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„Du“, sagt Brad und wirft mir diesen grässlich arroganten Blick zu. „willst also Urlaub...“ Er lässt den Satz irgendwo zwischen Feststellung und Frage schweben und schenkt mir eines seiner herzerwärmenden Lächeln. Es ist diese Art von Mienenspiel, mit der Anthony Hopkins in ’Schweigen der Lämmer’ berühmt wurde.
Ich sitze schlecht gelaunt in seinem Büro und muss mir diesen Scheiß von ihm gefallen lassen. Und alles nur, weil ich so blöd war, mit Farf zu wetten. Schon wieder. Die Sache mit den grünen Haaren hätte mir doch eine Lehre sein sollen, aber manchmal geht es einfach mit mir durch.
Na gut, vielleicht etwas öfter als manchmal...
Ich habe Aston verloren. Meinen, armen, geliebten Aston. Aber durch Bitten, Betteln und andere Formen des Psychoterrors habe ich Farfarello dazu bekommen, einer Revanche zuzustimmen. Und dies ist meine einzige Chance, ihn wiederzubekommen. Ich muss nur zwei Wochen in so einem komischen Camp verbringen.
Das ist der leichte Teil.
Ohne meine Telepathie zu benutzen...
Das ist der schwierige Teil.
Und um all das überhaupt erst möglich zu machen, brauche ich Urlaub.
Das ist der wirklich schwere, schreckliche und absolut demütigende Teil, für den ich Farf für die nächsten drei, vier Monate hassen werde.
„Ja, Urlaub, Bradley. Falls du weißt, was das ist. Es handelt sich dabei um eine Aneinanderreihung einer größeren Menge Freizeit. Das ist der Teil der Zeit, die man verbringt, ohne zu arbeiten. Falls du dir das vorstellen kannst.“
Man könnte einwenden, dass ich es mir damit nicht unbedingt leichter mache, aber das wäre falsch. Wenn ich Brad gegenüber auch nur einmal nachgeben würde, -dann- wäre mein Leben schwer.
Brad legt seine Fingerspitzen aneinander und sieht mich über den Rand seiner Brille hinweg spöttisch an.
„Farfarello war schon so freundlich, mich davon zu unterrichten, dass du einige Zeit weg sein würdest.“
Mir bleibt der Mund offen stehen. Das Schwein! Hinter meinem Rücken! Will der sich über mich lustig machen? „Und du bist einverstanden?“ Hab ich das gerade wirklich gesagt? Und musste das so erstaunt klingen? Verdammt!
„Er hat mich davon überzeugt, dass es sich lohnen würde, dir die Reise zu gestatten. Wir werden dich dann mal mit seinem neuen Wagen besuchen kommen.“, höre ich Brad gutgelaunt sagen.
Hä? Farfs was? Moment mal, das ist immer noch mein Wagen!
...also zumindest in der Theorie...
Warum sind sich Brad und Farf eigentlich nur einig, wenn es darum geht, mich zu quälen? Ich meine, normalerweise reden die beiden nicht mal miteinander - worüber auch? - aber wenn der blöde Schuldig seinen Wagen verwettet und wegen ein paar beschissener Wochen Urlaub bei Gott Crawford höchstpersönlich zu Kreuze kriechen muss, sind sie auf einmal ein Herz und eine Seele. Verräter!
Ohne ein weiteres Wort verlasse ich das Büro. Und, nein, das ist keine Flucht, sondern ein würdiger, taktischer Rückzug.
~*~
Wald, Wald, Bergkuppe, Wald, Schrein, noch mehr Wald... Mein Gott und ich dachte Villa Weiß läge abgelegen. Nichts gegen die Natur oder so, aber wenn ich ehrlich bin, finde ich Zivilisation keine allzu schlechte Einrichtung.
Ich wende mich von der vorbeirasenden Landschaft ab und konzentriere mich wieder auf den Laptop auf meinem Schoß. Informationen über Kalis Organisation.
„Und woher wissen wir, dass sich Kali in diesem Camp befindet?“
„Es wurde ein Gespräch mit einem Politiker abgehört, mit dem Kali dort in Kontakt treten will.“, antwortet Aya nach einem kurzen Seitenblick.
Ich klicke ein wenig herum und nicke leicht, als ich auch Informationen über den fraglichen Politiker finde. „Jigen-Partei... Warum wundert uns das jetzt nicht?“
Aya gibt ein zustimmendes Geräusch von sich, bleibt sonst aber ruhig.
Ich denke einen Augenblick nach, irgendwie scheint mir das alles sehr vage. „Woher wissen wir, dass Kali persönlich da ist? Mit großer Wahrscheinlichkeit wird jemand, der bisher so vorsichtig war, einen Unterhändler schicken.“
Aya nickt. „Es ist eine reine Überwachungsmission. Wir sollen unauffällig Fotos von den Leuten im Camp machen und Kritiker senden und wenn möglich etwas zu ihrem Hintergrund herausfinden. Auf verdächtiges Verhalten achten, darauf, wer mit wem spricht und so weiter.“
Oh ja, ich sehe schon, er ist begeistert.
„Wow, deshalb also die ganze Technik.“ Ich besehe mir mit gespielter Ehrfurcht den Laptop und die Minikameras und Wanzen, die uns mitgegeben wurden - zusammen mit dem Geländewagen, der besser für diese Gegend geeignet ist, als Ayas Porsche oder mein guter alter Seven.
„Gab’s diesmal gar keinen dieser einstimmenden Filme?“, frage ich abwesend, während ich die Homepage des Camps überfliege, die sich ebenfalls unter den Informationen befindet.
’Ein Ort der Kraft’ steht da. Na ja...
’...innere Ruhe und Frieden finden, in einer hektischen, leistungsorientierten Gesellschaft’ blah, blah... ’...Einheit von Körper und Geist’, blah, ’Einklang mit der Natur’... Die üblichen Schlagwörter also.
’Zu den Regeln des Camps gehören neben einem Verzicht auf alle Arten von technischen Geräten eine streng vegetarische Ernährung, ein Rauchverbot auf dem gesamten Gelände,...’
Ein was? Ich merke, dass ich mit den Zähnen knirsche und zwinge mich, mich zu entspannen. Warum müssen Nichtraucher nur immer so grausam sein?
Ayas plötzliches „Müsste irgendwo gespeichert sein.“ lenkt mich ab, aber ich zucke nur mit den Schultern. Ich will den Film gar nicht sehen. Kritiker findet diese Aneinanderreihung möglichst blutiger Bilder vielleicht motivierend, bei mir dagegen hinterlassen sie immer nur ein tiefsitzendes Gefühl des Ekels.
Ich sehe noch ein paar Minuten die eher spärlichen Daten durch, merke mir ein paar Gesichter und Namen und sehe dann, als ich fertig bin, nach, was sie so für Spiele auf dem Computer haben. Kein Flipper, nur Solitär und Minesweeper. Wie enttäuschend...
Es ist doch erstaunlich wie spannend und interessant eine Autofahrt mit Alleinunterhalter Fujimiya Aya nicht ist.
Doch gerade als ich mich auf ein, zwei weitere Stunden eisernen Schweigens einstelle (das heißt, herauszufinden versuche, wie man diesen Sitz in eine eher horizontale Position bekommt), ergreift Aya wieder das Wort. „Wir müssten uns übrigens irgendeine Geschichte ausdenken, warum wir da sind und was wir tun. Es muss keine ausgefeilte Coverstory sein, aber es wäre gut, wenn wir wenigstens ungefähr dasselbe erzählen.“
Ach ja... noch gar nicht drüber nachgedacht. Hm...
Ein Grinsen schleicht sich auf mein Gesicht. „Wie wär’s mit Flitterwochen, Schatz?“, frage ich leichthin. Okay, ich gebe es zu: Ich liebe es einfach, ihn ein bisschen gegen den Strich zu bürsten. Es ist zu schön anzusehen, wenn er mal seine Contenance verliert.
Für seine Verhältnisse reagiert er aber leider ziemlich gelassen mit einem ’Du bist so dumm, dass es weh tut’-Blick und einem gegrummelten „Ganz bestimmt nicht, Kudoh.“.
„Dann nicht.“, sage ich und lasse es etwas beleidigt klingen, nur um mich an dem ’Shine!’-Seitenblick zu erfreuen, den ich daraufhin ernte. „Raus damit: Was wolltest du schon immer mal machen?“
Aya zuckt nur die Schultern. Er ist mir echt eine große Hilfe...
„Komm schon, Aya. Du kannst jeden Beruf haben, den du je wolltest... also?“
Ich weiß nicht... manchmal habe ich das Gefühl, dass Aya zu einer normalen Unterhaltung - oder Humor an sich - einfach nicht imstande ist. Er kommt mir ab und an wie ein Außerirdischer vor, der die Menschen und ihre seltsamen Verhaltensweisen mit einer Mischung aus Distanz, vagem Interesse, verhaltenem Misstrauen und unverhohlener Verachtung betrachtet. Wenn man von der Art seiner Antworten ausgeht, könnte man allerdings auch die Vermutung aufstellen, er wäre unter Wölfen aufgewachsen; ich schwöre, er hat allein für ’Du nervst mich, verschwinde!’ vier verschiedene Knurr-Laute.
Die Version, die ich jetzt erhalte, ist eine eher ungefährliche, die meiner Einschätzung nach nicht persönlich gemeint ist und anzeigt, dass er abgelenkt ist. Vom Autofahren oder weil er über irgendetwas nachdenkt, was weiß ich.
„Komm schon, was wollte Klein-Ran werden?“, bohre ich nach.
Dieses Knurren war jetzt aber persönlich gemeint und überzeugt mich davon, das Thema nicht weiter zu verfolgen.
„Willst du nicht schlafen, Kudoh?“, fragt er drohend und es klingt, als wäre schlafen jetzt das einzige, was ich ungestraft tun dürfte. Wenn Aya in irgendeiner Weise Fürsorge zeigt, kann man sich sicher sein, dass er unbedingt das Thema wechseln will.
„Nachher vielleicht. Wenn man morgens Kaffee trinkt und etwas isst, reichen vier Stunden Schlaf beinahe aus.“
Er macht irgendein Geräusch, das entweder Missbilligung oder Unglaube ausdrücken soll. „Wann bist du nach Hause gekommen? Um eins?“
„Nein, um halb sechs, aber ich war gegen zwölf im Bett.“
Ein leidendes Seufzen. „Wir arbeiten für eine Werbeagentur, die diese Reise unter ihren Mitarbeitern verlost hat. Wir haben gewonnen.“, sagt er dann.
Ich brauche einen Augenblick, um mich wieder an den Anfang des Gespräches zu erinnern. „Gewonnen würde ich das auf keinem Fall nennen. Die Geschäftsleitung ist voller Sadisten, die es gar nicht erwarten können, ihre armen Mitarbeiter in die Wildnis zu schicken. Ich habe nicht mein Kunst-Studium abgebrochen und zweieinhalb Jahre lang Mediendesign studiert, nur um jetzt im Wald zu verrecken.“, probiere ich die Tarnung aus, woraufhin mir Aya einen eher irritierten Blick zuwirft. Ich weiß, er zweifelt gerade an meinem Verstand. Ich glaube, er tut das sehr oft.
Den Rest der Fahrt verbringe ich in einem Zustand angenehmen Dösens, aus dem ich erst wieder aufschrecke, als der Wagen einen besonders steilen, holprigen Weg hinaufkriecht und auf einem Schlammloch von Parkplatz zum Stehen kommt.
Ich bringe meinen Sitz wieder in eine aufrechte Position und sehe mich um. Dichtes Gestrüpp auf drei Seiten, etwas lichteres auf der vierten, rechts von uns. Dahinter kann man ein paar Häuschen aus Holz durch die Bäume schimmern sehen.
Auch Aya scheint nicht unbedingt beeindruckt von unserem Ziel, als er den Motor ausmacht, sich abschnallt und aussteigt. Ich strecke mich ein wenig und versuche mich mit dem Gedanken anzufreunden, das warme Auto ebenfalls zu verlassen und mich die nächsten Tage mit alternativen Spinnern und Aya im Missionsmodus rumzuschlagen. Ach, verdammt.
Gott sei Dank konnte ich noch ein paar Stangen Zigaretten in mein Gepäck stopfen, sonst würde ich das wahrscheinlich nicht überleben.
„Kudoh, beweg dich!“, dringt Sonnenscheinchens engelsgleiche Stimme an mein Ohr. Manchmal hasse ich mein Leben. Wirklich.
Nichtsdestotrotz tue ich wie geheißen, schnappe mir meine Sporttasche und meinen Koffer aus dem Kofferraum und trotte hinter Aya her zum Eingang, einem freistehenden Tor mit eher amateurhaften Ethno-Schnitzereien. Daneben ein Schild, das mich einfach nur umhaut: ’Du bist angekommen! Atme! ’
Trotz meiner eher trüben Laune kann ich nicht anders und pruste los. Atme! Also echt, welcher Idiot stellt solche Schilder auf?
Aya dreht sich um und sieht mich verwundert an. Ich deute auf das Schild, dass er daraufhin stirnrunzelnd studiert. Dann wendet er sich kopfschüttelnd ab. Ich frage mich, was in Ayas Welt seltsamer ist, dieses Schild oder meine Reaktion darauf.
Hinter dem Tor folgen wir einem breiten Trampelpfad, der an ein paar einzeln stehenden Hütten vorbei zu einem größeren Platz führt, in dessen Zentrum sich das Hauptgebäude befindet. Ein ziemlich großer, runder Bau, vor dem schon einige andere Besucher mit Koffern stehen und sich unterhalten. Drinnen melden wir uns an und bekommen jeder einen Schlüssel und ein Prospekt ausgehändigt. Auf dem großen hölzernen Schlüsselanhänger daran steht nicht etwa eine Nummer, sondern ’Haus des weißen Lotus – linkes Zimmer’.
Wenn das nicht krank ist, was dann? Es dauert natürlich eine Weile, bis wir das richtige Häuschen gefunden haben. Es steht übrigens direkt zwischen dem ’Haus der aufgehenden Sonne’ und dem ’Haus der flüsternden See’. Was genau zu diesen klangvollen Namen inspiriert hat, ist angesichts der absolut identischen, winzigen Holzbungalows schwer zu sagen.
Hinter der Eingangstür unseres und vermutlich auch jedes anderen Hauses befindet sich ein schmaler Flur, von dem links und rechts je eine Tür zu den Zimmern abzweigen und geradeaus eine zu einem winzigen Klo. (Was ich nur weiß, weil diese Tür einladend offen steht.) Aya, der immer noch vorausgeht, wendet sich nach links und dann stehen wir im Zimmer und sehen uns um. Ein Doppelstockbett, ein Futon, ein Regal, verblichene Vorhänge am Fenster, keine Heizung.
Oh Mann, das weckt Erinnerungen an die Jugend. Und dabei hatte ich wirklich fest damit gerechnet, nie wieder in meinem Leben in ein Ferienlager zu müssen...
Aya gibt eines seiner schwer definierbaren Geräusche von sich, eine Mischung aus einem missmutigen Brummen und einem verächtlichen Schnauben, dem ich mich aus vollem Herzen anschließen kann. Dann lässt er, ohne ein weiteres Wort zu sagen, seine Tasche auf den Futon fallen und überlässt mir somit das wenig vertauenserweckend aussehende Doppelstockbett.
Doch gerade als ich mich beschweren will, öffnet sich die Tür und ich unterbreche mich, um zu sehen, wer hereinkommt.
~*~
Ich zucke zusammen, als wir über ein weiteres riesiges Schlagloch brettern. Wer glaubt, ein Auto könne keinen Schmerz empfinden, hat noch nie die weinenden Geräusche gehört, die mein armer Aston jetzt von sich gibt.
„Farf, könntest du etwas langsamer fahren?!“, fauche ich meinen Alptraum von einem Teamkollegen an.
Er wirft mir nur einen desinteressierten Blick zu. Ich hasse ihn.
„Der Tacho geht bis vierhundert...“, sagt er dann monoton. „Kann es das wirklich?“
„Nein-nein-nein! Farfarello, lass das! Nicht auf dieser Straße! Das ist ein high-tech-Auto, für eine high-tech-Straße. Nicht kompatibel! Fahr sofort dreißig!“
Er bremst tatsächlich, reißt das Lenkrad herum und gibt wieder Gas. Der Vorgang dauert zwei Sekunden. Als mein Herz seine Arbeit wieder aufnimmt, wird mir bewusst, dass wir abgebogen sind und jetzt auf etwas fahren, dass die Bezeichnung Straße beim besten Willen nicht mehr verdient. Schlamm spritzt auf und ich habe nur eine schwache Hoffnung, dass die dicke Schmutzschicht Astons Lack vor den Zweigen schützt, die viel zu weit in die Fahrbahn ragen.
Der Motor heult auf, als es steiler bergauf geht und die Räder im Morast durchdrehen, dann sind wir oben und kommen schlitternd auf einer Lichtung zum Stehen. Farfarello würgt den Motor ab, steigt aus und sieht sich um.
Ich bin in drei Sätzen bei ihm, werfe mich auf ihn und fange an ihn zu würgen. „Du dreckiger, beschissener...! Du hast...! Du...!“ Ich kann nicht klar denken, mir fehlen die Worte. „Du! hast! Aston! vergewaltigt!!!“, schreie ich ihn schließlich an, während ich seinen Kopf mit jedem Wort auf den Boden schlage und hoffe, dass spitze Steine unter dem Schlamm verborgen sind.
Dann macht Farf irgendetwas fieses mit meinem Arm und bevor ich reagieren kann, bin ich es, der mit dem Gesicht im Schlamm liegt und Farf steht einige Schritte von mir entfernt und besieht sich missmutig seine ehemals weiße Kleidung. Sein Blick richtet sich wieder auf mich und er grinst. „Wir sind da.“
Ich rapple mich auf und bewege mein Handgelenk in verschiedene Richtungen, um herauszufinden, ob etwas gebrochen ist. Der Schmerz hält sich in Grenzen und die Finger kann ich auch bewegen, also ist alles in Ordnung. Dann sehe ich mich um. „Wir sind wo?“
Farfarello deutet mit dem Kopf auf irgendetwas rechts hinter mir und holt dann meine Tasche aus dem Wagen. Ich drehe mich um und sehe... noch mehr Grünzeug. Davor geparkt (und seit einer halben Stunde die einzigen Zeichen von Zivilisation) ein paar Autos. Dazwischen ein mit groben Schnitzereien verziertes Holztor. Von dort aus führt ein Pfad in den Wald.
Das ist nicht mein Leben.
Das ist ein riesiger Fehler. Es kann unmöglich sein, dass...-
„Hey, Leprechaun!“ ist die einzige Warnung, bevor mir ungefähr fünfzehn Kilo Gepäck gegen die Schulter fliegen. Farf nimmt es nicht gut auf, gewürgt zu werden.
Er winkt mir zu, ohne sich umzudrehen, steigt ein und rauscht mit Aston davon.
Ich starre ihm hinterher, hin- und hergerissen zwischen Trauer und Freude bei der Vision seiner Leiche, die aus einem Haufen verbogenem Metall gefräst werden muss.
Ich drehe mich wieder zum Tor um und hebe meine Tasche vom Boden auf.
’Du bist angekommen! Atme! ’, lese ich auf einem Schild neben dem Tor. Im Moment erscheint mir das ein vernünftiger Rat zu sein. Ich atme einmal tief durch und das eindringliche Gefühl, schreien zu müssen, lässt ein wenig nach.
Gott, ich hasse ihn! Ich will... ihm Schmerzen zufügen. Große Schmerzen.
Jetzt nur nicht über die Lücke in diesem Plan nachdenken...
Der Pfad führt zu einem lehmigen Platz, auf dem ein rundes Holzgebäude steht. Auf Tatamimatten davor sitzen zwei Frauen in weiten Leinenkleidern und ein Yeti, der sich beim Näherkommen doch als eine Art Mensch entpuppt. Sie lächeln mich selig an, so als wären sie wahnsinnig glücklich, mich hier zu sehen.
„Willkommen, Bruder, du bist angekommen!“, sagt eine der Frauen, die definitiv nicht meine Schwester ist. Ich starre sie ungläubig an.
„Du wirkst besorgt...“, sagt die Vogelscheuche mitleidig. „Du musst loslassen von den Sorgen... loslassen... - Atme!“
Großer Gott, ich bin hier so falsch. Das Problem ist nur, dass ich nicht wegkomme. „Ich... bin angemeldet.“, versuche ich es also.
Der Yeti nickt salbungsvoll, hebt einen Ordner, der neben ihm lag, auf seinen Schoß und öffnet ihn mit ehrfurchtsvoller Langsamkeit. „Dein Name, mein Bruder...“
„Schuldig.“
Wieder nickt er dieses seltsam bedächtige Nicken und fängt an, durch den Hefter zu blättern.
„Ich bin Sono.“, sagt die Frau, die nicht meine Schwester ist. „Das sind Sora-nee-chan und Aki-nii-chan.“ Sie deutet nacheinander ein Kopfnicken zur Vogelscheuche und zum Yeti an.
Japanische Anredeformen sind mir ein Rätsel, aber das hier wirkt definitiv geisteskrank.
Aki der Yeti hat meinen Namen offenbar gefunden, denn er macht ein Kreuz, legt den Ordner behutsam zur Seite und wendet sich nach hinten um, wo ungefähr zwanzig Schlüssel aufgereiht liegen. Einen davon hebt er auf und überreicht ihn mir beiden Händen. „Du gehörst zur Kolibri-Familie.“, sagt er ruhig und gibt mir ein Prospekt.
Ich starre ihn an.
„Die Kolibri-Familie.“, wiederholt er freundlich.
Weiß der Geier, was das zu bedeuten hat. „Entzückend...“, antworte ich vage und er nickt zufrieden.
„Dein Ort des Schlafens ist dort.“ - sein Arm beschreibt einen ungefähren Halbkreis - „Es ist das linke Zimmer des fünften Hauses.“
Ich nicke und flüchte. Der erste Bungalow, an dem ich vorbeikomme, heißt aus unerfindlichen Gründen ’Haus des vollen Mondes’ und ich beschleunige meine Schritte und verzichte darauf, die Namen der anderen Häuser zu lesen.
Die Leute hier sind völlig geisteskrank.
Absolut gaga.
Ich stehe vorm fünften Haus, dem ’Haus des weißen Lotus’. Ich atme einmal tief durch und wappne mich gegen alles, was mich dort drinnen erwarten kann. Schlimmer als Yeti, Scheuch und Stiefschwester kann es wohl kaum noch werden.
Ich öffne die Tür und werde vom Anblick der Toilette begrüßt. Willkommen im Haus des weißen Lokus...
Die Tür zu meiner linken Seite steht offen. Drinnen sind schon zwei-
Mit einem dumpfen Klatschen landet meine Tasche auf dem Boden.
Gott verdammt... was-? Fuck! Wie? ... Fuck...
Andererseits...
Scheiße, ich war noch nie so froh, die beiden zu sehen. Normale Menschen!!! Hier! Ich könnte... oh Mann, ich sollte mich nicht so freuen, ihn zu sehen...
... aber- Ach scheiße, ich bin völlig am Ende.
Die beiden starren mich nur entgeistert an. Ich kann mir nicht helfen... ich fürchte fast, die Freude ist ganz meinerseits.
Einige Augenblicke lang ist es völlig still, dann blinzelt Yohji und reibt sich mit der Hand über die Augen. „Mastermind?!“
Füntes Kapitel

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Fanfiction |
© 2006 by Elster |
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