Die Unschuld im Ausland
Voltaire: Candide ou l'optimisme
(Candide oder der Optimismus)
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(Fortsetzung von Teil I)

Wohin nun? Candide und Cacambo beschließen, nach Cayenne (Französisch-Guyana) zu gehen. Aber statt dessen geraten sie durch Zufall in ein Land "noch besser als Westfalen", mit gut ausgebauten Straßen, wohlbestellten Feldern und fetten Hammeln, kurz - Eldorado! Dort spielen schon die kleinen Kinder mit Murmeln aus Diamanten, im einfachsten Dorfgasthof wird ihnen schon ein erlesenes Essen serviert (was Voltaire so darunter versteht: Papageiensuppe, gesottener Kondor, gebratene Affen und Kolibris, dazu Zuckerrohrschnaps :-), und als sie gar bei Hofe empfangen werden, kocht der König persönlich ihnen ein noch besseres Festmahl, "mit Witz und Geist gewürzt". Überhaupt ist nicht nur der König sehr leutselig, es gibt keinerlei übertriebenes Hofzeremoniell, keine krakeelenden und disputierenden Mönche, keine Politiker, die überall dreinreden, alle Leute widereinander aufhetzen und solche, die nicht ihrer Meinung sind, verbrennen. (Merkt Ihr etwas, liebe Leser? Eldorao ist keine "Demokratie", schon gar keine "Parteien-Demokratie"! :-) Kurzum, man sollte meinen, daß Candide & Co. hier nun endlich die beste aller Welten gefunden haben, von der ihnen Pangloss immer erzählt hatte. Aber wie sagt das Sprichwort: Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Heu tanzen." Candide will wieder hinaus in die Welt, nicht nur um Fräulein Kunigunde wieder zu finden, sondern - und da schätzt Voltaire die Menschen durchaus richtig ein (als hätte er das Zeitalter des Massen-Tourismus vorher gesehen :-) - um sich bei Freunden und Angehörigen wichtig zu tun und mit alle dem zu brüsten, was man in der Fremde gesehen hat... Der König hält ihn zwar für bekloppt, aber er läßt ihn schließlich ziehen ("in unserem Land herrscht Freizügigkeit") und gibt ihm sogar noch 100 fette Hämmel mit, beladen mit Gold und Diamanten, und so gerüstet ziehen unsere Helden weiter nach Cayenne.

Aber wieder geraten sie zunächst einmal woanders hin, nämlich ins benachbarte Surinam (Niederländisch-Guyana). Dort wurde Zucker produziert, und Dikigoros wird auf seinen "Reisen durch die Vergangenheit" nie müde zu erklären, wie hoch der damals im Kurs stand. (Und auch noch lange danach: Woran entzündet sich in dem cynischen, aber nicht satirischen, sondern todernsten Film "Queimada" noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Aufstand auf der gleichnamigen Antillen-Insel? Am Kampf um das Zuckerrohr zwischen den portugiesischen Kolonialherren und den Engländern, welche die Negersklaven zur Revolte aufhetzen!) Als Beispiel dafür wählt er immer wieder gerne den Friedensvertrag von Breda anno 1667: Die Niederländer hatten - Dank Admiral De Ruyter - den so genannten 2. englisch-holländischen Seekrieg gewonnen und wollten nun Frieden schließen. Keinen Diktatfrieden, sondern einen ordentlich ausgehandelten Vertrag, bei dem auch die Gegenseite ihr Gesicht wahren und der deshalb von Dauer sein konnte. Also nahmen sie den Engländern das wertvolle Surinam nicht einfach ohne Gegenleistung ab, sondern ließen ihnen dafür das wertlose "Neu-Amsterdam" auf der Halbinsel Man[a]hattan, und als Draufgabe auch noch das ebenso wertlose "Neu-Belgien" (den heutigen Bundesstaat New York), die sie insgesamt nicht annähernd so hoch taxierten wie eine einzige Ladung Zucker aus Surinam. (Wie lange die Briten den Frieden hielten? Genau fünf Jahre, dann begannen sie den 3. englisch-holländischen Krieg; die Käsköppe - nach denen die Nordstaatler im allgemeinen und die New Yorker im besonderen bis heute "Yankees" [von Jan Kees, Johann Käse] genannt werden - hätten Neu-Amsterdam und Neu-Belgien also ruhig für sich behalten können.) Seht Ihr, liebe Leser, aus solchen naïven Friedensträumen und anderen Fehl-Kalkulationen der Politiker entsteht ein Großteil dessen, was Eure Schreibtisch-Historiker den "Lauf der Weltgeschichte" nennen!

Längerer Exkurs, den sich Dikigoros einfach nicht verkneifen kann - historisch nicht interessierte Leser mögen ihn überspringen. An unseren Schulen und Universitäten wird heute im Geschichtsunterricht nur noch wenig Gewicht auf Kriege gelegt, sondern viel mehr auf die großen Friedensschlüsse der Neuzeit - da ja auch unsere Politiker andauernd vom Frieden faseln, als ob das ein Selbstzweck wäre. Und so sind denn auch lange Doktor-Arbeiten verfaßt worden (u.a. von Frau Dikigoros :-) über die Friedensschlüsse von Münster und Osnabrück anno 1648 (die den "Dreißigjährigen Krieg beenden sollten), über den Pyrenäen-Frieden zwischen Frankreich und Spanien 11 Jahre später (der den besagten Krieg, der in Wirklichkeit ein 44-jähriger war, erst richtig beendete), über den Frieden von Rastatt und Baden, der 1714 den "Spanischen Erbfolgekrieg" beendete, über den Frieden von Passarowitz anno 1718, der den soundsovielten Türkenkrieg (die Zählung ist umstritten - s.o. -, aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr) beendete und Österreich zur Beherrscherin des Balkans machte, über die Friedensschlüsse von Paris und Hubertusburg anno 1763, die den "Siebenjährigen Krieg" beenden sollten, vielleicht auch über den Wiener Kongreß von 1815 und über den Vertrag von Versailles anno 1919. Alles schön und gut, aber keiner dieser Verträge - mit Ausnahme dessen von 1815 - war das Papier (oder vielmehr Pergament) wert, auf dem er geschrieben wurde. Warum nicht? Nun, ein Vertrag, der einfach nur das Ergebnis eines Krieges fest schreibt, so wie es sich auf den Schlachtfeldern ergeben hat, ist de facto überflüsig (das haben die siegreichen Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg allen, die es noch immer nicht gemerkt hatten, hinreichend demonstriert). Ein Frieden, der etwas fest zu schreiben versucht, das nicht den Realitäten entspricht, ist sinnlos. [Ebenso sinnlos ist es übrigens, Verträge, die den Realitäten entsprechen, wieder aufzuheben. Der Vertrag von Brest-Litowsk von 1918 und die unter deutscher Führung vorgenommene Aufteilung der Versailler Monster-Staaten Tschecho-Slowakei und Jugo-Slawien 1938-41 hätten durchaus segensreich wirken können: Die bösen "Hunnen" und "Nazis" zogen die Grenzen in Ostmitteleuropa schon damals so, wie sie seit 1991, nach dem Zusammenbruch der Sowjet-Union und ihres Vasallen-Systems - und einem Meer von überflüssig vergossenem Blut, Schweiß und Tränen (aber sie wußten es, denn Churchill hatte ihnen diesen Preis,den es kosten sollte, das verhaßte Deutsche Reich von der Landkarte auszulöschen, zuvor in cynischer Offenheit genannt) - von den betroffenen Völkern in freier Entscheidung wieder gezogen worden sind.] So half es England gar nichts, daß es 1763 Québec, Louisiana und Florida bekam - der Charakter jener Kolonien blieb trotzdem französisch bzw. spanisch, und als er das nicht mehr war, hatte England sie schon verloren. Es tat auch den Österreichern nicht gut, sich all jene balkanesischen Drecksvölker ans Bein zu binden, die bei den Türken viel besser aufgehoben waren, und dafür seine wertvollen mitteleuropäischen Territorien - Böhmen und Mähren, die Lombardei und Venezien, Elsaß, Brabant und Flandern zu vernachlässigen und schließlich zu verlieren. Nein, die für den Gang der Weltgeschichte wirklich wichtigen Friedensschlüsse, wie der genannte Vertrag von Breda, wurden stets in mehr oder weniger gegenseitigem Einvernehmen ausgehandelt. Wie der [Vor-]Friede von Utrecht 1713, der England Gibraltar, Menorca, Neufundland, Neuschottland, das Pelzhandelsmonopol der Hudson-Company in Kanada und das Sklavenhandels-Monopol zwischen Afrika und Amerika sicherte. Oder der Friede von Allahābād 1765, der den Briten - die ihn mit ihrer eigenen Marionette, Ali Gauhar alias "Shāh Alam II" abschlossen - die Herrschaft über Bengalen und damit de facto über den indischen Subkontinent sicherte. (Ja, auch der "Siebenjährige Krieg" - den die Engländer richtiger den "Französisch-Indischen Krieg" nennen - dauerte gar nicht sieben, sondern neun Jahre!) Oder das, was der geniale Talleyrand 1815 in Wien für Frankreich erreichte - das war, als hätte 1945 ein deutscher Unterhändler einen Friedensvertrag mit den Alliierten erreicht, nach dem Hitlers Gebeine auf St. Helena verscharrt wurden, der älteste Sohn von Wilhelm II wieder Kaiser wurde und das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937, nein sogar 1914 wieder hergestellt wurde! Exkurs Ende.

Zurück zu Candides Erlebnissen in Surinam. Er trifft einen Negersklaven, dem man eine Hand und ein Bein abgehackt hat, weil er zu fliehen versucht hatte: "Dies ist der Preis, um den Ihr Zucker eßt in Europa," sagt er. Ja, das ist ein Punkt, über den auch Dikigoros nur schwer hinweg kommt (wiewohl er sich ja fragt, wer in "Eldorado" den Zuckerrohrschnaps gewonnen hat und wie). Er hat darüber bereits an anderer Stelle ausführlicher geschrieben; aber er wiederholt sich hier gerne noch einmal: Was immer man von den "Errungenschaften" halten mag, die aus der "neuen Welt" Amerika in die "alte Welt" Europa gelangt sind (Dikigoros hat nie einen Hehl daraus gemacht, daß er den Tabak und das Kokaïn für zwei der übelsten Geißeln der Menschheit hält, die durch nichts, was aus Amerika an Positivem gekommen sein mag, aufgewogen werden kann), so muß man doch auch einräumen, daß im Gegenzug europäische Verbrecher den Amerikanern zwei Geißeln gebracht gebracht haben, die den ersteren um nichts nachstehen: die Negersklaven und den Zuckerrohr[schnaps]. (Nein, nicht "die" Sklaverei und "den" Alkohol - beides kannten die Amerikaner schon vorher; aber Dikigoros will an dieser Stelle nicht noch deutlicher werden.) War es das wert? Weil die Weißen (und die Roten) zu faul oder zu schwächlich (oder beides) waren, um Zuckerrohr anzupflanzen (und Baumwolle und Tabak und und und)? Weil die Europäer nicht auf Zucker verzichten konnten oder wollten, weil ihnen der Honig nicht mehr gut genug und die Zuckerrübe noch nicht gezüchtet war? Ihr meint, die Jagd nach Gold und Silber (weniger nach Diamanten, aber das wußte Voltaire vielleicht nicht) und nach Gewürzen sei doch noch viel perverser gewesen, denn die Metalle seien nicht eßbar gewesen und die Gewürze nicht lebensnotwendig? Wohl wahr, denn die Edelmetalle dienten ja nur dem Zahlungsverkehr, und wenn ihnen nicht auch eine entsprechende Menge an neu produzierten Gütern gegenüber stand, führten sie nicht zum Wohlstand, sondern nur zur Inflation; und die exotischen Gewürze mögen zwar manchen faden Fraß schmackhafter gemacht haben; aber das einzige wirklich lebensnotwendige Gewürz, das Salz, gab es auch in Europa (und viele andere leckere und gesunde Kräuter auch); süßen konnte man wie gesagt auch mit Honig, und seinen Kohlehydrat-Speicher auch anderweitig auffüllen. Deshalb würde Dikigoros die o.g. Frage verneinen; und die Geschichte dieser Wechselbeziehung zwischen Europa und Amerika ist einer der Gründe, die ihn zu der persönlichen Überzeugung haben gelangen lassen, daß das Vermischen unterschiedlicher Kulturen ein großes Übel ist, das man unter allen Umständen vermeiden und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln bekämpfen sollte, um die Vielfalt der unterschiedlichen Lebensformen ("separate but equal") auf Erden zu erhalten. Aber wenn Ihr anderer Meinung seid und gute Gegenargumente habt, insbesondere Gegenbeispiele gelungener "multi-kultureller" Experimente kennt (aber bitte nicht nur die gelungene Umwandlung von Kultur-Völkern in gleich geschaltete Konsumenten-Bevölkerungen, an denen die Multis gut verdienen!), dann dürft Ihr ihm gerne mailen.

Nachtrag. Und nun hat tatsächlich jemand Dikigoros zu diesem Absatz gemailt - allerdings nicht, um auf seine Frage zu antworten, sondern in Sachen Zucker. Dikigoros hat geschrieben, daß es völlig unnötig war, Sklaven zum Anbau von Zuckerrohr aus Afrika in die Karibik zu verfrachten, da man doch die Zuckerrübe schon viel früher hätte züchten können; und nun will ihn jemand vom genauen Gegenteil überzeugen: Man hätte den Rübenzucker nie erfinden sollen; und man müsse vor allem dessen Massenproduktion einschränken, die dazu mißbraucht werde, den Weltmarkt mit subventioniertem Zucker zu Dumpingpreisen zu überschwemmen. Wenn das nicht wäre, könnten nämlich die Produzenten von Zuckerrohr diesen wieder auf dem Weltmarkt absetzen, zu ordentlichen Preisen, und ihre Länder müßten nicht mehr vom Prostitutions-Tourismus und/oder dem Export von Tabak, Alkohol u.a. Drogen leben! So so... Dikigoros stellt zunächst einmal fest, daß dieser Leser es offenbar für das härtere Los hält, sein Geld mit den vorgenannten Aktivitäten zu verdienen als mit der Plackerei auf den Zuckerrohr-Plantagen - woraus er wiederum messerscharf schließt, daß der Betreffende noch nie auf einer solchen Plantage geschuftet oder auch nur anderen dabei zugesehen hat. Aber selbst wenn die Arbeit dort nicht so hart wäre - Dikigoros bezweifelt ganz entschieden, daß die Zuckerrohr-Produzenten den Bedarf des Weltmarkts decken könnten, wenn der Rübenzucker ausfiele oder mangels Subventionierung so teuer würde, daß ihn die ärmeren Länder nicht mehr importieren könnten. Seht Ihr, liebe Leser, die Ihr überwiegend aus Wohlstandsstaaten stammen dürftet, die mehr Probleme mit dem Übergewicht als mit der Unterernährung haben, Zucker ist ja in den meisten Ländern kein Naschwerk, sondern notwendiger Lieferant von Kohlehydraten. Es ist nun mal so, daß man mit keinem anderen Nahrungsmittel so schnell und so billig so viele Kalorien aufnehmen kann wie mit Zucker; nicht mal ein Zehntel der Weltbevölkerung kann sich den Luxus leisten, seinen Kalorienbedarf überwiegend aus tierischen Fetten und Eiweißen zu decken. Dikigoros selber ist - und ißt - da ganz neutral: Er ißt nicht nur kein Fleisch, sondern auch keinen Zucker, sondern nur Süßstoff. Aber sowohl er als auch seine Frau stammen aus einem Elternhaus, wo es ganz normal war, pro Kopf und Woche ein gutes Kilo Zucker-Raffinade zu verzehren. (Das haltet Ihr für übertrieben? Aber was ist das schon: ca. 150 Gramm pro Tag, das nehmen viele von Euch schon allein mit Kaffee, Tee, Cola, Limo und/oder anderen zuckerhaltigen Getränken zu sich!) Seiner Frau und seiner Mutter hat er das inzwischen abgewöhnt (sie kommen jetzt mit einem Drittel aus); aber sein Schwiegervater tat das bis an sein seliges Ende; und wenn man etwas sagte, zitierte er den blöden Spruch aus der Zuckerwerbung der 1920er Jahre, die Dikigoros Euch oben abgebildet hat. Aber er war halt im Steckrüben-(nicht Zuckerrüben-!)Winter von 1917 geboren und in einer Zeit aufgewachsen, als auch in Mitteleuropa noch mehr Leute an Hungerödemen als an erhöhtem Blutzucker litten. Kurzum, es würde weltweit zu großen Hungersnöten kommen, und Millionen Menschen würden sterben, wenn die Europäer nicht mehr ihren subventionierten Rübenzucker billig überall hin verschleuderten. (Cyniker könnten jetzt sagen, daß das ja nur gut wäre, da die Erde eh überbevölkert sei; aber das ist eine andere Geschichte.) Denn die Produzenten von Zuckerrohr - die es ja durchaus noch gibt - denken gar nicht daran, ihn in großem Maßstab zu exportieren; vielmehr verbrauchen sie ihn selber, sei es für Schnaps, sei es als Beimischung für Kraftstoffe - Saufen und Autofahren (am besten beides zusammen :-) ist nämlich vielen Menschen auf der Welt wichtiger als ausreichende Ernährung; und um den so genannten Nächsten kümmern sich gerade die Leute in der so genannten Dritten Welt am wenigsten. (Nein, Dikigoros will hier nicht den moralischen Zeigefinger heben; er schlägt sich vielmehr an die Arme-Sünder-Brust und gesteht, daß auch er in Indien frischen Zuckerrohrsaft und frische Kokosmilch trinkt, was nicht nur eine ungeheure Verschwendung von Nahrungs-Ressourcen, sondern auch ein nicht unbeträchtliches Gesundheitsrisiko ist :-) Und wenn man in anderen Ländern dazu überginge, vermehrt Zuckerrohr anzubauen, würde das bloß wieder zu Monokulturen führen; und wie gefährlich das ist, haben Wirtschaftskrisen immer wieder gezeigt - und daß die noch längst nicht der Vergangenheit angehören, haben wir jüngst erst wieder erfahren müssen. Also: Dikigoros hält an seinem Lob der Zuckerrübe fest, auch ohne daß er persönlich von ihr profitiert. Nachtrag Ende.

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Aber Dikigoros ist abgeschweift; solche Gedanken lagen Voltaire ganz fern - er läßt vielmehr den verstümmelten Negersklaven klagen: "Die Holländer, die mich bekehrt haben, sagen mir jeden Sonntag, daß wir alle Kinder Adams sind, Weiße wie Schwarze. Ich bin kein Genealoge; aber wenn diese Prediger die Wahrheit sagen, dann sind wir doch alle Bruderkinder. Nun werdet Ihr mir wohl zugeben, daß man mit seinen Verwandten kaum auf eine schrecklichere Art verfahren kann." Da kann ihm Candide nur beipflichten, und erstmals spielt er ernsthaft mit dem Gedanken, die Pangloss'sche Lehre vom Optimismus endgültig zu verwerfen. "Was ist Optimismus?" fragt ihn Cacambo, und auch wir, liebe Leser, sollten einen Augenblick verweilen und uns das fragen. Wir gebrauchen dieses Wort heute so gedankenlos für jedes noch so zaghafte Hoffen auf die Zukunft - wir sprechen gar von "vorsichtigem Optimismus". Aber das trifft nicht den wörtlichen Sinn der Vokabel, die vielmehr einen Superlativ darstellt: Ein Optimist (von lateinisch "optimus", der oder das beste) müßte tatsächlich immer daran glauben, daß es in der Welt zum besten bestellt ist, und nicht einfach nur mehr oder weniger gut. Aber diese Feinheit läßt sich Voltaire entgehen, als er Candide in seiner Antwort eine etwas unscharfe Definition geben läßt: "Optimismus, das ist der Wahnsinn zu behaupten, daß alles gut ist wenn es einem schlecht geht." Wieviel anschaulicher - und zutreffender - wäre ein Satz wie: "Optimismus, das ist zu behaupten, daß alles zum Besten steht, wenn es einem am dreckigsten geht." Wie dem auch sei, Candide vergießt bittere Tränen über das Schicksal des armen Negers. Ja, liebe Leser, sind die Menschen nicht alle Brüder? Darf Dikigoros darauf mit einer Gegenfrage antworten: "Warum so hart," sprach einst die Kohle zum Diamanten, "sind wir nicht nahe Verwandte?" (Dieser Satz stammt von Friedrich Nietzsche, und Dikigoros weiß auch nicht, wieso er bei Voltaire so oft an Nietzsche denken muß - er wird ihn hier noch ein paarmal zitieren.)

Aber wir wollen nicht boshaft sein - jedenfalls nicht so boshaft wie Voltaire und Nietzsche -, und uns lieber um eine "seriöse" Antwort bemühen. Bitte sehr, aus Friedrich Sieburgs "Ist Gott Franzose?" (aus dem Französischen zurück übersetzt von Dikigoros; im deutschen Original - "Gott in Frankreich?" - steht es womöglich etwas anders): "Frankreich kennt keinen Unterschied der Rassen. Nicht das Blut ist die Bindung, sondern der Geist. Wenn der Franzose von seiner "race" spricht, so meint er damit nicht die blutmäßige Zusammensetzung seines Volkes, sondern die gemeinsame kulturelle Struktur, vor allem die Sprache. Der Franzose ist unempfindlich für Rassengegensätze; er ist geneigt, den Menschen ausschließlich nach der kulturellen Zugehörigkeit zu bewerten; er sieht seinen Stolz darin, daß sein Land imstande ist, die verschiedenartigsten ethnischen Elemente zu einer Form zusammen zu fassen. Er braucht die Farbigen als Soldaten, er braucht die fremden Immigranten, um die in die Städte abwandernde Landbevölkerung zu ersetzen. Frankreich ist ohne Zweifel ein fremdenfeindliches Land; aber diese Feindschaft richtet sich nur gegen denjenigen Ausländer, der sein Land mitbringt. Wer sich unterwerfen, sich selbst aufgeben will, der ist willkommen." [Diese Analyse kann Dikigoros nur voll und ganz bestätigen; er hat weder selber noch bei Dritten je erlebt, daß jemand, der fließend Französisch spricht, statt Eisbein auf Sauerkraut Froschschenkel - die übrigens gebraten nicht viel anders schmecken als Hähnchenkeulen - auf Artischocken und statt Schwarzbrot mit Blut- oder Leberwurst Weißbrot mit Weichkäse oder Gänseleberpastete ißt und dazu Rotwein, Cidre oder Calvados trinkt statt Bier oder Schnaps, von den Franzosen nicht auf das Freundlichste behandelt worden wäre.] Das klingt doch ganz annehmbar, oder? Aber dann beschließt Sieburg jenes scheinbar so optimistische (!) Kapitel mit einer düsteren, durch und durch pessimistischen Prognose: "Wie leicht läßt sich das Land der heiligen Johanna täuschen! Wer nur einmal kräftig 'Vive la France!' ruft, der verwandelt sich von einem verächtlichen Kanaken ['métèque' - Gastarbeiter minderen Rechts im alten Griechenland, Anm. Dikigoros] in einen Bruder. Daß die Qualität dieser Brüder auf die Dauer darunter leidet, wird eines Tages der letzte Franzose mit Trauer feststellen." Tja... wahrhaft profetische Worte aus dem Jahre 1929! Darf Dikigoros noch etwas Salz in die Wunde reiben und aus der französischen Nationalhymne zitieren? Ihr habt es weit gebracht, liebe Franzosen, so weit, "qu'un sang impur abreuve vos sillons". Aber so wolltet Ihr es doch immer haben, oder? Nicht umsonst heißt Eure Nationalhymne "La Marseillaise". Ihr wißt nicht, was Dikigoros damit sagen will, liebe deutsche Leser? Fahrt mal nach Marseille, dann erfahrt Ihr es - wenn Ihr nicht gerade [farben]blind seid. Aber bitte schaut nicht nur auf die Hautfarbe - allein darauf abzustellen wäre tatsächlich primitivster Rassismus; und wir wollen uns doch nicht mit Vorurteilen zufrieden geben. Nein, schaut Euch bitte auch einmal an, wie es in den Schwarzenvierteln der Städte sonst aussieht (und das, obwohl in Europa noch die Weißen mit ihren Steuergeldern für eine funktionierende Infrastruktur mit Strom- und Wasserversorgung, Müllabfuhr, Polizei und Krankenhäusern sorgen; wenn Ihr sehen wollt, wie es ganz ohne Weiße aussieht, fahrt nach Lagos oder Kinshasa!), und danach bildet Euch ein fundiertes Urteil, wie es in den einst weißen Kontinenten aussehen wird, wenn Ihr sie den Schwarzen überlaßt, ob Ihr so leben wollt, und ob das die beste aller möglichen Welten ist, wie es uns die Apostel der Multi-kulti-Gesellschaft schwarz, pardon weiß machen wollen, auch ohne jemals von Leibniz gehört oder gelesen zu haben.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Nun, diese Frage konnte man schon zur Zeit Voltaires beantworten, und er tut es auch, denn er schildert, wie es millionenfach gewesen sein muß: Die Eltern des armen Negerleins, wohnhaft im schönen Guinea (das nicht umsonst auch "Sklavenküste" hieß) haben ihren Sohn für 10 Patagonen an böse Sklavenhändler verkauft in dem guten Glauben, daß es ihm bei den frommen Christen gut ginge. (Wer's glaubt, daß die das glaubten muß schon mehr als gut-gläubig sein - das erinnert Dikigoros so an die Eltern aus dem Isaan, die ihre Töchter an die Puffmütter aus Bangkok oder Pattaya verkaufen in dem "guten Glauben", die lieben Kinder würden dort als Haushaltshilfe oder in sonst irgend einem ehrenwerten Beruf arbeiten und dabei so viel Geld verdienen, daß sie davon allmonatlich Summen nach Hause schicken können, wie sie die Familie zusammen sonst im ganzen Jahr nicht auf den Reisfeldern erarbeiten kann.) Ja, diese Sklavenhändler waren Verbrecher. Aber sehen wir die Sache auch einmal anders herum: Hätten es die Schwarzen sonst jemals fertig gebracht, über die Grenzen Afrikas hinaus in die ganze Welt zu gelangen und sich dort zu vermehren wie die sprichwörtlichen Kanickel? Ursprünglich gehörte ihnen nur ein Kontinent. (Inzwischen, nachdem sie erst die Inder, dann die Europäer hinaus geworfen haben, gehört er ihnen schon fast wieder alleine - die Araber werden früher oder später folgen; der Irak ist bereits von schwarzen Kriegern in US-Uniformen besetzt.) Heute haben sie die Karibik ganz und den Rest Amerikas zu großen Teilen erobert, auf Kosten aller anderen Rassen. Brasilien ist bis auf kleine Reste schwarz oder mulattisch geworden; die großen Städte der USA auch. (Böse Zungen, pardon Rassisten, nannten sie bereits vor der Wahl eines kenyanischen Krypto-Muslims zum Präsidenten "die Verniggerten Staaten von Amerika"; einige Spaßvögel haben sogar schon die "United Colors of Benetton" erfunden und bewerben sie entsprechend :-) Längst schuften die Schwarzen nicht mehr für die Weißen auf den Zuckerrohrfeldern oder sonstwo, sondern sie lassen die Weißen für sich schuften und die Sozialhilfe erarbeiten, von der sie faul, pardon gemütlich in den Tag hinein leben - vor allem die weißen Frauen, die arbeiten gehen und auf Kinder verzichten (und noch stolz darauf sind, die Närrinnen), während die schwarzen Frauen zwischen 14 und 40 jedes Jahr mindestens eines bekommen... und das soll für die letzteren nicht die beste aller möglichen Welten sein? Und es wird noch besser kommen: Da die USA nicht Eldorado, sondern eine Demokratie sind, in der die Mehrheit an den Wahlurnen entscheidet, kann jeder, der das kleine Einmaleins beherrscht, leicht ausrechnen, wann die Schwarzen dort die Macht übernehmen werden - zumal einige weiße Wähler dort zu ihrem eigenen Schaden farbenblind sind. (Aber was bleibt ihnen übrig, wenn sowohl die "Demokraten" als auch die "Republikaner" Schwarze zu ihren Vorsitzenden machen? Andere Parteien wird man nicht mehr hoch kommen lassen!) Das ist der wahre Preis, den wir für die Gier unserer Vorfahren nach vermeintlich billigem Zuckerrohr, Tabak usw. werden zahlen müssen (wovon Voltaire freilich noch nichts ahnen konnte); und jeder, der die jüngere Geschichte Ugandas, Nigerias, Rhodesiens, Südafrikas, Namibias oder des Kongo kennt, kann sich ebenso leicht ausrechnen, wie es für die Weißen enden wird. (Aber auch das zählt zum "Herrschafts-Wissen", das nicht in der Öffentlichkeit breit getreten wird.) Und Amerika wird nicht der letzte Kontinent sein; Europa steht als nächster auf dem Programm; und Voltaires Heimat Frankreich ist das Einfallstor: Marseille hat Dikigoros schon erwähnt; aber in Paris wird es noch deutlicher, wenngleich der erste Versuch, mittels eines offenen Aufstands die Macht in den Vororten zu ergreifen, im Jahre 2005 gescheitert ist - es wird nicht der letzte bleiben, und irgendwann wird er Erfolg haben, ebenso in Lille, Lyon, Strasbourg usw. (Auch viele Städte Englands und Deutschlands sind bereits auf dem besten Wege, pardon auf dem besten aller möglichen Wege - jedenfalls aus der Sicht der Schwarzen.) Das alles mit welchem "Recht"? Euch fällt keines ein? Dikigoros auch nicht - nun ist er in diesem Punkt doch deutlicher geworden als er ursprünglich wollte. Aber der große Satiriker, der die Welt einmal unter diesem Aspekt bereist und einen neuen "Candide" schreibt, ist wohl noch nicht geboren - im übrigen könnte er sicher sein, daß sein Werk, wenn er denn die bittere Wahrheit schriebe, von den gutmenschlichen, [farben-]blinden Zensoren unserer Zeit ebenso erbarmungslos verfolgt würde wie das Voltaires von denen des 18. Jahrhunderts.

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Und dorthin wollen wir nun zurück kehren. Candide schickt Cacambo nach Buenos Aires, um Kunigunde auszulösen, und schifft sich selber schon mal nach Europa ein - nicht ohne sich bei der Passage tüchtig über's Ohr hauen zu lassen -, in Begleitung eines alten Filosofen namens Martin, der ihm so viel Unerfreuliches aus aller Welt erzählt (mit dem Dikigoros Euch nicht langweilen will), daß mal wieder kein gutes Haar an der "besten aller möglichen Welten" bleibt. Wie um das zu bestätigen treffen die beiden auch in Frankreich - wo sie zunächst landen - nur auf Schlechtigkeit aller Art; besonders in und um Paris, jener schmutzigen Lasterhöhle, gegen die selbst Westfalen noch Gold ist. (Hier müßt Ihr, liebe deutsche Leser, versuchen, Euch in einen französischen Leser des 18. Jahrhunderts hinein zu versetzen, der gelernt hat, daß Deutschland die Barbarei schlechthin sei, und Westfalen mit der schlimmste Teil - Paris hingegen in jeder Beziehung die Hauptstadt Europas, ja der Welt.) Aber warum begibt sich Candide auch in schlechte Gesellschaft? Verglichen mit seinen Horror-Erlebnissen in anderen Gegenden der Welt kommt Frankreich eigentlich noch verhältnismäßig gut weg - und das erstaunt denn doch bei einem Land, dessen Nationalgeschichte ein deutscher Historiker (vor dem verlorenen Zweiten Weltkrieg, versteht sich) mal unter dem Motto abgehandelt hat: "Von den Albigenser-Schlächtereien bis zur Guillotine". Aber wie gesagt: Voltaire war wohl zu sehr Franzose, um sein eigenes Vaterland ernsthaft zu bekritteln... Folgt wenigstens ein kleiner Seitenhieb auf England, bei dem auch Frankreich ein Teil abbekommt - aus dem Munde Martins: "Die Engländer sind auf andere Weise närrisch als die die Franzosen," meint der, "Ihr wißt ja, daß die gerade Krieg gegeneinander führen um ein paar lumpige Morgen Schneeland in Kanada, und dieser Krieg kostet mehr als ganz Kanada wert ist." Nun, dazu hatte Dikigoros oben ja schon etwas geschrieben; lassen wird das also an dieser Stelle dahin stehen und folgen Candide weiter auf seiner Reise durchs Mittelmeer, die ihn als nächstes nach Italien führt.

"Italien" - was war das im 18. Jahrhundert? In erster Linie ein geografischer Begriff. Und politisch? Nun, das "ewige Rom", die Hauptstadt des Kirchenstaats, war eine Kloake voller Ruinen, und alles südlich des Vatikans eine spanische Kolonie, so arm wie der "mezzogiorno" halt bis heute ist. Aber was war aus den einst blühenden Seehandelsstädten Genua, Pisa und Venedig geworden? Nun, die beiden ersteren waren seit der Entdeckung Amerikas allmählich in der Bedeutungslosigkeit versunken, seit ihnen erst die spanischen und portugiesischen, dann auch die englischen, französischen und niederländischen Häfen den Rang abgelaufen hatten. Venedig hatte seine Herrschaft über das östliche Mittelmeer an das Osmanische Reich verloren; allein die Adria beherrschte die Lagunen-Republik noch halbwegs, und die Hauptstadt zehrte noch vom alten Reichtum, den sie einst angehäuft hatte: Die Paläste, die Parks, die Denkmäler, die Museen, die Bibliotheken, die Bildergalerien, und es gibt auch gute Opern und Konzerte, wie Candide bemerkt - gilt nicht Italien immer noch als das Land der schönen Künste? Und des guten Essens? Und der schönen Frauen (und seien es auch Courtisanen)? Fast könnte man meinen, in der besten aller Welten gelandet zu sein. Da gibt es zwar einen gewissen Pococuranté, der an allem nur herum mäkelt - aber dem gefällt vielleicht nur Candides Nasenspitze nicht. A propos: Da Dikigoros immer mal wieder erwähnt, wie nichtssagend die Portraitisten (Maler und Bildhauer gleichermaßen) bis ins 18. Jahrhunderts ihre Opfer abzubilden pflegten, so daß man zwar meist genau sagen kann, aus welcher Zeit und von welchem Künstler sie stammen, aber nur selten, wen sie darstellen sollen, möchte er seine Leser darauf hinweisen, daß Voltaire da eine Ausnahme darstellt: Er hat einen derart charakteristischen Zinken von Nase im Gesicht - der ihm durch alle Altersstufen hindurch erhalten bleibt -, daß eine Verwechslung so gut wie ausgeschlossen ist. Aber das nur am Rande.

In einem venezianischen Gasthaus trifft Candide eines Abends beim Essen sechs mehr oder weniger verarmte Personen, die sich als "Könige" bezeichnen. (Voltaire macht sie zu fiktiven Besuchern des Karnevals; tatsächlich dürfte kaum einer je nach Venedig gekommen sein.) Offenbar sind sie schon bei Voltaires Lesern weitgehend in Vergessenheit geraten (Ihr, liebe Kinder des 20. Jahrhunderts, braucht Euch also nicht zu genieren, wenn es Euch ebenso geht :-), weshalb er sie ihre Lebensgeschichte erzählen läßt: Der erste ist Sultan Ahmäd III - der braucht uns nicht weiter zu interessieren, ebenso wenig Tsar Iwán [VI], der schon als Kind von Elizabeth II um den Thron gebracht wurde. Der dritte ist Edward Stuart, der Sohn von Jakob III (und Enkel von Jakob II), der immer noch hofft, die "Glorious Revolution" von 1685 rückgängig machen zu können. Der vierte und der fünfte sind Ex-Könige von Polen: Stanislas Leszcynski (der es im Spanischen Erbfolgekrieg verlor) und August III von Sachsen (der gerade erst im "Siebenjährigen Krieg" von Friedrich II von Preußen zum Teufel gejagt worden war). Am interessantesten ist jedoch der sechste: Theodor v. Neuhof, ein Abenteurer, der sich 1736 zum "König" von Korsika aufgeschwungen hatte. Tja, die Korsen sind eines jener Völkchen, die glauben, sie könnten zwischen zwei mächtigen Nachbarn "unabhängig" sein und sich dann wundern, wenn sie, nachdem sie die Herrschaft des einen mit Hilfe des anderen glücklich abgeschüttelt haben, unversehens die eine Abhängigkeit gegen die andere eingetauscht haben und dabei nicht nur vom Regen in die Traufe gekommen sind, sondern weit schlimmer. (Das ist zwar keine Besonderheit des 18. Jahrhunderts - Dikigoros pflegt aus seiner Zeit stets Kashmir zu erwähnen -, aber damals war es besonders kraß: Denkt nur mal an die ukraïnischen Kosaken, die die polnische gegen die russische Herrschaft eintauschten; Dikigoros schreibt darüber an anderer Stelle ausführlicher.) 1729 hatte ein langwieriger Kleinkrieg zwischen Frankreich und Genua begonnen; und die Korsen meinten die Gunst der Stunde nutzen zu müssen, um die Herrschaft Genuas abzuschütteln. Welche eine Narretei - die lockere Oberhoheit ihrer eigenen Landsleute, die kaum weh tat! Es kam, wie es kommen mußte: Nach knapp 40 Jahren schloß Genua Frieden mit Frankreich und verkaufte ihm die Insel mit den aufmüpfigen Korsen - weg mit Schaden. Der brave Theodor hatte sich nicht mal ein Jahr lang halten können; nach ihm kamen anderen, die den "Freiheitskampf" weiter führten, u.a. ein gewisser Buonaparte. Im Jahre des Friedensschlusses wurde ihm ein Sohn geboren, den er "Napoleone" nannte und der folglich französischer Staatsbürger wurde. Die Franzosen wußten nicht, was sie sich da eingefangen hatten. Stellt Euch vor, der junge Buonaparte wäre als Genuese aufgewachsen - das schlimmste, was er hätte anrichten können, wäre, Erster KonsulBürgermeister von Genua zu werden und vielleicht einen Krieg gegen Pisa vom Zaun zu brechen. Ohne Theodor v. Neuhof - von dem Ihr wahrscheinlich noch nie gehört hattet - und seine Narretei, Korsika mit Frankreichs Hilfe "unabhängig" machen zu wollen, hätte die Weltgeschichte einen anderen Verlauf genommen. Nett, daß wenigstens Voltaire ihm ein kleines literarisches Denkmal gesetzt hat. Der konnte zwar auch nicht wissen, was sich daraus entwickeln würde - er konnte ja nicht hellsehen -, aber wenn er es gewußt hätte, wäre er sicher stolz gewesen, wie ja alle Franzosen auf "ihren" Napoléon stolz sind, obwohl der sicher nicht weniger auf dem Kerbholz hatte als Churchill, Hitler, Mao, Roosevelt und/oder Stalin (um Rückfragen vorzubeugen: die Reihenfolge ist alfabetisch). Warum wird er dann trotzdem von der heutigen französischen Geschichtsschreibung - und der Geschichtsschreibung überhaupt - tot geschwiegen? Aber liebe Leser, fragt bitte nicht so naïv: Es darf doch nicht sein, daß der Wegbereiter des französischen Nationalhelden schlechthin ein Deutscher war, oder? Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf... aber auch das ist bekanntlich kein Einzelfall in der Geschichte.

[Exkurs. Welche sechs Personen würdet Ihr, liebe Leser, die Ihr Euch nicht ob Eurer Unkenntnis der Geschichte des 18. Jahrhunderts geniert, denn als die berühmtesten Exil-Herrscher des 20. Jahrhunderts ansehen (wobei Ihr die später zurück gekehrten Wegläufer des Zweiten Weltkriegs mal außer Acht lassen wollt)? Wilhelm II von Preußen? Karl I von Österreich-Ungarn? Elevthérios Venizélos? Shah-in-shah Reza von Persien? Alberto Fujimori? Erich Honecker? Ihr könnt Dikigoros ja mal mailen. Aber wen Ihr auch im übrigen auswählt, Ihr werdet ihn wahrscheinlich nicht davon abbringen, daß der einzige, der einen Vergleich mit Theodor v. Neuhof aushält, der Ayatollah Khomeini ist, mit allen bösen Konsequenzen, die das noch haben wird. Wie lange dauerte es nach 1769, bis Napoléon den ersten Weltkrieg des 19. Jahrhunderts anzettelte? Wie viele Jahre sind seit 1979 vergangen? Rechnet es selber nach... Aber Dikigoros vermißt einen anderen "falschen" König aus dem 18. Jahrhundert in Voltaires Sammlung, zumal da die Szene in Venedig spielt; und da der Grund dafür ausweislich des Barons v. Neuhof nicht darin liegen kann, daß er Deutscher war, muß man ihn wohl darin sehen, daß es sich um einen persönlichen Freund von Voltaires Intimfeind Leibniz handelte. Habt Ihr schon mal von Johann Matthias v. Schulenburg gehört? Das war ein Magdeburger Berufsoffizier, zunächst in Diensten von Savoyen und Sachsen, dann von Venedig, zuletzt im Range eines Feldmarschalls, der die wichtige Insel Korfu gegen die Türken verteidigte. Googelt mal ein wenig; und wenn Euch das nicht ausreicht, versucht, Euch das Buch "Der König von Korfu" zu besorgen - antiquarisch, denn es ist längst vergriffen -, das einer seiner Nachfahren in der Mitte des 20. Jahrhundert über ihn geschrieben hat. Exkurs Ende.]

[Rákóczi]

Und dann war da noch Herr von "Ragotsky" (Ferencz Rákóczi, 1676-1735) - ausgerechnet zu dem hat es Kunigunde verschlagen. Er war eigentlich Siebenbürgener (oder, wie die Franzosen sagen, "Transsylvanier"), aber er führte den Aufstand der ungarischen "Kuruzzen" gegen die Österreicher, im Bündnis mit Rußland und Frankreich, zeitgleich mit dem "Spanischen Erbfolgekrieg" und anfangs auch recht erfolgreich. Daß er letztlich doch scheiterte, ist wahrscheinlich eine der größten Tragödien in der Geschichte der Habsburger, die so den lästigen Klotz der undankbaren Ungarn am Bein behielten und darob ihre mittel- und west-europäischen Interessen vernachlässigten (aber das ist eine andere Geschichte). 1711 mußten die besiegten Ungarn Frieden schließen - einen milden Frieden, der u.a. eine Amnestie für die "Rebellen" vorsah, sogar für ihren Anführer. Aber nur ein Jahr später ließ die neue ungarische Regierung Rákóczi zum Kriegsverbrecher erklärenächten. [Erinnert Euch das an etwas, liebe ältere Leser? Wie viele deutsche Angeklagte sind doch in den viel geschmähten "Nürnberger Prozessen" und ihren Nachfolge-Veranstaltungen von den alliierten Besatzern frei gesprochen (oder gar nicht erst angeklagt oder bald begnadigt) worden, aber später (z.T. noch nach vielen Jahren - habt Ihr mal den Namen Hasso v. Manteuffel gehört?) unter krassem Verstoß gegen das auch im Grundgesetz verankerte Prinzips "ne bis in idem" von der bundesdeutschen Justiz noch einmal vor Gericht gezerrt und wegen angeblicher "Kriegsverbrechen" zu viel höheren Strafen verurteilt worden?!] Er floh ins Exil, erst nach Polen, dann nach Frankreich, und als auch das mit den Habsburgern Frieden schloß, ins Osmanische Reich, das er bis zu seinem Tode nicht mehr verlassen sollte. (Seht Ihr, und daher stammt der Fluch "Kruzitürken" - er ist eine Kombination aus der Verballhornung von "Kuruzzen" und "Türken" :-) Die anti-österreichischen Revolutionäre von 1848 entdeckten ihn als "Freiheitskämpfer" wieder; der nach ihm benannte Marsch war ihre inoffizielle Hymne. Noch 1935 - unter Horthy - wurde sein 200. Todestag ganz groß gefeiert - damals war er der erklärte Nationalheld Ungarns. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten die Kommunisten dann andere an seine Stelle: Die "Helden" der gescheiterten Revolution von 1848 (die als "sozialistisch" gedeutet wurde, obwohl sie bestenfalls national-sozialistisch war), allen voran Lajos Kossuth, den Marx und Engels so bewunderten, aber auch Sándor Petöfi, Istvan Szechenyi und Mihály Táncsics, dann Miklós Zrinyi (über den Dikigoros an anderer Stelle schreibt), und selbst Gábor Bethlen (der ebenfalls aus Siebenbürgen stammte) sollte ihm den Rang ablaufen. Denn Rákóczi war ein "Fürst", also konnte er in ihren Augen kein "echter" Revolutionär sein; auch nach dem Ende des Kommunismus lebte sein Ruhm nicht wieder auf. (Und selbst die Bezeichnung "Kuruzzen" wurde nicht mehr auf seine Anhänger gemüntzt, pardon gemünzt, sondern vielmehr auf deren angebliche Vorbilder, die Bauernkrieger des frühen 16. Jahrhunderts, unter György Dózsa, dem ungarischen Thomas Müntzer.) Wie dem auch sei, Rákóczi starb ein Jahr vor Ahmed III, paßt also zeitlich nicht zu Iwán, Charly und August, aber wir wollen nicht päpstlicher sein als der Papst und Voltaire das nachsehen.

Noch lebt er ja, in Konstantinopel, mitsamt Kunigunde. Und dorthin begibt sich Candide nun. Unterwegs löst er noch Pangloss und den Baron - die wieder mal von den Toten auferstanden sind und inzwischen als Galeerensklaven Dienst tun - aus, und überall wird er belogen und betrogen, wie das so ist, wenn man als Tourist in die Türkei fährt. Hm... stimmt das eigentlich? Im 18. Jahrhundert waren Galeeren schon fast überall außer Gebrauch - und die Türken waren nach der verlorenen Seeschlacht von Lepanto 1571 die ersten gewesen, die eine neue Flotte ganz aus Segelschiffen bauten. Aber das wollen wir mal dahin stehen lassen; Dikigoros meint etwas anderes. Er hat die Reiseberichte des 18. und 19. Jahrhunderts über das Osmanische Reich aufmerksam studiert; und in einem Punkt stimmen sie alle überein: daß man in der eigentlichen Türkei weit weniger übers Ohr gehauen wurde als überall sonst in der Levante, insbesondere in Griechenland, Armenien und Palästina. Das waren zwar damals auch alles Bestandteile des Osmanischen Reichs; aber nicht umsonst war ja der Handel überall in demselben bis kurz vor seinem Ende fest in griechischer, armenischer und jüdischer Hand. Aber "Voltaire und die Juden" ist ein Thema für sich, zu dem Euch Dikigoros einen Aufsatz auf der Ausgangsseite verlinkt hat; er braucht das also an dieser Stelle nicht weiter auszuführen.

Doch auf einen anderen Punkt müssen wir aus aktuellem Anlaß noch einmal zurück kommen, auch wenn Voltaire ihn nur am Rande streift, nämlich bei der Erzählung von Kunigundes Bruder, wie es ihm seit seinem vermeintlichen Tode von der Hand Candides weiter ergangen ist: Er gelangte irgendwie in den Vatikan zurück, und der vermittelte ihn als Hauskaplan des französischen Gesandten nach Konstantinopel. Dort wird er erwischt, wie er zusammen mit einem jungen Lustknaben des Sultans nackt badet - in aller Unschuld, versteht sich - und dafür als Rudersklave auf die Galeeren geschickt wird. Voltaire legt Wert darauf, daß das Baden mit einem Lustknaben nur bei Christen diese Strafe nach sich zieht - bei braven Muslimen wäre das offenbar nicht so gravierend gewesen. Tja, welch eine Diskriminierung, nicht wahr, liebe Leser? Paßt das nicht dazu, daß die bösen Türken im 20. Jahrhundert die christlichen Armenier und Griechen ausrotteten bzw. vertrieben und bis heute keine christlichen Kirchen in ihrem Staat zulassen (während sie umgekehrt im christlichen Ausland das selbstverständliche "Recht" für sich in Anspruch nehmen, überall Moscheen zu errichten)? Tja, wenn man so will... Aber als knapp 250 Jahre nach Erscheinen des "Candide", anno 2007, ein türkischer Staatsanwalt Anklage erhob, weil ein minderjähriger deutscher Christ im Urlaub eine minderjährige englische Christin sexuell belästigt haben soll (woraufhin deren christliche Mutter Strafanzeige erstattete) und der türkische Richter ihn auf die Galeerein Untersuchungshaft steckte, war es dem Westen auch wieder nicht Recht. Was wohl Voltaire dazu gesagt hätte?

Schlußszene. Candide & Co. sind bei einem türkischen Landwirt zu Gast, der ihnen ein leckeres Essen, überwiegend von Produkten aus seinem kleinen, aber feinen Garten serviert. (Der erste Bio-Bauer!? :-) Und als danach Pangloss wieder anfängt, von der Filosofie im allgemeinen und vom Schicksal diverser Herrscher im besonderen zu schwadronieren, denen es noch viel schlimmer ergangen sei als ihnen selber (er nennt u.a. Caesar, Pompeius, Nero, Richard III, Maria Stuart und Charles I von England, alles Leute, über die Dikigoros hier nichts weiter zu schreiben braucht, zum einen, da er das z.T. schon an anderer Stelle getan hat, zum anderen, da seine Leser sich über die - anders als über das halbe Dutzend oben - problemlos anderswo informieren können), fällt ihm Candide - der die Lektion des türkischen Landwirts gelernt hat - mit dem Satz ins Wort: "Wir aber müssen unseren Garten bestellen!" Denn, so läßt Voltaire Pangloss beipflichten, schon in der Bibel steht, daß der Mensch zum arbeiten geschaffen sei, im Garten Eden, und nur so könne er sich das Leben erträglich gestalten. (Ja ja, das Lob das Feldarbeit - das schreiben bezeichnenderweise immer Leute wie Voltaire, die selber ihr Lebtag keinen Handschlag - und keinen Spatenstich - Gartenarbeit getan haben :-) Und mit dem Erfolg der Gartenwirtschaft, der sich alsbald einstellt (auch ohne daß die Zuckerrübe schon erfunden wäre :-) ist für die Protagonisten des Romans am Ende tatsächlich die beste aller möglichen Welten gefunden. Wie eingangs bemerkt: Wenn man dieses Happy-end als Voltaires Fazit stehen lassen dürfte... aber man darf nicht; und so ist es wohl doch nur Bestandteil seiner Satire.

* * * * *

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele Menschen erneut am Sinn des Lebens und/oder an der "besten aller möglichen Welten" [ver-]zweifelten, hatte Voltaires "Candide" wieder Hochkonjunktur: 1956 schrieb Lillian Hellman ein Broadway-Musical (mit Musik von Leonard Bernstein), das die Satire sogar noch etwas schärfer zeichnete als Voltaire, ohne den Inhalt groß zu verändern. Ganz anders der Film, den Norbert Carmonnaux 1960 drehte (mit Daliah Lavi als Kunigunde - welch eine Fehlbesetzung :-). Er versetzte ihn ins 20. Jahrhundert, genauer gesagt in die Kriegs- und Nachkriegszeit, und... aber das schaut Euch gefälligst selber an.

Und heute? Was bleibt für uns im 21. Jahrhundert von Voltaires Satire über die "beste aller möglichen Welten"? Hat er uns einen Gegenentwurf anzubieten, wenigstens eine Utopie? Ja, aber er nennt sie nicht - vielleicht weil er selber erkannt hat, daß sie tatsächlich noch schlimmer wäre? Was sind denn seine Haupt-Kritikpunkte? Etwa die sozialen Mißstände, wie bei den meisten anderen Satirikern? Ja, auch, aber eigentlich nur am Rande. Bei genauerem Hinsehen zielt seine Kritik viel weiter und viel tiefer, nämlich bis in die Grundfesten des Lebens, und das macht sie geradezu lächerlich: Alter, Krankheit, Tod sind ihm Beweis dafür, daß die Welt nicht zum Besten eingerichtet sein kann. Das ist nichts weiter als die Weltschau eines alten, kranken, verbitterten Mannes, der nur eine Sorge zu haben scheint: dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. (Deshalb stehen seine Romanhelden ja immer wieder von den Toten auf - und es stört ihn offenbar auch nicht, daß sie jedes Mal älter, gebrechlicher und häßlicher geworden sind - am Ende nimmt Candide seine Kunigunde ja doch zur Frau.) Aber wie lautet denn der Gegenentwurf? Ewige Jugend, Gesundheit, Unsterblichkeit? Pardon, liebe Leser, aber das gibt es doch längst: Einzeller, Blaualgen, Bakterien und Viren sind (wenigstens theoretisch) unsterblich, sie ändern sich nicht. Wollt Ihr mit ihnen tauschen? Oder findet Ihr nicht auch, daß der Mensch ein wesentlich interessanteres, abwechslungsreicheres Leben als die vorgenannten Lebewesen hat? Er ist entwicklungs-, lern- und wandlungsfähig. (Wie schrieb Nietzsche: "Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt!") Freilich zahlt er für diese beste aller Möglichkeiten (ja, mehr ist es nicht, was die Natur ihm offeriert - was er daraus macht, hängt von ihm selber ab!) mit Altern, Krankheit und Tod. Na und? ist dieser Preis zu hoch? Wieso denn? Theoretisch, d.h. wenn er nicht alle seine Kinder abtreibt, lebt er doch in deren Genen weiter; wenn man so will, ist er also auch unsterblich - allerdings in jeweils zu 50% geänderter Zusammensetzung des Genpools, und das ist gut so, denn so hat es die Natur geschaffen - auch wenn Voltaire dieses Argument nicht gelten lassen würde. (Natürlich hat er insofern recht, als bei diesen Rekombinationen nicht immer der bestmögliche Nachwuchs heraus kommt - aber das sind die Menschen nun wirklich selber schuld :-) Was liegt angesichts dessen am individuellen Leben? Muß man es - womöglich künstlich - so weit verlängern, bis es nicht den besten, sondern den schlechtest möglichen Zustand erreicht hat? Voltaire war 65, als er den "Candide" schrieb, das war damals ein zwar "stolzes", aber ansonsten eher unerquickliches Alter. Es kann auch heute schon recht unerquicklich sein - wenngleich sich die Lebenserwartung bei uns nach oben verschoben hat, bauen viele Menschen infolge ihrer ungesunden Lebensweise heute noch viel früher ab. Aber wer zwingt uns dazu? Um noch einmal Nietzsche zu zitieren: "Der so genannte natürliche Tod ist nichts weiter als der Selbstmord der Natur." Und was setzt er als "naturgemäßen Tod" dagegen? Das kommt drauf an: Für Frauen den im Kindbett, für Männer den auf dem Schlachtfeld. Nun mögen die diesbezüglichen Gelegenheiten, zumal in Mitteleuropa, heute knapper gesät sein als zu Zeiten Voltaires oder Nietzsches; aber Dikigoros huldigt persönlich der Auffassung, daß man[n] auch ohne Krieg von Zeit zu Zeit bis an die Grenze seiner fysischen Belastbarkeit gehen sollte - sei es auf dem Sportplatz, im Wasser, im Gebirge (wie die alten Japaner, wenn sie die Zeit für gekommen hielten, abzutreten - aber das ist eine andere Geschichte) oder auf anderen "Schlachtfeldern" der Moderne -, um, wenn der Körper das eines Tages nicht mehr mit macht, diese Grenze zu überschreiten, um ein der Natur gemäßes Ende zu finden, vor dem man sich nicht fürchten muß und das der "besten aller möglichen Welten" keinen Abbruch tut.

Gut 200 Jahre nach Voltaire sollte John Boorman den - satirischen? - Film "Zardoz" drehen, mit dem gerade als "James Bond" abgetretenen Sean Connery in der Hauptrolle des "Barbaren" Zed, der ins Reich der Unsterblichen eindringt, wo er die [Vor-]Hölle auf Erden erlebt, "Vortex". Am Ende sind die Unsterblichen heilfroh, daß er sie von ihrem unmenschlichen Dasein erlöst... Aber warum hat Dikigoros den "Candide" dann überhaupt in "Lästermaul auf Reisen" aufgenommen, wenn er die dahinter stehende Tendenz Voltaires so rundherum als falsch ablehnt? Nun, weil es mit den Büchern ist wie mit den Filmen: Es kommt nicht so sehr auf die Wahrheit an, als vielmehr auf die Wirklichkeit im Sinne von Wirksamkeit, d.h. auf die Wirkung beim Publikum: Voltaires "Candide" hat die Naturwissenschaften - die sich damals noch nicht von der Theologie und der Filosofie emanzipiert hatten - um mehr als zwei Jahrhunderte zurück geworfen; Leibniz und Wolff kennt heute selbst in, geschweige denn außerhalb von Deutschland, kaum noch jemand, allenfalls dem Namen nach; ihre bahnbrechenden Ideen sind vergessen. Der Dummkopf Voltaire dagegen ist noch immer weltberühmt, gilt als großer Denker der "Aufklärung" (nicht einmal Fernaus Verriß in "Sprechen wir über Preußen" - immerhin ein Bestseller, von dem in der BRD mehr Exemplare verkauft und erst recht gelesen wurden als von allen Werken Voltaires zusammen - hat daran etwas zu ändern vermocht :-) und seine Schriften - allen voran "Candide" - stehen bis heute auf den Spiel- und Leer-, pardon Lehrplänen; sie verderben Schülern den Spaß am Erlernen der französischen Sprache, vernebeln Studenten das Gehirn und versauen angehenden Lehrern die Karriere. Sollte das keine Satire sein?

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