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Fanfiction  

Flugrouten ~ Gästebuch ~ Elsterhöhle  

 



Status Quo



~8~
Das achte Kapitel,

in welchem die vielfältigen Freizeitmöglichkeiten des Camps entdeckt werden

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„Und jetzt erklär mir noch mal ganz genau, warum du in Ayas Bett geschlafen hast.“ Yohji klingt nicht unbedingt freundlich.
Ich gehe ein wenig schneller in Richtung Haupthaus, aber natürlich lässt er sich nicht so einfach abschütteln. „Hm... Lass mich überlegen... Ich war müde. Ich war fertig mit Abwaschen-“
„Fertig?“, unterbricht mich Kudoh. „Du bist abgehauen. Du hast ihnen erzählt, du hättest eine Spülmittelallergie. Es ist unglaublich, dass sie dir das abgekauft haben.“
Ich zucke die Schultern. „Es ist bequemer. Und es riecht besser.“, beende ich meine Argumentation. Es hatte wirklich keine besonderen Gründe, ich hab auch nicht lange darüber nachgedacht oder so. Ich wollte mich hinlegen und Ayas Bett erschien mir einfach die bessere Wahl zu sein. Die Matratzen riechen wirklich komisch, von dem Waschmittel, dass die hier verwenden ganz zu schweigen. Der Duft von Ayas Shampoo dagegen ist köstlich.

Wir betreten das Haupthaus, bevor Yohji noch irgendetwas sagen kann, aber sein Blick ist sehr misstrauisch. Ich fürchte fast, meine Argumente waren nicht besonders überzeugend. Nicht, dass das eine Rolle spielt.
Mittagessen, wie wunderbar. Aya sitzt mit einer schwarzhaarigen Frau am Tisch, die sich angeregt mit ihm unterhält. Sie flirtet mit ihm. Ich starre sie böse an, während ich in der Schlange stehe, aber als ich und Kudoh an den Tisch kommen, steht sie auf und geht.

Aya sieht kurz auf und beginnt dann abwesend mit den Stäbchen in seinem Essen herumzupicken, wobei er den Klappentext eines Buches studiert, dass er scheinbar von ihr hat.
„Woher kennst du Naoko?“, fragt Yohji perplex.
„Vom Kochen.“, sagt Aya ohne von dem Buch aufzusehen, das er jetzt mit einer Hand aufschlägt.

„Sie flirtet mit dir.“, stellt Kudoh fest. Wenn das ein Versuch sein sollte, Ayas Aufmerksamkeit zu gewinnen, dann ist er spektakulär gescheitert, denn Aya liest einfach weiter. „Ich weiß. Sie erinnert mich ein wenig an dich.“
„Ich flirte nicht mit dir.“, meint Yohji irritiert.
Aya blättert um und wirft ihm einen kurzen Blick zu, bevor er weiterliest. „Du flirtest mit jedem. Mit allem. Sogar mit unbelebten Gegenständen.“
Ich unterdrücke ein Lachen.

„Die Frage ist ja, hast du zurückgeflirtet?“, mische ich mich ein.
Aya sieht mich mit einem gewissen Maß an Verachtung an. „Was geht dich das an?“
„Er hat in deinem Bett geschlafen.“, meint Yohji trocken.
„Kudoh hat im Auto geraucht.“, verteidige ich mich.
Aya starrt uns an, ohne eine Miene zu verziehen. Ich würde unheimlich gern wissen, was er jetzt denkt.

„Naoko ist hier seit vier Jahren Yogalehrerin.“, informiert er Yohji dann sachlich, die angeschnittenen Themen gnädig ignorierend. „Sie kann mir sagen, wer neu ist und hat Kontakte zu den anderen Seminarleitern und zur Campleitung. Sie kennt dich unter deinem richtigen Namen, also musst du dich jetzt so nennen.“
„Naoko ist Yogalehrerin?“, fragt Kudoh. War unvermeidbar, dass das die Information ist, die ihn am meisten interessiert.
Aya hat wieder angefangen, in dem Buch zu blättern. „Mach dir keine Hoffnungen, sie verabscheut dich.“
„Ach ja? Vielleicht tut sie nur so.“
„Ich erkenne Antipathie, wenn ich sie sehe.“

Wen interessiert Naoko? „Apropos Antipathie“, wechsle ich das Thema. „Yohji will mir nicht glauben, dass du mich küssen wolltest.“
Aya macht ein Geräusch, das irgendwo zwischen einem Seufzen und einem Knurren liegt und liest in dem Versuch das Gespräch zu beenden weiter in seinem Buch.
„Du widersprichst nicht?“, fragt Yohji. Mein Gott, für was hält er sich? Die Inquisition?
Aya sieht ihn unglaublich genervt an. „Ich habe es in Erwägung gezogen.“
„In Erwägung?“
Aya scheint es nicht besonders zu mögen, wenn Leute schon gesagtes wiederholen und schweigt missmutig. Die zwei sind so unterhaltsam. Jeder sollte welche haben.

„Und du hast auch nichts zum Bett gesagt.“, setzt Yohji seine Anklage fort. Ganz klar die Inquisition.
„Wozu?“
„Dass er darin geschlafen hat.“
„Was soll ich dazu sagen, ich werde die Bettwäsche wechseln. Zufrieden?“
„Und warum tust du nichts dagegen, wenn Schuldig mich mit Papierkügelchen bewirft, während ich schlafe?“ Er scheint doch kein so schlechter Detektiv zu sein, ich habe ihm jedenfalls nichts davon gesagt.
„Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Nutzen.“

„Entschuldigung?“, meldet sich jemand vom Nebentisch. „Könntet ihr während des Essens vielleicht eure Unterhaltungen einstellen?“
Die beiden verstummen, sehen den Störenfried böse an und essen. Und dabei waren sie gerade so gut in Form. Es frustriert mich, wenn ich um meine Unterhaltung gebracht werde.
„Verpiss dich!“, rate ich dem Idioten.

„Ihr hattet Decknamen?“, unterbreche ich das Schweigen wieder.
„Natürlich.“, antwortet Yohji.
„Für ihn hat sich das aber erledigt.“, sagt Aya. Beide wirken für einen Moment so genervt voneinander, dass ich dahinter eine sehr lange ‚Sag-fremden-Leuten-nicht-deinen-richtigen-Namen’-Geschichte vermute, die ich wirklich gern kennen würde. Aber sie werden sie mir nicht erzählen. Normal zu sein ist scheiße.

„Und wie heißt du jetzt, Aya?“
Aya hört auf, von Yohji genervt zu sein und konzentriert all seine missmutige Aufmerksamkeit auf mich. Ich bin begeistert. „Takeshi Kotowari.“
„Angenehm. Thomas E. Anderson.“, stelle ich mich vor.

Aya sagt nichts dazu. „Als ich eben mit Naoko gesprochen habe, hat sie mir einige von den Neuen gezeigt.“, sagt er zu Yohji. „Ich schlage also vor, dass wir nach dem Essen jeweils einem von ihnen folgen und... uns sozialisieren.“ Er sagt das ungefähr mit der Betonung, mit der ich das Wort ‚abwaschen’ aussprechen würde. Aversion.
Woah, ich glaube, mir ist grad Reis in die Lunge gerutscht. Ich würde lachen, wenn ich nicht gerade am Ersticken wäre.
„Sozialisieren?“, fragt Yohji spöttisch, wobei er mein Keuchen völlig ignoriert. „Mir ist klar, wie man Leute anspricht, aber wie sozialisiert man sich?“

Aya wirft ihm einen indignierten Blick zu und beugt sich ein Stück zu mir herüber, um mir kräftig mit der Faust auf den Rücken zu hauen. Die gute Nachricht: das homizidale Reiskorn hat sich aus meinen Atemwegen zurückgezogen. Die schlechte Nachricht: mein Kopf knallt auf die Tischplatte und ich fühle mich wie nach einem von Nagis Wutanfällen.
Das war nicht die medizinisch korrekte Behandlung! Ich würde mich beschweren, bin aber noch ein wenig kurzatmig und außerdem werde ich schon wieder ignoriert.

„Dann sprich also Munashi-san an. Naoko hat gestern mit ihm gesprochen und glaubt, dass er Beamter ist. Er steht gerade auf.“, sagt Aya und deutet mit einem kurzen Kopfnicken auf irgendeinem Punkt rechts hinter mir.
Yohji steht auf und verschwindet mit einem gemurmelten „Yes Massa.“ aus dem Speisesaal.
Aya kommandiert ihn ganz schön herum. Wenn ich nicht so ein schadenfrohes Naturell hätte, könnte ich vermutlich Mitleid entwickeln...

Ich grinse Aya freundlich zu. „Und? Was machen wir beide jetzt? Sozialisieren wir auch? ... miteinander?“
Aya reagiert, indem er seine Stäbchen auf die Schale legt und sie einige Zentimeter von sich weg schiebt. Andere Leute würden jetzt noch sagen, dass ihnen gerade etwas den Appetit verdorben hat, aber bei Aya reicht ein Blick. Ich finde das sehr stilvoll.
„Habe ich dir schon gesagt, wie sehr ich auf diese kalte Verachtung stehe?“
„Nein. Aber ich freue mich für dich, denn mehr wirst du nicht bekommen.“
Wahrscheinlich sollte mich das deprimieren, aber stattdessen bin ich nur extrem amüsiert. Als Aya nach einer Weile aufsteht, folge ich ihm.
„Wohin gehen wir jetzt, Takeshi-kun?“ Nein, ich versuche nicht absichtlich nervtötend zu sein. Mir wird das oft vorgeworfen, aber das ist nicht wahr. Ich bin missverstanden. Ich und meine funkensprühende Persönlichkeit...
„Für dich: Kotowari-san.“, stellt Aya klar.
„Okay, Taki-chan.“

Aya bleibt daraufhin tatsächlich stehen und sieht mich ungläubig an. „Was ist los mit dir? Hast du dein Japanisch aus Shojo-Mangas gelernt, oder was?“
Ich würde ihm jetzt gern widersprechen. „... nicht ausschließlich. - Was tun wir eigentlich gerade?“
„Wir fo- ... Ich folge ihnen.“ Damit setzt er sich wieder in Bewegung und mir fällt auf, dass keine zehn Meter vor uns drei Frauen laufen. Sie sind Anfang dreißig und keine von ihnen war je hübsch, aber sie wirken alle fit auf diese Art, auf die Öko-Freaks eben fit wirken.

„Wir folgen ihnen also. Warum?“
„Hattest du nicht Urlaub?“, fragt mich Aya. Ich finde es wahnsinnig faszinierend, wie er eine so harmlose Frage bedrohlich wirken lassen kann. Auf die Gefahr hin, mich wie ein liebeskranker Teenager anzuhören: Er ist so toll!
Ich zucke die Schultern. „Abenteuerurlaub?“
Aya macht irgendein Geräusch, dass vermutlich Resignation ausdrückt, und geht ein wenig schneller. Als ob er mich abhängen könnte.

Wir sind zu einem Teil des Camps gelangt, in dem ich noch nicht war. Wir stehen vor einem... Stall. Manchmal denke ich wirklich, dass mein Leben unmöglich seltsamer werden könnte. Bisher hat sich das immer als Irrtum erwiesen, aber im Moment stehen die Chancen wohl gut, dass es wahr ist.

Vor dem Stall steht Vogelscheuche-nee-chan umringt von weiteren... Teilnehmern - an was auch immer - zu denen auch Ayas drei Sozialisier-Frauen gehören. Ich ahne fürchterliches.
„Was ist das hier?“, frage ich Aya, während wir uns der Gruppe nähern.
Meine letzte Hoffnung im Land des Wahnsinns zuckt nur die Schultern.
„Sind jetzt alle da...?“, fragt Scheuch unsicher. Sie reckt den Hals, als müsste sie eine riesige Menschenmenge überschauen. „... gut... Findet Ruhe und Kraft... Atmet!“, grüßt sie uns.

Nichts gegen diese Kommune, aber ich erkenne Gehirnwäsche, wenn ich sie sehe. - Nicht, dass hier viel zu waschen wäre...
Nachdem der Gruß von den meisten erwidert wurde (in allen Stadien von beschämt gemurmelt bis hingebungsvoll deklariert), geht es weiter: „Wir sind hier, um uns selbst zu finden... um Abstand zu unserem Alltag zu gewinnen... Vielen Menschen hilft dabei der Umgang mit Tieren...“
Es riecht komisch. Meine Ahnung verschlimmert sich. Wir werden in den Stall geführt und da sehe ich sie.

Ich hasse Ziegen. Ich habe zu keiner Tierart ein besonders gutes Verhältnis, aber Ziegen hasse ich. Alles an ihnen. Sie stinken, sie sind hässlich, sie haben borstiges Gestrüpp statt Fell und diese komischen, gelblichen Hörner, sie machen sogar hässliche Geräusche. Und da kommt auch schon eines dieser Biester auf mich zu. Oh Gott, die Viecher laufen sogar hässlich! Es sieht mich mit diesen kranken, gelben Augen mit den viereckigen Pupillen an. Es sieht sogar fast so aus, als hätte es in jedem Augen zwei Pupillen. Ich hätte eine Waffe mitnehmen sollen.
Als ich plötzlich etwas nasses, raues an meiner linken Hand spüre, zucke ich zusammen, mache einen schnellen Schritt nach rechts und stoße gegen Aya. Igitt! Eines dieser Monster hat meine Hand abgeleckt. Urg! Das ist so widerlich.

„Was ist, hast du Angst vor Ziegen?“, fragt Aya neben mir, wobei er nicht die Augen verdreht.
„Nein, natürlich nicht.“ Ich habe keine Angst vor Ziegen, obwohl sie die mit Abstand grusligsten Kreaturen auf der Welt sind.
Dann werde ich von der Plage erlöst, als ein paar Leute unter Scheuchs Aufsicht die Ziegen nach draußen auf eine Weide treiben, damit die anderen in Ruhe den Stall ausmisten können. Die anderen sind, wie sich herausstellt, ich, Aya und die drei Frauen, weil wir zuletzt gekommen sind. Normalerweise hätte ich etwas gegen diese Arbeit einzuwenden, aber da die Ziegen draußen sind und ich hier drin, empfinde ich fast so etwas wie Dankbarkeit.

Nachdem Scheuch uns die Schubkarren und Mistgabeln ausgehändigt und uns auf ihre charmant-wirre Art eingewiesen hat, geht es los.
Aya scheint nach einem Weg zu suchen, ein Gespräch mit den drei Frauen anzufangen, aber scheitert schon am Ansprechen, weil sich die drei untereinander angeregt über irgendeine Fernsehsendung unterhalten.. Er ist manchmal so bemitleidenswert.
„Sie können keine besonders hohe Meinung von uns haben, wenn sie uns unser Selbst in Ziegenscheiße suchen lassen.“, schimpfe ich missmutig vor mich hin, sobald unsere Oberaufseherin den Stall verlassen hat.

Die Frauen unterbrechen ihr Gespräch und sehen mich mit Verwunderung und vagem Interesse an.
Ich lächle sie an. „Ich bin Tom und der aufgekratzte Typ da ist Ta-“ Blicke können durchaus körperliche Schmerzen verursachen oder doch zumindest sehr überzeugend versprechen. „Kotowari-san.“, sage ich. Er könnte wirklich ein bisschen dankbar sein, dass ich hier für ihn Kontakte knüpfe.
Die drei stellen sich auch vor. Sie haben schöne japanische Namen: Sie heißen Aonuma, Naboyuki und Nagasako - also kurz Tick, Trick und Track. Mir wird ein Rätsel bleiben, wie Japaner mit durchschnittlich vier Silben pro Namen leben können. Das ist einfach nicht normal. Und vor allem Zeitverschwendung.

Um Aya zu helfen, rede ich also ein bisschen mit den Frauen, während wir den Stall ausmisten. Sie arbeiten alle drei für dasselbe Verlagshaus, sind miteinander befreundet und gemeinsam hierher gefahren, weil das Buch ‚Wege der Seele’ sie so beeindruckt hat.
Ich denke, sie scheiden als Verdächtige aus.

Doch gerade, als ich Aya vorschlagen will zu gehen, kommt Scheuch mit ihren restlichen Schützlingen von draußen zurück. Sie bringen frisches Stroh für den Boden und die verdammten Viecher mit rein.
Ich höre Vogelscheuches träumerische Stimme sagen: „Und jetzt dürft ihr euch alle einen Eimer nehmen und eine Ziege melken... Wenn ihr Fragen habt, dann... fragt.“

Melken?! Niemals!
Nichts auf der Welt und ich meine damit wirklich und wahrhaftig nichts, kann und wird mich jemals dazu bringen, einem dieser verabscheuungswürdigen Tieren nahe genug zu kommen, um es zu melken. Wie pervers müssen Leute sein, um das freiwillig zu machen?

Während alle anderen sich den Tieren nähern, packe ich meine Mistgabel fester und starre die Ziegen, die sich mir nähern wollen bedrohlich an. Oh. Aya steht immer noch neben mir. Ich werde das Gefühl nicht los, dass er mich beobachtet und sich im Geheimen über mich lustig macht. „Was ist?“, fauche ich ihn an. „Du müsstest schon hingehen und dich mit ihnen sozialisieren.“
Der Gesichtausdruck, mit dem Aya mich ansieht, erinnert tatsächlich an ein Lächeln und ich bin mir plötzlich ganz sicher, dass er innerlich nicht einfach nur lacht. Nein, er lacht mich aus. Schallend.
„Tierhaarallergie. Und was ist es bei dir? Ein Streichelzootrauma?“

Was soll das? Warum sagt er das so spöttisch? Streichelzoos sind furchtbar. Kleine Kinder werden zwischen Tiere gestoßen, die größer sind als sie, Hörner und unheimliche Augen haben und die wissen, dass die Kinder Futter haben. Es kann kein Zufall sein, dass dem Teufel viele Ähnlichkeiten mit Ziegen zugesprochen werden.
„Blödsinn.“, sage ich abfällig. „Außerdem kannst du gar keine Tierhaarallergie haben. Diese fette Katze von dem Faktotum in euren Laden verliert jeden Tag mehr Haare als sie eigentlich haben dürfte. Ich hatte keine einzige Hose mehr, an der kein Fell klebte. Und dann ist das Vieh auch noch mehrfarbig.“
„Du traust dich nicht.“
„Was ist das? Deine sadistische Ader?“ Oh mein Gott, jetzt lächelt er wirklich. Einerseits bin ich hingerissen, andererseits möchte ich schreiend weglaufen.

Es endet damit, dass ich und Aya dastehen und zusehen, wie die anderen sich mit Satans Töchtern abplagen.
Plötzlich werde ich von hintern angegriffen. Ich wirble reflexartig herum und schlage eine Ziege mit meiner Mistgabel weg, die sich hinter mir auf die Hinterbeine gestellt hatte, um meine Haare zu fressen. Elendes Drecksvieh!

Natürlich sind wir innerhalb von Minuten des Stalls verwiesen. Dass die Viecher nach nur einem (zugegebenermaßen harten) Schlag mit der Mistgabel ohnmächtig werden können, macht sie mir einen Hauch sympathischer. Es ist unglaublich, wie frisch die Luft einem vorkommt, wenn man eine Weile in einem Ziegenstall verbracht hat.
Zu meiner unendlichen Verblüffung sieht sich Aya zu einem Kommentar veranlasst. „Hattet ihr zu Hause auf eurer Alm keine Ziegen?“
Ha ha, sehr witzig.

~*~

Munashi ist ein unauffälliger Typ. Einer von diesen Anzugträgern, die täglich zu Tausenden auf dem Weg zu ihren Büros durch Tokyo strömen. Einer von diesen Leuten, die ohne Krawatte seltsam unvollständig wirken. Ich folge ihm in den Begegnungsraum.

Begegnungsraum... Hm, ein Club, in dem ich mal war, hatte auch einen Begegnungsraum. Tatsächlich sah er so ähnlich aus, wie dieser, denke ich jedenfalls. Die Beleuchtung war ein wenig spärlicher.
Der Raum ist in vage indisch-orientalischem Stil dekoriert, das heißt mit Sitzkissen und Stoffbahnen in leuchtenden Gelb- und Orangetönen vollgestopft. Es sind ein paar Leute hier und da in kleineren Grüppchen verstreut. In einer dieser Gruppen mache ich Munashi aus.

Als ich mich nähere, werde ich von einigen Leuten mit einem „Atme!“ begrüßt und versuche nicht irritiert zu wirken. Ich überlege wie lange man wohl braucht, um sich daran zu gewöhnen - oh Gott, ich hoffe, mir passiert das nicht...

Als ich mich auf einigen der Kissen niedergelassen habe (ich ziehe in Erwägung, in Zukunft hier zu schlafen, statt auf diesem Folterinstrument von Matratze), wird die Unterhaltung, die ich mit meiner Ankunft unterbrochen habe fortgesetzt. Ein Mann um die fünfzig erzählt eine haarsträubende Geschichte von seiner Frau und seinem Gärtner... Ich weiß zwar nicht, was das hier sein soll, aber es ist ziemlich unterhaltsam.
Nach einigen weiteren amüsanten Beiträgen habe ich den Sinn dieser Veranstaltung durchschaut: Man bekommt hier die Gelegenheit, sich über sein Leben zu beschweren.

Munashi scheint am Herzschmerz und den diversen Lebenskrisen der Redenden nur mäßig interessiert zu sein und hört offensichtlich gelangweilt zu. Als er an der Reihe ist, erzählt er von Stress im Beruf und davon, was für ein inkompetenter und tyrannischer Trottel sein Chef ist. Der kann reden... mein Chef ist traditionell ein schwarzer Schatten, der uns ausschließlich durch seine verboten sexy Assistentinnen kontaktiert. So gesehen habe ich es eigentlich nicht so schlecht getroffen.

Als ich an der Reihe bin, mein Leid zu klagen, bin ich mir also nicht sicher, was ich erzählen soll. Mein Vorgesetzter ist ein Siebzehnjähriger, der in dreißig Sekunden aus Haushaltsmitteln eine Bombe basteln kann? Zu verdächtig... Ich erinnere mich an meine Werbefutzi-Coverstory und erfinde kurzerhand selbst eine böse Chefin, die nur rein zufällig gewisse Charakterzüge von Aya aufweist. Irgendjemand fragt mich, ob ich unglücklich verliebt wäre und ich frage ihn, ob er mir eigentlich zugehört hat, woraufhin er verschüchtert schweigt.

Als der Gedankenaustausch beendet ist und sich der Großteil der Leute wieder verstreut, während Vereinzelte sitzen bleiben und sich untereinander unterhalten, versuche ich Munashi in ein Gespräch zu verwickeln, doch ich werde freundlich, aber bestimmt abgewimmelt. Er wolle noch zu einem Seminar über die Interpretation Christi als Bodhisattva und wäre schon spät dran.
Was kann man dazu sagen? Auf seine Einladung hin, doch mitzukommen, lehne ich ab. Ich habe genug geistige Nahrung für heute und brauche erst mal eine Zigarette.

Als ich zum Parkplatz gehe, begegne ich auf der Wiese vorm Haupthaus einer Gruppe von Leuten, die im Kreis stehen, sich an den Händen halten und aus vollem Hals schreien. Zuerst bin ich erschrocken, dann beeile ich mich weiterzukommen. Bloß nicht hingucken, bloß nicht nachfragen.

Endlich lehne ich mit einer Zigarette im Mund am Auto und das ist der Moment, in dem ich die frische Luft, das Vogelgezwitscher und die nahezu unberührte Natur um mich her zu schätzen weiß.
Ich drehe mich um, als ich Stimmen höre, die sich aus der dem Camp entgegengesetzten Richtung nähern. Eine Gruppe von sechs Leuten mit diesen riesigen Wanderrucksäcken taucht laut redend und lachend vom Waldweg her auf.

Als sie näher kommen, kann ich mir einen ungefähren Eindruck von ihnen machen. Zwei Frauen und vier Männer, alle Anfang zwanzig, offensichtlich Ausländer, teurer Outdoor/Survival-Look und fast alle tragen Kopfhörer, daher das Geschrei.
Als sie mich sehen, begrüßen sie mich mit überschwänglicher Freundlichkeit und absolut haarsträubendem Japanisch und fragen, ob sie hier richtig sind.
„Nein.“, sage ich aus Erfahrung, aber sie halten es offensichtlich für einen Witz und fragen mich, ob ich auch ein paar Schachteln Zigaretten für sie habe. Sie bieten mir deutsche Schokolade und gebrannte CDs mit Brit-Rock (was auch immer damit gemeint ist) zum Tausch an.

Ich lehne zuerst ab, lasse mich dann aber zu einer Schachtel im Tausch gegen eine Tafel Schokolade und eine CD überreden. Danach stehen wir noch ein wenig herum und reden, während zwei von ihnen ihre neuerworbenen Kippen rauchen.
Ich erfahre, dass sie aus Schweden und Deutschland kommen und hier wegen der verhältnismäßig billigen Unterkunft sind. Sie wussten nicht, dass hier so ziemlich alles verboten ist und es im Camp von Verrückten wimmelt, sehen darin aber scheinbar kein besonderes Problem. Im Grunde sind sie mir sympathisch.

Als wir fertig sind, bringe ich sie noch bis zum Haupthaus. Unterwegs werfen sie den immer noch Schreienden verwirrte Blicke zu und versuchen ihr bestes nicht zu lachen.
„Urschreitherapie?“, fragt einer von ihnen und ich zucke nur mit den Schultern.
„Vielleicht hat es was mit dem Kehl-Shakra zu tun...“, vermutet eines der Mädchen, bevor es anfängt zu kichern.
Am Haupthaus verabschiede ich mich von ihnen und kehre zum Haus des weißen Lotus zurück, wobei ich allen ausweiche, die so nicht aussehen, als hätten sie es eilig zu einem Seminar zu kommen, um mich nicht in ein Gespräch verwickeln zu lassen.

Im Zimmer angekommen erwartet mich das Kopfschmerzen verursachende Bild von Aya und Schuldig, die am Computer sitzen und friedlich zusammenarbeiten. Wann bitteschön bin ich durch ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum gefallen und in einer Paralleldimension gelandet? Und warum hat mir niemand Bescheid gesagt? Das ist einfach nur falsch.
„Was soll das?“, will ich von Aya wissen.
Er sieht mit einer Mischung aus Verärgerung und Verwirrung vom Computer auf, wirft Schuldig einen kurzen Blick zu und zuckt die Schultern. „Ich arbeite. Er sitzt aus irgendeinem Grund neben mir. Vermutlich hat er Angst, dass wir hier von Ziegen angegriffen werden und sucht Schutz.“, meint Aya bissig.

Okay. Alles klar. Eine Paralleldimension. Ich verstehe kein Wort.
„Ich habe keine Angst vor Ziegen.“, sagt Schuldig nachdrücklich.
Ich werde daraus nicht wirklich schlau. Mein Gesichtsausdruck muss das in etwa wiedergegeben haben, denn Aya lässt sich zu einer Erklärung herab.
„Schuldig hat eine Ziege mit einer Mistgabel KO geschlagen.“ Auf ein Schnauben von Schuldig hin setzt er hinzu: „Es war Notwehr.“
Schuldig sieht ihn böse an. „Du bist so ein Arsch.“
Okay, irgendwas ist zwischen den beiden geschehen, das ich verpasst habe und ich weiß, ich hätte da sein und es verhindern müssen. Aya streitet sich nicht mit anderen. Und das ist nicht mal richtiges Streiten, das ist... Stänkern.

„Sie haben hier Ziegen?“, frage ich in Ermangelung eines besseren Themas.
„Und Hühner.“, sagt Schuldig in einem Tonfall, als würde er eine unglaublich interessante und verblüffende Information zum Besten geben. Trotz der Ziegensache, die ihn offensichtlich ärgert, scheint er blendender Laune zu sein.
„Hast du etwas über Munashi rausgefunden?“, erkundigt sich Aya.
„Nichts, außer dass er seinen Chef hasst. Ich hatte nicht wirklich eine Gelegenheit, mit ihm zu reden.“
„Wer hasst seinen Chef nicht?“, murmelt Schuldig, während Aya mir einen „Die Sache ist noch nicht gegessen und du bleibst solange dran, bis du was herausfindest“-Blick zuwirft. Schuldig, der scheinbar betrübt über unser Mangel an Reaktion ist, sieht von mir zu Aya und zuckt dann die Schultern. „Alles klar, dann bin ich eben der einzige Anarchist hier.“



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© 2006 by Elster

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