Am dunklen Fluß

Kisangani am Kongo ist wie eine Kulisse, vor der das Stück vom Verfall Afrikas gegeben wird

Der schwüle Ort unter den Mangrobäumen ist nicht weit vom Fluß. Hier, auf dem "Platz der Märtyrer der Unabhängigkeit" wird der Unabhängigkeit eines Landes gedacht, das nie wirklich unabhängig war. Es hieß früher Zaire und heute Demokratische Republik Kongo. Es zerfällt in kleine Fürstentümer, die von Warlords und Besatzungsmächten regiert werden. Kisangani ist die Hauptstadt eines jener Reviere, tief im immergrünen Urwald. Von den Statuen und den Springbrunnen auf dem "Platz der Märtyrer" platzt die Farbe. Auf dem Denkmal steht verwittert: "Eine Nation. Ein Volk. Eine Partei. Ein einziger Chef." Diktator Mobutu Sese Seko ließ dieses Monument einst errichten. Die bröckelnden Mauern der Stadt sind wie eine Kulisse, vor der das Stück vom Verfall Afrikas gegeben wird. Es ist die Tragikomödie eines Kontinents, dessen zwei wichtigste Kräfte die Fähigkeit zur totalen Zerstörung und zum raschen, von der üppigen Natur begünstigten Wiederaufbau sind.

Im Postamt von Kisangani hielt Revolutionsheld Patrice Lumumba vor vierzig Jahren Reden gegen die Kolonialherren. Ende der 1990er Jahre marschierte Laurent Kabila in die Stadt ein. Er verehrte Lumumba und haßte Mobuto. Mächtige wie Kabila - aber auch die Kolonialisten, die Söldner und die Diamentenhändler - blieben nie lange in Kisangani. Die Menschen hier - sie nennen sich Boyomais - vergessen schnell. Zeit spielt am Ufer des mächtigen Kongoflusses keine große Rolle. Es war ein literarischer Glücksfall, daß V.S. Naipaul vor mehr als zwanzig Jahren beschloß, ein Buch über Afrika zu schreiben. "An der Biegung des großen Flusses" wurde ein Gleichnis über den Aufstieg des Diktators Mobuto und zugleich eine Hymne auf die liebenswerten und vergnügungsfreudigen Kongolesen. Vor mehr als zwanzig Jahren kam der indische und aus der Karibik stammende Naipaul nach Kisangani. er blieb nur 48 Stunden.

Mehr als zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung seines Buches "An der Biegung des großen Flusses" scheint sich nichts geändert zu haben, am Verfall und an der Hoffnungslosigkeit in der Stadt im Regenwald. Dabei meinen alle in dieser Stadt, die alt genug sind, um sich zu erinnern, das sind allerdings wegen des Klimas und der immer wiederkehrenden Kriege und Massaker nicht besonders viele, daß damals, vor zwanzig Jahren, die Stadt im Herzen der Finsternis ein Juwel gewesen sei. "Das war hier das Las Vegas der Wochenendbesucher aus Kinshasa", erinnert sich ein Kongolese und schwärmt von der Schönheit der Frauen, die schon die belgischen Kolonialisten um den Verstand gebracht habe. Das ist vorbei. "Die großen Rasen und Gärten waren wieder an den Busch gefallen", beobachtete Naipaul. "Kletter- und Schlingpflanzen waren über zerbrochene, ausgebleichte Mauern aus Beton oder hohlen Tonziegeln gewachsen." Zwar stehen in der französischen Bibliothek der Stadt fünf Exemplare des Klassikers. Doch gelesen hat ihn kaum jemand. In den Dachrinnen der belgischen Kontore aus rotem Backstein nahe dem Flußhafen, wo noch ein paar verrostete Kräne stehen, wachsen hohe Farne und Waldblumen. Naipaul beschreibt das Fehlen einer Ordnung in dem Trümmerhaufen, der diese Stadt bereits damals gewesen sein soll.

Der Staat, den es unter Mobuto immer noch gab, der Marschall ließ sein Porträt auf alle Banknoten drucken, ist heute verschwunden. Autorität ist der, der sich dafür hält. Oder der noch eine jener Phantasieuniformen hat, die Mobuto jedem Feuerwehrmann und General verpaßte.

Die Korruption - ein Erbe der Mobuto-Zeit - fördert die Kultur der Destruktion. Anstatt aufzubauen und Neues zu schaffen, wird bespitzelt und denunziert, um selbst nicht in die Fänge der Mächtigen zu geraten. Oder, um von den Geldern zu leben, die jene zahlen, die in Ruhe gelassen werden wollen. Die Geheimdienstspitzel in Kisangani wurden seit zwei Jahren nicht mehr bezahlt. Trotzdem schreiben sie weiterhin ihre Observationsberichte und fordern dafür Honorare von den Bespitzelten. "Die Leute hier", sagt ein kongolesischer Gewährsmann, "haben keinen Antrieb, etwas aufzubauen". Denn wer etwas schafft, dem kann das Geschaffene auch wieder weggenommen werden. Die Furcht vor der Autorität und das Hoffen auf den Staat, der hilft, sind Erbe jener Zeit, als die Belgier hier brutal herrschten und dann der spätere Sonnenkönig Mobuto die Herrschaft übernahm. Die Belgier töteten hier, wenn ein Kongolese ein Huhn gestohlen hatte. Später mordeten Rebellen unter ihrem Anführer Simba. Gegenüber der Kathedrale, am anderen Flußufer, massakrierten sie weiße Nonnen und Priester. Mobuto Sese Seko ließ Oppositionelle und unbotmäßige Beamte töten. Ihre Leichen wurden in den Fluß geworfen.

Die Stadt hieß einmal Stanleyville, und sie ist umgeben vom kräftezehrenden Urwald. Seit 1997 sind die Rebellen in der Stadt. Mit Hilfe ihrer Verbündeten aus Ruanda und Uganda stürzten sie zunächst den Diktator Mobuto. Das Morden hörte nicht auf. Ihr Versuch, den neuen Diktator Kabila aus dem Amt zu jagen, scheiterte. Also setzten sie sich hier fest und erklärten, sie würden sich um die Boyoymais kümmern und die Armut beenden. Doch an diese Befreiung glaubt heute niemand mehr.

Vielleicht hätte man Kisangani längst dem Urwald überlassen, gäbe es nicht all die Schätze da draußen in den Wäldern und an den Flußläufen: Diamanten, Gold und das Edelmetall Tantalum, wichtig für die Herstellung von Mobiltelefonen. Die Aufkäufer der Reichtümer kommen aus der Schweiz oder den USA, aus Südafrika oder Belgien und kooperieren mit den Besatzungsoffizieren aus Ruanda und Uganda.

So wie der belgische König Leopold II. dieses Land plünderte, so tun es heute die afrikanischen Besatzer. Die Straßen verfallen. Die 700 km lange Reise an die ugandische Grenze dauerte früher einen Tag, heute braucht ein Lastwagen dafür zwei Monate. Die Eisenbahngleise rosten im Urwald. Der Schiffsverkehr in die Hauptstadt Kinshasa ist eingestellt. Dort sitzt die Regierung des jungen Kaliba und gegen den führt man Krieg. Die schwimmenden Märkte auf den Flußbooten, mit denen der Diesel und die Seife und die Schulbücher kamen, gibt es nicht mehr. Die Stadt kann nur noch per Flugzeug versorgt werden.

Trotz alledem wirkt Kisangani am Morgen frisch und neu. Rot dämmert das erste Tageslicht über dem Urwald auf der anderen Seite des Flusses. Im Flußnebel ziehen Pirogen herüber. Die Fährleute in ihren Einbäumen kämpfen gegen die Strömung, um die Passagier von der gegenüberliegenden Flußseite nach Kisangani zu bringen. Durch die offenen Türen der Kathedrale neben dem heruntergekommenen Palm Beach Hotel ertönen afrikanische Gesänge aus der Frühmesse. Eine Trommel wird geschlagen. Ihr Takt paßt zu den rhythmischen Bewegungen der Fährleute im Nebel. Bei Tageslicht kommt dann die Schwermut, die schon Naipaul nach 48 Stunden fliehen ließ. In dieser Stadt gibt es keine Gewißheit, außer jener, daß der Fluß breit und mächtig aus dem dunklen Herz der Finsternis gen Kinshasa fließt und auf der anderen Seite des afrikanischen Kontinents in den Atlantik fließt.


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