Briefwechsel zur Energiewende

1. Einleitung

1.1 Vorgeschichte

Am Samstag, den 4. März 2000 war ein Leserbrief von Dr. Ing. Schwarz in der Zeitung "Dresdner Neusten Nachrichten" abgedruckt mit dem Titel: "An der Kernenergie führt kein (grüner) Weg vorbei". Herr Schwarz vertrat darin eine Ansicht, die ich nicht nachvollziehen konnte. Deshalb schrieb ich einen Brief, der in leicht gekürzter Fassung auch in der Zeitung abgedruckt wurde. Von Herrn Dr. Schwarz erhielt ich keine Antwort. Aus diesem Leserbrief meinerseits wiederum entwickelte sich ein interessanter Briefwechsel mit einem Herrn Dr. Prasser. Er schickte mir einen Umfangreichen Brief, welchen ich mit meinem Bruder Friedemann gemeinsam beantwortete.

1.2 Intention

Der Grund mit welchem wir nun diesen Briefwechsel ins Internet stellen ist folgender:
  • Wir wollen dazu beitragen, die Problematik der dringend erforderlichen Energiewende zu diskutieren.
  • Wir wollen damit auf die Gefahren und Umweltzerstörung der heutigen Energiegewinnungsmethoden hinweisen.
  • Und wir wollen ein Bewußtsein, ein Verantwortungsgefühl und ein aktives Mitdenken in jedem hervorrufen.
Der elektrische Strom kommt nicht einfach nur aus der Steckdose. Die Disskusion ist noch nicht abgeschlossen, Fortsetzung folgt.

2. Leserbrief von Herrn Dr. Ing. Schwarz: "An der Kernenergie führt kein (grüner) Weg vorbei"

Aus den Dresdner Neuste Nachrichten vom 4./5. März 2000

Zum Beitrag "Streit um Laufzeiten für Atommeiler geht Weiter" (Ausgabe 5./6. Februar)
Die Grünen treten wieder einmal mit ihren mangelhaften energiewirtschaftlichen Kenntnissen gegen die Atomlobby an. Die Kernenergetiker sind inzwischen durch 570 Professoren verstärkt worden, die im September vergangenen Jahres ein "Memorandum zum geplanten Kernenergieausstieg" an die Bundesregierung richteten. Die Wissenschaftler ziehen mit den Argumenten des hohen Wissenschaftsstandarts, mit der deutschen SpitzentechnoIogie im Atomgeschäft, der guten Sicherheitstechnik und mit den ökologischen Vorteilen ins Feld. Diese Argumente allein werden aber nicht ausreichen, um die Gegner, die ihre unhaltbaren Sicherheitsbedenken geschickt populistisch an den Mann bringen, zum Umdenken zu bewegen. Auf das eigentliche Anliegen der Kernenergieentwicklung, für die Zeit nach der Erschöpfung des Vorrats an herkömmlichen Brennstoffen eine neue Energiequelle bereit zu stellen, das kann schon Mitte dieses Jahrhunderts erforderlich sein, wird im Memorandum nicht eingegangen.

Die Verfasser dieser Denkschrift setzten vermutlich voraus, dass den Verantwortlichen in der Regierung die elementaren Grundlagen einer Energieversorgung bekannt sind. Das wird sich aber als böser Irrtum herausstellen, wenn der Kernenergieausstieg per Gesetz verordnet werden sollte. Für Fachleute, die sich mit Zukunftsfragen der Energiewirtschaft befassen, wird der erzwungene Kernenergieausstieg aus nahe liegenden Gründen nur auf einen historisch kurzen Zeitraum begrenzt bleiben, der für den Wissenschafts- und Technologiestandort Deutschland aber einen herben Rückschlag bedeuten kann.

Tatsache ist, dass sich die Grünen mit ihrem Demo- Fußvolk an hausgemachten Entsorgungsproblemen hochziehen, die in anderen wichtigen Kernenergieländern wie Frankreich, USA, Japan u.a. überhaupt kein Thema sind. Die Entsorgung abgebrannter Brennelemente ist unbestritten ein sensibler Teilbereich des Kernbrennstoffzyklus, weil sie teilweise in offener Landschaft stattfindet. Wir kommen aber nach heutigem Ermessen um die Kernenergie und das Entsorgungsproblem nicht herum, wenn das Feuerwerk mit den herkömmlichen Brennstoffen aus ist, und der Energiebedarf dann noch einigermaßen gedeckt werden soll. Dass Sonne und Wind keine ernst zu nehmenden Alternativen für eine Großenergieversorgung sind, hat sich inzwischen auch außerhalb von Fachkreisen herumgesprochen. Noch können sich bei Flauten und Dunkelheit die Wind- und Sonnenkraftanlagen auf den vorhandenen Kraftwerkpark, einschließlich der Kernkraftwerke, verlassen. Mit diesen Stützen werden aber auch die Schwächen dieser Anlagen, wie sie heute betrieben werden, vertuscht. Wenn diese Kraftwerke mangels Brennstoff eines Tages nicht mehr zur Verfügung stehen, würden überall die Lampen ausgehen.

Für Deutschland mit seiner hohen Energiebedarfsdichte ist die m zuverlässige Versorgung mit Strom und Wärme ein viel zu ernstes Problem, um das man nicht wie um politische Meinungen und Glaubensbekenntnisse feilschen kann. Es geht schlicht und einfach um die Lebensgrundlage künftiger Generationen. Diese werden unsere energiewirtschaftliche Arbeit nicht danach beurteilen, wie wir gelebt, sondern wie wir für sie vorgesorgt haben. Wenn es um die letzten Erdöl- und Erdgasreserven geht, wird es auf der internationalen Bühne viel ernstere Probleme geben als jetzt von einigen bei der Atomenergie hochgespielt.
Dr. Ing. Karl Schwarz
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors

3. Leserbrief von Lukas Weidauer: "Nur mit Ausstieg aus der Kernenergie auf grünem Zweig"


Aus den Dresdner Neusten Nachrichten vom 11. März 2000

Zum Beitrag "An der Kernenergie führt kein (grüner) Weg vorbei" Leserzuschrift von Dr. Ing. Karl Schwarz (Ausgabe DNN 4./5. März 2000)
Sehr geehrter Herr Dr. Schwarz! Mich entsetzte an Ihrem Beitrag das alternativlose Denken und die Verharmlosung der Atomproblematik. Sie schreiben, dass Sonne und Wind keine ernst zu nehmenden Alternativen sind. Ich meine, regenerativen Energien gehört die Zukunft! Die Energiewende ist möglich, und sie muss kommen.
Ist es die Lebensgrundlage künftiger Generationen, wenn wir ihnen einen Nachlas jahrtausendlang strahlender Müllberge hinterlassen? Wenn durch weitere Atomunfälle ganze Regionen unserer Erde unbewohnbar gemacht werden? Das heute in den Atomkraftwerken verwendete Plutonium 239 hat eine Halbwertszeit von 24 400 Jahren; d.h. nach etwa 240 000 Jahren ist es weitgehend zerfallen und ungefährlich. 240 000 Jahre! Wie viele Generationen sind das? (Vor 150 000 Jahren entwickelte sich in Afrika der "Homo sapiens" aus dem " Homo erectus".)

Obwohl wir das wissen, wirtschaften wir so weiter, auch wenn gar nicht klar ist, wie und wo wir den todbringenden Atommüll auf so lange Zeit lagern. Das ist kein "hausgemachtes Entsorgungsproblem der Grünen", das ist das Problem der Kernenergie. Auch Frankreich, die USA und Japan haben für die sichere Entsorgung keine Lösung, vielleicht weil es gar keine gibt.

Und noch etwas zeigt eine einfache Rechnung: Heute gibt es weltweit fast 500 AKW�s die etwa 5 % des gesamten Weltenergiebedarfs decken. Wenn die fossilen Brennstoffe wie Kohle und Öl in vielleicht 50 Jahren verbraucht sind, und wir, wie Sie Herr Dr. Schwarz sagen, den Energiebedarf nur noch aus Atomkraftwerken beziehen, bräuchten wir 20mal so viele AKW�s, also etwa 10 000 Atomkraftwerke. Wer kann und will das "atomare Restrisiko" dann verantworten. Das "World Watch Institute" hat errechnet, dass es heute bereits 190 000 Tonnen Atommüll gibt, ohne dass sichere Endlagerungsorte gefunden seien. Wenn wir heute schon nicht wissen wohin mit dem Atommüll, wohin dann mit dem 20fachen?!

Kein Kernkraftwerk in Deutschland ist heute realistisch versichert. Welche Versicherung will dieses Risiko auch eingehen. Wenn jedes Atomkraftwerk richtig versichert wäre, würde der Preis für Atomstrom etwa das 10fache(!) betragen. Davon ist aber ein Atomkraftwerk noch nicht stillgelegt oder abgerissen. Die Stillegungs- und Abrisskosten sind etwa noch mal so hoch wie die Baukosten! Auch das ist noch nicht in dem heutigen Srompreis berechnet. Der Wirkungsgrad von Kernkraftwerken beträgt in Deutschland 30%; d.h. nur ein Drittel der entstehenden Energie kann genutzt werden. Auf den langen Wegen vom Kraftwerk zum Verbraucher geht noch mal sehr viel Energie verloren.

Wie schon am Anfang erwähnt, glaube ich, dass es noch eine andere Möglichkeit, jenseits von Kohle und Atom gibt! In 20 Minuten trifft durch die Sonne so viel Energie auf die Erde, wie die gesamte Erdbevölkerung in einem Jahr verbraucht. Mit Solaranlagen auf jedem Hausdach können wir in unseren Breitengraden 50% der Energie, die wir zum Heizen und 80%, die wir zur Erzeugung von Warmwasser benötigen, gewinnen. In Ländern um den Äquator (Afrika, Südamerika, Australien...) sogar die gesamte. Durch die Massenproduktion werden die Anlagen billiger und es entstehen Arbeitsplätze.

Mit gutem Beispiel geht die neugebaute Jugendherberge in Mirow (Mecklenburg Vorp.) voran. Sie deckt ihren gesamten Energiebedarf für Heizung und Warmwasser und einen Großteil ihres Stromverbrauchs aus regenerativen Energien. Eine Solaranlage, eine vollautomatische Holzhackschnitzel- Heizung, die Holzeinschlagabfälle der mecklengurgischen Forstwirtschaft verbrennt, und ein Pflanzen- Blockheizkraftwerk (es verbrennt Rapsöl aus der Region) decken, die für die kalkulierten 32 000 Übernachtungen im Jahr benötigten, 250- 300 MW.
Ein geplantes kleines Windrad soll den Rest der benötigten Energie liefern. Auch die Gemeinde Schönau im Schwarzwald zeigt uns einen Weg: Sie haben das Stromnetz gekauft und erzeugen ihren benötigten Bedarf an Energie durch Blockheizkraftwerke und erneuerbare Energien.
Wenn die Regierungen nur einen Bruchteil der Millionen und Milliarden, die sie für Atom, Kohle und Rüstung ausgeben in erneuerbare Energien und deren Weiterentwicklung stecken würden, würde die Energiewende nicht aufzuhalten sein!

Und noch ein großes, erst wenig genutztes Potential zur Energiegewinnung haben wir: die Biomasse. Sie erwähnten sie gar nicht, Herr Dr. Schwarz. Eine Kuh liefert jeden Tag so viel Energie durch ihren Mist, wie in einem halben Liter Erdöl steckt. Auf der Erde wachsen jedes Jahr 780 Milliarden Tonnen Biomasse, z.B. das China- Schilf, die sogenannten C4 Pflanzen. Im Gegensatz zu den in unserer Gegend bekannten C3 Pflanzen, hat es einen festeren Halm und dadurch mehr Biomasse. Aber es verbraucht weniger Wasser als diese, da es auch Nachts CO2 aufnimmt. Es wächst 10mal so schnell wie der Wald und wird in Europa bis zu 4 m hoch. Auf Brachland oder auf nicht mehr genutzten Ackerflächen, davon gibt es in Deutschland genug, können wir das Schilfgras anbauen. Es entstehen auch hier neue Arbeitsplätze und die Landwirtschaft erhält eine neue Perspektive.
Durch die Verbrennung in Blockheizkraftwerken, die einen Wirkungsgrad von 90% haben, weil sie auch die Abwärme nutzen, erhalten wir Wärme und Strom. Wichtig ist, dass bei der Verbrennung von Pflanzen, nur soviel CO2 entsteht, wie sie bei der Fotosynthese während ihres Wachstums verbraucht haben. Das heißt: kein Treibhauseffekt! Was wir brauchen sind viele solcher Anlagen, regionale Stromversorgung, - keine Großkraftwerke, die einen geringen Wirkungsgrad haben und durch lange Leitungen viel Energie verlieren.

Die folgenden Generationen werden sehr wohl beurteilen, wie wir gelebt, und wie wir ihnen die (Um)Welt hinterlassen haben! Wir sorgen nicht für sie vor, indem wir mit unserer heutigen Konsumgesellschaft unsere Erde weiter zerstören und ohne Rücksicht verbrauchen. Heute müssen wir umkehren, solange noch Zeit ist, und ihnen eine gesunde, wenn auch schon zum Teil zerstörte, Umwelt hinterlassen. Und wir müssen für eine zukunftsweisende Energieversorgung vorsorgen.
Lukas Weidauer, Schüler

4. Brief von Herrn Dr. H.-M. Prasser


Dresden, 10. April 2000

Sehr geehrter Herr Weidauer,
haben Sie herzlichen Dank für Ihre Ausführungen zum Leserbrief von Herrn Schwarz, die Sie mir zukommen lassen haben. Ich finde es gut, wie sehr Sie sich um die Zukunft der Menschheit sorgen, mehr noch - Sie setzen sich offensichtlich persönlich für Ihre Ideale ein. Wenn Sie mir nun Ihren Leserbrief in voller Länge zukommen lassen, so wollen Sie mich vermutlich von Ihren Argumenten zu überzeugen, indem Sie dafür sorgen, dass mir Ihre volle Argumentationskette zukommt, die Sie durch die Kürzungen der Redaktion beeinträchtigt fanden.

Sie werden es mir unter diesen Umständen nicht verübeln, wenn ich meinerseits auf Ihre Punkte im einzelnen eingehe. Sie beginnen mit einem engagierten Statement für die regenerativen Energiequellen. Ihrer Meinung nach muss die Energiewende kommen, die Feststellung von Herrn Schwarz, Sonne und Wind seien keine ernstzunehmenden Alternativen, greifen Sie an. Auch meiner Meinung nach ist eine Energiewende dringend erforderlich, dabei müssen die regenerativen Energien eine wichtige Rolle spielen.

Trotzdem sind sie, wie Herr Schwarz schreibt, keine Alternative für die Kernkraft. Der übers Jahr gemittelte Elektroenergiebedarf in Deutschland entspricht heute einer installierten Leistung von ca. 60 GW. Vielleicht zwei Drittel davon sind sogenannte Grundlast, die ständig verfügbar sein muss. Das ist der Knackpunkt. Nehmen wir einmal an, Deutschland würde durch Energiesparen im Jahre 2050 jährlich nur noch soviel Strom verbrauchen, wie 40 GW an installierter Kraftwerksleistung erzeugen. Nehmen wir weiter an, dass sich der Einsatz von fossilen Brennstoffen verbietet oder nicht mehr möglich ist, weil die Ressourcen zur Neige gehen. Man könnte sich vorstellen, dann 1500 Quadratkilometer Photovoltaik und 55000 Windgeneratoren der 1.5 MW-Klasse zu installieren, wie es Herr Scheer von der Bundestagsfraktion der SPD und Träger des alternativen Nobelpreises, den Sie sicher kennen, vorschlägt. Die Leistung, den diese Installation übers Jahr liefert, entspricht etwa der Energiemenge, die Kernkraftwerke mit 40 GW installierter Leistung liefern, die ja praktisch ständig verfügbar ist.

Das Problem ist: Bei maximalem Angebot liefern die Photozellen und Windgeneratoren etwa 230 GW, also weit mehr, als Sie verbrauchen, verkaufen oder speichern könnten. Nachts bei zufällig gleichzeitiger Windstille steht dem 0 GW gegenüber, die 40 GW (oder vielleicht nur 25 GW - nachts wird möglicherweise weniger verbraucht) müssen Sie irgendwie anders erzeugen. Sie werden sagen, da verbrennen wir Biomasse, aber Vorsicht, rechnen Sie erst einmal nach, ob die reicht! Ich kann das auf die Schnelle nicht überprüfen, aber umgerechnet auf Steinkohlekraftwerke müsste man für 40 GW sekündlich ca. 5 Tonnen Kohle (entspricht grob 10 Tonnen Kuhmist) verbrennen, die ja bekanntlich einen sehr guten Heizwert hat.

Sie werden auch behaupten, dass die Technologie des Energiespeicherns Fortschritte machen wird, Stichwort Wasserstoff. Sie dürfen aber nicht davon ausgehen, dass die Kilowattstunde gespeicherter Sonnenenergie billiger wird, als die direkt verbrauchte, die heute mehr als eine Mark kostet. Im übrigen stellen 1500 km2 Photozellen ein Investitionsvolumen von 3750 Milliarden DM (1 m2 kostet heute 2500 DM) dar - pro Kopf der Bevölkerung (80 Mio.) sind das ca. 40 - 50 tausend DM. Wenn die Photozellen ca. 20 Jahre halten, dann müssen jährlich pro Kopf (also Kinder und Rentner eingerechnet) für den dauerhaften Erhalt der Anlagen 2 - 3 TDM aufgebracht werden. Das wird sich mit der Massenproduktion der Zellen noch verringern, aber glauben Sie wirklich, dass der Quadratmeterpreis auf weniger als, sagen wir, 1000 DM absinken wird? In diesem Falle wären pro Kopf und Jahr in heutigem Geld 1000 DM für die Photozellen aufzubringen. Vergessen wurden bei der Rechnung noch die Kosten für die Infrastruktur, also Netzanbindung, eventuell Speicherung der Energie, die die genannte Summe noch weiter anwachsen lassen, und natürlich decken die Anlagen bestenfalls ein Drittel des Bedarfs.

Bei der vermeintlich zu erwartenden Kostenreduktion wird meiner Meinung nach zu leichtfertig die Parallele zu den Mikrochips gezogen. Dort haben wir in der Tat z.B. bei den Speicherschaltkreisen einen Preisverfall bei gleicher Leistung von 50 % in ca. 2 Jahren. Das läuft aber durch Vergrößerung der Integrationsdichte - mehr Bauelemente pro Flächeneinheit. Für Solarzellen brauchen Sie immer die selbe Fläche, dass ist durch die Solarkonstante von 1 kW/M2 (bei voller Sonne) vorgegeben. Unter Berücksichtigung der Wirkungsgradgrenzen brauchen Sie deshalb 1 m2 für 100 -150 W installierter Leistung, die dann leider in unseren Breiten im Mittel nur zu 10 % verfügbar ist.

Nun zum Plutonium: Es ist nicht die Kerntechnik, die ursprünglich das Plutonium ins Endlager packen wollte. Ein Kilogramm Plutonium liefert im Reaktor soviel Energie, wie die Verbrennung von 3000 Tonnen Steinkohle. Die Kernenergie war von vorn herein für einen geschlossenen, Brennstoffkreislauf konzipiert, bei dem das Plutonium eben nicht ins Endlager gelangt, sondern immer wieder in die Reaktoren zurückgeführt wird. Alle technischen Voraussetzungen hierfür sind da, die entsprechenden Werke existieren und es wird in einem nicht unerheblichen Maße praktiziert.

Erst durch den von der Politik unter Beifall der Atomindustrie eingeführten zweiten Entsorgungsweg "Direktes Endlager" kommt das zustande, was Sie kritisieren. Warum applaudiert die Industrie? Die direkte Endlagerung ist preiswerter als die Aufbereitung. Ich meine, sie ist Entsorgung zweiter Wahl - und eine politische Kapitulation. Haben sich die Umweltverbände hier etwa übers Ohr hauen lassen? Selbst wenn aus der Kernenergie ausgestiegen würde, was ich bezweifle, dann wäre es besser, vorher noch allen Atommüll in La Hague oder Sellafield (oder in einem neuen und vielleicht besseren Werk, wenn die beiden genannten Anlagen Ihren Ansprüchen nicht genügen sollten) aufbereiten zu lassen und das anfallende Plutonium in den (dann auslaufenden) Reaktoren zu verbrennen, einfach um den Nachkommen so wenig wie möglich langlebige Nuklide zu hinterlassen. Solche Vorschläge hört man irgendwie überhaupt nicht.

Übrigens haben die USA in diesem Zusammenhang eine eigene interessante Strategie entwickelt: Sie wollen kein Endlager, sondern ein sogenanntes "Retrievable Storage", also ein Lager, aus dem der abgebrannte Brennstoff zum Zweck einer späteren Abtrennung des Plutoniums zurückgeholt werden kann. Grund: Man will zukünftigen Generationen gegebenenfalls den Zugriff zum später einmal dringend benötigten Plutonium ermöglichen. Was die bisher weltweit angefallenen Mengen an nuklearem Abfall und deren todbringenden Eigenschaften betrifft, kennen Sie ja meine Meinung, denn Sie werden meine Zuschrift in der DNN vom 25./26. März 2000 gelesen haben.

Wenn Sie im Weiteren davon sprechen, dass eine Erhöhung des Kernenergieanteils sich schon wegen dem unverantwortbaren Restrisiko verbietet, dann haben Sie sich nie ernsthaft mit der Sicherheitstechnik in den heute laufenden und noch weniger in den in Entwicklung befindlichen Kernkraftwerken auseinandergesetzt. Die Umweltbewegung ist bei der Bewertung der Risiken der Kernenergie auf den technischen Stand der 60iger und 70iger Jahre stehen geblieben, indem die Auswirkungen von Harrisburg und Tschernobyl verallgemeinert werden. Dabei wird vergessen, dass es schon zwischen den beiden Ereignissen deutliche Unterschiede gab: Beide Havarien, Harrisburg und Tschernobyl, hatten extreme Reaktorkernzerstörungen zur Folge. Doch im Falle von Harrisburg blieben die Auswirkungen des Störfalls fast völlig auf die Anlage beschränkt. Der dortige Leichtwasserreaktor verfügte mit seiner sicherheitstechnischen Ausstattung, insbesondere dem Containment, schon damals über einen gewaltigen Vorsprung gegenüber dem RBMK in Tschernobyl. Harrisburg hat gewissermaßen den Weg zur Begrenzung der Auswirkungen aller denkbaren Störfälle auf die Anlage vorgezeichnet.

Ganz anders beim RBMK. Ein Containment hat er nicht. Und es ist die unheilvolle Kombination von Graphit als Moderator und Wasser als Kühlmittel, die dazu führt, dass sich eine zufällige Leistungserhöhung selbst weiter anheizen kann. Gerade was diese dynamischen Rückkopplungen betrifft, sind Leichtwasserreaktoren (aber auch der Kugelhaufenreaktor) schon seit eh und je inhärent sicher.

Die Sicherheit der Kernkraftanlagen ist seitdem jedoch nachhaltig erhöht worden. Zunächst sind durch konsequente Auswertung der beiden Störfälle echte Sicherheitsfortschritte erzielt worden. Die Lehren die gezogen werden mussten, sind- a) Kleine Leckstörfälle können zur Kernschmelze führen, auch wenn der Reaktor gegen ein großes Kühlmittelleck ausreichen gesichert ist, sie bedürfen daher zusätzlicher Sicherheitsmaßnahmen, b) die Sicherheit der nuklearen Kettenreaktion im Reaktor musste neu auf den Prüfstand, c) es müssen Maßnahmen zur gefahrlosen Vernichtung des bei der Kernschmelze auftretenden Wasserstoffs getroffen werden, um Gasexplosionen im Containment zu verhindern, d) moderne Leittechnik muss negative Auswirkungen durch menschliches Versagen verhindern. Auf diesen Gebieten sind nachfolgend an allen deutschen Anlagen die notwendigen Verbesserungen und Nachrüstungen durchgeführt worden - außer dort, wo Landesregierungen diese Nachbesserungen durch jahrelange Blockade der nötigen Genehmigungen verhindert haben, wie im Fall von Biblis BlocK A - ein absurdes Theater.

Sicherheit ist jedoch nicht Störfallfreiheit. Die "schlimmsten denkbaren Folgen" eines im Bereich des Restrisikos liegenden Störfalls sind zwar genauso wenig real, wie der Glaube an das perfekte Sicherheitssystem. Trotzdem wurde die Entwicklung weitergetrieben, um die Kernschmelze, auch wenn sie den Reaktorbehälter durchdringen sollte (was in Harrisburg nicht geschah) am Austritt in die Umwelt zu hindern. Durch spezielle Vorrichtungen (sogenannte "Core-Catcher"), kann sie im Containment zurückgehalten werden. Andererseits kann die Kernschmelze aber auch durch neue passive Notkühlsysteme verhindert werden. Für jede dieser beiden Strategien gibt es einen Prototyp- Den Europäischen Druckwasserreaktor EPR bzw. den Siedewasserreaktor SWR1000. Durch diese Entwicklungen wird das Restrisiko eines schweren Störfalls verantwortbar gemacht, weil die schlimmsten denkbaren Folgen auf ein vertretbares Niveau gesenkt wurden.

Auch bei der Frage nach der für Kernanlagen adäquaten Versicherung müssen Sie das reale Sicherheitsniveau berücksichtigen. Wegen der kleinen Eintrittswahrscheinlichkeit von Störfällen aus dem Bereich des Restrisikos wurde im Atomgesetz eine angepasste Form der Versicherung von Kernanlagen festgeschrieben - die nukleare Deckungsvorsorge. Dabei wird davon ausgegangen, dass nicht jedes einzelne Kraftwerk gegen derartige Ereignisse zu versichern ist, sondern dass man gewissermaßen zusammenlegt. Die Forderung nach Erhöhung der Versicherungssummen ist nichts als ein weiterer versuchter Nadelstich der Kernkraftgegner. Wenn Sie z.B. Ihr Haus gegen Meteoriteneinschlag versichern würden, dann würden Sie nichts anderes tun, als zeitlebens freiwillig Ihr Geld an andere abzugeben, nämlich zum Gewinn der Gesellschafter der jeweiligen Versicherung.

Zur StillIegung: Es war jahrelang das Argument der Kernkraftgegner, dass der Rückbau eines Kernkraftwerks technisch ungelöst sei. Mittlerweile sind mehrere Altanlagen ohne Probleme abgerissen worden. Jetzt benutzen die Atomgegner die Erfolge beim Rückbau als Argument für die Machbarkeit des Atomausstiegs. Dies jedoch nur nebenbei.

Warum schocken Sie die Stillegungs- und Abrisskosten? In der Tat kann man bei Greenpeace erfahren, dass der Rückbau etwa genau soviel kostet, wie die Errichtung eines Kernkraftwerks. Damit liegt Greenpeace nicht einmal sehr falsch, wenngleich internationale Vergleichsdaten zeigen, dass die Summen etwas geringer sind. In Frankreich geht man von 15 % der Errichtungskosten aus, in den USA wird für ein KKW mit 1100 MW ein Betrag von 500 Millionen Dollar genannt. Beunruhigen müssen Sie diese Kosten nicht, denn nach deutschem Atomgesetz ist der Betreiber für die Stilllegung verantwortlich. Genau hierfür und für die Endlagerung des Atommülls hat die Industrie die vielzitierten Rückstellungen von größenordnungsmäßig 50 Milliarden DM angelegt. Interessant wird es erst, wenn der Staat von seinen ursprünglichen Gesetzen abweichend diese Rückstellungen kassiert- Dann dürfte auch die Entsorgung in seine Verantwortung übergehen, und da würde der Steuerzahler das finanzielle (Rest-) Risiko tragen müssen.

Weiter: Sie kritisieren den Wirkungsgrad der Kernkraftwerke. Bei der Ungeheuern Energiedichte, die im Kernmaterial steckt, ist dies kein wirkliches Problem. Natürlich kann man durch eine Wirkungsgradsteigerung die Stoffströme, also die eingesetzte Brennstoffmenge und den anfallenden Nuklearmüll reduzieren. Voraussetzung ist, dass man dabei die Wirtschaftlichkeit nicht durch zu teuere Anlagen beeinträchtigt und dass das Sicherheitsniveau nicht absinkt. Heute ist der Leichtwasserreaktor mit ca. 33 % Wirkungsgrad wegen der ausgereiften technischen Lösung und dem Effekt der Serienproduktion das Zugpferd der Kernenergie.

Man sollte aber nicht vergessen, dass es andere Reaktortypen gibt, die schon als Prototypanlagen ihre Funktionsfähigkeit gezeigt haben. Schnelle Brutreaktoren, die mit flüssigem Natrium gekühlt werden, können leicht Wirkungsgrade von über 40 % erzielen. Beim in Deutschland entwickelten heliumgekühlten Kugelhaufenreaktor ist sogar ein GuD-Prozess realisierbar, mit Wirkungsgraden über 60 %, denn das heiße Gas velässt den Reaktor mit über 800� C. Nebenbei bemerkt ist der Kugelhaufenreaktor durch die spezielle Konstruktion der Brennelemente (der Brennstoff befindet sich innerhalb der kugelförmigen Brennelemente (0 4 cm) in kleinen Kügelchen, sog. Coated Particles, die mit SiC umhüllt sind) inhärent kernschmelzesicher. Im Übrigen kann man mit Kernkraftwerken auch Kraft-Wärme-Kopplung betreiben, das wurde in Greifswald praktiziert und das läuft in Stade noch heute. Deshalb ging ein Aufschrei durch die Reihen der Kernkraftgegner, als die Bundesregierung die Förderung der KWK beschloss, denn ohne eine entsprechende Zusatzklausel hätte man mit der KWK in Stade auch Kernenergie mitfördern müssen. Ich bin nicht genau informiert, aber ich denke, die Rot-Grüne Bundesregierung hat das rechtzeitig "korrigiert". Auch verstehe ich Ihren Einwand gegen die "30 %" Wirkungsgrad auch von einem anderen Standpunkt aus nicht: Die Photovoltaik kommt gerade mal auf ca. 15%.

Ich glaube, alles in allem wird es möglich sein, langfristig etwa 50 % unseres Energiebedarfs aus regenerativen Quellen zu decken. Der Rest wird aus Kernkraftwerken der ein oder anderen Art kommen - vielleicht sind auch Fusionsreaktoren dabei, sicher jedoch Brüter, denn auf die Umwandlung des nichtspaltbaren, aber im Natururan zu 99,3 % vorkommenden U-238 wird man nicht verzichten können. Das ist konform mit der Vision der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zum "Schutz der Erdatmosphäre", die in ihrem Abschlussbericht 1994 prognostiziert, dass Kernenergie und importierte erneuerbare Energien zusammen 2050 für die Hälfte unseres Energiebedarfs aufkommen müssen. Die Betonung liegt bei den regenerativen Energien auf "importiert", d.h. die einheimischen Quellen werden eine geringere Bedeutung behalten.

Sehen Sie sich Ihr Beispiel der Jugendherberge einmal genauer an: Sie können den Hausbedarf vollständig aus regenerativen Energien decken. Was ist aber mit der Energie, die für die Bewohner andernorts für die Herstellung von Speise, Kleidung, den Transport und anderer Waren benötigt wird? Die Anlagen, die Sie für die Gewinnung regenerativer Energie brauchen, werden mit anderer Energie irgendwo produziert, Sie kaufen sie für Geld, gewissermaßen "im Baumarkt". Extrem ist es bei der Photovoltaik - die Zellen müssen erst einmal einige Jahre laufen, bis sie den Energiebedarf den sie bei ihrer Herstellung verursacht haben, wieder hereingewirtschaftet haben (Beim Kernkraftwerk dauert dieser Vorgang genau ein halbes Jahr), mal abgesehen von Emissionen in diesen Bereichen oder den Gefahrstoffen, mit denen z.B. bei der Reinstsilizium-Herstellung umgegangen werden muss (Stichwort Reinstsiliziumwerk Dresden-Gittersee). Und was in der ländlichen Jugendherberge funktioniert, kann wohl kaum auf Ballungsgebiete mit viel Industrie (z.B. Ruhrgebiet) oder Großstädte übertragen werden. Ihr Bilanzkreis ist halt nicht vollständig, deshalb kommen Sie zu voreiligen Schlüssen.

Für die Kernenergie spricht ihre große Leistungsfähigkeit bei kleinsten eingesetzten Brennstoffmengen und entsprechend kleinen Abfallströmen, die Grundlastfähigkeit, die langfristige Verfügbarkeit von Brennstoff über viele Jahrtausende und das erreichte hohe technische Niveau. Sie ist da und kann genutzt werden. Bei der Energiewende muss sie die Lücken schließen, die die regenerativen Quellen nicht schließen können oder umgekehrt, jedenfalls heißt die grüne Energieformel der Zukunft Kernenergie + regenerative Energiequellen + rationelle Energieanwendung, alles ohne C02 und ohne fossile Brennstoffe, die es irgendwann einmal nicht mehr geben wird. Erdgas kann nicht mit in diese Formel aufgenommen werden, wie es die Grünen und die Umweltverbände tun, denn das ist die Ressource mit der kürzesten Restlaufzeit.

Wer die Kernenergie abschaffen will, sollte erst zeigen, dass es einen gleichermaßen umweltfreundlichen Ersatz gibt. Erst aussteigen und dann suchen, da gehen Sie meiner Meinung nach das eigentlich unvertretbare Risiko ein, nämlich das des Scheiterns Ihrer Visionen. In diesem Fall würde die gesamte Menschheit ins Unglück gestürzt, durch die drohenden Klimaveränderungen oder / und den Verlust der Sozialverträglichkeit der Energieversorgung.

Ich hoffe, dass meine Einwürfe Sie überzeugen konnten, oder doch zumindest zur Fortsetzung der Diskussion anregen. In diesem Zusammenhang würde ich Sie auch gern gelegentlich persönlich kennen lernen. Vielleicht kommen Sie mal auf meinen Arbeitsplatz, da könnten wir etwas intensiver diskutieren. Auch könnte ich Ihren Freundeskreis einmal mit einem Pro-Kernkraftvortrag "beglücken", nach dem Sie versuchen könnten, meine Ansichten ad absurdum zu führen.
Mit freundlichen Grüßen H.-M. Prasser
(Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis des Autors)

5. Brief von Lukas und Friedemann Weidauer

Dresden, den 10. Mai 2000

Sehr geehrter Herr Prasser,
mit Freude habe ich den Brief gelesen, welchen Sie meinem Bruder Lukas geschrieben haben! Sie zeigen darin eine meiner Ansicht nach sehr konstruktive Art, sich mit der Problematik Energiewende auseinander zu setzen. Ich finde, dass durch solch eine sachliche Art der Diskussion tatsächlich ein Fortschritt in den oft verhärteten Fronten des Pro und Kontra Atomstrom erzielt werden kann.<

Sie zeigen dies auch durch die Tatsache, sich als offensichtlich engagierter Forscher überhaupt darauf einzulassen, mit einem "normalen Schüler" so zu diskutieren. Dabei schütteln Sie seine Argumente nicht als inkompetent ab, sondern versuchen sie zu verstehen und entweder durch fachliche Kompetenz zu erweitern oder anhand Ihrer gegenteiligen Meinung zu widerlegen.

Mit großem Interesse habe ich den Einsatz von Lukas, sich zu dieser aktuellen Thematik auch in den öffentlichen Medien zu äußern, begleitet. Als mir mein Bruder jetzt Ihren Brief zeigte wurde mir deutlich, dass sich daraus eine interessante weitere Diskussion ergeben könnte, die nicht auf gegenseitigem zu nichte machen sondern auf dem sinnvollen Ergänzen von Wissen, Gesichtspunkten, Fragen und Denkanstößen beruht.<

Sie werden es mir deshalb nicht verübeln, wenn ich mich als vier Jahre älterer Bruder, Friedemann, zur Zeit Zivildienstleistender, in Ihren Briefwechsel einmische und wie Lukas auch, um das schon mal vorweg zu nehmen, sehr daran interessiert wäre, Sie an Ihrem Arbeitsplatz in Rossendorf zu besuchen.

Im Folgenden wollen wir nun gemeinsam versuchen, auf Ihre umfangreichen Ausführungen einzugehen. Dabei muß natürlich erwähnt werden, dass wir zunächst mit einer gewissen inneren Grundhaltung der Verantwortung gegenüber Welt und Leben und deren Erhaltung für viele zukünftige Generationen heran gehen und unsere fachliche Basis sich aus angelesenem Wissen zusammensetzt. Dabei können und wollen wir niemals Ihre offensichtliche fachliche Kompetenz überbieten. Die verwendeten Quellen werden selbstverständlich auch genannt. Zugeben muß ich, dass Lukas über ein umfangreicheres Wissen auf diesem Gebiet verfügt. Ich möchte mich nicht aus fachlichem Besserwissen sondern aus Hochachtung vor der von Ihnen beiden angeschlagenen Art und Weise der Diskussion beteiligen!

Auch ich, Lukas, habe mich sehr über ihren Brief gefreut. Er gab mir Anstöße, meine Argumente nochmals zu durchdenken und Bücher und Informationen kritischer zu lesen.
Wenn wir Sie richtig verstanden haben, gehen auch Sie von einer dringend erforderlichen Energiewende hin zu erneuerbaren Energien aus, betrachten dabei aber die Atomenergie als unverzichtbar. Sie gehen davon aus, etwa 50% des gesamten Energiebedarfs auch weiterhin mit Atomstrom abdecken zu müssen. Wobei Sie von einer durch technischen Fortschritt sichereren Atomkraft und eines gelösten Müllproblems ausgehen. Der Einsatz fossiler Brennstoffe verbiete sich oder sei nicht mehr möglich.

Zunächst gehen Sie davon aus, dass bis zum Jahr 2050 ein Drittel der installierten Leistung von 60 GW eingespart werden könnte. Durch den Einsatz von 1500 km2 Photovoltalik und 55000 Windgeneratoren könnten die verbleibenden 40 GW aufgebracht werden, was jedoch noch Schwierigkeiten des Speicherns (nachts bei zufällig gleichzeitiger Windstille) aufweist. Auch wir sind der Meinung, dass der erste Schritt zur Energiewende, die Energieeinsparung ist! Neben vielen Möglichkeiten, ein Drittel der momentan benötigten Energie einzusparen (ersetzen von Stand-by-Schaltungen, entwickeln extrem stromsparender Geräte, besseren Dämmungen von Häusern, Passiv-, Niedrig- und Nullenergiehäusern und Effizienzsteigerungen) muss vor allem ein Bewußtsein in der Bevölkerung entwickelt werden, welchen Wert Energie eigentlich hat und dass sie zur Zeit nur verbunden mit erheblichen Risiken für Mensch und Umwelt im Überfluss produziert werden kann. Dabei helfen Billigstromanbieter, die ausschließlich Atomstrom zu Dumpingpreisen verkaufen, wenig weiter.

Übrigens besteht die von dem Architekten Rolf Disch neu gebaute "Solarsiedlung am Schlieberg" in Freiburg sogar aus Plusenergiehäusern. Die 210 Häuser produzieren mehr Strom als die Bewohner verbrauchen können. Und die Baukosten waren nicht höher als bei herkömmlichen Häusern.1)

Es ist richtig, dass das Problem des Speicherns besteht. Am Meer, an Flussläufen und in Mittelgebirgen, wo Windräder stehen können, wird zwar niemals gleichzeitig eine absolute Windstille herrschen und somit nchts gar kein Energie vorhanden sein (zumal ja auch noch Wasserkraft Strom liefert). Es wäre jedoch eine deutlich geringere Menge. Die Speicherung von kleinen Energiemengen stellt kein Problem dar, was z.B. die Solarfassade an der Südwand des Greenpeace Lager- und Werkstättenhauses in Hamburg, die den Strom für die Beleuchtung des Hauses liefert, zeigt.2) Das Problem sind Ballungsgebiete und Spitzenleistungen. Neben dem Wasserstoff gibt es noch Pump- und Luftspeicherkraftwerke, deren Weiterentwicklung noch fortgesetzt werden müsste, worauf Sie ja bereits bezug nahmen. Es ist uns auch die Frage, ob man weiterhin viele Millionen in die Weiterentwicklung der Atomtechnik (z.B. Fussionsreaktor) stecken sollte oder dieses Geld für die Erforschung von Speichertechniken verwenden. Dabei muss man bedenken, dass heute sehr viel mehr Geld für die Erforschung und Erhaltung der Kernenergie als zur Entwicklung der regenerativen Energien ausgegeben wird. (Es soll aber nicht darum gehen an der Weiterentwicklung der Sicherheit der bestehenden Anlagen zu sparen!)

Anschaulich rechnen Sie vor, dass mit dem Einstieg in regenerative Energien, namentlich dem Solarstrom, auch immense Kosten verbunden sind. Da müssen wir Ihnen Recht geben!
Leicht denkt man auch, dass �Atomausstieg� und �Solareinstieg� die vollständige grüne Energiewende bedeuten würde, vergißt dabei aber den noch weitaus größeren Anteil von Kohle, Öl und Gas am heutigen Energiemix. Und wir reden hier ja nicht nur vom Atomausstieg sondern von einer vollständigen Energiewende hin zu erneuerbaren Energien, mit dem Ziel, die Belastungen von Mensch und Umwelt durch Emissionen und radioaktive Strahlungen zu beseitigen.

Wir können Ihnen hier weder beweisen, dass sich die zukünftig benötigten Energiemengen zu 100% aus regenerativen Energien erzeugen lassen, noch können wir Ihnen eine Rechnung vorlegen, welche veranschaulichen würde, ob und wie sich dieses Ziel rechnet. Es geht ja zunächst auch darum, dieses Ziel wirklich zu fassen und Möglichkeiten zu schaffen Schritt für Schritt darauf zugehen zu können. Das heißt z.B. konkret, eine kostendeckende Vergütung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen zu schaffen, womit wir auf den beigelegten Ausschnitt aus dem Buch "Zukunftsfähiges Deutschland", einer Studie des Wuppertalinstituts, herausgegeben vom BUND und Misereor, hinweisen möchten. Auch zeigt die gute Resonanz zum 100.000 Dächer-Programm der Bundesregierung in der Bevölkerung, dass ein Interesse da ist. 3700 Anträge über eine Leistung von 32 Megawatt sind schon genehmigt worden. Weitere 7000 Anträge über 54 MW liegen noch vor. (Siehe DNN, 5.5.00) Die Anlagen rechnen sich mit dem neuen Vergütungsgesetz und der Förderung.

Franz Alt geht in seinem Buch "Die Sonne schickt uns keine Rechnung-Die Energiewende ist möglich" davon aus, dass die Kilowattstunde aus Photovotailik von heute 1,60 bis 2,00 in den nächsten vier Jahren auf 40 bis 50 Pfennig sinken wird. "Joachim Nitsch und seine �Studiengruppe Energiesysteme� errechneten, dass Deutschland bis zum Jahr 2005 bereits zu 13 % mit Solarenergie versorgt werden könnte, bis zum Jahr 2030 zu 50 % und bis zum Jahr 2050 zu 70 %." 3)>

Auch schreiben Sie, dass die gespeicherte Sonnenenergie nicht billiger sein würde als die direkt verbrauchte. In kleinen überschaubaren Anlagen wird der Preis nicht viel höher sein. Teurer wird er wahrscheinlich dann, wenn man die Energie z.B. in Form von Wasserstoff aus Solaranlagen aus dem Mittelmeerraum transportieren müsste.

Die Kosten für den Solareinstieg führen Sie in Ihrem Brief sehr beschaulich an. Schade allerdings, dass sie dieselbe Rechnung nicht für den Atomeinstieg in den 70iger, 80iger Jahren gemacht haben. Ob der Solareinstieg wirklich teurer sein würde als der damalige Atomeinstieg möchten wir bezweifeln. Die staatlichen Aufwendungen lagen alleine von 1979 bis 1984 für die Grundlagenforschung der Kernenergie bei 11,1 Milliarden DM und die Kernenergieförderung insgesamt bei 17,8 Milliarden DM. (Nur nebenbei: Die Förderung im selben Zeitraum für die Erforschung erneuerbarer Energien und der rationellen Energienutzung lag bei 1,6 Milliarden DM) Die Investitionskosten beim Bau von Atomkraftwerken sind stark angestiegen: Lagen die Kosten eines AKW vom Typ Biblis (1200 MW) 1975 noch bei 1 Milliarde DM, so stiegen sie 1980 auf 2,5 Mrd. DM, 1985 auf 4,6 Mrd. DM bis zum Jahr 1990 auf 6,2 Mrd. DM. (Zurückzuführen ist dieser Preisanstieg auf einen in der Einführungsphase nicht kostendeckenden Preis, und dadurch entstandene Verluste, sowie durch wachsende Sicherheitsvorkehrungen.)4)

Wir wissen nicht genau, wann die deutschen Atomkraftwerke gebaut wurden. Doch nehmen wir an, dass der Zeitraum etwa zwischen 1970 und 1990 lag. Nehmen wir weiter an, dass die Kosten durchschnittlich pro AKW bei 3 Milliarden lagen, so kommen wir auf eine Summe von 105 Milliarden DM. (35 AKW�s, 19 derzeitig in Betrieb, plus etwa 16 außer Betrieb, eingestellt oder im Abriss5)) Hinzu kommen die Kosten der Wiederaufarbeitung, des Abrisses, der Endlagerung und Ausgaben, die sozusagen "in den Sand gesetzt" wurden, z.B. WAA Wackersdorf, der Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop und das AKW Mülheim-Kärlig. Auch die Entwicklung und Planung des schellen Brüters verschlang Millionen. Ende 1966 gab der Leiter des Projekts Wolf Häfele nach den ersten Planungen den Preis mit 300 Millionen und den ersten Probelauf im Jahr 1973 bekannt. 1970 waren es bereits 500 Millionen, Anfang März 1972 1,075 Milliarden und im Februar 1976 musste der damalige Bundesforschungsminister Hans Matthöfer die Fertigstellung auf 1981 bekannt geben, die Kosten beliefen sich inzwischen auf 2,3 Milliarden DM. 1981 wurde die Inbetriebnahme auf 1986 verschoben, Kosten: zwischen 5 und 7 Milliarden DM.4)

Die Weltbank hat schon mehrmals deutlich gemacht, etwa wenn es um Reaktorpläne in Russland ging, dass das Investitionsaufkommen für Alternativen zur Atomtechnik sogar niedriger wäre als die Kosten für die technische Aufbesserung vorhandener Atomkraftwerke, geschweige denn für den Neubau von Atomkraftwerken.6)>sup

In Bezug auf die Fragen nach einer für Kernalagen ausreichenden Versicherung haben Sie sicher den Artikel in der DNN vom 27.4.00 gelesen in welchem sich auch Mediziner, Juristen und Natürschützer (BUND) äußern.

Sie beziehen sich in Ihrem Brief auf die Abrißkosten eines AKW�s in Frankreich und den USA, mit 15% bzw. 500 Millionen Dollar. (Wieviel Prozent sind diese 500Mio der Baukosten?) Außerdem sagen Sie, Greenpeace ginge davon aus, dass der Rückbau bei ca. 100% der Errichtungskosten liege. Dazwischen liegen 85% Meinungsverschiedenheit, von denen wir nicht wissen, ob sie durch Länderunterschied oder verschiedene Berechnungen entstanden sind. Wir wissen aber, dass der Rückbau des AKW�s in Lubmin (bei Greifswald) zwischen 1990 bis 2035 (Von der Abschaltung bis zum Ablaufen des Zwischenlagers Nord, wo etwa 100 000 Tonnen des AKW�s 30-40 Jahre Zwischengelagert werden) 6,2 Milliarden DM kosten.7) Von der Höhe der Kosten des AKW�s in Lubmin ausgehend würden die 50 Milliarden DM Rückhaltung nicht ausreichen, da der Abriss schon 12,4% verbraucht und jetzt noch, neben schon stillgelegten Anlagen, 19 in Betrieb sind. Ein Teil der 50 Milliarden Rückstellung der Atomindustrie nutzte der Betreiber RWE, um auf dem Telekommunikationsmarkt mitzuverdienen, was schief ging. (Otelo mussten Sie 1998 nach 1,7 Milliarden DM Verlusten verkaufen.) 6

Die Frage ist hier einerseits, wieviel Prozent als Rückbaukosten realistisch sind und andererseits, ob die Rückhaltekosten, angesichts der oben aufgeführten Überlegungen, ausreichend sind. Die Frage ist auch, ob ein nicht von den Betreibern verwalteter Fond für die Abriss- und Entsorgungskosten, dessen Zinserträge in die Weiterentwicklung von erneuerbaren Energien gesteckt werden könnten, sinnvoll ist.

Aufmerksam haben wir gelesen, dass die Kernenergie von vornherein für einen geschlossenen Brennstoffkreislauf konzipiert war, bei dem das abgespaltene Plutonium wieder in die Kraftwerke zurück gelangen sollte. Hier sind bei uns allerdings große Fragen entstanden. Denn wenn das so machbar ist, warum geschieht es dann nicht? Und entsteht dadurch nicht letztlich noch mehr Müll, weil sämtliche Werkzeuge und Behälter auch verstrahlt werden? (Greenpeace spricht vom 20ig-fachen) Warum wird zugelassen, dass durch deutsche Akwbetreiber bislang 4000Tonnen hochradioaktive Brennelemente nach Sellafield und La Hague transportiert wurden, um letztlich doch im "Zwischenlager" zu landen? Und das obwohl seit 1993 bekannt ist, dass die Strände um Sellafield z.B. mit dem 34000fachen des Durchschnittwertes eines deutschen Ackerboden mit Plutonium verseucht sind, weil radioaktive Abfälle ins Meer gepumpt werden und die Leukämierate bei Kindern dort bis zum 10fachen höher liegt als im restlichen Großbritannien. Ist das nicht unsere Schuld?

Für Sie existiert offensichtlich gar kein Entsorgungsproblem, weil man den entstandenen Abfall ja wieder aufbereiten könnte. Die Wiederaufbereitung von Atommüll ist aber keine schadlose Verwertung, sondern vergrößert die Mengen des Atommülls noch weiter.6) De facto existiert in Deutschland kein genehmigtes Endlager, trotz Jahrzehnte langer intensiver Suche.

Und, ob Wiederaufbereitung oder nicht, bereits heute existieren 190 000 Tonnen Atommüll, die weder aufbereitet, noch sicher endgelagert in den sogenannten Zwischenlagern auf eine "bessere Zukunft" warten. Die davon ausgehenden Gefahren und gesundheitlichen Risiken sind nicht zu bestreiten.

Bitte verstehen Sie das nicht falsch; die Bauern im Wendland demonstrieren nicht aus Spaß am Protest oder der unüberlegten Revolution, sie treten ein für eine lebenswerte (unverstrahlte) Zukunft Ihrer Heimat und Lebensgrundlage. Dort existieren Probleme, die nicht ignoriert werden können und deren Lösung seit Jahrzehnten aussteht.

Sie schreiben von der hohen Sicherheit der deutschen Atomtechnologie. An die Öffentlichkeit dringt oft das Gegenteil. Der Gutachter Dr. Helmut Hirsch (er arbeitet u.a. für den BUND) meint: deutsche AKW�s sind nicht so sicher wie immer behauptet. Zum Beispiel die ältesten Druckwasserreaktoren Obrigheim und Stade weisen hohe Versprödung auf. Auch Dr. Ilse Tweer, Gutachterin u.a. für das Land Niedersachsen und für die Bundesregierung Österreich, sagt: "Ab einer Betriebszeit von etwa 20 Jahren ist mit einem deutlichen Ansteigen der alterungsbedingten Verschlechterung der Werkstoffeigenschaften und damit auch mit einem deutlich erhöhten Gefahrenpotential zu rechnen".6) Nach unserem Wissensstand ist das Sicherheitskonzept für Atomkraftwerke aus den 70iger Jahren. Aber das ist ja gerade der "Hinkefuß" der Umweltbewegung, wie Sie schreiben, im Hinblick auf die angeblich stark verbesserten Sicherheitsanlagen der dt. AkWs. Nach Angaben der Zeitung für den Atomausstieg sind die heutigen Anlagen nicht gegen Wasserstoffexplosionen geschützt und verfügen nicht über ein zweites Abschaltsystem für den Notfall. Sind diese Angaben veraltet?

Der Super- GAU 1986 in Tschernobyl lastet der Atomenergie schwer an. Es ist schwer zu sagen: das war vor 14 Jahren. Heute sind viele Anlagen sicherer. Offensichtlich sind die Sicherheitssysteme mindestens in Deutschland heute wesentlich weiter entwickelt. Tschernobyl läuft aber heute noch und zahlreiche solcher Anlagen in Ländern, die kein Geld für neue Anlagen und �Sicherheit� haben. Was nützt es uns, und das müssen wir uns wirklich fragen, wenn wir angenommen in Deutschland die sichersten Anlagen haben, und in der Ukraine oder in Indien geht die nächste Anlage in die Luft? Der 1999er Unfall in Japan zeigte aber, dass es auch in technisch hoch entwickelten Ländern zu derartigen Zwischenfällen kommen kann. Es war wieder einmal menschliches Versagen und dieses kann wohl auch bei noch so ausgeklügelten Systemen nie ganz ausgeschlossen werden.

Wir können zunächst nur vom Atomausstieg in Deutschland sprechen. Ein weltweiter Ausstieg wäre aber vonnöten. Den können wir aber noch viel weniger herbeiführen als den sofortigen Ausstieg in Deutschland. Es ist vielleicht ein Wunsch, eine Vision. Aber gerade im Blick auf die weltweite Situation wäre es gut, wenn Deutschland als hochentwickeltes Industrieland mit gutem Beispiel voran geht. Dieses "Zeichen setzen" gilt natürlich auch für die Sicherheit der AKW�s bis zum endgültigen Atomausstieg.

Wissen Sie, in der Bevölkerung herrscht oft eine große Angst vor dem scheinbar unüberschaubaren Risiko der Atomkraft. Diese Angst wird natürlich durch Unfälle wie 1999 in Japan oder 1986 in Tschernobyl und die teilweise massive Verlogenheit der AKW-Betreiber (was jüngstens auch der Castor- Skandal und die Messfälschung in Sellafield zeigten) verstärkt. Oft kommen Zwischenfälle, Störungen und Unfälle erst später und fast durch Zufall an die Öffentlichkeit. Auch in Japan wurde die umliegend wohnende Bevölkerung erst viel zu spät informiert. Solche Vorkommnisse erzeugen Wut, Angst und großes Mißtrauen gegen die scheinbar übermächtige Atomlobby.

Was immer auch geschehen mag, wenn sich Unfälle, die nie ganz auszuschließen sein werden, mit regenerativen Energien ergeben - sie werden nie das Ausmaß eines nuklearen Unfalles, geschweige denn eines Super-GAUes annehmen!

Dass die Strahlung in der Nähe von Atomtransporten gesundheitheitsschädlich ist, belegte schon im Sommer 1995 eine Studie des Marburger Nuklearmediziners Horst Kuni. Er berechnete eine 30mal höhere biologische Wirksamkeit von Neutronenstrahlung als die deutsche Strahlenschutzverordnung vorschreibt. Bei dem Castor-Skandal 1998 der "schwersten Vertrauenskrise seit Tschernobyl" (SPD), kam an die Öffentlichkeit, dass Atomkraftwerkbetreiber anscheinend jahrelang (seit 1985) von der stark überhöhten Verstrahlung (bis zu dem 1000fachen) von den Behältern gewusst hatten. "Die vom Atomgesetz zwingend geforderte Zuverlässigkeit der Betreiber ist damit massiv in Zweifel gezogen!"6) Das damalige Umweltministerium erklärt, von den verstrahlten Behältern sei keine Gefahr für das Begleitpersonal oder die Bevölkerung ausgegangen. Diese Erklärung kommt, und da kann man sicher sein, nach jedem Vorfall, obwohl doch erwiesen ist, dass Strahlung die Gesundheit schädigt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an den sogenannten "Transnuklearskandal", bei dem tausende Atommüllfässer illegal verschoben, Schmiergelder in Milliardenhöhe gezahlt und Arbeiter verstrahlt wurden6

Kommen wir zum nächsten. Am 22. August 1988 kam es zu einem Beinah- Zusammenstoß zwischen einem mit hochradioaktiven Atommüll beladenen Güterzug und einem mit Propangasflaschen gefüllten Triebwagen. Etwas weniger Glück und die aus den Gasflaschen schießenden Flammen hätten die Atommüllbehälter stundenlang "gekocht". Auch am 4. Februar und im Juli 1998 kam es zu Unfällen bei Castortransporten. Ein Zug entgleiste und ein Behälter wurde beim Umladen in Magdeburg aufgeschlitzt. Diese Unfälle zeigen, Atommüll ist eine zu gefährliche Fracht, die nicht ständig durch die Gegend gefahren werden kann.

Der Ingenieur Professor Elmar Schlich, er lehrt und forscht an der Universität Gießen im Fachgebiet Technik des Haushalts, arbeitete u.a. für die Hanauer Atomfirma Nukem und analysierte die Schwachstellen des Castor- Konzepts der Firma GNS, kritisiert mangelnde Sicherheitstest der Castor- Behälter. Er bezweifelt auch, dass sie die 30- 40 Jahre Zwischenlagerung dichthalten. Was passiert mit den Behältern nach der "Zwischenlagerung" ohne sicheres und genehmigtes Endlager?

In der Jugendherberge in Mirow ist es möglich, den anfallenden Bedarf an Energie mit erneuerbaren Energien zu decken. (Auch nachts und im Winter.) Was soll dieses Beispiel zum Ausdruck bringen? Dass es möglich ist, so zu wirtschaften! Und dass so etwas noch in vielen, wenn nicht sogar allen Jugendherbergen und bestimmt auch in Krankenhäusern und Pflegeheimen eine Alternative wäre. Es kommt viel auf eine regionale Stromproduktion und Lösungen an.

Richtig ist, dass auch die Produktion von Solarzellen z.B. Energie benötigt und Emissionen oder Gefahrenstoffe erzeugen kann. Es wäre keinem damit geholfen, durch die Produktion umweltfreundlicher Energieträger oder Materialien letztlich noch mehr Umwelt zu verschmutzen! Es ist nach der Studie des Wuppertalinstituts "Zukunftsfähiges Deutschland" allerdings möglich, die Amortisationszeit deutlich zu verringern: "Die energetische Amortisationszeit ist hoch (...sie) liegt heute noch zwischen 5 und 9 Jahren (für Windenergiekonverter an windgünstigen Standorten jedoch nur im Bereich weniger Monate). Es gibt aber berechtigte Hoffnungen, dass sich der Energieaufwand, ebenso wie die Materialintensität, durch neue Herstellungsverfahren und Zellenarten (z.B. Übergang auf Dünnschichtzellentechnologie, Gerätezellen etc.) in Zukunft deutlich verringern lässt. Z.B. erwartet man, dass die Energie- Amortisationszeiten der Dünnschichtzellen in Zukunft auf etwa ein Jahr zurück gehen werden."

Natürlich kann man das Beispiel der Jugendherberge Mirow nicht in den direkten Vergleich mit Ballungsgebieten bringen. Dass die Energie, die z.B. für die Herstellung von Lebensmitteln oder andere Waren benötigt wird, wahrscheinlich nicht aus erneuerbaren Energien stammt, ist richtig, kann heute aber leider noch nicht anders erzeugt werden.

Die Energiewende ist möglich und muß kommen! Wir können aus unserem derzeitigen Wissen und den oben angeführten Gründen nicht von einem Fortbestehen der Atomenergie, noch von ihrer Erweiterung als "Klimaretter" überzeugt sein. Das Müllproblem ist weder gelöst noch ist eine Lösung in Sicht. Wir hinterlassen unseren Kindern und allen zukünftigen Generationen damit Probleme deren Lösung wir von Anfang an hätten ernster nehmen müssen. Aber wir wollen diese Verantwortung gegenüber Welt und Leben nicht tragen. Trotz allen Sicherheitsvorkehrungen bleibt ein "Restrisiko", was nie auszuschließen sein wird. Um dieses tatsächlich durch technischen Fortschritt flächendeckend auf ein "vertretbares Niveau" (wie viele Menschenleben sind eigentlich ein "vertretbares Niveau" und wer vertritt es denn im Ernstfall?) abzusenken entstünden Kosten, die wesentlich sinnvoller in erneuerbare Energiequellen investiert werden müssen. Die Energiewende bedeutet neben dem Ausstieg aus der Atomenergie auch eine Vermeidung der Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen, wie Kohle, Öl und Gas. Es kann sich aber in beiden Fällen nur um einen überlegten und nicht überstürzten Ausstieg (bzw. Einstieg) handeln. Erst aussteigen und dann suchen wäre, wie Sie richtig schreiben ein Holzweg. Die zukünftige Formel muss heißen: massive Energieeinsparungen + Effizienzsteigerungen + Umstellung auf regionale Stromversorgung + Investiponen in die Weiterentwicklung alternativer Energieträger, so dass sich daraus eine 100% Energiegewinnung aus regenerativen Quellen ergeben kann.

"Wer keine Gifte in der Muttermilch will, muss die Herstellung dieser Gifte verbieten; wer keine weitere Landschaftszerschneidung will, muss den Straßenneubau einstellen oder erschweren; wer eine bestimmte Kulturlandschaft erhalten will, muss die Rahmenbedingungen so setzen, dass sie bestehen bleibt. Am Anfang steht also eine Wertentscheidung. Erst dann ist zu fragen, wie das als richtig erkannte Ziel am besten zu erreichen ist. Erst hier kommt die Frage nach angemessenen Instrumenten ins Spiel. Und erst hier wird auch relevant, welchen Beitrag marktwirtschaftliche Instrumente leisten können, um ein als ökölogisch sinnvoll erachtetes Ziel zu erreichen."8

In diesem Sinne grüßen Sie herzlich Lukas und Fiedemann Weidauer

Anmerkungen:

1) DNN vom 31.03.00 und GPM 1/00
(Internet: www.solarsiedlung.de)

2) Solarfassade- Ästhetik mit Power, Greenpeace 11/94

3) Franz Alt: Die Sonne schickt uns keine Rechnung- Die Energiewende ist möglich

1. Auflage 1994, 7. Auflage 1997

4) Gute Argumente Energie, herausgegeben von Dieter Seifried, 3. Auflage 1991

5) GPM 6/96

6) Zeitung für den Atomausstieg (2. Auflage)

7) P.M. 2/99

8) aus "Zukunftsfähiges Deutschland" Birkhäuser 1997


5.1 Anhang


6. Antwort von Dr. Ing. H.-M. Prasser

Dresden, Januar 2001

Liebe Herren Lukas und Friedemann Weidauer,

vielen Dank für Ihren Brief vom 10. Mai 2000. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Es ist wie Sie sagen: Die Diskussion um die Energiewende steckt in einer "nuklearen" Sackgasse, aus der sie nur heraus geholt werden kann, wenn die verhärteten Fronten durch ein ruhiges und sachliches Miteinander Reden ersetzt werden. Ich möchte gern auf Ihre Argumente und Fragen eingehen, sofern mir ausreichend Informationen vorliegen. Um der Kürze willen nummeriere ich einmal in der Reihenfolge, in der die Dinge in Ihrem Brief genannt werden:

1. Mein Rechenexempel zur Energiestrategie ist leider nicht ganz richtig bei Ihnen angekommen. Ich bin kein Verfechter der 55000 Windgeneratoren und der 1500 km² Photovoltaik. Dieser Ansatz stammt von Herrn Scheer von der Bundestagsfraktion des SPD und Träger des alternativen Nobelpreises, ich habe die Information aus einem Artikel aus den VDI-Nachrichten [1]. Die installierte Leistung ist um ein vielfaches zu hoch, und zwar genau wegen der fehlenden Möglichkeit der Speicherung. Pumpspeicherwerke sind in der Tat heute der einzige leistungsfähige und zugleich wirtschaftliche Energiespeicher mit Kapazitäten in der Größenordnung von vielleicht einigen zehn Gigawattstunden. Die Überproduktion der von Herrn Scheer genannten Installationen würde bei einer installierten Leistung von ca. 230 GW abzüglich von etwa 40-60 GW unmittelbaren Verbrauchs die in Deutschland verfügbaren Pumpspeicherwerke in wenigen Minuten füllen. Danach müsste man die Energie wegwerfen. Sie werden sagen, dass Wind und Sonne die Energie uns nicht in Rechnung stellen, aber die auf die kWh umgelegten Investitionen für die Windgeneratoren und die Photozellen würden auf ein Mehrfaches anwachsen.

Bei den Pumpspeiserwerken gibt es praktisch nichts mehr zu entwickeln, zumindest nichts mehr, was den Wirkungsgrad deutlich erhöhen könnte, er liegt in der Größenordnung von 80-90 % und darüber. Auch die Leistungsklasse hat ein kaum zu steigerndes Niveau erreicht, denken Sie an das noch in der DDR gebaute Werk in Markersbach mit 1000 MW installierter Leistung (es kann größenordnungsmäßig 10 GWh speichern), die Größe wird durch die geographischen und geologischen Möglichkeiten begrenzt - und hier liegt der Hase im Pfeffer. Luftdruckspeicher halte ich für große Energiemengen für perspektivlos.

Die Speicherung von Wasserstoff ist im Vergleich zum Pumpspeicherwerk viel teuerer. Die Technologie existiert, muss aber noch sicherer und effektiver gestalten werden, um einen wirtschaftlichen Einsatz zu ermöglichen. Neben Wasserstoff werden auch andere Energieträger diskutiert, wie z.B. Generatorgas (H2 + CO), Methan, Methanol, usw. Wenn man die teuere Solar-Energie aus Deutschland über solche teueren Prozesse speichern würde, käme etwas heraus, was keiner mehr bezahlen kann, - oder anders ausgedrückt - die Energieversorgung würde sozial nicht mehr verträglich sein.

All dies führt zu dem Ergebnis, dass das Modell von Herrn Scheer nicht funktioniert. Man kann nur soviel an Wind- und Sonnenenergie ins Netz einspeisen, wie das Netz abpuffern kann, d.h. bei Zunahme des Angebots an Wind und Sonne müssen andere Kraftwerke ihre Leistung drosseln. Spätestens wenn diese dann bei Null angekommen, darf man die installierte Leistung der regenerativen Quellen nicht weiter erhöhen. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten wird es sogar so sein, dass man früher mit dem Ausbau der regenerativen aufhören muss, und zwar weil die Kosten für die "anderen" Kraftwerke aufgrund abnehmender Auslastung auch progressiv auf die kWh umgelegt werden müssen. Hier meine Meinung: Wenn keine Kohle, kein Öl und kein Gas (aus Preis- und Umweltgründen) mehr verwendet werden kann, dann müssen Kernkraftwerke auf Spaltungs- oder Fusionsbasis die Rolle der "anderen", also der Grundlastanlagen, übernehmen.

2. Bei Ihrem Zitat zu den Plusenergiehäusern verweise ich nochmals auf die Tatsache, dass der Bilanzraum nicht die gesamte Lebenstätigkeit der in den Häusern wohnenden Menschen umfasst. Die Überschussenergie reicht bei weitem nicht aus, um den Energiebedarf für Nahrung, Kleidung, Verkehr, Freizeitbedarf und die Herstellung des Hauses mit seinen Energiesystemen selbst abzudecken.

3. Der Entscheidung, ob eine Forschungsrichtung beschritten wird oder nicht, geht eine Bewertung der Erfolgschancen und des in Aussicht stehenden Nutzens voraus. Im Fall der Energiespeicherung sind alle anwendbaren physikalischen Wirkprinzipien bereits bekannt. Es bleibt eine gewisse Unschärfe, die im Bereich der Grundlagenforschung abzudecken ist - es könnte ja sein, dass man doch noch ein grundsätzlich neues Verfahren findet. Demzufolge sind die Projekte, die es abzuarbeiten gilt, auf die Anwendung bekannter Methoden und die Entwicklung und Optimierung der Verfahrenstechnik zu richten. Die wissenschaftliche Community bewertet die Größe der offenen wissenschaftlichen Fragestellungen im Fall der Kernfusion offensichtlich höher, als im Fall der Energiespeicherung, weshalb dorthin die höheren Fördermittel fließen. Bei der Energiespeicherung gibt es außerdem die Möglichkeit der Skalierbarkeit, d.h. was sie im kleinen ausprobieren, kann leichter auf Großanlagen übertragen werden, als beispielsweise bei der Kernfusion, von der erwartet wird (!), dass sie erst ab einem bestimmten Maßstab der Anlage selbsterhaltend funktioniert. Deshalb muss mehr in die Fusionsforschung als in die Entwicklung von Energiespeicher fließen. Großanlagen für die Energiespeicherung sind kein Fall für die Forschungsförderung, sondern für private Investitionen, bestenfalls mit Unterstützung durch die Staatliche Wirtschaftsförderung, die aber, wie Sie wissen, gewissen wettbewerbsrechtlichen Restriktionen unterliegen muss.

4. Wenn ich Ihnen geschrieben habe, dass ich es für möglich halte, weltweit etwa 50 % des Energiebedarfs aus regenerativen Quellen zu decken, dann geht das auf das Ergebnis des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg, Österreich zurück, dessen Direktor übrigens über viele Jahre Professor Häfele war, den Sie im Zusammenhang mit der deutschen Brüterentwicklung genannt haben. (Nebenbei gesagt war er auch der Gründungsdirektor des Forschungszentrums Rossendorf, ich war sein persönlicher Referent. Der "Brüterpapst" Deutschlands hat mit der Stilllegung der Kernanlagen in Rossendorf den Ausstieg aus der Nuklearforschung betrieben, um dem Zentrum ein modernes, auf Materialforschung, Biomedizin und Sicherheit ausgerichtetes Profil zu geben.)

Eine Quote von 50 % regenerativer Energie ist jedoch nur bei intensiver Nutzung der Sonnenenergie in Kopplung mit der Speicherung über Wasserstoff (oder die o.g. anderen Speichertechnologien) in den Gebieten intensiverer Sonneneinstrahlung möglich. Die Photovoltaikprojekte in unseren Breitengraden werden nur eine geringe Rolle spielen können. Der weltweite Umstrukturierungsprozess der Energiewirtschaft wird mindestens 100 Jahre dauern und unter anderem eine Vervielfachung z.B. der Betonproduktion erfordern, allein um die großflächigen Photovoltaikanlagen in den Wüstengebieten aufbauen zu können.

5. Was die Kosten der Kernenergie betrifft, so wird oft vergessen, dass die Kernkraftwerke auch etwas produzieren. Ich habe mir die Mühe gemacht, alle Zahlen, die Sie auf der Kostenseite anführen, einmal zu addieren - ohne Rücksicht darauf, ob es sich um letztlich in Betrieb gegangene Anlagen oder Flops, wie Kalkar, handelt. In Ihrem Brief stehen so insgesamt ca. 140 Milliarden DM zu Buche. Aus den Kernkraftwerken in Deutschland kamen bis zum Stichtag 01.01.2000 insgesamt ziemlich genau 2 831 Milliarden kWh. Dividiert man beide Zahlen, dann erhält man einen Betrag von ca. 5 Pf/kWh. Wenn die noch laufenden 19 Werke bis zum Erreichen der technisch möglichen Lebensdauer betrieben werden könnten, dann würde sich diese Zahl mehr als halbieren. Ich sehe wirklich kein Indiz für die Unwirtschaftlichkeit der Kernenergie - auch nicht bei Einbeziehung der Kosten für Forschung und Entwicklung.

Auch muss darauf verwiesen werden, dass der Bau der Kernkraftwerke nur mit Ausnahme der Versuchprojekte durch die private Industrie finanziert wurde, was den weitaus größeren Teil der von Ihnen genannten Summe betrifft. Daraus folgt, dass die Gesamtsumme nicht durch den viel zitierten Steuerzahler getragen wurde (etwa 30 Milliarden, [2]). Eine Verwerfung der Förderung zu Ungunsten der Regenerativen Energien ist meiner Meinung nach nicht zu erkennen, denn der Staat hat in den letzten zwanzig Jahren 7,7 Milliarden in die Erschließung der erneuerbaren Energiequellen gesteckt, diese haben aber in dieser Zeit nur 17,6 Milliarden kWh and Strom + Wärme geliefert, wogegen die Kernenergie es in den ersten 20 Jahren ihrer Entwicklung bereits auf 34,3 Milliarden kWh gebracht hatte (Zahlen: Stand Juni 1998, [2]) und bis zu den heute erreichten 2 831 Milliarden kWh eine traumhafte Zuwachsrate hingelegt hat, die die regenerativen Quellen ihr erst einmal nachmachen müssen. Außerdem ist heute die jährliche Fördersumme für regenerative Energie in Deutschland höher, als die für Kernenergie. Das starke private finanzielle Engagement in der Kernenergie macht es andererseits verständlicher, dass die Betreiber heute so vehement um ihr Eigentum (und das ihrer Gläubiger und Aktionäre) kämpfen und sich gegen den Atomausstieg stemmen.

Zur Effizienz staatlicher Förderung ist somit festzustellen, dass in einer Situation, wo der Staat eine vernünftige, zielführende Politik in Sachen Kernenergie betrieben hätte, der Anteil an staatlicher Förderung sicherlich weit unter einem Pf/kWh geblieben wäre. In Deutschland wurde hingegen mit Beträgen dieser Größenordnung die aus Sicht der Umwelt problematische Kohleverstromung gefördert (Kohlepfennig).

Dabei ist die Kernenergie eine sehr investitionsintensive Wirtschaft. Der Brennstoffanteil je kWh beträgt beim geschlossenen Brennstoffkreislauf nur ca. 2,2 Pf/kWh [3] (Bem.: Der Wert stammt von 1995, meiner Meinung nach sind die Brennstoffkosten in den letzten Jahren noch deutlich gefallen) und setzt sich wie folgt zusammen: 0,2 Pf für die Natururangewinnung (Bergbau), 0,2 Pf für die Anreicherung, 0,5 Pf die Herstellung der Brennelemente und 1,3 Pf (!) für die Entsorgung des abgebrannten Brennstoffs. Letzteres fließt z. T. in die Rückstellungsfonds. Für Brennstoff haben die 19 laufenden Kraftwerke bis heute folglich nur etwa 62 Milliarden DM (in heutigem Geld) ausgegeben, 37 Milliarden DM dürfte die Entsorgung ausmachen. Um Missverständnissen vorzubeugen sei gesagt, dass letztere Summe nur zum Teil aus den Rückstellungen zu bestreiten ist, denn die Betreiber haben bereits kontinuierlich an die Aufbereitungsfimen und für die Erschließung der Endlager gezahlt. Bei der direkten Endlagerung sinkt der Brennstoffpreis wegen der billigeren Entsorgung demgegenüber noch ab. Deshalb sind die Betreiber Anhänger dieses von der Politik verfochtenen zweitklassigen Wegs der Entsorgung, solange sie nicht durch den Ausstieg aus den Wiederaufarbeitungsverträgen mit Vertragsstrafen rechnen müssen.

Wenn Sie bedenken, dass die älteren Kernkraftwerke bereits abgeschrieben sind, d.h. dass die Investsumme einschließlich Zinsen in der Vergangenheit eingefahren wurde, dann ist der niedrige Preis für Atomstrom eben kein Dumpingangebot, wie Sie es nennen. Viel bedenklicher halte ich Ihre Feststellung, die Photovoltaikanlagen rechneten sich nach Einführung des neuen Stromeinspeise-Gesetzes. Die Volkswirtschaft ist ein geschlossener Bilanzraum, ein Produkt wird für die Gesellschaft eben nicht billiger, wenn es direkt oder indirekt subventioniert wird. Wenn die kWh Solarstrom für 99 Pf aufgekauft und dann für 20 Pf wieder abgegeben wird, dann ist das genau das, was Sie kritisieren, nämlich ein Dumpingpreis, in diesem Fall ein staatlich verordneter auf Kosten Dritter.

6. Es ist erwiesenermaßen so, dass ein Kernkraftwerk bei gleicher installierter Leistung immer teuerer ist, als die Alternativen Gas, Öl oder Kohle. Kernkraftwerke sind investitionsintensiv - nicht zuletzt wegen der Sicherheitstechnik. Dafür hat man danach die geringeren Betriebskosten wegen den niedrigeren Brennstoffpreisen, was besonders dann wichtig ist, wenn das betreffende Land über wenig eigene Rohstoffe verfügt. Deshalb hilft das Zitat der Weltbank nicht sehr viel weiter.<

7. Zum Rückbau von Kernkraftwerken: Sie haben Recht, die Abrisskosten für das KKW Greifswald betragen bis zum Auslaufen des Zwischenlagers am Standort 6,2 Milliarden DM. Bedenken Sie aber, dass allein der Nachbetrieb von 1990 bis 1995 2,4 Milliarden verschlungen hat, d.h. das KKW wurde ohne zu produzieren betriebsbereit gehalten, weil die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen über dessen Zukunft verschleppt wurden. Das kann man der Technologie wohl kaum anlasten. Somit kostet der tatsächliche Rückbau einschließlich Zwischenlagerung 3,8 Milliarden DM. Greifswald hat während seines Betriebs insgesamt 157 200 GWh Strom erzeugt. Damit ergibt sich ein Anteil von 2,4 Pf/kWh für die Stillegung - geht eigentlich, insbesondere wenn Sie bedenken, dass die Reaktoren teilweise weit vor Erreichen ihrer geplanten Lebensdauer abgeschaltet wurden.

Was die Hochrechnung auf alle deutschen Kernkraftwerke betrifft, dann müssen Sie wissen, dass die Stilllegungskosten nicht proportional mit der installierten Leistung anwachsen, sondern unterproportional. Sie müssen halt jeden Reaktor einzeln "zersägen". Damit dürfte eher von 3,8 / 5 = 0,76 Milliarden pro Greifswald-Reaktor auszugehen sein. Der Unterschied zwischen 440 MW bei den Reaktoren in Lubmin und den 1300 MW eines westlichen Druckwasserreaktors bringt nicht mehr viel an Kostenzuwachs, meine 500 Millionen Dollar sind ein guter Richtwert. Bedenken Sie, die Stillegung des ersten deutschen Versuchskraftwerks in Kahl am Main mit nur 16 MW Leistung kostet 300 Millionen! Hier erkennen Sie die Unterproportionalität der Stillegungskosten deutlich.

Vielfach werden die Kernkraftbetreiben dafür kritisiert, dass sie die Rückstellungen für Investitionen nutzen. Hier liegt ein grundlegendes Missverständnis des Funktionierens von Kapitalismus vor. Sollten sie die Summe als Papiergeld in den Safe tun - der Wertverlust wäre unvertretbar. Geld kann nur erhalten werden, wenn es arbeitet, Stichwort Inflation. Wenn die KKW-Betreiber das Geld zu 3 % auf ein Sparbuch gelegt hätten, dann hätte die Sparkasse damit spekuliert. Welche Sicherheit haben Sie dafür, dass die Sparkasse nicht einmal Pleite geht? Das Geld dem Staat anzuvertrauen, ist auch nicht viel klüger, denken Sie an die Staatsverschuldung und wie sie entstanden ist, und - auch der Staat kann Pleite gehen. Die Otelo-Verluste haben die Betreiber an anderer Stelle locker kompensiert, da können Sie (und ich) sicher sein - was mir die Konzerne jedoch nicht unbedingt sympathischer macht. <

8. Die SPD hat es schon richtig ausgedrückt, der Castor-Skandal war bestenfalls eine "Vertrauenskrise". Worüber reden wir? An der Oberfläche des Behälters sind Stellen gefunden wurden, an denen radioaktive Reste hafteten, deren Aktivität um 20 Becquerel pro cm² betrug. In einem Fall wurden über 10 000 Becquerel gemessen, meist waren es jedoch deutlich weniger. Es ist eine extreme Fehlinformation, daraus eine Gefährdung für die Bevölkerung abzuleiten. Auch die Demonstranten und Polizisten, die sich am Zug aufhielten, waren nicht in Gefahr. <

Die erste Frage lautet: Wie viel sind 10 000 Bq? 1 Bq bedeutet, dass in der betrachteten Probe ein Kern pro Zeiteinheit zerfällt. Zum Vergleich einige Beispiele: Der Menschliche Körper enthält naturgegebener Weise im Durchschnitt 7000 Bq, d.h. 7000 Kerne zerfallen pro Sekunde und die dabei entstehende Strahlung wirkt unmittelbar auf den Organismus. Allein 4000 Bq entfallen auf Kalium 40, das ein natürlich vorkommendes radioaktives Nuklid darstellt. Wenn Sie einer Probe von 10 000 Bq in einem Abstand von einem Meter gegen überstehen, erreichen Sie schätzungsweise 500-800 Strahlenquanten pro Sekunde, das ist schon fast vernachlässigbar gegenüber den 7000 Quanten, die aus Ihrem eigenen Körper stammen. Wenn jemand neben dem Castor-Behälter steht, ist er einer Dosisleistung von bis zu 4 Mikrosievert/Stunde ausgesetzt, die aus dem Inneren kommt, je nach dem, wie aktiv der Müll im Innern ist. 10 000 Bq auf der Oberfläche verursachen in 1 m Abstand eine Dosisleistung (ein von der Energie der Strahlung her starkes Nuklid angenommen, z.B. Radium) von ca. 0,003 µSv/h. Die Person wird von mehr als 1000 mal mehr Quanten aus dem Innern des Behälters "durchlöchert", übrigens ohne dass ihr dabei etwas passiert. Solchen Dosisleitungen ist Kernkraftwerkspersonal häufig ausgesetzt, ohne dass die Epideminologie Auffälligkeiten aufweist.<

Wenn das so ist, warum wehrt sich dann die Atomlobby nicht gegen die allgemeinen Darstellungen? Die Antwort lautet: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen! Am Anfang des Castor-Skandals hatte ein Vertreter der Kraftwerksbetreiber für die "Verstrahlungen" noch den Begriff "Fliegenschiss auf dem Güllefass" geprägt, was die Tatsachen lax aber anschaulich und durchaus richtig umschreibt. Er wurde von den Medien dafür fast geschlachtet. So was ist nicht politisch korrekt, denn es spiele die Gefährdungen (!) herunter und verhöhne die potentiellen (!) Opfer.

9. Die Feststellung, dass Strahlung die Gesundheit schädigt, ist in einem Zusammenhang mit Vorsicht zu genießen: Wir leben von Natur aus in einem erheblichen Strahlungsfeld, das noch dazu über die Jahrmilliarden ständig nachgelassen hat - durch den radioaktiven Zerfall. Das Leben auf der Erde entstand zu einem Zeitpunkt, wo das natürliche Strahlungsniveau höher war, als heute. Es könnte sein, dass die Evolution durch die Strahlung befördert wurde, andererseits haben sich die Organismen dem natürlichen Strahlungsniveau angepasst. Das ist der Grund dafür, dass man heute den sog. Hormese-Effekt beobachtet: Kleine Strahlendosen führen zu einer Verbesserung des Gesundheitszustandes, was in bestimmten Heilbädern ausgenutzt wird. Natürlich würde ich mich im Falle eines Falles nicht vor einen Castor setzen, sondern das Heilbad vorziehen. Ich will meine Feststellung auch nicht als Freibrief für lockere Emissionsgrenzwerte verstanden haben. Ich möchte nur zum Nachdenken über die oft gebrauchte Formulierung anregen, jedes Mehr an Strahlung sei ein zusätzliches Gesundheitsrisiko.

10. Nächstes Stichwort: Tokaimura. Der größte Nuklearstörfall nach Tschernobyl hat zwei Todesopfer, eine weitere Person mit Symptomen einer akuten Strahlenerkrankung, einige zehn weitere Personen mit überhöhten Strahlendosen, und eine total verseuchte Anlage hervorgebracht. Die Emissionen in die Umwelt waren eher unspektakulär, eine globale Auswirkung, erkennbar durch Erhöhung der Strahlenwerte weltweit hat es nicht gegeben. Bis auf die Tatsache, dass die betroffenen Menschen durch ionisierende Strahlung und nicht durch Feuer oder mechanische Einwirkungen zu Schaden kamen, unterscheidet sich diese Bilanz in nichts von Havarien, wie Flugzeugabstürzen, der Explosion in Enschede oder Bränden.

Zur Sicherheitskultur: Wenn jemand mit seinen Freunden mit einem Plasteimer an die Tankstelle geht, 10 l Bleifrei zapft und sich dann eine Zigarette anzündet, dann werden, abgesehen von der fehlenden Radioaktivität, die Auswirkungen vergleichbar sein mit denen von Tokaimura. Warum tut das keiner? In Sachen Brandschutz haben wir eine Jahrhunderte lange Tradition, die sich in unseren Köpfen in bestimmten Verhaltensmustern niedergeschlagen hat. Man raucht nicht an der Tankstelle, man zapft keine brennbare Flüssigkeit in einen Eimer usw. Wenn man sich einer Hochtechnologie, wie der Kerntechnik, bedienen will, dann braucht man auch hier einen ähnlich hohen Bildungsstand. Genau das hat den Arbeitern in Tokaimura gefehlt. Alle meiner Kollegen haben den Kopf geschüttelt über soviel Blödheit und Leichtsinn. Man tut nicht hochangereichertes Uran in einen 10 l Behälter ohne Neutronenabsorber. Was Deutschland betrifft, so wäre eine Verstärkung der Schulbildung in Sachen Strahlung und Kerntechnik im Rahmen des Physikunterrichts wünschenswert. Leider scheint die Schule die Kerntechnik aber schon abgeschrieben zu haben.

11. Ich bin nicht sicher, ob Ihre Einschätzung des Risikos der regenerativen Energiequellen ganz richtig ist. Sicher sind Störfälle vom Ausmaß eines Tschernobyl bei den Regenerativen schlicht undenkbar, aber eine dauerhaft betriebene verfehlte Energiepolitik kann weltweit zu politischen und sozialen Verwerfungen führen, denen viele Millionen Menschen zum Opfer fallen könnten, teils wegen Versorgungskrisen, teils wegen Verteilungskriegen. Der Weg einer sich ausschließlich auf regenerativen Energiequellen abstützenden Energiestrategie birgt im Falle eines Flops Risiken, deren potentielles Ausmaß durch die Kriege der Vergangenheit und Gegenwart verdeutlicht werden. Denken Sie nur allein an den Golfkrieg, dessen Funktion es in weiten Teilen war, den Zugriff auf Kuwaitisches Erdöl zurückzuerlangen. Ich finde, die meisten fundamentalen Verfechter der regenerativen Energien sind sich ihrer Verantwortung in diesem Zusammenhang nicht bewusst. Die Größenordnung der Herausforderung, mittel- und langfristig praktisch alle fossilen Brennstoffe, die Weltweit etwa 90 % der Primärenergie liefern, durch etwas anderes ersetzen zu müssen, wird nicht erkannt.

1] H. Scheer: Stromkonzerne: Unproduktiv und auf den Erhalt von Monopolen ausgerichtet, VDI nachrichten, 18.12.1998 (Nr. 51), S. 2
[2] D. Maxeiner, M. Miersch: Lexikon der Öko-Irrtümer, Eichborn, Frankfurt, Juni 1998.
[3] www.infokreis-kernenergie.de/wissen/faq4.cfm
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors

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