erstens waren die Hugenotten Protestanten, die den Katholiken auszuliefern alle billig und gerecht denkenden englischen Protestanten als Verrat empfanden. Und zweitens brauchte Charles nun wesentlich weniger Geld und konnte daher auf die Steuerbewilligungen durch das Parlament pfeifen. Also konnte er die Quasselbude, pardon das Parlament auflösen, die Diäten-Schmarotzer, pardon die Abgeordneten nach Hause schicken und fortan - über ein Jahrzehnt lang - alleine regieren. Nein, nicht ganz alleine; vielmehr hatte er eine Handvoll äußerst tüchtiger Mitarbeiter, die ihm mehr wert waren als ein ganzer parlamentarischer Käfig voller Narren: Zum Beispiel Tommy Wentworth, der Graf von Strafford, der es schaffte, hungernde Schotten friedlich (!) auf Ödland in Irland anzusiedeln. (Ja, die Iren - nicht nur die schottischer Abstammung - wurden Charles' treueste Untertanen!) Oder Cecil Baltimore, der im fernen Amerika die Kolonie Maryland (dessen Hauptstadt bis heute nach ihm benannt ist) gründete und zu einem Muster an religiöser Toleranz ausbaute. Oder William Laud, der als Erzbischof von Canterbury versuchte, das Schisma zwischen den Kirchen zu beseitigen, indem er sich vorsichtig wieder den Katholiken annäherte ("Arminianism" nannte man das). So what? Der Ärger war, daß Charles außerdem noch einen sozialen Spleen hatte; und wie jedes Kind des 20. Jahrhunderts weiß, bringen Sozial- und Wohlfahrts-Programme zwar auf Dauer gar nichts (sie gewöhnen die Empfänger nur an Faulheit und Hand-Aufhalten), kosten aber eine Menge - oft mehr als der Verteidigungs- und andere wichtigere Haushalte zusammen. Also brauchte Charles wieder Geld, und da der Außenhandel infolge des (nicht zuletzt durch seine eigene Schuld - s.o.) erneut entbrannten Dreißigjährigen Krieges nicht mehr so florierte wie früher, die Zolleinnahmen folglich zurück gingen, kam er doch wieder darauf zurück, das Parlament einzuberufen und um Steuerbewilligungen zu bitten - aber wir wollen nicht vorgreifen. Exkurs Ende.

Zurück zum Film. Er zeigt uns Richard Harris und seine Glaubensbrüder beim Gottesdienst in einer Provinz-Kirche, in Schwarzen Kleidern mit weißen Lätzchen und schwarzen Schlapphüten - so laufen sie als gute Puritaner immer herum, daran kann man sie von ihren meist schreiend bunt gekleideten Widersachern unterscheiden. Der Pfarrer hat gerade begonnen zu sprechen, da fährt Harris auf wie von der Tarantel gestochen: Er hat Kruzifixe und Kerzen entdeckt, "papistisches Teufelszeug". Harris spielt verrückt, fegt das alles vom Altar und hält dem Priester in puritanischem Eifer eine Moralpredigt, die in der Frage gipfelt: "Wer hat Euch das erlaubt?" - "Erzbischof Laud, und den hat der König persönlich eingesetzt." - "Ah, der König..." Aber der Regisseur setzt noch einen drauf: Just in diesem Augenblick kommt der Anführer der Bauern, die sich gegen Manchesters Einzäunungsaktion zur Wehr gesetzt hatten, zur Kirchentür herein, und siehe da: man hat ihm zur Strafe die Ohren abgeschnitten. Richard Harris holt tief Luft und krächzt haßerfüllt: "Gott verfluche diesen König!"

Halt, liebe Leser - für wie glaubhaft haltet Ihr es, daß diese beiden Albernheiten den Umschwung in Cromwells Einstellung zum König bewirkt haben? Um nicht mißverstanden zu werden: Dikigoros weiß wohl, daß auch Kleinigkeiten ein Faß zum Überlaufen bringen können, und daß manche "Anlässe" viel mehr echte "Gründe" für gewisse historische Ereignisse waren als jene, welche die Fach-Historiker ihnen im Nachhinein an ihren Schreibtischen untergeschoben haben. Aber ein paar Kerzen auf dem Altar? Womit bitte sollte man denn vor Erfindung der Petroleum-Lampe und des elektrischen Lichts eine düstere Kirche (und düster sollte sie ja sein - ohne "papistische", goldglänzende Inneneinrichtung, dafür hat Dikigoros durchaus Verständnis) wenigstens so weit erhellen, daß man die Hand vor Augen und das Gebetbuch darin sah? Und ein Kruzifix? Dikigoros wußte noch gar nicht, daß das bei den Puritanern verboten war; aber er kann sich irren - vielleicht schreibt ihm mal jemand und klärt ihn auf. Die Strafe des Ohrenabschneidens schließlich war damals in England Gang und Gäbe - kein Grund sich aufzuregen, es gab schlimmere Verstümmelungen, wie Abhacken von Nase, Händen und/oder Füßen, Blenden oder Entmannen. Hören konnte man auch ohne Ohrmuscheln, die Wunden wuchsen zu und die Haare drüber - fertig. Und damit soll Cromwells plötzlicher Haß auf den König erklärt werden? Das ist zwar effektvoll, aber von der Substanz her ziemlich dünn.

Nun wird uns auch endlich der König vorgestellt: Alec Guinness. Mit der Besetzung konnte man nichts verkehrt machen, denn der spielte jede Rolle gut, von Colonel Nicholson in "The Bridge on the River Kwai" bis Prinz Feisal in "Lawrence Of Arabia", von Marcus Aurelius bis Adolf Hitler (den Caesarengruß entbot er in beiden Rollen gleich, und auch das "Hail Caesar" in "The Fall of the Roman Empire" klingt fast wie das "Heil Hitler" in "The Last Ten Days"). Aber es war immer nur ein Spiel: So wie Marion Morrison alias John Wayne [was gibt es da zu lachen, liebe Leser? "Marion" ist filologisch und von Rechts wegen ein Männername - weiß der Geier, wer auf die Schnapsidee gekommen ist, daraus einen Mädchennamen zu machen. Und Wayne hieß ein populärer General des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges von 1776, der nur das Pech hatte, daß die Nachwelt seine Taten dem eigentlich völlig unfähigen General George Washington zuschrieb - aber das ist eine andere Geschichte] nie jemand anderen gespielt hat als sich selber (die meisten seiner Filme waren ohnehin so schlecht - oder wurden von den Kritikern so schlecht gemacht -, daß die Leute nur hin gingen, um ihn zu sehen :-) so ist auch Guinness nie wirklich (im Sinne von wirksam) an die Stelle einer von ihm gespielten Person getreten; er war immer er selber, der gute, brave Sir Alec. Der betet erst in seiner Hauskapelle, dann empfängt er den Grafen von Strafford, einen alten, gichtkranken Mann. Der berichtet, daß die Schotten und die Iren Ärger machten. [Was zum Teufel gehen den König von England die Schotten und die Iren an? Aber diese Frage stellt der britische Regisseur natürlich nicht. Gehen wir zu Charles' Gunsten davon aus, daß er ja auch - und sogar in erster Linie - König von Schottland war.] Langer Rede kurzer Sinn: Der König braucht eine neue Armee, und die kostet Geld. Woher nehmen und nicht stehlen? "Berufe ich also das Parlament wieder ein," seufzt Alec Guinness." - "Ihr wollt bei Euren Untertanen um Geld betteln, Sire?" - "Ich habe ja keine andere Wahl - wo ist die Macht eines Königs ohne Armee?" Eine gute Frage, mit der auch das zentrale Wort des Films gefallen ist: Power. So wie in "They Died With Their Boots On" der zentrale Begriff "Glory" ist, so ist es in "Cromwell" Power. Der war damals noch nicht so abgenutzt wie heute, da uns eine Dose kalten Kaffees mit Kohlensäure und Farbstoff als "Power-Drink" verkauft wird und ein fettig-süßer Schoko-Riegel mit etwas Getreide-Müsli und künstlichem Eiweiß als "Power-Riegel". Man kann ihn wie gesagt mit "Macht" übersetzen, aber auch mit "Gewalt", und manchmal sogar mit "Recht" - und Ihr, liebe Leser, dürft bei Gelegenheit mal darüber nachdenken, wie all dies zusammen hängt. Und Charles stellt noch eine zentrale Frage: "Soll ich etwa meinem Volk morgen den Krieg erklären?" Die ist vielleicht nur rhetorisch gemeint; aber Strafford antwortet ungerührt: "Ja, bevor es Euch den Krieg erklärt." Dieser unheilschwangere Satz bleibt so im Raum stehen.

Szenenwechsel. Richard Harris reitet mit seinen beiden ältesten Söhnen Oliver jun. und Richard in London ein und zeigt ihnen das nach 12 Jahren wieder einberufene Parlament (in dem er zunächst noch Hinterbänkler ist - er sitzt tatsächlich in der letzten Reihe). "Glaubt Ihr, daß es Krieg gibt, Vater?" fragt ihn einer der Söhne. "Wenn Männern die Worte ausgehen, greifen sie zu ihren Schwertern. Hoffen wir, daß wir sie am Reden halten können." Tja - aber was für Reden! Den Parlamentariern liegt das Steuergesuch des Königs vor. Aber speziell die Puritaner denken gar nicht daran, zuzustimmen; vielmehr fordern sie Abstellung ihrer Beschwerden. Der König zögert. Strafford und seine Frau beschwören ihn, nicht nachzugeben: "Ihr werdet doch wohl nicht mit dem Pöbel auf der Straße um Eure Krone feilschen wollen?!" - "Was soll ich denn tun?" jammert Charles, "soll ich die Puritaner alle verhaften lassen und aufhängen? Dafür bräuchte ich Anklagepunkte [charges]!" - "Anklagepunkte sind unerheblich, wenn es darum geht, die Krone zu retten," versetzt die Königin. "Also schön," meint Charles, Strafford, verhaften Sie die drei Rädelsführer, Pym, Whatshisname und Ireton." - "Dafür brauche ich natürlich einen Haftbefehl," erwidert der. "Natürlich," sagt Charles. "Und was soll ich als Anklagepunkt hinein schreiben?" - "Mein lieber Strafford, Sie sind doch ein erfahrener Beamter, Ihnen wird schon etwas einfallen," sagt Charles. Was fällt Strafford ein? "Hochverrat gegen die Krone." Hört, hört, ein Parlamentarier, der dem Haushaltsentwurf nicht zustimmt, ist also ein "Hochverräter"? (Ein Glück, daß wir heute keine Gewaltenteilung zwischen Parlament und Regierung mehr haben, sondern daß beide derselben Partei[enkoalition] unterstehen, z.T. sogar personengleich sind, da kann so ein Problem gar nicht erst entstehen!)

Wieder im Parlament. Die Wände im Königspalast haben offenbar Ohren, denn die Sache mit dem Haftbefehl für die vier führenden Puritaner hat sich bereits herum gesprochen. Das Unterhaus tobt; Ireton verlangt die Bestrafung des rechtsbrüchigen Königs. Da erhebt sich Cromwell - plötzlich wieder voller Verständnis für Charles: "Verurteilt nicht den König, Gentlemen, der war nur schlecht beraten. Verurteilt lieber seinen Berater." Tatsächlich einigt sich das Parlament darauf, den Kopf Straffords zu verlangen, wegen "Hochverrat gegen das Volk". (Das ist eine contradictio in adiecto, denn nach damaligem Verständnis konnte "Hoch"-Verrat nur gegen den König und die Regierung begangen werden, nicht aber gegen ein paar lumpige Unterhausabgeordnete, die sich einbildeten, sie wären "das Volk"; aber das dürfte den meisten Zuschauern nicht auffallen.) Edward Hyde, der Führer der Königspartei, legt Charles das Todesurteil vor, damit er es unterzeichne, und der tut es mit einem Seufzer und den Worten: "Strafford wird bald glücklicher sein als ich." Das ist historisch, liebe Leser, und das ist schändlich. Kaltherzige Historiker, pardon, solche mit kühlem Verstand legen es Politikern oft als "menschliche Schwäche" aus, wenn sie aus persönlichen, also "unsachlichen" Gründen, aus "sentimentaler Gefühlsduselei" an Mitarbeitern festhalten, die sich nicht bewährt haben, statt sie zu "opfern". Aber "opfern" muß ja nicht unbedingt heißen, jemanden gleich hinrichten zu lassen - Strafford war aus Alters- und Gesundheitsgründen längst pensionsreif, und er war wohlgemerkt ein tüchtiger, bewährter Mann - eben deshalb, nicht etwa wegen Unfähigkeit, wollte ihn das Parlament ja beseitigt wissen! Charles verriet seine treuesten Gefolgsleute (er sollte später auch noch Erzbischof Laud "opfern"); so gesehen verdiente er es nicht besser, als daß irgendwann auch einmal sein Kopf rollte. Ach, Ihr meint, liebe Leser, damit hätte er nicht rechnen können, da in England noch nie ein König hingerichtet worden war? Das glaubt Ihr doch selber nicht - Maria Stuart war seine Großmutter!

Aber mit der Hinrichtung Straffords sind die Herren Parlamentarier noch nicht zufrieden. In der nächsten Szene erscheint eine Abordnung ihrer Führer - auch Richard Harris ist dabei - zur Audienz beim König, und verlangt "wahre Repräsentation des ganzen Volkes - Demokratie". Das ist pure Fantasie von Hughes - Vorstellungen von "Demokratie" und Mitsprache des ganzen Volkes in unserem Sinne gab es damals wie gesagt noch nicht, nicht einmal in den Köpfen der Puritaner. "Demokratie war ein Irrtum der alten Griechen," bemerkt Alec Guinness kühl. (Auch das ist ein Irrtum des Regisseurs: Die "alten Griechen" lehnten die Demokratie vielmehr als eine entartete Staatsform strikt ab; sie sahen eine sinnvolle Alternative nur zwischen Monarchie und Aristokratie.) "Aber das einfache Volk soll den Kopf hin halten im Krieg gegen Schotten und Iren," bemerkt Harris. Auch das ist ein Irrtum aus dem Geist des 19. und 20. Jahrhunderts: Bis zur Mitte des 17. Jahrhundert war das "einfache Volk" an Kriegen eben nicht aktiv beteiligt - das sollte erst Cromwell ändern. "Sie sind unverschämt," sagt der König zu Harris. "Hier geht es nicht um den Austausch von Höflichkeiten, sondern um Politik," bellt der und formuliert seine nächste Forderung - die einzige, die auch der historische Oliver Cromwell wohl erhoben hätte, wenn diese Audienz denn jemals statt gefunden hätte: "Die katholische Kirche muß zerschlagen werden." John Pym überreicht dem König weitere Forderungen, die als "große Remonstranz" in die Geschichtsbücher eingegangen sind, und die Ihr, wenn sie Euch wider Erwarten interessieren sollten, hier nachlesen könnt.

Wieder im Parlament. Nachdem Charles erst Strafford geopfert hat, hat er es sich jetzt - auf Anraten der Königin ("Ich habe Euch als mächtigen Mann und König geheiratet, mein Gemahl, enttäuscht mich nicht, es ist noch nicht zu spät") - doch noch anders überlegt und tatsächlich befohlen, die Führer der königsfeindlichen Partei im Unterhaus verhaften zu lassen (jetzt sind es schon fünfe, und Cromwell ist nach seinem Auftritt im Palast auch dabei). Charles marschiert persönlich mit Militär ins Parlament ein, nur um festzustellen, daß vier der Gesuchten - man hat sie wie gesagt rechtzeitig gewarnt - entfleucht sind. Nur Harris sitzt mit verschränkten Armen auf seinem Abgeordneten-Stuhl und mustert ihn finsteren Blickes, wirft ihm dann "Verrat und Verbrechen" gegen das Volk (people) und die Nation (nation) vor - eine merkwürdig feine Differenzierung, die Dikigoros mal jemand erklären müßte. Nun begeht der König den nach der Hinrichtung Straffords zweiten entscheidenden Fehler? Er fällt schon wieder um, denn statt Harris zu verhaften, straft er ihn mit Verachtung, erklärt das Parlament für aufgelöst und geht nach Hause. Harris bellt ihm nach: "Ist Euch klar, daß Ihr England damit an den Rand des Bürgerkriegs bringt?" (Da hat er Recht, obwohl schwerlich aus den Gründen, die Harris meint. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Mit der Verhaftung Cromwells hätte Charles den Bürgerkrieg wahrscheinlich noch verhindern können und England damit viel Leid erspart.) Dann wendet sich Harris an den Rest der noch im Sitzungssaal verbliebenen Abgeordneten und bellt: "Im Namen Gottes, überlegt Euch, wer herrschen soll, König oder Parlament. Gott gebe uns Stärke." (Nein, er sagt nicht "power", sondern "strength" :-) Schau mal an - auch die Sache mit Gott hat er sich also inzwischen anders überlegt!

* * * * *

Auch wir, liebe Leser, sollten an dieser Stelle die Filmhandlung zu einem Exkurs unterbrechen, um zu überlegen, wer in einem gesunden Staatswesen herrschen sollte: König oder Parlament? Glaubt Ihr auch, daß Monarchie gleich Diktatur sei und Parlamentarismus gleich Demokratie? (Oder gar das Gegenteil, wie einige moderne Anhänger der Monarchie, deren Standpunkt Ihr hier nachlesen könnt?) Dann will Euch Dikigoros mal verraten, was er glaubt: Er hält den Parlamentarismus in der Form des Parteienstaats, wie sie sich damals in England entwickelte und wie er heute in vielen so genannten Demokratien existiert - in seiner extremsten, weltweit einmaligen Form, nämlich ohne Trennung von Parteiposten, Parlamentssitz und Regierungsamt, in der BRD - für die schlechteste aller denkbaren Regierungsformen. Der britische Diktator Churchill - der sich ebenfalls hinter einer solchen Fassade verschanzte - soll einmal gesagt haben: "Die Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen, aber ich kenne keine bessere." Der alte Heuchler... Weiß Dikigoros denn etwas Besseres? Na klar! Wäre das denn auch praktikabel? Dto - bloß halt nicht unter dem derzeit herrschenden politischen System. Darf er das dennoch kurz skizzieren? Bitte sehr: Das ideale Regierungssystem vereint Elemente der Monarchie, der Aristokratie und der Demokratie. Ersteres ist einfach, und da herrscht auch weitgehend Einigkeit: An der Spitze des Staates muß ein starker Mann stehen. wenn das Gemeinwesen ein Commonweal, ein Gemeinwohl werden soll, mit Wohlstand für alle. Ob der sich Diktator, Kaiser, König, Kanzler, Präsident oder Staatsratsvorsitzender nennt, ist unerheblich; aber er muß sagen, wo es lang geht ("die Richtlinien der Politik bestimmen", wie es irgendwo so schön heißt); er muß letztlich die Entscheidungen fällen und die Verantwortung tragen, d.h. den Kopf dafür hinhalten. Unsere heutigen Politiker mögen viele Köpfe haben, etwa so viele wie die Katze Schwänze hat; aber Charly hatte nur einen, und als der ab war, stellten sich viele die Frage, wer Mißbrauch verhindern soll - sowohl beim Regieren als auch beim Kopfabschlagen. Antwort: die besten (griechisch: "arístoi"). Wer aber sind diese "Besten"? Bestimmt nicht diejenigen, die ihren "Adel" nur ererbt haben, das glaubt nicht mal Dikigoros, obwohl er ein großer Anhänger dessen ist, was einige Leute mißverstehend und mißverständlich "Darwinismus" nennen (aber das ist eine andere Geschichte), d.h. obwohl er an die Vererbung von Eigenschaften und Verhaltensweisen glaubt. Aber gute genetische Anlagen machen noch niemanden zum Spezialisten, geschweige denn zum Besten auf einem bestimmten Gebiet; dafür bedarf es vielmehr eines langen Lernprozesses und großer praktischer Erfahrung. Aber eben darüber verfügt heutzutage kaum noch ein Parlamentarier: Die meisten Abgeordneten haben nichts weiter gelernt im Leben als innerhalb der Partei zu intrigieren, um einen Listenplatz oder einen Wahlkreis zu bekommen, die Wähler vor der Wahl zu belügen und nach der Wahl zu betrügen - so etwas kann natürlich nicht vernünftig regieren. Aber das ist auch gar nicht erforderlich, denn der gesammelte Fachverstand der Spezialisten, die den starken Mann an der Spitze des Staates beraten und vor Fehlentscheidungen bewahren sollen, sollte sich nicht im Parlament sammeln (sonst, lieber Arnulf Baring, wären wir bald im "korporativen Ständestaat" der Fascisten und Falangisten angelangt - und da wollen wir doch nicht hin, oder?), sondern vielmehr in den Ministerien - dafür sind die schließlich gedacht, als Exekutive, die Gesetze ausführt (lateinisch: executare), nicht um den König zur Exekution zu verurteilen (das ist Sache der Gerichte), und auch nicht um Gesetze zu machen, die dann von irgendwelchen Sesselpupsern in der Quasselbude nur noch mit Parteimehrheit abgenickt werden. (Wenn letzteres die Aufgabe des Parlaments wäre, dann könnte man ebenso gut - und viel billiger - jeder Partei einen Vertreter mit soundsovielen Stimmen geben und den Rest nach Hause schicken.) Wer soll nun die Zusammensetzung des Parlaments bestimmen? Das Volk natürlich, wer sonst? Aber wer ist dieses "Volk"? "Wir sind das Volk", schrien die Ossis 1989 - dabei waren gerade die das Volk, das Dikigoros hier meint, nicht. Das Wahlvolk, welches über die Zusammensetzung der Volksvertretung entscheiden sollte, sind nämlich nicht die Konsumenten, sondern diejenigen, die diesen Konsum finanzieren, d.h. die Steuerzahler. Ja, liebe Leser, jetzt wird das Geschrei groß sein: Will Dikigoros etwas das preußische Dreiklassen-Wahlrecht wieder einführen? Nein, er würde noch viel weiter gehen: Das Parlament soll der Regierung auf die Finger schauen (und notfalls klopfen), wenn sie das Geld der Steuerzahler verplempert (weshalb Gesetze, die Geld kosten oder es umverteilen - also praktisch alle - vom Parlament genehmigt werden müssen), deshalb sollen auch nur diejenigen mit wählen und mit reden, die Steuern zahlen, und zwar im Verhältnis der gezahlten Beträge. Wenn also ein Unternehmer die Arbeitsplätze seines Betriebes ins Billiglohn-Ausland verlegt und zuhause nur die Arbeitslosen zurück läßt, die dem Staat - d.h. den Steuerzahlern - auf der Tasche liegen, dann soll er gefälligst auch dort im Ausland wählen gehen - wenn man ihn läßt. Und ob ein Sozialhilfe-Empfänger der Richtige ist, wenn es darum geht, über die Belange der Staatsfinanzen mit zu entscheiden, wagt Dikigoros auch zu bezweifeln. (Und fragt den durchschnittlichen Arbeitslosen, was ihm wichtiger ist? Das Wahlrecht oder ein neuer Job?) Aber was ist mit "Nur"-Hausfrauen, Rentnern und all den anderen, die kein zu versteuerndes Einkommen mehr erzielen? Ganz einfach: Wenn sie gute Hausfrauen, Eltern und Großeltern sind, werden ihre Männer, Kinder und Enkel sie um Rat fragen, wen sie wählen sollen, und auch wenn sie nicht das letzte Wort haben mögen, wird ihr vorletztes Wort doch einiges Gewicht haben. (Die Familie soll doch die Keimzelle der Demokratie sein, nicht wahr?) Und wenn sie weder Einkünfte erzielen noch Männer, Kinder oder Enkel haben? Pardon, liebe Leser, aber was geht solche Leute denn bitte die Zukunft des Gemeinwesens an? Eben - nichts; und dann haben sie auch nicht mit zu wählen und mit zu reden. Punkt.

Fragen wir weiter, wie gewählt werden soll, und scheiden gleich die undemokratischte und dümmste Form aus: die von den Parteien ausgekungelten Landeslisten ohne Streichmöglichkeit. Haltet Ihr es denn für demokratisch, wenn Ihr alle vier bis fünf Jahre solche Listen vorgelegt bekommt, deren Kandidaten Ihr nicht mal dem Namen nach kennt (bis auf die ersten paar vielleicht), die Ihr dann mit einem oder zwei Kreuzchen versehen dürft, als wäret Ihr allesamt Analfabeten? Der ideale Abgeordnete vertritt seinen Wahlkreis und die Interessen der dort lebenden Menschen. Er sollte ihnen persönlich bekannt sein und nur ihnen (und seinem "Gewissen" - was immer das ist) verantwortlich sein, auf keinen Fall einer höheren Instanz namens "Partei", die ihn in die Fraktions-Disziplin zwingt (nicht nur im Plenum, sondern auch in den Ausschüssen, die unter solchen Bedingungen ja gar nichts anderes produzieren können als Ausschuß) und dazu, alles abzusegnen, was dieselbe Partei in ihrer Eigenschaft als Regierung tut? Welche Kontrollmöglichkeit hat er dann noch? Keine. Und die übergeordneten Interessen größerer Gruppen? Braucht es dafür nicht Lobbyistengruppen, Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften, Parteien? Aber nein, liebe Leser, deren Interessen vertreten sich nämlich durch die Wahlkreise ganz automatisch: In einem überwiegend agrarischen Wahlkreis wird vermutlich ein Landwirt gewählt werden, in einer Arbeitergegend ein Arbeiter, in einer Universitätsstadt ein Professor, und in einer Beamtenstadt ein Beamter. Aber es kann nicht angehen, daß drei Viertel der Abgeordneten aus beurlaubten Beamten besteht (vor allem Lehrern, die bekanntlich nichts können, als alles besser zu wissen glauben), der Rest aus verkrachten Juristen und nicht mal zu 10% aus Selbständigen. Wie soll so ein trauriger Haufen die Geschicke des Staates lenken können? Aber welcher erfolgreiche Unternehmer, vom Fabrikanten bis zum Handwerksmeister, würde wohl einen florierenden Betrieb im Stich lassen, um sich dem Allgemeinwohl zu widmen, für ein paar Teuro Diäten? Nein, Berufspolitiker wird heute nur noch, wer sonst nichts gelernt hat und nichts kann; und weil die Diäten so niedrig sind, füllt man sich die Taschen nicht nur mit Staatsknete, sondern auch mit reichlich Schmiergeldern. Nein, keine Bestechung, so etwas gibt es doch bei Parlamentariern gar nicht (denn es steht nicht im Strafgesetzbuch, also darf der entsprechende Tatbestand nicht so genannt werden - sonst müßten man das gesamte Parlament einbuchten). Man schließt vielmehr einen so genannten "Beratervertrag" ab, d.h. man rät einem Lobbyisten, ein bestimmtes Gesetz zu entwerfen, das noch so idiotisch sein mag wie es will, kassiert für diesen "Rat" ein paar Millionen, bringt es dann im Parlament ein und mit Hilfe derjenigen Parteifreunde, die einen ähnlichen Beratervertrag haben, durch.

Und ohne der Filmhandlung allzu weit vorgreifen zu wollen: Was tat denn Cromwell, als er später seinerseits das Parlament auflöste und die Sesselpupser nach Hause schickte? Machte er es besser? Umgab er sich mit den besten? Bewahre - er baute sich eine Clique aus Verwandten und anderen Parteigängern auf, bestimmte seinen - völlig unfähigen - Sohn zu seinem Nachfolger (verhielt sich also nicht anders als der viel geschmäht Erbmonarch). Und wer war das "Volk", mit dem er regierte? Es war die Armee, und er stützte seine Macht allein auf deren Bajonette. Nein, liebe Leser; Dikigoros teilt nicht das heutzutage allgemein verbreitete Vorurteil gegen jede Art von Militärregierungen. Natürlich soll der Soldat mit reden und mit wählen können, denn er muß ja im Ernstfall den Kopf hinhalten für das Gemeinwesen, also soll er auch mit entscheiden können, wer ihn in den Tod schicken darf. Aber soll denn die Politik eines Landes nur nach solchen Gesichtspunkten bestimmt werden? Dikigoros' Vater - Beamter und Reserveoffizier - bejahte diese Frage ganz vehement: "Nur ein gedienter Soldat soll Regierungschef oder Minister werden dürfen; denn nur wer einen Krieg mit gemacht hat und weiß, wie furchtbar das ist, wird eine verantwortungsvolle Politik betreiben, die den nächsten verhindert, nicht diese daher gelaufenen Wehrdienstverpisser!" Sein Sohn vermochte ihm da nie ganz zu folgen (aber er hat den Krieg nicht mit gemacht): Gewiß ist es wünschenswert, wenn der Verteidigungsminister etwas vom Militär versteht; aber sollten nicht auch die anderen Fachressorts von Fachleuten geführt werden? Man könnte ja noch einen Militärarzt zum Gesundheitsminister machen - aber einen Rechnungsführer zum Finanzminister? Oder einen Spieß zum Innenminister? Besser nicht... Wohlgemerkt, Dikigoros hat Länder kennen gelernt, in denen eine Regierung der Militärs das geringste Übel ist - in Algerien, der Türkei und vielen Staaten Lateinamerikas, wo sie die einzige Alternative zum Islamismus oder Kommunismus darstellen. Aber das kann immer nur eine vorübergehende Lösung sein. Auf Dauer kann man das Volk nicht nur mit Gewalt unterdrücken - man muß ihm auch etwas Vorzeigbares bieten, vor allem wirtschaftlich etwas auf die Beine stellen, und sei es nur "panem et circenses", Brot und Spiele, zur Ablenkung und Zerstreuung. Darin waren die großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts - allesamt auf ihre Art Künstlernaturen - wahre Meister; aber die meisten Militärs können das ebenso wenig wie Beamte. (Letzten Ende sind Berufsoffiziere ja nichts anderes als Berufsbeamte.) Meist verfrühstücken sie sogar noch das bißchen Substanz, das sie vorfinden, wenn sie sich an die Macht putschen. (Über einige wenige positive Ausnahmen - Banzer, Geisel, Pinochet, Stroessner - schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr, ebenso über Atatürk, Metaxás und einige Südasiaten.) So war es auch bei Cromwell: Er ruinierte die Wirtschaft und verbot dann - sei es um Kosten zu sparen, sei es weil er es als religiöser Fanatiker für geboten hielt, sei es weil er das ihm Angenehme mit dem ihm Nützlichen verbinden wollte - dem Volk jegliches Vergnügen: Saufen und Glücksspiele, na schön; aber Musizieren und Tanzen, Theater und Konzert, ja selbst bunte Kleidung galten auch als sündhaft - welch freudloses Leben! Die meisten von Cromwells Biografen (durchweg Leute, die von Wirtschaft etwa soviel verstehen wie Lehrer, Militärs und andere Beamte) übersehen oder verschweigen das. Exkurs Ende.

* * * * *

Nun ist es leider in der Geschichte nie so gewesen, daß gegensätzliche Auffassungen über die richtige Staatsform mit Argumenten im Internet ausdiskutiert worden wären; sie wurden vielmehr mit Blut und Eisen auf dem Schlachtfeld ausgetragen. So war es auch im England des 17. Jahrhunderts - und damit kommen wir wieder zum Film. Beide Seiten - Monarchisten und Parlamentarier - haben Truppen gesammelt, und auf ihren Fahnen prangt der Spruch, den man heute noch auf amerikanischen Geldscheinen lesen kann: "In God We Trust [Wir vertrauen auf Gott]". Im Oktober 1642 stehen sich die Heere bei Edgehill gegenüber, auf einem idyllischen Feld, wo noch die Schafherden weiden. Die Truppen des Parlaments - fromme Choräle singend - werden von den Grafen Essex und Manchester geführt (schau mal an, der letztere hat also die Seiten gewechselt!), der Richard Harris fragt: "Ihr könnt es wohl kaum erwarten, was Oberst?" (Harris ist Oberst der Kavallerie; der historische Cromwell war damals erst Hauptmann - was im Film bereits sein ältester Sohn ist.) Der dementiert: "Ich ziehe nur widerstrebend in die Schlacht." Dennoch beginnt er sie, und zwar vorzeitig, indem er sich über das "Gentlemen's agreement", die Schlacht erst um 9 Uhr - also nach dem Frühstück - zu beginnen, hinweg setzt, und zwar mit einer bemerkenswerten Begründung: "Ich denke, wir haben lange genug gequasselt; jetzt ist es an der Zeit zu kämpfen." Hört, hört, das ist derselbe Harris, der zwei Filmszenen zuvor noch seiner Hoffnung Ausdruck verliehen hatte, die Männer mögen, statt gleich zum Schwert zu greifen, miteinander reden, und der eine Filmszene (also weniger als eine Stunde) zuvor noch behauptet hat, er ziehe nur "widerstrebend" in die Schlacht. Freilich gebraucht er für "reden" zwei ganz unterschiedliche Wörter: Beim ersten Mal sagt er "to talk", beim zweiten Mal "to parley". Das, liebe deutsche Leser, war schon im 17. Jahrhundert kaum noch gebräuchlich und hatte damals auch noch nicht seine heutige Bedeutung ("Kapitulations-Verhandlungen führen"); es meinte vielmehr genau das, was auch Hitler & Co. drei Jahrhunderte später zu sagen pflegten: "Das Parlament ist eine Quasselbude"; "to parley" ist das, was die Parlamentarier tun - quasseln eben, und damit soll nun Schluß sein. Spätestens hier ahnt jeder, der Ohren hat, auf solche Feinheiten zu hören, wie der Film ausgehen wird.


Die Truppen des Königs - begleitet von fast frivol anmutender Rokoko-Musik (die es damals noch längst nicht gab; sie sollte erst Mitte des 18. Jahrhunderts entstehen; Mitte des 17. Jahrhunderts erreichte gerade die Barock-Musik ihren ersten Höhepunkt) - führt jemand, der sich mit seiner naß-forschen, "typisch deutschen" Überheblichkeit gegenüber den englischen Offizieren gleich beim ersten Auftritt - "hoppla, jetzt komme ich" - unbeliebt macht und als "ausländischer Söldner" beschimpft wird. Er wird aber nicht von einem Deutschen gespielt, sondern... schwer zu sagen. Timothy Dalton ist zwar in Wales geboren, aber in seiner Ahnenreihe sollen sich auch Engländer, Iren und Italiener tummeln. Heute assoziiert man ihn für gewöhnlich mit einer ganz anderen Rolle, nämlich der des Geheimagenten 007 mit der Lizenz zum Töten. Seine Fans - wie Frau Dikigoros, die ihn für einen viel besseren, da männlicheren "James Bond" hält als "all diese eitlen Fatzken und Zuckerbubis", die vor und nach ihm versucht haben, Sean Connery zu ersetzen - werden sich schwer tun zu verstehen, daß so ein tüchtiger Geheimagent, pardon General den Krieg nicht gewinnen konnte. Hat Ken Hughes (der übrigens drei Jahre, bevor er "Cromwell" schrieb und drehte, [Mit-]Regisseur der Verfilmung des ersten James-Bond-Romans "Casino Royal" war - aber das ist eine andere Geschichte) diese Rolle also schlecht besetzt? Nun, das ist Ansichtssache. Rupert von der Pfalz, Charles' Neffe - seine Schwester hatte den "Winterkönig" geheiratet, der 1618 auf dem Kontinent den Anlaß zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges gegeben hatte - war tatsächlich ein tüchtiger junger Offizier; aber in den entscheidenden Schlachten (zu denen die von Edgehill wohlgemerkt noch nicht zählte) war ihm Cromwell taktisch überlegen. Leider werden die Schlachten im Film zwar recht eindrucksvoll, aber im Ergebnis falsch dargestellt, trotz aller Genauigkeit in den Details. (Vor den Mündungen der Kanonen treten beim Abschuß dichte Schwarzpulverwolken aus; die schweren Musketen können nicht freihändig abgeschossen werden, sondern müssen auf ein Stativ gestützt werden; die Kavallerie kämpft nur mit Schwertern; die Pikeniere bilden mit ihren langen Spießen Schutzwälle usw.) Die Schlacht von Edgehill wird als vollständige Niederlage der minderwertigen Parlamentstruppen dargestellt, durch Verschulden Manchesters, der sie vorzeitig abbricht und den Rückzug befiehlt, obwohl Harris weiter kämpfen will. Tatsächlich endete die Schlacht unentschieden: Die königliche Reiterei - von Prinz Rupert persönlich geführt - siegte auf dem einen Flügel, die parlamentarische - nicht von Cromwell geführt, dessen Rolle in jener Schlacht den Historikern bis heute nicht ganz klar ist - auf dem anderen; der Kampf der Infanterie im Zentrum endete unentschieden. Nun war es damals üblich, daß die Reiterei, wenn sie die Linien des Feindes durchbrochen hatte, sich an seine Verfolgung machte und im Hinterland zu plündern begann. Das mag durchaus sinnvoll sein, denn einen geschlagenen Gegner entkommen und sich wieder sammeln zu lassen, wäre dumm; und ihm seine Nachschublinien zu zerstören ist auch nicht schlecht. Aber in einem Bürgerkrieg konnte man das auch anders sehen: Wozu die eigenen Landsleute erschlagen, wozu das eigene Land zerstören? War es nicht viel wichtiger - auch psychologisch gesehen -, die Schlachten deutlich zu gewinnen, also das Schlachtfeld zu behaupten?

Zurück zum Film. Harris ist stinksauer, wirft Manchester Versagen vor und kündigt ihm den Dienst auf. "Wenn Ihr geht, dann seid Ihr ein Verräter," sagt der. "Ihr seid ein Verräter," bellt Harris zurück, "ich desertiere nicht, sondern ich gehe nach Hause, um eine Armee aufzustellen." Und das tut er denn auch - die nächste Szene zeigt, wie er in Cambridge seine Privatarmee ausrüstet und drillt, so wie es vor ihm Wallenstein getan hat. Nein, nicht ganz: Wallenstein achtete in erster Linie darauf, daß seine Soldaten große Kämpfer auf dem Schlachtfeld wurden, weniger darauf, ob sie auch große Kämpfer vor dem Herrn und rechten Glaubens waren - sehr zum Unwillen seines katholischen Kaisers (ja, liebe katholische Leser, religiöse Fanatiker gab es nicht nur bei den Protestanten!), der ihn nicht zuletzt darob seines Kommandos entheben und zuletzt sogar ermorden lassen sollte - aber das ist eine andere Geschichte. Bei Cromwell war es genau umgekehrt: Zuerst einmal mußten seine Soldaten radikal-fundamentalistische Puritaner sein - was übrigens sehr praktische Nebenwirkungen hatte: Sie durften nicht rauchen, nicht trinken, nicht fluchen, nicht herum huren, vermieden also all die Laster, mit denen sich Armeeführer damals (und nicht nur damals :-) herum plagen mußten, um aus ihren Söldnern ordentliche Soldaten zu machen. Bald sollte Cromwell aus seiner ursprünglich privaten Schutzstaffel Sturmabteilung Schutzabteilung eine schlagkräftige Wehrmacht aufbauen, mit der er den Grundstein legte für den "groß-britannischen" Einheitsstaat. [Diese Bezeichnung für Cromwells Truppen hat sich nicht Dikigoros ausgedacht, sondern Michael Freund, der erste Deutsche, der nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ein Buch über die "englische Revolution" schreiben durfte. Ein unbequemes Buch, das keine Seite schont, und das - im Gegensatz zu Hughes' Film - auch die Ereignisse in Irland nicht verschweigt. Im Oktober 1641 war dort unter der stümpferhaften Führung eines gewissen Roger Moore (noch so ein Möchtegern-James-Bond :-) ein Aufstand aus- und schnell wieder zusammen gebrochen, bei dem nach seinen Berechnungen ca. 8.000 englische Besatzer "ermordet" wurden. Die englische Propaganda machte daraus freilich "200.000 bis 250.000" und nahm das zum Anlaß für ihre Ausrottungs-Feldzüge, denen fast eine Million Iren - zwei Drittel der damaligen Bevölkerung - zum Opfer fielen und nach denen Irland schlimmer aussah als Deutschland 1945. Es gehörte viel Mut dazu, so etwas zu veröffentlichen, in einer Zeit, da die englische Propaganda sich anschickte, aus den 300.000 Opfern des "Holocaust", die das Internationale Rote Kreuz gezählt hatte, 6.000.000 zu machen. Der Düsseldorfer Claassen-Verlag wagte es 1951 - vier Jahre, bevor die Alliierten geruhten, den Kriegszustand mit Deutschland für beendet zu erklären - und wäre dafür von den Besatzern beinahe geschlossen worden. Die zweite Auflage durfte erst 1979 erscheinen.] Ihre Gegner nannten sie nach ihrer Frisur "Glatzen [Roundheads]"); sie selber nannten sich "Eiserne [Ironsides]", nach ihrem eisernen Sieges-Willen und ihrer eisernen Disziplin, denn sie waren Gotteskrieger, die mit der gleichen Todesverachtung und Gewißheit des Paradieses in den Kampf zogen wie heute die muslimischen Mujaheddin. (Nein, liebe Leser, der Name hatte nichts mit der Rüstung zu tun; Cromwells Truppen kämpften durchweg zu Pferd und trugen außer dem eisernen Helm allenfalls noch einen leichten Brustpanzer, wenn überhaupt; der Rest war Leder.)

Exkurs. Was ist eigentlich so schlimm am "Fundamentalismus" in Glaubensdingen, liebe Leser? Eigentlich gar nichts. Auch Dikigoros glaubt fest an einige Dinge, zum Beispiel daß jemand, der von einer Sache von Grund auf (das ist die deutsche Übersetzung des lateinischen Lehnwortes "fundamental") überzeugt ist, das Recht haben sollte, sein Leben nach dieser seiner Überzeugung zu gestalten. Er mag also, wenn er das für sich als richtig erkannt hat, als Protestant zum Herrgott beten, als Katholik zur heiligen Jungfrau, zum lieben Jesulein oder zum heiligen Geist, als Jude zu Jahwe, als Indianer zum großen Manitu, als muslimischer Wüsten-Scheich zu Allah (der bekanntlich noch größer - "akbar" - ist), als Chinese zum Buddha, als Japaner zu seinen Kami, als Hindu zu Shiwa, Wishnu, Durga oder einer ihrer zahlreichen Inkarnationen. Und wenn er sein Geld in den Klingelbeutel, den Opferstock, den Tempel oder zu der Fluggesellschaft, die ihn nach Mekka bringt, tragen will, soll er das getrost tun. Die Frage ist halt nur, ob ihm das auch das Recht gibt, diesen seinen Glauben anderen aufzudrängen und jene anderen zu zwingen, genau [an] dasselbe zu glauben und zu tun wie er selber. Diese Frage würde Dikigoros verneinen. - Auch wenn es nur als gut gemeinte Überzeugungsarbeit, ganz ohne Anwendung von Gewalt geschieht? Ja, liebe Missionare, auch dann. Denn erstens lehrt die Geschichte, daß Eure Arbeit selten ohne Gewalt abgeht, wenn Ihr es im Guten nicht schafft; und zweitens ist auch die Bestechung mit weltlichen Gütern - wie sie besonders bei der Missionsarbeit in der so genannten "Dritten Welt" oft und gerne praktiziert wird - eine subtile Art der Gewaltanwendung. Auch mit "milden Gaben" kann man einer Religionsgemeinschaften die "Gläubigen" abspenstig machen, indem man sie zu Gläubigern macht. (Dieses Wortspiel ist übrigens nicht nur im Deutschen möglich, sondern in fast allen Sprachen, die Dikigoros kennt - und das sind nicht wenige -; es kann also nicht von ungefähr kommen.) Und da liegt der Hase im Pfeffer; deshalb zieht Dikigoros Religionen wie z.B. den Hinduïsmus vor, die nicht versuchen, die Angehörigen anderer Religionen zum Abfall zu bewegen und sie zu ihrem eigenen Glauben zu "bekehren" - aber das ist eine andere Geschichte. Nun verkennt Dikigoros keineswegs den Sinn eines gemeinsames Glaubens gewisse Regeln und Normen auch für das alltägliche, "weltliche" Zusammenleben einer Gesellschaft, denn es ist allemal einfacher, wenn Gesetze freiwillig eingehalten werden - und sei es durch die Angst vor einer Strafe in der Hölle, wenn man sie überträte - als durch Polizeigewalt. Aber dieser Sinn wird in sein Gegenteil verkehrt, wenn statt der Polizei religiöse Sittenwäter durch die Straßen ziehen und die Einhaltung ihrer Normen mit Gewalt erzwingen. Und noch schlimmer wird das, wenn in einer Gesellschaft Glaubensgemeinschaften mit so unterschiedlichen Wertnormen leben, daß es kein Zusammenleben mehr ist, nicht mal mehr ein Nebeneinanderleben, sondern ein Gegeneinanderleben, denn dann ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Zusammenstoß der Sitten- und Tugendwächter und letztlich zum Bürgerkrieg - wir erkennen ja allmählich, wie gefährlich der Fremdkörper islamischer Glaubensinseln in nicht-islamischen Gesellschaften ist. Aber einige haben immer noch nicht begriffen, wie groß die Gefahr ist, daß diese Noch-Minderheiten eines Tages die Macht ergreifen und dann ein religiöses Terror-Regime errichten könnten. Auch die Puritaner, jedenfalls die "Independents", waren ursprünglich eine verschwindend kleine Minderheit - sie waren der Fremdkörper, nicht die Katholiken oder Anglikaner -, und desto schlimmer mußte ihr Terror gegen die Mehrheit werden. Exkurs Ende.

Auch am Ende dieses Exkurses können wir allerdings noch nicht direkt zur Filmhandlung zurück kehren, denn die setzt erst im Juni 1645 wieder ein, d.h. sie schlabbert fast drei Jahre, in denen ungeheuer viel geschah. Warum? Nun, so ein historischer Film lebt - wie die Geschichtsschreibung überhaupt - von der Schwarz-Weiß-Zeichnung, vom moralisierenden Gegenüberstellen der Guten und der Bösen; und der Regisseur hat sich z.B. entschieden, John Pym bei den Guten und Graf Manchester bei den Bösen einzusortieren, und was ihm da nicht in den Kram paßte, hat er einfach weg gelassen - wie so vieles nicht unter direkter Fälschung der Fakten, sondern unter Auslassung des gesamten Zeitraums, dessen wichtigste Ereignisse Euch Dikigoros deshalb hier kurz zusammen fassen will: Nach einigen weiteren unentschiedenen Schlachten zwischen den Truppen des Königs und des Parlaments schloß nicht etwa König Charles mit den Schotten ein Bündnis gegen seine englischen Untertanen (sprich Parlamentarier) - wiewohl diese ihm das angeboten hatten -, sondern ganz im Gegenteil: Das Parlament unter John Pym schloß mit den Schotten ein Bündnis gegen den englischen König - behaltet das bitte im Hinterkopf wenn wir später auf den Vorwurf des "Verrats" kommen, und vergeßt die heuchlerische Einleitung, daß dieses "feierliche" Bündnis "zur Verteidigung der Religion der Ehre und der Glückseligkeit des Königs" geschlossen worden sei. Es ging Pym und seiner Fraktion ("Partei" wäre vielleicht zuviel gesagt) vielmehr um einen Ausgleich zwischen den englischen Anglikanern und den schottischen Presbyterianern, denn er hatte Cromwell und seinen Puritanismus inzwischen durchschaut und wollte ein Gegengewicht gegen die "Independentisten" schaffen. Doch ein paar Wochen später - Ende 1643 - starb er, und der vom Parlament gebildete Ausschuß, der im Zusammenwirken mit und unter Anhörung von Theologen und anderen Keksperten den Bündnisvertrag beraten und mit Ausführungsbestimmungen versehen sollte, tat, was Parlaments-Ausschüsse bis heute tun: Er ließ viele Köche im Brei herum rühren und kam am Ende nicht zu Potte.

[Marston Moor 1644]

Unterdessen hatte Cromwell seine Braunhemden, pardon Rundköpfe, fertig gedrillt, ohne sich um das parlamentarische Geschwätz zu scheren. Im Sommer 1644 kam es bei Marston Moor zur vorentscheidenden Schlacht des Bürgerkriegs, der größten Feldschlacht, die je auf den britischen Inseln statt fand (ca. 18.000 Royals standen gegen ca. 22.000 Glatzen). Warum läßt sie der Film aus? Vielleicht, weil ihr Verlauf nicht so recht in das heroische Bild paßt, das er von Cromwell zeichnen will: Rupert, immer noch Oberbefehlshaber der Königlichen, hatte sich gerade zum Abendbrot begeben (es goß in Strömen, und es wurde schon dunkel), da befahl Cromwell seine Reiterei zum Angriff. Rupert - der sich sofort persönlich in die Schlacht stürzte - hätte sie trotzdem gewonnen (die schottische Infanterie, mit der Cromwell das Zentrum zwischen seinen Reiterflügeln gefüllt hatte, floh bereits), wenn er nicht solche Pfeifen als Kommandeure an seinen Flügeln gehabt hätte wie Lord Byron (jawohl, einen Vorfahren jenes Dichters, der sich im griechischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Türken als ebenso unfähig erweisen und ins Gras beißen sollte, noch bevor er den ersten Schuß abgefeuert hatte!) und Lord Göring (nein, nicht verwandt und nicht verschwägert mit seinem Namensvetter, der 300 Jahre später die Luftschlacht um England verlieren sollte, aber ebenso fett und versoffen). Byron führte seine Reiter ins Feuer der eigenen Artillerie, und Göring ließ nach dem ersten Aufprall schon mal den vermeintlichen Sieg feiern, als die Gegner zurück kehrten und ihn platt machten. Cromwell (der gleich beim ersten Angriff leicht verwundet wurde und aus dem Kampf ausschied) hatte dagegen mit dem schottischen Kavallerie-Obristen Leslie einen hervorragenden Vertreter, der die Schlacht am Ende noch gewann. Ja, liebe Leser, vergeßt das nicht - die Schotten entschieden den Bürgerkrieg für das englische Parlament und gegen den Monarchen aus dem schottischen Hause Stuart! (Kurzsichtig? Nun, jedenfalls nicht sehr hellsichtig, denn im Endeffekt weihten sie damit ihre eigene Nation - und beinahe auch die ihrer irischen Vettern - dem Untergang, der gut hundert Jahre später in der Schlacht bei Culloden Moor endgültig besiegelt werden sollte; aber das ist eine andere Geschichte. Und, um auch das noch nebenbei zu erwähnen, da Hughes es nicht tut: Schotten waren es auch, die entscheidend zur Niederwerfung Irlands beitrugen und als Judaslohn für diesen Verrat an ihren keltischen Brüdern - die sie, wiewohl keine Katholiken, bei ihrem Aufstand gegen die Engländer verschont hatten - die Provinz Ulster erhielten. Und wenn Ihr dann noch bedenkt, liebe Leser, daß auch Tony Blair Schotte ist, dann haben die Schotten es wirklich nicht besser verdient :-)

Nun wurde Cromwell - inzwischen tatsächlich Oberst - zum stellvertretenden Oberbefehlshaber der parlamentarischen Streitkräfte ernannt. Seine erste Amtshandlung war, im Parlament ein Gesetz durchzudrücken, wonach eine Ämterhäufung, d.h. zugleich ein Offiziersamt in der Armee und ein Sitz im Unterhaus, unzulässig sei; und da den Sesselpupsern ihre Abgeordneten-Pöstchen wichtiger waren als die doch etwas anstrengenderen - und gefährlicheren - Offiziersstellen, erreichte er damit, daß praktisch alle seine anglikanischen und presbyterianischen Gegenspieler die Armee verließen. Ach so, für ihn galt diese Bestimmung natürlich nicht: Er wurde sogar zum General der Kavallerie befördert und blieb zugleich Führer der Independentisten im Unterhaus - aber das kennt Ihr ja zur Genüge, liebe deutsche Leser; Ihr müßt Euch das in etwa so vorstellen wie die Heuchelei bei den Grünen: Ämterhäufung ist unzulässig, außer bei den höchsten Parteibonzen... Was noch? Ach ja, Anfang 1645 folgte Erzbischof Laud Strafford aufs Schafott - man gab sich nicht einmal die Mühe eines "Gerichtsverfahrens"; es wäre eh ein glatter Justizmord gewesen.

Zurück zum Film, der sich der letzten großen Schlacht des "ersten" Bürgerkrieges wieder ausführlich annimmt: Juni 1645, königliches Hauptquartier. Ein Bote kommt: Cromwell stehe mit nur 3.000 Mann bei Naseby (Manchester hat die von ihm befehligten Truppenteile nicht rechtzeitig heran geführt); die Königlichen haben 7.000 Mann und sind siegessicher. Aber Harris denkt gar nicht daran, einer Schlacht auszuweichen: "Ich kämpfe zur Not auch einhändig; erst knöpfe ich mir den König vor, und dann, wenn es sein muß, den Verräter Manchester." - "Aber sind die uns nicht 3 zu 1 überlegen?" fragt Ireton. "Na und?" gibt Harris zurück, "es kommt nicht auf die zahlenmäßige Überlegenheit an, sondern auf die Geschwindigkeit und das daraus resultierende Überraschungsmoment." Da hat er im Prinzip Recht - obwohl das mit Cromwells Sieg in der historischen Schlacht bei Naseby, wie sie uns der Film leider nicht zeigt, rein gar nichts zu tun hatte, zumal die beiden Heere in Wirklichkeit annähernd gleich stark waren. Wieder führte Rupert die Kavallerie der Königlichen an einem Flügel zum erfolgreichen Durchbruch; er kämpfte wie ein Berserker - aber die Szene im Film, als er Cromwell höchstpersönlich vom Pferd schlägt, ist historisch falsch; denn der führte unterdessen seine Kavallerie am anderen Flügel mit dem gleichen Erfolg zum Durchbruch. Im Zentrum stand der Kampf der Infanteristen zunächst unentschieden. Aber nun gab Cromwells überlegene Taktik den Ausschlag: Während Ruperts Reiter sich einmal mehr mit Verfolgung und Plünderung aufhielten (im Film ganz leicht angedeutet, wenn man es weiß und genau hin schaut) hielt Cromwell seine "Eisernen" eisern im Zaum und führte sie in die Flanke der königlichen Infanterie, die unter dem unerwarteten Ansturm völlig zusammen brach. Nach dem Sieg machte Cromwell keine Gefangenen; sie wurden bis zum letzten Verwundeten und bis zur letzten Regimentshure nieder gemacht - was zugleich beweist, daß Cromwell seine Taktik nicht aus solch gefühlsduseligen Gründen geändert hatte, wie sie Dikigoros oben in Sachen Bürgerkrieg gegen Verfolgung und Plünderung ins Feld geführt hat. (À propos Feld: Die Engländer nennen jenes Feld bis heute "slaughter field [Schlachterfeld]", nicht "battle field [Schlachtfeld]", um auszudrücken, was sich dort abspielte: Etwa 1.000 Mann waren in der Schlacht gefallen; 4.000 Gefangene wurden ermordet - damit Ihr einmal die Relationen seht, liebe Leser.) Nein, bei Cromwell galt: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben; er wollte nur Nägel mit [Rund-]Köpfen machen.

Der Film zeigt von alledem nichts; ja, wer die Geschichte nicht kennt, könnte Zweifel hegen, wie diese Schlacht überhaupt ausging (obwohl die Rundköpfe das Schlachtfeld behaupten): Cromwell wird am Ende in Trauer gezeigt, weil einer seiner Söhne gefallen ist. Sicher, er wird nicht begeistert gewesen sein, einen seiner Hauptleute (bei Cromwell galt: Nepotismus first!) verloren zu haben; aber erstens war man damals in Sachen Tod - der etwas alltägliches, allgegenwärtiges war - generell noch nicht so zart besaitet wie heute, und zweitens war es ja nicht so, daß Cromwell sonst keine Kinder gehabt hätte; den Tod eines einzigen konnte er also relativ leicht verschmerzen. Ihr meint, das sei herzlos gedacht, liebe Leser? Ach ja, und die Millionen Kinder, die heutzutage jedes Jahr im Mutterleib ermordet werden? Denkt jemand an die? Natürlich ist der Stellenwert eines Einzelkinds für seine Eltern höher und sein Verlust wiegt schwerer, als wenn es nur eines aus einer Dutzend-Schar ist. Mrs. Cromwell bekam alle zwei Jahre ein Kind. (Was nebenbei beweist, daß sie diese auch selber säugte; nur kaiserliche Kindergebär-Maschinen, die ihre Babies gleich nach der Geburt an eine Amme weiter reichten, wie Maria Theresia, konnten Kinder im Dreivierteljahrestakt bekommen - die dann freilich auch öfter starben als solche, um die sich die leibliche Mutter kümmerte. Mrs. Cromwell - die übrigens im Film praktisch keine Rolle spielt; sie taucht bloß ein paarmal beim Beten in der Kirche auf - brachte die meisten ihrer Kinder lebend bis ins Erwachsenenalter durch.) Und ihr Mann tröstete sich damit, daß sein Sohn für eine gute Sache gefallen war und sicher in den Himmel kam. Gott hatte es ja so gewollt, und Gott war mit ihm.

London, Unterhaus. Harris beschimpft Essex und Manchester als "Verräter" und beantragt ihre Ablösung, indem er das Parlament fragt: "Wollt Ihr den totalen Krieg?" Nein, nicht wörtlich, aber sinngemäß, denn er wirft diesen beiden Edelmännern (von denen man gar nicht so recht weiß, was sie überhaupt im Unterhaus verloren haben, rangmäßig gehörten sie eigentlich ins Oberhaus - aber das gibt es ja im Film nicht) vor, daß sie den Krieg nicht so total führen, wie es angezeigt sei. Warum nicht? Darauf hat Manchester durchaus eine Antwort: "Selbst wenn wir 99mal siegen, ist der König immer noch der König; aber wenn wir nur einmal unterliegen, werden wir gehängt." Darauf sagt Harris etwas, das vielleicht ins 20. Jahrhundert, aber bestimmt nicht ins 17. paßt: "Wenn das so wäre - wofür kämpfen wir eigentlich? Ich will es Euch sagen: Wir kämpfen für die Freiheit (freedom) des Parlaments und für die Freiheit (liberty) der Nation." So so - Freiheit wessen wovon wozu? Aber stellen wir die Frage noch etwas zurück.

Oxford, Hauptquartier des Königs. Charles überlegt zusammen mit Hyde, woher er neue Truppen bekommen könnte. Vielleicht aus Schottland oder Irland? "Katholiken?" fragt Hyde, "dann doch lieber ein ehrenhafter Frieden als ein unehrenhafter Krieg." - "Wenn es um den Thron geht," erwidert Charles, "verbünde ich mich zur Not auch mit dem Teufel." In der nächsten Szene kommt der auch schon, in Gestalt eines päpstlichen, pardon papistischen Gesandten, der seinen Segen zu Aushebungen in Irland in Aussicht stellt, wenn dort der katholische Glauben wieder hergestellt wird. Charles überlegt zusammen mit seiner katholischen Frau, ob er sich darauf einlassen könne und kommt zu dem Schluß, daß ja. Hyde belauscht die Unterhaltung und ist entsetzt - hier reift bereits sein Plan zum Verrat am König (den er freilich nicht als solchen empfindet, sondern als Erfüllung seiner vaterländischen Pflicht).

Die nächste Szene ist besonders theatralisch: Prinz Rupert, abgehetzt und abgerissen, ja sogar verwundet, stürzt zur Tür herein und meldet, daß Bristol gefallen sei. "Hattet Ihr mir nicht hoch und heilig versprochen, Bristol zu halten, unseren wichtigsten Hafen?!" (Ja ja, liebe Leser, als James Bond hätte Timothy Dalton das sicher geschafft :-) Trotz kniefälliger Beschwörungen entläßt Charles seinen Neffen in Ungnade - ein neuerlicher Beweis, wie undankbar Charles gegenüber seinen besten Gefolgsleuten war. Immerhin ließ er Rupert nicht hinrichten - dazu bestand freilich auch gar keine Veranlassung: Zunächst einmal hatte Rupert selber Bristol anno 1643 erobert; und als er es im August 1645 - zwei Monate nach der Schlacht von Naseby - aufgab, war das eher ein kluger Schachzug als ein Versagen. Militärisch gesehen war Bristol einen Dreck wert, denn in der Stadt wütete die Pest, die Brunnen waren versiegt oder verseucht, die überlebenden Bürger standen dem König und seinen Truppen feindlich gegenüber, die Stadtmauern waren bereits schwer beschädigt und einer längeren Belagerung kaum gewachsen, und vor den Toren stand ein zahlenmäßig weit überlegener Feind - Rupert konnte froh sein, daß man ihn unter Zurücklassung des schweren Materials abziehen ließ. Wer wurde 1940 entlassen, als die Briten Dünkirchen vor einem zahlenmäßig weit überlegenen Feind und unter Zurücklassung des schweren Materials evakuiert hatten? Niemand - denn es war angesichts der Umstände die richtige Entscheidung. Aber Charles war nicht Churchill - solche und ähnliche Fehleinschätzungen und -entscheidungen sollten ihn letztlich Thron und Leben kosten. Und wie hätte die Alternative ausgesehen? Dikigoros will es Euch verraten, liebe Leser, indem er Euch von einer kleinen, in den Geschichtsbüchern kaum beachteten Episode berichtet: Zwei Wochen später, im Oktober 1645, standen Cromwells Truppen vor Basing House, einer kleinen Festung nicht weit von Bristol, damals letzte Zufluchtsstätte der englischen Katholiken. Die Besatzung ergab sich nicht, die Festung wurde gestürmt und dem Erdboden gleich gemacht wie einst Karthago. Alle, die darin waren, ob Soldaten, Zivilisten oder Priester (waren ja eh nur Papisten), Frauen, Greise oder Kinder, wurden ermordet. Wie wir sehen, war Cromwell durchaus kein Rassist oder Nationalist, der etwas gegen Iren oder Schotten gehabt hätte, sondern einfach ein religiöser Fanatiker: Katholiken waren Ketzer, und Ketzer gehörten euthanasiert, Amen. Nein, pardon, liebe Leser, das letzte Wort nimmt Dikigoros zurück, denn er will hier keinen falschen Zungenschlag hinein bringen. Auf das öffentliche Feiern der katholischen Messe stand zwar in ganz England in Todesstrafe, aber es sollte kein "schöner Tod [Ev-thanatos]" sein, sondern ein besonders un-schöner: Die Delinquenten wurden erst aufgehängt, aber nicht bis zum Tode, sondern anschließend bei noch lebendigem Leibe gevierteilt.

Tatsächlich entließ Charles seinen Neffen nicht, weil er Bristol verloren hatte, sondern weil er angesichts der vernichtenden Niederlage von Naseby zum Frieden riet. (Vielleicht wollte er auch deshalb keine Soldaten mehr für die unnütze Verteidigung Bristols opfern.) Das war nur vernünftig, und die meisten Geschichtsbücher faseln denn auch etwas vom "Ende des ersten Bürgerkriegs". Aber in der Sache ist das schlicht falsch, denn Charles dachte gar nicht daran, Frieden mit den Rebellen, pardon Parlamentariern zu machen. Zwar kam es vorläufig in England zu keinen weiteren Kampfhandlungen, aber in Schottland gingen die Stellvertreter-Kämpfe zwischen den Anhängern des Königs (unter den Grafen Argyle und Glamorgan) und seinen Gegnern (unter Graf Montrose) weiter. Kurz nach dem Fall Bristols schloß Glamorgan den Vertrag mit den Iren, den im Film Charles mit dem papistischen Gesandten abschließt: Die Iren sollten 10.000 Soldaten stellen, im Gegenzug sollten ihnen die enteigneten Grundstücke zurück gegeben und die katholische Kirche wieder in ihre alten Rechte eingesetzt werden. Das Unterhaus ging die Wände hoch und legte dem König seinerseits die "Propositions of Newcastle" vor: Alle "ketzerischen" Religionen sollten verboten werden und dem Unterhaus alle militärischen und außenpolitischen Befugnisse übertragen werden, also zur Legislative auch die Exekutive - wohlgemerkt nicht nur für England, sondern auch für Irland und Schottland. Natürlich lehnte Charles das ab: Wenn er die Befugnisse der Exekutive aus der Hand gab und sie dem Unterhaus - der Legislative - übertrug, machte er sich doch selber überflüssig!

Zurück zum Film. Königliches Hauptquartier, 1646. Charles I schickt die Königin und seinen ältesten Sohn Charles (II) nach Frankreich: "Mit Gottes Hilfe wirst du eines Tages die Herrschaft zurück gewinnen." Wie gesagt - alle glauben, daß Gott auf ihrer Seite stehe... Aber in der nächsten Szene steht erst einmal Harris auf der Matte und erklärt Charles, daß er ihn verhaften müsse. "In wessen Auftrag?" - "Im Auftrag des Parlaments." - "Das hat dazu kein Recht; das Parlament steht nicht über dem König." - "Um das zu klären haben wir den Bürgerkrieg ja geführt," versetzt Harris trocken. Auch das ist historisch falsch, denn sobald Königin und Thronerbe nach Frankreich aufgebrochen waren, begab sich der König mit dem Rest seiner Familie ebenfalls auf die Flucht - in die entgegen gesetzte Richtung, nach Schottland. (Anders wäre die folgende Szene auch kaum zu verstehen, denn mit einem gefangenen König hätte das Parlament wohl kaum zu verhandeln brauchen.)

Wieder ein Gottesdienst. Ein Bote tritt ein und informiert Harris, daß John Pym gestorben sei und daß das Parlament nunmehr Frieden mit dem König machen und die Armee auflösen wolle - treibende Kraft sei einmal mehr Manchester. Harris bespricht sich mit Henry Ireton - der längst sein Stellvertreter geworden ist und ihm nicht von der Seite weicht. Der schlägt vor, das Parlament aufzulösen und die Regierung auf das Militär zu stützen. Wie alles, was Ireton bisher vorgeschlagen hat, weist Harris diesen Vorschlag weit von sich: "Ausgeschlossen, das wäre ja eine Militärdiktatur! In einer Demokratie muß das Parlament herrschen! Dann eilt er nach London, um das Unterhaus zu überreden, die Armee nicht aufzulösen. Aber da beißt er auf Granit, und Manchester meint höhnisch: "Mr. Cromwell, in dieser Frage habe ich die Mehrheit auf meiner Seite!" Aber da hat er nicht mit Cromwells Wetterwendigkeit gerechnet: "Mr. Fairfax!" bellt Harris seinen militärischen Oberbefehlehaber herbei, und der marschiert auch sogleich mit einem Trupp Soldaten ein. "Jetzt habe ich wieder die Mehrheit!" verkündet Harris triumpfierend. "Staatsstreich! Militärdiktatur!" rufen nun die Abgeordneten - und natürlich haben sie Recht. Aber sind sie auch im Recht? Hatten wir diese Frage nicht schon einmal gestellt? Richard Harris gibt eine neue Antwort: "Ich schwöre bei Gott," bellt er, "daß Ihr mir keine andere Wahl laßt." Als was? Die Filmszene bricht mit diesen Worten ab; und der Zuschauer kann daraus nur schließen, daß Cromwell das Parlament aufgelöst hat.

Und wenn schon... Dikigoros will hier nicht den Advocatus Diaboli spielen - dafür hat er zu oft geschrieben, daß ihm der Parlamentarismus keineswegs sacrosanct ist und die Parlamentarier keine heiligen Kühe, die man nicht auch mal schlachten dürfte. Aber einiges, was der Film hier in ein paar Szenen abhandelt, die einander scheinbar unmittelbar und mit zwingender Logik folgen, ist völlig schief dargestellt und muß einmal gerade gerückt werden - vor allem in Bezug auf den historisch korrekten Zeitablauf: Was im Film praktisch an einem Stück geschieht, zog sich tatsächlich über mehrere Jahre hin, und nicht immer in der Reihenfolge, wie sie Hughes vorgibt: Wie gesagt war John Pym schon im Dezember 1643 gestorben, und Charles hatte sich nach der Abreise seiner Frau und seines Sohnes 1646 nicht einfach von Cromwell verhaften lassen, sondern war seinerseits geflohen - nach Schottland. (Bereits zum zweiten Mal. Welcher Teufel ihn dabei ritt, weiß Dikigoros nicht. Die Kinozuschauer brauchen sich darüber keine Gedanken zu machen, da Hughes ihnen Charles' erste Flucht Flucht dorthin, die beinahe in der Katastrofe endete, vorenthält :-) Die "Propositionen" lehnte er aus gutem Grunde ab, und das einzige Argument, das dem Unterhaus in London jetzt noch einfiel, war Schmiergeld - und es sollte Erfolg haben: Im Januar 1647 verriet der schottische Graf Judas, pardon Argyle, den König und lieferte ihn an das Unterhaus aus, für ein Blutgeld von 400.000 Silberlingen ["Pound Sterling"]. (Eine ungeheure Summe, entsprechend etwa einer heutigen Kaufkraft von 80 Millionen Teuro - so viel haben nicht mal die USA auf den Kopf von Bin Lādin oder Saddam Hussein ausgesetzt!) Inzwischen war es zu ernsthaften Differenzen zwischen dem Parlament - in dem immer noch viele Presbyterianer saßen - und dem Militär gekommen: Das Heer wollte ein stehendes werden und sich so als dauerhafter Machtfaktor etablieren; das Unterhaus wollte die nutzlosen Fresser nach Beendigung des Bürgerkriegs entlassen - möglichst ohne Sold. Das Militär besetzte daraufhin London und kidnapte den Parlamentariern ihren königlichen Gefangenen weg - wahrscheinlich beides mit Cromwells Wissen, obwohl der sich nach außen hin (noch) zurück hielt. Und das Unterhaus sollte Cromwell erst im Dezember 1648 "purgieren" (d.h. alle Abgeordneten, die keine Puritaner waren, ausschließen) und erst im Februar 1649 ganz auflösen. Die nächste Film-Szene aber spielt entweder Mitte Juli 1646 (als dem König die "Propositions of Newcastle" vorgelegt wurden) oder Anfang November 1647 (als ihm die "Four Bills" vorgelegt wurden) - soweit sie denn überhaupt historisch ist.

Charles spielt mit seinen Kindern Blindekuh in einem weitläufigen Park, wo er offenbar gefangen gehalten wird. Hyde - auch diese linke Bazille ist noch immer bei ihm - meldet ihm Harris. Der präsentiert Alec seine Bedingungen, pardon, "Vorschläge [propositions]" für eine Arrangement - sieh mal an, will er sich jetzt etwa plötzlich auf die Seite des Königs schlagen? Das wäre schon ein merkwürdiges Revirement des coalitions, denn auch der König stellt plötzlich eine ganz merkwürdige Frage: "Sind diese Propositionen mit dem Parlament abgesprochen?" Seit wann fragt er denn danach? Aber darauf kommt es schon nicht mehr an, wie wir Harris' Antwort entnehmen können: "Das Parlament vertritt nicht länger die wahren Interessen des Volkes und der Nation." - "Repräsentiert Ihr denn die wahren Interessen dieses Volkes und dieser Nation, Mr. Cromwell?" - "Ich vertrete die Armee; die ist das Herz und das Gewissen des Volkes." - "Ach so; nachdem Ihr Euch mit dem Parlament überworfen habt, kommt Ihr jetzt, um mit dem König zu verhandeln?!" legt Sir Alec den Finger in die Wunde. "Ich brauche mit niemandem zu verhandeln," bellt Harris zurück, "mit 50.000 Mann unter meinem Kommando kann ich jederzeit die Regierungsmacht ergreifen." - "Warum tut Ihr es dann nicht, Mr. Cromwell?" - "Weil ich überzeugt bin (Harris spricht das Wort "überzeugt" mit einer Überzeugung aus, die einmalig ist, geradezu inbrünstig-religiös - und trifft damit wahrscheinlich den historischen Cromwell auf den Punkt), daß die Verfassung vom Parlament gemacht werden muß." - "Wofür braucht Ihr dann mich?" - "Weil ein England ohne König undenkbar ist." - "Vielleicht habe ich Euch Unrecht getan; ich hätte Euch mehr Ehrgeiz unterstellt." - "Diesbezüglich bin ich ehrgeizig." - "Respekt." - "Danke," sagt Harris und geht, wohl in dem Glauben, den König überzeugt zu haben. War das nicht ein netter, versöhnlicher Dialog, liebe Leser, ein "gutes Gespräch", wie die Politiker zu sagen pflegen, wenn die Reporter sie fragen? Täuscht Euch nicht, keiner der beiden hat es ehrlich gemeint - Cromwell nicht in der historischen Wirklichkeit, und Charles jedenfalls nicht im Film, wie wir sogleich erfahren, als er zu Hyde sagt: "Dieser Cromwell ist ein Intrigant." - "Ich halte ihn für aufrichtig," entgegnet Hyde, "Ihr könntet den fast verlorenen Thron leicht zurück gewinnen, Sire." - "Was immer in diesen Propositionen steht," sagt Sir Alec, "für mich als König ist das inakzeptabel."


weiter zu Teil III

zurück zu Teil I

heim zu Die [un]schöne Welt der Illusionen