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Status Quo



~8~
Das neunte Kapitel,

in welchem Beweismittel vernichtet werden und Yohji vom Dach fällt

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„Hast du es wenigstens geschafft Aufnahmen von Munashi zu machen?“, fragt Aya mich.
Ich sollte Aufnahmen machen? Ups. „Nein.“, antworte ich vorsichtig und mache mich auf eine Diskussion zum Thema selbstständiges Arbeiten gefasst.
Aya verzieht genervt das Gesicht, während mich Schuldig über seine Schulter hinweg angrinst. Das ist erniedrigend. Aya ist normalerweise schon schlimm genug, wenn er mir sagt, was ich alles hätte besser machen müssen. Ein feixender Schwarztelepath im Hintergrund ist mehr als mein Stolz verkraften kann.

Zum Glück scheint auch Aya der Meinung zu sein, dass Schuldigs Anwesenheit hier überflüssig ist. „Schuldig, verschwinde!“, sagt er, ohne seinen Blick von mir abzuwenden. Es ist seine autoritäre Stimme. Man widerspricht ihm besser nicht, wenn er so ist, aber da Schuldig dumm ist, zeigt er keinerlei Reaktion und lässt seinen Blick weiterhin interessiert zwischen Aya und mir schweifen.
Schließlich dreht Aya sich doch noch zu ihm herum und ich werde Zeuge eines Wettstarrens zwischen den beiden, dass Aya nach einer knappen Minute klar für sich entscheidet, als Schuldig murrend aus dem Haus verschwindet.

Ich weiß nicht so richtig, was ich von dem ganzen halten soll, aber ich sehe Schuldig mit hochgezogenen Augenbrauen nach als er geht und versuche erst mal Zeit zu gewinnen: „Ähm... und wie war das jetzt mit den Ziegen?“
Aya seufzt als hätte er es nur mit Idioten zu tun. „Yohji, hast du heute überhaupt irgendwelche Bilder gemacht?“
Mist! Aber das hätte ich mir ja denken können, es gelingt mir nie ihn abzulenken, wenn er sauer ist. Und er ist sauer, wenn er mich yohjit. „Nein.“, gebe ich zu. „Sollte ich?“

Er antwortet nicht, aber sein Blick sagt ganz klar, dass ich sollte. Na toll. Und wann glaubt er mir das bitteschön mitgeteilt zu haben? „Du hast nicht gesagt, dass ich heute eine Kamera tragen und Photos machen soll.“, verteidige ich mich schwach.
„Ich habe gesagt, dass wir Bilder von den Campteilnehmern machen werden. Ich denke, das impliziert, dass du eher früher als später Gebrauch von unserer Ausrüstung machst.“, kontert Aya und ich weiß, dass ich alle Ausflüchte und Entschuldigungen vergessen kann.

Er würde mir nur sagen, dass ich mit dem Kram umgehen kann, weiß, was wir wollen und er selbst angesichts meiner ursprünglich nicht eingeplanten Teilnahme an dieser Mission durchaus damit rechnet, dass ich mich nützlich mache. Das ist mal wieder typisch. Ich lasse mich von Aya überzeugen, dass er meine Hilfe weder braucht noch will, lasse ihn in Ruhe sein Ding machen, in der Hoffnung, dass er mir schon sagen wird, was ich zu tun habe, wenn es soweit ist und trete damit total ins Fettnäpfchen. Versuche es Aya recht zu machen und spüre seinen Zorn.

„Tja...“, sage ich lapidar. „Dann werde ich das wohl ab morgen tun.“ Tatsächlich habe ich Glück und Aya lässt sich davon besänftigen. Wir wollen beide diese Mission so schnell wie möglich hinter uns bringen - er vor allem, weil er gezwungen ist mit Schuldig und mir ein Zimmer zu teilen, ich, weil das verdammte Camp im allgemeinen und Schuldigs Anwesenheit im besonderen Körperverletzung ist - also sind wir uns einig und es macht keinen Sinn, sich zu streiten.

„Ich werde Kritiker bitten, die drei Frauen, mit denen ich mich heute unterhalten habe, Nagasako, Naboyuki und Aonuma, zu überprüfen, aber ich denke nicht, dass sie etwas mit der Sache zu tun haben.“, informiert mich Aya knapp.
Ich nicke, als mir die Ausländer wieder einfallen. „Die sechs Leute, die noch gefehlt haben, sind vor einer halben Stunde oder so angekommen.“ Ich triumphiere innerlich, als es mir gelingt, damit Ayas Interesse zu wecken.

„Ein paar reiche Kids aus Europa.“, führe ich etwas weiter aus. „Ich bezweifle aber, dass sie hier mit drin stecken.“
„Gut. Kümmere dich darum, ihre Namen in Erfahrung zu bringen und mach sicherheitshalber Photos.“ Mit diesen Worten wendet Aya seine Aufmerksamkeit wieder dem Computer zu und tippt eifrig drauflos.

Ich bin ganz zufrieden mit dem Verlauf dieses Gesprächs. Mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, stelle ich mir sehr einfach vor. Vielleicht ergibt sich da sogar heute Abend noch eine Gelegenheit. Ich beschließe kurzerhand, sie zu suchen.

Als ich aus dem Bungalow komme, lehnt Schuldig dort an der Hauswand. Ich wende nicht einmal den Kopf nach ihm um und gehe einfach weiter, aber Pech gehabt, Schuldig legt es darauf an mich zu nerven.
Er stößt sich von der Wand ab und geht mit langen Schritten neben mir her, als ich zwischen den Reihen der Bungalows entlang streife.

„Schuldig mag es nicht, wenn Mama und Papa sich streiten.“, sagt er mit weinerlicher Stimme und ich erwische mich bei dem Gedanken, dass Schuldig stumm ganz erträglich wäre. Der Typ hat einfach eine Schraube lose. Ich wünschte, ich hätte eine Zigarette, aber ich nehme sie nicht mit ins Camp, aus Angst man könnte sie konfiszieren. Im Auto sind sie sicher. Also brauche ich dringend einen Abstecher zum Parkplatz.

Aber nein, ich wollte zuerst rausfinden, wo die Rucksacktouristen untergebracht sind. Ein eiserner Wille, Yohji!
„Es ist fast fünf.“, sagt Schuldig plötzlich. „Wir könnten die Frauen aus den Duschen jagen und selbst gehen.“
Hä? Ich sehe ihn einigermaßen verwirrt an.
Er grinst dreckig, woraufhin mir einiges klar wird und ich wieder dazu übergehe, ihn zu ignorieren.

Wenn ich den Lageplan, der im Haupthaus aushing, halbwegs richtig im Gedächtnis habe, sind die Bungalows in unregelmäßigen konzentrischen Kreisen um die größeren Gebäude angeordnet. Wenn ich also in Schlängellinien das Haupthaus umkreise, müsste ich...
Schuldigs nachdenklicher Blick, der unbeirrt auf mir ruht, reißt mich aus meinen hochwissenschaftlichen Überlegungen. Ich nehme alles zurück. Selbst stumm kann Schuldig nervtötend sein.

„Was?“, frage ich ihn. Ich will absolut keine Antwort darauf haben, aber es gibt nichts anderes, was ich tun kann. Schuldig grinst diesmal nicht, sondern legt den Kopf ein winziges bisschen schief und sieht mich weiter mit diesem durchdringenden Blick an.
„Was ist?“, wiederhole ich zähneknirschend.
Er blinzelt und streicht sich in einer zerstreut wirkenden, aber todsicher einstudierten Geste die Haare aus dem Gesicht. „Ich denke, ich habe ein Kommunikationsproblem.“, antwortet er schließlich mit ungewohnt leiser, ernster Stimme.

Ich weiß wirklich nicht, womit ich gerechnet habe, aber das war es vermutlich nicht. „Was?“, frage ich verdattert.
„Ich denke, ich habe Kommunikationsprobleme.“, wiederholt Schuldig etwas lauter.
„Das hab ich verstanden.“, zische ich ärgerlich, bevor er auf die Idee kommt, noch lauter zu werden. Keine Ahnung, wovon er redet, aber ich werde ihn bestimmt nicht fragen.
„Siehst du.“, sagt er und nickt zu sich selbst, als hätte er gerade einen schwierigen, mathematischen Beweis erbracht.

Ich sage ihm, dass ich gar nichts sehe und gehe weiter meine weitgreifenden Schlängellinien zwischen den Bungalows entlang. ‚Haus der rauschenden Wipfel’, ‚Haus der goldenen Dämmerung’, ‚Haus des Frühlingsregens’...
„Siehst du“, wiederholt Schuldig, von meinem offensichtlichen Desinteresse nicht im mindesten entmutigt. „Worte sind so leer.“
Ich halte angesichts dieser erstaunlichen Aussage inne und sehe ihn abwartend an. „Ja, meinetwegen. Und?“

„Es ist anstrengend, den Leuten ständig zuzuhören.“, behauptet er.
„Schuldig, niemand redet mit dir.“ Ich sage das, als täte es mir Leid, dass ich keinen schonenderen Weg weiß, ihm das mitzuteilen. Eine kleine Rache für diese ganze Farce.
„Ich denke, da liegt auch ein Teil des Problems.“, gesteht Schuldig scheinbar zögerlich ein.
Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ernst er das Ganze meint. Vermutlich nicht sehr, aber falls doch, kann es ja nicht schaden, es noch ein bisschen reinzureiben.

„Gut, um es etwas einfacher zu machen und damit auch du es begreifst: Du nervst mich. Ich kann dich nicht ausstehen. Verstanden?“, frage ich betont ungeduldig, während ich wieder weitergehe.
„Irgendwie schon, aber es fühlt sich einfach nicht real an. Das ist sehr verwirrend.“
„Aha.“, sage ich trocken. Ich habe immer noch nicht den blassesten Schimmer, wovon er redet.

Er geht noch eine Weile schweigend neben mir her, dann scheint er seine metaphysischen Überlegungen aufzugeben und fragt mich, wo wir eigentlich hingehen. Als ob wir tatsächlich ein gemeinsames Ziel hätten. Als ob er mir nicht nur hinterherlaufen und mich zulabern würde.
Ich gebe ihm keine Antwort, aber das scheint ihn nicht weiter zu stören. Er macht ein paar große Schritte, dreht sich um und läuft rückwärts vor mit her. „Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass du rauchen willst“, sagt er mit einem Schulterzucken und einem seiner falschen Lächeln. „aber wir gehen nicht zum Parkplatz. Außerdem dachte ich, dass es zu still ist.“

Langsam hab ich wirklich genug. „Ich bin nicht zu deiner Unterhaltung da! Verzieh dich einfach. Geh meinetwegen duschen oder nimm an einem Seminar teil oder was auch immer.“
Er will gerade etwas erwidern, als er sich plötzlich umdreht und aufmerksam in die Richtung sieht, in die wir gehen.
Irgendwo ganz in der Nähe sprechen Leute, ab und zu unterbrochen von einem lauten Lachen. Seltsamerweise ist zwischen den Bungalows niemand zu sehen.

„Da.“, sagt Schuldig auf einmal und deutet auf eines der Häuschen, dass hinter einer knorrigen Kiefer ganz außen am Waldrand steht. Dem Schild zufolge handelt es sich um das ‚Haus des Morgentaus, der auf schimmernde Grashalme fällt’. Oh Mann. Und ich dachte schon, es könnte mit den Namen nicht mehr schlimmer werden. Schuldig bricht in Lachen aus, als er das Schild liest und scheint gar nicht mehr aufhören zu können.

„Hey Yohji!“, ruft plötzlich eine Stimme von oben. Vom Dach winken ein paar Hände und nur Augenblicke später taucht ein Kopf auf. Sieht so aus, als hätte ich die Tramps gefunden.

~*~

Feindschaft. Offener Krieg.
Ich versuche mich auf diese Ziele zu konzentrieren, während ich zum Haupthaus gehe.
Ich versuche Schuldigs lächerliche Reaktion auf die Ziegen zu verdrängen. Ich versuche seine Annäherungsversuche zu verdrängen.
Es ist schrecklich. Wie soll man jemanden ordentlich hassen, den man einfach nur peinlich findet? Wie kann man jemandem, der sich monatelang in einem Blumenladen von kleinen Mädchen anrempeln lässt und quietschend wegspringt, wenn ihm eine Ziege zu nahe kommt, in einem ehrenhaften Kampf gegenübertreten? Wenn er wenigstens noch Gedanken lesen könnte, aber nein, er muss sich ja von seinen Teammitgliedern wegen einer blödsinnigen Wette unter Drogen setzen lassen. Er ist so ein Trottel.
Ich fühle mich schlecht, wenn ich ihn verachte. Ich mag es nicht, andere Menschen zu verachten. Ich würde ihn so viel lieber wieder hassen. Sein Benehmen ist inakzeptabel.

Ich habe mir die Abendmeditation geschenkt und die Zeit bis zum Abendbrot damit verbracht ‚Wege der Seele’ zu Ende zu lesen. Es ist das mit Abstand nutzloseste Buch, das ich je gelesen habe, ein einziges Flickenwerk aus wirren Zen-Weisheiten und Lebensratschlägen, die man nicht in einem Buch lesen muss, wenn man auch nur einen Funken gesunden Menschenverstand hat. Also in etwa auf dem Niveau von den Sprüchen, die man für gewöhnlich in Glückskeksen oder auf Teepackungen findet.
Als ich den Speisesaal betrete und mich umsehe, winkt mir Naoko zu, die mit einer anderen Frau an einem Tisch sitzt. Von Yohji und Schuldig ist weit und breit keine Spur zu sehen und ich will ihr sowieso das Buch zurückgeben, also hole ich mein Essen und setze mich zu den zweien.

„Takeshi-san.“, begrüßt sie mich strahlend. „Das ist Midori-kun.“
Ich setze mich und nicke der jungen Frau zu, die sich ein schwaches Lächeln abringt, mich dann aber zugunsten ihres Essens ignoriert. Sie hat kurze Haare, die ihr so weit ins Gesicht hängen, dass man ihre Augen nicht sieht und abgekaute Fingernägel.
„Sie spricht nicht viel.“, entschuldigt sich Naoko halbherzig für ihre Begleitung. „Und wo sind Kudoh und Ihr Verehrer? Machen die jetzt miteinander rum?“
Ich verschlucke mich an meinem Reis und wünsche mich ganz weit weg. Das ist eines dieser mentalen Bilder, die mich bis ans Ende meines Lebens verfolgen werden. Ich frage mich, ob dieser Hieb jetzt nur gegen Yohji und Schuldig gehen sollte oder auch gegen mich, komme aber zu keinem Ergebnis.

„Entschuldigen Sie, das hätte ich vielleicht nicht sagen sollen.“, schwächt Naoko mit einem charmanten Lächeln ab. Ich weiß nicht, was ich dazu nun wieder sagen soll, aber das Reden wird mir von ihr sowieso abgenommen, indem sie elegant zu ihrem Lieblingsthema wechselt.
„Und? Haben Sie schon angefangen, das Buch zu lesen?“ Sie ist entzückt, als sie erfährt, dass ich es schon durchgelesen habe und versucht sich mit mir über die tiefere Botschaft des hochverehrten Itou-sensei zu unterhalten. Ich bringe es nicht übers Herz ihr zu sagen, dass ich das Buch für Müll halte und die tiefere Botschaft für „Gebt mir euer Geld!“, also gebe ich es ihr lediglich zurück, verliere ein paar lobende Worte und versuche ihr noch etwas Klatsch und Tratsch über die anderen Campteilnehmer zu entlocken.

Sie gibt bereitwillig das eine oder andere zum Besten, aber es ist nichts wirklich Interessantes darunter. Es wird immer anstrengender, persönlichen Fragen auszuweichen und trotzdem das Gespräch am Laufen zu halten. Yohji hat in so etwas mehr Übung als ich. Ich fange an, mir Sorgen um ihn zu machen, weil er und Schuldig verschwunden bleiben. Ich festige meinen Entschluss, Schuldig umzubringen, wenn er etwas tut, was diese Mission gefährdet. Aus irgendeinem Grund kommt mir dabei Naokos Spruch von vorhin in den Sinn, obwohl ich eigentlich eher an Mord und Totschlag gedacht habe.

Ich verabschiede mich hastig und gehe zurück zum Bungalow, der leer ist. Einen Moment denke ich darüber nach, Yohji zu suchen, dann entschließe ich mich aber, damit noch eine Weile zu warten, weil er wahrscheinlich auf dem Parkplatz steht und raucht. Ob mit oder ohne Schuldig ist mir so was von egal. Ich nehme mir eine von unseren illegalen Taschenlampen mit, weil ich inzwischen aus Erfahrung weiß, wie stockdunkel das Camp in kurzer Zeit sein wird und suche eine einigermaßen gute Stelle, um meine Kata zu machen. Ich finde sie auf dem Platz beim Haupthaus. In der Nähe ist eine Gruppe damit beschäftigt, das Feuerlaufen vorzubereiten, das, wie Naoko mir gesagt hat, später am Abend stattfinden soll.

Einige Zeit später ist es komplett dunkel geworden und ich breche meine Übungen ab, als sich der Platz mit potentiellen Feuerläufern füllt. Der Bungalow ist unbeleuchtet als ich zurückkomme und ich fürchte, dass ich jetzt doch so langsam nach Yohji suchen muss.
Als ich den Raum betrete, höre ich allerdings jemanden atmen und leuchte mit der Taschenlampe herum, bis ich Schuldig entdecke, der auf meinem Bett schläft. Gott sei Dank vollständig bekleidet. Kein Yohji weit und breit.

Ich gehe näher an Schuldig heran, leuchte ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht und tippe ihn mit dem Fuß an, damit er aufwacht. Er stöhnt, öffnet die Augen und hält sich die Arme vors Gesicht, um nicht geblendet zu werden.
„Wo ist Yohji?“
Schuldig kneift die Augen zusammen, murmelt „Wer? Ach so. Keine Ahnung.“ und dreht sich weg.

Ich trete etwas fester zu. „Au. Verdammt, ja. Yohji. Yohji, Yohji...“ Schuldig scheint tatsächlich nachzudenken, wo er ihn gelassen hat, kommt aber zu keinem Schluss. Ich komme zu dem Schluss, dass Schuldig unter Drogen steht, habe aber jetzt wirklich keine Geduld damit und hole zu einem weiteren Tritt aus.

Doch bevor ich zutreten kann, hat Schuldig mich mit einer unerwartet schnellen Bewegung von den Beinen geholt. Die Taschenlampe fällt mit einem dumpfen Laut zu Boden, rollt ein Stück weiter und wirft riesige, schlingernde Schatten an die Wände. Nach wenigen Augenblicken kommt alles zum Stillstand. Schuldig beugt sich über mich, eine Hand drückt mein Handgelenk zu Boden, die andere meinen Kopf. Mit meiner freien Hand habe ich seinen Hals gepackt und drücke ihn weg. Der Gestank von Alkohol und Gras steigt mir in die Nase. Schuldig lächelt, was nichts tut, um die Situation zu entschärfen. „Tu das nie wieder, Fujimiya.“ Sein Ton ist unerwartet schneidend, auch wenn er ein leichtes Lallen nicht vermeiden kann.

„Lass mich sofort los!“, zische ich.
„Lass du mich zuerst los.“ Schuldigs Grinsen wird breiter, nimmt dann aber einen leicht gequälten Ausdruck an. „Scheiße, mein Kopf.“ Er nimmt seine Hand aus meinem Gesicht und drückt sie an seine Schläfe, dann richtet er sich auf., wobei er mich mit hochzieht, weil er mein Handgelenkt weiterhin umklammert hält. Seine Hand ist unangenehm heiß und feucht. Ich unterdrücke den Impuls mich gewaltsam loszureißen und mindestens zwei Meter Abstand zwischen uns zu bringen und frage stattdessen noch einmal nach Yohji.

Schuldig starrt mich schweigend an und ich versuche in dem schlechten Licht sein Gesicht zu erkennen. Hat es überhaupt Sinn, ihn weiterzufragen oder sollte ich Yohji einfach auf eigene Faust suchen?

Plötzlich lacht er und murmelt irgendwas vor sich hin. Ich verstehe „Oh Mann, Farf, der verdammte Bastard.“ und „Was mach ich hier eigentlich?“, dann kippt Schuldigs Kopf nach vorne auf meine Brust und sein Griff um meinen Arm lockert sich. Ich stoße ihn hastig weg und er fällt ohne Widerstand zurück aufs Bett, wo er reglos liegen bleibt.

Nachdem ich mich vergewissert habe, dass er noch atmet, mache ich mich auf die Suche nach Yohji.

~*~

Als ich unbestimmte Zeit später zu mir komme, ist es dunkel geworden. Über mir erhellt ein halber Mond die zerfetzten Umrisse von Wolken. Ich frage mich, wo ich bin, also hebe ich den Kopf – und lasse ihn sofort wieder sanft zurücksinken. Keine gute Idee, diese Kids sind ausgefuchste Giftmischer.

„Kudoh?“, höre ich Ayas Stimme gedämpft rufen. Ich drehe mich danach um und kann nur noch erstaunt nach Luft schnappen, als ich falle. Und sehr ungraziös lande. Ein Dach, verflixt, jetzt dämmert es mir langsam. Es ist kälter hier auf dem Boden und das Gras ist nass mit Tau.
Mein Kopf tut jetzt noch um einiges mehr weh als eben.

„Yohji?“ Aya kniet neben mir im Gras und rüttelt an meiner Schulter. Ich wünschte, er würde aufhören. „Bist du wach? Was ist passiert?“
Ja, was... – hmm, richtig. „Schuldig hat ihnen von den Campregeln erzählt und sie überredet, die Beweismittel zu vernichten.“

Aya antwortet nichts, aber etwas an der Art, wie er atmet, drückt tiefe Missbilligung aus. Niemand kann Verachtung nonverbal so gekonnt rüberbringen wie Aya. Oder moralische Überlegenheit. Oder Überlegenheit im Allgemeinen.
Ich bin mir nicht mal sicher, ob er das mit Absicht macht, weil ihn die Dummheit der Welt so ankotzt oder ob das ganz aus Versehen passiert, einfach weil er soviel besser ist. Keine Ahnung, ehrlich.

Die meisten Menschen wollen ihn dafür verdreschen, ich bin mir sehr sicher, dass ich kein Einzelfall bin. Im Augenblick begnüge ich mich aber damit, auf dem Rücken zu liegen und versuche, wieder das Bewusstsein zu verlieren. Mit ist so kalt, dass sich Ayas Hand an meiner Schulter noch durch meine Jacke hindurch warm anfühlt und Aya hat niemals warme Hände. Mein Kopf tut weh und ich sehe komische helle Flecken durch die Baumstämme und Bungalows hindurchschimmern.
Ich spüre, wie sich Aya neben mir duckt und sich der Druck seiner Hand auf meine Schulter verstärkt. Vermutlich um mich davon abzuhalten aufzustehen. Mir wird sehr verspätet klar, dass die Lichter von Taschenlampen stammen.



...wird fortgesetzt...



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