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Fanfiction  

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Status Quo



~5~
Das fünte Kapitel,

in welchem ein Bett zusammenbricht und die Campregeln verlesen werden

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„Mastermind?!“, fragt Yohji mit einer Mischung aus Unglaube und unverhohlener Belustigung angesichts eines von Kopf bis Fuß mit Matsch bedeckten Telepathen und drückt damit auch in etwa meine Gedanken aus. Mit einem Unterschied: Ich fühle mich darüber hinaus noch verfolgt.
Was macht Schuldig hier? Und warum grinst er so begeistert? Und warum ist er so dreckig?
Einen Moment starren wir uns noch schweigend an, dann schrumpft das Grinsen zu etwas, das einem freundlichen Lächeln ähnelt. „Naja, ich bin privat hier, also könnten wir uns auch auf Schuldig einigen, oder?“ Er fährt sich mit der Hand durch die Haare und halb getrocknete Erdklümpchen fallen heraus oder zerbröseln unter seinen Fingern zu Sand.

„Hast du im Schlamm gebadet oder was?“ Natürlich muss Yohji so was wissen. Er muss immer überall nachfragen. Und die unwichtigen Dinge zuerst. Wenn dein Feind auf einer Mission auftaucht und es so aussieht, als wolle er in einem Raum mit dir schlafen, und du schon kommen siehst, wie alles den Bach runter geht - Kudoh wird als erstes danach fragen, warum er Schlamm im Haar hat.

Schuldig klopft seine Kleidung ab, Sand rieselt leise zu Boden und um ihn her verteilt sich eine im Licht wirbelnde Staubwolke. „Farf hat mich hergefahren.“, erklärt er ohne irgendetwas zu erklären.
Yohji will schon zu einer weiteren Frage ansetzen, aber ich unterbreche ihn. „Was willst du hier?“, frage ich unfreundlich.

Schuldig verzieht das Gesicht. „Das hier ist mein Ort des Schlafens.“, sagt er weihevoll.
„Hier im Camp.“, präzisiere ich.
„Nichts. Ich muss hier sein.“, antwortet er mit der gleichen Mischung aus Spott und Bedauern, die er auch eben schon benutzt hat. Er schweigt einen Moment - ich nehme an, er überlegt, wie viel er sagen will - dann zuckt er gleichgültig die Schultern. „Wegen der Wette mit dem Grünzeug hat Farf Aston und um ihn zurück zu bekommen, muss ich zwei Wochen lang hier bleiben.“

Ich starre ihn misstrauisch an und überlege, wie groß die Chancen sind, dass er die Wahrheit sagt. Er sieht mich abwartend an und lächelt.
Mastermind lächelt.
Es ist ein sehr irritierender Gesichtsausdruck und von kühler Kampfbereitschaft bis hin zu diesem verächtlichen Grinsen wäre mir alles lieber.
Er ist ein Lügner. Ein Betrüger. Der Feind. Der Feind! Er sagt nicht die Wahrheit. Was ist mit mir los, dass ich das ständig vergesse?
„Wer ist Aston und was für Grünzeug?“, unterbricht Kudoh meine Gedanken. Habe ich schon erwähnt, dass er unerträglich neugierig ist?

Ich ignoriere ihn. „Lass dir ein anderes Zimmer geben!“, fordere ich Schuldig auf, aber der schüttelt nur den Kopf.
„Du weißt, wovon er redet?“, fragt Yohji mich.
„Ist mir zu gefährlich.“, enthebt Schuldig mich einer Antwort. „Ist dir aufgefallen, was hier für Bekloppte rumrennen? Das stellt sogar Schwarz in den Schatten!“
Ich starre ihn ungläubig an. „Zu gefährlich? Und wie nennst du zwei gegnerische Killer?“
„Besser als mir von irgendwelchen Möchtegern-Hippies Ratschläge zur Seelenrettung geben zu lassen. Außerdem könnt ihr mich wohl kaum umbringen, ohne dass eure Tarnung auffliegt.“

Verdammt! Er hat recht - oder zumindest werde ich Zeit brauchen, um mir einen sicheren Plan für einen unauffälligen Mord auszudenken. Mordpläne für Schuldig... Was für eine leidige Aufgabe.
„Wir könnten es wie einen Unfall aussehen lassen.“, mischt sich Yohji wieder ein, während er Schuldig bedrohlich anfunkelt. Ich nicke zustimmend.
Schuldig seufzt genervt. Ich stelle erleichtert fest, dass er nicht mehr lächelt. „Ich könnte ausplaudern, dass ihr nicht zur Erholung hier seid.“, sagt er eisig.

Es folgen einige Augenblicke feindseligen Schweigens.
Die Mission durch Schuldigs Spielchen zu gefährden ist inakzeptabel. Die Gefahr, die von Schuldig ausgeht, ist unkalkulierbar. Er scheint momentan nicht daran interessiert zu sein, Weiß zu schaden, was sich aber schnell ändern kann. Allerdings ist es vielleicht nicht ganz schlecht, den Feind im Auge zu behalten, wenn er schon hier ist. So finden wir wahrscheinlich leichter heraus, was er hier vor hat.

„Na wie auch immer... Auf jeden Fall ist das mein Bett.“, reißt mich Schuldigs selbstzufriedene Stimme aus den Gedanken, als dieser mit beachtlicher Geschwindigkeit an Yohji vorbeifegt und sein Gepäck mit einer schwungvollen Bewegung auf das obere Deck des Doppelstockbetts schleudert. Hm... primitives Territorialverhalten hin oder her, wenn man das Ding so jämmerlich Knarren und Quietschen hört, will man wirklich nicht unten schlafen.

Dasselbe scheint sich auch Yohji zu denken. „Moment mal! Was denkst du dir? Ich war zuerst hier, also schlafe ich oben, ist das klar?“
„Nein.“, lautet Schuldigs einfache Antwort, während er sich auf das Bett schwingt und die Beine baumeln lässt.
„Ich habe mir dieses Bett zuerst ausgesucht.“
„Aber es liegen meine Sachen drauf.“
„Aber du bist als letzter gekommen, also musst du auch das letzte Bett nehmen.“
„Ach so. Nach dem Motto ’Wer zuerst kommt, mahlt zuerst’, ja?“, tut Schuldig verständnisvoll.
„Ja.“, meint Yohji nicht ohne sichtbares Misstrauen.
Schuldig grinst. „Noch nie gehört den Spruch.“

Ich sehe fassungslos zu, wie Yohji knurrt, sich ebenfalls aufs Bett schwingt und eine Rangelei mit Schuldig anfängt. Um das verdammte Bett! Wenn man sich dieses Verhalten ansieht, hat man doch wieder mal den Beweis, dass die sogenannte ’Infantilisierung der Gesellschaft’ mehr sein muss als nur ein Hirngespinst überspannter Soziologen. Aber vielleicht habe ich auch nur extremes Pech. Was habe ich eigentlich verbrochen, dass der einzige geistig erwachsene Mensch in meinem Umfeld ein Siebzehnjähriger ist?

„Ich teile mein Bett nicht mit einem Schwarz!“ Schuldigs Gepäck landet mit einem dumpfen Klatschen auf dem Boden, der Besitzer hingegen zeigt sich von Yohjis Versuchen, ihn ebenfalls runterzuwerfen betont unbeeindruckt und grinst jetzt übers ganze Gesicht.
„Oh bitte, und ich dachte, es geht nur darum, wer unten und wer oben liegt.“, sagt er mit einem Zwinkern, woraufhin Yohji das Gleichgewicht verliert und hintenüber vom Bett fällt. „Du musst nicht gleich in Ohnmacht fallen, Yotan.“, lacht Schuldig. „Außerdem bist du wohl kaum der Weiß meiner Wahl, wenn’s um Kissenschlachten-“

Er bricht ab und macht ein Geräusch, das verdächtig nach einem ‚Iiiep’ klingt, als das obere Bett krachend eine Etage tiefer sackt, nach kurzem Zögern das untere Bett gleich mit zu Boden reißt und die nun nutzlos gewordenen Pfosten ebenfalls der Schwerkraft folgen und umkippen.
„Scheiße.“, brummt Yohji, der sich gerade vom Boden aufrappelt und sich die Hüfte reibt.
„Fuck.“, stöhnt Schuldig, während er sich unter zweien der Bettpfosten hervorwindet.

Dann stehen beide etwas ratlos vor dem Haufen Schrott. Und warten.
Nach ein paar Schweigesekunden für das Bett beschließe ich, dass es an der Zeit ist, das Problem zu lösen, bevor sie auf den dummen Gedanken kommen, sich mit mir um mein Bett zu streiten. Ich schiebe mich also zwischen ihnen vorbei und ziehe die obere Matratze samt Bettzeug aus den Trümmern, bevor ich das Bettgestell anhebe und die zweite Matratze befreie.
Oh nein. Niemand muss mir hier helfen. Es ist schon okay, mich anzustarren, wie eine Erscheinung, während ich das einzig mögliche tue.

Ich trete ein Stück zurück und verschränke die Hände vor der Brust. Sollen die doch ihren Scheiß allein machen.
Yohji wirft mir einen verwunderten Seitenblick zu. „Er bleibt hier?“
Ich zucke die Schultern.
Yohji seufzt, zerrt die ehemals obere Matratze, mit dem nicht mehr ganz so blütenweißen Bettzeug in die am weitesten entfernte Ecke des Zimmers. Die angesichts der Ausmaße des Raumes natürlich nicht wirklich weit weg ist. „Deins.“ Er schleudert Schuldig das Wort quasi entgegen.

„Danke.“, kommentiert Schuldig gleichgültig, trägt seine Taschen in die Nähe, kramt in aller Ruhe ein Handtuch und Duschzeug heraus und verschwindet dann wortlos aus dem Haus.
„Was soll das?“, fragt mich Yohji aufgebracht, sobald die Tür hinter Schuldig zugeschlagen ist. Warum fragt er mich das?
„Was soll was?“, frage ich zurück. Ich spüre schon, wie alles sich in eine Richtung entwickelt, deren Ergebnis ich mit Sicherheit hassen werde. Dieses Gespräch. Diese Mission. Vermutlich auch dieses Leben.

„Warum lässt du ihn hier bleiben?“
„Was soll ich denn machen?“ Ist ja nicht so, als würde ich mich über Schuldigs Anwesenheit freuen.
„Dich bei der Campleitung beschweren?“, schlägt Yohji vor.
„Und denen was erzählen?“
Yohji sieht einen Augenblick lang so aus, als wolle er noch etwas erwidern, schließt dann aber den Mund und geht dazu über seine Matratze grimmig vor sich hinmurmelnd weiter vom Trümmerhaufen wegzukicken.

„Du solltest vorsichtiger sein, was ihn angeht.“, sind Yohjis letzte Worte, bevor auch er das Haus verlässt.
Ich bin sprachlos. Was bringt Yohji nur immer dazu mir so dämliche und absolut nutzlose Ratschläge zu geben? Ich sollte vorsichtiger sein, was Schuldig angeht? Was er nicht sagt. Was soll das denn bitteschön heißen? Als ob ich mir diese blöde Situation ausgesucht hätte. Und wenn wir schon nichts dagegen tun können, dass er hier im Camp ist, dann ist es doch besser ihn wenigstens im Auge zu behalten.

Oder?

~*~

„Ein Ort der Kraft.
Das ist es, was wir mit diesem Camp schaffen wollen. Ein Ort des Rückzugs, an dem es möglich ist, innere Ruhe und Frieden zu finden, in einer hektischen, leistungsorientierten Gesellschaft. Stressbedingte Krankheiten und Depressionen zeigen die Wichtigkeit eines spirituellen Ausgleiches.
Dieser Ort, Brüder und Schwestern, soll Euch als Zuflucht dienen, die Einheit von Körper und Geist im Einklang mit der Natur wiederherzustellen.
Willkommen! Finde Ruhe und Kraft. Atme!“

Großer Gott, wo bin ich hier nur gelandet? Einige Leute aus dem Publikum erwidert diesen befremdenden Gruß auch noch mit ihrem eigenen salbungsvollen „Finde Ruhe und Kraft. Atme!“. Ich drehe mich in meinem Sitz hin und her, um herauszufinden, wer von den hier Anwesenden schon ein so großes Maß der Vergeistigung erfahren hat, dass sie mit dem Rest des Körpers das Gehirn gleich mit aufgegeben haben.

Zwei Reihen hinter uns sitzen fünf Frauen Ende dreißig, gekleidet in wallendes Gewand und werfen mir ob meiner Unaufmerksamkeit böse Blicke zu. Ich wende mich lieber schnell wieder dem Begrüßungsredner zu, ehe noch eine von denen auf die Idee kommt, mich missionieren zu müssen. Scheinbar habe ich nicht viel verpasst.

„Während Eures Aufenthaltes seid Ihr angehalten, die Regeln des Camps zu befolgen, um auch den anderen Campteilnehmern einen friedlichen und angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen.
Verzichtet bitte auf Zigaretten, Alkohol und sonstige Rauschmittel.
Verzichtet bitte auf technische Geräte.
Achtet bitte die vegetarische Ernährung.
Verzichtet während Eures Aufenthaltes hier bitte auf Sex.
Achtet bitte darauf, die Ruhe des Camps nicht durch unnötigen Lärm zu stören.
Ihr seid außerdem angehalten, Euch dem Tagesablauf des Camps anzupassen, den Ihr den ausgeteilten Prospekten entnehmen könnt.
Bitte beachtet, dass die Duschen zu geraden Stunden den weiblichen und zu ungeraden den männlichen Campteilnehmern vorbehalten sind.“

Ich hasse diesen Ort. So in etwa stelle ich mir die Vorhölle vor. Das mit den Zigaretten hätte mir eine Warnung sein sollen. Ich hätte mir die Homepage ganz durchlesen sollen. Ich hätte aus dem fahrenden Wagen springen und zurück nach Tokyo laufen sollen. Der halbe Tag Fußmarsch wäre ganz sicher nicht schlimmer gewesen als das hier.

Ich muss unbedingt herausfinden, wie diese verfluchte Pflanze vor unseren Laden gekommen ist und wer auch immer dafür verantwortlich ist, wird einen äußerst schmerzhaften Tod sterben.
Ich sollte Aya dazu befragen, er weiß ganz sicher mehr als er sagt. Ich nehme das nicht nur aufgrund seines verdächtigen Verhaltens während unseres Gesprächs heute morgen an. Nein, Aya weiß immer mehr als er sagt.
Andererseits keine große Sache, wenn man so gut wie nie etwas sagt.

Ich werfe Aya neben mir einen Seitenblick zu, aber der sitzt da wie aus Stein gehauen und schafft es tatsächlich so zu wirken, als würde er dem spirituellen Gewäsch da vorne interessiert lauschen. Ich frage mich, wie er das macht. Ich meine, ich kann mich maximal drei Minuten auf Mr. Schleppende-Stimme da vorn konzentrieren, bevor meine Gedanken abschweifen.

In Ermangelung besserer Beschäftigungen lese ich mir den Tagesplan auf dem Prospekt durch, auf den wir soeben von dem verknöcherten Möchtegern-Guru verwiesen worden sind.

‚6.00 - Wecken
7.00 - Morgenmeditation (vorm Haupthaus)
8.00 - Frühstück
ab 9.00 - Seminare, Diskussionen (nähere Informationen am Schwarzen Brett -Haupthaus)
12.00 - Mittag
14.00 - Gedankenaustausch (Begegnungsraum)
18.00 - Abendmeditation
19.00 - Abendessen
20.00 - Nachtruhe’


Oh mein Gott, bloß nicht weiter darüber nachdenken. Ich lasse meinen Blick ein wenig über die Menge schweifen, wobei ich irgendwie an diesem lächerlich grellen Orangeton hängen bleibe, den dieser Schwarz Haarfarbe nennt. Er schläft. Das Leben ist manchmal so ungerecht. Wenn ich einschlafen würde, würde Aya mich sofort wecken, indem er mir seinen Ellenbogen in die Rippen stößt. Aya hat die härtesten und spitzesten Ellenbogen, die ich kenne und er setzt sie mit einer Kraft und Zielsicherheit ein, die beängstigend ist.

Schmerzhafter wäre es nur noch, wenn ich ihm sagen würde, dass Schuldig auf ihn steht. Also werde ich nichts sagen. Aber ich weiß es. Ich muss das wissen, ich bin immerhin Experte, wenn es um unsittliche Motive geht. Ich fürchte, Aya hat das nicht gemerkt. Es ist kaum zu glauben, wie jemand so misstrauisch und schlau sein kann und doch so ahnungslos und blind.

Andererseits, was mach ich mir Sorgen um Aya? Der Tag an dem er Sex hat, wird der sein, an dem andere seiner Spezies aus ihren Raumschiffen steigen. Oder wahlweise aus einem Gletscher geboren werden. Meine Überzeugung. Eine hübsche Vorstellung. Mag ihre Lücken haben, ist aber allemal unterhaltsamer als Herr Hutzelmännchen da vorne und seine Wege zur Erleuchtung.

Es ist nicht meine Aufgabe Ayas Unschuld zu beschützen - ...es ist überhaupt nicht meine Aufgabe, irgendjemandes Unschuld zu beschützen, wo wir schon dabei sind. Hm... wäre wohl lohnend, gleich mal nach etwas Brauchbarem Ausschau zu halten. Da hätten wir ein paar Walleweiber, wie die zwei Reihen hinter uns, ein paar Hippietanten mit glasigem Blick und verklärten Gesichtern... Meine bevorzugten Jahrgänge scheinen nicht so wirklich Zielgruppe dieser Veranstaltung zu sein.

Ich bin schon überzeugt davon, hier vor Langeweile zu sterben, als mein Blick auf ein spektakuläres Halbprofil trifft. Darunter ein perfekt geschwungener Nacken, freigelassen von hochgesteckten, tiefschwarzen Haaren, darunter ein Stück entzückender Rücken.
Ich beginne ein wenig vor mich hin zu phantasieren, doch meine Gedanken kommen zu einem sehr abrupten Halt, als das Objekt meiner Begierde ihren Kopf noch ein wenig weiter zur Seite dreht, um mit ihrem Nebenmann zu sprechen.

Warum ist die Welt so klein? Warum? Ich nehme mal an, dass sind die Nachteile, wenn man auf einer Insel lebt. Verdammt. Es ist trotzdem unfair. Von allen Frauen in diesem Land muss ausgerechnet sie hier sein. Naoko... wie hieß sie noch mal? Wakachi? Wataki? Ach egal, auf jeden Fall Naoko.
Die Naoko, mit deren Mitbewohnerin ich ungefähr zwei Wochen lang zusammen war und die sich immer feindselig verhalten hat, weil sie nicht wollte, dass ihre Freundin merkt, dass sie eifersüchtig auf sie war. Soviel zur schmeichelhaften Version der Geschichte. Möglich wäre auch, dass sie mich einfach nur hasst und verachtet. Eine Sache, der ich eigentlich niemals auf den Grund gehen wollte.

~*~

Alles ist so... bäh!
Meine Haare sind immer noch nass und kalt. Ich habe natürlich keinen Fön dabei. Ich besitze keinen Fön. Meine Haare trocknen gern an der Luft und rächen sich grausam, wenn ich sie föne. Dann sehe ich aus wie ein Anschauungsobjekt zum Thema statische Elektrizität. Ungefähr wie Tiffy aus der Sesamstraße. Eine sexy männliche Version von Tiffy zwar, aber trotzdem Tiffy.
Und deshalb friere ich jetzt. Weil es noch lange nicht Sommer ist, man hier Duschmarken braucht, wenn man heißes Wasser will und ich erst noch herausfinden muss, was man tun muss, um welche zu bekommen.

Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mich vor der kalten Dusche nicht wohler gefühlt habe als jetzt. Schlamm ist nicht so störend, wie ein mit kaltem Wasser durchweichter Hemdkragen. Wenigstens hatte dieses unangenehme Gefühl den Vorteil, dass es mich von der bekloppten Eröffnungsrede abgelenkt hat. Das einzige, was ich nicht ausblenden konnte, waren die Campregeln. Ich wäre wahrscheinlich schockiert gewesen, hätte mir Farf nicht die letzten zwei Tage bei jeder Gelegenheit aus dem verdammten Prospekt vorgelesen. Ich kenne es inzwischen auswendig.

Zum Glück ist die Eröffnungsrede irgendwann zuende gegangen und jetzt gibt es Abendbrot. Abendbrot... geregelte Mahlzeiten... seltsames Konzept. Aber vielleicht ist es warm, das wäre schon mal nicht schlecht.
Das ganze findet im Haupthaus statt. Ein großer Raum voll mit zerschlissenen Sitzkissen und niedrigen Tischen. Es riecht nach gekochtem Reis. Man muss nach seinem Essen anstehen...

Ich seufze und drängle mich unauffällig in die Mitte der Schlange. Und warte. Mein Blick schweift über das Essen. Reis in rauen Mengen, Gemüse, Salate, Soßen, Tofu. Igitt, Tofu. Nagi ist der einzige von uns vieren, der so was isst. Jetzt wo ich so darüber nachdenke, könnte es sogar sein, dass er Vegetarier ist. Kann mich nicht erinnern, ihn mal Fleisch essen gesehen zu haben. Hat andererseits nicht viel zu bedeuten. Ist ja nicht so, dass ich nichts besseres mit meiner Zeit anzufangen hätte, als Nagis Essgewohnheiten zu studieren.

Und ich warte...

Tja... Ich finde nicht, dass Menschen Vegetarier sein sollten. Das ist widernatürlich. Menschen haben Reißzähne - also zumindest rudimentär. Ich kann jetzt nicht für die Asiaten sprechen, aber zumindest meine Vorfahren haben sich fast ausschließlich von Fleisch ernährt. ...und haben Gicht bekommen. Gut, vielleicht nicht so ideal...

Ich spüre, wie mich jemand leicht in die Rippen stupst. „Hallo? Sie müssen sich ein Schälchen nehmen.“, sagt eine hilfreiche Stimme neben mir. Also nehme ich mir ein Schälchen und starre auf das vegetarische Essen. Wo waren wir gerade? Ach ja. Essen. Schön konzentriert bleiben, Schuldig! Fokus! Aufmerksamkeit!
Ich fülle mir mein Schälchen mit allerlei buntem Kaninchenfutter, schnappe mir ein Paar Stäbchen und trotte in Richtung der Tische und Sitzkissen.

Ach, sieh mal einer an, meine beiden Lieblingsweiß. Wenn Blicke töten könnten... Aber ich esse nicht gern allein. Ich lasse meinen Blick über die anderen Tische schweifen. Urg, wirklich keine Alternative. Schulternzuckend setzte ich meinen Weg fort, ohne mich von den wenig einladenden Gesichtern abschrecken zu lassen und setze mich mit an den Tisch.
„Und? Habt ihr schon rausbekommen, wo man hier das Soma herbekommt?“, eröffne ich das Gespräch.

Zu meinem Erstaunen antwortet ausgerechnet Aya mit einem nicht einmal unfreundlich klingenden „Nein, leider.“ Hätte mir denken können, dass er das Buch kennt.
Ich grinse, während Kudoh einen verständnislosen Blick von mir zu Aya wirft. „Wovon zum Teufel spricht er?“
„Soma, mein lieber Yotan, ist die beste Droge der Welt. Einzige Nebenwirkungen: man altert nicht und stirbt mir vierzig.“, kläre ich ihn auf. „Manche Leute hier wirken ein wenig zu glücklich, um echt zu sein.“

Kudoh sieht etwas sauer aus. „Wenn ihr hier irgendwelche schmutzigen Geschäfte abwickelt, Schwarz...“
„Ach, wie kommst du denn auf so etwas, oh Meister der voreiligen Schlussfolgerungen?“, frage ich mit meinem scheinheiligsten Grinsen.
Eigentlich hätte ich ihn gern noch ein wenig mehr geärgert, aber ein seltsames Geräusch reißt uns aus dem Streit. Irgendwas wie ein trockenes Schnauben.

Kudohs Kopf fährt zu Fujimiya herum, der sehr angestrengt in seine Schüssel starrt, während er sich Gemüse in den Mund schaufelt. Man kann zusehen, wie Kudohs Kiefer wie in Zeitlupe absackt, bevor er sich wieder fängt. „Was gibt es da zu lachen?“, fragt er mit einiger Schärfe in der Stimme.
Oh, das war ein Lachen? Abyssinian hat gelacht! Moment, das muss ich erst mal verarbeiten.
Fujimiya wirft mir und Kudoh einen nichtssagenden Blick über den Rand seiner Schüssel zu und konzentriert sich dann wieder aufs Essen.

Gott, er sieht wieder furchtbar sexy aus...
Hast du das gerade wirklich gedacht? Starrst du ihn etwa an? Mann Schuldig, hatten wir das nicht akzeptiert und abgehakt, als es uns das erste mal aufgefallen ist? Heiß, aber autsch. Angucken, nicht anfassen. Ärger. Schlecht. Keine gute Idee. Brad sauer, Schuldig arm...

Ach, was rede ich eigentlich, du hörst mir ja sowieso nicht zu. Mach doch was du willst, machst du eh schon seit Monaten. Blöde Libido.
Vergiss das mit den Duschmarken einfach. Kalt ist gut.
War ja schon ne dumme Idee, im selben Zimmer mit ihm zu wohnen. Aber du warst ja noch nie schlau. Intelligent, ja. Gebildet, leidlich. Clever, schrecklich. Aber du weißt einfach nicht, was gut für dich ist. Idiot!

Ein überraschender und vor allem schmerzhafter Tritt in die Nieren bringt mich wieder zu mir. Kudoh steht über mir, sein leeres Schälchen in der Hand und durchbohrt mich mit seinem Blick. „Muss gestolpert sein.“, meint er noch ätzend, bevor er abhaut. Aya ist schon aufgestanden und dreht sich nur kurz zu uns um, einen etwas verwunderten Ausdruck auf dem Gesicht. Dann geht er weg und Kudoh folgt ihm und ich kaue gelangweilt auf meinem Grünzeug rum.



Sechstes Kapitel



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