Status Quo |
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~3~Das dritte Kapitel,in welchem Schuldig eine Wette verliert und Yohji auf Entzug geschickt wird
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"Okay, was hab ich falsch gemacht?", fragt Schuldig, als er sich an die Theke lehnt. Er hat die Arme über der Brust verschränkt und wirft den Pflanzen einen halb mitleidigen, halb vorwurfsvollen Blick zu.
Ich starre noch einen Moment schweigend auf die hiesige Flora. Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, wie das Zeug im Idealfall aussehen sollte, aber so ganz sicher nicht. Die charakteristischen schmalen, gezackten Blätter sehen ungesund bräunlich aus und hängen schlaff herunter. "Hn.", sage ich, um Zeit zu gewinnen und gehe zwei Schritte näher, um mir das Elend genauer ansehen zu können. Gott, die Dinger stehen quasi im Wasser. "Ertränkt."
"Was?"
"Du hast sie ertränkt."
Ich blicke wieder auf Schuldig, bei dem jetzt der Groschen gefallen zu sein scheint, geht man nach seinem etwas betroffen wirkenden Gesichtsausdruck. Ich nähere mich den Pflanzen ganz und gehe davor in die Hocke. Hinter mir höre ich ein ratloses "Hm." von Schuldig.
Mein Gott, je näher ich mir das ganze betrachte, desto schlimmer sieht es aus. Ich bin zwar kein Experte, aber ich würde sagen...
"Schmeiß sie weg!"
"Wie?!" Schuldigs entsetzter Ausruf ist so laut, dass ich erschrocken herumwirble. Ich werfe ihm einen meiner tödlicheren Blicke zu, aber er ignoriert ihn völlig. "Einen Moment, ja? Du kannst hier nicht einfach herkommen und mir sagen, was ich mit meinen Pflanzen zu tun habe. Außerdem sagst du das bestimmt nur, weil sie illegal sind. Das ist so typisch. Aber sich um blöde Alpenveilchen kümmern."
Ich unterdrücke den beinahe unwiderstehlichen Impuls die Augen zu verdrehen und halte stattdessen meinen bösen Blick aufrecht. Die meisten Menschen hören auf zu reden, wenn ich sie so ansehen, auf den nörgelnden Idioten vor mir scheint es allerdings genau die gegenteilige Wirkung zu haben.
"...kannst du überhaupt nicht verstehen. Ich kann mir doch nun wirklich nicht so uncoole Pflanzen anschaffen wie Hinz und Kunz oder kannst du dir mich mit so einem blöden Benjaminbaum vorstellen? Nein? Na bitte! Überhaupt bei denen muss man die Blätter putzen, wer hat denn dazu die Zeit? Und dabei sind die noch nicht mal ein bisschen nützlich-"
Du schaffst es doch sowieso nie im Leben von diesem Zombiegrünzeug Marijuana zu ernten, denke ich, bemerke meinen Fehler jedoch schnell, als Schuldig seine Tirade unterbricht und mich mit gefährlich verengten Augen ansieht. Ich erwidere den Blick ohne mit der Wimper zu zucken, obwohl mir das Blitzen in den grünen Augen alles andere als geheuer ist. Und das siegessichere und wenig Vertrauen erweckende Grinsen, das sich langsam, aber unaufhaltsam auf Schuldigs Gesicht schleicht.
"Willst du wetten?"
Oh. Nein. Will ich nicht. Auf gar keinen Fall.
Obwohl... Eigentlich kann ich diese Wette gar nicht verlieren, immerhin hat Schuldig so viel Ahnung von Pflanzen wie Ken vom Eiskunstlaufen.
"Um was?", frage ich und es klingt misstrauisch. Was eine gute Sache ist, denn ich bin misstrauisch.
„Ähm....“ Ein unheilverkündendes und äußerst schlüpfriges Grinsen breitet sich auf Schuldigs Gesicht aus und ich bin schon drauf und dran, die Wohnung einfach zu verlassen, als er sich mit einem sichtbaren Ruck zusammenzureißen scheint und innerhalb von Millisekunden einen todernsten Ausdruck auf sein Gesicht zwingt. „Unsere Autos.“, schlägt er vor.
Hä? Und ich hatte doch tatsächlich den Eindruck, dass Schuldig seinen Wagen wirklich liebt. Aber bitte, wenn er es so will...
Ich bekomme einen Aston Martin. Der Gedanke gefällt mir. Man müsste ihn nur umspritzen...
Das alles lässt natürlich nur einen Schluss zu:
„Wo ist der Haken?“
„Kein Haken.“, behauptet Schuldig mit einem irgendwie unglaubwürdigen Lächeln.
„Du meinst du verwettest mal eben dein Viertel-Millionen-Dollar-Auto bei einer absolut schwachsinnigen Wette, die du gar nicht gewinnen kannst und das nur so zum Spaß?“
„Hast du irgendwelche Einwände?“, fragt er amüsiert.
Ich zögere einen Moment, während ich versuche, Schuldigs Absichten zu durchschauen. „Soll das eine Bestechung sein?“
„Fühlst du dich denn bestochen? Vielleicht gewinne ich die Wette ja auch?“
Ja klar und morgen geht die Sonne im Westen auf. Ich erkenne tote Pflanzen, wenn ich welche sehe. Und diese Pflanzen haben ihre Seele schon vor langer Zeit ausgehaucht.
Also warum-
Halt! Egal, was Schuldigs wahre Ziele sind, sie können nicht gut sein. Also warum stehe ich hier und lasse mich auf so etwas ein? Weil ich entführt wurde? Kein Grund, sich Schuldigs Schwachsinn gefallen zu lassen.
„Kann ich zurück in den Laden oder bin ich jetzt Gefangener oder was?“, frage ich etwas ungeduldig.
Schuldig wirkt tatsächlich enttäuscht. „Du willst also nicht wetten?“
„Nein.“ Ich drehe mich um und gehe. Ich habe die Tür des Apartments schon erreicht, als ich Schuldigs spöttische Stimme hinter mir höre.
„Soll ich dich vielleicht zurückfahren?“
Wie bitte? Ich beschließe die Frage einfach zu ignorieren.
Ich verlasse das Apartmenthaus, halb erwarte ich, auf einen Hinterhalt zu stoßen, doch nichts geschieht. Ich mache mich auf den Weg zur nächsten U-Bahnstation und erreiche sie unbehelligt. Ich löse ein Ticket und dann sitze ich in der U-Bahn.
Es scheint mir eine Ewigkeit her zu sein, seit ich das letzte mal mit der Bahn gefahren bin. Die Fenster sind zerkratzt, die Sitzpolster durchgesessen. Als sich eine Frau neben mich setzt, steigt mir ihr Parfüm in die Nase, das vage nach Apfel riecht.
Zwanzig Minuten später betrete ich das Koneko und sehe mich um. Leer. Ich finde Omi im Keller, wo er hektisch auf seinen Computer eintippt, als er mich bemerkt aber herumfährt.
„Aya! Du bist wieder da. Was-? Ich muss erst mal Ken und Yohji Bescheid sagen.“
Er zückt sein Handy und innerhalb von Sekunden ist die Aktion „Rettet Aya“ abgeblasen.
Omi legt auf und sieht mich fragend an.
Ich versuche also so gut ich kann, ihm die Schlüsse darzulegen, zu denen ich auf meiner Rückfahrt bezüglich meines bizarren Besuches bei Schuldig gekommen bin:
„Ich habe absolut keine Ahnung.“
~*~
Das Telefon klingelt. Es klingelt nicht wie gewöhnlich, sondern schlimmer. Oder bilde ich mir das bloß ein?
Ich sitze auf der Couch und betrachte die toten Pflanzen mit bösen Blicken.
Ring!
Ich habe Kopfschmerzen.
Ring!
Nein, keine Einbildung. Es gibt nur zwei Menschen auf diesem armseligen Planeten, die ein Telefon dazu bringen können so penetrant zu klingeln.
Ring!
Ich will jetzt mit keinem von beiden sprechen.
Ring!
Verdammt, warum ist Abyssinian nicht auf diese Wette eingegangen? Wer zum Geier ist denn so misstrauisch, dass er sich kein Auto schenken lässt?
Riiiiing!!!
Ich bilde mir das ganz sicher nicht ein.
RING!
Ich stöhne genervt auf und mache mich auf die Suche nach meinem Telefon. Wunderwerke der Technik, diese schnurlosen Dinger. Die Erfinder müssen total bekloppt gewesen sein. Aber es trainiert das räumliche Hören...
Nach drei weiteren energischen „Rings“ halte ich es endlich in Händen und habe außerdem den Entschluss gefasst, den Klingelton zu ändern. Vielleicht wäre zur Abwechslung mal ein nettes „Düdelüdelü“ ganz hübsch (obwohl irgendwie unmännlich...).
RIIIIINNNNG!!!
„Ist ja schon gut!“, schnauze ich den Störenfried an.
„Und? War er da?“, fragt Farfarellos Stimme am anderen Ende des Hörers.
„Ja.“ Meine Laune nähert sich rapide dem Nullpunkt. Ich weiß, dass er meine Wohnung beobachtet hat. Anders ist sein beschissenes Timing nicht zu erklären.
„Und? Was hat er gesagt?“
Ich murmle irgendwas unverständliches in den Hörer und hoffe entgegen aller Vernunft, dass ich damit durchkomme.
„Wie bitte?“ Ich kann das falsche Grinsen in Farfarellos Stimme quasi hören.
„Er hat gesagt, sie sind ertränkt, tot, hoffnungslos, dahingerafft, unwiederbringlich verloren, leblos, entseelt, entschlafen, was-auch-immer mausetot.“
„So wortgewaltig?“, fragt er milde erstaunt.
„Nein, das ist meine poetische Ader.“
„Hab ich’s dir nicht gleich gesagt?“
„Versteh mich nicht falsch, aber eh ich dir glaube, trete ich eher der Heilsarmee bei. Ich vertraue nur den Worten eines unabhängigen, fachkundigen Gutachters.“
„Ja ja, schon gut. Ich hoffe, du hast den Wagen noch.“
„Ich habe versucht ihn Abyssinian anzudrehen, aber der wollte ihn nicht.“
„Dein Glück. Du weißt doch: Wettschulden...“
„...sind Ehrenschulden, blah blah, hab ich jemals behauptet, dass ich so was wie Ehre habe?“
„Habe ich jemals behauptet, dass ich Leute ausweide, die sich weigern, ihre Schulden bei mir zu bezahlen?“
Er ist manchmal so... direkt. Ich kann ein leichtes Schaudern nicht unterdrücken. „Eah... Nein?“
„Dann tue ich das hiermit.“
Wenn Farfarello diesen Ton anschlägt, ist es eine sehr, sehr schlechte Idee, mit ihm zu diskutieren. Und wenn ich sage sehr, sehr schlecht, dann meine ich furchtbar, dumm, verhängnisvoll, miserabel, abgrundtief grottenschlecht. So was kann einen den Kopf kosten oder wahlweise auch andere Körperteile.
Andererseits...
„Schon gut, schon gut, ich bezahle meine Schulden, aber bitte, bitte, nicht den Aston. Er ist für mich nicht einfach nur ein Auto, er ist... Denk dir einfach irgendwas anderes aus, ich...“
... es geht hier nicht um irgendwas, sondern um ihn, ruft mir diese kleine Stimme in meinem Kopf zu, die für die Aston-Verehrung verantwortlich ist. Ich denke noch einmal blitzartig darüber nach, ob der Aston diese Äußerung gegenüber Farfarello wert ist. Die Antwort lautet ganz klar: JA!
„...tue alles.“, beende ich den Satz. Jetzt, wo ich ihn ausgesprochen habe, kommen mir doch leise Zweifel, ob das eine gute Idee war.
... wo ich gerade über schlechte Ideen nachdenke: war das eben eine Diskussion?
Ich fürchte, ja.
Ich kann quasi hören wie Farfarello am anderen Ende der Leitung unheilvoll grinst. Man sollte denken, dass so was unmöglich ist, aber- „Ist das so? Na gut, ich überleg’s mir. Übrigens hat Nagi angerufen und sich beschwert, dass du seit Tagen nichts von dir hören lässt und nicht ans Telefon gehst. Du hättest ihm versprochen, irgendein Computerspiel mit ihm zu spielen. Ist das wahr?“, wechselt er das Thema.
Es gibt ein seltsames Geräusch. Ah, nur mein Knurren. Kann mein Leben noch schlimmer werden? „Das war Erpressung.“, ist alles, was ich zu meiner Verteidigung hervorbringen kann.
„Falls es um die Sache mit den Hahnenkämpfen geht, vergiss es. Crawford weiß schon davon und hat dir die Summe bereits vom Lohn abgezogen.“ Ja, natürlich. Schlimmer, ganz klar schlimmer. Warum musste ich auch fragen?
Ich lege auf, werfe das Telefon eher unsanft aufs Sofa und schwöre mir, nie, nie wieder mit einem Iren zu wetten, selbst wenn der mir um ein Promille voraus ist.
~*~
Ich gehe, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, den Gang entlang. Ich weiß, dass die Wände weiß sind, aber die langen Schatten färben sie fast schwarz, das Ende verschwimmt in Dunkelheit. Ein Geräusch. Das vertraute Gewicht des Katanas schlägt leicht gegen meinen Oberschenkel, als ich mich umdrehe. Hinter mit ist nichts, der Gang dehnt sich dort genauso in die Unendlichkeit aus wie vor mir.
Plötzlich bin ich mir nicht einmal mehr sicher, aus welcher Richtung ich komme. Ratlos stehe ich da, allein, eine schwarze Gestalt in einer in tiefe Schatten getauchten Umgebung.
Ich zucke zusammen und gehe gerade noch rechtzeitig in Deckung, als ein unglaublich lautes Krachen ertönt und ein grüner Wagen die Wand zu meiner Rechten durchbricht und schlitternd und quietschend zum Stehen kommt.
Eine Alarmanlage geht piepend los und ich drehe mich suchend um, alles verschwimmt.
Ich bin in meinem Zimmer, und der Wecker piepst nervtötend. Immer noch benommen, strecke ich den Arm aus und schalte ihn aus, aber das Piepen geht einfach weiter, immer weiter...
Dann wache ich auf und sehe mich um. Ein wenig Dämmerlicht scheint herein, es ist noch sehr still draußen. Der Wecker piept und piept und ich schalte ihn endlich wirklich aus und setze mich auf. Mache die Lampe neben meinem Bett an. Fünf Uhr. Richtig, ich wollte noch packen....
Ich stehe auf und gehe ins Bad, wo ich müde in den Spiegel sehe.
Meine Haare stehen in alle Richtungen ab, auf meinem Gesicht zeichnen sich die Abdrücke von meinem Kissenbezug ab. Ich will dem Spiegelbild einen bösen Blick zuwerfen, als ich von unten ein Rumpeln höre, gefolgt von lautem Scheppern.
Yohji...
Ich wäge ab, wie viel Schaden er in der Küche anrichten wird, bis ich im Bad fertig bin und komme zu dem Schluss, das es zuviel ist. Seufzend ziehe ich mir schnell etwas über und gehe hinunter. Selbst wenn er nicht betrunken ist, was unwahrscheinlich genug ist, ist Yohji um diese Zeit nicht zurechnungsfähig.
Etwas zerzaust, aber noch verhältnismäßig sicher auf den Beinen, steht er vor dem Herd und rührt hektisch in einer Pfanne herum, aus der dichte, blaugraue Rauchschwaden aufsteigen. Als er mich bemerkt, fährt er erschrocken herum und stößt sich den Kopf an der offenstehenden Tür des nächsten Küchenschranks.
„Au, Scheiße!“ Er verzieht das Gesicht und drückt mit einer Hand auf die entstehende Beule. „Aya, was machst du hier, warum bist du schon wach?“ Der Vorwurf in seiner Stimme wäre komisch, wenn nicht in diesem Augenblick, das Etwas hinter ihm in der Pfanne in Flammen aufgehen würde.
Yohji macht erschrocken einen Satz zurück, schafft es dabei irgendwie, die Küchenpapierrolle umzureißen, die mit selbstmörderischer Entschlossenheit in die Nähe des Herdes rollt und dort sofort Flammen fängt.
Er schreit alarmiert auf und sieht sich um, ist aber allem Anschein nach mit der Situation rigoros überfordert.
Gut, dass ich es hab kommen sehen und da bin, um den Schaden zu begrenzen. Ich schnappe mir einen Topflappen und balanciere die immer noch brennende Pfanne in die Spüle, wo sie in Ruhe zuende schmoken kann. Zum Löschen des Küchenpapiers benutze ich kurzerhand Yohjis frisch gebrühten Kaffee, was dieser mit einem schwachen „Hey!“ kommentiert.
Wir stehen in der Küche, die mit blauem Dunst gefüllt ist und erbärmlich stinkt und sehen der zischenden Pfanne zu, wie sie erlischt und sich langsam abkühlt.
Yohji fährt sich durch die Haare, scheint etwas sagen zu wollen, aber ich würge ihn ab. Ich habe keine Lust, mir seine Ausflüchte anzuhören. Er hat nicht aufgepasst, hätte fast die Küche abgefackelt, seine Schuld. Ganz einfach.
„Setz dich!“ Ich versuche, soviel Autorität in meine Stimme zu legen, wie möglich, wenn es vor sechs Uhr morgens ist und man auch so aussieht. Glücklicherweise funktioniert es, denn Yohji gibt alle potentiell zerstörerischen Unterfangen auf und lässt sich etwas wacklig, aber nicht ohne Würde auf einem der Küchenstühle nieder.
Ich setze neuen Kaffee auf und mache die Pfanne sauber.
Aus dem Augenwinkeln sehe ich, wie Yohji mich mit gerunzelter Stirn beobachtet. „Du kochst für mich?“ , fragt er, während er sich eine Zigarette anzündet.
Ich öffne demonstrativ das Fenster, aber er ignoriert den Hinweis. Wie immer. Und warum muss er eigentlich jede freundliche Geste von mir hinterfragen? Offensichtlich ist er ja nicht in der Lage, sich selbst eine vernünftige Malzeit zu machen, es sei denn, flambierte Holzkohle war heute Menu des Tages.
Yohji sieht mich noch eine Zeit lang fast misstrauisch an, dann zuckt er die Schultern, lehnt sich zurück und entlässt Rauchschwaden in die ohnehin schon schlechte Luft. Wie schön, dass er mein eigenartiges Verhalten für sich akzeptieren kann. Wunderbar. Der Gedanke, ihm die Pfanne über den Schädel zu ziehen, ist verführerisch, aber leider zu kindisch.
Ich bin so froh, dass ich die nächsten paar Tage allein verbringen kann. Es ist zwar eine Mission, aber es wird näher an Urlaub kommen, als... Nun ja, Urlaub mit Omi, Ken und Yohji. Nichts gegen die drei, aber ich schätze meine Ruhe. Yohji dagegen ist ein Mensch, der nur äußerst selten allein sein will und daher Probleme zu haben scheint, dieses Konzept zu begreifen. Und Omi und Ken...
Die Pfanne ist wieder auf dem Herd und ich hole Eier aus dem Kühlschrank. Keine Ahnung, was Yohji machen wollte, aber meine Wahl ist Spiegelei, immerhin wollte ich heute noch packen.
„Weißt du übrigens, dass du Streifen im Gesicht hast? Ich könnte Fotos machen und sie an die Fangirls verkaufen...“
Ich unterdrücke den Impuls, die Augen zu verdrehen, als ich die Eier in die Pfanne schlage und ignoriere Yohji. Wir machen das oft so. Er redet und ich ignoriere ihn. Das funktioniert sehr gut.
„Wenn ich es mir so überlege, wäre das wirklich lukrativ. Wir könnten den Fankram nebenher vertreiben. Oder anstatt der Blumen...“
Was für eine schwachsinnige Idee... Ich weiß, dass er das nicht ernst meint, aber allein der Gedanke ist haarsträubend.
„Hm, meinst du, Manx und Birman hätten was dagegen?“
Wen interessiert’s? Ich habe was dagegen. Ich stelle ihm eine Tasse Kaffee hin, mit dem hoffnungsvollen Gedanken, dass er nicht gleichzeitig trinken und reden kann.
„Danke.“ Er klingt perplex, fängt sich aber wieder und grinst. „Jetzt weiß ich, warum du so nett bist.“
Oh mein Gott, was kommt jetzt?
„Du steckst hinter der ganzen Sache mit diesen dämlichen Cannabispflanzen, die wir vor unserem Laden gefunden haben.“
Ich lasse mir mein Erstaunen nicht anmerken. Er rät nur. Und genaugenommen habe ich nichts mit Schuldigs blödem Grünzeug zu tun. Nun ja, wenn man einmal von der Tatsache absieht, dass ich wusste, dass es nicht Yohji gehörte. Aber wie hätte ich Manx erklären sollen, woher ich weiß, dass der Schwarz-Telepath seine misslungenen botanischen Experimente bei uns entsorgt? Und es ist ja auch nicht so, dass ich den Verdacht auf Yohji gelenkt hätte. Es hat sich einfach so ergeben. Was kann ich dafür, wenn niemand ihm glaubt, dass er kein Dope züchtet?
„Wie jetzt? Du hast wirklich was damit zu tun?“, fragt Yohji amüsiert.
Verdammt! „Ich-“, beginne ich, aber Yohji winkt ab.
„Ach, lass nur, ich will’s gar nicht wissen.“, meint er und es klingt irgendwie gönnerhaft.
Ich knirsche mit den Zähnen und starre ihn böse an, dann würze ich die Spiegeleier mit Salz und Pfeffer... und noch einer Priese Pfeffer. Wo war gleich noch das Sambal Olek?
„Nein, eigentlich ist das eine gute Idee.“, sagt Yohji einen Moment später. „Blumen sind schon schön, aber mit Fanartikeln könnten wir wirklich Geld verdienen. Ich hab vor kurzem irgendwo gelesen, dass die vierzehn- bis achtzehnjährigen das meiste Geld zur freien Verfügung haben. Und wenn man sich anguckt, was die Mädchen so für Blumen ausgeben...“
Von wegen. Die kaufen eigentlich nie was, sondern belegen nur Stellplatz im Laden, denke ich, während ich einen Teller aus dem Schrank hole. Ein Blick in die Pfanne zeigt mir, dass sich die Eier an den Rändern knusprig braun gefärbt haben, also schalte ich den Herd aus und lasse sie auf den Teller rutschen.
Yohji liegt mehr auf dem Tisch, als dass er sitzt, aber als ich ihm das Essen hinstelle, richtet er sich auf und fängt an zu essen.
„Wir könnten zum Beispiel kleine plüschige Omi-Schlüsselanhänger verkaufen.“, meint er kauend. „Oder... KenKen-Fußballteddys...“
Ich gebe ein kritisches „Hmpf.“ von mir. Yohji hat einen schwer nachzuvollziehenden Sinn für Humor. Aber vielleicht liegt das auch an mir.
„Na gut, dann eben kein Fanartikelladen, dich kann man aber auch wirklich nur schwer für etwas begeistern... Kann es sein, dass du es gar nicht erwarten kannst, wegzukommen?“
So scherzhaft dahergesagt und doch so wahr. Und hat er mir gerade zugezwinkert?! Ja, natürlich. Hat er. Na großartig, jetzt ist er in der Laune. Verzweiflung macht sich schleichend in mir breit. Hätte ich bloß irgendwas zu den blöden Fanartikeln gesagt.
„Worum geht es eigentlich auf dieser Mission?“
Ich werfe Yohji einen kurzen Blick zu, zucke dann mit den Schultern.
Ein Seufzen. „Ja, ja, schon klar. Ich habe nichts damit zu tun, ich muss es nicht wissen, es geht mich nichts an, ich bin sowieso zu neugierig, ich sollte mich um meinen eigenen Scheiß kümmern, vor allem um meinen außer Kontrolle geratenen Tagesrhythmus, meinen Alkoholkonsum, meine anderen, zahlreichen Fehler uns so weiter und so fort.“ Er lächelt mich an. „Aber, Aya, ich möchte einfach gerne wissen, worum es bei deiner Mission geht.“
Ich seufze. Was bleibt mir anderes übrig? Das Essen ist schon auf seinem Teller...
„Ich fahre in ein spirituelles Camp, um eine Person zu identifizieren.“
Yohji unterbricht die Nahrungsaufnahme und wippt mit seiner Gabel durch die Luft. „Spirituelles Camp? Wie in: Manager und andere Workaholics zahlen Unsummen, um sich von einem Guru durch die Botanik scheuchen zu lassen?“
„Möglich.“
Yohji sieht nachdenklich auf sein restliches Spiegelei, zuckt dann die Schultern. „Na wenigstens bezahlen Kritiker den Trip. Wen musst du denn identifizieren?“
Dumme Frage. Wenn ich es wüsste, hätte die Mission ja wenig Sinn.
Yohji verdreht die Augen. „Nun guck nicht so. Du weißt schon, was ich meine.“
„Deckname: Kali. Kopf eines internationalen Syndikats. Drogenhandel, unbestätigte Hinweise auf Menschenhandel.“, informiere ich ihn.
„Oh, big fish...“, murmelt Yohji und kaut dann nachdenklich auf einem Bissen Ei herum. „Kali... eine Frau?“
„Die Möglichkeit besteht.“
Gott sei Dank klingelt es an der Tür, bevor Yohji irgendeine weitere Bemerkung machen kann. Ich schwöre, ich sehe es ihm auf hundert Meter Entfernung an, wenn drauf und dran ist schon wieder einen seiner zweideutigen Sprüche loszulassen. Und ich will. Es. Nicht. Hören.
Vor der Tür steht Manx wie verabredet mit den restlichen Informationen, falschen Ausweisen und Geld. Soweit alles wie geplant. Ich werde das Zeug entgegennehmen, Manx ein schönes Wochenende wünschen, Yohji in der Küche sitzen lassen, meine Sachen packen und endlich, endlich verschwinden.
Doch als wir in die Küche treten, sind Manx und Yohji nach ihrer üblichen Ich-flirte-mit-dir-du-ignorierst-mich-Begrüßung keineswegs fertig.
„Kudoh, kannst du dir vorstellen, was die Leute auf einem Polizeirevier denken, wenn sie Cannabispflanzen vor einem Blumenladen entdecken?“ Oh nein. Ihr Lächeln ist viel zu süß.
„Weiß nicht. Dass wir den falschen Unkrautvernichter benutzen?“
Wie kann man sich als Frauenheld bezeichnen und so dumm sein? Okay, er kann zur Abwechslung mal nichts dafür und meinetwegen kann er wegen der Sache sauer sein, soviel er will, aber man gibt Manx keine flapsigen Antworten, wenn sie aussieht, wie das drohende Unheil selbst.
„Lass es mich einmal so formulieren: Perser war nicht erfreut.“, sagt Manx. „Ich gebe dir mal ein Stichwort: Knapp verhinderte Hausdurchsuchung.“
Yohji verzieht das Gesicht. „Ich kann dir auch eins geben: Nicht meins.“
Warum weiß dieser Mann niemals, wann er aufgeben muss? Oder nein, wahrscheinlich ist das die Grundlage des von so wenigen Menschen bemerkten und von einem einzelnen so viel gerühmten Kudoh-Charmes. Sieg durch Penetranz. Ganz ehrlich, mit ihm zu schlafen scheint mir manchmal ein kleiner Preis dafür, ihn nie wieder reden hören zu müssen.
„Jedenfalls wurde nach reiflicher Überlegung beschlossen, dich in diese Mission zu integrieren.“, lässt Manx die Bombe platzen.
Ich starre sie ungläubig an. Das kann nicht ihr Ernst sein. Warum ich?
‚Weil du genau weißt, dass Yohji nichts dafür kann und ihm hättest helfen können?’, schlägt eine naive Stimme mit kindischen Moralvorstellungen vor - nennen wir sie mal mein Gewissen. Dies sind die Momente, in denen ich anfange, an Karma zu glauben.
Ich könnte immer noch sagen, dass Mastermind die Cannabispflanze vor unserem Laden entsorgt hat, nachdem ich ihm ihren Tod bescheinigt hatte, nachdem er mich in einem grünen Sportwagen zu seiner Wohnung gefahren hat...
Nicht einmal unter Folter.
Wobei ich hier betonen will, dass ich und Yohji in einem spirituellen Camp an Folter grenzen.
Ich sehe Yohjis absolut entsetzten Blick und muss mein Gewissen damit beruhigen, dass ein paar Wochen in einem solchen Camp vielleicht nicht nett ihm gegenüber sind, aber richtig. Denn letzten Endes braucht Yohji meiner Ansicht nach dringend eine Pause von seinem außer Kontrolle geratenen Tagesrhythmus, seinem Alkoholkonsum und seinen anderen, zahlreichen Fehlern, wie er es so schön nannte.
Also genau das, wozu die Leute ein spirituelles Camp besuchen.
Viertes Kapitel

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