Probleme im Schlaraffenland
von Moskau nach New York
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PAUL MAZURSKY: MOSCOW ON THE HUDSON

[altes Poster mit World Trade Center] [politisch korrektes Poster mit Neger und Frau] [neues Poster ohne World Trade Center]

Ein Kapitel aus Dikigoros' Webseite
"AVEZ-VOUS  BOURBON?"

Große Reisefilme des 20. Jahrhunderts

Fleißige Leser von Dikigoros' "Reisen durch die Vergangenheit" kennen ja bereits den Spruch seiner Frau: "Die meisten Liebesfilme enden immer dann, wenn es erst beginnt, spannend zu werden, nämlich mit der Heirat." Mit den meisten Agenten-Filmen ist es so ähnlich: Wenn der böse, feindliche Spion endlich bekehrt und übergelaufen ist, macht der Regisseur Schluß und nennt das ganze auch noch ein Happy-end. Da wir im vorigen Kapitel dieser "Reise durch die Vergangenheit" den britischen Geheim-Agenten James Bond auf einer Reise nach Amerika begleitet haben, wissen wir, daß er (wie immer :-) ein nettes Bondgirl kennen gelernt hat, mit dem er am Ende ein Schäferstündchen beginnt - und in der nächsten Folge hört man nichts mehr von ihr; ganz so happy kann er also doch nicht geworden sein. Und der Republik-Flüchtling, der glücklich übergelaufen ist, weil die Geheimagenten just beim Schäferstündchen waren oder sonstwie gepennt haben? Hier nimmt sich endlich mal ein Regisseur der Nöte und Probleme an, die das neues Leben im vermeintlichen Schlaraffenland mit sich bringt. Wie bitte? Nöte? Probleme? Wer Moskau und New York City kennt - oder zu kennen glaubt - wird derartiges ganz weit von sich weisen, zumal es im "Big Appel" doch anno 1984, als der Film gedreht wurde, noch einen winzigen Rest der Kultur der alten russischen Immigranten gab: ein paar Restaurants mit russischen Speisekarten und Lebensmittel-Läden, eine Kirche, einen Buchshop, und noch ein paar Leute, die Russisch sprachen. Ja, aber 1984 - bevor Gorbatschow, diese trübe Tasse, an die Macht kam -, gab es auch in Moskau noch alles zu kaufen für die Privilegierten der Sowjet-Union, zu denen auch diejenigen zählten, die mit dem Moskauer Staatszirkus um die Welt reisen durften, zumal zum Klassenfeind Nr. 1, den Yankees. Unser guter Wladímir hat also durchaus etwas aufgegeben, als er spontan beschloß, seinen KGB-Bewachern zu entfleuchen und als politischer Flüchtling in New York zu bleiben.

Na was denn? Beginnen wir mal mit etwas, woran Ihr vielleicht nicht gleich denken werdet: 1984 war New York City die Großstadt mit der höchsten Kriminalitätsrate der Welt (heute ist es weit zurück gefallen, nicht mal mehr in der Top 20), und Moskau die mit der niedrigsten (auch das hat sich gründlich geändert - aber so ist das Leben). Man gab also innere Sicherheit auf - die positive Kehrseite des Überwachungsstaats. [Man gab auch äußere Sicherheit auf; aber das konnte man damals noch nicht ahnen. Immerhin haben die Filmemacher das Poster stillschweigend geändert, indem sie nach dem 11. September 2001 die beiden Türme des World Trade Center heraus geschnitten und sie durch die des guten alten Empire State Buildings, des Crysler Buildings und des Rockefeller Centers ersetzt haben. (Dagegen hatte man den roten Stern auf dem obersten Zwiebelturm des Moskauer Krjeml nach 1991 nicht zu retouchieren brauchen, da er von Anfang an nicht mit drauf war :-) Man sollte doch immer auch einen Blick auf die Filmplakate werfen - dafür bildet sie Dikigoros schließlich ab!] Man gab auch wirtschaftliche Sicherheit auf - die positive Seite des staatlichen Monopols am Arbeitsmarkt mit Arbeitspflicht und Arbeitsrecht bei scheinbarer Vollbeschäftigung (und sei es mit Saxofon-Spielen im Zirkus :-), staatlich zugewiesenem Wohnraum, Waren zu staatlich festgesetzten Preisen, die man nicht ständig zu vergleichen brauchte (das Problem war nicht, sie zu bezahlen, sondern sie zu bekommen - Ihr erinnert Euch vielleicht noch, liebe Ossis, wie schwer Euch seinerzeit die Umstellung gefallen ist), und die emotionale Sicherheit der familiären Bindungen, die in sozialistischen Diktaturen naturgemäß viel stärker ausgeprägt war (man mußte gegen den Staat zusammen halten) als im freien New York, wo man sich auch weitgehend von persönlichen Bindungen "frei" gemacht hat. Das ist denn auch der erste Punkt, der Wladímir unangenehm auffällt im Schlaraffenland: Die Menschen haben nicht mehr soviel Zeit für einander wie z.B. in der Sowjet-Union, wo man sie nur irgendwie bis zum Feierabend tot schlagen mußte, den man dann gemütlich mit Freunden verbringen konnte. Im Westen ist sie dagegen eine wertvolle, knappe Ressource, da gilt der Spruch: "Zeit ist Geld, und Geld regiert die Welt" (aber das ist eine andere Geschichte).

(...)

(Fortsetzung folgt)

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