Zu Jahresbeginn hat die Europäische Kommission eine Vielzahl neuartiger Lebensmittel zugelassen, darunter die Hausgrille und den Getreideschimmelkäfer. Sollen wir zu Entomophagen erzogen werden?Vor vielen Jahren las ich das sowohl äußerst interessante als auch recht witzige Buch eines amerikanischen Anthopologen. Es hieß "Wohlgeschmack und Widerwillen. Die Rätsel der Nahrungstabus". Marvin Harris beschrieb darin, warum in manchen Kulturen bestimmte Dinge nicht gegessen werden oder eben doch - und warum. Man kennt das ja: Der eine isst nichts, was Augen hat, der andere nur das, was den Rücken nach oben trägt. Zwar steht in der Bibel: "Du sollst allerart Greuel nicht essen" (5. Buch Mose 14.3), aber was man unter einem Greuel zu verstehen hat, ist ja relativ. Zum Beispiel zählt in besagtem Buch Deuteronomium dazu, was aus dem Wasser kommt, aber "keine Flosse und Schuppe hat", weshalb gegrillte Garnelen laut jüdischer Speisevorschriften leider nicht koscher sind und deshalb von frommen Juden verschmäht werden, von mir jedoch nicht. (Anm.: Pfui, C.C. ist offenbar Anti-Semit! Dikigoros - der die Garnelen übrigens roh zu essen pflegte, als das noch gefahrlos möglich war; inzwischen hat seine Frau die, wie so vieles andere, vom Speisplan gestrichen - hatte es ja schon immer geargwöhnt! :-) Speziell der Verzehr von Insekten ist im westlichen Kulturkreis stark tabuisiert. Hier herrscht ausgeprägter Ekel vor, abgesehen von Ausnahmen wie Johannes dem Täufer, der sich laut Markus 1,6 und Matthäus 3,4 von Heuschrecken ernährt haben soll, und dem Weltreisenden und Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg, dem "Würmerfresser der Nation". Der verzehrte gern vor laufender Kamera alles mögliche Gewimmel, und zwar roh (während manche indigene Stämme die proteinreichen Riesenwasserwanzen vorher zu rösten pflegen). Hier beschreibt "Sir Vival", was er auf seinen abenteuerlichen Reisen in Wüsten und Urwäldern fernab der Zivilisation so zu sich nahm. In anderen Kulturen jenseits der nordatlantischen Länder ist der Ekel vor allem, was kreucht und fleucht, nicht so ausgeprägt. In weiten Gebieten Süd- und Ostasiens, in Australien und Ozeanien, in fast allen afrikanischen Kulturen, in Mexiko und Teilen Südamerikas ist der Insektenverzehr so verbreitet wie selbstverständlich. (Anm. Dikigoros: Da bestätigt sich mal wieder der Spruch: "Man ist, was man ißt!" :-) Gesottene Raupen und kandierte Käfer mögen manche an die in der Arena feilgebotenen Snacks (Lerchenzungen, Zaunköniglebern, Buchfinkenhirne, gefüllte Jaguarohrläppchen, Wolfszitzen-Chips, Otternasen) aus Monty Pythons "Das Leben des Brian" erinnern und daher skurril erscheinen, aber Thailänder essen gern Schaben und Larven, während mit Schokolade überzogene Heuschrecken in Guatemala ein Renner sind. Gebratene Hormigas Culonas (wörtl.: dickärschige Ameisen) gelten in Kolumbien als Aphrodisiakum, in Nigeria schätzt man gekochte Termiten. Gelbe Mehlwürmer zum Verzehr freigegebenNun spielt beim Thema Lebensmittel der kulinarische Aspekt für die Europäische Union eine untergeordnete Rolle, auch wenn die Politiker in Brüssel Miesmuscheln mit Fritten essen und in Straßburg Leberknödel. Aber wenn der "Green Deal" erstmal Folgen zeitigt und die Farm-to-Fork-Strategie umgesetzt wird, ist eine Nahrungsmittelknappheit in Europa früher oder später eine realistische Option, und dann greifen die Menschen auch zur gemeinen Hausratte (Anm.: Das erinnert Dikigoros an die Episode aus der 4. "Blackadder"-Serie, in der Baldrick "rat au vin" auf den Speiseplan setzen will, wobei auf Rückfrage heraus kommt, daß er "rat au van" meint, d.h. keine Ratte in Rotwein, sondern eine Ratte, die von einem Lastwagen überfahren wurde :-) oder eben zu Kerbtieren. Letztere haben eine ganze Reihe ökologischer Vorteile, sie verbrauchen nur wenig Wasser und Land, sind also "nachhaltiger" als Nutztiere, und erzeugen zugleich ein hochwertiges Protein, aber nur wenige Treibhausgase. Klimaneutrale Ernährung bedeutet also im Kern: Leute, fresst mehr Insekten! In diesem Sinne hat die EU im Oktober 2021 gelbe Mehlwürmer als erste Insektenart offiziell zum Verzehr freigegeben. Obwohl der Vorreiter bei der Verarbeitung von Insekten zu Tierfutter, die Firma AgriProtein aus Südafrika, bereits seit einiger Zeit in einer Madenfabrik bei Kapstadt auf der Basis organischer Abfälle einige hundert Kilogramm Larvenmehl pro Tag produziert, das als Ersatz für teures Fischmehl oder Soja an Hühner- und Schweinefarmer verkauft wird, und es angeblich mit Interessenten aus mehr als 30 Ländern eine erhebliche Nachfrage gibt, tat sich die EU bislang schwer mit der Zulassung, denn noch sind einige rechtliche Fragen zu klären. Nicht nur, dass Speise-Insekten, die im deutschen Lebensmittelhandel angeboten werden, ausschließlich aus kontrollierter Aufzucht stammen müssen. Eine EU-Richtlinie schreibt zum Beispiel vor, dass landwirtschaftliche Nutztiere keine anderen Tiere fressen dürfen (Ausnahme: Fischmehl) und dass alle Nutztiere in Schlachthäusern geschlachtet werden müssen. Macht bei Insektenlarven, die durch Schockfrostung abgetötet werden, natürlich keinen Sinn. Aber längst ist Bewegung in die Sache gekommen. Offenbar will man uns den Insektenverzehr als Alternative zu herkömmlichem Fleisch langsam, aber stetig schmackhaft machen: Gerösteter Mistkäfer - bald auch bei uns?Weiter teilt die Verbraucherzentrale mit: (Anm. Dikigoros: Wer wissen will, wie das in der Praxis klingt, kann das in einer Werbung der Firma Newlat - vormals Nestlé, aber der Name wurde geändert, weil irgendwann auch der letzte Verbraucher gemerkt hatte, daß jene Krake, die fast alles auf dem Lebensmittelmarkt, das mal von guter Qualität war und einen [Marken-]Namen hatte, aufgekauft hatte, um es mehr oder weniger zu versauen, und der Umsatz zurück ging - nachlesen:
Gut, mag sein, dass damit nur ein ohnehin üblicher Zustand legalisiert wird. Aber so fängt es an, und wer weiß, wie es aufhört. Mit dem Nachhaltigkeitsargument wird der Rückschritt auf allen Ebenen begründet. Die Massen sollen das "Weniger ist mehr" verinnerlichen, auf Fleisch verzichten, Gemüse futtern oder besser noch Insekten, wenn nicht gar eines Tages künstlich hergestellte Nahrungsmittel wie jene aus der sehr hellsichtigen filmischen Dystopie
Soylent Green von 1973 (mit
Charlton Heston,
Anm. Dikigoros), während die Damen und Herren (Anm. Dikigoros: Auch das noch - ein
Genderphob,
der die Diversen einfach ignoriert!) in Davos, die
diese Zukunft
für uns planen, selbst die feinere Küche genießen. (Anm. Dikigoros: tellergroße Rindersteaks, wie man hört.) Doch nur kein Neid! Wie der britische Arachnologe (Anm. Dikigoros für Nichtgriechen: LESERPOST
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