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Status Quo



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Das erste Kapitel,

in welchem Schuldig im Blumenladen zwischen Alpenveilchen und Geranien steht

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Das erste Mal, dass Schuldig im Koneko aufgetaucht ist, war an einem Montag im Februar.
Ich hatte bereits den Laden aufgeschlossen und die quietschenden Gitter vor den Schaufenstern zur Seite geschoben und half jetzt Ken dabei, die Blumen aus dem Kühlschrank im Lager in den Laden zu tragen und die, die das Wochenende nicht überstanden hatten gegen neue aus der frisch eingetroffenen Lieferung auszutauschen.
Als ich damit fertig war und die Werbetafel auf die Straße trug und aufstellte, hatte ich das Gefühl, dass gerade jemand um die Ecke ein paar Meter weiter verschwunden war - jemand, dessen grelle Haarfarbe mir unangenehm bekannt vorkam - aber ich konnte mir nicht sicher sein, also schob ich den Gedanken beiseite.

Es ist keine besonders gute Idee, über solche Dinge allzu viel nachzudenken. Es macht einen nervös, wenn man anfängt, seine Feinde hinter jeder Ecke zu vermuten und es macht einen verrückt, wenn man sich ausmalt, was geschehen wird, sollte man einmal zufällig auf sie treffen. Außerhalb der Arbeit, wenn man das denn so nennen will.
Ich meine damit nichts Bestimmtes. Es ist mehr meine Unsicherheit, die mich fertig macht. Die Vorstellung von einem Kampf auf Leben und Tod ist vergleichsweise angenehm. Ich wüsste eher nicht, was ich tun sollte, wenn es nicht nötig ist zu kämpfen - beziehungsweise nicht möglich. Ich würde ja auch nicht anfangen. Zumindest, solange Unbeteiligte in der Nähe sind.
Wie auch immer, ich habe nicht vor paranoid zu werden. Es ist schon schlimm genug, wenn man Grund dazu hat.

Also ignorierte ich den ganzen Morgen über das Gefühl beobachtet zu werden und widmete mich meiner Arbeit im Blumenladen. Ich habe angefangen, diesen Job wirklich gern zu machen. Es ist entspannend. Ich kann ganz gut mit Pflanzen umgehen. Sie sind unkompliziert und hübsch. Weitere Vorteile von Pflanzen gegenüber menschlichen Wesen sind, dass sie die Klappe halten, dort bleiben, wo man sie hinstellt, keine Unordnung machen und sich nicht beschweren, wenn man sich nicht um sie kümmert. Nun ja, soviel dazu.
Ich kann mich erinnern, wie ich als Kind meiner Mutter dabei zusehe, wie sie die Blumentöpfe auf dem Fensterbrett gießt. Ich kann nicht sagen, dass ich davon jemals allzu begeistert war, aber ich konnte dennoch ein gewisses Interesse dafür aufbringen, was eine Pflanze zum Leben braucht. Ist auch wieder nicht allzu schwer. Regelmäßig Wasser, gelegentlich artgerechten Dünger, Licht und Luft - dann blühen sie. Es sind ziemlich dankbare Lebewesen.

Und nein, ich bin ein unerschütterlicher Gegner von dem völlig bescheuerten Trend, mit seinen Pflanzen zu reden. Sie mögen Lebewesen sein, aber wenn man bedenkt, wie schwierig sich schon die Kommunikation zwischen zwei Menschen gestaltet und wie sie unweigerlich zu Missverständnissen führt, sobald einer von ihnen dumm genug ist, etwas zu sagen, frage ich mich doch, wozu man diese wehrlosen Geschöpfe belästigen sollte. Hat ja auch noch nie eine Pflanze versucht mit einem Menschen zu reden, was meiner Ansicht nach nur für deren Intelligenz spricht.

Und all diese Gedanken nur, um mich von dem Kribbeln in meinem Nacken abzulenken. Ich schwöre, ich kann es spüren, wenn jemand mich beobachtet. Aber ich werde mich nicht umdrehen und das aus drei guten Gründen.

Erstens: Ich weiß ganz genau, wer mich beobachtet, aber ich will verdammt sein, wenn ich einen blassen Schimmer habe, warum.

Zuerst haben wir ja gedacht, Schuldig wolle uns ausspionieren. Das war gleich nachdem wir die Erklärung verworfen hatten, er wolle uns umbringen, nachdem er einen ganzen Tag unter unseren feindseligen Blicken im Laden ausgeharrt hatte, ohne etwas in dieser Richtung zu unternehmen. Der Gedanke mit dem Spionieren kam, glaube ich, von Yohji. Fragt sich nur, was für Informationen das sein sollen, an die er nur kommt, wenn er hier rumhängt. Die artgerechte Behandlung liebeskranker, weiblicher Teenager? Kann mir ehrlich nicht vorstellen, dass ihn so was interessiert. Das Ausmaß des Gehörschadens, den obengenannte Teenager durch ihr 400-Hertz-90-Dezibel-Dauergekreische anrichten? Wohl kaum. Ich bezweifle, dass man dieses Handicap gegen uns verwenden kann.

Davon abgesehen ist Schuldigs Interesse ausschließlich auf mich gerichtet. Die anderen machen abwechselnd dumme Witze oder sich Sorgen um mich, weil sie Angst haben, er würde meine Entführung planen. Absurder Gedanke. Als ob an einer Entführung viel zu planen ist. Als ob speziell Schuldig sich die Mühe machen würde, sich für irgendetwas einen auch nur halbwegs perfiden Plan auszudenken. Als ob sich irgendjemand dem Dauergekreisch aussetzt, wenn es sich vermeiden lässt... - Aber ich schweife ab.

Der zweite Grund, warum ich mich jetzt nicht umdrehen werde, obwohl ich ganz genau weiß, dass irgendwo hinter mir, zwischen den erst gestern gelieferten Alpenveilchen und den Geranien im Sonderangebot, Schuldig steht und mich ansieht, ist der Blick mit dem er mich ansieht: Irgendwo zwischen nachdenklich und unsicher. Er macht den Eindruck, als wollte er mir etwas sagen, macht ab und an sogar Anstalten, näher zu kommen, zögert dann aber immer wieder und bezieht wieder Position in irgendeiner Ecke, um nicht ständig von Mädchen angerempelt zu werden, die alle mindestens einen Kopf kleiner als er sind, mit großen Augen zu ihm aufsehen und sich so lange und umständlich bei ihm entschuldigen, dass man sicher sein kann, dass sie ihn mit Absicht angerempelt haben.

Billige Taktik. Und irgendwie bösartig, weil man, egal wie klein und zierlich die Mädchen aussehen, am Abend garantiert blaue Flecken hat. Meine Abwehrmaßnahmen, abgesehen von bösen Blicken, sind das Nutzen geeigneter Barrikaden (bevorzugt der Ladentisch) und eine Sprühflasche Wasser, mit der ich mich verteidigen kann. Yohji hat sich mal bei mir für die Idee bedankt und irgendwas von Wet-T-Shirt gefaselt. Ich habe nur geringe Hoffnung, dass es sich dabei um eines dieser in zwischenmenschlicher Kommunikation so unumgänglichen Missverständnisse handelte. Hentai.

Der dritte Grund dafür, dass ich mich auf keinen Fall zu Schuldig umdrehen will ist der, dass ich es allein in der letzten Stunde exakt zweiundvierzig mal gemacht habe und mir fest vorgenommen habe, damit aufzuhören. Ich will ja wirklich nicht nervös wirken oder so.
Reflexartig werfe ich einen Blick über die Schulter auf Schuldig, der seit heute morgen um halb zehn wie ausgestopft dasteht und mich beim Sträußebinden beobachtet.

Okay, ich gebe es zu, ich bin nervös. Verdammt nervös. Ich meine, ich denke über unsere Kundschaft nach, was mir sonst alle paar Monate mal passiert, nur um mich ein bisschen abzulenken. Ich finde auch, ich habe durchaus Grund, nervös zu sein, immerhin sitzt mir der Feind im Nacken. Mehr oder weniger wortwörtlich.
Und selbst wenn er nicht mein Feind wäre, wäre wohl jeder am Rande eines Nervenzusammenbruchs, wenn monatelang fast täglich jemand an seinem Arbeitsplatz rumlungert, mit dieser intensiven Aura von dringlicher Unsicherheit, und einen anstarrt. Nicht dass das mit dem Nervenzusammenbruch auf mich zuträfe, nein, es ist einfach nur... es macht mich nervös und ich komme mir paranoid vor.

Die erste Zeit über habe ich ihn keinen Moment aus den Augen gelassen, wenn er hier war und mir vorgestellt, wie ich ihn umbringe, um ihn nicht in aller Öffentlichkeit anzugreifen. Ich habe mir vorgestellt, wie ich ihm mit dem Katana den Kopf abschlage, der dann blutig und mit einer rot getränkten Schleppe greller Haare über den Boden rollt. Ich habe mir vorgestellt, wie ich ihm die Kehle durchschneide, wie ich sein Herz aufspieße und wie das Blut im Rhythmus seines Herzschlages aus den klaffenden Wunden schießt. Ich habe mir vorgestellt, wie ich mit einem geschickten Hieb zwischen den Rippen hindurch seine Lunge durchstoße und zusehe, wie er langsam erstickt, wenn sich die Alveolen mit Blut füllen, oder wie ich ihn an ungefährlicheren Stellen verletze und warte, bis er verblutet ist...

Mir ist schon klar, dass diese Gedankenspiele nicht gerade für meine geistige Gesundheit sprechen, aber es war zu dem Zeitpunkt die einzige Möglichkeit, mich abzureagieren. Dann hatte ich das Szenario allerdings irgendwann in so vielen Variationen durchgespielt, dass ich es einfach satt hatte, Schuldig zu töten. Etwas, das man sich rund siebenhundert Mal in allen Einzelheiten ausgemalt hat, kann in der Realität unmöglich auch nur annähernd so befriedigend sein.

Nach knapp zwei Wochen wurden die Gewaltphantasien also langweilig und ich fragte ihn recht unfreundlich, was er hier zu suchen hätte, woraufhin er ein wenig herumdruckste und dann Blumen kaufte. Das macht er seitdem immer so, wenn ich ihn anspreche beziehungsweise ihn bei meinem Standardsatz "Wer nichts kauft, raus!" besonders tödlich ansehe. Ist eine ziemlich sichere Methode, ihn mal für eine Stunde oder zwei loszuwerden, aber ich erwische mich immer öfter bei dem Gedanken, dass es mich tatsächlich interessieren würde, warum er jetzt seit knapp zwei Monaten herkommt. Natürlich nur, um ihn endlich loszuwerden.

Ich muss ihn einfach loswerden. Nicht wegen Weiß, es ist vollkommen abwegig anzunehmen, dass er durch das Rumlungern im Laden irgendwelche Informationen über Weiß herausfinden könnte. Na schön, er kann uns natürlich belauschen, aber das ist eigentlich nur peinlich.
Nein, viel schlimmer ist, dass ich mich langsam ernsthaft frage, was er eigentlich will. Gestern Nacht zum Beispiel, habe ich darüber nachgedacht und so gegen halb eins ist mir aufgefallen, dass Schuldig Sommersprossen hat. Nur wenige, ziemlich blasse, nachts auf den Missionen sind sie mir nie aufgefallen, aber vielleicht werden sie ja jetzt wo es wärmer wird stärker?

Wie auch immer, das war der Gedanke, bei dem ich mehr oder weniger aufgeschreckt bin und angefangen habe, mir ernsthafte Sorgen zu machen. Es ist einfach ein sehr besorgniserregender Gedanke. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, warum, aber halten wir das an dieser Stelle einfach mal fest.

Vielleicht ist es auch ganz verständlich und normal. Ich meine, wenn mich vor drei Monaten jemand gefragt hätte, was das Seltsamste an meinem Leben ist, dann hätte ich gesagt... - nein, doch nicht, wahrscheinlich hätte ich so einen Menschen niedergeschlagen (mein rechter Haken ist nicht schlecht). Einfach um den Frust abzubauen, der sich beim Nachdenken über diese Frage aufbaut. Wenn mich jetzt jemand fragen würde, könnte ich ohne Zögern antworten, dass das der Typ ist, der mich täglich beim Arbeiten beobachtet, und ich finde, das klingt irgendwie relativ normal. Weil es ja wirklich seltsam ist.

Und irgendwie bringt es mich dazu, diese Arbeit im Blumenladen tatsächlich als Teil meines Lebens zu sehen. Nicht dass es das nicht vorher auch schon gewesen wäre, aber es war immer so surreal. Als ob das nur eine Rolle wäre, die ich spiele, oder ein wiederkehrender seltsamer Traum. Na schön, eine Rolle ist es wohl so oder so. Aber das machen schließlich alle. Jeder inszeniert sich selbst so gut er kann, und wenn es sein muss, werden auch Doppelrollen übernommen. Ich, der Killer, ich, der Bruder... so in der Art. Es ist auch gar nicht so gestört, wie es sich anhört. Wenn es keine Rollen geben würde, wüsste kein Mensch auf der Welt mehr, was er tun sollte.
Der Unterschied ist jetzt folgender: Früher arbeitete im Blumenladen Ich, wie ich gern wäre. Deshalb war es auch surreal. Jetzt habe ich meist das Gefühl, dass ich selbst es bin, der da im Laden steht, was in gewisser Weise sehr beunruhigend ist.

Ich hoffe, Schuldig liest gerade meine Gedanken und bekommt davon auch solche Kopfschmerzen wie ich. Himmel, Gedanken lesen... heute morgen um drei (ich konnte nach der Sache mit den Sommersprossen irgendwie nicht mehr einschlafen) ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie grausam es sein muss, wen man Gedanken lesen kann. Gott, ich will ja meistens schon nicht hören, was andere Leute reden. Die Vorstellung von dem Gestammel, das in den Köpfen herrschen muss, macht mich ganz krank. Geschieht ihm recht!

Wieder drehe ich mich um und natürlich steht er immer noch da. Was auch sonst? Eher aus einem Impuls heraus als weil ich bewusst eine Entscheidung getroffen hätte, gehe ich auf ihn zu und versuche mich möglichst bedrohlich vor ihm aufzubauen, was ihn aber leider nur wenig zu beeindrucken scheint.

"Sag jetzt gefälligst, warum du seit Februar hier herumschleichst und dann verschwinde!", verlange ich. Als ich noch mal darüber nachdenke, frage ich mich zwar, warum ich nicht gesagt habe, dass er einfach nur verschwinden soll, aber da ist es schon zu spät.

"Hm... Ja also...", fängt Schuldig an und ich sehe es schon kommen, dass er wieder eine einzelne Narzisse kauft und seufze genervt auf. "Ich wollte nur...", setzt er halbwegs vielversprechend fort, verstummt dann aber nur wieder. Er sieht jetzt nicht mehr mich an, sondern die purpurnen Tulpen mit dem ausgefransten Rand, die in einer Vase links neben ihm stehen. Er schnippst mit dem Zeigefinger eine der Blüten an, die getroffen zurückzuckt und dann langsam nickend wieder nach vorne schaukelt, wobei seine Augen ihr folgen.

Ich habe eine Art Déjà vu. Die Situation kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich stehe da und sage nichts und vor mir steht jemand und versucht loszuwerden, was er auf dem Herzen hat, sich völlig bewusst, dass es mich nicht auch nur die Bohne interessiert und trotzdem auf irgendeine Art von Reaktion hoffend. Ich hasse das. Lieber nicht weiter darüber nachdenken.
Ich tippe mit dem Fuß auf dem braungrünen Linoleumboden herum und spiele mit dem Gedanken, die Tulpen außerhalb seiner Reichweite zu stellen. Ist ja nicht nötig, dass er unsere Ware ruiniert. Aber dann lasse ich es doch, verschränke die Arme vor der Brust und warte darauf, dass er etwas sagt.

Schuldig zieht seine Hand von den Tulpen zurück, aber er schweigt. Und schweigt.

"Nun sag einfach, was du hier willst, kann doch nicht so schwer sein.", sage ich genervt. Es klingt selbst in meinen Ohren sehr nach einem bösartigen Zischen. Das ist gut, ich bin sehr zufrieden mit mir.

Schuldig sieht mich jetzt endlich wieder an und nimmt auch seine Sprechversuche wieder auf. "Na ja... Also, ich habe da so ein... Projekt oder so und na ja..." Er verstummt.

Ich rege auf diese absolut nichtssagende Eröffnung hin keinen Muskel und warte geduldig darauf, dass er weiterspricht.

"Es läuft nicht so ganz, wie ich mir das vorgestellt habe.", rückt Schuldig endlich heraus.

Ich habe natürlich absolut keine Ahnung, wovon zum Teufel er spricht. Ein Projekt, dass nicht ganz so läuft, wie man es sich vorgestellt hat? Erinnert mich auf unheimliche Weise an mein Leben. Aber darunter fällt doch nun so ziemlich alles. Ich frage mich, was ich damit zu tun habe.

"Also ich hab mich gefragt, ob du mir... helfen könntest?" Seine Stimme ist am Ende des Satzes fragend nach oben gegangen und er sieht mich gespannt an.

Ich ziehe eine Augenbraue hoch. Wenn er mir jetzt noch sagen würde, wobei ich ihm genau helfen sollte, wäre eine Abfuhr noch schöner, aber ich nutze die Gelegenheit und drehe mich einfach um und gehe. Der spinnt ja wohl. Ich? Ihm? Helfen? Bei irgendwas? Im Traum nicht.
Ich setze meine Arbeit fort und ignoriere ihn für den Rest des Tages.



Zweites Kapitel



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