"Gute Monarchen sind allen Gesetzen überlegen . . ."
Otto Gebühr als Friedrich der Große von Preußen

GUSTAV UCICKY, DAS FLÖTENKONZERT VON SANSSOUCI

[Gemälde 1850] [Filmplakat 1930] [Videocover 1997]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
DIE [UN]SCHÖNE WELT DER ILLUSIONEN

(Fortsetzung von Teil I)

Nachdem wir so weit gelangt sind, liebe Leser, wird es Euch sicher nicht allzu sehr wundern, daß Binghams Gemälde von Daniel Boone erstmal in der Versenkung verschwand. Und ebenso wenig darf es Euch wundern, daß mit seinem Wiederauftauchen ein neuer Abschnitt des großen Propagandakrieges eingeläutet wurde. Anno 1861 standen die USA unmittelbar vor dem Sezessionskrieg zwischen der "Union" der Nordstaaten und der "Konföderation" der Südstaaten. Entscheidend für den Ausgang des Krieges - so glaubte man jedenfalls damals noch auf beiden Seiten - würde es sein, wie sich die bisher noch unentschiedenen Staaten verhielten, vor allem Kentucky, die Gründung Boones. Die Südstaaten betrachteten ihn als einen der ihren (bei Washington wäre man sich da nicht so sicher gewesen) und stellten das Bild im Cumberland Gap Museum, direkt an der Grenze zu Tennessee, auf. Die Nordstaaten stellten Boone ihre eigene Identifikationsfigur gegenüber (denn auch sie waren sich nicht so sicher, ob sie sich auf Washington berufen sollten - schließlich war er Virginier, und Virginia war der Führungsstaat der Konföderierten), und zwar eine lebende: ihren Präsidenten Abraham Lincoln, der von einer ebenso rüden wie verlogenen Propaganda zum Gutmenschen aufgebaut werden sollte wie nach ihm nur Theodore und Franklin Roosevelt, Kennedy, Carter und Clinton. Und als gar anno 1865 der Krieg für die Nordstaaten gewonnen war und Lincoln kurz darauf ermordet wurde, erlangte er geradezu einen Heiligenschein als Martyrer. (Auch die "re-construction" genannte systematische Zerstörung des Südens durch die "carpetbaggers" [Südstaaten-Bezeichnung für Yankee-Besatzer] nach der Kapitulation konnte man ihm nun nicht mehr anlasten. Stellt Euch vor, liebe Leser, Hitler wäre 1940, gleich nach dem gewonnenen Frankreich-Feldzug, also noch lange vor Beginn des "Holocaust", ermordet worden - dann könntet Ihr Euch heute ähnliche Bilder mit ihm als Hauptfigur anschauen!) Für die nächsten Jahrzehnte verdrängte Lincoln den alten Washington nahezu vollständig aus dem öffentlichen Bewußtsein als Vater des Vaterlandes. Gewiß, man bewahrte ihm ein ehrendes Andenken - mehr aber auch nicht; mit der symbolischen Übergabe des Lorbeerkranzes von Washington an Lincoln - er drückt ihn ihm auf das sterbende, nein auf das zum Himmel auffahrende Haupt - hat der Maler den Sachverhalt ziemlich genau getroffen.

[Washington übergibt Lincoln anläßlich dessen Himmelfahrt seinen Lorbeerkranz und erhebt ihn so zum neuen 'pater patriae'] [Otto v. Bismarck, der 'eiserne Kanzler'] [Wilhelm I, deutscher Kaiser, König von Preußen]

Auch in Deutschland wechselten damals die Leitbilder: Gewiß, Friedrich II hatte Preußen groß gemacht, aber nur für kurze Zeit: Schon wenige Jahre nach seinem Tode war es - und war ganz Deutschland - unter dem Ansturm von Napoleons Franzosen jämmerlich zusammen gebrochen. Erst der "eiserne Kanzler" Otto v. Bismarck hatte die Franzosen entscheidend geschlagen und das Reich neu gegründet. Für die nächsten Jahrzehnte verdrängte er Friedrich II nahezu vollständig aus dem öffentlichen Bewußtsein als Vater des Vaterlandes. (Gewiß, man hielt auch den alten Wilhelm I in Ehren, mehr aber auch nicht, er hieß ja nicht mal "Kaiser von Deutschland", sondern nur "deutscher Kaiser".) Nun ist es nicht ganz einfach, einen noch lebenden Politiker hoch zu jubeln, wenn die Zeitgenossen die ganz realen Folgen seiner Politik noch am eignen Leibe verspüren - da hilft auch die schönste Propaganda nichts: Welchem Südstaatler hätte man Lincoln schön reden sollen, welchem Katholiken oder Sozialisten Bismarck? Zumal es bei letzterem noch nichtmal zum Martyrer reichte, denn keines der zahlreichen auf ihn verübten Attentate gelang. Für ihn und seinen Nachruhm war das persönliches Pech, für Deutschland war es ein Unglück, denn kaum ein europäischer Politiker des 19. Jahrhunderts - abgesehen vielleicht vom sturen Korsen Napoleon - hat soviel Unheil über sein Volk gebracht wie jener sture MagPom: Österreich aus dem Reich hinaus zu drängen war Verrat an Deutschland (was damals noch als Verbrechen galt), der Krieg gegen Frankreich war - trotz des Sieges - eine Eselei. (Hätte er Napoleon III als "Kompensation" für seine Neutralität im Bruderkrieg zwischen Preußen und Österreich das marode und korrupte Belgien annektieren gelassen - oder wenigstens Wallonien -, dann hätte England seinen "Erbfeind" weiterhin in Frankreich gesehen, und nicht in Deutschland; und die Niederlande - und vielleicht auch Flandern - hätten sich früher oder später aus freien Stücken wieder dem Reich angeschlossen.) Bismarcks unausgegorene Sozialpolitik machte ihm Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen zu Feinden, sein "Kulturkampf" gegen den Papst die Katholiken; seine Kolonialpolitik war kostspielig und lächerlich, seine Wirtschaftspolitik schwankend (nicht aus sachlichen Gründen, sondern je nach Stärke der jeweiligen Lobbyisten) zwischen laissez-faire-Liberalismus und Abschottung durch protektionistische Zollschranken; und seine zu Unrecht viel gelobte Außenpolitik sollte Deutschland am Ende in einer Welt von Feinden so gut wie alleine da stehen lassen. Ein solcher Politiker mußte vielmehr fürchten, daß sich die Karikatur seiner annahm und ihn tüchtig durch den Kakao zog. Wie dem auch sei, als der junge Kaiser Wilhelm II endlich den alten Esel Otto in die Wüste, pardon, den großen Steuermann Mao, nein, den großen Lotsen Bismarck von Bord schickte, war es bereits zu spät, wie das so ist mit den Versuchen zu kitten, wenn alles in Scherben fällt... Aber lassen wir das hier einstweilen genügen; zum Thema Bismarck schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr.

[Bismarck spielt Schach gegen den Papst - Karikatur auf den Kulturkampf] [Bismarcks gesammelte Fehler in der Karikatur] [Der Lotse geht von Bord, der Kaiser schaut ihm nach - zeitgenössische Karikatur im englischen 'Punch']

Wohlgemerkt, Friedrich II fiel nicht etwa in Ungnade. Man bewahrte ihm ein ehrendes Andenken, widmete ihm 1886 zum 100. Todestag sogar eine (einzige!) Medaille, genau genommen sogar nur eine halbe Medaille, nämlich eine Rückseite - auf der Vorderseite befand sich Wilhelm I - und genau genommen auch nicht zu seinem 100. Todestag, sondern anläßlich der Ersten Berliner Kunst-Ausstellung, die mehr oder weniger zufällig zeitgleich statt fand. Man benannte auch ein Schlachtschiff nach ihm (oder war es nur ein Panzerkreuzer? Dikigoros hat in der Luftwaffe gedient und kennt sich deshalb bei der Marine nicht so gut aus), einen ziemlich häßlichen Pott. Und als Preußen 1901 mit großem Brimborium "200 Jahre Königreich" feierte, erschien Friedrich II auf keiner einzigen Gedenk-Münze oder -Medaille (sondern statt dessen Friedrich I und Wilhelm II). 1912, zu seinem 200. Geburtstag, brachte ein junger Bayer (!) als Privatmann eine Medaille (eine seiner ersten überhaupt und wiederum die einzige auf den Preußenkönig) heraus, in bescheidener Auflage (weshalb sie heute sehr teuer ist), das war's auch schon.

[Medaille auf die 1. Berliner Kunstausstellung von 1886 - 100 Jahre nach Friedrichs Tod] [Rückseite] [2 Reichsmark '200 Jahre Königreich Preußen' - die erste Gedenkmünze des Kaiserreichs] [Medaille von Karl Goetz zum 200. Geburtstag Friedrichs II 1912] [Rückseite]
[SMS Friedrich der Große] [SMS Friedrich der Große]

Wohlgemerkt, Washington fiel nicht etwa in Ungnade. Man bewahrte ihm ein ehrendes Andenken, widmete ihm 1899 zum 100. Todestag sogar eine (einzige!) Medaille, genau genommen sogar nur eine halbe Medaille, nämlich eine Vorderseite - eine zweite war wohl geplant, aber aus Gründen, die Dikigoros nicht bekannt sind, blieb es beim Probeabschlag der Vorderseite - und genau genommen auch nicht zu seinem 100. Todestag, sondern anläßlich des 150. Jahrestages der Gründung von Alexandria in Virginia (an der Washington als Boden-Spekulant beteiligt war), die mehr oder weniger zufällig zeitgleich statt fand, das war's auch schon. [Die Medaille aus dem Jahre 1900, die Ihr, liebe Münzsammler, "Lafayette-Dollar" nennt, trägt zwar auf der Vorderseite auch den Kopf Washingtons, aber in der Umschrift ist er nicht namentlich erwähnt. Nicht seiner gedachte man damals, sondern allein seines französischen Mitstreiters.]

[Medaille auf den 150. Jahrestag der Gründung von Alexandria, VA - 100 Jahre nach Washingtons Tod] [Rückseite] [Probe] [so genannter Lafayette-Dollar] [Rückseite]

Dagegen nahm die allgemeine Bismarck-Verehrung in Deutschland immer mehr zu, zumal nach seinem Tode anno 1898, und geradezu hysterische Ausmaße an, als anno 1914 der nächste Große Krieg ausbrach (der als "Erster" Weltkrieg" in die Geschichtsbücher eingehen sollte, weil die Historiker im 20. Jahrhundert wieder von vorne zu zählen begannen). Laßt Euch nicht dadurch täuschen, liebe Leser, daß Dikigoros unten nur jeweils zwei Medaillen zu diesen Anlässen abbildet (je einmal barhäuptig in Zivil und mit Pickelhaube in Uniform); es wurden Dutzende geprägt - kein Medailleur im Reich, der auf sich hielt, versäumte es, damit ein Geschäft zu machen... Begeisterte Anhänger des Altkanzlers veranstalteten schon zu dessen Lebzeiten - und erst recht danach - regelrechte Wallfahrten zu seinem letzten Domizil, denen konnte man das Zeug prima andrehen. Und als das Silber für solche Prägungen knapp wurde, konnte man den Leuten auch rostige Nägel verkaufen, die durften sie dann in seine Denkmäler schlagen... Dagegen sah und hörte man vom "Alten Fritz" zumal nach Kriegsausbruch nichts mehr. Nun ja, vielleicht war das verständlich, denn seine Stärken hatten wohl doch mehr im zivilen Wiederaufbau nach dem Krieg gelegen - seine Schlachten hatte er ja meistenteils verloren (und seine Kriege waren auch nur knappe Punktsiege oder Unentschieden gewesen), wohingegen der "Eiserne Kanzler" alle seine Schlachten und Kriege gewonnen hatte - daß es vielfach Pyrrhos-Siege gewesen waren, sah man damals noch nicht oder wollte es nicht sehen.

[Medaille von Lauer auf Bismarcks Tod 1898] [Rückseite: Germania trauert] [Medaille 1898] [Germania trauert]
[Medaille auf Bismarcks 100. Geburtstag 1915] [Rückseite] [Medaille von Lauer auf Bismarcks 100. Geburtstag 1915] [Rückseite]

Aber obwohl die Deutschen im Ersten Großen Krieg des 20. Jahrhunderts unter Wilhelm II eigentlich weniger chancenlos waren als unter Friedrich II im 18. Jahrhundert, hatten sie doch weniger Fortune als damals und verloren. 1918 ging das Bismarck-Reich unter, der Kitte-Kaiser floh ins Exil, und so konnte Friedrich "der Große", als der Film zum neuen Propagandamittel wurde, wieder als "pater patriae" an Bismarcks Stelle treten. Er war von Anfang an das Lieblingskind des deutschen Films, schon zur Stummfilmzeit, und so lange er das blieb, verkörperte ihn ein Schauspieler (den man dem Vernehmen nach wegen seiner Ähnlichkeit mit Friedrich auf Menzels Gemälde "Das Flötenkonzert von Sanssouci" ausgewählt hatte): Otto Gebühr - und in diesem Fall könnte man fast behaupten, daß nicht nur der Schauspieler das Vorbild geprägt und es überlagert hat, sondern auch umgekehrt: Dikigoros hatte große Mühe, auch nur eine einzige (!) Autogrammkarte Otto Gebührs aufzutreiben, die ihn nicht als Friedrich II. zeigt - auf allen anderen ist er ganz einfach der Preußenkönig. [Nicht wahr, liebe Leser, Ihr erkennt den Unterschied: Custer sieht zwar in den Augen des Publikums immer so aus wie Errol Flynn ihn in They Died With Their Boots On gespielt hat; aber niemand hätte Flynn umgekehrt für Custer gehalten! Vergleichbares wie Otto Gebühr sollte erst viele Jahre später Pierre Brice mit der Rolle des Winnetou widerfahren.]

[Autogrammkarte von Otto Gebühr in Zivil] [Autogrammkarte von Otto Gebühr als Friedrich II] [Autogrammkarte von Otto Gebühr als Friedrich II] [Autogrammkarte von Otto Gebühr als Friedrich II

Der erste deutsche Tonfilm aus dem Jahre 1931 war - natürlich - auch wieder einer über Friedrich II: "Das Flötenkonzert von Sanssouci". Warum hat Dikigoros ausgerechnet diesen Film ausgewählt unter den rund zwei Dutzend, die zu diesem Thema gedreht wurden? (Und warum haben ihn die Alliierten nach 1945 verboten?) Warum nicht etwa "Der Choral von Leuthen" von Carl Froelich, der just mit der Machtergreifung der National-Sozialisten 1933 in die Kinos kam? Nein, liebe Leser, Dikigoros hat sich nicht davon leiten lassen, daß Adolph von Menzel sein Bild "Der Choral von Leuthen" unvollendet gelassen und statt dessen noch einmal "Das Flötenkonzert von Sanssouci" gemalt hat, sondern es geht ihm wie gesagt um die Wirkung - und die war just 1930/1931, als der Film lief, am größten: Die kurz nach dem Ersten Weltkrieg gedrehten vier Stummfilme der Reihe "Fridericus Rex" - was hätten die bewirken können? Was "Der alte Fritz", der 1927 in die Kinos kam, dem besten Jahr der Weimarer Republik, als es wirtschaftlich und politisch gerade wieder aufwärts zu gehen schien mit Deutschland? Und "Der große König" von Veit Harlan, der in die Kinos kam, als bereits die Schlacht um Stalingrad tobte? Wohl ebenso wenig wie der noch kurz vor Kriegsende angelaufene Durchhaltefilm "Kolberg"... Aber 1930 lag der "Schwarze Freitag" an der New Yorker Börse gerade ein Jahr zurück, und die Wirtschaftskrise hatte voll auf Europa durchgeschlagen. Die Pleiten- und Arbeitslosenzahlen stiegen scheinbar unaufhörlich, die Zahl der Parlamentsauflösungen und Neuwahlen auch. Auf Deutschlands Straßen fand der Wahlkampf mit handfesten Argumenten statt; da prügelten sich die paramilitärischen Einheiten der Nazis, Sozis und Kommunisten herum, die "Sturmabteilungen", das "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" und der "Rotfrontkämpferbund" - jeder gegen jeden (außer es ging gegen die Polizei, da waren sie Verbündete, auch wenn das heute niemand mehr wahr haben will). Aber es wurde auch mit "geistigen" Waffen gekämpft, vor allem mit dem neuen Medium Kinofilm. Besonders zwei Filme standen sich damals gegenüber: Der eine war "All Quiet on the Western Front [Alles ruhig an der Westfront]" von Carl Laemmle und Lewis Milestone, nach dem Roman "Im Westen nichts Neues" von Erich Paul Kramer (der seinen Nachnamen erst rückwärts las, also "Remark", und dann auch noch französisierte zu "Erich Maria Remarque"), eine desillusionierende, nicht einmal besonders grausame (im Vergleich mit heutigen Horror-Videos sogar eher harmlos wirkende), aber auch nicht gerade einladend-heroïsche Darstellung des Ersten Weltkriegs, die zu sehen den Drückebergern - seien es nun als "unabkömmlich" daheim gebliebene Sessel-Pupser oder Etappen-Hengste, die den Schützengraben noch nie aus der Nähe gesehen hatten - mal ganz gut tat, wie Dikigoros meint. Ausgerechnet die regten sich aber am meisten über diese "Beleidigung des Frontsoldaten" auf, nicht etwa die ehemaligen Frontsoldaten selber. (Hatte Goebbels gedient? Natürlich nicht - der hatte gut reden, im wahrsten Sinne des Wortes! Der Ex-Gefreite Hitler dagegen fand den Film gut gemacht und ließ ihn sich privat wiederholt vorspielen. Wer sollte sich dereinst am meisten über "Apocalypse Now", "Die Grünen Barette" und die "Rambo"-Filme aufregen? Natürlich diejenigen, die nicht gedient hatten, geschweige denn selber in Vietnam dabei waren! Den Roman "Im Westen nichts Neues" hatten die Weimarer Demokraten übrigens schon 1930 verboten, so daß die Nazis 1933 allergrößte Mühe hatten, ein Exemplar zu finden, um es symbolisch zu verbrennen :-)

Der andere dieser beiden Filme war "Das Flötenkonzert von Sanssouci". Nein, auch das war keine Verherrlichung des Krieges, aber halt eine Verherrlichung der geschickt verheimlichten Vorbereitung desselben. Dabei wird unterstellt, daß all die kriegslüsternen Nachbarn Preußens den jungen König Fritz unterschätzten, weil er friedlich Flöte spielte und mit Leuten wie Fränzchen Arouet alias "Voltaire" französisch parlierte. Hochdeutsch konnte "Frédéric" dem Vernehmen nach gar nicht - wozu auch? Die Umgangssprache der preußischen Offiziere war ohnehin Französisch, denn es waren viele Hugenotten darunter, die aus Frankreich geflohen waren. Preußen nahm jeden aus politischen oder religiösen Gründen Verfolgten auf und gewährte ihm Asyl, denn damals galten Menschen (auch ausländische, die kein Deutsch konnten) noch als etwas Wertvolles, weil sie keine Sozialhilfe in Anspruch nahmen, in der Regel nicht kriminell wurden und niemandem Arbeitplätze weg nahmen, sondern im Gegenteil dringend benötigt wurden, um vakante Arbeitsplätze auszufüllen. Besonders in der Armee - sie ließen sich nämlich so schön im Krieg verheizen. (Ein Drittel, später sogar fast zwei Drittel der preußischen Truppen im Siebenjährigen Krieg bestanden aus "Ausländern", d.h. Nicht-Preußen. Das war fast so viel wie 100 Jahre später, im amerikanischen Sezessionskrieg, der Anteil der verheizten Einwanderer in den Truppen der Nordstaaten sein sollte - aber das ist eine andere Geschichte) Dikigoros schreibt das hier alles ganz wertneutral, aber geschrieben werden muß es einmal, denn im Film erfährt man davon nichts. All die ausländischen Gesandten hielten den jungen König also für ein Weich-Ei - ob sie tatsächlich so dumm waren? Dikigoros - der auch fließend Französisch spricht (viel besser als Preußisch, obwohl er mit einer Preußin verheiratet ist) und auch einige Musikinstrumente spielt, muß man deshalb ein Weich-Ei sein? - kann das nicht recht glauben. Aber Hauptsache, die Zuschauer glauben es. Na, und denen (kein Schreibfehler, liebe Leser, so war die deutsche Grammatik im 18. Jahrhundert!) ausländischen Gesandten hat es Fridericus Rex dann aber gezeiget...

Was denn? So ein banaler Plot? Ja, liebe Leser, aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend sind vielmehr die vielen historischen Parallelen, die Ucicky geschickt zur damaligen Gegenwart und jüngsten Vergangenheit zieht. (Das tut Dikigoros in seinen "Reisen durch die Vergangenheit" ja auch, aber seine Parallelen dürften der historischen Wahrheit doch näher kommen :-) Der Ostmärker Ucicky hatte eine Ader für eigenwillige Geschichts-Interpretationen - die durchaus nicht immer falsch sein mußten - über seinen Jeanne-d'Arc-Film "Das Mädchen Johanna" hat Dikigoros das bereits an anderer Stelle geschrieben. Aber was nun Friedrich II anbelangt (über den Ucicky bereits fünf Jahre zuvor, zusammen mit Siegfried Philippi und Michael Kertesz alias Mike Curtis, den Stummfilm "Die Mühle von Sanssouci" gedreht hatte - über den Stoff schreibt Dikigoros ebenfalls an anderer Stelle mehr), so können einem da doch Zweifel kommen. Gewiß, der Film wurde vor 1933 gedreht, er ist also in Bezug auf den National-Sozialismus "unverdächtig". Dennoch sollten die Herren Wahlforscher, die bis heute herum rätseln, wie es die NSDAP bei den Reichstagswahlen von 1930 schaffen konnte, die Zahl ihrer Abgeordnetenmandate mit einem Schlag von 12 auf 107 zu steigern (also fast zu verneunfachen!), ihre Nasen lieber ein wenig mehr in die Kino- als in die Wahlprogramme stecken. Die ersteren las jeder (der "Film-Kurier" erschien täglich und verkaufte sich besser als manche Tageszeitung), die letzteren dagegen... Hand auf's Herz, liebe Leser, wer von Euch hat schon das vollständige Wahlprogramm der Partei gelesen, der er bei der letzten Wahl seine Stimme gegeben hat? Eben - Dikigoros auch nicht, aber er hat ohnehin wider besseres Wissen und Gewissen nur das geringere Übel gewählt und wollte sich die Lektüre nicht auch noch antun, wenn er diesen Versagern schon seine Stimme geben mußte... Zurück zum Film: Da wird ganz offen ein Kult um die Führer-Persönlichkeit Friedrich getrieben, der in dem Satz gipfelt, den Dikigoros eingangs zitiert hat: dem von den guten Monarchen, die allen Gesetzen überlegen seien. Stimmt das? Schon möglich, wenn die Gesetze schlecht sind. Aber was, wenn schlechte Monarchen an die Macht kommen? (Wobei es nicht darauf ankommt, wie sich die Monarchen nennen: "Präsident", "Premierminister", "Presidatjel", "Reichs-" oder "Bundeskanzler" sind das gleiche in [rot-]grün!) Außerdem war das Zitat falsch. Voltaire, Friedrichs vorübergehender Freund und Berater, hatte vielmehr gesagt: "Gute Untertanen sind mehr wert als gute Gesetze." Das ist - zumindest vom Standpunkt her - das genaue Gegenteil, obwohl im Ergebnis beides auf dasselbe hinaus laufen mag, zumal wenn die Ideal-Kombination guter Monarch und gute Untertanen zustande kommt - dann kann man vielleicht auf gute Gesetze verzichten. Aber schaut Euch doch mal um, liebe Leser: Seht Ihr dieses Ideal irgendwo verwirklicht? Dikigoros auch nicht.

Und selbst wenn Ucicky im Prinzip Recht gehabt hätte - in einem Film über Friedrich II durfte dieser Satz nicht fallen, denn ausgerechnet der hatte das ganz anders gesehen: Er hatte, wie kein Herrscher vor oder nach ihm, die Auffassung vertreten, daß der König den Gesetzen untertan und des Staates erster Diener zu sein habe. Goldene Worte, die wohl zunächst auch mehr auf geduldigem Papier standen als in der Realität - aber sie wirkten wie eine selbsterfüllende Profezeihung auf Generationen verantwortungsbewußter Staatsdiener, fast zwei Jahrhunderte lang, und wurden so schließlich zur Wirklichkeit... Noch einmal: Es kommt auf die Wirkung an, auf die Wirksamkeit, die zur Wirklichkeit wird, nicht auf die historische (also längst vergangene, abgenutzte, nutzlose) Wahrheit. Und worin lag die Wirkung von "Das Flötenkonzert von Sanssouci"? Nun, der Film bereitete die Deutschen psychologisch wirksam auf den nächsten Krieg vor - längst vor Hitlers "Drittem Reich" -, denn auch die Weimarer Demokraten wollten eine Revision des Diktatfriedens von Versailles, notfalls mit Gewalt. (Und nicht nur die Demokraten, sondern alle Parteien, sogar die KPD - das waren nicht so vaterlandslose Gesellen, pardon Genossen wie die in der heutigen PDS, die bei jedem Kriegseinsatz aus purer Bosheit mit "nein" stimmen!) Gegen so eindrucksvolle und anschauliche Film-Argumente verblassen all die schönen Theorien, in denen die Herren Geschichts-Professoren von heute ebenso unermüdlich wie erfolglos nach den geistigen Vorläfern des "Dritten Reichs" suchen. Wer angesichts von Filmen wie "Das Flötenkonzert von Sanssouci" - von Millionen Zuschauern gesehen - noch Namen wie Nietzsche, Möller van den Bruck, Langbehn, Lagarde oder Chamberlain als "Wegbereiter des National-Sozialismus" nennt - die sicher ebenso wenige Normalverbraucher gelesen hatten wie "Mein Kampf" -, der versteht nichts von Massen-Psychologie, und der versteht nichts - von Kino.

* * * * *

Dikigoros hat auch deshalb bewußt einen Fridericus-Film von 1931 ausgewählt, keinen der früheren oder späteren, weil er die zeitlichen Parallelen zur Entwicklung des "patriotischen" oder "nationalen" Films in den USA aufzeigen will. Ja, die Begriffe "Patriotismus" und "pater patriae" gehören durchaus zusammen, denn viele Filme, die den letzteren auf eine ganz bestimmte Rolle prägten, sollten damit den ersteren beim Publikum fördern. Und der "Patriotismus" ist wiederum nur eine Seite der Medaille, deren Kehrseite das häßliche Gesicht des Nationalismus trägt, wobei es von den Umständen abhängt, welche Seite zur Geltung kommt: Patriotismus - definiert als Liebe zum eigenen "Vater"-Land - entsteht meist nach erfolgreichen Revolutionen (zum Beispiel in Frankreich 1789); Nationalismus - definiert als Haß auf fremde Länder - nach erfolglosen Kriegen, zum Beispiel in Deutschland und in den USA nach 1918. Nanu - zählten die USA nicht zu den Siegern des Ersten Weltkriegs, waren sie nicht nach herrschender Meinung sogar die Hauptgewinner? Pardon, liebe Leser, Dikigoros sprach nicht von gewonnenen oder verlorenen Kriegen, sondern von erfolgreichen oder erfolglosen. Er hat bereits an anderer Stelle geschrieben, weshalb er die USA innenpolitisch zu den Haupt-Verlierern des Ersten Weltkriegs zählt (wegen der Ausrottung des deutschen Kultur-Elements 1917); aber auch außen- und vor allem wirtschaftspolitisch hatten die USA ihr Haupt-Kriegsziel nicht erreicht - im Gegenteil: Da waren sie auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten und hatten sie mit Menschen und Material beliefert, um ein dickes Geschäft daraus zu machen, und nun weigerten die sich doch glatt, ihre Schulden zu bezahlen, allen voran die undankbaren Limeys [Engländer], die am meisten davon gemacht hatten - wahrlich ein schöner "Erfolg" für die USA! ("Die Deutschen hätten ihre Kriegsschulden wenigstens bezahlt, wenn sie gewonnen hätten," bemerkten einige Amerikaner nun süß-sauer.) Es hätte nur noch gefehlt, daß die Alliierten dem Wunsch der Deutsch-Österreicher und der Sudeten-Deutschen nachgegeben hätten, sich dem Deutschen Reich anzuschließen, das man in Versailles bereits von seinen fremdländischen Schlacken - Franzosen, Dänen und Polen in Europa, Negern, Kanaken und Chinesen in Übersee - befreit hatte [beachtet bitte, liebe Leser, daß Dikigoros dieses Wort hier nicht in Anführungszeichen setzt, wie er es sonst oft tut!], dann wäre Bismarcks Fehler von 1866 korrigiert worden, und die Deutschen wären am Ende die einzigen echten Gewinner des Ersten Weltkriegs gewesen...

Und plötzlich hatte Abraham Lincoln, der Freund der Engländer (die sich angeblich ihm zuliebe nicht auf Seiten der Südstaaten in den Bürgerkrieg eingemischt hatten) als "pater patriae" ausgedient. Dazu trugen nicht die Filme des wohl größten amerikanischen Regisseurs der Stummfilmzeit bei: David W. Griffith hatte dem "Vater des Vaterlandes" in "Birth of a Nation [Geburt einer Nation]" die Maske vom Gesicht gerissen, indem er den Nordstaatlern vor Augen führte, daß ihr Bürgerkriegs-Präsident eigentlich auch ein Befürworter der Sklaverei gewesen war, und den Südstaatlern, daß er ihr Land nur aufgrund jenes heuchlerischen Vorwands zerstört hatte. (Die Originalversion von 1915 ist bis heute verboten, weil sie angeblich den "Ku Klux Klan" verherrlicht. Verboten worden war 1917 auch Griffith's Anti-Kriegsfilm "Intolerance" von 1916, ebenso wie "The Spirit of 1776 [Der Geist von 1776]" von 1917, für den sein Ex-Assistent, der deutschstämmige Jude Robert Goldstein, sogar zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, weil er es gewagt hatte, an den Unabhängigkeitskrieg zwischen Engländern und Amerikanern zu erinnern, die doch nun Verbündete waren; au&zslig;er hatte er den Washington von einem Juden - Beery Ben Lewis - spielen lassen, da sich die Amerikaner doch gerade zu umfangreichen Pogromen gegen Juden und andere Deutsche anschickten! Erst 1920 wurde Goldstein begnadigt (nicht etwa rehabilitiert!), und erst 1924 durfte Griffith wieder einen pro-deutschen Film drehen - "Isn't Life Wonderful?", eine Anklage gegen die auch nach dem Waffenstillstand aufrecht erhaltene Hungerblockade der Briten gegen Deutschland, deren Folgen für die Zivilbevölkerung er eindringlich aufzeigte. Aber nun hatte Lincoln in den USA vorerst ebenso ausgedient wie Bismarck in Deutschland, und so war der Weg wieder frei für George Washington, den Verbündeten Friedrichs II von Preußen aus dem Siebenjährigen Krieg und Führer des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges gegen die Briten.

[Filmplakat Birth of a Nation] [America]

Aber wo bleibt denn nun die große amerikanische Filmwelle über Washington, die derjenigen vergleichbar wäre, die mit "Fridericus"-Filmen über Deutschland hinweg rollte? Es gab keine, sondern nur einen Stummfilm aus dem Jahre 1924 - aber was für einen, und natürlich wieder von David Griffith: "America or Love and Sacrifice" [Amerika oder Liebe und Opfer] mit Arthur Dewey in der Hauptrolle als erster US-Präsident. Ein bekannter Kritiker nannte den Film noch gut sieben Jahrzehnte später "das feinste Epos über den Revolutionskrieg, das je gemacht wurde." Warum es dennoch heute vergessen ist? Nun, nach Einführung des Tonfilms wollte erstmal niemand mehr alte Stummfilme sehen; also riß man "America" auseinander, entfernte den Untertitel "Liebe und Opfer" (wer wollte sich schon noch opfern?) und überhaupt alle Zwischentexte und verschlimmbesserte das Werk durch eine Nachvertonung, die es völlig verhunzte. Deshalb kann Dikigoros es auch nicht dem "Flötenkonzert von Sanssouci" an die Seite stellen - das hieße Äpfel mit Birnen vergleichen.

Aber Bilder müssen ja nicht immer als Gemälde im Museum herum hängen oder im Kino laufen - es gibt noch einen anderen Umlauf, der Dikigoros gerade in den USA nicht unwichtig erscheint. Wo erscheinen, solange die Menschheit zurück denken kann, Herrscher, die auf sich halten und solche, welche die Nachwelt vergöttert (oder denen sie zumindest ein ehrendes Andenken bewahren will) zu allererst? Richtig, auf dem, was ihren Untertanen am teuersten ist, nämlich auf ihren Zahlungsmitteln. (Nicht umsonst bedeutet "dearest" im Amerikanischen zugleich "teuerst" und "liebst" :-) Habt Ihr Euch schon mal die amerikanischen Geldstücke angeschaut, liebe Leser? Früher gab es da eigentlich nur ein Motiv: Liberty, Liberty und nochmal Liberty, die Göttin der Freiheit. (Fällt Euch etwas auf? Bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts blickte ihr Kopf gen Westen, wo es galt, die bösen Indianer zu besiegen und den Kontinent bis zum Pazifik zu erobern. Als das erreicht war, wandte sie ihren Kopf plötzlich um 180° nach Osten, wo es galt, die bösen Preußen zu besiegen und die Welt[märkte] zu erobern. Seit 1917 - dem Jahr des Kriegseintritts der USA - erhob sie, die bis dahin immer nur ihren Kopf gezeigt hatte, sich zu voller Größe mit Rüstung und Schild! [Wenn Ihr das in der Originalgröße, die Dikigoros im Text abgebildet hat, nicht erkennen könnt, liebe Leser, und womöglich glaubt, da ginge eine harmlose Frau oben ohne am Strand spazieren, oder weil das Exemplar in Eurer Sammlung - wie die meisten - schon so abgeschubbert ist, daß man die Schuppen des Brustpanzers nicht mehr sieht, dann schaut Euch diese Walküre bitte hier in der Vergrößerung an.]) Die Rückseite zierte der unvermeidliche Adler, der ursprünglich dem der mexikanischen Pesos nachempfunden war (die noch während des ganzen 19. Jahrhunderts auch in den USA als Zahlungsmittel umliefen); auch er ließ erst in den 80er Jahren die Maske fallen: Urplötzlich verdoppelte sich die Menge seiner Munition (der Flechas [Pfeile], die später, unter Franco, auch das falangistische Wappen Spaniens zieren sollten), und 1917 erhob er sich, nachdem er mehr als ein Jahrhundert nur herum gesessen und nach Westen geblickt hatte, in die Lüfte und flog nach Osten - dem neuen Feind entgegen. Unterschätzt die Symbolik solcher Feinheiten nicht!

[Liberty 1833, noch mit Jakobinermütze!] [Liberty 1834] [Liberty 1852] [Liberty 1881] [Liberty 1892 - die Indianer sind geschlagen, sie kann nun ihren Blick gen Osten richten] [Liberty seit 1917, als für den Weltkrieg gerüstete Walküre]
[Adler auf Kaktus tötet Schlange - Rückseite der mexikanischen Peso-Stücke] [der Adler hebt als Vorläufer der Bombergeschwader des 2. Weltkriegs gen Osten ab]

Roosevelt, der 1932 die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte, fühlte sich als Washington's geistiger Urururenkel, und nun setzte das, was eine Historikerin mal "die Apotheosis [Vergöttlichung] George Washingtons" genannt hat, erst richtig ein, und das kam auch in den Geldemissionen zum Ausdruck: Den neuen Quarter (die eigentliche amerikanische Währung ist nicht der Dollar, sondern der Quarter [Viertel-Dollar], der in etwa einer Reichsmark entsprach) zierte schon seit Washingtons 200. Geburtstag (der auch filatelistisch eingehend gewürdigt wurde) dessen Kopf, für Lincoln blieb der armselige "Penny" [1-Cent-Stück, die kleinste Währungs-Einheit und zugleich die einzige aus Kupfer; im Zweiten Weltkrieg sollte der Penny sogar aus schäbigem Zink geprägt werden, zum ersten- und bisher einzigenmal in der Geldgeschichte der USA]; die Prägung der Silberdollars wurde eingestellt; sie wurden ebenso eingezogen wie die Goldmünzen, deren Besitz für den Privatmann strafbar wurde. (Ja, es war Wirtschaftskrise, nicht nur in Europa, sondern auch - und fast noch schlimmer - in Amerika!) In ganz kleinen Auflagen wurden ab und an noch ein paar Halbdollars geprägt, als Gedenkmünzen; auf denen war Lincoln zum letzten Mal 1918 aufgetaucht, aber nicht aus eigenem Recht, sondern anläßlich des 100. Jahrestages der Gründung des Staates Illinois; seit dem 200. Geburtstag Daniel Boones - also seit 1934 - zierte sie dessen Kopf.

[Lincoln Cent 1910] [Lincoln Half Dollar 1918] [Rückseite] [Washington Quarter 1932]
[Washington Ersttagsbrief 1932] [Boone Half Dollar 1934] [Rückseite]

Bei den Deutschen gab es damals nichts Vergleichbares - wozu auch? Die hatten ja ihre Fridericus-Rex-Filme! Und da sie doch das Volk der Dichter und Denker sein wollten, zierten ihre Gedenkmünzen in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren ganz andere Personen: 1929 Gotthold E. Lessing, 1930 Walther von der Vogelweide, 1931 der Freiherr vom Stein, 1932 der olle Goethe, 1933 Martin Luther und 1934 Friedrich v. Schiller. Danach wurden im Dritten Reich keine Gedenkmünzen mehr geprägt (sondern - seit Hindenburgs Ableben - nur noch solche mit dessen Konterfei).

[5 RM 1929 Lessing] [3 RM 1930 Walther] [3 RM 1931 v. Stein]
[3 RM 1932 Goethe] [5 RM 1933 Luther] [2 RM 1934 Schiller]
[5 RM Hindenburg]

1936, zu Friedrichs 150. Todestag, brachte ein - inzwischen nicht mehr so junger - Bayer als Privatmann eine Medaille auf den Preußenkönig heraus (wiederum die einzige und in bescheidener Auflage, weshalb sie heute sehr teuer ist); aber weil Karl Goetz inzwischen der erfolgreichste Medailleur Deutschlands - und einer der erfolgreichsten der Welt - war, war das nur noch eine von vielen, die er in den vergangenen Jahren auf alle möglichen und unmöglichen Personen und Ereignisse heraus gebracht hatte, fast auf alle, denen gleichzeitig staatliche Gedenkmünzen gewidmet worden waren, aber auch auf Bismarck anläßlich seines 30. Todestages 1928 - was der Weimarer Republik keine offizielle Gedenkprägung wert gewesen war.

[Medaille von Karl Goetz auf Bismarck 1928] [Rückseite] [Medaille von Karl Goetz auf Walther von der Vogelweide 1930] [Rückseite] [Medaille von Karl Goetz auf v. Stein 1931] [Rückseite]
[Medaille von Karl Goetz auf Luther 1933] [Rückseite] [Medaille von Karl Goetz auf Schiller 1934] [Rückseite] [Medaille von Karl Goetz auf Friedrich II 1936] [Rückseite]

Ja, es gibt schon merkwürdige Zusammenstellungen. Dikigoros hat nie verstanden, was die Nazis an Leuten wie Friedrich II und Bismarck fanden, die bei allen Gegensätzen eigentlich nur eines gemeinsam hatten: Sie bekämpften in höchst überflüssigen Bruderkriegen die Österreicher und gründeten kleindeutsche Staaten, die das Ziel vereitelten, das der gebürtige Österreicher Hitler immer verfolgte: Die Errichtung eines alle "Volksgenossen" umfassenden "Groß-Deutschen Reichs". Aber die Nazis versuchten nicht nur einen Brückenschlag zwischen diesen gegensätzlichen Polen - sie hatten ja die innere Einigung der Volksgemeinschaft auf ihre Hakenkreuzfahnen geschrieben -, sondern geradezu die Quadratur des Kreises. Ja, die Quadratur, denn sie versuchten gleich vier Staatsmänner - Friedrich II, Bismarck, Hindenburg und Hitler - unter einen Hut zu bringen, obwohl das schon rein äußerlich ein Ding der Unmöglichkeit war: Was hatten der Dreispitz, der Kürassierhelm, die Pickelhaube und die Schirmmütze gemeinsam? Was hatte in dieser Reihe vor allem der - trotz seines vielfach überschätzten Sieges bei Tannenberg letztlich erfolglose - Feldmarschall Hindenburg verloren? Nein, liebe Leser, das da unten ist keine Karikatur aus der Nachkriegszeit, sondern ernst gemeinte Propaganda aus der Zeit des "Tausendjährigen Reiches" - offenbar hat sich damals niemand die Mühe gemacht, diese widersinnige Zusammenstellung des Eroberers von Schlesien, dessen, der Schlesien nie betrat, dessen, der Oberschlesien verlor und dessen, der den Rest von Schlesien verlieren sollte, einmal zu hinterfragen.

[König, Fürst, Feldmarschall und Gefreiter] [Bismarck wird neu entdeckt]

Als schließlich der nächste Große Krieg ausbrach, besann man sich - ähnlich wie 1914 - wieder auf den so lange vernachlässigten Bismarck und gab - neben einem Schlachtschiff, das von den Alliierten bald versenkt wurde - gleich zwei Propaganda-Filme in Auftrag: "Bismarck" wurde 1940 fertig, "Die Entlassung" 1942. Beider Regisseur war Wolfgang Liebeneiner, und den Bismarck spielte Emil Jannings - ohne prägenden Erfolg, wie Dikigoros ja schon in der Einleitung zu "Die [un]schöne Welt der Illusionen" geschrieben hat. Die Geschichtsklitterung war einfach zu offensichtlich: Jannings entblödete sich nicht, dazu ein Pamflet zu verfassen, in dem er einen stringenten Weg "von Friedrich dem Großen zu Adolf Hitler" gefunden haben wollte (eine ziemlich schwachsinnige These, die gleichwohl bis in unsere Tage fort wirkt, da sie - wenn auch mit umgekehrtem, negativem Vorzeichen - der schwiemelige Möchtegern-Historiker und Hitler-Anmerker Sebastian Haffner nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgreifen sollte, und in seinem Fahrwasser auch der 'Spiegel' - sogar mit einer Titel-'Story' [Wenn Ihr genau hin seht, liebe Leser, werdet Ihr auf dem Cover sowohl "Friedrich in der Schlacht von Zorndorf" als auch "Das Flötenkonzert von Sanssouci" wieder finden! Nur Hindenburg ist durch seinen Obersten Kriegsherrn, Kaiser Wilhelm II, ersetzt]). Kommerzieller Erfolg war ihnen dennoch beschieden - im Krieg liefen alle Filme in Deutschland gut, schließlich wollte man ja etwas Ablenkung haben (1942 fanden schon die ersten Tausend-Bomber-Angriffe auf Köln und Hamburg statt - wo das große Bismarck-Denkmal bis heute steht). Objektiv gesehen war es einfach lächerlich, Wilhelm II einen Vorwurf daraus zu machen, daß er den verkalkten alten Kanzler 1890 - also im Alter von 75 Jahren - endlich entließ, wie der Film das tut; Bismarck hatte weiß Gott schon genug Mist gemacht, und den Ersten Weltkrieg hätte auch er nicht verhindert, geschweige denn gewonnen - aber das ist eine andere Geschichte.

[Spiegel-Artikel '300 Jahre Preußen'] [Bismarck-Denkmal in Hamburg]

Und nun kommen wir endlich zu den Fragen, die Dikigoros so lange zurück gestellt hat, und die "Das Flötenkonzert von Sanssouci" weit über das Jahr 1931 hinaus so aktuell machen: Gibt es den gerechten Krieg? Ist der Angreifer immer im Unrecht? Ist ein Präventiv-Krieg gerechtfertigt, der so zu sagen in voraus eilender Notwehr geführt wird? Dikigoros hat bereits angedeutet, daß er da einen ganz pragmatischen - gewissermaßen "amerikanischen" - Ansatz vertritt: Er beurteilt das "Recht" zur Kriegführung mehr nach der Aussicht, ihn siegreich zu beenden als nach so genannten "moralischen" Gesichtspunkten - zumal die ohnehin nie objektiv sind. Natürlich darf sich ein Staat verteidigen, wenn er angegriffen wird; sein Selbstverteidigungsrecht, ja die Pflicht der Staatsführung, ihre Untertanen gegen einen Angriff von außen zu verteidigen, reicht sogar weiter als das persönliche Notwehrrecht des einzelnen, welches sich lediglich auf einen unmittelbaren, gegenwärtigen Angriff erstreckt. Der Staat darf schon etwas weiter in die Zukunft hinaus schauen. Zweifellos war Friedrichs Angriff auf Sachsen und Böhmen 1756 ein Präventiv-Krieg, ebenso wie Stalin 1941 gerade einen Präventiv-Krieg gegen Deutschland vorbereitete (er wußte schon seit 1940 von Hitlers Absicht, die Sowjet-Union anzugreifen), in dessen Aufmarsch die deutschen Truppen im Sommer 1941 hinein stießen, was den Historikern (auch Dikigoros) lange Zeit den Blick auf die Tatsachen verstellt hat. [Seid Ihr nun schockiert, liebe deutsch-nationale Leser, daß ausgerechnet Dikigoros eine solche Auffassung vertritt? Ihr dürft ihm glauben, daß er es sich nicht leicht gemacht hat; aber die Fakten sind nun mal, wie sie sind, er hat sie nicht geschaffen und kann sie auch nicht rückwirkend ändern - solche Versuche überläßt er getrost den beamteten Geschichts-Leerern und -Professoren, die bloß ein Amt und keine Meinung haben.] Aber wie gesagt, nicht jeder präventiver ist notwendigerweise auch ein gerechtfertigter Krieg, geschweige denn ein "gerechter". Gerechtfertigt war zum Beispiel der Angriff des Deutschen Reichs auf Belgien 1914 - denn das stand insgeheim längst im Lager der Entente und hatte seine gesamte Armee gegen Deutschland aufmarschieren lassen, zum Angriff Richtung Ruhrgebiet. Gerechtfertigt war auch der Angriff Hitlers auf Polen 1939. Nein, nicht wegen Danzig und der läppischen Autobahn durch den "Korridor" nach Ostpreußen - das hätte man früher oder später auch auf dem Verhandlungsweg haben können -, aber er erfüllte nach objektiven Maßstäben allemal den Tatbestand der Nothilfe gegen die brutale Unterdrückung der deutschen Minderheit in Polen. (Was noch viel zu wenig gesagt ist: Die Menschen wurden auf offener Straße ermordet, nicht nur mit staatlicher Billigung, sondern sogar unter aktiver Mithilfe der polnischen Regierung - der Bromberger Blutsonntag war kein Einzelfall, sondern nur der unrühmliche Höhepunkt des polnischen Terrors.) Übrigens nicht nur der deutschen Minderheit, sondern auch der ukraïnischen, der litauischen und der jüdischen. So strömten z.B. bis Ende August 1939 Massen polnischer Juden über die deutsche Grenze, um im Reich Zuflucht zu suchen - also zu einer Zeit, als sich auch in Polen herum gesprochen haben dürfte, daß Juden in Deutschland nicht gerade mit Glacé-Handschuhen angefaßt wurden. [Lest mal die diplomatischen Akten jener Zeit - sie sprechen selbst in dem "gesäuberten" Umfang, der nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht wurde, eine mehr als deutliche Sprache: Polen und Deutschland schoben die jüdischen Flüchtlinge hin und her über ihre Grenze ab, mitsamt scharfer Protestnoten, nach dem Motto: "Die wollen wir nicht, macht mit denen, was Ihr wollt, aber ohne uns!" (Die Weigerungen der braven Westalliierten - allen voran der USA und Großbritanniens, das Palästina unter seiner Fuchtel, pardon Verwaltung hatte, sind verständlicherweise aus den Dokumenten-Sammlungen verschwunden.) Es sind des Lesens und Nachdenkens werte Dokumente der Schäbigkeit, von denen Ihr in Euren Märchen- und Geschichts-Büchern nichts erfahrt.]

Aber es gibt auch den Tatbestand der provozierten Notwehr und der provozierten Nothilfe, und so war es bei Friedrich: Er hatte 1740 Schlesien überfallen und annektiert und damit den Grundstein gelegt für alle künftigen Auseinandersetzungen zwischen Preußen und Österreich. Er mag dafür formal-juristische Gründe erbrechtlicher Art gehabt haben (über die Berechtigung jener Ansprüche streiten die Gelehrten; Dikigoros' Doktorvater - ein gebürtiger Schlesier - meinte, daß sie berechtigt waren; er selber hat dazu keine Meinung); aber selbst wenn es so war, rechtfertigte das schwerlich einen Krieg. Gewiß, den meisten Schlesiern sollte es unter preußischer Verwaltung besser gehen als unter österreichischer - aber ob sie darauf nicht gerne verzichtet hätten, wenn sie sich dafür Jahrzehnte lange Kriege hätten ersparen können? Die österreichischen Kriegsvorbereitungen, gegen die Friedrich präventiv los schlug, sollten lediglich seiner Rückeroberung gelten, waren also aus Habsburger Sicht gerechtfertigt. Fällt Euch in diesem Zusammenhang noch ein anderes Stichwort ein, liebe Leser? Wer stellt denn bis heute jeden seiner Angriffe auf fremde Länder als Notwehr oder als Nothilfe dar? Wer hat gleich mit seinem Öl- und Alteisen-Embargo den japanischen Angriff auf Pearl Harbor provoziert? Hatte Roosevelt neben den vielen anderen Parallelen, über die Dikigoros an anderer Stelle schreibt, auch diese mit Hitler gemeinsam? Ja, das hatte er!

Der Weg in den Krieg und seine propagandistische Vorbereitung (leider nicht auch seine militärische - aber das ist eine andere Geschichte) ähnelten einander hüben wie drüben in geradezu verblüffender Weise: Auch Roosevelt setzte auf die Quadratur des Kreises, d.h. er versuchte, alle vier vaterländischen Staatsmänner - Boone, Washington, Lincoln und sich selber - gleichzeitig zu mobilisieren, allen voran den so lange vernachlässigten Bürgerkriegs-Präsidenten: 1939/1940 kamen gleich drei Filme über Abraham Lincoln in die amerikanischen Kinos - und das war auch dringend notwendig: England und Frankreich hatten zwar endlich dem Deutschen Reich den Krieg erklärt, und das war auch gut so, jedenfalls nach Überzeugung der Regierung Roosevelt. Aber die meisten U.S.-Bürger (vor allem die, deren Vorfahren aus Deutschland, Irland und Italien stammten, aber auch andere "Isolationisten", wie der populäre, aus Schweden stammende Atlantik-Flieger Charles Lindbergh und sein "America First Committee") waren der Meinung, daß die U.S.A. auf gar keinen Fall in diesen Krieg eintreten sollten. Wo wurden solche - und andere - Meinungen im Vor-Fernseh-Zeitalter gemacht? Natürlich im Kino! Da lief gerade ein neuer Film mit dem Titel "Northwest Passage [Nordwest-Passage]", mit Spencer Tracy in der Hauptrolle als Robert Rogers - wir erinnern uns - und vor allem mit ungeheurem Erfolg. Man fragt sich warum. Gewiß, es war einer der ersten Technicolor-Filme, aber unter uns, liebe Leser, das waren Perlen vor die Säue: Statt satter Farben zieht sich da ein schmutziger Einheitsbrei in grau, braun und NATO-oliv über den Bildschirm, und inhaltlich ist es auch nicht gerade das Gelbe vom Ei, was die Regisseure Jack Conway und King Vidor da abgeliefert haben. Der Inhalt ist sogar in vielerlei Hinsicht ein Ärgernis, denn der Film hört just dort auf, wo er eigentlich erst anfangen sollte, nämlich beim Aufbruch zu jener Nordwest-Passage. Aber dann hätte er das Scheitern Rogers' zeigen müssen, und so etwas verkauft sich beim Kino-Publikum halt nicht so gut. Also handelt der Film praktisch nur von der Anabasis, pardon dem Langen Marsch der Rangers von St. Francis - wo sie die bösen Abenaki-Indianer vernichtet haben - zurück nach Fort Wentworth, mit all seinen Entbehrungen und Strapazen. Und immer lauern die grausamen Feinde im Hinterhalt, nämlich die Franzosen - im Siebenjährigen Krieg war man ja noch mit den Preußen gegen sie verbündet gewesen! Wie war es überhaupt möglich, daß ein solcher Film in die Kinos kommen durfte zu einem Zeitpunkt, als die U.S.A. insgeheim längst mit Frankreich verbündet waren, das gegen Preußen-Deutschland im Krieg stand? Nun, es handelte sich um die Verfilmung eines äußerst erfolgreichen - und, soweit sich das nachprüfen läßt, äißerst wahrheitsgetreuen - historischen Romans von Kenneth Roberts, genauer gesagt von dessen erstem Band, der diese erfolgreiche Expedition schildert. (Der zweite Band, der Rogers' gesammelte Niederlagen enthält, fand wie gesagt im Film nicht statt.) Der war aber schon 1937 veröffentlicht worden, kurz bevor Roosevelt im einstmals deutschen Chicago, der damaligen Hochburg der amerikanischen Friedensbewegung, seine berühmt-berüchtigte "Quarantäne-Rede" hielt, in der er zum Krieg gegen Deutschland, Italien und Japan hetzte. [Ja, liebe Leser, das war lange vor der Wiedervereinigung mit der Ostmark, pardon dem Anschluß der Republik Österreich, der Heimkehr, pardon der erpreßten Abtretung des Sudetenlandes und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren, pardon der Besetzung der Rest-Tschechei! Oder glaubt Ihr tatsächlich, der Zeitpunkt seiner Rede hätte einen Bezug zur aktuellen Politik gehabt? Nein, aber einen zur Geschichte: Roosevelt hielt sie am Abend des 5. Oktober und offenbarte damit, wes Geistes Kind er war - am Abend des 5. Oktober 1759 hatte Robert Rogers die Abenaki gewissermaßen "unter Quarantäne gestellt"!] Und da die U.S.A. 1940 offiziell noch nicht in den Krieg eingetreten waren, konnte man den Film schlecht verbieten.

Egal, das war nun nicht mehr zu ändern; aber die Regierung Roosevelt hatte - im Gegensatz zu den Deppen vom "America First Committee", die doch allen Ernstes glaubten, die U.S.A. sollten sich zuerst mal um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, bevor sie sich in fremde einmischten - richtig erkannt, daß sie nur mit einem neuen Weltkrieg aus der Dauerwirtschaftskrise heraus finden würde, die sie sich mit dem "New Deal" eingebrockt hatte, denn nur so ließ sich die Rüstungs-Industrie richtig anheizen. Deshalb beschloss sie, propagandistisch massiv dagegen zu halten, u.a. mit ein paar schönen, subtilen Filmen über Lincoln (der nie mit den Preußen oder gegen die Franzosen gekämpft hatte). Doch oh Schreck: Alle drei Filme flopten! Der erste - mit dem schlichten Titel "Abraham Lincoln" - wurde von Altmeister Griffith gedreht, mit Walter Huston in der Hauptrolle. Publikum und Kritik waren in seltener Einmütigkeit der Auffassung, daß der Film Schrott war (obwohl Lincoln fürs erstere eine hübsche Liebesgeschichte angedichtet worden war :-) und rätselten, wie es dazu kommen konnte: War Griffith alt geworden? Hatte er bei den Dreharbeiten zuviel gesoffen? Oder lag es ganz einfach daran, daß es sein erster Tonfilm war? Dikigoros will Euch die Antwort verraten: Es handelte sich um einen Auftragsfilm der U.S.-Regierung, die im nächsten Weltkrieg in größerem Umfang auch schwarze Truppen verheizen wollte (natürlich in getrennten Einheiten - man konnte den Weißen doch nicht zumuten, Seite an Seite mit Niggern ins Feld zu ziehen!), deshalb mußte wohl oder übel noch einmal Lincoln bemüht werden, der ja nicht nur der Vater des Vaterlandes, des Bürgerkriegs und der Einheit, sondern auch der große Freund der schwarzen Sklaven war, der für ihre Befreiung vom Südstaaten-Joch einen blutigen Krieg geführt - und gewonnen! - hatte, so wie die USA nun einen blutigen Krieg für die Befreiung Europas vom deutschen Joch zu führen gedachten. Was der alte Rassist, Pazifist und Deutschen-Freund Griffith davon hielt, kann man sich leicht denken und auch verstehen, daß er vor Wut zur Flasche griff. Daß dieser Film als Propagandastreifen völlig untauglich geriet (er wurde dennoch in allen amerikanischen Schulen vorgeführt, um schon die lieben Kleinen auf den Krieg einzustimmen!) war freilich kein Zeichen von Alkoholismus sondern vielmehr davon, daß Griffith diesen nur vortäuschte - er erreichte damit genau das, was er wollte.

Der zweite dieser Filme war "Young Mr. Lincoln" von John Ford. Er handelte, wie schon der Titel verrät, von Lincolns Anfängen als Jurist, also nicht von seiner späteren Zeit als Präsident. Obwohl er einen "Oscar" bekam, obwohl sein Regisseur als Belohnung zum Admiral der U.S. Navy befördert wurde (natürlich nicht unter dem Pseudonym "John Ford", sondern unter seinem richtigen Namen Sean O'Ferans :-) und obwohl Gore Vidal - von dem Dikigoros schon in der Einleitung zu "Die [un]schöne Welt der Illusionen" geschrieben hat - meinte, er habe das Lincoln-Bild geprägt, nämlich auf Henry Fonda, taugte er zu diesem Zweck nicht viel und hatte auch keine derartige Wirkung, weder kurz-, noch mittel- noch langfristig. Das lag nicht zuletzt an der Fehlbesetzung der Hauptrolle mit dem schon 34-jährigen Henry Fonda, der den jungen Jura-Studenten einfach nicht glaubwürdig spielen konnte. [Der damals 23-jährige Gregory Peck (der später die Fantasiefigur des "Captain Hornblower" verkörpern sollte) hat es sein Lebtag nicht verwunden, daß er diese Rolle nicht bekam.] Und dann war da noch "Abe Lincoln in Illinois" von John Cromwell (nicht verwandt und nicht verschwägert mit dem englischen Diktator, pardon Protektor, über den Dikigoros an anderer Stelle schreibt) mit Raymond Massey in der Hauptrolle. Dem gebürtigen Kanadier sagen seine wenigen noch existierenden Fans nach, daß er dem historischen Lincoln am ähnlichsten gesehen und daß er die berühmte Durchhalterede von Gettysburg mit besonders eindrucksvoller Stimme gehalten habe. Das mag zwar stimmen, aber darauf kommt es wie gesagt nicht an - umgekehrt wird ein Schuh draus, und den kann man Massey nun beim besten Willen nicht anziehen: Wenn den überhaupt noch jemand kennt, dann allenfalls in seiner Rolle als französischer Botschafter in "The Scarlet Pimpernel [Der scharlachrote Pimpernel]" von 1934, einem der Lieblingsfilme von Rowan Atkinson alias "Mr. Bean", der ihm ein halbes Jahrhundert später eine ganze Folge seiner Blödel-Kult-Serie "Black Adder [Schwarze Natter]" widmen sollte... Wie dem auch sei, die U.S.-Regierung lernte ihre Lektion und griff für ihre nächsten Kriegspropaganda-Filme auf andere Regisseure und Leitbilder zurück - aber das ist eine andere Geschichte.

[Präsidentenköpfe von Mount Rushmore in den Black Hills: Washington, Jefferson, T. Roosevelt und Lincoln]

Immerhin wurde der Steinmetz und Bildhauer Gutzon Borglum, der schon seit 1927 in den Black Hills (die gerade eine unrühmliche Rolle in einem der eben erwähnten neuen Kriegspropaganda-Filme spielten - zu dem just der letzte Link führt), genauer gesagt am Mount Rushmore, dessen Namen [Beeil-Dich-mehr-Berg] er so gar keine Ehre machte, damit beschäftigt war, die Köpfe der drei Präsidenten Washington, Jefferson und Teddy Roosevelt aus dem Fels zu meißeln, angewiesen, auch noch Lincolns Kopf dazu zu setzen. [Ihr glaubt das nicht, liebe amerikanische Leser? Dann beantwortet Dikigoros bitte zwei Fragen: 1. Warum steht Lincoln abseits von den drei anderen und schaut als einziger in die andere Richtung? 2. Warum steht Lincoln außerhalb der Chronologie, nach der er doch zwischen Jefferson und Roosevelt gehörte?] Im Krieg wurde dieser "Shrine of Democracy [Schrein der Demokratie]" am Mount Rushmore regelrecht zu einem Wallfahrtsort - dem einzigen, den die Amerikaner eigentlich haben; und sie lassen sich seine Erhaltung etwas kosten: Erst 1998 war der US-Steuerzahler wieder mit vielen Millionen US-Dollar für eine Generalüberholung dabei.

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Und damit sind wir wieder beim Geld. Seit Roosevelts Tod anno 1945 verunziert dessen Kopf die Vorderseite der "Dimes" [10-Cent-Stücke, die seitdem das gängige Zahlungsmittel in den öffentlichen Bedürfnisanstalten der USA sind; früher waren das die "Nickel" genannten 5-Cent-Stücke mit dem Indianer-Kopf gewesen, der inzwischen durch den Thomas Jeffersons ersetzt wurde]. Der Washingtons auf den Quarters ist uns dagegen ebenso erhalten geblieben wie der Lincolns auf den Pennies - die beiden ersteren werden freilich nicht mehr aus Silber, sondern nur noch aus Blech geprägt. In den sechziger Jahren versuchten die U.S.-Präsidenten Kennedy (dessen Visage seit seinem Ableben die Halbdollars verunziert) und Johnson noch einmal, zur propagandistischen Untermalung ihrer - in der weißen Bevölkerung sehr unpopulären - Gesetzgebung zur Gleichstellung der Schwarzen ("Civil Rights Acts" nannte man das; man wollte damit eine "Greater Society" schaffen) Lincoln ins Spiel zurück zu bringen, wieder als angeblichen Freund der Schwarzen. Der Versuch mißlang, obwohl noch heute unverbesserliche Kennedy-Fans (die offenbar Dikigoros' Seite über ihn noch nicht gelesen haben :-) und Witzbolde immer wieder echte oder vermeintliche "Parallelen" (es handelt sich durchweg um Zufälle) zwischen jenen beiden Präsidenten an den Haaren herbeiziehen. Doch der Spuk war bald vorüber - schon Präsident Ford sollte sich wieder als Nachfolger Washingtons porträtieren lassen.

[Lincoln und Kennedy] [Washington und Ford] 
[Rückseite]

Nein, liebe Leser, es war nicht nur ein Wortspiel, als er bei seiner Vereidigung sagte: "Ich bin ein Ford, kein Lincoln!" Und er meinte auch nicht etwa die Automarke (er fuhr keinen Ford, sondern - ausgerechnet einen Lincoln :-) Nein, er meinte tatsächlich seine politische Haltung [Dikigoros schreibt bewußt nicht "Einstellung", denn Ford hatte noch so etwas wie Haltung; er ließ sich nicht von der veröffentlichten Meinung "einstellen" wie eine Kuckucksuhr!]: Er zog den konservativen Tabakpflanzer und Sklavenhalter aus den Südstaaten dem zum Gutmenschen hoch stilisierten Verfechter des Zentralstaates vor. Die linke Journaille sollte ihm das nie verzeihen - sie kolportierte zu allererst den boshaften Satz des korrupten Ex-Präsidenten Lyndon B. Johnson (der sich persönlich massiv am Vietnamkrieg bereichert hatte), der dumme "Gerry" [das ist die richtige, von "German" abgeleitete Schreibweise des meist fälschlich "Jerry" geschriebenen Schimpfworts für Deutsche; Gerald Ford war teilweise deutscher Abstammung, Anm. Dikigoros] könne nicht mal gleichzeitig gehen und Kaugummi kauen - der Spruch wurde in den USA zum geflügelten Wort. (Eine Vorgehensweise, die Dikigoros stark an die heutige Hetzkampagne der Linken gegen Präsident George Bush jun. erinnert.) Zeitungen und Fernseh-Nachrichten übernahmen damals endgültig die Rolle, die früher Gemälde und/oder Kinofilme gespielt hatten; diese modernen Medien haben den Vorteil, daß ihre Bilder aktueller sind und somit schneller Wirkung beim Publikum erzielen können; und deshalb nähert sich diese "Reise durch die Vergangenheit" nun auch langsam aber sicher ihrem Ende. Dikigoros will gewissermaßen nur noch den Rest des Filmes abspulen.

Die siebziger Jahre waren eine böse Zeit für die USA, deren Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert wurde, auch wenn man das im Ausland kaum mit bekam. (Dikigoros lebte damals zufällig in den USA, Ford war "sein" Präsident.) Es war ja nicht nur der verlorene Vietnam-Krieg - Gesinnungs-Schnüffelei und -Terror, üble Nachrede und Rufmord waren an der Tagesordnung. Binnen drei Jahren demontierten die linken Medien drei republikanische Präsidenten und Vizepräsidenten: Zuerst Spiro Agnew - über den konnte man streiten. Dann Richard Nixon - der war in der Tat ein Verbrecher, aber aus ganz anderen Gründen als man damals meinte; daß er ausgerechnet über die läppische "Watergate"-Affaire stürzte ist ein Witz. Und dann Gerald Ford. Der war freilich absolut integer (er ging so arm aus dem Amt, daß er nicht mal mehr die Beiträge zu seinem Golfclub zahlen konnte - man erließ sie ihm großzügig), da konnte man kein Haar in der Suppe finden - also mußte man irgend etwas an den Haaren herbei ziehen oder er-finden. Die Journaille leistete ganze Arbeit: Als Ford sagte, die sowjetrussischen Besatzer könnten den freiheitlichen Geist der Polen nicht unterdrücken, stand am nächsten Tag in den Zeitungen: "Ford sagt, es stimmt nicht, daß die Polen von den Sowjets unterdrückt werden." Und als er für mehr kommunale Selbstverwaltung (und Selbstfinanzierung :-) plädierte nach dem Motto: "Ein Staat, der so stark ist, daß er dir alles geben kann, ist auch stark genug, um dir alles zu nehmen!" stand am nächsten Tag - kurz vor der Präsidentschaftswahl von 1976 - als Schlagzeile in den New York Daily News: "FORD TO CITY: DROP DEAD [Ford zur Stadt: Verrecke]". Das zu verbreiten - auf allen Kanälen, versteht sich - genügte; Gerald Ford verlor die Wahl gegen Jimmy 'Peanuts' Carter, den Erdnußfarmer und Schaumschläger aus Georgia, und damit bekamen die USA dann tatsächlich den dummdödeligsten Präsidenten aller Zeiten (jedenfalls bis zur Wahl des Pantoffelhelden Bill Clinton - aber der hatte wenigstens eine kluge Frau, die ihm die politische Arbeit abnahm, während ihr Mann im Weißen Haus anderweitig beschäftigt war :-) der nicht mal Kaugummi kauen konnte, wenn er nicht gleichzeitig zu gehen versuchte. So wurde jener boshafte Spruch tatsächlich zu einer selbsterfüllenden Profezeiung.

In den achtziger Jahren durfte Gregory Peck - schon stark gealtert und längst über den Zenith seiner Schauspielkunst hinaus - endlich doch noch den Lincoln spielen, in einer Fernsehserie mit dem Titel "The Blue and the Grey [Die Blauen und die Grauen - nach den Uniformfarben der Bürgerkriegsparteien, Anm. Dikigoros]". Dort stand freilich nicht mehr der U.S.-Präsident im Mittelpunkt des Geschehens, sondern eine erfundene Romanfigur namens John Geyser. Und ebenfalls in den achtziger Jahren spielte Barry Bostwick den Washington, ebenfalls in einer Fernsehserie mit dem Titel "General George Washington", aus der auch ein Film zusammen geschnitten wurde, der flopte und bald vom Mark verschwand. Von Prägung konnte bei beiden keine Rede sein - vielleicht war die Zeit ohnehin vorbei, in der man dem Publikum Washington und Lincoln noch als Ideal-Bilder verkaufen konnte - wofür standen sie denn in einem Jahrzehnt, in dem Schauspieler, statt irgendwelche anderen Präsidenten darzustellen, selber Präsident wurden? Das soll keine Spitze gegen Ronald Reagan sein, den Dikigoros persönlich sehr schätzt (obwohl er als Schaupieler nie eine echte Chance bekam, so groß heraus zu kommen wie etwa seine Partei-Freunde John Wayne oder Charlton Heston - vielleicht machte er dafür politische Gründe verantwortlich [er war konservativ, während die meisten Regisseure linksliberal waren], und vielleicht beschloß er deshalb, Politiker zu werden ?!). Aber im Fernseh-Zeitalter muß ein Präsident, ja jeder Politiker in exponierter Stellung, täglich seine Rolle vor den Kameras spielen - was schwieriger sein dürfte als in einem Kino- oder Fernsehfilm mit zu spielen und den Erwerb und die Pflege von schauspielerischen Eigenschaften und Fähigkeiten in einem Ausmaß fördert, ja erfordert, daß für eigentliche staatsmännische Eigenschaften und Fähigkeiten kaum noch Raum bleibt. Man mag das bedauern; aber das ist der Preis für eine Fernseh-Demokratie mit hohem Unterhaltungswert, wie sie in den USA halt schon eine Generation früher Einzug gehalten hat als anderswo auf der Welt, und in der sich Kandidaten wie Amtsinhaber gleichermaßen dem Publikum [ein lateinisches Wort, das ja nichts anderes bedeutet als Öffentlichkeit und nun endlich diesen Namen verdient, da es weit über eine noch so große Menge von Kinobesuchern im halt doch immer geschlossenen Saal hinaus geht] verkaufen müssen wie Leinwandhelden. Ein ständig mit Kautabak bekleckertes Hutzelmännchen wie Friedrich der Große (dem seine politischen Gegner bald den Spottnamen "Friedrich der Kleine" verpaßt hätten), ein gepuderter und bezopfter Feigling wie George Washington (man stelle sich vor, ein Kriegsberichterstatter hätte dessen "Heldentaten" gefilmt!), ein schräger Vogel wie Lincoln mit schmuddeligem Vollbart und lächerlichem Zylinderhut oder ein Fettwanst mit piepsiger Kastratenstimme und Pickelhaube wie Bismarck (der schon im Radio-Zeitalter durchs Raster gefallen wäre) - sie alle hätten in der heutigen Politik nicht den Hauch einer Chance.

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Werfen wir noch einen kurzen Blick zurück nach Deutschland und fragen uns, was aus seinen einstigen Leitbildern geworden ist: 1971 erinnerte eine silberne 5-DM-Münze zaghaft an den 100. Jahrestag der Reichsgründung. Alt-Kanzler Bismarck kam da freilich nicht vor; als Motiv wurde vielmehr das Reichstagsgebäude gewählt, das 1871 noch gar nicht stand, sondern erst in den Jahren 1884-94 gebaut wurde - eine Peinlichkeit, wie sie wohl nur den zwei Jahren zuvor an die Macht gekommenen Sozialisten mit ihrem gestörten Verhältnis zur deutschen Geschichte unterlaufen konnte. [SPD-Neu-Kanzler Herbert Frahm alias "Willy Brandt" (der im selben Jahr den Friedensnobelpreis bekam, obwohl er an gar keinem Frieden beteiligt war, und von dem der Volksmund sagte, daß nun Dank seiner der Bundestag endlich etwas mit dem Reichstag gemeinsam habe, der ja auch durch einen Brand zerstört wurde :-) war sogar mal Regierender Bürgermeister von Berlin gewesen, was die Sache umso schlimmer macht; unter Friedrich Ebert oder Kurt Schumacher wäre so etwas nicht passiert.]

[5 DM 1971 Reichsgründung ohne Bismarck] [Rückseite] [Goldmedaille 1971 auf den Friedensnobelpreis für Herbert Frahm alias 'Willy Brandt'] [Rückseite]

1986 wurde der 200. Todestag Friedrichs II von der BRD mit einer schäbigen 5-DM-Gedenkmünze aus Blech "gewürdigt". (Ein Jahr später, zum - getürkten - 750. Jahrestag der Gründung Berlins, wurde dagegen ein silbernes 10-DM-Stück ausgegeben, aber das ist eine andere Geschichte.) Immerhin fand sich noch ein Medailleur, der im Rahmen einer längeren Suite ein Stück "Schloss Sanssouci" und "Friedrich dem Grossen" widmete. (Die Numismatiker folgten schon immer der "neuen" Rechtschreibung, was zeigt, wie altbacken die eigentlich ist :-) Ein anderer Medailleur versetzte Friedrich dagegen eine schallende Ohrfeige, indem er im Jahre 1986 nicht etwa seines 200. Todestages gedachte, sondern der "Reges Borussorum" [Könige der Preußen] und "Imperatores Germaniae" [Kaiser von Deutschland] seit 1712 - auch das eine Peinlichkeit sonder gleichen, denn preußische Könige gab es schon seit 1701, und deutsche Kaiser (nicht "Kaiser von Deutschland"!) waren sie erst seit 1871...

[blecherne 5-DM-Gedenkmünze von 1986 auf Friedrich II [Medaille auf Schloss  Sanssouci und Friedrich den Grossen] [Medaille 1986] [Medaille 1986]

1991, nach der "Wieder"-Vereinigung von BRD und DDR zur Groß-BRD, wurde Friedrichs Leiche mit großem Brimborium nach Potsdam überführt, in die Hauptstadt des neuen Bundeslandes Brandenburg, und "wieder" in der ursprünglich dafür bestimmten Gruft von Schloß Sanssouci beigesetzt. Pardon, liebe Leser, aber das eine "wieder" ist so falsch wie das andere. Friedrich war vor 1991 nie in Sanssouci begraben gewesen, da lag vielmehr nur der Hund begraben, genauer gesagt seine Hunde. Deshalb hatte man es bei seinem Tode als unpassend empfunden, ihn dort beizusetzen - obwohl er das testamentarisch so verfügt hatte. Statt dessen stellte man seinen Sarg in der Garnison-Kirche auf - und dort wurde er zum Symbol für vieles, was die Demokratisten von 1991 vergessen machen wollten. Zum Beispiel das Bündnis, das König Friedrich Wilhelm III. von Preußen und Zar Aleksandr I. von Rußland anno 1805 an seinem Grabe gegen Napoleon schlossen. Oder der schon erwähnte Besuch Napoleons dortselbst, nachdem er die Verbündeten besiegt hatte. Oder die Eröffnung des Reichstags der Märzgefallenen am "Tag von Potsdam" 1933, als Hitler seinen berühmten Bückling vor Hindenburg machte. (Das eigentliche Reichstags-Gebäude war kurz zuvor abgebrannt - aber das ist eine andere Geschichte.) Oder die Sprengung durch Ulbrichts Pfuscher (drei Monate mit insgesamt 15 Versuchen brauchten sie - Ossis...) anno 1968. Bevor irgend so ein Fascho etwa auf die Idee kam, die Garnison-Kirche von Potsdam wieder aufzubauen, wie die Frauenkirche in Dresden oder den alten Reichstag in Berlin, und die Leiche wieder dorthin zu überführen, wollte man vollendete Tatsachen schaffen, um nerwünschten Reminiszenzen vorzubeugen. Eigentlich eine Schnaps-Idee, denn der Sarg stand in der Kapelle der Burg Hohenzollern-Hechingen - wohin man ihn 1943 angesichts der zunehmenden Bombenangriffe der Aliierten ausgelagert hatte - sehr gut, und "historisch belastet" war er dort auch nicht.

Irgendwie fand die "Wiederheimkehr" Friedrichs nach Sanssouci denn auch nicht ganz den Wiederhall, pardon Widerhall, den sich die Veranstalter wohl erhofft hatten. Ein zwielichtiger Münzenhändler mit Sitz in Holland und falschem englischem Adelstitel verwendete ein altes Bild, das Friedrich II beim Ausritt im Park zeigt (Dikigoros weiß nicht genau welches, deshalb bildet er beide ab, die in Frage kommen), als Vorlage für eine "vergoldete" Blech-Medaille, die er für teures Geld unter die Leute zu bringen versuchte; doch die Medaille geriet zum Flop; sie wird bis heute in unregelmäßigen Abständen auf einer bekannten Internet-Auktion billig verramscht, ebenso die Serie einfallsloser Silbermedaillen, die ein Jahr später ohne erkennbaren Anlaß (121. Jahrestag der Reichsgründung?) heraus gegeben wurde und Friedrich in die Rubrik "deutsche Kaiser und Könige" einreihte (obwohl er weder deutscher König noch Kaiser war, geschweige denn unter dem die Rückseite zierenden Wappenschild von 1873 - mit den Geschichts-Kenntnissen der Deutschen ging es weiter steil bergab). Das gleiche gilt - erst recht - für die Medaille auf Friedrich, die ein Witzbold auf der Rückseite mit der Inschrift "PRO GLORIA ET PATRIA" (dem alten Motto Preußens) versehen hat. Lieber Herr Goede, wenn Sie das hier lesen sollten, merken Sie sich zweierlei: Erstens versteht heute kaum noch ein Deutscher Lateinisch, und wenn doch, dann will - und soll, ja darf - er nichts mehr von "Ruhm und Vaterland" lesen! (Nur Amerikaner wollen - und sollen, ja müssen - noch nach "Glory" streben, aber das ist eine andere Geschichte.) Warum bringen Sie nicht lieber eine Medaille auf den unbekannten Deserteur heraus mit dem schönen Spruch "UBI BENE IBI PATRIA"?

[Bild] [Bildvorlage] [Medaille] [Medaille von Goede auf Friedrich II]
[Preussen 1991 - 290 Jahre Königreich? Merkwürdig krummer Gedenktag!] [Des Rätsels Lösung: Es ging 'Sir Rowland Hill' um die 'Heimkehr' Friedrichs nach Sanssouci 1991!] [PRO GLORIA ET PATRIA]

Wie sagten schon die alten Römer (und die jungen Römer beim Ableben eines alten Papstes :-) "Sic transit gloria mundi!" Da kann auch Friedrich II uns nur noch den Rücken zukehren; und die heutigen werden vielleicht bald ein Vergrößerungsglas brauchen um zu erkennen, daß er trotz seiner einst riesigen Wirkung in Wahrheit nicht nur körperlich bloß ein Zwerg war. Aber da Dikigoros diese Reise durch die Vergangenheit nicht mit einer alten Karikatur beschließen will, und da er ans Ende des ersten Teils einen halbwegs aktuellen Bezug auf Leutzes Gemälde von Washington beim Überqueren des Delaware gestellt hat, will er auch Menzels Gemälde vom Flötenkonzert in Sanssouci noch einmal die gebührende Reverenz erweisen: Im Jahre 2001 wurde es für das Cover einer Video-Kassette ausgewählt, die Schülern die Geschichte des Königreichs Preußen vermitteln soll - wie schön, daß man dafür jetzt nur noch 23 Minuten braucht!

[Friedrich von hinten] [Sic transit gloria] [Video-Kassette für den Schulunterricht im Jahre 2001: Geschichte des Königreichs Preußen in 23 Minuten!]


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