"EIN  LEBEN  IN  LEIDENSCHAFT"
Kirk Douglas als Vincent van Gogh
Anthony Quinn als Paul Gauguin
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Vicente Minelli: Lust For Life


[Buch] [Filmplakat] [DVD-Cover]

(AUS: DIE [UN]SCHÖNE WELT DER ILLUSIONEN)

Warum ist dieser Film Dikigoros nicht mal eine "Leseempfehlung" mit eigener Überschrift auf der Startseite dieser "Reise durch die Vergangenheit" wert, geschweige denn einen vollwertigen "Exkurs", sondern nur einen Anhang im Kapitel über Spartacus? Nun, eigentlich ist es ja nur ein Kommentar zu einem Kirk-Douglas-Link, aber er fällt zu lang aus, um ihn auf der Startseite unterzubringen. Stefan Koldehoff hat jüngst eine van-Gogh-Biografie auf den Büchermarkt gebracht, die mit einigen weit verbreiteten Vorurteilen über das Leben des Malers aufräumen soll; die Verbreitung dieser Vorurteile legt er einem Film von Vicente Minelli aus dem Jahre 1956 zur Lust, pardon zur Last, "Lust For Life", der 1957 unter dem Titel "Vincent van Gogh - Ein Leben in Leidenschaft" auch in die deutschen Kinos gekommen ist. Koldehoff meint, daß dieser Film an der weiten Verbreitung dieser Vorurteile die Hauptschuld trage, weil insbesondere Kirk Douglas als Vincent van Gogh das Bild des Malers beim Zuschauer nachhaltig geprägt habe - und Anthony Quinn hat für seine Darstellung des Paul Gauguin immerhin einen "Nebenrollen-Oscar" bekommen. Nun hat sich aber Dikigoros darauf festgelegt, daß Kirk Douglas in der Vorstellung des Zuschauers den Spartacus verkörpert (und Anthony Quinn die Roman-Figur "Alexis Zorbas"). Kann ein Schauspieler denn nicht mehrere Rollen prägen? Doch, wenn der Altersunterschied groß genug ist, z.B. eine Kinder- oder Jugendrolle, eine Erwachsenenrolle und eine Altersrolle; aber mehr als eine prägende Rolle pro Lebensabschnitt hält Dikigoros für wenig glaubhaft; meist bleibt die erste größere (oder auch, wie bei Peter Ustinovs "Nero" in "Quo vadis", kleinere), gut gespielte Rolle hängen. Eine spätere "Umprägung" dieser ersten Personifizierung ist sehr schwierig; in den wenigen Fällen, in denen sie erfolgt ist, geschah dies auf Kosten der früheren Rolle; so ist Romy Schneider - um ein Beispiel aus der Zeit von "Spartacus" und "Lust for Life" zu nehmen - nicht als "die junge Königin" Victoria von England in die Filmgeschichte eingegangen, sondern als Kaiserin "Sissi" von Österreich; und spätestens mit seiner Hauptrolle in "Spartacus Rebels" wäre das Bild von Kirk Douglas als Vincent van Gogh - wenn es das denn gegeben hätte - umgeprägt worden in das als Spartacus. Aber es geht Dikigoros hier ja nicht einfach nur um die Filmgeschichte, sondern um die Geschichte, d.h. bloße Romanfiguren scheiden aus (über die Ausnahme, welche die Regel bestätigt, den von Pierre Brice gespielten edlen Indianer-Häuptling "Winnetou", hat er einen längeren Exkurs geschrieben), was ihn z.B. der Frage enthebt, ob sich Errol Flynn den Zuschauern wirklich als "General Custer" eingeprägt hat oder nicht vielmehr als "Robin Hood". (Das schließt nicht aus, daß einige besonders eindrucksvoll gespielte Romanfiguren, wie "James Bond", "Scarlett O'Hara", "Rambo" oder eben "Alexis Zorbas" verhindert haben, daß ihre Darsteller noch andere, "echte" historische Rollen prägen konnten.) Aber van Gogh war doch gar keine Romanfigur (obwohl Minelli den Film "Lust For Life" nach einer eher fiktiven Biografie von Irving Stone gedreht hat, und obwohl Koldehoff die These vertritt, daß sich im Bewußtsein der Öffentlichkeit ohnehin nicht sein wahres Leben, sondern das Fantasiebild festgesetzt habe, das seine Verwandten - und Vermarkter - erfunden und in Umlauf gebracht haben), sondern eine historische Gestalt?!? Ja, sicher, aber er hat keine Geschichte gemacht - außer vielleicht Kunstgeschichte, und um die geht es Dikigoros wie gesagt nicht; sonst müßte er auch viele Filme über Künstler, Sportler usw. besprechen, und das würde den Umfang dieser "Reise durch die Vergangenheit" sprengen. Um noch einmal auf Errol Flynn zurück zu kommen - der war in der Rolle des "Gentleman Jim" [Corbett] vielleicht populärer als in der des George Armstrong Custer; aber den früheren Boxweltmeister aller Klassen kennt heute außer ein paar Boxfans kaum noch jemand, während der umstrittene General aus dem Sezessionskrieg und den Indianerkriegen noch immer in aller Munde ist, und auf diese, die Vorstellung von Geschichte dauerhaft prägende Nachwirkung beim breiten Publikum - die notwendigerweise denjenigen Personen und Persönlichkeiten vorbehalten ist, die "echte" Geschichte gemacht haben - kommt es Dikigoros an.

Aber hat Dikigoros nicht einige Ausnahmen von dieser Regel gemacht - z.B. im Fall des falschen Hauptmanns von Köpenick, des Chicago-Gangsters Al Capone und des Tagebuch-Fälschers Konrad Kujau?!? Ja, das hat er - und er hätte auch im Falle von Vincent van Gogh eine Ausnahme gemacht, genauer gesagt im Falle von Theo van Gogh, seinem Bruder, der das eigentliche Fänomen darstellte - das weit über bloße Kunstgeschichte hinaus ging. Seht Ihr, liebe Leser, lange Zeit war die Kunst - und damit die Kunstgeschichte - ein bloßes Anhängsel der Politik bzw. der politischen Geschichte: Herrscher ließen Künstler an ihren Höfen wirken, um sich von ihnen beweihräuchern zu lassen, sei es durch Dichtung, Gesang oder eben Malerei (eine frühe Form der Propaganda). Kirchenfürsten ließen ihre Gotteshäuser von ihnen ausschmücken, und später ließen sich auch reiche Bürger portraitieren. Das war handwerkliche Auftragsarbeit (die nicht unbedingt schlechter war als das, was nach ihr kam - im Gegenteil), mehr nicht. Zum Schwur kam es erst, als freischaffende Künstler versuchten, auf gut Glück zu produzieren und ihre Werke dann freihändig - oder mit Hilfe gewiefter Geschäftsleute zu verkaufen. Am Anfang dieser umwälzenden Entwicklung stand van Gogh - Theo van Gogh, und die Werke seines Bruders Vincent dienten ihm als Vehikel. Nicht, daß sie so etwas Besonderes gewesen wären - aber gerade darin lag ja die Kunst, die Kunst des Verkaufens auch von minderwertigen Machwerken an reiche Dummköpfe. Welch eine Thematik wäre das, wenn sie denn mal ein Filmemacher aufgreifen würde! Und im Falle van Goghs kommt hinzu, daß zwei der wichtigsten Pioniere jener Kunst, Dummen irgendwelchen Schrott zu Mondpreisen anzudrehen, nämlich die Juden Flechtheim und Cassirer (nomen atque omen :-) ihre Karrieren just mit Werken van Goghs begannen! (Später kamen auch andere Kleckser dazu - aber die hatten kein so aufregendes Leben, daß man mit einer Verfilmung die Kinosäle hätte füllen können :-) Und so hegte Dikigoros durchaus Hoffnungen, als 1990 ein neuer van-Gogh-Films mit dem Titel "Vincent & Theo" angekündet wurde - hatte Robert Altman da etwa erkennt, daß Minelli 1956 zu kurz gegriffen hatte?

[Die Krake: Flechtheim mit Zigarre] [Flechtheim - Gemälde von Otto Dix] [Vincent & Theo]

Dikigoros wurde bitter enttäuscht. Im Mittelpunkt standen einmal mehr die persönlichen Probleme Vincents - halt mit besonderem Focus auf sein Verhältnis zu Theo. Thema verschenkt - ganz abgesehen davon, daß weder Tim Roth noch Paul Rhys in der Lage waren, das Bild der Brüder in den Augen der Zuschauer nachhaltig zu prägen. Warten wir also weiter: Aller guten Dinge sind drei, sagt das Sprichwort - auf ein Neues, liebe Filmemacher!


Links (nur noch bei Dikigoros):
Vincent war nicht verrückt
(Interview mit Stefan Koldehoff über sein Buch "Van Gogh - Mythos und Wirklichkeit")
Ein Künstler und seine Legende (von Andrea Grunert)
("Drei Filme über das Phänomen Vincent van Gogh. Von Sonnenblumen, Kornfeldern, Krähen und abgeschnittenen Ohren")

[Kirk Douglas als Vincent van Gogh]

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