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Status Quo



~6~
Das sechste Kapitel,

in welchem Schuldig entlarvt wird und Kritiker-Akten liest

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„Ihr habt aber schon mitbekommen, dass technische Geräte hier nicht erlaubt sind...“, wirft Schuldig mit schläfriger Stimme ein. Er liegt auf dem Rücken auf seiner Matratze, die Arme unter dem Kopf verschränkt, den Kopf zur Seite gedreht und beobachtet uns und den Laptop mit vagem Interesse.

„Sie haben nichts von verboten gesagt, sondern nur gebeten zu verzichten. Was gar nichts heißt.“, schnappt Yohji und ich werfe ihm einen genervten Blick zu, weil er hinter mir steht und über meine Schulter auf den Bildschirm sieht, was auch erklärt, aber keineswegs entschuldigt, dass er mir direkt ins Ohr gesprochen hat. Yohji kriegt das natürlich nicht mit oder wenn doch, nimmt er meine Reaktion nicht zu Kenntnis, was auf dasselbe hinausläuft.

Schuldig wirkt für einen Augenblick amüsiert, dann schaut er wieder an die Decke und täuscht Desinteresse vor. Für ungefähr drei Sekunden. „Wenn ich vielleicht auch mal einen Blick-“
„Nein.“, rufen Yohji und ich wie aus einem Mund. Das heißt, ich sage es und Yohji ruft es - natürlich wieder direkt in mein Ohr. Während Schuldig irgendwas unverständliches brummt, schließe ich die Augen und konzentriere mich intensiv darauf, Yohji jetzt nicht zu schlagen. Es hätte einen entscheidenden Nachteil, nämlich den, dass er dann heute Abend nicht mehr zum Arbeiten zu bringen wäre. Er ist so schon unmotiviert.

„Wenn ihr mir nicht sagt, was ihr da macht, könnte ich zu Campleitung gehen, ihnen sagen, dass ihr hier genug Equipment für einen kleineren Raketenstart habt und dann werden wir schon sehen, was ’wir bitten, darauf zu verzichten’ im Klartext heißt.“, meldet sich Schuldig wieder, den Blick immer noch an die Decke geheftet, die Stimme leiernd, so als wäre es ihm höchst zuwider, sich auf das Niveau solcher Drohungen herabzulassen.

Ich höre Yohji einatmen und schaffe es gerade noch rechtzeitig, meinen Kopf wegzudrehen, bevor das Gezeter weitergeht. „Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du-“
„Ja, hör ich ständig.“, unterbricht Schuldig gelangweilt.
Ich sehe vom Bildschirm auf und verschwende wieder einen Moment auf den Gedanken, wie frustrierend es sein muss, ständig zu hören, was andere von einem denken.
Vor allem, wenn man Schuldig ist.

Andererseits vermutlich auch nicht wesentlich frustrierender als eineinhalb Stunden lang schlechte Bilder auf einem flackernden Computermonitor anzustarren und zu raten, ob man nicht vielleicht einem dieser Leute heute beim Essen begegnet ist. Oder sonst irgendwann im Laufe des Nachmittags. Bislang ohne Erfolg.
Hier sind erstaunlich viele Menschen, dafür, dass es ja eigentlich abgeschieden sein soll. Und noch mehr Photos von unbedeutenden, aber verdächtigen Politker-Helfern.

Oh, ich vergaß, diese neuen LCDs flackern ja nicht... Seltsam, dass sich meine Augenlider trotzdem anfühlen wie heißes Sandpapier...
Mein Genick und meine Schulterblätter geben leise knackende Geräusche von sich, als ich sie bewege. Der Laptop auf meinem Schoß bewegt sich ein wenig und mein eingeschlafenes rechtes Bein fängt an zu stechen, was ich ignoriere. Die Lüftung, die bis jetzt den Raum mit einem leisen Summen erfüllt hat, geht aus und vertieft die Stille.

Ich höre Yohji neben mir verärgert schnauben. „Ach, dann lass ihn meinetwegen gucken, wenn er unbedingt will. Ist ja sowieso egal. Ich geh raus, eine rauchen.“ Auf dem Weg nach draußen zögert Yohji noch einen Moment, bevor er sich sein Waschzeug schnappt. Dann wird die Zimmertür leise geöffnet und geschlossen und weg ist er.
Ist ja sowieso egal...
Ich stutze. Wenn Schuldig ohnehin unsere Gedanken lesen kann, warum fragt er dann, was wir machen? Will er einfach nur nerven oder ist es ihm nicht wichtig genug, um es per Telepathie herauszufinden? Eigenartig...

„Also, was jetzt?“, fragt Schuldig, der mich mit hochgezogenen Augenbrauen ansieht. Ich blinzle verwirrt und konzentriere mich wieder auf die Photos. Habe ich ihn etwa die ganze Zeit angestarrt?
Schuldig, der mein Nichtbeachten seiner Frage offenbar als Zustimmung wertet, steht in einer fließenden Bewegung auf und streckt sich ausgiebig, bevor er auf mich zukommt und mir die Hand auf die Schulter legt, als er die Stelle erreicht, an der bis eben noch Yohji gestanden hat.

Ich schüttle sie verärgert ab. „Es sind Photos von möglichen Unterhändlern.“, erkläre ich und lasse die Bilder im Zwei-Sekunden-Takt wechseln.
Schuldig macht „M-hm.“ und sieht auf den Bildschirm. „Wen sucht ihr?“
„Kali.“
„Ach so.“
Ich drehe mich zu ihm um. „Was ’Ach so’?“
Er zuckt nur die Schultern. „Nichts. Man hört vom ihm.“, sagt er, ohne wirklich aufzusehen.
„Ihm?“
Ein kurzes Stirnrunzeln. „Oder ihr. Keine Ahnung, man hört nicht viel...“

Ich atme tief durch und sage nichts dazu.
„Das da ist Aki.“, sagt Schuldig einige Bilder später.
Ich halte die Präsentation an. „Wer ist Aki?“
„Der Typ von der Campleitung... Haare im Gesicht, auf dem Kopf, aus den Ohren...“
Ich starre das Photo an und versuche Ähnlichkeiten zwischen dem Mann auf dem Bild und dem Berggeist hier im Camp zu finden. Wenn man sich den Bart und die langen Haare wegdenkt...

„Außerdem waren bis jetzt eine Tote und ein Verschwundener dabei. Kritiker hinkt mindestens ein halbes Jahr hinterher.“
Sie können ja auch kaum die gesamte Jigen-Partei überwachen. „Also ist Aki die Kontaktperson.“
„Oder er hatte eine Erleuchtung und möchte das teilen.“, schlägt Schuldig vor.

Unwahrscheinlich, aber möglich. Es ist nie gut, sich zu sehr auf einen Hinweis zu konzentrieren und der hier ist sowieso eher vage. Allerdings...
„Was?“, fragt Schuldig, als er merkt, dass ich ihn ansehe.
„Du könntest das rausfinden.“
„Ich?“
„Wer sonst?“

„Hab ich irgendwas verpasst? Arbeiten wir jetzt zusammen oder was?“
„Soweit ich feststellen konnte arbeiten wir jedenfalls nicht gegeneinander.“
„Ich hab Urlaub, okay? Gibt es nicht irgendeinen verdrehten Samurai-Kodex, der dir verbietet, andere Leute um Hilfe zu bitten?“
In welcher Welt lebt der Typ? „Wir Samurai sehen das praktisch.“, sage ich trocken.

Schuldig starrt mich ungläubig an. Ich starre zurück. „Du kannst es nicht.“, spreche ich meine Vermutung aus.
„Natürlich kann ich es!“, wiederspricht Schuldig sofort.
„Dann tu es.“
Er zögert einen Moment, dann grinst er mich an. „Nein. Ich arbeite nicht umsonst.“
„Ich könnte mich dazu hinreißen lassen, dir die zwei Wochen hier nicht zur Hölle zu machen.“, schlage ich vor.
„Ich glaube kaum, dass selbst du das hier noch schlimmer machen könntest.“
„Ich könnte.“
„Wohl kaum.“

Ich starre ihn an und versuche mir wirkungsvolle Drohungen auszudenken. Normaleweise reicht mein Blick allein als Drohung aus, aber Schuldig scheint er gar nicht aus der Ruhe zu bringen. „Also was willst du?“, frage ich, als mir nichts einfällt, womit ich ihn erpressen könnte.
„Was?“
„Du hast gesagt, du arbeitest nicht umsonst. Okay. Was willst du?“
„Nichts. Nochmal zum Mitschreiben: Ich. Hab. Urlaub! Wie kommt es, dass so viele Leute das Wort nicht kennen? Urlaub. Wie in ‚keine Arbeit’. Klar?“

„Du kannst es nicht.“, wiederhole ich.
„Doch.“, sagt Schuldig genervt.
„Tu es!“
„Kommandierst du Weiß auch so rum?“
„Du kannst nicht.“
Schuldig sieht mich an als hätte ich ihn beleidigt. Er überlegt einem Moment. „Okay, ich seh’ nach, aber nicht umsonst.“
„Ja, soweit waren wir schon. Was willst du?“
„Einen Kuss.“

Was? Er... Aber- ...
... ruhig... Okay. Vielleicht sollte mich das jetzt nicht überraschen. Tut es aber. Warum ist mir das nicht aufgefallen? Er hat schon irgendwie interessiert gewirkt, oder?
„Von mir?“, frage ich nach.
Er nickt. „Genau.“
Ich wollte nur sicher gehen...
Ich merke, dass ich Schuldig anstarre und sehe lieber wieder auf den Computerbildschirm.

Das erklärt... na ja, im Grunde nichts, aber man muss aus einem Schwarz nicht unbedingt schlau werden, nicht wahr?
Logisch betrachtet ist das nicht schlecht. Zumindest nicht schlecht in dem Sinne des Wortes, in dem es üblicherweise verwendet wird... Macht das Sinn? Ich sollte wieder anfangen normal zu denken.

Prinzipiell habe ich ja etwas gegen alle Ausgaben, die sich nicht auf einer Spesenliste unterbringen lassen. Allerdings ist es nur ein Kuss... Es ist eine Mission und es geht darum, einen Drogenhändler zu identifizieren und wenn man das Ganze beschleunigen kann, sollte man es doch tun... vom moralischen Standpunkt aus gesehen, der mich nicht wirklich interessiert.
Aber ’beschleunigen’ klingt gut, besonders wenn man bedenkt, dass ich zwei Wochen hier mit Schuldig und Yohji verbringen müsste. Also akzeptabel, oder?

Ich drehe mich wieder zu Schuldig um. „Okay.“

~*~

Okay?! Aber-
Was ist los mit der Welt? Das ist doch einfach nur noch grausam...
Jahrelang ärgert man sich mit Kopfschmerzen und TMI der übelsten Sorte herum, aber wenn man diese beschissene Telepathie einmal im Leben wirklich braucht, hat man sie natürlich nicht. Das ist... Scheiße, ich kann in siebenundzwanzig Sprachen fließend fluchen, aber mir fehlen die Worte. Das ist...

„Was hast du?“, fragt Aya.
Ich sehe ihn an und habe irgendwie das Bedürfnis, meinen Kopf gegen etwas Hartes zu schlagen. „Hast du gerade zugestimmt?“
Er sieht mich mit einem Stirnrunzeln an. „Ja.“
„Aber...“
Ayas Gesichtsausdruck verfinstert sich mehr und mehr, während ich schweige. „Was.“, es ist eher ein Zischen als eine Frage.

„Das ist einfach nicht richtig!“
„Wieso? Hast du Herpes oder was?“
„Nein! Blödsinn, aber du... du kannst nicht einfach okay sagen. Das geht nicht.“
„Du wolltest, dass ich nein sage?“, fragt Aya verwirrt.
„Ja- ... nein. Wie kannst du...-“
Aya hebt eine Augenbraue. „Sollte ich jetzt beleidigt sein?“
Ich starre ihn ungläubig an. Irgendetwas stimmt hier nicht.

„Du weißt, was das heißt, oder?“, fragt mich Aya mit einem selbstzufriedenen Gesichtsausdruck. „Du kannst es nicht.“
Was zum Teufel? „Du hast geblufft?“
„Nein, ich meinte es ernst. Du hast geblufft.“
„Du meintest es ernst?“
Aya stellt dem Laptop auf dem Boden ab und steht auf. „Tja, das werden wir jetzt nie erfahren...“ Er streckt sich und sein T-Shirt rutscht einige Zentimeter hoch. Absicht. Ganz sicher.
„Ich hasse dich.“

Aya zuckt unbeeindruckt die Schultern. „Du kannst es nicht.“, stellt er noch einmal gut gelaunt fest, um es mir unter die Nase zu reiben.
„Was kann er nicht?“, fragt Yohji, der gerade wieder zur Tür herein gekommen ist.
„Gedanken lesen.“
Er sieht mich über seine Sonnenbrille hinweg an. Draußen ist es schon lange dunkel, warum hat er das Ding noch auf? „Ist das so?“

„Hn. Schuldig hat Nummer Dreiundfünfzig als Aki identifiziert. Ich gehe trainieren.“, verabschiedet sich Aya und verlässt das Zimmer.
Kudoh starrt mich an.
„Was trainiert er?“, frage ich, weil mir die Stille ein bisschen unangenehm ist.
„Leute zerhacken.“, sagt Yohji eisig.
Oh, das ist amüsant. „Ohne Schwert?“
„Das ist im Auto.“

Er starrt mich noch eine Weile an, dann holt er sich den Laptop und setzt sich damit auf seine Matratze.
„Seid ihr auch in der Kolibri-Familie?“, frage ich, woraufhin er mich ansieht wie ein ganz besonders widerliches Insekt.
„Ich schon. Aya ist ein Kranich.“, antwortet er schließlich, während er gelangweilt auf dem Computer herumtippt.
„Aha,“ sage ich als er nicht weiterspricht, „und was bedeutet das?“

Yohji sieht auf. „Sie sagen dir, dass du ein Kolibri bist und du fragst jetzt erst, was das bedeuten soll?“, fragt er ungläubig.
„Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie zurechnungsfähig sind, also warum sollte ich nachfragen?“
„Und jetzt interessiert es dich?“
„Das nicht, aber mir ist langweilig.“

Kudoh seufzt genervt. „Das ist ihre Gruppeneinteilung. Im Haupthaus hängt eine Liste aus, welche Gruppe an welchem Tag was zu tun hat.“
„Zu tun hat?“
„Arbeiten.“, erklärt er, „Essen kochen, Geschirr spülen und so...“
Ich bin entsetzt. „Wir sollen hier arbeiten?!“
„Nicht wahr? Kaum zu glauben, dass Leute freiwillig hierher kommen.“, sagt Yohji verächtlich.
„Und auch noch dafür bezahlen.“, setze ich hinzu.

Was auch immer Yohji auf dem Computer gemacht hat, jetzt ist er fertig und schaltet ihn aus.
„Was machst du jetzt?“
Er ist gerade dabei, sich den Pullover auszuziehen. „Schlafen.“, dringt es gedämpft durch den Stoff.
„Ist halb zehn nicht ein bisschen früh zum Schlafen?“
„Kommt drauf an, seit wann man wach ist.“ Seine Hose landet nachlässig gefaltet neben dem Pullover auf dem Boden und er legt sich ins Bett - oder eher auf die Matratze.

„Und was soll ich jetzt machen?“, frage ich, nachdem er eine Weile nichts mehr gesagt hat.
Zur Antwort zieht er sich die Decke über den Kopf. „Das ist mir scheiß egal.“
„Mir ist wirklich langweilig. Was machen normale Menschen, wenn sie nichts zu tun haben?“
„Weiß nicht.“, brummt er genervt.
„Okay, was machst du, wenn du nichts zu tun hast?“
Er dreht sich jetzt doch um und sieht mich mit einem Blick an, für den er bei Aya ganz sicher Lizenzgebühr zahlen muss.
„Schlafen. Was machst du denn?“

„Gedanken lesen. Normalerweise.“
„Und das ist spannend?“
Stimmt, spannend nicht unbedingt. Ich zucke die Schultern. „Irgendwer hat immer Sex.“
„Halt einfach die Klappe.“

Ist ja gut, ich hab’s verstanden... Aber mir ist wirklich langweilig. Yohji ist nicht lustig, wenn er müde ist. Aya fällt als Unterhaltung aus, solange er mit seinem Schwert spielt. Das wäre zwar spannend, würde aber höchst wahrscheinlich mit abgesäbelten Körperteilen enden, was nicht meiner Vorstellung von Spaß entspricht. Außerdem ist Aya fies und nicht der Mensch für den ich ihn gehalten habe.

Ich gebe mich kurz der Phantasie hin, dass es doch möglich gewesen wäre, Aya davon zu überzeugen, mich im Voraus zu bezahlen, aber das ist rein illusorisch. Er wäre nie so dumm dem zuzustimmen, immerhin ist er vertrauenswürdig und ich bin es nicht. Es ist anstrengend, ohne Telepathie zu sein. Leute tun plötzlich Dinge, die du nicht von ihnen erwartest und wenn du herausfinden willst warum, musst du darüber nachdenken oder sie gar fragen. Was keine Basis ist, wenn man cool und überlegen rüberkommen will.

Ich höre plötzlich ein Schnarchen. Kudoh schnarcht. Sensationell. Nicht laut, nicht durchgehend, eher plötzlich und unerwartet. Ich hasse ihn. Mistkerl. Er ist mit mir allein in einem Zimmer und schläft innerhalb von zwanzig Sekunden ein.
Soviel zu cool und überlegen, danke auch. Respektloses Arschloch. Da ist man eine Weile nicht mehr im Geschäft und leidet an vorübergehender medikamentös induzierter Funkstille und schon wird man vom Nemesis zum Ärgernis degradiert. Manchmal hasse ich mein neues Leben.
Dann allerdings... Es ist um Längen besser als Kudohs Leben jemals sein wird, was mich wieder ein wenig mit der Welt aussöhnt.

Ich schnappe mir den Laptop und schalte ihn ein.
Passwort. Hm... Schuldig der Superhacker, ein guter Witz. Aber all die Jahre mit Nagi können doch eigentlich nicht ganz umsonst gewesen sein. Ich werde es also einfach mal probieren.
password... falsch. Kritiker... falsch. Persia... Benutzerdefinierte Einstellungen werden geladen? Das war ja nun wirklich zu einfach. Diese Kritiker-Leute sind so phantasielos, dass es schon fast wehtut. Ich glaube, der einzige kreative Einfall, den die Organisation jemals hatte, war einen Blumenladen als Tarngeschäft für eine Killergruppe zu verwenden. Obwohl das fast schon wieder zu abgedreht ist. Auf so was kommt man eigentlich nur im Rauschzustand.

Ich schiebe meine albernen Vorstellungen zum vom Gebrauch halluzinogener Substanzen geprägten Verlauf von Kritiker-Vorstandssitzungen beiseite und sehe mir den Computer genauer an. Ich klicke hierhin und dorthin...
Was soll das? Warum sind da nur Solitär und Minesweeper drauf? Ich bin an eine große Anzahl verschiedener Spiele gewöhnt. Gerade auf Firmen-PCs. Aber ich nehme mal an, dass die meisten Firmen-PCs nicht von Teenagern eingerichtet werden, deren Ehrgeiz es ist, in die Geschichte der Highscores einzugehen.

Aus lauter Ärger blättere ich durch die völlig uninteressanten Kritiker-Dateien. Quasi als kleinen, persönlichen und rein symbolischen Racheakt. Dann packt mich die Neugier und ich durchsuche schnell die Festplatte nach „Schuldig“. Sekunden später halte ich meine Akte in den Händen - also im übertragenen Sinne.

Viel steht ja nicht drin. Decknamen, Identitäten... Mein Gott, den Schumacher-Pass hab ich schon seit drei Jahren nicht mehr. Fehlende Daten, falsche Daten. Sie haben mich größer gemacht (was mich freut) und älter (was mich ärgert). Und oh, sogar ein paar richtige Angaben. Konfessionslos, ledig, homosexuell. Ich frage mich, woher sie das haben... Wahrscheinlich geraten. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.
Paranormale Fähigkeiten, bla, bla, bla… Äußerst gefährlich - was sie nicht sagen. Ich fühle mich geschmeichelt.

Ich bin nicht besonders zufrieden mit der Akte und beschließe, die eine oder andere wichtige Sache hinzuzufügen. Wie zum Beispiel meine Lieblingsspeisen sowie bevorzugte Musikrichtungen. Und natürlich muss die etwas nüchterne steckbriefartige Beschreibung meines Traumkörpers etwas mehr der zugegebenermaßen überwältigenden Realität angepasst werden.

Ich würde mir das Ding jetzt gern ausdrucken, aber da das nicht geht, schicke ich sie für späteren Unterhaltungswert an eine meiner E-Mail-Adressen. Als ich das ganze schließen will, stoße ich auf einen Querverweis zu einem rührend nostalgischen Bericht von Bombay mit Fußnoten von irgendeinem neunmalklugen Psychologen mein angeblich planloses Vorgehen betreffend. Er wagt es sogar, mich als Boderline-Persönlichkeit zu charakterisieren, was ich anhand des äußerst mangelhaften Materials doch etwas gewagt finde. Davon abgesehen ist Borderline keine Diagnose, sondern eine Entschuldigung. Borderliner sind alle Patienten, deren nicht konformes Verhalten nicht durch irgendwelche echten Geisteskrankheiten erklärt werden kann. Wenn ich an Psychoanalyse glauben würde, würde mir das Sorgen machen, aber da der menschliche Geist sowieso unverständlich ist, muss ich mir wegen der Jünger Freuds ja keine grauen Haare wachsen lassen.

Wann Aya wohl zurückkommt? Ich meine, wie lange kann man mit einem Schwert durch die Gegend tanzen, ohne dass es einem langweilig wird? Ich seufze. Vermutlich ewig. Er mag das Ding. Er mag diese Katas. Er liebt den Kampf. Und da sage noch einer, ich wäre verrückt. Diese Form der Besessenheit ist mir fremd. Na ja, jedem das seine.

Ich beginne eine Partie Solitär, die ich bald verliere. Ebenso die danach und die danach. Woraufhin ich einigermaßen frustriert den Computer ausmache. Im Grunde genommen ist Patience ein dummes Spiel. Es ist vom ganzen Spielkonzept her nicht für mich geschaffen. Das merkt man ja schon daran, dass man es allein spielt. Man kann also nur sich selbst beschummeln - und am Computer nicht einmal das - was überhaupt keinen Spaß macht. Außerdem hat es wie der Name schon sagt etwas mit Geduld zu tun. Nicht gerade meine Tugend, denn ich habe höchstens Geduld mit Menschen, aber nur äußerst selten mit Dingen und in keinem Fall mit dummen Spielkarten, die sich partout nicht in ein blödes Muster einordnen lassen wollen.

Und Aya ist immer noch nicht wieder da. Wie kann man so viel Zeit mit nutzloser Bewegung verschwenden? Ich meine, ich befürworte den Aufbau von Muskelmasse aus rein ästhetischer Sicht mit ganzem Herzen, aber ich bin ein Mensch, der sich wirklich schnell langweilt und jetzt ist der kritische Punkt erreicht, an dem mir keine andere Beschäftigung mehr einfällt, als den schlafenden Balinese mit Prospektknöllchen zu bewerfen.

Nach einer Weile ist mir sogar das zu blöd und ich gehe zum Gemeinschaftsbad, um mir die Zähne zu putzen. Da es schon nach zehn ist, ist kein Schwein mehr da. Zwanzig Uhr Nachtruhe, pah. Na wenigstens wird das scheinbar nicht allzu streng kontrolliert.
Aya kommt herein, als ich mir Zähne putze. Er legt sein Schwert, dass er offensichtlich allein für mich mit ins Bad genommen hat, auf eine der Ablagen, dann sieht er mich schweigend an. Der Subtext des Ganzen ist unmissverständlich: Mach, dass du fertig wirst und verschwinde!

Ich putze mir in aller Seelenruhe weiter die Zähne. Er hat seine Schlafsachen unterm Arm, will sich also hier umziehen. Wenn ich noch ein wenig auf Zeit spiele, könnte ich ihn vielleicht dazu bringen aufzugeben und- Aya knurrt.

Ich nehme die Zahnbürste aus dem Mund und sehe ihn unschuldig an. „Was?“
„Kein Mensch putzt sich zehn Minuten lang die Zähne.“
„Ich schon. Ich nehm’ das sehr genau, weißt du.“
Er sagt darauf nichts mehr und setzt nur seine Starrattacke fort. Der Subtext hat sich ein wenig verändert und lautet jetzt ungefähr: Werd fertig mit Zähneputzen oder ich sorge dafür, dass du dir darum nie wieder Gedanken machen musst.

Es ist ganz erstaunlich, wie eloquent Aya mit Blicken ist...
Ich beschließe, dass es unter diesen Umständen besser ist, nachzugeben und das Bad zu räumen. Wieder im Haus des weißen Lokus angekommen setze ich von meinem Bett aus meine Zielübungen fort, bis Aya hereinkommt und die Szenerie mit unbewegter Miene betrachtet. „Was machst du da?“

„Zielübungen.“, meine ich schulternzuckend. „Das Ohr gibt fünfzig Punkte, die Nase hundert, das restliche Gesicht zehn.
Ich bin inzwischen schon ziemlich gut. Willst du auch mal?“
Aya schüttelt entgeistert den Kopf. „Nein Danke.“, sagt er dumpf, während er zu seinem Futon geht und sich, das Katana in Reichweite, hinlegt. „Aber jetzt weiß ich ungefähr, warum sie dich hierher geschickt haben.“



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