Status Quo |
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~2~Das zweite Kapitel,in welchem Aya von bissigen Tulpen träumt, bevor er entführt wird
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Am Morgen danach stehe ich im Koneko, fest entschlossen, mir heute noch mal anzuhören, was er will und ihm vielleicht sogar zu helfen, nur um ihn loszuwerden. Der Grund ist mein Traum von heute nacht, mehr aber noch die Erkenntnis, die danach kam.
Ich hatte von Schuldig geträumt. Er stand im Laden, trug ein dunkelgrünes T-Shirt mit dem Aufdruck "Öffentliches Ärgernis" und ich dachte mir gerade noch, dass ich dazu auf keinen Fall etwas sagen oder auch nur denken wollte, als er wie gestern im Laden die Tulpen anschnippte, die wie gestern zurückzuckte, dann aber hervorsprang und ihn beißen wollte, woraufhin er zurückstolperte und die Geranien anstieß, was dazu führte, dass, wie bei diesen Dominosteinen, alle Vasen und Tische im Laden umkippten oder zusammenbrachen. Zum Schluss war alles ein einziges Trümmerfeld, das mich auf unangenehme Weise an die Trümmer eines explodierten Hauses erinnerte und er fragte mich, ob ich ihm denn nun helfen würde.
Soweit der Traum, der mich eigentlich gar nicht so sehr beunruhigt hat, wenn man einmal von der Tatsache absieht, dass Schuldig darin vorkam und dass ein Traum oder irgendetwas anderes, worin Schuldig vorkommt unmöglich gesund sein kann.
Aber danach fiel mir plötzlich ein, warum ich so ein starkes Gefühl des Wiedererkennens gehabt hatte, als Schuldig gestern im Laden drucksend vor mir gestanden hatte. Er hatte mich in der Situation an ein Mädchen erinnert, das mir in der Schule eine Zeitlang überallhin gefolgt war und das genauso herumgestottert hatte - wenn es darum ging, mich um ein Date zu bitten.
Die absurde Verbindung dieser beiden Personen und Situationen raubte mir für den Rest der Nacht den Schlaf und überzeugte mich endgültig davon, dass ich Schuldig loswerden musste. Ich meine, wenn einen ein erwachsener Mann, dazu noch Killer - egal wie albern seine Frisur ist - an ein fünfzehnjähriges Mädchen erinnert (die Sache mit dem Date wollen wir in diesem Falle mal ganz außen vor lassen), dann kann doch irgendwas nicht stimmen.
Die Frage ist dann nur: Stimmt mit ihm etwas nicht, oder mit mir, oder mit der Welt im Allgemeinen?
Und das ist ganz klar eine von diesen Fragen, auf die es nur unerfreuliche Antworten gibt, wenn man denn überhaupt welche findet. Teilweise kann ich sie aber beantworten. Mit Schuldig stimmt definitiv etwas nicht. Er verhält sich... seltsam. Noch seltsamer als sonst, wenn man davon ausgeht, dass Störungen wie zum Beispiel homizidale Tendenzen bei ihm normal sein dürften. Aber in dieser Hinsicht sollte ich vielleicht nicht den ersten Stein werfen...
Jedenfalls werde ich ihn, sobald er hier auftaucht, fragen, was er will und ihm dann möglicherweise helfen, damit wir endlich wieder zur Normalität, sprich: zur blutigen Feindschaft bis in den Tod, zurückkehren können und dann endlich unseren Frieden haben. Es geht hier darum den Status Quo, das Gute und Richtige wieder herzustellen: Offenen Krieg.
So verschmäht er im allgemeinen sein mag, er ist hundertmal besser als diese nagende Unsicherheit, die diese plötzliche, unerklärliche Friedfertigkeit mit sich bringt. Ich will klare Fronten, verflucht noch mal! Ich kann damit leben, den Rest der Welt als Feind zu haben, Hauptsache ich weiß, woran ich bin.
Eine Kundin (nein, keines dieser pseudoverliebten Mädchen, sondern eine richtige, echte Kundin) kommt gerade mit einer rot blühenden Topfpflanze auf mich zu, dreht aber schnell ab und lässt sich von Ken bedienen. Sie sah irgendwie ängstlich aus. Was auch immer sich in meinem Gesicht abgespielt hat, kann nicht sehr ermutigend auf sie gewirkt haben. Ich sollte mich mit irgend etwas anderem beschäftigen.
Mit etwas erfreulicherem als der Arbeit im Koneko und Schuldig. Zum Beispiel mit... Hn, schwierig... - .... und deprimierend. Es gibt fünf Bereiche in meinem Leben, die mehr oder weniger fließend ineinander übergehen: Die Vergangenheit, meine Familie, meine Kollegen, die möglicherweise so etwas wie Freunde sind, die Arbeit und die andere Arbeit. Bis auf die Nummer drei alle ziemlich unerfreulich oder zumindest nicht zur Ablenkung geeignet.
Aber Omi ist zur Zeit völlig im Prüfungsstress und unausstehlich, wenn er aus den Tiefen seines Zimmers auftaucht, besonders, wenn Ken und Yohji dann darauf bestehen, dass er nicht ständig lernen kann, und versuchen, ihn zu irgendwelchen Ablenkungen zu schleifen, wogegen er sich mit Klauen und Zähnen wehrt.
Das Ganze läuft darauf hinaus, dass Omi sich einschließt und ich mir etwas ausdenken darf, wie ich den Jungen zum Essen bewege. Ken und Yohji hocken währenddessen zusammen und schmieden Pläne, wie sie Omi ablenken und aufheitern können, was immer dringender wird, weil er immer genervter von den beiden ist. Und wenn Omi nicht kommt, ist ihnen langweilig und sie zerbrechen sich den Kopf über das derzeitige Thema Nummer Eins: Warum lungert der Schwarz in unserem Laden rum? (Und sie verschonen mich natürlich nicht mit ihren Vermutungen, die immer abwegiger und immer unangenehmer werden.)
Womit wir wieder beim Ursprung aller Probleme wären und der Frage, warum dieser vermaledeite Psychopath von einem Telepathen ausgerechnet heute um halb elf noch nicht da ist, wo er doch in den letzten Wochen immer schon kurz nach neun hier im Laden stand?!
Also was tue ich? Ich versuche, mich abzulenken. Die Pflanzen sind schon gegossen, es ist gerade kein Kunde in Sicht, da bleibt nur Sträuße binden. Sowieso eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Es ist einfach beruhigend. Von der Auswahl der Blumen und Farben bis hin zum Binden eine überschaubare, schöne, kurzweilige Arbeit, vielleicht sogar ein wenig meditativ.
Tatsächlich hat sie eine ähnliche Wirkung auf mich, wie das Lesen eines guten Buches oder Kendo-Training. Etwas, worauf ich mich voll und ganz konzentrieren kann, womit ich meinen Geist beschäftige, ohne wirklich zu denken. Denken ist nämlich meistens nicht angenehm, genau genommen sogar schmerzhaft. Man sollte darauf verzichten viel nachzudenken, wenn man tut, was ich tue.
Ich weiß, es gibt Menschen, die der Meinung sind, dass man durch Nachdenken die Lösung für jedes Problem finden kann. Ich gehörte auch mal zu diesen Menschen, in einem anderen Leben. Aber dann kam irgendwann der Augenblick, in dem mir klar wurde, dass es durchaus Probleme gibt, für die es einfach keine Lösung gibt. Die wirklich schrecklichen Dinge: Tod, Schmerz, Schuld und - damit unentwirrbar verknüpft - Liebe. Menschliche Gefühle, die sich jeglicher Vernunft entziehen. Irrational, abstrus, unlösbar.
Unglücklicherweise ist das Nachdenken eine Angewohnheit, die sich nicht so einfach abstellen lässt. Die Probleme sind da, nur die Lösung fehlt und so kreisen die Gedanken ziellos um Verlust und Tod und all die anderen Dinge, über die ich nicht nachdenken will und die ich nicht fühlen will. Es wäre leichter, wenn da nichts mehr wäre. Wenn ich genauso kalt sein könnte, wie der Stahl meines Katanas, genauso unerbittlich wie Abyssinian. Ich versuche es, aber es hält nicht lange an. Es funktioniert nicht. Nach außen vielleicht, aber ich weiß, dass es nur eine Fassade ist.
Allerdings ist das nicht wichtig. Ich kann sie aufrecht erhalten, kann sie benutzen und für mich arbeiten lassen, um so zu leben, wie ich es tue. Das funktioniert. Es ist nicht einfach, aber ich bin nicht so schwach, dass ich es nicht könnte. Man wächst an seinen Aufgaben und ich bin viel stärker geworden als ich es je sein wollte.
Es ist nicht so, dass ich eine Wahl hätte.
Wahrscheinlich hat kaum jemand eine Wahl, vielleicht sind alle Wahlmöglichkeiten im Leben nur eine Illusion und es gibt tatsächlich so etwas wie Schicksal. Das ist kein besonders schöner Gedanke, aber es ist möglich.
Mir wäre es wirklich lieber, für alles selbst verantwortlich zu sein. Lieber als machtlos zu sein. Das entspricht eher meiner Art zu denken: Mein Untergang als Konsequenz meiner Entscheidungen. Besser als blindes Schicksal und Gottes Wille.
Der Strauß ist fertig. Er ist schön geworden, rote Rosen und weiße Orchideen, ziemlich groß. Nach Yohjis Maßstäben entweder ein Zweites-Date-Bouquet oder ein Erster-Jahrestag-Strauß, der Unterschied ist mir noch nicht so recht aufgegangen. Vielleicht hat es was mit der Größe zu tun, oder auch nur mit dem Preis. Er ist quasi der Experte dafür, welche Blumen zu welchem romantischen Anlass passen, aber mir sind die Kriterien schleierhaft.
Als ich zurück in den Verkaufsraum gehe, um den Strauß dort ins Wasser zu stellen, ist er da. Er steht wie eh und je in einer Ecke des Ladens, cool und desinteressiert, aber innerlich - wie ich aufgrund unserer Gesprächsfragmente annehme - aus unerklärlichen Gründen nervös, wenn auch nicht halb so nervös, wie es unter den misstrauischen Blicken von drei feindlichen Killern (Omi ist in der Schule) angemessen wäre. Andererseits hat Schwarz nie den Eindruck gemacht als würden sie uns fürchten und er dürfte sehr genau wissen, dass wir ihn hier im Laden nicht angreifen können.
Ich bleibe stehen und sehe ihn so mörderisch und durchdringend an, wie ich nur kann. Er ist ein einziges Ärgernis. Monatelang ist er unerwünscht und kommt so pünktlich, dass man eine Uhr... - nein, streichen wir das, den Nutzen einer Uhr hat Schuldig sicherlich nie erkannt - und kaum erwartet man ihn, kommt er zu spät.
Er kommt auf mich zu und ich kann sehen, dass die Sommersprossen nicht dunkler geworden sind als letzte Woche. Sie haben fast den gleichen sehr hellen Braunton wie seine Haut. Eigentlich fallen sie gar nicht auf, wenn man nicht weiß, dass sie da sind.
"Der Strauß ist schön. Hast du den gemacht?", fragt er angelegentlich, als wäre er ein ganz normaler, interessierter Kunde.
Ich nicke düster. "Ich will, dass du mir sagst, was es mit diesem 'Projekt' auf sich hat und wie ich dir dabei helfen soll. Dann werde ich entscheiden, ob ich dir helfe und dann will ich, dass du gehst und nie wieder hier in den Laden kommst."
Für einen winzigen Augenblick sieht er mir mit einem so seltsamen Gesichtausdruck in die Augen, dass ich in Erwägung ziehe, mein Angebot zurückzunehmen und die Sache mit dem Katana und Schuldigs Blut auf der glatten Oberfläche des Fußbodens noch einmal zu überdenken. Aber dann ist der Augenblick vorbei und er grinst mich an. Mir geht durch den Kopf, dass dieses Grinsen tagsüber nicht halb so bedrohlich aussieht wie nachts, aber vielleicht ist es auch nicht das gleiche.
"Es sind nur ein paar Pflanzen, um die du dich kümmern musst.", sagt er als würde er mir mit dieser Offenbarung einen großen Gefallen tun. "Sie sind... na ja, irgendwie schlapp und wachsen nicht richtig. Das geht schon seit Februar so und ich hatte irgendwie die Hoffnung, dass es von allein besser wird, aber langsam glaube ich, dass ich da irgendwas falsch mache..."
"Hm." Das klingt einfach, aber ich habe so eine Ahnung, wo der Haken bei der Sache ist. "Wo hast du diese Pflanzen?"
"In meiner Wohnung." Das Grinsen ist verschwunden. Es scheint wenigstens so, als wäre ihm bewusst, dass das eben eine ganz schlechte Antwort war.
"Bring sie her und ich sehe sie mir an."
"Ich kann sie nicht herbringen. Es sind... sehr empfindliche... Kräuter. Sie halten das kalte Klima nicht aus und das helle Sonnenlicht und den Wind und wahrscheinlich-"
"Das ist Blödsinn.", sage ich bestimmt.
"Nein, es sind wirklich sehr seltene und empfindliche Kräuter."
"Du kochst?"
"Nicht direkt..."
"Also was sollen das für Kräuter sein?"
"Hm..." Er sieht mich abschätzend an und zuckt dann mit den Schultern. "Ich weiß nicht genau. Du bist der Botaniker."
"Florist. Wenn überhaupt. Es ist nicht so als hätte ich tatsächlich eine Ausbildung gemacht."
"Ehrlich? Ich hätte gedacht, dass Kritiker wenigstens für die grundlegendsten Kenntnisse den einen oder anderen Volkshochschulkurs gesponsert hätte."
"Das ist nicht komisch." Ich sage das nur, weil mir nicht so ganz klar ist, worüber er lacht.
"Entschuldigung", er sagt das genau mit der Betonung, die dem Wort jegliche Bedeutung nimmt, mit der einzigen Betonung, die man sich bei ihm vorstellen kann, "Ich wollte nicht deine Fähigkeiten in Frage stellen. Du machst das sehr gut. Die Sache ist die, dass ich nicht so besonders viele Leute kenne, die sich mit Grünzeug auskennen, und von euch vieren kannst du das am besten."
"So?"
Er nickt leicht gelangweilt. "Ja, sei nicht so misstrauisch."
Da. Genau hier ist der Punkt, an dem meine Geduld ein Ende hat. "Das ist absurd." Ich drehe mich um und will gehen, bevor die Unterhaltung noch bizarrer werden kann.
"Nein, halt, ich brauch wirklich deine Hilfe. Ich würde dich auch bezahlen, aber ich weiß zufällig, dass das keinen Unterschied macht."
"Richtig." Warum gehe ich nicht einfach? Verdammt noch mal, ja, er sieht verzweifelt aus, aber hat mich das zu interessieren? Nein! Er ist der Feind, also soll er sogar verzweifelt aussehen. Mir wird klar, dass genau da das Problem liegt: Er war der Feind. Jetzt ist er einfach irgendjemand mit einer seltsam verstrubbelten, orangen Frisur, blassen Sommersprossen und einem irritierenden Grinsen, das vielleicht ein Lächeln ist. Er will mich nicht töten, er will Hilfe mit seinen ominösen Kräutern.
Verdammt noch mal, er ist ein Lügner. Ein Lügner. Heuchler, Betrüger, Lügner. Ganz einfach. Glaub ihm nicht!
Und dann verlassen wir unter den ziemlich verdutzten und besorgten Blicken der anderen beiden Weiß-Mitglieder den Laden und gehen nebeneinander die Straße entlang. Irgendetwas daran kommt mir komisch vor, aber ich komme einfach nicht darauf, was es ist.
Es fällt mir erst wieder ein, als ich auf dem Beifahrersitz seines giftgrünen Sportwagens sitze, den er um die Ecke geparkt hat und er den Motor startet.
Ich ziehe Bilanz.
Was falsch ist: Ich. Sitze in Schuldigs Auto. Auf dem Beifahrersitz. Mit Schuldig. Auf dem Fahrersitz. Und der Motor läuft. Ich habe den Laden verlassen. Mehr oder weniger freiwillig. Wohl eher weniger, wenn man das Ergebnis beachtet, das von Anfang an sonnenklar war.
Was verwirrend ist, denn: Einerseits ist das definitiv eine Entführung, andererseits kann es unmöglich sein, dass er es von Anfang an so geplant hat, aus schon genannten Gründen, sprich: Die Lärmbelastung des Blumenladens sowie Schuldigs angenommene Unfähigkeit zur Entwicklung wahrhaft ausgereifter Pläne, die sich gerade jetzt wieder beweist.
Denn es gibt auch einige Dinge zu verzeichnen, die richtig sind, leider nur zwei.
Nämlich Ken und Yohji, die in diesem Moment um die Ecke gerannt kommen, offensichtlich mit dem Ziel, mich zu retten. Dumm nur, dass Schuldig in eben diesem Augenblick mit quietschenden Reifen anfährt. Ich werde von der Wucht der Beschleunigung in den Sitz gedrückt und auf diese Weise effektiv davon abgehalten, Schuldig an die Gurgel zu gehen, was mein nächster Gedanke gewesen war.
Als Schuldig laut hupend in die Hauptstraße einbiegt, wobei er die Autos, denen er die Vorfahrt nimmt gnädig ignoriert, und dann innerhalb der nächsten paar Sekunden auf um die hundert Stundenkilometer beschleunigt, als wäre die Straße leer, gebe ich die Mordidee auf und schnalle mich stattdessen lieber an. Bei einem Autounfall draufzugehen, ist wirklich das allerletzte, was ich gebrauchen kann. Schon allein wegen der Ironie, wenn dieser Autounfall von Schuldig verursacht wird.
...überhaupt ist der Gedanke mit Schuldig zusammen zu sterben einfach nur... grotesk.
Auf jeden Fall beunruhigender als der eigentliche Gedanke zu sterben und definitiv furchteinflößender als der Anblick der vorbeirasenden Autos und das vom Dopplereffekt verzerrte Geräusch der Hupen. Was das angeht, habe ich relativ starke Nerven.
Ich werfe Schuldig, der konzentriert auf die Straße sieht, einen raschen Blick zu und schätze meine Überlebenschancen ein, für den Fall, dass ich nun, wo die Beschleunigungsphase vorüber ist, meine ursprünglichen Pläne wiederaufnehme, die da währen: Schuldigs hoffentlich schmerzhafter, qualvoller und vor allem sofortiger Tod durch Strangulation mit bloßen Händen, genauer: meinen bloßen Händen.
Ich komme zu dem Ergebnis, dass sie angesichts der Geschwindigkeit und der Verkehrsdichte ganz schlecht sind und dass es sich daher nicht lohnt, weil das wirklich allerletzte, was ich gebrauchen kann, ein tödlicher Autounfall zusammen mit Schuldig ist.
Nach ein paar Minuten Fahrt bemerke ich Yohjis Seven und Kens Motorrad, die uns verfolgen, im Seitenspiegel. Dann entdeckt auch Schuldig sie im Rückspiegel. Das Grinsen auf seinem Gesicht gefällt mir ganz und gar nicht.
"Keine Angst, ich hab nur ihr Benzin abgelassen, bevor ich heute in den Laden gekommen bin.", höre ich neben mir und frage mich, ob es zu albern wäre, zu betonen, dass ich sowieso keine Angst habe und schon gar nicht um Ken oder Yohji, denn immerhin bin ich es ja, der hier von einem psychisch labilen Soziopathen entführt wird, der zu allem Überfluss auch noch fährt wie ein Henker. Und wenn ich Angst um mich hätte, dann wüsste ich nicht, warum es mich beruhigen sollte, dass die beiden kein Benzin haben und in eben diesem Augenblick hinter uns zurückfallen.
Ich verzichte allerdings darauf, Schuldig auf die logischen Mängel seiner Aussage hinzuweisen. Wenn ich es mir angewöhnen würde, alle Leute darauf hinzuweisen, was für haarsträubenden Unsinn sie so von sich geben, würde das am Ende noch zu Gesprächen führen. Dann lieber so tun, als würde ich sie gar nicht hören.
Ich begnüge mich also damit, den geplanten Mord auf den Augenblick zu verschieben, in dem diese Fahrt zuende ist. Das fällt mir nicht mal besonders schwer. Wie gesagt, ich finde Mordgedanken Schuldig betreffend inzwischen ein wenig langweilig.
Die Frage ist: Kann man die Sache mit dem Benzin als Plan bezeichnen?
“Ihr habt euch dieses Jahr noch nicht die Kirschblüte angeguckt, oder? Uns hat Nagi letztes Wochenende in den Park geschleift. Es waren massenhaft Leute da, aber wir hatten Farf mit und nach zehn Minuten einen freien Platz gefunden...“
Mir ist nicht klar, warum Schuldig anfängt zu reden. Allerdings ist mir schon bei mehreren Gelegenheiten aufgefallen, dass es offenbar Leute gibt, die mit Stille nicht klarkommen. Ich nehme an, er gehört zu den Menschen, die eine Gesprächspause nicht einmal dann akzeptabel finden, wenn sie zwischen zwei feindlichen Killern, die sich absolut nichts zu sagen haben, während einer Entführung eintritt.
“Sie blühen ziemlich spät, dieses Jahr, nicht?“, fährt Schuldig unbeschwert fort. “Naja, es war ja auch ziemlich lange kalt...“ Er unterbricht sich kurz, um ein besonders knappes Überholmanöver zu beenden, indem er den Wagen schätzungsweise zwei Sekunden vor der Kollision mit einem Linienbus von der Gegenfahrbahn reißt. “Aber ihr solltet es euch ansehen, ist echt schön, überhaupt so Grünzeug mit Blütenblättern... andererseits habt ihr ja auf der Arbeit... - das interessiert dich nicht im Geringsten, oder?“, fügt er hinzu, nachdem er einen Blick in meine Richtung geworfen hat.
“Nein.“
“Aber du bist Japaner, das muss dich interessieren. Die Leute hier sind total besessen von Kirschblüten. Ein Japaner, der sich nicht für die Kirschblüte interessiert, ist wie ein Deutscher, der kein Bier trinkt.“
“Was-“ Ich breche den Satz ab. Ich hatte von Anfang an nicht vor, mich mit Schuldig zu unterhalten, Kirschblüte oder nicht. Das hier ist keine Frage des Themas sondern eine der Gesellschaft. Smalltalk während einer Autofahrt hat nichts, aber auch gar nichts mit offenem Krieg zu tun, was immer noch den erwünschten Zustand darstellt.
“Na schön, wir könnten uns auch über Bier unterhalten, aber leider haben Japaner keinen Schimmer von gutem Bier. Ich meine, wir reden hier von einer Kultur, die Tee, der wie eingeschlafene Füße schmeckt, für das Endziel ihrer Zivilisation hält - natürlich nur, wenn er richtig serviert wird. Ich hab ja die Theorie, dass die Teezeremonie als solche nur von diesem fürchterlichen Geschmack ablenken soll... Das ist wie mit Zeitgenössischer Kunst: Wenn ein Duzend Wichtigtuer eine hingekleckste Scheußlichkeit nur lang genug wohlwollend anschmachtet, fällt keinem mehr auf, wie abgrundtief hässlich so ein Millionenbild eigentlich ist.“
Ich muss zugeben, dass mich eine Sache an diesem Monolog verwirrt: “Beleidigst du jetzt nur meine Kultur, oder Kultur ganz allgemein?“
“Ähm... wenn du so fragst...“ Schuldig wirkt irgendwie aus dem Konzept gebracht. Wahrscheinlich hatte er nicht mit einer Reaktion gerechnet. “Ich glaube, es ging um Kultur als solche. Aber anfangs ging es um Bier, oder? Japanisches Bier ist furchtbar.“
Er schweigt einen Moment nachdenklich und wirkt ernsthaft niedergeschlagen, aber dann zuckt er nur die Schultern.
“Vielleicht schmeckt man den Unterschied einfach nicht mehr, wenn man sich die Geschmacksnerven erst mal mit diesem widerlichen Tee weggeätzt hat...“, überlegt er laut.
“Bist du betrunken?“, frage ich genervt und dementsprechend aggressiv.
“Würde ich so fahren, wenn ich betrunken wäre? Das wäre total lebensmüde! Und abgesehen davon, mag ich das Auto. Nagelneu. Ein-“
“Aston Martin V12 Vanquish.”, lasse ich mich hinreißen. Ich kann es nicht leiden, wenn mir Leute etwas erzählen, das ich schon weiß. “Die Farbe ist nicht handelsüblich, oder?”
“Aston Martin V12 Vanquish S! Das ist der mit 520 PS. Das perfekte Auto.“ Für den Ausdruck, der jetzt auf Schuldigs Gesicht erscheint, fällt mir nur das Wort ’Entzücken’ ein. “Das Interieur in rot schon, aber ich hab ihn umlackieren lassen.“
“War keine gute Idee“, bemerke ich trocken, um dann für den Rest der Fahrt nichts mehr zu sagen. Auch Schuldig schweigt. Ob das daran liegt, dass der Verkehr dichter geworden ist und die anderen Autos daher Schwierigkeiten haben, ihm auszuweichen, oder ob er es mir übel nimmt, dass ich ihn für farbenblind halte, weiß ich nicht.
Knappe zehn Minuten und drei Beinahe-Unfälle später, stoppt Schuldig mit quietschenden Reifen am Straßenrand und ist ausgestiegen, ehe ich auch nur “Erwürg ihn jetzt!“ denken kann. Ich ziehe in Erwägung, im Wagen sitzen zu bleiben, aber letztendlich wäre das... unwürdig. Ungefähr so unwürdig, wie überhaupt entführt zu werden.
Also verbuchen wir das anders. Nennen wir es... spontane Spionage.
Ich steige aus und sehe mich um. Eine schöne Gegend. Schön im Sinne von reich. Hätte es nicht diese schockierende Farbe, würde Schuldigs Viertel-Millionen-Dollar-Auto hier gar nicht auffallen.
Es gibt Momente, da bin ich mir sicher, für die falsche Seite zu arbeiten.
Schuldig steht vor der Tür des noblen Apartmenthauses, das, wie auch der Juwelier, der Firmensitz einer Bank und die anderen noblen Apartmenthäuser in der Nachbarschaft, mit seiner traditionell anmutenden Fassade souveräne Eleganz ausstrahlt. Er verbeugt sich spöttisch-einladend. “Kommst du...“
Nein, warum sollte ich? Es ist ja nicht so, dass ich nicht ungefähr wüsste, wo ich bin. Ich habe nicht den geringsten Grund-
“...oder traust du dich nicht?“
Großer Gott, das ist ja wohl einer der ältesten und billigsten Tricks, die im Bereich psychologische Kriegsführung existieren. Und so durchschaubar. Er greift mein Ehrgefühl an, damit ich mich zu einer unvernünftigen Entscheidung hinreißen lasse. Ganz einfach. Deshalb behauptet er, ich würde mich nicht trauen, mir seine gottverdammten Pflanzen anzusehen.
Mal ehrlich, was soll das? Glaubt er, ich hätte Angst vor ihm? Vor jemandem, der wochenlang in einem Blumenladen rumlungert und sich von kleinen Mädchen über den Haufen rennen lässt?
Ich folge ihm wütend ins Haus.
Möglicherweise gibt es gute Gründe dafür, dass dieser Trick so alt geworden ist. Auf rationaler Ebene kann ich mich mit dem Gedanken beruhigen, dass ich ihn vielleicht endgültig loswerde, wenn ich mir das Grünzeug angesehen habe.
Auch von Innen ist das Gebäude ganz teure Behaglichkeit und hält in dieser Hinsicht, was es von außen verspricht. Alles ist aufeinander abgestimmt, von der Farbe der Bilder an der Wand bis hin zum sanften “Pling“ des Fahrstuhls.
Schuldig wohnt im vierten Stockwerk, eine Tatsache, die für sich spricht und mich im Übrigen kaum weniger überraschen könnte.
Seine Wohnung, oder zumindest sein Wohnzimmer wirkt verblüffend normal. Ich weiß nicht, was ich mir vorgestellt habe, jedenfalls ist es wirklich ganz... nun ja, normal eben. Helle Farben zwischen weiß und ocker, Einrichtung im europäischen Stil... nichts, was man nicht erwarten würde - wenn es die Wohnung eines anderen Menschen wäre.
Andererseits: Was soll das Staunen? Bei uns stehen die Waffen auch nicht im Wohnzimmer rum. Es ist wohl an der Zeit, einzusehen, dass Schwarz uns vielleicht nicht so unähnlich sind.
Offensichtlich nur wesentlich besser bezahlt...
Schuldig geht in Richtung Küche, die nur durch eine lange Theke vom Wohnzimmer getrennt ist, und lenkt meine Aufmerksamkeit somit auf ebendiese Theke, auf welcher der Grund meines Hierseins vor sich hin siecht.
Als ich die Pflanzen sehe, die klein und welk und bemitleidenswert in ihren Rabatten stehen, sind jedenfalls zwei Dinge klar. Erstens: Dies hier sind todunglückliche, suizidgefährdete Pflanzen, und zweitens: All meine kulinarischen Assoziationen gingen in die komplett falsche Richtung. Denn:
“Das ist Canabis.“, stelle ich fest.
“Ah... ehrlich?“
“Mach dich nicht lächerlich.“
Drittes Kapitel

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© 2006 by Elster |
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