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6. Antwort von Dr. Ing. H.-M. PrasserDresden, Januar 2001 Liebe Herren Lukas und Friedemann Weidauer, vielen Dank für Ihren Brief vom 10. Mai 2000. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Es ist wie Sie sagen: Die Diskussion um die Energiewende steckt in einer "nuklearen" Sackgasse, aus der sie nur heraus geholt werden kann, wenn die verhärteten Fronten durch ein ruhiges und sachliches Miteinander Reden ersetzt werden. Ich möchte gern auf Ihre Argumente und Fragen eingehen, sofern mir ausreichend Informationen vorliegen. Um der Kürze willen nummeriere ich einmal in der Reihenfolge, in der die Dinge in Ihrem Brief genannt werden: 1. Mein Rechenexempel zur Energiestrategie ist leider nicht ganz richtig bei Ihnen angekommen. Ich bin kein Verfechter der 55000 Windgeneratoren und der 1500 km² Photovoltaik. Dieser Ansatz stammt von Herrn Scheer von der Bundestagsfraktion des SPD und Träger des alternativen Nobelpreises, ich habe die Information aus einem Artikel aus den VDI-Nachrichten [1]. Die installierte Leistung ist um ein vielfaches zu hoch, und zwar genau wegen der fehlenden Möglichkeit der Speicherung. Pumpspeicherwerke sind in der Tat heute der einzige leistungsfähige und zugleich wirtschaftliche Energiespeicher mit Kapazitäten in der Größenordnung von vielleicht einigen zehn Gigawattstunden. Die Überproduktion der von Herrn Scheer genannten Installationen würde bei einer installierten Leistung von ca. 230 GW abzüglich von etwa 40-60 GW unmittelbaren Verbrauchs die in Deutschland verfügbaren Pumpspeicherwerke in wenigen Minuten füllen. Danach müsste man die Energie wegwerfen. Sie werden sagen, dass Wind und Sonne die Energie uns nicht in Rechnung stellen, aber die auf die kWh umgelegten Investitionen für die Windgeneratoren und die Photozellen würden auf ein Mehrfaches anwachsen. Bei den Pumpspeiserwerken gibt es praktisch nichts mehr zu entwickeln, zumindest nichts mehr, was den Wirkungsgrad deutlich erhöhen könnte, er liegt in der Größenordnung von 80-90 % und darüber. Auch die Leistungsklasse hat ein kaum zu steigerndes Niveau erreicht, denken Sie an das noch in der DDR gebaute Werk in Markersbach mit 1000 MW installierter Leistung (es kann größenordnungsmäßig 10 GWh speichern), die Größe wird durch die geographischen und geologischen Möglichkeiten begrenzt - und hier liegt der Hase im Pfeffer. Luftdruckspeicher halte ich für große Energiemengen für perspektivlos. Die Speicherung von Wasserstoff ist im Vergleich zum Pumpspeicherwerk viel teuerer. Die Technologie existiert, muss aber noch sicherer und effektiver gestalten werden, um einen wirtschaftlichen Einsatz zu ermöglichen. Neben Wasserstoff werden auch andere Energieträger diskutiert, wie z.B. Generatorgas (H2 + CO), Methan, Methanol, usw. Wenn man die teuere Solar-Energie aus Deutschland über solche teueren Prozesse speichern würde, käme etwas heraus, was keiner mehr bezahlen kann, - oder anders ausgedrückt - die Energieversorgung würde sozial nicht mehr verträglich sein. All dies führt zu dem Ergebnis, dass das Modell von Herrn Scheer nicht funktioniert. Man kann nur soviel an Wind- und Sonnenenergie ins Netz einspeisen, wie das Netz abpuffern kann, d.h. bei Zunahme des Angebots an Wind und Sonne müssen andere Kraftwerke ihre Leistung drosseln. Spätestens wenn diese dann bei Null angekommen, darf man die installierte Leistung der regenerativen Quellen nicht weiter erhöhen. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten wird es sogar so sein, dass man früher mit dem Ausbau der regenerativen aufhören muss, und zwar weil die Kosten für die "anderen" Kraftwerke aufgrund abnehmender Auslastung auch progressiv auf die kWh umgelegt werden müssen. Hier meine Meinung: Wenn keine Kohle, kein Öl und kein Gas (aus Preis- und Umweltgründen) mehr verwendet werden kann, dann müssen Kernkraftwerke auf Spaltungs- oder Fusionsbasis die Rolle der "anderen", also der Grundlastanlagen, übernehmen. 2. Bei Ihrem Zitat zu den Plusenergiehäusern verweise ich nochmals auf die Tatsache, dass der Bilanzraum nicht die gesamte Lebenstätigkeit der in den Häusern wohnenden Menschen umfasst. Die Überschussenergie reicht bei weitem nicht aus, um den Energiebedarf für Nahrung, Kleidung, Verkehr, Freizeitbedarf und die Herstellung des Hauses mit seinen Energiesystemen selbst abzudecken. 3. Der Entscheidung, ob eine Forschungsrichtung beschritten wird oder nicht, geht eine Bewertung der Erfolgschancen und des in Aussicht stehenden Nutzens voraus. Im Fall der Energiespeicherung sind alle anwendbaren physikalischen Wirkprinzipien bereits bekannt. Es bleibt eine gewisse Unschärfe, die im Bereich der Grundlagenforschung abzudecken ist - es könnte ja sein, dass man doch noch ein grundsätzlich neues Verfahren findet. Demzufolge sind die Projekte, die es abzuarbeiten gilt, auf die Anwendung bekannter Methoden und die Entwicklung und Optimierung der Verfahrenstechnik zu richten. Die wissenschaftliche Community bewertet die Größe der offenen wissenschaftlichen Fragestellungen im Fall der Kernfusion offensichtlich höher, als im Fall der Energiespeicherung, weshalb dorthin die höheren Fördermittel fließen. Bei der Energiespeicherung gibt es außerdem die Möglichkeit der Skalierbarkeit, d.h. was sie im kleinen ausprobieren, kann leichter auf Großanlagen übertragen werden, als beispielsweise bei der Kernfusion, von der erwartet wird (!), dass sie erst ab einem bestimmten Maßstab der Anlage selbsterhaltend funktioniert. Deshalb muss mehr in die Fusionsforschung als in die Entwicklung von Energiespeicher fließen. Großanlagen für die Energiespeicherung sind kein Fall für die Forschungsförderung, sondern für private Investitionen, bestenfalls mit Unterstützung durch die Staatliche Wirtschaftsförderung, die aber, wie Sie wissen, gewissen wettbewerbsrechtlichen Restriktionen unterliegen muss. 4. Wenn ich Ihnen geschrieben habe, dass ich es für möglich halte, weltweit etwa 50 % des Energiebedarfs aus regenerativen Quellen zu decken, dann geht das auf das Ergebnis des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg, Österreich zurück, dessen Direktor übrigens über viele Jahre Professor Häfele war, den Sie im Zusammenhang mit der deutschen Brüterentwicklung genannt haben. (Nebenbei gesagt war er auch der Gründungsdirektor des Forschungszentrums Rossendorf, ich war sein persönlicher Referent. Der "Brüterpapst" Deutschlands hat mit der Stilllegung der Kernanlagen in Rossendorf den Ausstieg aus der Nuklearforschung betrieben, um dem Zentrum ein modernes, auf Materialforschung, Biomedizin und Sicherheit ausgerichtetes Profil zu geben.) Eine Quote von 50 % regenerativer Energie ist jedoch nur bei intensiver Nutzung der Sonnenenergie in Kopplung mit der Speicherung über Wasserstoff (oder die o.g. anderen Speichertechnologien) in den Gebieten intensiverer Sonneneinstrahlung möglich. Die Photovoltaikprojekte in unseren Breitengraden werden nur eine geringe Rolle spielen können. Der weltweite Umstrukturierungsprozess der Energiewirtschaft wird mindestens 100 Jahre dauern und unter anderem eine Vervielfachung z.B. der Betonproduktion erfordern, allein um die großflächigen Photovoltaikanlagen in den Wüstengebieten aufbauen zu können. 5. Was die Kosten der Kernenergie betrifft, so wird oft vergessen, dass die Kernkraftwerke auch etwas produzieren. Ich habe mir die Mühe gemacht, alle Zahlen, die Sie auf der Kostenseite anführen, einmal zu addieren - ohne Rücksicht darauf, ob es sich um letztlich in Betrieb gegangene Anlagen oder Flops, wie Kalkar, handelt. In Ihrem Brief stehen so insgesamt ca. 140 Milliarden DM zu Buche. Aus den Kernkraftwerken in Deutschland kamen bis zum Stichtag 01.01.2000 insgesamt ziemlich genau 2 831 Milliarden kWh. Dividiert man beide Zahlen, dann erhält man einen Betrag von ca. 5 Pf/kWh. Wenn die noch laufenden 19 Werke bis zum Erreichen der technisch möglichen Lebensdauer betrieben werden könnten, dann würde sich diese Zahl mehr als halbieren. Ich sehe wirklich kein Indiz für die Unwirtschaftlichkeit der Kernenergie - auch nicht bei Einbeziehung der Kosten für Forschung und Entwicklung. Auch muss darauf verwiesen werden, dass der Bau der Kernkraftwerke nur mit Ausnahme der Versuchprojekte durch die private Industrie finanziert wurde, was den weitaus größeren Teil der von Ihnen genannten Summe betrifft. Daraus folgt, dass die Gesamtsumme nicht durch den viel zitierten Steuerzahler getragen wurde (etwa 30 Milliarden, [2]). Eine Verwerfung der Förderung zu Ungunsten der Regenerativen Energien ist meiner Meinung nach nicht zu erkennen, denn der Staat hat in den letzten zwanzig Jahren 7,7 Milliarden in die Erschließung der erneuerbaren Energiequellen gesteckt, diese haben aber in dieser Zeit nur 17,6 Milliarden kWh and Strom + Wärme geliefert, wogegen die Kernenergie es in den ersten 20 Jahren ihrer Entwicklung bereits auf 34,3 Milliarden kWh gebracht hatte (Zahlen: Stand Juni 1998, [2]) und bis zu den heute erreichten 2 831 Milliarden kWh eine traumhafte Zuwachsrate hingelegt hat, die die regenerativen Quellen ihr erst einmal nachmachen müssen. Außerdem ist heute die jährliche Fördersumme für regenerative Energie in Deutschland höher, als die für Kernenergie. Das starke private finanzielle Engagement in der Kernenergie macht es andererseits verständlicher, dass die Betreiber heute so vehement um ihr Eigentum (und das ihrer Gläubiger und Aktionäre) kämpfen und sich gegen den Atomausstieg stemmen. Zur Effizienz staatlicher Förderung ist somit festzustellen, dass in einer Situation, wo der Staat eine vernünftige, zielführende Politik in Sachen Kernenergie betrieben hätte, der Anteil an staatlicher Förderung sicherlich weit unter einem Pf/kWh geblieben wäre. In Deutschland wurde hingegen mit Beträgen dieser Größenordnung die aus Sicht der Umwelt problematische Kohleverstromung gefördert (Kohlepfennig). Dabei ist die Kernenergie eine sehr investitionsintensive Wirtschaft. Der Brennstoffanteil je kWh beträgt beim geschlossenen Brennstoffkreislauf nur ca. 2,2 Pf/kWh [3] (Bem.: Der Wert stammt von 1995, meiner Meinung nach sind die Brennstoffkosten in den letzten Jahren noch deutlich gefallen) und setzt sich wie folgt zusammen: 0,2 Pf für die Natururangewinnung (Bergbau), 0,2 Pf für die Anreicherung, 0,5 Pf die Herstellung der Brennelemente und 1,3 Pf (!) für die Entsorgung des abgebrannten Brennstoffs. Letzteres fließt z. T. in die Rückstellungsfonds. Für Brennstoff haben die 19 laufenden Kraftwerke bis heute folglich nur etwa 62 Milliarden DM (in heutigem Geld) ausgegeben, 37 Milliarden DM dürfte die Entsorgung ausmachen. Um Missverständnissen vorzubeugen sei gesagt, dass letztere Summe nur zum Teil aus den Rückstellungen zu bestreiten ist, denn die Betreiber haben bereits kontinuierlich an die Aufbereitungsfimen und für die Erschließung der Endlager gezahlt. Bei der direkten Endlagerung sinkt der Brennstoffpreis wegen der billigeren Entsorgung demgegenüber noch ab. Deshalb sind die Betreiber Anhänger dieses von der Politik verfochtenen zweitklassigen Wegs der Entsorgung, solange sie nicht durch den Ausstieg aus den Wiederaufarbeitungsverträgen mit Vertragsstrafen rechnen müssen. Wenn Sie bedenken, dass die älteren Kernkraftwerke bereits abgeschrieben sind, d.h. dass die Investsumme einschließlich Zinsen in der Vergangenheit eingefahren wurde, dann ist der niedrige Preis für Atomstrom eben kein Dumpingangebot, wie Sie es nennen. Viel bedenklicher halte ich Ihre Feststellung, die Photovoltaikanlagen rechneten sich nach Einführung des neuen Stromeinspeise-Gesetzes. Die Volkswirtschaft ist ein geschlossener Bilanzraum, ein Produkt wird für die Gesellschaft eben nicht billiger, wenn es direkt oder indirekt subventioniert wird. Wenn die kWh Solarstrom für 99 Pf aufgekauft und dann für 20 Pf wieder abgegeben wird, dann ist das genau das, was Sie kritisieren, nämlich ein Dumpingpreis, in diesem Fall ein staatlich verordneter auf Kosten Dritter. 6. Es ist erwiesenermaßen so, dass ein Kernkraftwerk bei gleicher installierter Leistung immer teuerer ist, als die Alternativen Gas, Öl oder Kohle. Kernkraftwerke sind investitionsintensiv - nicht zuletzt wegen der Sicherheitstechnik. Dafür hat man danach die geringeren Betriebskosten wegen den niedrigeren Brennstoffpreisen, was besonders dann wichtig ist, wenn das betreffende Land über wenig eigene Rohstoffe verfügt. Deshalb hilft das Zitat der Weltbank nicht sehr viel weiter.< 7. Zum Rückbau von Kernkraftwerken: Sie haben Recht, die Abrisskosten für das KKW Greifswald betragen bis zum Auslaufen des Zwischenlagers am Standort 6,2 Milliarden DM. Bedenken Sie aber, dass allein der Nachbetrieb von 1990 bis 1995 2,4 Milliarden verschlungen hat, d.h. das KKW wurde ohne zu produzieren betriebsbereit gehalten, weil die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen über dessen Zukunft verschleppt wurden. Das kann man der Technologie wohl kaum anlasten. Somit kostet der tatsächliche Rückbau einschließlich Zwischenlagerung 3,8 Milliarden DM. Greifswald hat während seines Betriebs insgesamt 157 200 GWh Strom erzeugt. Damit ergibt sich ein Anteil von 2,4 Pf/kWh für die Stillegung - geht eigentlich, insbesondere wenn Sie bedenken, dass die Reaktoren teilweise weit vor Erreichen ihrer geplanten Lebensdauer abgeschaltet wurden. Was die Hochrechnung auf alle deutschen Kernkraftwerke betrifft, dann müssen Sie wissen, dass die Stilllegungskosten nicht proportional mit der installierten Leistung anwachsen, sondern unterproportional. Sie müssen halt jeden Reaktor einzeln "zersägen". Damit dürfte eher von 3,8 / 5 = 0,76 Milliarden pro Greifswald-Reaktor auszugehen sein. Der Unterschied zwischen 440 MW bei den Reaktoren in Lubmin und den 1300 MW eines westlichen Druckwasserreaktors bringt nicht mehr viel an Kostenzuwachs, meine 500 Millionen Dollar sind ein guter Richtwert. Bedenken Sie, die Stillegung des ersten deutschen Versuchskraftwerks in Kahl am Main mit nur 16 MW Leistung kostet 300 Millionen! Hier erkennen Sie die Unterproportionalität der Stillegungskosten deutlich. Vielfach werden die Kernkraftbetreiben dafür kritisiert, dass sie die Rückstellungen für Investitionen nutzen. Hier liegt ein grundlegendes Missverständnis des Funktionierens von Kapitalismus vor. Sollten sie die Summe als Papiergeld in den Safe tun - der Wertverlust wäre unvertretbar. Geld kann nur erhalten werden, wenn es arbeitet, Stichwort Inflation. Wenn die KKW-Betreiber das Geld zu 3 % auf ein Sparbuch gelegt hätten, dann hätte die Sparkasse damit spekuliert. Welche Sicherheit haben Sie dafür, dass die Sparkasse nicht einmal Pleite geht? Das Geld dem Staat anzuvertrauen, ist auch nicht viel klüger, denken Sie an die Staatsverschuldung und wie sie entstanden ist, und - auch der Staat kann Pleite gehen. Die Otelo-Verluste haben die Betreiber an anderer Stelle locker kompensiert, da können Sie (und ich) sicher sein - was mir die Konzerne jedoch nicht unbedingt sympathischer macht. < 8. Die SPD hat es schon richtig ausgedrückt, der Castor-Skandal war bestenfalls eine "Vertrauenskrise". Worüber reden wir? An der Oberfläche des Behälters sind Stellen gefunden wurden, an denen radioaktive Reste hafteten, deren Aktivität um 20 Becquerel pro cm² betrug. In einem Fall wurden über 10 000 Becquerel gemessen, meist waren es jedoch deutlich weniger. Es ist eine extreme Fehlinformation, daraus eine Gefährdung für die Bevölkerung abzuleiten. Auch die Demonstranten und Polizisten, die sich am Zug aufhielten, waren nicht in Gefahr. < Die erste Frage lautet: Wie viel sind 10 000 Bq? 1 Bq bedeutet, dass in der betrachteten Probe ein Kern pro Zeiteinheit zerfällt. Zum Vergleich einige Beispiele: Der Menschliche Körper enthält naturgegebener Weise im Durchschnitt 7000 Bq, d.h. 7000 Kerne zerfallen pro Sekunde und die dabei entstehende Strahlung wirkt unmittelbar auf den Organismus. Allein 4000 Bq entfallen auf Kalium 40, das ein natürlich vorkommendes radioaktives Nuklid darstellt. Wenn Sie einer Probe von 10 000 Bq in einem Abstand von einem Meter gegen überstehen, erreichen Sie schätzungsweise 500-800 Strahlenquanten pro Sekunde, das ist schon fast vernachlässigbar gegenüber den 7000 Quanten, die aus Ihrem eigenen Körper stammen. Wenn jemand neben dem Castor-Behälter steht, ist er einer Dosisleistung von bis zu 4 Mikrosievert/Stunde ausgesetzt, die aus dem Inneren kommt, je nach dem, wie aktiv der Müll im Innern ist. 10 000 Bq auf der Oberfläche verursachen in 1 m Abstand eine Dosisleistung (ein von der Energie der Strahlung her starkes Nuklid angenommen, z.B. Radium) von ca. 0,003 µSv/h. Die Person wird von mehr als 1000 mal mehr Quanten aus dem Innern des Behälters "durchlöchert", übrigens ohne dass ihr dabei etwas passiert. Solchen Dosisleitungen ist Kernkraftwerkspersonal häufig ausgesetzt, ohne dass die Epideminologie Auffälligkeiten aufweist.< Wenn das so ist, warum wehrt sich dann die Atomlobby nicht gegen die allgemeinen Darstellungen? Die Antwort lautet: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen! Am Anfang des Castor-Skandals hatte ein Vertreter der Kraftwerksbetreiber für die "Verstrahlungen" noch den Begriff "Fliegenschiss auf dem Güllefass" geprägt, was die Tatsachen lax aber anschaulich und durchaus richtig umschreibt. Er wurde von den Medien dafür fast geschlachtet. So was ist nicht politisch korrekt, denn es spiele die Gefährdungen (!) herunter und verhöhne die potentiellen (!) Opfer. 9. Die Feststellung, dass Strahlung die Gesundheit schädigt, ist in einem Zusammenhang mit Vorsicht zu genießen: Wir leben von Natur aus in einem erheblichen Strahlungsfeld, das noch dazu über die Jahrmilliarden ständig nachgelassen hat - durch den radioaktiven Zerfall. Das Leben auf der Erde entstand zu einem Zeitpunkt, wo das natürliche Strahlungsniveau höher war, als heute. Es könnte sein, dass die Evolution durch die Strahlung befördert wurde, andererseits haben sich die Organismen dem natürlichen Strahlungsniveau angepasst. Das ist der Grund dafür, dass man heute den sog. Hormese-Effekt beobachtet: Kleine Strahlendosen führen zu einer Verbesserung des Gesundheitszustandes, was in bestimmten Heilbädern ausgenutzt wird. Natürlich würde ich mich im Falle eines Falles nicht vor einen Castor setzen, sondern das Heilbad vorziehen. Ich will meine Feststellung auch nicht als Freibrief für lockere Emissionsgrenzwerte verstanden haben. Ich möchte nur zum Nachdenken über die oft gebrauchte Formulierung anregen, jedes Mehr an Strahlung sei ein zusätzliches Gesundheitsrisiko. 10. Nächstes Stichwort: Tokaimura. Der größte Nuklearstörfall nach Tschernobyl hat zwei Todesopfer, eine weitere Person mit Symptomen einer akuten Strahlenerkrankung, einige zehn weitere Personen mit überhöhten Strahlendosen, und eine total verseuchte Anlage hervorgebracht. Die Emissionen in die Umwelt waren eher unspektakulär, eine globale Auswirkung, erkennbar durch Erhöhung der Strahlenwerte weltweit hat es nicht gegeben. Bis auf die Tatsache, dass die betroffenen Menschen durch ionisierende Strahlung und nicht durch Feuer oder mechanische Einwirkungen zu Schaden kamen, unterscheidet sich diese Bilanz in nichts von Havarien, wie Flugzeugabstürzen, der Explosion in Enschede oder Bränden. Zur Sicherheitskultur: Wenn jemand mit seinen Freunden mit einem Plasteimer an die Tankstelle geht, 10 l Bleifrei zapft und sich dann eine Zigarette anzündet, dann werden, abgesehen von der fehlenden Radioaktivität, die Auswirkungen vergleichbar sein mit denen von Tokaimura. Warum tut das keiner? In Sachen Brandschutz haben wir eine Jahrhunderte lange Tradition, die sich in unseren Köpfen in bestimmten Verhaltensmustern niedergeschlagen hat. Man raucht nicht an der Tankstelle, man zapft keine brennbare Flüssigkeit in einen Eimer usw. Wenn man sich einer Hochtechnologie, wie der Kerntechnik, bedienen will, dann braucht man auch hier einen ähnlich hohen Bildungsstand. Genau das hat den Arbeitern in Tokaimura gefehlt. Alle meiner Kollegen haben den Kopf geschüttelt über soviel Blödheit und Leichtsinn. Man tut nicht hochangereichertes Uran in einen 10 l Behälter ohne Neutronenabsorber. Was Deutschland betrifft, so wäre eine Verstärkung der Schulbildung in Sachen Strahlung und Kerntechnik im Rahmen des Physikunterrichts wünschenswert. Leider scheint die Schule die Kerntechnik aber schon abgeschrieben zu haben. 11. Ich bin nicht sicher, ob Ihre Einschätzung des Risikos der regenerativen Energiequellen ganz richtig ist. Sicher sind Störfälle vom Ausmaß eines Tschernobyl bei den Regenerativen schlicht undenkbar, aber eine dauerhaft betriebene verfehlte Energiepolitik kann weltweit zu politischen und sozialen Verwerfungen führen, denen viele Millionen Menschen zum Opfer fallen könnten, teils wegen Versorgungskrisen, teils wegen Verteilungskriegen. Der Weg einer sich ausschließlich auf regenerativen Energiequellen abstützenden Energiestrategie birgt im Falle eines Flops Risiken, deren potentielles Ausmaß durch die Kriege der Vergangenheit und Gegenwart verdeutlicht werden. Denken Sie nur allein an den Golfkrieg, dessen Funktion es in weiten Teilen war, den Zugriff auf Kuwaitisches Erdöl zurückzuerlangen. Ich finde, die meisten fundamentalen Verfechter der regenerativen Energien sind sich ihrer Verantwortung in diesem Zusammenhang nicht bewusst. Die Größenordnung der Herausforderung, mittel- und langfristig praktisch alle fossilen Brennstoffe, die Weltweit etwa 90 % der Primärenergie liefern, durch etwas anderes ersetzen zu müssen, wird nicht erkannt. 1] H. Scheer: Stromkonzerne: Unproduktiv und auf den Erhalt von Monopolen ausgerichtet, VDI nachrichten, 18.12.1998 (Nr. 51), S. 2 [2] D. Maxeiner, M. Miersch: Lexikon der Öko-Irrtümer, Eichborn, Frankfurt, Juni 1998. [3] www.infokreis-kernenergie.de/wissen/faq4.cfm |
Briefwechsel Inhalt:1. Einleitung1.1 Vorgeschichte 1.2 Intention 2. Leserbrief von Dr. Ing. Schwarz: "An der Kernenergie führt kein (grüner) Weg vorbei" 3. Leserbrief von Lukas Weidauer: "Nur mit Ausstieg aus der Kernenergie auf grünem Zweig" 4. Brief von Dr. Ing. H.-M. Prasser 5. Brief von Lukas und Friedemann Weidauer 5.1 Anhang 6. Atwort von Herrn Dr. Ing. H.-M. Prasser Druckansicht des gesamten Briefwechsels |