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Status Quo



~7~
Das siebente Kapitel,

in welchem Yohji auf seine Art meditiert und Aya arbeitet

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Ich sitze im Schneidersitz vor dem Haupthaus auf einer Bastmatte, habe die Augen geschlossen und versuche angestrengt nicht auf die Schmerzen in meinem Rücken zu achten. Nach einer Nacht auf dieser Matratze ist das letzte, was man braucht eine Stunde Morgenmeditation. Man braucht einen Chiropraktiker.
Um diese Zeit ist es extrem still im Camp, was hauptsächlich daran liegt, dass sämtliche Anwesenden, einschließlich Personal und allem, ebenfalls im Schneidersitz vorm Haupthaus sitzen und die Augen geschlossen haben.

Ich öffne die Augen und sehe mich um. Es lässt mich weniger den Reiz des Verbotenen spüren, als vielmehr das peinliche Gefühl bei etwas völlig beklopptem mitzumachen und es als einziger zu durchschauen.
Na gut, vielleicht nicht ganz als einziger. Zwischen all den im Morgennebel fröstelnden Menschen hat der Schwarz sich irgendwie auf seiner Matte zusammengerollt und schläft. Bei dem Anblick muss ich selbst gähnen.

Aya dagegen war beim Weckruf schon eine Weile von seiner täglichen Runde Joggen zurück und wirkte blass aber wach, was mich nicht weiter verwundert. Er steht immer zu solchen perversen Zeiten auf. Vielleicht braucht er auch gar keinen Schlaf.
Auf jeden Fall scheint er wirklich zu meditieren. Er hält sich völlig gerade und hat sich seit wir angefangen haben nicht einen Millimeter bewegt. Als ich genauer hinsehe, bemerke ich, dass er doch tatsächlich im Lotussitz sitzt. Er nimmt das alles zu ernst.

Ich strecke seufzend die Beine aus, lege den Kopf in den Nacken und sehne mich aus ganzem Herzen nach einer Zigarette. Ich muss irgendetwas tun, um mich abzulenken.
Ich stelle mir vor, wie sich das Gewicht und die Form der Packung in meiner Brusttasche anfühlen würde. Wie ich danach greife, kurz darüber streiche, sie heraushole. Ich denke an das Geräusch, mit dem die einzelnen Zigaretten aneinander stoßen, wenn ich die Packung schüttle, male mir aus, wie eine der Zigaretten herausrutscht, wie ich sie mit einem leisen Knistern der Verpackung herausziehe. Dann das Gefühl, wenn die Zigarette meine Lippen berührt, das schabende Geräusch des Feuerzeugs und der leichte Geruch nach Feuerzeugbenzin, das Aufglühen beim Anzünden. Und endlich der Rauch, der meinem Mund füllt. Der Geschmack und die Art, wie er sich beim Ausatmen in der Luft verteilt...

Scheiße, jetzt brauch ich wirklich dringend eine Zigarette. Ich war noch nie gut darin, mich von etwas abzulenken. Und zum Teufel mit den Leuten, die meinen, diese Sucht sei reine Kopfsache. Wenn dem so wäre, würde es ja reichen, daran zu denken zu rauchen, oder etwa nicht? Tut es aber nicht. Die letzte Zigarette der einen Packung, die ich bei mir hatte, habe ich gestern Abend geraucht.

Bleibt mir also nur eins: Mich zum Auto schleichen und den Vorrat anbrechen, den ich mir an der Tankstelle zugelegt habe. Ich habe ihn natürlich vor Aya versteckt, denn er verachtet Schwächen wie Nikotinsucht und diese Blicke muss man sich nun wirklich nicht antun. Was nicht heißt, dass er nicht davon weiß; es gibt ihm nur die Gelegenheit so zu tun als hätte er nichts bemerkt. Er kennt mich und meinen Zigarettenkonsum, also muss er es wissen. Und ich weiß, dass er es weiß. Aber ich bin froh, dass wir nicht darüber reden. Man muss Ayas Vorzüge zu schätzen wissen.

Ich stehe also auf und nehme meine Matte mit, in der Überzeugung, dass mein Fehlen so niemandem außer Aya auffallen wird. Es folgt ein Slalomlauf um die Meditierenden herum, wobei ich sehr darauf achte, dass mich niemand bemerkt. Was natürlich nicht heißt, dass mich niemand bemerkt, immerhin gehe ich auch an Aya vorbei und er müsste schon ziemlich schlecht in Form sein, wenn er nicht bemerken würde, dass jemand an ihm vorbeigeht, nur weil er die Augen geschlossen hat. Da er die Augen nicht öffnet, nehme ich auch an, dass er weiß, dass ich es bin. Dass ich mir beim Vorbeischleichen Mühe gebe, gibt ihm die Gelegenheit so zu tun als bemerke er mich nicht. Die Prinzipien unserer Beziehung sind fundamental, multifunktional und sehr flexibel anwendbar.

Als ich den letzten Spinner hinter mir habe und zum Parkplatz gehe, bemerke ich wie mir jemand folgt und bin nur wenig erstaunt als sich derjenige als Schuldig entpuppt. Na toll.
Ich beschleunige meine Schritte, was natürlich gar nichts bringt, denn als ich das Ethnotor durchschreite, hat Schuldig aufgeholt und läuft neben mir.
Ich ignoriere ihn auf dem Weg zum Auto, während ich den Wagen aufschließe und während ich die Stange Zigaretten herauskrame, aufreiße und sie wieder zurücklege, nachdem ich mir ein Päckchen genommen habe.

Als ich mich auf den Beifahrersitz setzte - oder besser: in den Beifahrersitz lege; es ist erstaunlich, wie viel bequemer als die Matratze das Ding ist - und endlich meine erste Zigarette des Tages rauchen kann, fällt es mir schwerer, Schuldig zu ignorieren und ich sehe ihn böse an. Oder ich versuche es zumindest, was aber wahrscheinlich ziemlich danebengeht, da der erste Zug einfach nur himmlisch ist. Sieh an, es gibt sogar Dinge, die nicht einmal Schuldig ruinieren kann.

Schuldig lächelt ein wenig und kommt einen Schritt näher, dann noch einen und noch einen. Ich habe noch nie jemanden erlebt, der so unsubtil schnorrt. Da ich nicht die geringste Lust habe, ihm eine Zigarette abzugeben, tue ich so als hätte ich keine Ahnung, was er will.
„Was?“
Schuldigs Lächeln mutiert zum üblichen Grinsen, dass er zu verharmlosen versucht, indem er den Kopf ein wenig schief legt. „Gib mir eine ab.“
„Verpiss dich.“

Im nächsten Moment ist meine Zigarette verschwunden und Schuldig lehnt an der Motorhaube und entlässt kleine Rauchschwaden in die Luft.
„Nicht nett.“, meint er und wirkt zutiefst amüsiert und selbstzufrieden.
Scheiß übermenschliche Geschwindigkeit. Ich verwerfe den Gedanken, ihm die Zigarette wieder abzunehmen als unrealistisch und zünde mir einen neue an.

„Ich hab dich noch nie rauchen sehen.“, sage ich anklagend.
„Ich bin auch kein Raucher. Ich rauche nur manchmal, weil’s gut aussieht.“ Eines seiner nervigen Grinsen.„Oder wenn sich jemand drüber aufregt.“
„Arschloch.“
Er grinst nur noch breiter. „Danke. Wenigstens hab ich’s nicht nötig.“
„Pf, das sagen sie alle. Ich steh wenigstens dazu.“
Schuldig wirft mir einen verärgerten Blick zu. „Mein Metabolismus ist eigenwillig, okay?“
„Was soviel heißt wie?“
„Andere Süchte.“, sagt er mit einem hintergründigen Lächeln.
Ganz ehrlich, ich hasse diesen Kerl.

„Okay, diese Zigarette bekommst du umsonst, für die nächste will ich tausend Yen.“, sage ich schlecht gelaunt.
Schuldig lacht nur leise. „Was denn? Verdient man bei Kritiker so schlecht?“
„Hmpf.“
„Wenn du willst, bezahl ich natürlich.“, sagt Schuldig gnädig. Er ist so widerlich großkotzig.
„Nein Danke.“ Diese Antwort war spontan und unüberlegt, aber die einzige, die mein Stolz erlaubt. Manipulativer Bastard.

Schuldig grinst, sagt aber vorerst nichts weiter. Dann: „Schläft er eigentlich nie?“
Die Frage bringt mich aus dem Konzept, also verschaffe ich mir etwas Zeit. „Wer?“
„Fujimiya“, meint Schuldig in einem Ton, als sei ich schwer von Begriff.
Eigentlich sollte mich diese Frage so was von nicht erstaunen. Ich zucke mit den Schultern. „Wenn man erst mal ein gewisses Maß an Perfektion erreicht hat...“
Schuldig seufzt. „Kommt mir bekannt vor.“, murmelt er.

Dann ist er mit seiner Zigarette fertig, schmeißt den Stummel auf den Boden und tritt ihn aus. „Bis zum Frühstück.“, meint er noch mit einem fast freundlichen Lächeln, bevor er wieder in Richtung Camp verschwindet.

~*~

Es wurde mir gesagt, das sei Miso-Suppe. Ich habe schon Miso-Suppe gegessen und diese hier... nun ja... sie schmeckt nicht nach Miso. Sie schmeckt vage salzig und ist meiner Meinung nach völlig verwässert. Außerdem ist Seetang drin.
„Ist das jetzt Wakame oder Nori?“, frage ich interessiert in die Runde, bestehend aus mir, Aya, Kudoh und einer Person nicht näher bestimmbaren Alters und Geschlechts, die sich irgendwie an unseren Tisch verirrt hat. Ich würde ja auf eine Frau Mitte vierzig tippen, wenn der Bartwuchs nicht so stark wäre.

„Wakame.“, klärt mich er/sie/es freundlich auf. Ich nicke ihm/ihr mit gespielter Dankbarkeit zu und freue mich über die Blicke der beiden Weiß, während ich die Seetangstreifen wie Girlanden am Rand meiner Schüssel aufhänge. Prinzipiell mag ich die japanische Küche, aber ich hasse Seetang. Nicht einmal Fisch schmeckt so fischig wie das Zeug. Ich mag Fisch, aber Algen zu essen ist einfach nur widerlich. Ich halte Ausschau nach der einen Flasche Sojasoße, die im Saal zirkuliert. Sojasoße ist eine großartige Erfindung. Ihr Geschmack ist zwar auch etwas gewöhnungsbedürftig, aber wenn man diese Gewöhnungsphase hinter sich hat, kann man mit ihr jeden anderen Geschmack überdecken.

Zur Suppe, von der jeder nur ein Schälchen bekommt, gibt es Reis in beliebig großer Menge, damit niemand sagen kann, er wird nicht satt. Zu Kudohs unendlichem Leid gibt es keinen Kaffee, da die Leute hier Koffein anscheinend für eine harte Droge halten. Recht so. Spinner. Aber da Koffein ohnehin keine spürbare Wirkung auf mich hat, ist das ja nicht mein Problem. Ich schiebe diese Nichtexistenz jedweder Reaktion auf meine eigenartige Körperchemie, aber Brad meinte mal, es liege nur daran, dass ich unmöglich noch aufgedrehter, launischer oder reizbarer sein könne, selbst wenn ich literweise Kaffee trinken würde. Der Schatz. Ich wünschte, er wäre jetzt hier, dann würde er mit mir leiden. Er ist nämlich das Anschauungsexemplar für schweren Koffeinismus.

Statt des Kaffees kann man zwischen über vierzig Sorten Tee wählen (wobei sie ignorieren, dass grüner und schwarzer Tee auch Koffein enthalten). Ich wusste ehrlich nicht, dass es so viele verschiedene Sorten überhaupt gibt, aber ich habe durch einige etwas haarsträubende, aber durchaus interessante Gespräche mit anderen Campteilnehmern herausgefunden, dass der Autor des Buches ‚Mit Tee gesund durchs Leben’ seine Finger in der Campleitung hat. Sie haben hier tatsächlich alles: von sieben Sorten grünem Tee und fünf Sorten schwarzem über Früchtetees aus Obst und Gemüse von allen fünf Kontinenten bis hin zu diversen kombinierbaren Kräutertees, wobei Himbeerblätter, Kamille, Pfefferminze und Kümmel noch zu den weniger bizarren Sorten gehören.

Die Leute hier sind seltsam.

Aber ich muss zugeben, dass Banane-Kleeblüte-Tee gar nicht übel schmeckt, auch wenn es sich zugegebenermaßen reichlich pervers anhört.
Fujimiya trinkt natürlich grünen Tee und das mit einer Eleganz und einem ehrfürchtigem Genuss, die irgendwie befremdlich wirken.
Kudoh hofft offenbar, seine Koffeinabhängigkeit mit Schwarztee besänftigen zu können.

Es entsteht plötzlich Unruhe, weil Scheuch und Stiefschwester von der Campleitung vortreten und die Aufgaben für den Tag an die einzelnen Gruppen verteilen. Oh Freude. Die Familie der Pfauen darf die Waschräume saubermachen, die Familien der Reisfinken und Kraniche dürfen für die nächsten drei Mahlzeiten kochen und die Familie der Kolibris hat die ehrenvolle Aufgabe, das schmutzige Geschirr abzuwaschen. Die Mandarinenten sind an einem anderen Tag dran und haben heute Vormittag frei, um an den Seminaren teilzunehmen.

Es wird daraufhin ein Aufruf gestartet unser zerstörtes Doppelstockbett betreffend, das Aya natürlich heute Morgen gemeldet hat. Tatsächlich melden sich ein paar Idioten - sorry - gute, wohlmeinende Menschen freiwillig zum Reparieren, aber wenn ich mir die so ansehe, weiß ich jetzt schon, dass ich den Rest der Zeit hier weiter auf dem Fußboden schlafen werde.
Nicht, dass es mich umbringen würde, ich hab schon unbequemer geschlafen. Und in schlechterer Gesellschaft. Ich hänge einen oder zwei Augenblicke der Phantasie nach, dass sich gewisse Personen für eine Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität als Matratze anbieten könnten...

Leider ist das Wunschdenken. Wobei mir auffällt wie ungerecht es ist, dass ich und Kudoh abwaschen müssen, während Fujimiya Gemüse zersäbeln darf, was ihm ja aller Wahrscheinlichkeit nach Spaß machen wird.

Als wir dann eine knappe halbe Stunde später vor bunten Plastikbottichen stehen und Geschirr spülen, teile ich diesen Gedanken mit Kudoh, dessen Versuch an den am weitesten von mir entfernten Bottich zu kommen ich vereitelt habe. Er zuckt nur die Schultern und wäscht weiter ab, wobei er ein Gesicht macht, als wäre er in seinem schlimmsten Alptraum gefangen. Obwohl das nicht stimmen kann, wenn ich an Balineses Psychosen denke. Ich teile auch diesen Gedanken, woraufhin er in wenig freundlichen Worten sagt, dass mich seine Psychosen nichts angehen und ich die Klappe halten soll.

„Wenn ich mich nur um die Dinge kümmern würde, die mich was angehen, würde ich vor Langeweile sterben.“
„Was kein Verlust für die Welt wäre.“
„Fies! Gut, dass ich mich nicht für die Belange der Welt interessiere.“
Kudoh verdreht nur die Augen und schweigt mich an.

Ich schweige ebenfalls ein paar Minuten, aber dann wird es mir zu langweilig. „Ich kann mich eigentlich ganz gut mit der Camproutine abfinden, aber die Leute hier sind teilweise sehr gruselig, deshalb bin ich ganz froh, dass ihr zu meiner Unterhaltung hier seid. Ich langweile mich ein bisschen ohne meine Telepathie. Andererseits muss ich sagen, dass ich angesichts einiger Individuen hier eher erleichtert bin, dass-“
Kudoh schmeißt einige Teller mit Wucht ins Wasser, wobei Seifenwasser zu allen Seiten wegspritzt. „Warum erzählst du mir das?“, ruft er.

Ich sehe mich um. Alle starren uns an. Ich bin mehr als entzückt von der Situation.
„Warum nicht?“, frage ich grinsend zurück. „Und ehrlich, du solltest dich nicht aufregen. Ruhe und Einklang mit Mutter Natur oder wie das war, nicht? Im übrigen ist das hier reine Konversation, damit ich mich von der Demütigung, die solche niederen Tätigkeiten für mich bedeuten, ablenken kann. Wenn dir meine Themenwahl nicht passt, musst du ja nicht gleich ausrasten; ich bin ein großer Fan des eleganten Themenwechsels, also tu dir keinen Zwang an.“ Ich hebe eine der Schalen mit den Fingerspitzen aus dem warmen Wasser und lasse sie dann wieder versinken. „Da klebt immer noch Reis dran, wie lange muss man warten, bis das abgeht?“

Er starrt mich ungläubig an. „Man wartet nicht, man benutzt den Lappen.“
„Witzbold. Das Zeug ist steinhart. Nichts zu machen. Mit dem Teller verschmolzen. Wie kommt es eigentlich, dass ich das Geschirr von gestern habe und du das vom Frühstück?“
Kudoh gibt ein leidendes Seufzen von sich. „Ist dir eigentlich klar, was für Scheiße du laberst?“

„Mein Gott, mit dir kann man sich wirklich nicht unterhalten. Ich meine, ich versteh mich besser mit Fujimiya als mit dir, da solltest du dir mal Gedanken drum machen.“
„Was soll das heißen, du verstehst dich mit Aya?“ Kudohs Stimme schwankt zwischen genervt und verächtlich. „Du hast noch nicht mal mit ihm geredet seit wir hier sind.“
Ich grinse. „Doch, habe ich. Und er wollte mich küssen.“
Ein ungläubiges Schnauben. „Ja klar.“
„Glaubst du etwa, ich lüge?“
„Würde ich nie denken.“
„Oh toll, Sarkasmus. Ich lüge nie. Na ja, okay, so gut wie nie. Viel zu primitiv. Die Wahrheit ist in jedem Fall soviel wirkungsvoller.“
„Blah, blah, blah.“

Langsam werde ich wirklich ärgerlich. „Ich habe ihn immerhin zum Lachen gebracht.“
„Schuldig, er hat uns ausgelacht.“
„Dich vielleicht. Außerdem kommt es auf das Ergebnis an.“
Kudoh fährt sich in einer unbewussten Geste durch die Haare und verzieht das Gesicht, als ihm klar wird, dass er jetzt Seifenschaum im Haar hat. „Ich fasse es nicht, dass ich dieses Gespräch mit dir führe.“
„Ja, ich bin auch überrascht. Du kannst ja doch ganz unterhaltsam sein, wenn du willst.“
„Kann man dich irgendwie zum Schweigen bringen?“
„Ach, weißt du, das versucht Brad schon seit Jahren, aber du kannst es gerne auch mal probieren.“

~*~

„Hey, du bist wirklich schnell.“, höre ich eine Frauenstimme neben mir.
Ich halte im Gemüseschneiden inne und sehe sie an. „Übung.“
Sie lächelt. „Bist du Koch oder so?“
„Nein.“ Ich beobachte einen Moment, wie sie Mohrrüben schält. Sie stellt sich etwas ungeschickt an, weil ihre Fingernägel zu lang sind.
Sie beugt sich vertraulich zu mir. „Ich hab dich mit Kudoh gesehen. Kennst du ihn? Groß, blondiert, ätzend?“

Ich seufze. Kennt ihn eigentlich jede Frau in Japan? Jetzt muss er seinen richtigen Namen benutzen und wir können nur hoffen, dass niemandem auffällt, wenn in der Anmeldung ein anderer Name steht. „Wir arbeiten zusammen.“
Sie zieht die Nase kraus und grinst schief. „Mein Beileid.“
„Wieso?“ Ich sehe sie unbewegt an, obwohl es mich schon etwas amüsiert.
Sie zuckt mit den Schultern. „Okay, dann nicht. Was mich interessieren würde: Wie kommt es, dass er hier ist? Ich meine... Kudoh. Hier.“
Ich denke, ich verstehe, was sie meint. „Schlechtes Karma.“, sage ich.
Sie lächelt wieder. „Ich bin übrigens Naoko. Ich gebe hier nachmittags einen Yogakurs. Du könntest auch kommen, wenn du Kudoh nicht mitbringst.“

Sie ist die mit Abstand hübscheste Frau, die ich hier gesehen habe. Ich frage mich, wie ich Yohji davon abhalten soll, also antworte ich nichts. Nachdem ich drei weitere Karotten zerschnitten habe und sie mit ihrer zweiten fertig ist, sieht sie mich wieder lächelnd an. „Und du? Hast du auch einen Namen?“
„Takeshi“, antworte ich und fange an, eine Gurke zu schälen.
„Dieses Jahr sind ziemlich viele Neue da.“, sagt sie nach einer Weile. „Irgendwie schön, dass sich die Sache hier rumspricht. Als wir vor vier Jahren angefangen haben, waren wir gerade mal vierzig Leute.“

Ich sehe interessiert auf. „Dann kennen Sie alle hier?“
„Hm, na ja ich sehe die meisten von ihnen nur einmal im Jahr hier im Camp. Und wie gesagt, viele sind dieses Jahr neu.“
„Wer ist neu?“
„Sie, Kudoh und der Deutsche, drei aus der Familie der Mandarinenten“, zählt sie auf, „vier bei den Pfauen, die zwei Typen da drüben, die den Reis waschen... ach ja, und dann haben wir noch die Anmeldung von sechs Ausländern, aber die sind bis jetzt noch nicht gekommen.“

Ich kann sie jetzt wohl schlecht unauffällig nach Namen fragen... „War die Campleitung von Anfang an die gleiche?“
Naoko schüttet die Möhrenstücke von ihrem Brett in den Topf und nimmt sich jetzt auch eine der Gurken. „Nicht ganz. Die Idee stammte von Shiru-sensei, der auch die Eröffnungsrede gehalten hat. Sono-san und Sora-san haben dann mit ihm zusammen dieses Camp organisiert und mich als Yogalehrerin angeheuert, so wie die anderen Seminarleiter.“
Ich warte noch einen Moment, ob sie von allein weiterspricht, dann frage ich nach Aki.

„Aki-san ist letztes Jahr als Teilnehmer hier gewesen, da ging es ihm wirklich schlecht, kurz vorm Nervenzusammenbruch, Schwierigkeiten im Job und mit seiner Frau, soweit ich verstanden hatte... Na ja, das Camp hat ihm gut getan und er hatte dieses Jahr angefragt, ob er bei der Organisation helfen könnte.“, berichtet mir Naoko, während sie die Gurke in Streifen schneidet. „Er ist ziemlich gut. Er kann organisieren und er hat es geschafft Itou-sensei einzuladen.“

Anscheinend zeige ich auf diesen Namen hin nicht die gewünschte Reaktion, denn sie sieht mich etwas verwundert an. „Haben Sie noch nichts von Itou Toru gehört? Sein neuestes Buch ‚Wege der Seele’ war die letzten drei Monate auf der Bestsellerliste der Ratgeberliteratur. Seine Thesen haben seitdem viele Anhänger gefunden.“, sagt sie begeistert.
Ein Selbsthilfebuch also; der Titel kommt auch mir bekannt vor. Aber ich kann mich nicht erinnern, eine Rezension gelesen zu haben. „Worüber schreibt er?“
„Ich kann dir das Buch ausleihen, wenn du willst.“, bietet sie an, wobei sie aus lauter Enthusiasmus wieder anfängt mich zu duzen.

Während ich zustimmend brumme, wirft sie einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. „Ich muss jetzt los, sie halten im Haupthaus eine Vorlesung über Reinkarnation, die ich nicht verpassen will. Wollen Sie vielleicht auch mitkommen?“
„Kann man sich einfach so vor der Arbeit drücken?“
Sie sieht mich mit einer Mischung aus Entrüstung und Spott an, die mich unglaublich an Yohji erinnert. „Das ist kein Drücken. Es geht hier um meine spirituelle Bildung. Außerdem steht mir Arbeit nicht.“, fügt sie mit einem Zwinkern hinzu.
„Ich denke, ich bleibe hier.“, lehne ich ab.
Sie zuckt ein wenig enttäuscht die Schultern. „Na gut, dann werde ich Ihnen das Buch zum Mittagessen mitbringen.“ Sie winkt mir zum Abschied zu und verlässt die Küche.

Gut. Das Gespräch hat uns weiter gebracht. Ohne Schuldig, Yohji und mich sind neun Leute neu im Camp, die somit besonders verdächtig sind. Genau genommen kann ich Schuldig allerdings nicht ausschließen. Die sechs Ausländer haben wahrscheinlich nichts mit dem Ganzen zu tun, aber ich sollte mir ein Bild von ihnen machen, falls sie noch kommen. Aki ist immer noch verdächtig, ebenso dieser Itou-sensei und alle neuen Seminarleiter, falls es außer ihm weitere gibt. Ich sollte auf jeden Fall noch mal mit Naoko sprechen.



Achtes Kapitel



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