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Jahresarbeit der 12. Klasse: Nachhaltige Energieversorgung

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5. Brief von Lukas und Friedemann Weidauer

Dresden, den 10. Mai 2000

Sehr geehrter Herr Prasser,
mit Freude habe ich den Brief gelesen, welchen Sie meinem Bruder Lukas geschrieben haben! Sie zeigen darin eine meiner Ansicht nach sehr konstruktive Art, sich mit der Problematik Energiewende auseinander zu setzen. Ich finde, dass durch solch eine sachliche Art der Diskussion tatsächlich ein Fortschritt in den oft verhärteten Fronten des Pro und Kontra Atomstrom erzielt werden kann.<

Sie zeigen dies auch durch die Tatsache, sich als offensichtlich engagierter Forscher überhaupt darauf einzulassen, mit einem "normalen Schüler" so zu diskutieren. Dabei schütteln Sie seine Argumente nicht als inkompetent ab, sondern versuchen sie zu verstehen und entweder durch fachliche Kompetenz zu erweitern oder anhand Ihrer gegenteiligen Meinung zu widerlegen.

Mit großem Interesse habe ich den Einsatz von Lukas, sich zu dieser aktuellen Thematik auch in den öffentlichen Medien zu äußern, begleitet. Als mir mein Bruder jetzt Ihren Brief zeigte wurde mir deutlich, dass sich daraus eine interessante weitere Diskussion ergeben könnte, die nicht auf gegenseitigem zu nichte machen sondern auf dem sinnvollen Ergänzen von Wissen, Gesichtspunkten, Fragen und Denkanstößen beruht.<

Sie werden es mir deshalb nicht verübeln, wenn ich mich als vier Jahre älterer Bruder, Friedemann, zur Zeit Zivildienstleistender, in Ihren Briefwechsel einmische und wie Lukas auch, um das schon mal vorweg zu nehmen, sehr daran interessiert wäre, Sie an Ihrem Arbeitsplatz in Rossendorf zu besuchen.

Im Folgenden wollen wir nun gemeinsam versuchen, auf Ihre umfangreichen Ausführungen einzugehen. Dabei muß natürlich erwähnt werden, dass wir zunächst mit einer gewissen inneren Grundhaltung der Verantwortung gegenüber Welt und Leben und deren Erhaltung für viele zukünftige Generationen heran gehen und unsere fachliche Basis sich aus angelesenem Wissen zusammensetzt. Dabei können und wollen wir niemals Ihre offensichtliche fachliche Kompetenz überbieten. Die verwendeten Quellen werden selbstverständlich auch genannt. Zugeben muß ich, dass Lukas über ein umfangreicheres Wissen auf diesem Gebiet verfügt. Ich möchte mich nicht aus fachlichem Besserwissen sondern aus Hochachtung vor der von Ihnen beiden angeschlagenen Art und Weise der Diskussion beteiligen!

Auch ich, Lukas, habe mich sehr über ihren Brief gefreut. Er gab mir Anstöße, meine Argumente nochmals zu durchdenken und Bücher und Informationen kritischer zu lesen.
Wenn wir Sie richtig verstanden haben, gehen auch Sie von einer dringend erforderlichen Energiewende hin zu erneuerbaren Energien aus, betrachten dabei aber die Atomenergie als unverzichtbar. Sie gehen davon aus, etwa 50% des gesamten Energiebedarfs auch weiterhin mit Atomstrom abdecken zu müssen. Wobei Sie von einer durch technischen Fortschritt sichereren Atomkraft und eines gelösten Müllproblems ausgehen. Der Einsatz fossiler Brennstoffe verbiete sich oder sei nicht mehr möglich.

Zunächst gehen Sie davon aus, dass bis zum Jahr 2050 ein Drittel der installierten Leistung von 60 GW eingespart werden könnte. Durch den Einsatz von 1500 km2 Photovoltalik und 55000 Windgeneratoren könnten die verbleibenden 40 GW aufgebracht werden, was jedoch noch Schwierigkeiten des Speicherns (nachts bei zufällig gleichzeitiger Windstille) aufweist. Auch wir sind der Meinung, dass der erste Schritt zur Energiewende, die Energieeinsparung ist! Neben vielen Möglichkeiten, ein Drittel der momentan benötigten Energie einzusparen (ersetzen von Stand-by-Schaltungen, entwickeln extrem stromsparender Geräte, besseren Dämmungen von Häusern, Passiv-, Niedrig- und Nullenergiehäusern und Effizienzsteigerungen) muss vor allem ein Bewußtsein in der Bevölkerung entwickelt werden, welchen Wert Energie eigentlich hat und dass sie zur Zeit nur verbunden mit erheblichen Risiken für Mensch und Umwelt im Überfluss produziert werden kann. Dabei helfen Billigstromanbieter, die ausschließlich Atomstrom zu Dumpingpreisen verkaufen, wenig weiter.

Übrigens besteht die von dem Architekten Rolf Disch neu gebaute "Solarsiedlung am Schlieberg" in Freiburg sogar aus Plusenergiehäusern. Die 210 Häuser produzieren mehr Strom als die Bewohner verbrauchen können. Und die Baukosten waren nicht höher als bei herkömmlichen Häusern.1)

Es ist richtig, dass das Problem des Speicherns besteht. Am Meer, an Flussläufen und in Mittelgebirgen, wo Windräder stehen können, wird zwar niemals gleichzeitig eine absolute Windstille herrschen und somit nchts gar kein Energie vorhanden sein (zumal ja auch noch Wasserkraft Strom liefert). Es wäre jedoch eine deutlich geringere Menge. Die Speicherung von kleinen Energiemengen stellt kein Problem dar, was z.B. die Solarfassade an der Südwand des Greenpeace Lager- und Werkstättenhauses in Hamburg, die den Strom für die Beleuchtung des Hauses liefert, zeigt.2) Das Problem sind Ballungsgebiete und Spitzenleistungen. Neben dem Wasserstoff gibt es noch Pump- und Luftspeicherkraftwerke, deren Weiterentwicklung noch fortgesetzt werden müsste, worauf Sie ja bereits bezug nahmen. Es ist uns auch die Frage, ob man weiterhin viele Millionen in die Weiterentwicklung der Atomtechnik (z.B. Fussionsreaktor) stecken sollte oder dieses Geld für die Erforschung von Speichertechniken verwenden. Dabei muss man bedenken, dass heute sehr viel mehr Geld für die Erforschung und Erhaltung der Kernenergie als zur Entwicklung der regenerativen Energien ausgegeben wird. (Es soll aber nicht darum gehen an der Weiterentwicklung der Sicherheit der bestehenden Anlagen zu sparen!)

Anschaulich rechnen Sie vor, dass mit dem Einstieg in regenerative Energien, namentlich dem Solarstrom, auch immense Kosten verbunden sind. Da müssen wir Ihnen Recht geben!
Leicht denkt man auch, dass �Atomausstieg� und �Solareinstieg� die vollständige grüne Energiewende bedeuten würde, vergißt dabei aber den noch weitaus größeren Anteil von Kohle, Öl und Gas am heutigen Energiemix. Und wir reden hier ja nicht nur vom Atomausstieg sondern von einer vollständigen Energiewende hin zu erneuerbaren Energien, mit dem Ziel, die Belastungen von Mensch und Umwelt durch Emissionen und radioaktive Strahlungen zu beseitigen.

Wir können Ihnen hier weder beweisen, dass sich die zukünftig benötigten Energiemengen zu 100% aus regenerativen Energien erzeugen lassen, noch können wir Ihnen eine Rechnung vorlegen, welche veranschaulichen würde, ob und wie sich dieses Ziel rechnet. Es geht ja zunächst auch darum, dieses Ziel wirklich zu fassen und Möglichkeiten zu schaffen Schritt für Schritt darauf zugehen zu können. Das heißt z.B. konkret, eine kostendeckende Vergütung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen zu schaffen, womit wir auf den beigelegten Ausschnitt aus dem Buch "Zukunftsfähiges Deutschland", einer Studie des Wuppertalinstituts, herausgegeben vom BUND und Misereor, hinweisen möchten. Auch zeigt die gute Resonanz zum 100.000 Dächer-Programm der Bundesregierung in der Bevölkerung, dass ein Interesse da ist. 3700 Anträge über eine Leistung von 32 Megawatt sind schon genehmigt worden. Weitere 7000 Anträge über 54 MW liegen noch vor. (Siehe DNN, 5.5.00) Die Anlagen rechnen sich mit dem neuen Vergütungsgesetz und der Förderung.

Franz Alt geht in seinem Buch "Die Sonne schickt uns keine Rechnung-Die Energiewende ist möglich" davon aus, dass die Kilowattstunde aus Photovotailik von heute 1,60 bis 2,00 in den nächsten vier Jahren auf 40 bis 50 Pfennig sinken wird. "Joachim Nitsch und seine �Studiengruppe Energiesysteme� errechneten, dass Deutschland bis zum Jahr 2005 bereits zu 13 % mit Solarenergie versorgt werden könnte, bis zum Jahr 2030 zu 50 % und bis zum Jahr 2050 zu 70 %." 3)>

Auch schreiben Sie, dass die gespeicherte Sonnenenergie nicht billiger sein würde als die direkt verbrauchte. In kleinen überschaubaren Anlagen wird der Preis nicht viel höher sein. Teurer wird er wahrscheinlich dann, wenn man die Energie z.B. in Form von Wasserstoff aus Solaranlagen aus dem Mittelmeerraum transportieren müsste.

Die Kosten für den Solareinstieg führen Sie in Ihrem Brief sehr beschaulich an. Schade allerdings, dass sie dieselbe Rechnung nicht für den Atomeinstieg in den 70iger, 80iger Jahren gemacht haben. Ob der Solareinstieg wirklich teurer sein würde als der damalige Atomeinstieg möchten wir bezweifeln. Die staatlichen Aufwendungen lagen alleine von 1979 bis 1984 für die Grundlagenforschung der Kernenergie bei 11,1 Milliarden DM und die Kernenergieförderung insgesamt bei 17,8 Milliarden DM. (Nur nebenbei: Die Förderung im selben Zeitraum für die Erforschung erneuerbarer Energien und der rationellen Energienutzung lag bei 1,6 Milliarden DM) Die Investitionskosten beim Bau von Atomkraftwerken sind stark angestiegen: Lagen die Kosten eines AKW vom Typ Biblis (1200 MW) 1975 noch bei 1 Milliarde DM, so stiegen sie 1980 auf 2,5 Mrd. DM, 1985 auf 4,6 Mrd. DM bis zum Jahr 1990 auf 6,2 Mrd. DM. (Zurückzuführen ist dieser Preisanstieg auf einen in der Einführungsphase nicht kostendeckenden Preis, und dadurch entstandene Verluste, sowie durch wachsende Sicherheitsvorkehrungen.)4)

Wir wissen nicht genau, wann die deutschen Atomkraftwerke gebaut wurden. Doch nehmen wir an, dass der Zeitraum etwa zwischen 1970 und 1990 lag. Nehmen wir weiter an, dass die Kosten durchschnittlich pro AKW bei 3 Milliarden lagen, so kommen wir auf eine Summe von 105 Milliarden DM. (35 AKW�s, 19 derzeitig in Betrieb, plus etwa 16 außer Betrieb, eingestellt oder im Abriss5)) Hinzu kommen die Kosten der Wiederaufarbeitung, des Abrisses, der Endlagerung und Ausgaben, die sozusagen "in den Sand gesetzt" wurden, z.B. WAA Wackersdorf, der Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop und das AKW Mülheim-Kärlig. Auch die Entwicklung und Planung des schellen Brüters verschlang Millionen. Ende 1966 gab der Leiter des Projekts Wolf Häfele nach den ersten Planungen den Preis mit 300 Millionen und den ersten Probelauf im Jahr 1973 bekannt. 1970 waren es bereits 500 Millionen, Anfang März 1972 1,075 Milliarden und im Februar 1976 musste der damalige Bundesforschungsminister Hans Matthöfer die Fertigstellung auf 1981 bekannt geben, die Kosten beliefen sich inzwischen auf 2,3 Milliarden DM. 1981 wurde die Inbetriebnahme auf 1986 verschoben, Kosten: zwischen 5 und 7 Milliarden DM.4)

Die Weltbank hat schon mehrmals deutlich gemacht, etwa wenn es um Reaktorpläne in Russland ging, dass das Investitionsaufkommen für Alternativen zur Atomtechnik sogar niedriger wäre als die Kosten für die technische Aufbesserung vorhandener Atomkraftwerke, geschweige denn für den Neubau von Atomkraftwerken.6)>sup

In Bezug auf die Fragen nach einer für Kernalagen ausreichenden Versicherung haben Sie sicher den Artikel in der DNN vom 27.4.00 gelesen in welchem sich auch Mediziner, Juristen und Natürschützer (BUND) äußern.

Sie beziehen sich in Ihrem Brief auf die Abrißkosten eines AKW�s in Frankreich und den USA, mit 15% bzw. 500 Millionen Dollar. (Wieviel Prozent sind diese 500Mio der Baukosten?) Außerdem sagen Sie, Greenpeace ginge davon aus, dass der Rückbau bei ca. 100% der Errichtungskosten liege. Dazwischen liegen 85% Meinungsverschiedenheit, von denen wir nicht wissen, ob sie durch Länderunterschied oder verschiedene Berechnungen entstanden sind. Wir wissen aber, dass der Rückbau des AKW�s in Lubmin (bei Greifswald) zwischen 1990 bis 2035 (Von der Abschaltung bis zum Ablaufen des Zwischenlagers Nord, wo etwa 100 000 Tonnen des AKW�s 30-40 Jahre Zwischengelagert werden) 6,2 Milliarden DM kosten.7) Von der Höhe der Kosten des AKW�s in Lubmin ausgehend würden die 50 Milliarden DM Rückhaltung nicht ausreichen, da der Abriss schon 12,4% verbraucht und jetzt noch, neben schon stillgelegten Anlagen, 19 in Betrieb sind. Ein Teil der 50 Milliarden Rückstellung der Atomindustrie nutzte der Betreiber RWE, um auf dem Telekommunikationsmarkt mitzuverdienen, was schief ging. (Otelo mussten Sie 1998 nach 1,7 Milliarden DM Verlusten verkaufen.) 6

Die Frage ist hier einerseits, wieviel Prozent als Rückbaukosten realistisch sind und andererseits, ob die Rückhaltekosten, angesichts der oben aufgeführten Überlegungen, ausreichend sind. Die Frage ist auch, ob ein nicht von den Betreibern verwalteter Fond für die Abriss- und Entsorgungskosten, dessen Zinserträge in die Weiterentwicklung von erneuerbaren Energien gesteckt werden könnten, sinnvoll ist.

Aufmerksam haben wir gelesen, dass die Kernenergie von vornherein für einen geschlossenen Brennstoffkreislauf konzipiert war, bei dem das abgespaltene Plutonium wieder in die Kraftwerke zurück gelangen sollte. Hier sind bei uns allerdings große Fragen entstanden. Denn wenn das so machbar ist, warum geschieht es dann nicht? Und entsteht dadurch nicht letztlich noch mehr Müll, weil sämtliche Werkzeuge und Behälter auch verstrahlt werden? (Greenpeace spricht vom 20ig-fachen) Warum wird zugelassen, dass durch deutsche Akwbetreiber bislang 4000Tonnen hochradioaktive Brennelemente nach Sellafield und La Hague transportiert wurden, um letztlich doch im "Zwischenlager" zu landen? Und das obwohl seit 1993 bekannt ist, dass die Strände um Sellafield z.B. mit dem 34000fachen des Durchschnittwertes eines deutschen Ackerboden mit Plutonium verseucht sind, weil radioaktive Abfälle ins Meer gepumpt werden und die Leukämierate bei Kindern dort bis zum 10fachen höher liegt als im restlichen Großbritannien. Ist das nicht unsere Schuld?

Für Sie existiert offensichtlich gar kein Entsorgungsproblem, weil man den entstandenen Abfall ja wieder aufbereiten könnte. Die Wiederaufbereitung von Atommüll ist aber keine schadlose Verwertung, sondern vergrößert die Mengen des Atommülls noch weiter.6) De facto existiert in Deutschland kein genehmigtes Endlager, trotz Jahrzehnte langer intensiver Suche.

Und, ob Wiederaufbereitung oder nicht, bereits heute existieren 190 000 Tonnen Atommüll, die weder aufbereitet, noch sicher endgelagert in den sogenannten Zwischenlagern auf eine "bessere Zukunft" warten. Die davon ausgehenden Gefahren und gesundheitlichen Risiken sind nicht zu bestreiten.

Bitte verstehen Sie das nicht falsch; die Bauern im Wendland demonstrieren nicht aus Spaß am Protest oder der unüberlegten Revolution, sie treten ein für eine lebenswerte (unverstrahlte) Zukunft Ihrer Heimat und Lebensgrundlage. Dort existieren Probleme, die nicht ignoriert werden können und deren Lösung seit Jahrzehnten aussteht.

Sie schreiben von der hohen Sicherheit der deutschen Atomtechnologie. An die Öffentlichkeit dringt oft das Gegenteil. Der Gutachter Dr. Helmut Hirsch (er arbeitet u.a. für den BUND) meint: deutsche AKW�s sind nicht so sicher wie immer behauptet. Zum Beispiel die ältesten Druckwasserreaktoren Obrigheim und Stade weisen hohe Versprödung auf. Auch Dr. Ilse Tweer, Gutachterin u.a. für das Land Niedersachsen und für die Bundesregierung Österreich, sagt: "Ab einer Betriebszeit von etwa 20 Jahren ist mit einem deutlichen Ansteigen der alterungsbedingten Verschlechterung der Werkstoffeigenschaften und damit auch mit einem deutlich erhöhten Gefahrenpotential zu rechnen".6) Nach unserem Wissensstand ist das Sicherheitskonzept für Atomkraftwerke aus den 70iger Jahren. Aber das ist ja gerade der "Hinkefuß" der Umweltbewegung, wie Sie schreiben, im Hinblick auf die angeblich stark verbesserten Sicherheitsanlagen der dt. AkWs. Nach Angaben der Zeitung für den Atomausstieg sind die heutigen Anlagen nicht gegen Wasserstoffexplosionen geschützt und verfügen nicht über ein zweites Abschaltsystem für den Notfall. Sind diese Angaben veraltet?

Der Super- GAU 1986 in Tschernobyl lastet der Atomenergie schwer an. Es ist schwer zu sagen: das war vor 14 Jahren. Heute sind viele Anlagen sicherer. Offensichtlich sind die Sicherheitssysteme mindestens in Deutschland heute wesentlich weiter entwickelt. Tschernobyl läuft aber heute noch und zahlreiche solcher Anlagen in Ländern, die kein Geld für neue Anlagen und �Sicherheit� haben. Was nützt es uns, und das müssen wir uns wirklich fragen, wenn wir angenommen in Deutschland die sichersten Anlagen haben, und in der Ukraine oder in Indien geht die nächste Anlage in die Luft? Der 1999er Unfall in Japan zeigte aber, dass es auch in technisch hoch entwickelten Ländern zu derartigen Zwischenfällen kommen kann. Es war wieder einmal menschliches Versagen und dieses kann wohl auch bei noch so ausgeklügelten Systemen nie ganz ausgeschlossen werden.

Wir können zunächst nur vom Atomausstieg in Deutschland sprechen. Ein weltweiter Ausstieg wäre aber vonnöten. Den können wir aber noch viel weniger herbeiführen als den sofortigen Ausstieg in Deutschland. Es ist vielleicht ein Wunsch, eine Vision. Aber gerade im Blick auf die weltweite Situation wäre es gut, wenn Deutschland als hochentwickeltes Industrieland mit gutem Beispiel voran geht. Dieses "Zeichen setzen" gilt natürlich auch für die Sicherheit der AKW�s bis zum endgültigen Atomausstieg.

Wissen Sie, in der Bevölkerung herrscht oft eine große Angst vor dem scheinbar unüberschaubaren Risiko der Atomkraft. Diese Angst wird natürlich durch Unfälle wie 1999 in Japan oder 1986 in Tschernobyl und die teilweise massive Verlogenheit der AKW-Betreiber (was jüngstens auch der Castor- Skandal und die Messfälschung in Sellafield zeigten) verstärkt. Oft kommen Zwischenfälle, Störungen und Unfälle erst später und fast durch Zufall an die Öffentlichkeit. Auch in Japan wurde die umliegend wohnende Bevölkerung erst viel zu spät informiert. Solche Vorkommnisse erzeugen Wut, Angst und großes Mißtrauen gegen die scheinbar übermächtige Atomlobby.

Was immer auch geschehen mag, wenn sich Unfälle, die nie ganz auszuschließen sein werden, mit regenerativen Energien ergeben - sie werden nie das Ausmaß eines nuklearen Unfalles, geschweige denn eines Super-GAUes annehmen!

Dass die Strahlung in der Nähe von Atomtransporten gesundheitheitsschädlich ist, belegte schon im Sommer 1995 eine Studie des Marburger Nuklearmediziners Horst Kuni. Er berechnete eine 30mal höhere biologische Wirksamkeit von Neutronenstrahlung als die deutsche Strahlenschutzverordnung vorschreibt. Bei dem Castor-Skandal 1998 der "schwersten Vertrauenskrise seit Tschernobyl" (SPD), kam an die Öffentlichkeit, dass Atomkraftwerkbetreiber anscheinend jahrelang (seit 1985) von der stark überhöhten Verstrahlung (bis zu dem 1000fachen) von den Behältern gewusst hatten. "Die vom Atomgesetz zwingend geforderte Zuverlässigkeit der Betreiber ist damit massiv in Zweifel gezogen!"6) Das damalige Umweltministerium erklärt, von den verstrahlten Behältern sei keine Gefahr für das Begleitpersonal oder die Bevölkerung ausgegangen. Diese Erklärung kommt, und da kann man sicher sein, nach jedem Vorfall, obwohl doch erwiesen ist, dass Strahlung die Gesundheit schädigt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an den sogenannten "Transnuklearskandal", bei dem tausende Atommüllfässer illegal verschoben, Schmiergelder in Milliardenhöhe gezahlt und Arbeiter verstrahlt wurden6

Kommen wir zum nächsten. Am 22. August 1988 kam es zu einem Beinah- Zusammenstoß zwischen einem mit hochradioaktiven Atommüll beladenen Güterzug und einem mit Propangasflaschen gefüllten Triebwagen. Etwas weniger Glück und die aus den Gasflaschen schießenden Flammen hätten die Atommüllbehälter stundenlang "gekocht". Auch am 4. Februar und im Juli 1998 kam es zu Unfällen bei Castortransporten. Ein Zug entgleiste und ein Behälter wurde beim Umladen in Magdeburg aufgeschlitzt. Diese Unfälle zeigen, Atommüll ist eine zu gefährliche Fracht, die nicht ständig durch die Gegend gefahren werden kann.

Der Ingenieur Professor Elmar Schlich, er lehrt und forscht an der Universität Gießen im Fachgebiet Technik des Haushalts, arbeitete u.a. für die Hanauer Atomfirma Nukem und analysierte die Schwachstellen des Castor- Konzepts der Firma GNS, kritisiert mangelnde Sicherheitstest der Castor- Behälter. Er bezweifelt auch, dass sie die 30- 40 Jahre Zwischenlagerung dichthalten. Was passiert mit den Behältern nach der "Zwischenlagerung" ohne sicheres und genehmigtes Endlager?

In der Jugendherberge in Mirow ist es möglich, den anfallenden Bedarf an Energie mit erneuerbaren Energien zu decken. (Auch nachts und im Winter.) Was soll dieses Beispiel zum Ausdruck bringen? Dass es möglich ist, so zu wirtschaften! Und dass so etwas noch in vielen, wenn nicht sogar allen Jugendherbergen und bestimmt auch in Krankenhäusern und Pflegeheimen eine Alternative wäre. Es kommt viel auf eine regionale Stromproduktion und Lösungen an.

Richtig ist, dass auch die Produktion von Solarzellen z.B. Energie benötigt und Emissionen oder Gefahrenstoffe erzeugen kann. Es wäre keinem damit geholfen, durch die Produktion umweltfreundlicher Energieträger oder Materialien letztlich noch mehr Umwelt zu verschmutzen! Es ist nach der Studie des Wuppertalinstituts "Zukunftsfähiges Deutschland" allerdings möglich, die Amortisationszeit deutlich zu verringern: "Die energetische Amortisationszeit ist hoch (...sie) liegt heute noch zwischen 5 und 9 Jahren (für Windenergiekonverter an windgünstigen Standorten jedoch nur im Bereich weniger Monate). Es gibt aber berechtigte Hoffnungen, dass sich der Energieaufwand, ebenso wie die Materialintensität, durch neue Herstellungsverfahren und Zellenarten (z.B. Übergang auf Dünnschichtzellentechnologie, Gerätezellen etc.) in Zukunft deutlich verringern lässt. Z.B. erwartet man, dass die Energie- Amortisationszeiten der Dünnschichtzellen in Zukunft auf etwa ein Jahr zurück gehen werden."

Natürlich kann man das Beispiel der Jugendherberge Mirow nicht in den direkten Vergleich mit Ballungsgebieten bringen. Dass die Energie, die z.B. für die Herstellung von Lebensmitteln oder andere Waren benötigt wird, wahrscheinlich nicht aus erneuerbaren Energien stammt, ist richtig, kann heute aber leider noch nicht anders erzeugt werden.

Die Energiewende ist möglich und muß kommen! Wir können aus unserem derzeitigen Wissen und den oben angeführten Gründen nicht von einem Fortbestehen der Atomenergie, noch von ihrer Erweiterung als "Klimaretter" überzeugt sein. Das Müllproblem ist weder gelöst noch ist eine Lösung in Sicht. Wir hinterlassen unseren Kindern und allen zukünftigen Generationen damit Probleme deren Lösung wir von Anfang an hätten ernster nehmen müssen. Aber wir wollen diese Verantwortung gegenüber Welt und Leben nicht tragen. Trotz allen Sicherheitsvorkehrungen bleibt ein "Restrisiko", was nie auszuschließen sein wird. Um dieses tatsächlich durch technischen Fortschritt flächendeckend auf ein "vertretbares Niveau" (wie viele Menschenleben sind eigentlich ein "vertretbares Niveau" und wer vertritt es denn im Ernstfall?) abzusenken entstünden Kosten, die wesentlich sinnvoller in erneuerbare Energiequellen investiert werden müssen. Die Energiewende bedeutet neben dem Ausstieg aus der Atomenergie auch eine Vermeidung der Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen, wie Kohle, Öl und Gas. Es kann sich aber in beiden Fällen nur um einen überlegten und nicht überstürzten Ausstieg (bzw. Einstieg) handeln. Erst aussteigen und dann suchen wäre, wie Sie richtig schreiben ein Holzweg. Die zukünftige Formel muss heißen: massive Energieeinsparungen + Effizienzsteigerungen + Umstellung auf regionale Stromversorgung + Investiponen in die Weiterentwicklung alternativer Energieträger, so dass sich daraus eine 100% Energiegewinnung aus regenerativen Quellen ergeben kann.

"Wer keine Gifte in der Muttermilch will, muss die Herstellung dieser Gifte verbieten; wer keine weitere Landschaftszerschneidung will, muss den Straßenneubau einstellen oder erschweren; wer eine bestimmte Kulturlandschaft erhalten will, muss die Rahmenbedingungen so setzen, dass sie bestehen bleibt. Am Anfang steht also eine Wertentscheidung. Erst dann ist zu fragen, wie das als richtig erkannte Ziel am besten zu erreichen ist. Erst hier kommt die Frage nach angemessenen Instrumenten ins Spiel. Und erst hier wird auch relevant, welchen Beitrag marktwirtschaftliche Instrumente leisten können, um ein als ökölogisch sinnvoll erachtetes Ziel zu erreichen."8

In diesem Sinne grüßen Sie herzlich Lukas und Fiedemann Weidauer

Anmerkungen:

1) DNN vom 31.03.00 und GPM 1/00
(Internet: www.solarsiedlung.de)

2) Solarfassade- Ästhetik mit Power, Greenpeace 11/94

3) Franz Alt: Die Sonne schickt uns keine Rechnung- Die Energiewende ist möglich

1. Auflage 1994, 7. Auflage 1997

4) Gute Argumente Energie, herausgegeben von Dieter Seifried, 3. Auflage 1991

5) GPM 6/96

6) Zeitung für den Atomausstieg (2. Auflage)

7) P.M. 2/99

8) aus "Zukunftsfähiges Deutschland" Birkhäuser 1997

Briefwechsel Inhalt:

1. Einleitung
1.1 Vorgeschichte
1.2 Intention


2. Leserbrief von Dr. Ing. Schwarz: "An der Kernenergie führt kein (grüner) Weg vorbei"

3. Leserbrief von Lukas Weidauer: "Nur mit Ausstieg aus der Kernenergie auf grünem Zweig"

4. Brief von Dr. Ing. H.-M. Prasser

5. Brief von Lukas und Friedemann Weidauer
5.1 Anhang

6. Atwort von Herrn Dr. Ing. H.-M. Prasser


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