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Bisweilen werde ich gefragt, welches die am häufigsten "gecoverten" Schlager sind. Die ehrlichste Antwort darauf wäre: "Ich weiß es nicht!" Etwas differenzierter würde ich sagen: "Das kommt drauf an." Nämlich darauf, was man unter "Coverversion" versteht. Wenn man alles mitzählt, was Lieschen Müller, Hinz und Kunz in der Badewanne mit unverändertem Text wie ein Papagei nachgesungen und dann bei YouTube oder sonstwo aufgeladen haben
- oder vielleicht sogar bei irgendeiner Plattenfirma haben pressen lassen -, dann wird man mit dem Zählen wohl nie fertig. Wenn also im "Guinness-Buch der Rekorde" steht, von "Yesterday", "Comme d'habitude" ("My way") oder "Tie a yellow ribbon round the old oak tree" gebe es jeweils eine vierstellige Anzahl von "Coverversionen", dann ist das schlicht unseriös. Für mich sind echte Coverversionen nur solche, bei denen sich jemand die Mühe gemacht hat, zu ein- und derselben Melodie einen neuen Text - sei es in der Ausgangssprache oder einer anderen - zu schreiben. [Ich weiß, daß das nicht dem allgemeinen Sprachgebrauch entspricht, aber der ist falsch: "Version" ist ein französisches Wort und bedeutet "Übersetzung"; das Wort "Adaptation" - das die Franzosen selber für eine echte Coverversion gebrauchen - bedeutet dagegen "Anpassung"; das kann also jede noch so simple Veränderung sein, z.B. der Tonhöhe, wenn ein Papagei nicht so hoch singen kann wie der Originalinterpret.] Die Schlager, von denen es nach meiner Kenntnis die meisten solcher im Text verschiedenen Coverversionen gibt, habe ich hier zusammengestellt, und es wird manche überraschen, daß kein einziger Titel eine dreistellige Zahl davon aufweisen kann - wobei die Spitzenreiter ohnehin vor dem 20. Jahrhundert entstanden sind und somit eigentlich "außer Konkurrenz" laufen. Dennoch habe ich auf eine Teilung in Lieder des 20. Jahrhunderts und solche früherer Entstehungszeit verzichtet (und mich statt dessen für eine Erweiterung entschieden, von ursprünglich 100 erst auf 200, dann auf 250, dann auf 300, dann auf 400 Titel - und inzwischen sind es über 500). Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens sind die meisten Coverversionen der "älteren" Lieder ja auch erst im 20. Jahrhundert entstanden; und zweitens würde sonst ein ganz merkwürdiges Phänomen auftreten, nämlich ein noch krasseres Überwiegen von Liedern Jacques Brels und Bob Dylans als es jetzt schon besteht - und ausgerechnet deren Coverversionen sind meistenteils nicht im 20., sondern erst im 21. Jahrhundert entstanden!
Noch etwas überrascht: das Fehlen einiger (vermeintlicher) Welthits. Das kann unterschiedliche Gründe haben: Vielleicht war der Originaltext so gut (oder so einfach zu singen oder so leicht zu verstehen), daß sich niemand bemüßigt fühlte, ihn zu ändern oder zu übersetzen. Vielleicht war auch die Musik so eigenartig, daß einfach kein anderer Text darauf passen wollte. Umgekehrt kann es sein, daß ein Lied so oft gecovert wurde, weil zwar die Musik gut war*, nicht aber der Originaltext - oder vielleicht wurde er in einer Sprache gesungen, die niemand verstand (oder beides, wie bei "Dragostea din tei" ;-). Aber daran allein kann es nicht liegen, denn in der Top 30 sind immerhin zehn verschiedene Sprachen vertreten, von denen nur eine - Gälisch - ausgestorben und eine weitere - Rumänisch - unbedeutend ist. (Wobei der am zweithöchsten plazierte italienische Vertreter, "O sole mio", freilich nur deshalb so weit oben steht, weil es davon sage und schreibe zehn unterschiedliche Coverversionen auf Finnisch gibt; das ist allerdings noch garnichts im Vergleich zu "Sloop John B.": von den 36 Fassungen, die ich kenne, sind 19, also über die Hälfte, auf Deutsch, und weitere 7 auf Niederländisch, Flämisch oder Afrikaans, dto immerhin 20 der 64 Fassungen von "Auld lang syne", also fast ein Drittel. Aber das ist unschädlich, denn es sind nicht bloß leichte Veränderungen einiger Textzeilen oder Umstellungen von Strophen und/oder Refrain - so etwas zähle ich nicht mit -, sondern jedesmal neue, eigenständige Texte.) Erschreckend ist, wie häufig französische Originale in Fremdsprachen übertragen werden - ein Indiz dafür, daß auch das Französische allmählich zur Bedeutungslosigkeit verkommt. Dagegen sind viele Coverversionen englischer Originale ebenfalls auf Englisch geschrieben - halt nur mit abweichendem Text -, wie man an der verhältnismäßig niedrigen Zahl der unterschiedlichen Sprachen sieht. Bezeichnend auch, daß von den ersten 10 Titeln 8 am erfolgreichsten in der englischen Fassung waren - obwohl 7 davon "nur" Coverversionen sind -, und daß es in die Top 200 nur zwei Titel geschafft haben, von denen es keine englische Fassung gibt - ein italienischer und ein lateinamerikanischer, dessen französische Coverversion von Marokko bis Japan, vor allem aber in Skandinavien, so populär wurde, daß sie massenhaft "zweitgecovert" wurde. Ebenfalls erschreckend ist, daß in dieser Liste nur 8 deutschsprachige Titel auftauchen, und noch erschreckender, daß davon 3 allgemein für englische Lieder gehalten werden und nur 3 aus dem 20. Jahrhundert sind, von denen wiederum einer nur in den USA Erfolg hatte - auf Englisch und auf Polnisch.
Durch zweierlei wird das Ergebnis ein wenig verzerrt: Zum einen durch das unterschiedliche Alter der Lieder - aber das o.g. "Dragostea din tei" ist als jüngster Titel dieser Liste der beste Beweis dafür, daß es nicht nur darauf ankommt. Zum anderen durch die Parodien, die ich fast nur von deutschen, niederländischen, englischen und französischen Titeln kenne. Deren Aufnahme habe ich freilich in zweierlei Hinsicht eingeschränkt: Wenn sie allzu geschmacklos und primitiv sind, habe ich sie ganz weg gelassen - allerdings bin ich da bei Parodien immer etwas großzügiger als bei "ernst" gemeinten Coverversionen -; im übrigen stelle ich darauf ab, ob sie veröffentlicht worden sind oder nicht - im letzteren Falle verzeichne ich sie zwar kuriosumshalber auf den Hauptseiten, zähle sie aber auf dieser Seite nicht mit. Nichts demonstriert den Unterschied zweier diesbezüglicher Extreme besser als die größe englischsprachige Parodiensammlung - "Am I right?" - und die größte französischsprachige Parodiensammlung - "Parodyland" - im www: Die Texte der ersteren wurden überwiegend extra für jene Webseite geschrieben und, soweit ich das feststellen konnte, nur in ganz wenigen Ausnahmefällen auch als gesungene Aufnahmen veröffentlicht; die der letzteren sind dagegen aus tatsächlich veröffentlichten (und sei es nur auf YouTube, Dailymotion o.ä. Plattformen) Aufnahmen zusammengetragen - und bisweilen nur mit dem Titel erwähnt, da sich der eine oder andere Autor den Abdruck seiner Texte dort verbeten hat. (Bei mir übrigens noch nicht; ich drucke sie also bis auf weiteres ab, wenn ich sie in die Finger Ohren bekomme ;-) Wie dem auch sei, die meisten Parodien wirken sich erst auf den hinteren Plätzen wirklich aus; die hier vorgestellten Titel wären auch ohne Parodien dabei - mit sechs Ausnahmen (also gerade mal 2%), nämlich "Living next door to Alice", "Einen Stern, der Deinen Namen trägt", "Je l'aime à mourir", "Kokomo", "Nathalie" und "Chanson pour l'Auvergnat". [Eine weitere Ausnahme - "Video killed the radio star" - fehlt hier, weil ich bei einigen Parodien noch nicht sicher bin, ob sie wirklich veröffentlicht wurden und sie deshalb z.T. auch noch nicht auf der Hauptseite eingearbeitet habe.] Außerdem wollte ich gerade darauf nicht verzichten, denn im Grunde genommen wird eine Vorlage doch erst durch eine solche Parodien wirklich "geadelt", zumal wenn es sich bei der Vorlage selber um eine Coverversion handelt: Auf den Zug eines erfolgreichen Originals aufzuspringen ist eine Sache; aber darauf zu vertrauen, daß eine Coverversion populär genug ist, um einen weiteren, humorvollen "Ableger" mitzutragen, ist eine andere Sache, zu der schon einiger Mut gehört - schließlich birgt eine solche Produktion ja immer auch ein finanzielles Risiko. Und je länger ich Coverversionen sammele, desto deutlicher schält sich ein weiterer Aspekt heraus: Anders als ich früher dachte, müssen Parodien nicht unbedingt zeitverhaftet mit dem Original und damit schnell "überholt" sein; vielmehr werden oft auch Jahrzehnte alte Schlager mit neuen, witzigen Texten versehen, was zeigt, daß die Musik "weiterlebt", wenn auch in einem anderen Text-Gewand.
Instrumentals nehme ich selbstverständlich auch auf, so sie denn genügend Coverversionen mit Text nach sich gezogen haben; allerdings zähle ich die Instrumentalfassungen selber nicht mit.
Ich beschränke mich hier auf die Wiedergabe der Originaltitel (in Ausnahmefällen ergänzt durch die bekannteste Fassung) und der Anzahl der unterschiedlichen Fassungen (in Klammern der unterschiedlichen Sprachen); alles weitere kann den einzelnen Kapiteln meiner Schlagerseiten entnommen werden. Dieser Anzahl entspricht auch die Reihenfolge. Für Ergänzungen und Korrekturen bin ich immer dankbar.
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