Von Affen, Wilden und Angelsachsen
CHARLES  DARWIN:
ON THE ORIGIN OF SPECIES*
* Über den Ursprung der Arten

"Durch Auslese, Kreuzung, bessere Ernährung und Behausung
werden langsam, aber sicher die Folgen jahrhundertelanger
Inzucht, Aushungerung, Verseuchung und Vermischung mit
schlechteren Exemplaren überwunden (. . .) Die Wege sind
gebahnt, die Möglichkeiten enthüllt. Sobald die Völker be-
reit sind, danach zu greifen, liegt ihr Vorteil auf der Hand.
Allerdings ist es außerordentlich schwierig, ein Volk zu
vernünftiger Zuchtwahl zu bewegen, das sich z.B. wei-
gert, weil es gottlos sei, die Gaben des Himmels zu
wiegen oder zu messen." (Katherine Mayo, 1928)

[Darwin] [Karikatur] [Affe mit Totenkopf]

Ein Kapitel aus Dikigoros' Webseite
PAPIER IST GEDULDIG
Bücher die Geschichte machten

Ob Darwin jenes einleitende Zitat der Amerikanerin Katherine Mayo unterschrieben hätte? Dikigoros weiß es nicht; aber er darf doch seiner Verwunderung darüber Ausdruck verleihen, daß jene Frau ausgerechnet den Indern (und ihren Kühen - was aber für sie mehr oder weniger das gleiche ist) "Minderwertigkeit" infolge mangelnder Zuchtwahl vorwirft, da doch sie selber - wie so viele Gutmenschen bis heute - den Indern an anderer Stelle genau das Gegenteil vorwirft, nämlich noch immer (seit 1945 als einziges Volk auf der Welt) menschliche Zuchtwahl zu betreiben, durch ihr - jedenfalls beim Heiraten - immer noch peinlichst genau eingehaltenes Kastensystem. (Aber über diese und andere Ungereimtheiten bei Mayo könnt Ihr, liebe Leser, an anderer Stelle nachlesen.) Aber ist diese Frage überhaupt Gegenstand der Bücher Darwins im allgemeinen und seines Hauptwerkes, "Vom Ursprung der Arten", im besonderen? Mitnichten, liebe Leser, die Ihr es wahrscheinlich nie selber gelesen, aber dafür umso mehr aus zweiter Hand von Begriffen wie dem "Darwinismus" oder seinem vermeintlichen Gegensatz, dem "Lamarckismus" erfahren habt. Schlagt mal in einem x-beliebigen Lexikon oder Schul- und Märchenbuch nach, dann werdet ihr sinngemäß etwa folgendes finden: "Darwin erfand die Theorie, daß menschliche ebenso wie tierische Eigenschaften angeboren sind, durch Vererbung weiter gegeben und beim Kampf ums Überleben von der Natur ausgelesen werden, daß man sie folglich durch Zuchtwahl verbessern könne; damit wurde er zum geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus. Lamarck dagegen erfand die Theorie, daß während des Lebens erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten als neue Eigenschaften vererbt werden, daß man folglich den neuen Menschen nicht züchten könne, sondern erziehen müsse; damit wurde er zum geistigen Wegbereiter des Kommunismus." Daran ist so ziemlich alles falsch - nein, nicht an den Theorien (auf die Frage, ob die falsch oder richtig sind, kommen wir am Ende noch einmal zurück), sondern an dem, was man daran Darwin bzw. Lamarck zugeschrieben hat. Aber wie konnte es zu einer solchen Verdrehung der Wissenschaftsgeschichte kommen?

Nun, liebe Leser, Ihr wißt doch - zumal wenn Ihr schon ein paar von Dikigoros' Reisen durch die Vergangenheit mit gemacht habt - wie viele Verdrehungen der politischen Geschichte heute in Umlauf sind - warum sollte das in der Geschichte der Naturwissenschaften so viel anders sein? Oder wenn Ihr es denn als Glaubensfrage oder "Ideengeschichte" auffassen wollt: Heißt denn die Religion, der die meisten von Euch wenigstens pro forma anhängen, nach ihrem Erfinder Schaulismus oder Paulismus? Nein, sie heißt "Christentum", nach jemandem, der sich wahrscheinlich im Grabe umdrehen würde, wenn er wüßte, was man da nach ihm benannt hat. Was hat also Darwin geglaubt (und geschrieben)? Die meisten Leute, die überhaupt von Darwin gehört haben, würden darauf wohl spontan antworten: "daß der Mensch vom Affen abstammt". Aber das hat er nie behauptet, sondern nur, daß der Mensch und der Affe gemeinsame Vorfahren hatten, und daß aus diesen durch unterschiedliche Veränderungen ("Transmutationen" - dieser von Darwin gebrauchte Begriff ist nicht identisch mit dem Begriff "Mutation", den der Niederländer Hugo de Vries zu Beginn des 20. Jahrhunderts einführte) zum einen Affen und zum anderen Menschen entstanden sind, so wie sich das Leben auf der Erde insgesamt von älteren, "niederen" Formen (womöglich sogar einer einzigen, primitiven "Urform") zu immer "höheren" fort entwickelt habe, eben auch durch solche "Mutationen" (von denen die Natur immer die besten auswählte, indem sie ihre Fortpflanzung begünstigte - "natürliche Selektion" nannte er das), daß es also nicht von Anfang an - bzw. vom fünften Tage an - alle heute existierenden Arten vorhanden waren, wie es in der Bibel steht. Diese Theorie einer allmählichen Entwicklung ("Evolution") grenzt[e] nach Meinung vieler seiner - und unserer - Zeitgenossen, die an eine einmalige Schöpfung ("Creation") durch Jahwe - oder Allah - glaub[t]en, an Gotteslästerung.
(...)

* * * * *

Von den sechs im 19. Jahrhundert geborenen Menschen, über die bis heute am meisten geschrieben worden ist, waren fünf Deutsche - ein sächsischer Kapellmeister, ein jüdischer Professor für National-Ökonomie, ein sächsischer Professor für Altfilologie, ein jüdischer Professor für Medizin und ein österreichischer Postkartenmaler (den manche auch irrtümlich für einen "böhmischen Gefreiten" hielten), der eines Tages beschloß, Politiker zu werden - und einer Brite: ein verkrachter Student der Medizin, der Biologie und der Geologie, der eines Tages beschloß, entgegen dem Wunsch seiner Familie nicht Pfarrer zu werden. Die Kirche vertrat nämlich damals (wie heute :-) allerlei krause Theorien, an die er nicht so recht glauben wollte, z.B. daß Gott in einer Arbeitswoche erst Himmel und Erde, dann die Pflanzen, Tiere und schließlich den Menschen geschaffen hatte - aus einem Klumpen Lehm. Letzteres war offensichtlich der gröbste Unfug, aber ausgerechnet an den klammerte sich die Kirche mit unglaublicher - und unglaubhafter - Hartnäckigkeit. Alles andere nahm eh schon lange niemand mehr ganz ernst: Jeder erfahrene Landwirt wußte, daß Pflanzen und Tiere sich weiter entwickelten, daß man sie sogar züchten konnte, und niemand empfand es als Sünde, Gott solchermaßen ins Handwerk zu pfuschen. Aber beim Menschen, der vermeintlichen Krone der Schöpfung, sollte eine Ausnahme gelten: da blieb es beim Lehmklumpen. Gewiß, Charly, unser verkrachter Student, hatte auch schon anderes gelesen, zum Beispiel "Das System der Tiere" von einem gewissen Lamarck, 65 Jahre älter als er, der die Begriffe "Biologie" und "Evolution" erfunden hatte und behauptete, daß der Mensch vom Affen abstamme, genauer gesagt vom Schimpansen. Oder die Werke eines gewissen Humboldt, der lange Zeit durch Lateinamerika gereist war und darüber viele dicke Bände verfaßt hatte, u.a. "Vom Orinoko zum Amazonas". All die Klamotten, die er da zusammen getragen und beschrieben hatte (er war Naturforscher) deuteten ebenfalls darauf hin, daß sich gewisse Lebensformen auf der Erde im Laufe der Zeit "entwickelt" hatten, also nicht immer so gleich geblieben waren wie es die bibeltreuen Anhänger der Schöpfungstheorie glaubten. Freilich hatte Charly auch Bücher gelesen, die von alledem nichts wissen wollten, z.B. die "Prinzipien der Geologie" seines Namensvetters Lyell, der meinte, es sei eine ganz abstruse Idee, daß es eine "Entwicklung" geben könnte von häßlichen Affen über menschenfressende Wilde bis zu vornehm an ihren Sherrygläsern nippenden Angelsachsen. (Jawohl, genauso lautete seine Argumentation - deshalb hat sie Dikigoros auch für den Titel gewählt.) Im Jahre 1831 - Charly war jetzt 22 - bekam er das Angebot, auf Weltreise zu gehen, um sich ein eigenes Bild zu machen, und nahm es an. Auf Weltreise gehen ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck; denn für eine Reise um die Welt gab es damals - zumal für einen Briten - nur ein Verkehrsmittel: das Segelschiff, und das brachte Charles Darwin zunächst einmal nach Südamerika.

Was genau er dort suchte bzw. finden wollte? Nun, in erste Linie Beweise für oder gegen die Theorien Lamarcks. Nein, nicht was Ihr denkt, liebe Leser, sondern dessen Klassifizierung der Korallen hatte es ihm angetan, und er glaubte, da etwas besseres auf die Beine stellen zu können - kistenweise schickte er das Zeug nach England. Na und? Warum hält sich Dikigoros mit solchen Nebensächlichkeiten auf, statt gleich auf den Teil jener Reise zu kommen, von dem Ihr, liebe jüngere Leser, so Ihr Euch mal etwas eingehender mit Darwin beschäftigt habt (als Dikigoros jung war, war das noch nicht möglich, da seine Original-Briefe und -Notizen erst in den Jahre 1985-87 veröffentlicht wurden; bis dahin gab es nur von seinen Erben zensierte Fragmente), wahrscheinlich für den entscheidenden haltet, nämlich seine Erlebnisse auf den Galapagos-Inseln. Die Antwort auf diese Frage ist ganz banal: weil da schon alles entschieden war, denn dort traf er ja nur auf irgendwelche Tierarten, und wie wir bereits gesehen haben, glaubte an die Unveränderlichkeit der Tiere seit den Zeiten des Paradieses eh niemand mehr. Aber die Menschen? Auf den Galapagos-Inseln gab es keine. Wo hatte Darwin also das Schlüsselerlebnis, auf das alle seine späteren Theorien über die Entwicklung des Menschen zurück gehen? Wart Ihr mal auf den Galapagos-Inseln, liebe Leser? Wenn ja, dann wahrscheinlich nur mit einer der zahlreichen "geführten" Tourismus-Gruppen, zu einem ebenso kostspieligen wie nichtssagenden Ausflug von Ekuador aus; und wenn nein, dann habt Ihr nicht allzu viel versäumt. Wart Ihr mal in Feuerland? Wahrscheinlich auch nicht, denn in Bariloche ist meist Ende der Fahnenstange (und dort ist es ja auch sehr schön - warum sollte man sich da noch weiter südlich quälen :-). Und Ihr habt auch nicht viel versäumt, denn die Menschen, die Darwin dort noch antraf, sind heute entweder ausgerottet oder zivilisiert - und damit nicht mehr brauchbar für die Gedankengänge, die er bei ihrem Anblick anstellte: Ja, es waren minderwertige Kreaturen, aber offenbar Menschen, und dennoch standen sie kulturell dem Orang Utan im Zoo von London näher als einem Briten - es mußte also eine Entwicklungslinie vom Affen über den Wilden zum modernen Menschen geben. (Darwin vertraute diese Überlegungen nur seinem Reisetagebuch an und wagte nie, sie in dieser Deutlichkeit zu veröffentlichen; erst anderthalb Jahrhunderte später sollten sie bekannt werden.) Alles andere, von den Korallen bis zu dem Viehzeug von den Galapagos-Inseln, diente ihm fortan nur noch dazu, diese These Lamarcks - die er als richtig erkannt hatte und nunmehr zu seiner eigenen machte - zu erhärten.

Aber eine kleine Episode muß Dikigoros hier noch einschieben, die bisher von niemandem so recht beachtet wurde, obwohl sie seit kurzem wieder von brennender Aktualität ist. Er würde sie "Die Apfelbäume von Chiloé" überschreiben. Die Einheimischen hatten riesige Apfelplantagen angelegt, indem sie Knospen abschnitten und einfach in die Erde steckten; und aus diesen Setzlingen wuchsen alsbald neue Bäume heran. Na, wer hätte das gedacht? Aber Darwin - der das künstliche Züchten von Pflanzen und Tieren zeitlebens als "unnatürlich" ablehnte (was hätte er wohl gesagt, wenn er geahnt hätte, daß seine Lehren später zur Rechtfertigung der "Zuchtwahl" beim Menschen herhalten sollten?) - dachte da in eine ganz bestimmte Richtung: Gab es nicht so etwas wie eine "Lebenskraft" in einem bestimmten Organismus, und erschöpfte die sich nicht bei allzu ausgedehnter Strapazierung? Mit anderen Worten: Mußten nicht die künstlich gezogenen Apfelbäume ebenso schnell absterben wie ihr Elter, da sie doch nicht durch geschlechtliche Kreuzung verjüngt worden waren? Darwin benutzte eine andere Terminologie als wir heutigen, und er wußte offenbar nicht, daß die Knospen sehr wohl schon befruchtet waren - sonst wären die Setzlinge ja nicht zu Bäumen heran gewachsen -, aber seine Überlegung war vollkommen richtig, auch wenn sie Jahrzehnte lang ignoriert oder allenfalls belächelt wurde: Wie war das mit dem Klon-Schaf Dolly, das auch aus nur einem Elter, d.h. ohne geschlechtliche Kreuzung "hergestellt" wurde? Richtig, es starb zur gleichen Zeit wie seine Mutter, und wiederholte Klonversuche ergaben das gleiche, nur für die modernen Genklempner überraschende Ergebnis. Hätten sie nur Darwin gelesen und ernst genommen! Es gibt also tatsächlich in den Zellen so etwas wie das, was Darwin "Lebenskraft" nannte; und seine Schlußfolgerung war so klar wie sie uns heute noch sein sollte: Ohne geschlechtliche Kreuzung gibt es keine Unsterblichkeit der Gene, sondern nur sterbliche Kopien! (Dikigoros muß zugeben, daß ihn das einigermaßen beruhigt - sonst hätte frau die Männer vielleicht eines Tages als genetisch überflüssig abgeschafft :-)

Ach so, und dann war da natürlich noch der Besuch auf den Galápagos-Inseln, von dem Ihr wahrscheinlich alle in Euren Schulbüchern gelesen habt. Darwin fand dort allerlei Finken, deren Schnäbel sich leicht unterschieden, und schloß daraus... gar nichts! Ihm fiel nämlich damals nicht einmal auf, daß sich die einzelnen Arten auf jeweils einzelne Inseln beschränkten, also auf eine ganz bestimmte Lebensnische, und außerdem betrachtete er die bloße Veränderung von Schnabelformen (ansonsten blieben sich die Tiere gleich) nicht als echte Mutation ("Transmutation", wie er sagte), sondern "nur" als "Modifikation". Was Darwin letztlich unter diesem Begriff verstand, ist Dikigoros nicht ganz klar - und anderen auch nicht; der Gegensatz zu Lamarck, den man später daraus konstruiert hat, geht auf diese Unklarheit zurück, denn Darwin war zwar wie jener der Auffassung, daß "Modifikationen" vererbbar waren, aber solche Veränderungen der Schnabelform waren ja nach unserem heutigen Verständnis gar keine Modifikationen, sondern eben doch Mutationen. Aber Darwin glaubte auch an die Vererbung "echter" Modifikationen, wie sie Lamarck postuliert hatte: Enten und Fischotter z.B. hätten ihre Schwimmhäute zwischen den Zehen durch generationenlanges fleißiges Schwimmen bekommen, Giraffen ihre langen Hälse durch generationenlanges Strecken nach hohen Baumkronen - nur bei der "Krone der Schöpfung" war er sich noch nicht ganz sicher, z.B. ob sich der kräftige Bizeps eines Schmiedes durch generationenlanges Schmieden vom Vater auf den Sohn vererbte. Erst lange nach seiner Rückkehr erinnerte sich Darwin an die Finken und bedauerte, nicht darauf geachtet zu haben, von welchen Inseln sie jeweils kamen. Und die schönen Schildkröten mit den unterschiedlichen, pardon modifizierten Mustern auf dem Panzer? Ja, von denen nahm er reichlich mit - als Proviant. Nach einigen Wochen hatte der Smutje sie allesamt verbraten, und die Panzer ließ Darwin - der sonst jeden Mist aufhob oder nach Hause schickte - ungerührt über Bord werfen. Das ist die ernüchternde Wahrheit über Darwins großartige Reise zu den Galápagos-Inseln und die dort von ihm gewonnenen Erkenntnisse über die Evolution im allgemeinen und die Abstammung des Menschen im besonderen! (Die Behauptung, Darwin habe doch eine lebende Schildkröte mit genommen, und diese sei erst anno 2006 in Australien gestorben, hält Dikigoros mit Verlaub für ein Märchen, mit der ein Zoo sich und seine Schildkröte "Harriet" wichtig machen wollte :-)

Als Darwin wieder zuhause war, machte er sich zunächst als Geologe einen Namen - schließlich hatte er von seiner Reise jede Menge bis dato unbekannter Fossilien, Muscheln usw. mitgebracht. Aber 1837 begann er heimlich ein Buch zu schreiben, das ursprünglich den Titel "Zoonomia" tragen sollte. Er schrieb darin Dinge, die so revolutionär waren, daß er sie nie zu veröffentlichen wagte, denn sie nahmen gewissermaßen die Theorien der "Psychobiologen" anderthalb Jahrhunderte vorweg: Bestimmte Verhaltensweisen, ja sogar Denkmuster seien ebenfalls vererbt, denn man könne sich Denken schwerlich als etwas anderes vorstellen als eine "Gehirnstruktur". Auch das ist nicht ganz mit unseren heutigen Begriffen ausgedrückt, aber es trifft den Kern. Und da Dikigoros auf dieser "Reise durch die Vergangenheit" dem Kapitel über Darwin ja auch ein Kapitel über Nietzsche folgen läßt, will er an dieser Stelle noch erwähnen, daß Darwin auch eine zentrale Idee Nietzsches im Zusammenhang mit dem "Willen zur Macht" vorweg genommen hat - was freilich noch niemandem aufgefallen zu sein scheint, da der letztere ja mit penetranter Hartnäckigkeit fehlinterpretiert wird: Den so genannten "freien Willen" gibt es nicht; der "Wille" ist Ausfluß einer natürlichen Gesetzmäßkeit, die uns "wollen" läßt. (Aber das nur am Rande; die Einzelheiten könnt Ihr im Kapitel über Nietzsche nachlesen.) Ganz auf Darwins eigenem Mist war das freilich nicht gewachsen; er fußte dabei vielmehr auf Überlegungen, die schon ein gewisser Charles Babbage anno 1837 unter dem Titel "Der neunte Brückenwasser-Traktat" veröffentlicht hatte.

(...)

Auf wessen Mist ist aber dann die Übertragung von Darwins biologischen Lehren auf die Soziologie und Politik gewachsen? Nun, das war sein Landsmann und Zeitgenosse Herbert Spencer, der in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts vier dicke Wälzer mit dem Titel "System der synthetischen Filosofie" schrieb, die eigentlich dazu gedacht waren, den britischen Imperialismus moralisch und "wissenschaftlich" zu rechtfertigen: Im "Kampf ums Dasein" mußten sich auch bei den Nationen die stärksten durchsetzen, und das waren natürlich in seinen Augen die Angelsachsen. [Die Angelsachsen selber behaupten heute gerne, der "Bösewicht", der aus dem Darwinismus den "Sozial-Darwinismus" machte, sei nicht Spencer, sondern der Deutsche Ernst Haeckel gewesen. Das stimmt so nicht. Haeckel fand heraus, daß der menschliche Embryo während der Schwangerschaft quasi im Schnelldurchgang die Entwicklungsstadien "niederer" Tiere durchläuft, was Darwins Lehre untermauerte; und er machte einige Auffassungen Spencers in Deutschland bekannt - mehr aber auch nicht.] Und umgekehrt konnten nur die "fittesten" überleben, die anderen waren zum Untergang verurteilt. Ihr meint, liebe Leser, die Wendung "survival of the fittest" stamme doch von Darwin? Ihr irrt - die stammt von Spencer; aber sie hat Darwin so gut gefallen, daß er sie in den späteren Auflagen seines Buches "Of Species" übernahm! Darwin teilte also als guter Brite die Auffassungen Spencers - aber er war nicht ihr Urheber! Nun gab es auch noch viele andere, die diese Auffassungen teilten, u.a. der Franzose Gobineau und der Brite Houston Stewart Chamberlain, die Darwins Forschungen als Bestätigung ihrer - bereits zuvor veröffentlichten - Rassenlehren auslegten (von wegen "lebenswert" und/oder "lebensunwert" - dabei deckte sich das englische Wort "race", wie es Darwin gebrauchte, durchaus nicht mit dem deutschen Wort "Rasse"), und darauf wiederum beriefen sich die "Eugeniker" und die Anhänger der "Euthanasie" - zuerst in England und den USA, später auch in Skandinavien, und für ganz kurze Zeit auch mal in Deutschland. Dennoch werden heute im Rückblick die zwölf Jahre des "Dritten Reichs" mit penetranter Einseitigkeit in den Vordergrund geschoben, und Darwin wird, vor allem von jüdischer Seite, als der "Schuldige" am "Holocaust" ausgegeben - als ob der etwas mit seinen Lehren zu tun gehabt hätte! Daß im Tierreich - und sicher auch beim Steinzeitmenschen - das stärkere Männchen dem schwächeren die Frauen und die Beute weg nahm und es, wenn es sich das nicht gefallen lassen wollte, auch tötete, mag ja sein; aber dazu brauchte es doch nicht zu "mutieren"! Und wenn ein einzelnes Männchen - eben das stärkste - versucht hätte, sich alle Weibchen alleine unter den Nagel zu reißen, um allein seine Erbmasse weiter zu geben, dann wären die Populationen im Erfolgsfall wohl ziemlich klein geblieben und im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung denjenigen unterlegen, in denen ihm das nicht gelungen wäre - weil sich die vielen Schwächeren zusammen taten, um eben das zu verhindern. (Siegmund Freud hat das in einem seiner Aufsätze über die "Brüderhorde" sehr hübsch beschrieben.) Die schwächeren Angehörigen einer Gesellschaft zu töten, statt sie am Leben zu lassen und für die eigenen Ziele einzuspannen, könnte also genau die falsche Strategie sein - womit Dikigoros nicht behauptet haben will, daß die Briten das nicht begriffen hätten: Wiewohl sie ihre Kolonialvölker durchweg für "minderwertig" hielten, verstanden sie es doch stets, in Auseinandersetzungen mit Dritten bis zum letzten Neger, bis zum letzten Inder und bis zum letzten anderen Dummen zu kämpfen, der sich dafür mißbrauchen ließ. [Auch Darwin wußte übrigens, daß eine Population nur dann gesund war, wenn sie eine gewisse Bandbreite von "Variationen" aufwies, d.h. wenn nicht nur die "Stärksten" oder die "Besten" sich fortpflanzten. Das ist eigentlich nur logisch: Jeder Mensch hat gute und schlechte Eigenschaften - das meint Dikigoros nicht moralisch, sondern ganz sachlich -, und weder die guten noch die schlechten sammeln sich alle in denselben Individuen. Einer läuft vielleicht besonders schnell, aber nicht besonders ausdauernd - und umgekehrt. Der andere kann vielleicht schwimmen, ist aber ein schlechter Kletterer. Oder, auf die Moderne angewandt: Der eine mag ein guter Landwirt sein, der andere ein guter Handwerker, der dritte ein guter Kaufmann, aber jeweils auf den anderen Feldern "schlecht" - wer will sagen, wer da der "Beste" oder der "Wertvollste" ist? Wenn man also alle Erbanlagen innerhalb einer Population erhalten will, wird man den geschickten Fallensteller auch dann sich fortpflanzen lassen müssen, wenn er ein schlechter Jäger ist, und umgekehrt, den tapferen Soldaten auch dann, wenn er des Lesens und Schreibens unkundig ist usw. Wenn man das nicht tut, dann schädigt man unweigerlich den Genpool als ganzes.]

Ihr wollt jetzt bitte zwei Fragen ganz scharf trennen, liebe Leser, nämlich 1.: Ist eine "Zucht" im Sinne von "Auslese" beim Menschen ebenso möglich wie beim Tier? Und 2.: Ist auch der Mensch eine Folge von genetischen "Mutationen"? Die erste Frage ist ganz klar mit "ja" zu beantworten, denn so wie der Bauer durch die Paarung der jeweils besten Pflanzen und Tiere im Laufe der Generationen immer bessere Exemplare hervor bringen kann, so ist das auch beim Menschen möglich. Das war auch das Ziel der Ideologen - der Nazis ebenso wie der Kommunisten -, aber das hat überhaupt nichts mit der zweiten Frage zu tun, denn bei einer solchen "Zucht" wird ja das Erbgut nicht verändert (es "mutiert" nicht), sondern nur neu gemischt. Und genau an diesem Punkt lag Spencer falsch; der glaubte nämlich, daß durch solche "Zuchtwahl" irgendwann Mutationen zu höherwertigem Erbgut eintreten müßten - an dessen Ende natürlich der Engländer stand. Aber das ist ein Trugschluß. Überlegt doch mal: Warum sollte bei einer derartig perfekten Kombination ein Anlaß zu Mutationen bestehen? Und wenn doch welche zustande kämen - wäre dann nicht gerade bei den "besten" Exemplaren die Wahrscheinlichkeit am höchsten, daß diese Mutation schädlich ist? Ja, die meisten Mutationen sind schädlich. (Oder glaubt Ihr wirklich, daß die Affenpinscher und all das andere Viehzeug, das der Mensch aus dem Wolf gezüchtet hat, sei dem letzeren genetisch "überlegen"? Oder ein krankes, nur durch reichlich Medikamente am Leben erhaltenes Zuchtschwein mit Extra-Rippen dem Wildschwein?) Lediglich durch ganz außergewöhnliche Umstände können sie von Vorteil sein - und die paar Gelegenheiten, bei denen das in der Geschichte des Menschen der Fall war, können wir wahrscheinlich an den Fingern einer Hand abzählen. Irgendjemand hat mal vom "survival of the unfittest" geschrieben; das mag auf den ersten Blick widersinnig erscheinen - dennoch ist etwas dran. Unsere Vorfahren lebten neben anderen Primaten irgendwo in Afrika, wo es immer schön warm war und einem die leckeren Früchte ins Maul wuchsen. Als sich entweder die Populationen vergrößerten oder aber das Klima verschlechterte, wurde es eng; und die stärkeren Primaten (alle "Menschenaffen" sind körperlich stärker - "fitter" - als der Mensch!) jagten unsere Vorfahren in die Steppe. Und als es auch dort eng wurde, verjagten die stärkeren Urmenschen die schwächeren - weniger "fitten" - ganz aus Afrika. Die meisten der letzteren dürften bei diesem Exodus drauf gegangen sein. Lediglich eine ganz kleine Gruppe überlebte im kalten Norden - dem heutigen Europa -, nämlich eine, die eine - eigentlich negative - Mutation aufwies: Stellt Euch mal vor, in Afrika kommt zu einer Zeit, die noch keine Kleidung, geschweige denn Sonnencreme oder Sonnenschirme kennt, ein Urmensch mit heller Haut zur Welt - er hätte Dank dieser Mutation ständig Sonnenbrand und würde bald an Hautkrebs eingehen. Aber im kalten Europa wird dieser Defekt plötzlich zum Selektionsvorteil, weil er es ermöglicht, die lebenswichtigen Sonnenstrahlen - im Norden ein hohes, seltenes Gut - besser aufzunehmen. A propos Kleidung: Wie geht es denn weiter? Wenn es in Europa immer kälter wird, die Eiszeit kommt, überlebt dann derjenige, der möglichst dicht behaart ist und eine schöne Speckschicht unter der Haut hat? Nein, auch das ist ein Trugschluß. Überleben tut vielmehr derjenige, der das nicht oder nur in geringem Maße hat und deshalb früher als alle anderen gezwungen ist (auf die "Idee" kommt), seine diesbezügliche Schwäche dadurch auszugleichen, daß er sich ein Bärenfell umhängt. (Nein, das kann ihm nicht jeder abgucken und nachmachen - seine Kinder, seine Familie, sein Stamm vielleicht; aber der nächste Stamm, der isoliert im übernächsten Tal lebt, kommt zu spät - man erfriert sehr schnell bei einem Temperatursturz, jedenfalls schneller als man genügend Tiere erlegt hat, denen man das Fell über die Ohren ziehen kann, um einen ganzen Stamm einzukleiden!) Was lernen wir daraus? "Intelligenz" ist immer nur ein Ersatz für körperliche Schwäche; wer groß und stark ist braucht keinen Super-IQ, also auch keine Mutation in Richtung auf ein besonders umfangreiches Großhirn! Wer schnell genug laufen konnte, um die Jagdbeute einzuholen und stark genug, um sie mit einem Schlag auf den Schädel zu erlegen, der brauchte sich nicht den Kopf über die Erfindung von Pfeil und Bogen zu zerbrechen - das taten nur die Schwachen. Und so ging es weiter; nie war der Mensch - genetisch gesehen - so schwach und von so minderwertiger Erbmasse wie heute. (Die alten Griechen wußten das; für sie war das "Goldene Zeitalter" der Menschen längst vorbei, und der Abstieg war ein kontinuierlicher.) Die Frage, ob der mit Hilfe des Großhirns geschaffene technische Fortschritt Ursache oder Folge dieser Entwicklung war, ist müßig. Aber wir müssen ns klar machen, daß die "Mutationen", die zur Fortentwicklung der Lebewesen - einschließlich des Menschen - geführt haben, genetisch kein Fortschritt waren, sondern ein Rückschritt; denn wir haben uns zwar eine "Zivilisation" geschaffen, mit deren Hilfe auch Träger relativ schlechter Erbmasse gut überleben können. (Wer braucht noch scharfe Augen, seit es Brillen und Ferngläser gibt? Wer braucht noch kräftige Arme und Beine, seit es Dampfmaschinen und Autos gibt? Und wer braucht noch gesunde Spermien, seit es künstliche Befruchtung gibt?) Aber diese Zivilisation kann sich praktisch über Nacht in nichts auflösen: Ein Krieg oder ein paar Terror-Anschläge, die unsere Stromversorgung lahm legen oder unser Trinkwasser vergiften oder sonstwie unsere künstliche Ernährungsbasis vernichten, und schon befinden wir uns wieder in der Steinzeit - aber mit einer Erbmasse, die jener der Steinzeitmenschen weit unterlegen ist, und mit der uns ein Überleben wahrscheinlich unmöglich wäre.

Schockiert, liebe Leser? Aber, werdet Ihr fragen, wie soll es denn so schnell zu einer solchen Verschlechterung der Erbmasse gekommen sein? Hatte Dikigoros nicht oben geschrieben, daß zufällige Mutationen ganz selten sind? Ja, das stimmt auch; aber an dieser Stelle müssen wir noch einmal zurück kommen auf Darwins Glauben an die Vererbbarkeit von "Modifikationen", also von erworbenen Eigenschaften. Er glaubte an die natürliche Gesetzmäßigkeit des Lebens, mit der er einen Glauben an die bloße "Zufälligkeit" von Mutationen, wie er der heute - noch - herrschenden Meinung der "Wissenschaftler" entspricht, einfach nicht vereinbaren konnte. Nun kann man auch über die genaue Bedeutung des Wortes "Zufall" geteilter Meinung sein. Die Deutschen meinen damit etwas, das ihnen "zufällt"; Franzosen und Engländer verstehen darunter [auch] eine Chance ("La chance et la nécessité [Zufall und Notwendigkeit]" betitelte Darwins Namensvetter und Wiedererwecker Monod sein Hauptwerk); die alten Griechen nannte die Göttin des Zufalls "Tyche" - davon haben wir unser Wort "Tücke" abgeleitet, und diese Kehrseite der Medaille war ursprünglich tatsächlich [auch] gemeint. Ist Darwin also in diesem - vielleicht entscheidenden - Punkt widerlegt? Schwerlich, liebe Leser, eher im Gegenteil. Dikigoros will gar nicht auf die banale Tatsache hinaus, daß ein Mensch, der vernünftig lebt und dadurch seine Fitness erhöht, unabhängig von aller Genetik selbstverständlich eine höhere Chance hat, zu überleben und sich fortzupflanzen, als einer, der sich schon in jungen Jahren zu Tode säuft, mit AIDS ansteckt oder mit dem Motorrad verunglückt. Aber wir stehen heute fast wieder an einem Punkt wie Darwin vor seiner Reise um die Welt: So wie damals jeder Landwirt wußte, daß sich pflanzliche und tierische Eigenschaften züchten lassen, so weiß heute jeder Arzt, Biologe und Genetiker, daß äußere Einflüsse wie Alkohol, Nikotin und andere Drogen, chemische und andere Umweltgifte nicht nur zu Modifikationen führen, sondern auch massiv ins Erbgut eingreifen können - von gewollten künstlichen Eingriffen in dasselbe, wie sie dem Menschen heute technisch möglich geworden sind, ganz zu schweigen. Wir können also allenfalls davon sprechen, daß wir die von Darwin postulierte Gesetzmäßkeit, mit der so genannte "Modifikationen" so genannte "Mutationen" bewirken, noch nicht erkannt haben - aber jeden Zusammenhang zu leugnen und die letzteren als puren "Zufall" zu bezeichnen, ist nur ein Zeichen von Dummheit und/oder Faulheit der "Wissenschaftler". Dikigoros legt Wert auf die Feststellung, daß er diesen Satz schon geschrieben hatte, bevor Richard Howlett und Scott Kirkton von der Universität San Diego im Frühjahr 2005 das Ergebnis ihrer Experimente mit Ratten veröffentlichten, wonach sich erworbene Eigenschaften sehr wohl vererben, allerdings erst nach sieben bis fünfzehn Generationen - die Sowjets hatten also nur nicht genügend Zeit, um ihre diesbezüglichen Experimente am Menschen zuende zu führen. Jedenfalls ist Darwin auch in diesem Punkt glänzend bestätigt. Offenbar kann ein Schmied tatsächlich seine Körperkräfte und seine Geschicklichkeit in der Eisenbearbeitung im Laufe der Generationen an seine Nachkommen weiter geben. Gewiß müssen diese seine Nachkommen ihre eigenen Muskeln wieder betätigen, sonst ist diese Erbschaft nichts wert; d.h. vererbt wird nicht der Muskel an sich, sondern die - zunehmende - Fähigkeit, ihn durch "Training" entsprechend aufzubauen; aber mehr vermögen die Gene ja ohnehin nicht zu tun. (Habt Ihr mal überlegt, liebe Leser, wie klug und weise unter diesem Aspekt die Einrichtung der Jatis in einer uralten Kultur wie der indischen ist? Die konnten und können nur Leute verteufeln, die - wie Katherine Mayo - keine Ahnung davon haben!)

Was folgt nun aus alledem? 1. Darwin hatte recht, die Vielfalt des irdischen Lebens, seiner "Arten", hat sich durch Mutationen der Gene entwickelt - es gab also eine "Evolution". 2. Mutationen brauchen Zeit, die sich nicht nach Jahren berechnet, sondern nach Generationen - Bakterien, Viren, ja selbst Insekten können sich aufgrund ihrer Zahl und ihrer schnellen Vermehrung wahrscheinlich auch vor Umweltkatastrofen, wie sie der Mensch im Begriff ist anzurichten, durch Mutation retten, d.h. das Leben auf Erden wird weiter gehen, zur Not auch ohne den Menschen (und vielleicht sogar besser als mit ihm :-). 3. Auf weitere Mutationen des Menschen zu hoffen, ist müßig - daß eine solche positive Auswirkungen hätte ist etwa so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto, und daß sich ein Träger solcher "verbesserter" Eigenschaften im "struggle for life" durchsetzen könnte, noch unwahrscheinlicher. 4. Wer sich den richtigen Ehepartner sucht und auch sonst ein vernünftiges Leben führt, um körperlich und geistig "fit" zu bleiben, der bleibt auch genetisch "fit", d.h. er braucht keine Mutationen, keinen Darwin, keinen Spencer und keine modernen Genklempner. Auch Mayo hatte also recht - allerdings, wie die Praxis zeigt, wohl auch mit ihrem pessimistischen Nachsatz.
(...)

(Fortsetzungen folgen)

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Nachtrag - der eigentlich schon in ein anderes Kapitel dieser "Reise durch die Vergangenheit" gehört, nehmt ihn einfach als Überleitung - Weihnachten 2005: "Gott gegen Darwin" titelte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel etwas boshaft. In jener Woche war der Schwindel eines koreanischen Professors aufgeflogen, der vorgegeben hatte, Menschen klonen zu können, und um dies zu "beweisen" einige Testreihen getürkt hatte. Aber was hat das mit Darwin zu tun? Früher hatte man immer behauptet, daß "Darwin gegen Gott" sei. (Was noch gröberer Unfug war, denn was sollte ein Darwinist gegen Gott haben? Er braucht doch nur zu glauben, daß Gott seine Schöpfung so eingerichtet hat - und sei es als "Urknall", daß sie sich so weiter entwickelte, wie sie dies eben getan hat.) Aber warum sollte Gott gegen Darwin sein, bloß weil es einem koreanischen Professor (noch) nicht gelungen ist, ihm - Gott - ins Handwerk zu pfuschen? Da werden mal wieder allerlei Dinge in einen Topf zusammen geworfen, die gar nichts miteinander zu tun haben, was z.B. in der BRD dazu geführt hat, daß man das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat: Die Genforschung - in der Deutschland einst führend war, auch noch nach 1945, d.h. nach der Ächtung all dessen, was im "Dritten Reich" in dieser Richtung aufgebaut wurde - wurde in Bausch und Bogen verdammt, und alle kompetenten Genetiker ins Ausland vertrieben, wo sie z.T. hervorragendes leisten. Aber der Reihe nach, und beginnen wir gleich mit der letzteren: Eine getürkte Versuchsreihe besagt gar nichts; einer der genialsten Genetiker aller Zeiten, Gregor Mendel, hat, wie wir heute wissen, alle seine Versuchsreihen mit den verschieden-farbigen Erbsen getürkt, weil ihm die Dummköpfe seine - richtige - Vererbungs-Theorie sonst nicht abgekauft hätten. Na wenn schon. Was Dikigoros vom Klonen - d.h. der monogamen Vermehrung höherer Zellkomplexe - hält, hat er bereits an anderer Stelle geschrieben, nämlich gar nichts. Aber was hat das mit Genetik zu tun und was mit Darwin? Der letztere hätte das mit einiger Sicherheit ebenso wenig gewollt, wenn er um die Folgen gewußt hätte. (Er, der die Evolution als Folge einer "natürlichen Selektion" bezeichnete, hätte hier vielleicht von einer "unnatürlichen Selektion" gesprochen :-) Die Verbesserung einer Kinder-Generation durch "Zuchtwahl", d.h. durch Kreuzung zweier elterlichen Individuen einerseits, und das Herumpfuschen mit den Genen eines einzelnen Individuums andererseits, das sind zwei Paar Schuh' - und Dikigoros wählt diesen Vergleich mit Bedacht, weil er so gut paßt: Klonen höherer Lebewesen, das ist wie ein Paar mit zwei linken oder mit zwei rechten Schuhen - das kann nicht laufen. Die Klonforscher bestreiten das: Wenn sich dabei Fehler einschleichen, könne man die ja - ebenfalls auf genetischem Wege - "reparieren", notfalls indem man einzelne Körperteile klont und dann statt der bisherigen "künstlichen" Prothesen einsetzt (oder ganze Menschen "herstellt" als "Ersatzteillager"). Dikigoros will das nicht moralisch beurteilen, und er will auch den Aspekt des "Mißbrauchs" mal außer Acht lassen; aber er glaubt, daß das nicht klappen kann: Die Natur (oder Gott oder wer auch immer :-) läßt sich nicht übertölpeln; geklonte Körperteile werden genauso Schrott sein wie die, nach deren - identischem - Muster sie ja "hergestellt" sind; wenn bei einem 90-jährigen das Herz aussetzt, wird das vermeintlich "frische" Herz, das man zuvor geklont hat, in Wirklichkeit genauso alt sein (höchstens ein bißchen weniger verfettet, wenn es sich um einen Nordamerikaner oder Mitteleuropäer handelt :-) und auch bald sterben - das haben die Experimente mit dem braven Schaf "Dolly" uns doch nur zu deutlich vor Augen geführt. - Ja, aber wenn man die Dinger lediglich auf Vorrat hält für den Fall eines Unfalls? Dann könnte doch ein 18-jähriger, der sonst sterben müßte, überleben, und zwar als 18-jähriger - oder? Stimmt. Fragt sich nur, ob es nicht sinnvoller ist, statt dessen ein noch ungeborenes Kind weniger abzutreiben - das hätte dann sogar noch 18 Jahre länger zu leben. Aber glaubt bloß nicht, liebe Leser, daß die Spiegel-Redakteure diesen Gedanken jemals aufgreifen werden - er würde ja die Auflage nicht steigern...


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