José María Gironella
José María Sardá y Gironella
(31.12.1917 - 03.01.2003)

José María Gironella

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
ES STEHT GESCHRIEBEN
Große Schriftsteller des 20. Jahrhunderts

Sicher werden nur wenige von Euch diesen Namen je gehört haben, liebe nicht-spanische Leser, pardon, liebe nicht-katalanische Leser - die Ihr den guten Mann bitte nicht mit einem harten, kastilischen "Jota" aussprechen wollt, sondern mit einem schönen weichen, katalanischen "J" und einem ebensolchen "G", auf daß er sich nicht im Grabe umdrehe, in das er kürzlich gesunken ist. Oder was glaubt Ihr, wofür er sein Leben lang gekämpft hat und weshalb sein Lebensweg so krumm verlaufen ist, daß Dikigoros ihn in dieses Kapitel seiner "Reisen durch die Vergangenheit" aufgenommen hat? Als Sohn streng katholischer Eltern besuchte er - wie Ignazio Silone - ein Priester-Seminar und ging - ebenso wie jener - vorzeitig ab, um Journalist zu werden. Wiederum wie Silone lernte er "seine" Nationalsprache, das Kastilianische, als Fremdsprache, was seine Bücher leichter lesbar macht als die "echter" Muttersprachler. Habt Ihr Euch mal überlegt - auch Ihr, liebe "spanische" Leser -, welch idiotischen Zufällen der Geschichte es zu "verdanken" ist, daß das Königreich Kastilien und León und das Königreich Katalonien und Aragón - die ja ursprünglich bloß durch eine Hochzeit in Personalunion zusammen regiert wurden - zu einem Königreich "Spanien" geworden und bis heute geblieben sind, mit dem Baskenland, Asturien und Galizien als mehr oder weniger erzwungenen "Beitrittsgebieten", während Portugal politisch eigenständig blieb - obwohl es auch einmal durch Hochzeit mit Spanien verbunden wurde und für 80 Jahre blieb, und obwohl die Portugiesen weder sprachlich, noch kulturell noch sonst irgendwie weniger mit den Kastiliern zu tun hatten und haben als die vorgenannten Völker? Wahrscheinlich nicht; aber wahrscheinlich habt Ihr Euch auch noch nie gefragt, warum Bayern und Friesland zu Preußen gekommen sind, während die Niederlande und "Österreich" (pardon, liebe Ostmärker, aber Dikigoros hat auch die "DDR" immer in Anführungsstrichen geschrieben, als halber Friese und halber Ostmärker, der mit einer preußischen Ossinesin verheiratet ist, darf er das :-) heute eigenständige Staaten sind. Bayern und Friesen verstehen sich sprachlich mit Ostmärkern bzw. Holländern ganz ausgezeichnet - nicht aber mit Preußen und anderen Ossis. Seht Ihr, und die Kastilier sind auf der iberischen Halbinsel das, was die Preußen in Mitteleuropa waren.

Zurück zu Gironella. Als 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Pardon, da ist Dikigoros ein Zitat aus dem Werk eines anderen großen Schriftstellers in die Tasten gerutscht - der freilich im 19. Jahrhundert lebte. Gironella stammte aus einem Dorf bei Girona (so schreibt es sich auf Katalanisch; die Kastilier nennen es "Gerona") - der Familienname war also kein Zufall -, in dem heute Dikigoros' Schwägerin und sein Schwippschwager leben (aber das ist eine andere Geschichte). Als der Bürgerkrieg ausbrach, lag das im Machtbereich der "Roten", vor denen Gironella alsbald die Flucht ergriff. Er schlug sich auf das von den aufständischen Nationalisten gehaltene Gebiet durch und kämpfte bis Kriegsende für General Franco. Warum? Francisco Franco war ein krummer Hund - je mehr er sich mit ihm beschäftigt, desto überzeugter ist Dikigoros von dieser seiner Einschätzung. Nein, nicht weil er sich von Mussolini und Hitler (die er beide persönlich haßte wie die Pest) bei der Machtergreifung helfen ließ, obwohl er reinblütiger sefardischer Jude war (freilich nicht nach den Nürnberger Gesetzen, denn alle seine Urgroßeltern waren katholisch getauft, er hätte den "Arier-Nachweis" ohne weiteres erbringen können :-) Blut ist dicker als Wasser, sagt man - mag ja sein, aber bestimmt nicht dicker als Kanonenkugeln, und von irgend woher mußte er die halt nehmen. Nein, was ihn so unsympathisch macht ist, daß er den 150%igen "Spanier" hervor kehrte, obwohl - oder weil - er selber als Galizier Angehöriger einer Minderheit war, und daß er diesen Minderheiten keinerlei Rechte gewähren wollte. (Er kehrte auch den 150%igen Katholiken hervor, obwohl - oder weil - er wie gesagt jüdischer Abstammung war und persönlich nicht gläubig war - weder in Bezug auf Gott noch auf Jahwe -, sondern allenfalls abergläubisch, nämlich in Bezug auf Hasenpfoten und "Reliquien"; das mag zwar an sich weniger schädlich sein, aber in diesem konkreten Fall doch - Dikigoros kommt darauf weiter unten noch einmal zurück.) Damit lag Franco freilich nur im Trend seiner Zeit, in der es noch viele andere krumme Hunde seine Art gab, wie etwa Admiral Horthy in Ungarn oder General Mannerheim in Finnland. [Heißt das, daß Dikigoros Generäle, welche die zivile Regierung eines Staates an sich reißen, grundsätzlich für krumme Hunde hält? Mitnichten: Andere Zeitgenossen Francos, wie der Grieche Metaxás und der Thraker Atatürk, waren auch Generäle - und zugleich große Staatsmänner. Hitler und Mussolini? Nein, der Vergleich hinkt ganz gewaltig, nicht nur weil sie keine Generäle waren; wenn Ihr deren spanisches Pendant kennen lernen wollt, schlagt mal im Lexikon unter "Primo de Rivera" nach. (Hätte man die beiden Vorgenannten wie ihn 1936 ermordet, wären sie zweifellos als große Politiker in die Geschichtsbücher eingegangen und gälten heute als Martyrer - vielleicht hätte sie der Papst sogar schon heilig gesprochen, wegen ihrer Verdienste um das Kirchenkonkordat.) Hindenburg und Pétain? Nein, man soll Menschen, die so alt werden, nicht nach ihren letzten Lebensjahren beurteilen, das wäre unfair.]

In Gironellas Augen war Franco das geringere Übel. Entgegen weit verbreiteten Behauptungen ging es nämlich im Spanischen Bürgerkrieg - jedenfalls in Katalonien - nicht so sehr um politische Ismen als vielmehr um den Kampf zwischen Ordnung und Anarchie. Ja, die "Republikaner" und ihre Verbündeten bekannten sich ganz offen zu letzterer - sie nannten sich selber "Anarchisten" oder "Anarcho-Syndikalisten". Und die Ordnung, das war nach dem Ende der Monarchie (den schwachen König hatten die aufmüpfigen, pardon liberalen "Demokraten" und "Republikaner" schon 1931 ins Exil gejagt) vor allem die heilige Mutter Kirche, deren Abschaffung ebenfalls auf dem Fahrplan der Anarchisten stand. "Abschaffung", das klingt so klinisch sauber - in der Praxis bedeutete das: Enteignung und Plünderung der Klöster und Kirchen, Vergewaltigung der Nonnen, Ermordung der Priester und aller, die ihnen folgten. Und damit sind wir auch schon mitten in Gironellas Werk. Ja, mitten drin, denn Dikigoros erlaubt sich, seine Erstlingswerke zu überspringen und statt dessen gleich bei dem Buch anzufangen, das ihn berühmt machte: "Els xiprers creuen en Deu". Ihr, liebe Leser, kennt es wahrscheinlich, wenn überhaupt, nur unter dem kastilianischen Titel "Los cipreses creen en Dios", oder auch in seiner deutschen Übersetzung (es wurde in alle Weltsprachen übersetzt - und vor einem halben Jahrhundert zählte Deutsch noch dazu) "Die Zypressen glauben an Gott". Dieses Buch wurde in Paris geschrieben, also im Exil - wie die ersten Werke Silones, dessen Vornamen Ignacio Gironella seiner (teilweise autobiografischen) Hauptgestalt gibt, die praktischer Weise Verwandte oder Bekannte in allen politischen Lagern hat -, und auf Katalanisch, denn Gironella hatte sich gegen Kriegsende beim Schmuggeln erwischen lassen, war verurteilt worden und nach Frankreich geflohen, als falscher Asylant, denn die Franzosen machte er glauben, daß er dem Franco-Regime aus politischen Gründen den Rücken gekehrt habe. (Das war glaubhaft, denn das Katalanische war damals noch verboten.) Warum? General de Gaulle war ein krummer Hund - je mehr er sich mit ihm beschäftigt, desto überzeugter ist Dikigoros von dieser seiner Einschätzung. Nein, nicht weil er sich von Churchill und Eisenhower (die er beide persönlich haßte wie die Pest) bei der Machtergreifung helfen ließ (in Sachen Kanonenkugeln s.o.). Nein, was ihn so unsympathisch macht ist, daß er den 150%igen "Franzosen" hervor kehrte, obwohl - oder weil - er selber als halber Lothringer und halber Flame Angehöriger einer Minderheit war, und daß er diesen Minderheiten keinerlei Rechte gewährte: Die französischen Basken wurden ebenso brutal unterdrückt wie die spanischen, die Bretonen sowieso, die Flamen wurden schon gar nicht mehr als eigenständige Volksgruppe empfunden, und die letzten Elsässer und Lothringer, die noch nicht 100%ig zwangsfranzösisiert waren, wurden nach Fernost deportiert und im Indochina-Krieg verheizt. Nur körperlich war er fast doppelt so groß (und halb so dick) wie Franco, ansonsten konnten die beiden einander die Hand reichen...

Die Franzosen hatten sich mit der gleichen Eigennützigkeit und Rücksichtslosigkeit in den Spanischen Bürgerkrieg eingemischt wie die Deutschen, Italiener und Sowjet-Russen, wenn Dikigoros das richtig sieht sogar als erste. Und wenn einige in Spanien oder sonstwo meinen, daß dieser Bürgerkrieg besonders brutal gewesen sei (Dikigoros bezweifelt, daß es überhaupt Kriege gibt, die nicht brutal sind, geschweige denn Bürgerkriege, aber das nur am Rande), dann möge er sich an die spanischen Befreiungskriege gegen die Franzosen erinnern. Seit sich die Spanier mit den Portugiesen arrangiert hatten, waren die Franzosen ihre Erbfeinde geworden, eigentlich schon seit dem Spanischen Erbfolgekrieg, spätestens aber seitdem Napoleon das Land überfallen hatte, um es zu "befreien", d.h. um es zu einer seiner Sowjet-, pardon Satelliten-"Republiken" zu machen. Damals hatte die Kirche zusammen mit der Landbevölkerung die Widerstandsbewegung angeführt, und den geistigen Widerstand führten Literaten und - Maler. Der berühmteste von ihnen war ein Aragonese aus einem Dorf bei Zaragoza (also fast ein Landsmann Gironellas, obwohl sich die Aragonesen und Katalanen in etwa so grün sind wie die Bayern und die Franken :-) - Francisco de Goya. Er hielt die Greuel des Krieges gegen die Franzosen fest - damals gab es bekanntlich noch keine Foto-, geschweige denn Filmkameras. Guerilla-Kämpfe? Erschießung von Zivilisten und Geistlichen als Geiseln? Alles schon da gewesen, liebe Kinder des 20. Jahrhunderts, die Ihr glaubt, das wäre erst eine Erfindung Eurer Zeit. Rund 100.000 spanische Widerstandskämpfer wurden von Napoleon und seinen Franzosen hingerichtet, pardon ermordet; rund eine Million "Kollaborateure" wurden von deGaulle und seinen kommunistischen Verbündeten am Ende des Zweiten Weltkriegs ermordet, pardon hingerichtet.

[Goya, Die Erschießung der Aufständischen im Mai 1808]

Als der Krieg gegen Napoleon beendet war, ging übrigens auch Goya ins Exil. Wohin? Ihr werdet es nicht glauben, liebe Leser, aber er ging... nach Frankreich - und da wollt Ihr Gironella das verdenken? Vielleicht war in seinen Augen de Gaulle (der übrigens schon 1946 als Ministerpräsident zurück treten mußte - nur ein halbes Jahr nach Churchill) das geringere Übel im Vergleich zu den anderen krummen Hunden, die ihm Asyl angeboten hätten - oder auch nicht, denn die meisten südamerikanischen Herrscher waren mit Franco gut Freund, und in den anderen, wie z.B. Mexiko, hätte er fürchten müssen, von kommunistischen Exilanten umgelegt zu werden. Also schrieb er seinen Roman in Paris, fünfmal, bis er eine Fassung zustande gebracht hatte, die ihm und seiner Frau zusagte. Ein Pariser Verlag kaufte ihm die Rechte für Frankreich - einschließlich der Übersetzungen - ab, aber niemand wollte den Schinken lesen. Gironella kehrte nach Spanien zurück. In einem Hotel in Madrid traf er zufällig eine Landsmännin, aus einem Nachbarkaff von Girona, und gab ihr seinen Roman zu lesen. Die war begeistert und, wie es der Zufall wollte, mit einem verkrachten und bis über beide Ohren verschuldeten Verleger verheiratet, José Manuel Lara. Der erwarb die Rechte für Spanien billig bis spottbillig - und wurde damit zum Millionär. Gironella dagegen mußte mit ansehen, wie Hemingway, Malraux, Bernanos u.a. mit ihren Fantasie-Produkten über den Spanischen Bürgerkrieg reich wurden - nur er nicht. Nun, auch er konnte ja noch eine Fortsetzung schreiben über jenen Krieg - oder auch mehrere, denn so ein dreijähriges Ereignis steht ja nicht isoliert im Raum (auch wenn man das bei der Lektüre gewisser Geschichts- und Märchen-Bücher unserer Tage manchmal meinen sollte).

So wurde Gironella für Spanien zu dem, was Salomon für Deutschland, Romains für Frankreich und Solzhenytsin für Rußland war: zu dem Chronisten des 20. Jahrhunderts. (Sein Schweizer Verleger stellt ihm noch Roger Martin du Gard und Lew Tarasow alias "Henri Troyat" zur Seite, was Dikigoros freilich nicht nachvollziehen kann.) Nein, kein "wissenschaftlicher" Chronist wie die berufsmäßigen LügnerHistoriker, die gar kein Wissen schaffen, sondern nur den politisch Mächtigen nach dem Munde schreiben, wie es denen gerade paßt. Diesem Zwang ist die Romanform nicht unterworfen; und so erfährt man denn aus den Werken Gironellas über die Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert viel mehr als aus den Werken vieler offizieller "Historiker". Nein, nichts grundsätzlich Neues, sondern nur Dinge, die an sich unbestritten sind, aber heute gerne ausgeblendet (um es höflich auszudrücken) werden, weil sie nicht [mehr] in das Trugbild der politisch-korrekten Gutmenschen passen. So wie die Deutschen des 21. Jahrhunderts die Geschichte des "Dritten Reiches" gerne mit dem Jahre 1933 beginnen lassen und dabei verschweigen, wie es vorher aussah (denn merke: wer die Taten der bösen Nazis "in ein historisches Beziehungsgeflecht einbringt", der begeht das Staatsverbrechen des "Relativierens" - so der kommunistische Hetzer Jürgen Habermas), so beginnen die Spanier mit der Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs gerne im Jahre 1936. Da putschten also irgendwelche bösen Militärs aus völlig heiterem Himmel und ohne jeden ersichtlichen Grund gegen die rechtmäßige Regierung der Republik - pfui aber auch! - und fingen so mit dem dreijährigen Morden an. Hm... mit dem Anfangen von Kriegen im allgemeinen und dem von Bürgerkriegen im besonderen ist das immer so eine Sache. Was war[en] die Ursache[n], und wer hat sie gesetzt? Wir können nicht bei Adam und Eva anfangen (nicht lachen, liebe Leser; bei den mittelalterlichen Chronisten war das noch Gang und Gäbe! :-); aber wir sollten wie Gironella fünf Jahre zurück gehen, ins Jahr 1931. Da wurde in Spanien der Monarchie beseitigt und die Republik eingeführt, sie sich sogleich daran machte, den Einfluß der Kirche massiv - auch mit Gewalt - zurück zu drängen. Über Sinn und Zweck dieser Maßnahme kann man trefflich streiten. Die katholische Kirche hatte damals in Spanien noch ungeheur viel - vielleicht zu viel - Macht; in anderen Staaten Europas, wie Frankreich, Italien und Deutschland, hatte man sie längst beschnitten, und nie war es ohne größeren Streit abgegangen, auch wenn man nicht gerade die Kirchen angezündet hatte, wie es in Spanien - vorerst noch vereinzelt - vorkam. Auch die "separatistischen" Autonomie-Bestrebungen hatte man dort brutal unterdrückt - vor allem in Frankreich -; daß die republikanische Regierung Spaniens das besser machen wollte, ist verständlich. Aber die Mehrheit der Wähler in Spanien sah das offenbar anders: Im November 1933 - also nach gerade mal zwei Jahren - gaben sie den "rechten" Gegnern der Republik sage und schreibe 80% ihrer Stimmen. Das gefiel wiederum den militanten Linken nicht. Im Frühjahr 1934 begann der Aufstand der Roten in Asturien - früher (von beiden Seiten!) als eigentlicher Beginn des Bürgerkriegs angesehen, heute beschönigend als "Bergarbeiterstreik" bezeichnet -, den die Armee allerdings bald nieder schlug.

Im Oktober 1934 begann der rote Terror dann landesweit, wenn auch erstmal "nur" mit vereinzelten Anschlägen, wegen welche die Regierung nur halbherzig vorging, so daß sie immer weiter eskalierten. Die Neuwahlen im Februar 1936 fanden dann in einer Atmosfäre des blanken Terrors statt: Die Linken, die sich nach französischem Vorbild zur "Volksfront" zusammen geschlossen hatten, stellten vor den Wahllokalen Schlägertruppen auf, die jeden, der nicht dazu gehörte, an der Abgabe seiner Stimme hinderten und statt dessen selber vier- bis fünfmal ihr Kreuzchen machten, um die Zahl der Wahlberechtigten "aufzufüllen". Polizei und Militär wagten nicht einzugreifen, denn die Regierung wagte nicht, ihnen entsprechende Anweisungen zu erteilen; und es kam auch niemand auf die Idee, die Wahlen abzubrechen oder gar zu annullieren. [Man hat in der deutschen Geschichtsschreibung die letzten freien Wahlen im März 1933 als "manipuliert" bezeichnet; verglichen mit denen in Spanien waren sie ein Vorbild an Rechtsstaatlichkeit.] Das ging zwar nicht überall im Lande - auf dem Lande siegten denn auch die "rechten" Parteien -, wohl aber in den Städten, und die stellten nun mal die meisten Abgeordneten. Im Grunde genommen war diese Machtergerifung der Linken gegen den Willen der überwältigenden Mehrheit der Spanier der Putsch - nicht der Aufstand, der im Juli 1936 gegen diese neue "Regierung" ausbrechen sollte.

[Exkurs. Ja, es mag auch noch andere Gründe gegeben haben für den Wahlausgang - und Gironella verschweigt sie nicht: Da war der Korruptionsskandal in der "rechten" Regierung; und da war vor allem der wenige Monate vor den Wahlen erfolgte Einmarsch der Italiener in Abessinien. War das nicht ein souveränes Mitglied des Völkerbunds, mit dem Spanien diplomatische Beziehungen unterhielt? Wohl wahr, also zierten die Wahlkampfplakate der Roten nicht nur Bilder Stalins, sondern auch des Negus. Die "rechten" Parteien kostete das Stimmen, sowohl die Falange - die offen mit Mussolini sympathisierte - als auch die christliche CEDA - der man wohl nicht ganz zu Unrecht unterstellte, Vatikan-hörig zu sein; und der Papst hatte es sich nicht nehmen lassen, die italienischen Flugzeuge und Panzer, die in den Krieg zog, zu segnen. Er mochte es freilich etwas anders sehen, denn Abessinien war eine absolute Diktatur, in der noch Sklaverei und Kannibalismus herrschten, außerdem Hungersnot, Frauenbeschneidung, Heidentum... heute würde man einen Feldzug der NATO gegen Äthiopien sicher als "humanitäre Befreiungsaktion" bezeichnen - wenn es dort denn Öl oder andere Bodenschätze gäbe, die einen solchen Einsatz rechtfertigten. Und, wie es Gironella Pilar, der jüngeren Schwester von Ignacio in den Mund legt: "Wenn die Engländer Abessinien angegriffen hätten, hätte es sicher niemanden gestört." Da ist mehr dran, als Gironella vermutlich wußte, denn die Abkommen zwischen Italien, Frankreich und Großbritannien, in denen Mussolini freie Hand gegen Abessinien gegeben wurde, waren geheim und wurden auch nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit wohlweislich tot geschwiegen. was Mussolini dort wollte, ist nicht recht nachzuvollziehen, denn es paßte ja nicht mal in seine spinnerten Träume von der "Wiedererrichtung des Imperium Romanum" - zu dem Abessinien nie gehört hatte. Aber auch Eritrea und Somalia hatten ja nie dazu gehört; das einzige Argument, sich dort festzusetzen, war, daß die Franzosen und Briten ein gleiches getan hatten und daß die Ecke wegen des Suezkanals strategisch interessant war. Aber das scherte die spanischen Wähler nicht, schon gar nicht die in Katalonien, aus deren Perspektive Gironella ja schreibt. Was er nicht beschreibt, ist der untergründige Haß der Spanier auf die Italiener - wie er sich noch heute bisweilen vor, in und nach Fußballspielen Bahn bricht -, der historische Wurzeln hat. So wie Dikigoros dazu neigt, die "Spanier" in Anführungsstriche zu setzen, weil das für ihn kein Volk ist, sondern nur die Bevölkerung eines "Spanien" genannten Staates, so waren auch die "Italiener" für viele Spanier nur die Bewohner eines zwischen 1859 und 1879 mit Gewalt geschaffenen künstlichen Staatsgebildes. Was hatten denn die Nord- mit den Süditalienern zu tun? Alles, was südlich des Vatikan lag, war Jahrhunderte lang aragonesisch gewesen - Sardinien und Sizilien schon seit dem 13., das "Königreich Neapel" seit dem 15. Jahrhundert. Napolitanisch und Katalanisch stehen sich näher als Napolitanisch und Fiorentisch ("Italienisch") oder Katalanisch und Kastilianisch ("Spanisch"). Der König von Aragon (das Katalonien, Navarra und das Baskenland, einschloß) hatte es 1479 als Mitgift in die "Kastilische Heirat" mit der Königin von Kastilien und León eingebracht; und erst nach dem "Spanischen Erbfolgekrieg", dem ersten, von England angezettelten Weltkrieg der Neuzeit, wurde es auseinander gerissen - wobei sich England übrigens Gibraltar und Menorca unter den Nagel riß. Vergessen war das noch nicht, ebenso wenig die Invasion der Briten 100 Jahre später unter dem Vorwand, Spanien von Napoleon "befreien" zu wollen, in Wahrheit aber, um es auszuplündern und sich das Sklavenmonopol zu sichern. Und diejenigen, die damals die Engländer ins Land gerufen hatten, waren nicht die Linken gewesen - die hatten es mit Napoleon gehalten -, sondern die Monarchisten, die ebenfalls Sympathien verloren. Exkurs Ende.]

Gleich nach der Regierungsübernahme machten sich die Linken an die Errichtung eines Terror-Regimes, das in vielem den Verhältnissen während der so genannten "Kultur-Revolution" in Rotchina 30 Jahre später ähnelte: Politische Gegner - zu denen auch Priester und Nonnen zählten - wurden verhaftet und und in vielen Fällen ermordet, "unsichere Kantonisten" mußten Hausdurchsuchungen und andere Schikane über sich ergehen lassen; "kapitalistische" Betriebe wurden enteignet, zerstört oder kaputt gestreikt, die Konfessionsschulen (die einzigen, die einigermaßen funktionierten) wurden zerschlagen, die alten Beamten entlassen und durch zuverlässige Parteigenossen ersetzt; um dieses System zu finanzieren, wurden die Steuern massiv erhöht bzw. neue Steuern wurden erfunden (z.B. die Hundesteuer und die Fahrradsteuer - Autos gab es noch nicht genug, um an der Kfz- und Mineralöl-Steuer genug zu haben :-). Wohlgemerkt, Gironella schildert das alles weitaus differenzierter als es Dikigoros hier tut, denn sein Ignacio ist ja ursprünglich Sozialist und lebt unter Katalanen, die zwischen allen Stühlen sitzen: Eigentlich wollten sie mit den Linken nichts zu tun haben - aber die Rechten wollten ihnen keine Autonomie gewähren. Dennoch läßt er keinen Zweifel daran, daß auch er die Vorgehensweise der Linken für sinnlos hält, zunächst einmal die "kapitalistischen Produktionsmittel" zu zerstören, in der Hoffnung, danach die "wahre Demokratie" besser aufbauen zu können. Man kann zwar cynisch argumentieren, daß Kirchen und Bibliotheken nicht "produktiv" seien, daß also, wer die abfackelt, die Volkswirtschaft gar nicht schädige; aber wem hilft es, Wälder anzuzünden, Druckereien, Buchbindereien und Waisenhäuser zu zerstören? (Ja, sicher, der notleidenden Bauwirtschaft - aber der hilft auch ein schöner Bombenkrieg, nicht wahr? So wie der kommunistische Meister, bei dem Ignacios jüngerer Bruder Cesar für kurze Zeit in die Lehre geht, sich über jede zerstörte Kircheneinrichtung freut, weil er dann umso mehr seiner geschnitzten Heiligenfiguren absetzen kann.) Und wem nützen die Streiks in Elektrizitäts- und Wasserwerken, die die Produktion lahm legen bzw. in einem Agrarland wie Spanien die Ernte auf den Feldern verderben läßt? Doch nur den Agitatoren, die dann die Hungernden umso besser aufhetzen können. Gewiß, das ist ja "nur" Gewalt gegen Sachen. Wirklich? Wenn dadurch Menschen verhungern müssen? Und dann tauchen plötzlich die bösen Falangisten auf und wenden Gewalt gegen Personen an, nämlich just gegen die Rädelsführer jener Erntevernichter; und wenn sie der Meinung sind, daß es besser sei, jene Kreaturen "abzuknallen", um Menschenleben zu retten, dann fällt es Dikigoros schwer, Gegenargumente zu finden. Gewiß, in Spanien gab es Armut, Not und Elend - aber die gab es in anderen europäischen Ländern seit dem Ersten Weltkrieg auch, selbst im einst so reichen Mitteleuropa; aber in keinem anderen Land - von Rußland bzw. der Sowjet-Union mal abgesehen - tobte sich der rote Mob derart bestialisch aus wie in Spanien; und in keinem anderen Land war der Haß auf die Kirche so groß. (Das mit der Gewalt, die sich seitens der Linken "nur gegen Sachen" gerichtet habe, war eh so eine Sache; diese Behauptung stimmt nur, wenn man ermordete Priester und vergewaltigte Nonnen als "Sachen" betrachtet, als "Inventar" der Kirchen und Klöster, also nicht als Mitmenschen im Sinne der linken Gutmenschen. Wie war das in Oviedo gewesen? Da hatten die braven asturischen Bergarbeiter - von der heutigen Geschichtsschreibung wie gesagt als "Streikende" bezeichnet, die nur ihre "berechtigten Forderungen" durchsetzen wollten - die Priester abgeschlachtet und die Leichenteile als "Schweinefleisch" verkauft; als dann bei der Rückeroberung der Stadt durch Regierungtruppen auch ein paar "Streikende" getötet wurden, war das Geschrei ob der "armen Opfer" groß.)

Exkurs. Nein, Dikigoros ist kein Anhänger einer Theokratie - was die für Auswüchse zeitigt wissen wir im Zeitalter der weltweiten islamischen Renaissance nur zu gut -, auch keiner christlichen. Aber man muß doch - gerade im Rückblick - sehen, daß 10 Gebote die führende Rolle der Kirche auf vielen Gebieten, die heute der weltliche Staat an sich gerissen hat, auch einiges für sich hatte: Es ist nun mal leichter, nach zehn Geboten zu leben als nach zehntausend[en] Gesetzen und Verordnungen, die heute Spanien und andere Länder nicht nur in der EU lähmen, bei denen selbst Berufs-Juristen längst den Überblick verloren haben. Auch die Führung der Standesregister, die Sozialfürsorge usw. wurden von der Kirche sicher nicht schlechter - und vielfach mit weniger kostspieligem Verwaltungsaufwand - betrieben als von heutigen Ämtern und Behörden. (Auch das ist kein allein christliches Fänomen; der Hinduismus in Indien und der Buddhismus in Thailand - früher auch in China und Japan - haben ähnliches geleistet und tun es z.T. heute noch.) Und was das Streikrecht anbelangt, so hält Dikigoros auch das für notwendig: Niemand soll mit vorgehaltener Waffe gezwungen werden, für schlechten - oder gar keinen - Lohn zu arbeiten, wie das in kommunistischen Systemen üblich ist. Auch Streikposten müssen erlaubt sein - solange sie tatsächlich nur Posten bilden, um an ihre Kollegen zu appellieren, nicht zur Arbeit zu gehen und denen, die es doch tun, ein schlechtes Gewissen zu machen. Aber in dem Augenblick, da sie arbeitswillige Menschen mit Gewalt daran hindern, dies zu tun, etwa indem sie die Eingänge zum Arbeitsplatz verbarrikadieren oder "Streikbrecher" bedrohen und verprügeln, sind sie keine Streikposten mehr, sondern schlicht Kriminelle, die man - notfalls mit Gegengewalt - beseitigen muß; hätte die spanische Regierung 1934-36 ein paar Rädelsführer an die Wand gestellt oder gleich über den Haufen schießen lassen, wäre dem Land vieles erspart dieser geblieben - für jeden verschonten kriminellen "Streikposten" sollten im Bürgerkrieg tausende Arbeiter sterben. Exkurs Ende.

Und die Opfer der anderen Seite? Als es der Fraktionsführer der Rechten, Calvo Sotelo, im Juli 1936 wagte, dem Parlament eine Liste der in den letzten Monaten vom roten Mob zerstörten Kirchen und ermordeten Priester zu verlesen, meinte der rote Regierungschef nur: "So eine Rede werden Sie hier nicht noch einmal halten." Dann schickte er zwei Polizisten zu ihm, ließ ihn über den Haufen knallen und alle Oppositionsparteien verbieten. (Die Falange war schon seit März verboten und ihr Gründer, José Antonio Primo de Rivera, verhaftet worden; er wurde später von den Roten im Gefängnis ermordet.) Das war die "demokratische Regierung" der "Republik Spanien", die sich selber als "legitim" bezeichnete und diejenigen, die sich gegen sie zur Wehr setzten, als "Aufständische". Der Aufstand der "Nationalen" mag irgendwie vage geplant gewesen sein, aber wenn, dann für viel später; jetzt brach er spontan aus, mehr schlecht als recht improvisiert; und er traf auf eine offenbar von langer Hand vorbereitete "Säuberungsaktion" der Roten, der alle zum Opfer fielen, die als "rechts" galten. So auch in Girona, wo alle Kirchen abgefackelt werden bis auf eine, die als "Revolutions-Museum" nur ausgeplündert wird, und alle nicht rechtzeitig geflohenen Priester und Nonnen und solchen, die es werden wollen, ermordet werden. Der erste Band endet mit der Ermordung des Seminarschülers Cesar - der in einer zerstörten Kirche aufgegriffen wird - durch die Roten.

Warum lautete der Titel dieses Bandes nun "Die Zypressen glauben an Gott"? Eigentlich spielen sie gar keine Rolle, kommen im Text überhaupt nur ganz kurz vor, gegen Ende, da stehen welche auf dem Friedhof, wo die Opfer des roten Terrors verscharrt werden - kirchliche Beerdigung verboten, private Trauerbekundungen in der Öffentlichkeit zumindest riskant. Aber jene Bäume üben offenbar auf manche Menschen eine merkwürdige Faszination aus; und wer will, kann aus ihrem schlanken, spitzen Wuchs direkt in den Himmel schließen, daß sie dort oben einen Gott vermuten. Obwohl ja auch andere Bäume in Richtung Himmel - genauer gesagt in Richtung Sonne als Lichtquelle - wachsen, und obwohl sie auch nicht immer so kerzengerade in Ideallinie wachsen wie auf dem Bild unten links. Der Maler van Gogh hat sie - durchaus zutreffend - auf Sonne und Mond zuwachsen lassen, zwischen beiden hin- und her gerissen - was sich im krummen Wuchs ausdrückt - wie die Spanier zwischen ihren politischen Ideologien; und sein Bild ist fast so berühmt geworden wie Gironellas Romane.
(...)

[Zypressen] [Zypresse zwischen Sonne und Mond bei van Gogh]

* * * * *

Gironella gab dem zweiten Band seines Epos (den er wiederum im Ausland schrieb - diesmal im finnischen Helsinki) den Titel: "Un millón de muertos [eine Million Tote]". (Die deutsche Übersetzung erschien unter dem merkwürdigen Titel "Reif auf Olivenbäumen".) Das ist sehr niedrig gegriffen - man schätzt die Zahl der Todesopfer heute auf mindestens 20% mehr; aber das liegt vielleicht an der Zählweise; auch die Opferzahlen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki fallen bekanntlich sehr unterschiedlich aus, je nachdem, ob man nur die sofort Gestorbenen oder auch die an den Spätfolgen Verwendeten mit zählt. Sei's drum; Dikigoros steht ja immer auf dem Standpunkt, daß es auf die Zahl der Opfer nicht unbedingt ankommt, beim Holocaust ebenso wenig wie beim Spanischen Bürgerkrieg. Er fragt vielmehr nach dem Sinn und/oder der Sinnlosigkeit der Opfer; und da nimmt der Spanische Bürgerkrieg schon eine besondere Stellung ein. Wenn man nicht gerade auf dem naiven Standpunkt steht, daß Kriege grundsätzlich idiotisch sind und daß halt in jedem Krieg strategische und taktische Fehler gemacht werden, dann kommt man nicht umhin festzustellen, daß man eine derartige Ansammlung unglaublicher Dummheiten anderswo schwerlich wieder findet. Der Aufstand der "Nationalen" hätten binnen drei Tagen zum Erfolg führen müssen, denn auf dem Papier waren alle maßgeblichen Militärs daran beteiligt. Der Ärger war nur, daß es sich in den beiden wichtigsten Provinzen - dem Baskenland und in Katalonien - einige Leute anders überlegten, denn sie stellten die Unabhängigkeit ihrer Heimat - die ihnen die "Republikaner" versprachen, nicht dagegen die "Nationalen" - höher als den Erhalt der althergebrachten Ordnung. Das war ein nachvollziehbarer Standpunkt, sogar ein sehr ehrenwerter, und dennoch war es dumm; denn am Ende erreichten sie nichts, außer einem dreijährigen Bürgerkrieg mit viel Blutvergießen. Aber war das am Anfang schon klar? Nein, durchaus nicht, denn nun hätten umgekehrt die "Republikaner" die "Nationalen" binnen drei Wochen (Gironella meinte sogar, in 8-10 Tagen) platt machen müssen.

Was hatten die Aufständischen denn? Ein paar marokkanische Kolonialtruppen (wie läßt Gironella einen seiner Anarchisten spöttisch sagen: "Da müssen die Muslime mal wieder den Katholizismus verteidigen" :-), die Fremdenlegion und einen Teil des "spanischen" Heeres, aber nichtmal ordentliche Generalstabskarten. (Gironella schildert, wie sie sich anfangs mühsam mit Straßenkarten für Autofahrer behelfen mußten und erst später durch Spionage an richtiges Kartenmaterial kamen.) Die "Republik" hatte dagegen den anderen Teil des Heeres, die gesamte Luftwaffe (mit allen wichtigen Flugplätzen) und die gesamte Marine (mit allen wichtigen Häfen). Wie das? Nun, nur einen Tag nach Beginn des Aufstandes hatten rote Kader alle Offiziere der Luftwaffe und Marine ermordet. Danach konnte zwar niemand mehr die Schiffe und Flugzeuge führen, aber das war nicht weiter schlimm, denn da die "Republikaner" auch den kompletten Staatsschatz hatten, konnten sie Piloten (und weitere Flugzeuge) in Frankreich, England und den USA kaufen, und... Ärzte (denn die meisten eigenen wurden im ersten Überschwang ebenso ermordet wie die Priester und die Offiziere - halt als "Besserverdienende"); es kamen sogar einige internationale Korifäen, wie Gironella betont, der seinen Ignacio zeitweise in einem Madrider Krankenhaus der Roten arbeiten läßt. Was die sich dabei dachten? Dikigoros weiß es nicht - er weiß auch nicht, was die "Intellektuellen" aus aller Welt dachten, die sich auf "republikanischer" Seite auf der Iberischen Halbinsel herum trieben und ziemlich einseitig gegen Franco Partei nahmen (Gironella schildert die Reise eines belgisch-englischen Journalisten-Pärchens). Vielleicht waren sie ebenso gekauft wie die Flugzeuge, Waffen und Munition? (Und die Artillerie. Gironella schildert, wie die "Republikaner" sie selbst bei Krupp in Deutschland kaufen und wie sich ihr Chefeinkäufer sogar bestechen läßt, damit der Auftrag nicht an die Konkurrenz aus Frankreich oder England geht. Was blieb ihnen anders übrig, als beim Klassenfeind zu kaufen? Das Zeug, das ihnen die Sowjet-Russen lieferten stammte ja, wenn man Gironella glaubt - und Dikigoros sieht keinen Grund, das nicht zu tun - z.T. noch aus dem Krimkrieg.)

[Die spanischen Fronten im August 1936]

Kurzum, der Aufstand der "Nationalen" war, nachdem er in den ersten drei Tagen keinen durchschlagenden Erfolg hatte, so gut wie chancenlos, denn er konnte sich nur auf die ärmsten Gebiete mit den wenigsten Ressourcen stützen: Alt-Kastilien mit León und Galizien (dorther kam wie gesagt Franco), Nordwest-Aragon, genauer gesagt Navarra (dorther kamen die ursprünglichen Anführer des Aufstands, die Generäle Sanjurjo und Mola) und West-Andalusien; dazu kam bald die - noch ärmere - Estremadura. Damit war kein Staat zu machen. Die Republik hatte dagegen neben Katalonien und dem Baskenland Asturien, Neu-Kastilien, Ost-Aragon und Murcia, also alle Gebiete mit nennenswerten Bodenschätzen und Industrien, u.a. sämtliche Rüstungsbetriebe. Was machten die "Republikaner" aus diesem Vorteil? Nun, im Gefühl des sicheren Sieges feierten sie erstmal eine schöne lange Orgie aus Plünderung, Brandstiftung, Mord und Vergewaltigung, d.h. sie "enteigeneten" die Kapitalisten - vor allem deren Autos -, und zerstörten den Rest, mit dem sie nichts anzufangen wußten, z.B. die noch nicht durch Streiks ruinierten Betriebe; die Fabrikanten, die nicht rechtzeitig flohen, waren des Todes. Nun mag es ja nicht weiter schlimm sein, Priester, Rechtsanwälte, Notare und "Ausbeuter" zu beseitigen; aber welchen Sinn macht es, auch Architekten und Ärzte zu ermorden? Gironella läßt es einen Roten ganz cynisch formulieren: Erstens sind die Ärzte eh alle Quacksalber, und zweitens ist es viel besser, einen toten Martyrer zu haben, als jemanden, den die Ärzte retten, der seine Rettung dann aber womöglich dem lieben Jesulein zuschreibt. Na schön, aber die Landwirtschaft? Den Pächtern wird gesagt, sie bräuchten künftig nichts mehr an ihre Grundherren abzuliefern, sondern sollten es getrost den roten Milizen zur Verfügung stellen. Das tun sie anfangs gerne, denn es kostet sie ja nichts; aber dann sollen sie mehr abliefern, als sonst ihr Pachtzins betrug, am Ende gar alles. (Selbstverständlich wohnen die roten Bonzen auch umsonst in den besten Hotels, die kurzerhand beschlagnahmt werden, essen umsonst in den besten Restaurants und fahren umsonst 1. Klasse mit der Eisenbahn.) Und als sie das nicht mehr so gerne tun, wird es ihnen mit Gewalt abgenommen, wer protestiert, wird tot geschlagen. Folge ist, daß im nächsten Frühjahr niemand mehr bereit ist, auszusäen und im roten Gebiet eine Hungersnot ausbricht. Aber so weit sind wir ja noch nicht, sondern in den ersten drei Wochen, welche die Roten ungenutzt verstreichen lassen. Die "Nationalen" können also nach der Eroberung der Estremadura umgruppieren und gen Osten marschieren. Der Weg ist frei, Madrid im August 1936 praktisch noch unverteidigt. Franco bräuchte es nur zu besetzen, die roten Banditen hops zu nehmen und eine neue Regierung zu bilden, und für die Säuberungen im Rest Kastiliens hätte er vielleicht noch ein paar Wochen, schlimmstenfalls Monate benötigt. Es hätte keine ausländische Intervention gegeben, kein Jahre langes Abschlachten von Mensch und Vieh. (Ja, wußtet Ihr das nicht? Im Spanischen Bürgerkrieg wurden - inclusive Vor- und Nachspiel - nicht nur über eine Million Menschen getötet und über zwei Millionen zu Krüppeln gemacht, sondern auch ein Drittel des spanischen Viehbestands wurde getötet, nicht etwa um den Hunger zu stillen - der kam dann später als Konsequenz davon -, sondern aus purer Mordlust!) Was tut Franco statt dessen? Er marschiert auf Toledo und Oviedo - wo gute Kumpel von ihm belagert werden. Es gelingt ihm auch tatsächlich, sie heraus zu hauen - ein schöner Propaganda-Erfolg, mehr aber nicht; und die Zeit, die das gekostet hat, ist nicht wieder einzuholen: Als Franco am 7. November 1936 endlich vor Madrid steht, ist es zu spät: Die Roten haben kräftig aufgerüstet; am 8. November rücken die "Internationalen Brigaden" in Madrid ein. Gegen fast zehnfache Übermacht zwar kaum ausgebildeter, aber engagiert kämpfender Brigadisten holen sich Francos Truppen blutige Nasen. Es ist kein Durchkommen ("no pasarán [sie werden nicht durchkommen]" wird zum Schlachtruf der roten Propaganda); die Fronten fahren sich fest, mit einer schnellen Entscheidung und Beendigung des Bürgerkrieges ist nicht mehr zu rechnen. Ein Alptraum beginnt; und Gironella läßt eine seiner Figuren den Spruch zitieren: "Der Schlaf des Verstandes gebiert Monster" - und damit sind wir wieder bei Goya, der eines seiner Bilder aus den "Caprichos" so betitelte.

Auch Francos Verstand schläft: Als er im Februar 1937 endlich seinerseits ausländische Hilfstruppen aus Italien, Portugal und Irland (!) zur Verfügung hat, greift er erst mal Málaga an, um dort die Hand die Heiligen Teresa zu erobern - die bis ans Lebensende sein Talisman bleiben soll. Sie hilft ihm freilich nichts, als er im März 1937 erneut Madrid angreift - diesmal von Nordosten. Wieder wird er unter schweren Verlusten abgewiesen, schon bei Guadalajara. (Spanische Historiker meinen, hauptsächlich durch Versagen der Italiener; Gironella schweigt dazu.) Nun wäre es an der Zeit gewesen, mit der Gegenseite zu sprechen. Mit wem von der Gegenseite? Na, mit den Basken und Katalanen! Die hatten inzwischen bemerkt, was sie an den "Roten" hatten, und wären mit fliegenden Fahnen zu Franco über gegangen, wenn der denn über seinen Schatten gesprungen wäre und ihnen die Unabhängigkeit gewährt hätte. Dann hätte "Spanien" halt nur noch bis zum Ebro gereicht - na und? Das war doch eh seine historische Grenze! Aber auf dem Ohr war Franco taub; er beharrte auf dem ungeteilten Zentralstaat. (In Wahrheit hatten auch die Kommunisten nichts anderes vor; sie wollten sogar noch Portugal annektieren! Die ganzen Versprechungen an die Katalanen und Basken wären nach einem Sieg der Roten im Bürgerkrieg etwa soviel wert gewesen wie die Versprechungen, die Lenin zu Beginn des russischen Bürgerkrieges den nicht-russischen Völker des einstigen Tsarenreiches gemacht hatte.) Nun waren wieder die Roten am Drücker. Nur bei Gironella liest man, mit welcher personellen und materiellen Überlegenheit sie in die nächsten Schlachten gingen, und wie groß ihre Anfangserfolge waren.

Im Juli 1937 sah es fast so aus, als sollte den "Republikanern" bei Brunete die Vernichtung der "nationalen" Truppen gelingen - auf Plakaten feierten sie schon ihren Sieg im Bürgerkrieg. Doch im entscheidenden Augenblick hielt ein kleines Häuflein fanatischer Falangisten stand, und die ominöse 13. Internationale Brigade begann zu meutern. So hatten sich die - vielfach ungedienten - ausländischen Freiwilligen das nicht vorgestellt, einfach, nein mehrfach ins Feuer geschickt zu werden und womöglich zu sterben; sie waren zum Rauben und Plündern gekommen (Gironella stellt sie jedenfalls als den Abschaum der Menschheit dar, obwohl es sicher auch einige Idealisten gab); und nun war Sense. Aber nicht nur die Ausländer versagten: Im Dezember 1937 gelang den Roten an der Aragonfront fast der entscheidende Erfolg: Teruel wurde eingenommen, wo ein Frontkeil der "Nationalen" so weit in rotes Gebiet hinein reichte wie fünf Jahre später bei Stalingrad - und es hätte leicht eine ähnliche Kriegswende werden können. Doch dann meuterten ausgerechnet die katalanischen Milizen, genauer gesagt die anarchistischen Durruti-Milizen - die Nationalen eroberten im Frühjahr 1938 nicht nur Teruel zurück, sondern stießen gleich bis ans Mittelmeer durch und spalteten so das Gebiet der "Republikaner". Dann geschah - nichts. (Im Buch klafft eine zeitliche Lücke für das zweite Halbjahr 1938.) Gironella schildert die Enttäuschung der Katalanen, die auf die Befreiung (jawohl, so hätten sie es inzwischen empfunden!) vom roten Terror gehofft hatten; aber Franco dachte vorerst gar nicht daran, Barcelona oder gar Girona anzugreifen - er ging den Weg des geringsten Widerstandes und eroberte erstmal die Reste Asturiens und des Baskenlandes. Die Roten in Katalonien zogen die Zügel immer weiter an; schließlich schritten sie zu Zwangsaushebungen immer weiterer Jahrgänge. Bei Gironella gelingt es Ignacio, sich zum Sanitätsdienst nach Madrid zu melden und von dort zu den Franquisten über zu laufen (bei denen seine Verlobte längst für die Falange arbeitet). Er kommt zur Skitruppe nach Aragon.
(...)

Warum geht der Krieg jetzt überhaupt noch weiter? Böse Zungen behaupten, weil die Sowjets ihn nicht eher aufgeben wollen, bis auch der letzte Goldbarren aus dem Staatsschatz in ihren Händen ist, denn sie lassen sich jeden Panzer, jedes Flugzeug, jedes Gewehr und jede Patrone in purem Gold bezahlen - die Währung der "Republik" nimmt schon längst niemand mehr in Zahlung, an der Londoner Börse ist sie von Anfang an niedriger gehandelt worden als die Peseta der "Nationalen". In Katalonien werden von den Roten noch einmal 100.000 "Freiwillige" zwangsrekrutiert (die echten Freiwilligen waren schon 1936 zu den Waffen geeilt und sind inzwischen größtenteils gefallen), alle männlichen Personen zwischen 16 und 60, die noch eine Waffe halten können. Am Ende werden sogar die - eigentlich schon aufgelösten - "Internationalen Brigaden" noch einmal aufgeboten - als Kanonenfutter, damit sich die roten Bonzen in Ruhe absetzen können, was auch fast allen gelingt. Für das geflohene Fußvolk brechen dagegen harte Zeiten an, denn wer nicht nach Moskau ausgeflogen worden ist und wer vor allem kein Geld hat, der wird auch in Frankreich nur geduldet, genauer gesagt, der wandert ins Konzentrationslager. Jawohl, Gironella nennt es so (und damals durfte auch sein Übersetzer ins Deutsche - ein Schweizer - es so nennen), aber er erspart uns die Einzelheiten - auf die kommt Dikigoros weiter unten noch einmal zurück.

Am Ende des Bürgerkriegs standen, nein lagen 1,2 Millionen Tote (das ist Gironellas Zahl; die heutigen "Historiker" haben sie großzügig um die Hälfte reduziert) und Spanien weitgehend in Ruinen. Die meisten dieser Tote waren Zivilisten. Ihr meint, liebe Leser, das sei wohl ganz normal in einem Bürgerkrieg? Wohl wahr, in echten Bürgerkriegen. Aber was Euch die "Historiker" als solche verkaufen, sind in den meisten Fällen gar keine, sondern hauptsächlich Auseinandersetzungen zwischen Truppenteilen ein- und desselben Staates. (In Afrika auch zwischen unterschiedlichen Stämmen, die ein unseliges Erbe in die von den Kolonialmächten einst auf mit dem Lineal auf der Landlarte gezogenen "Staats"-Grenzen eingepfercht hat, aber lassen wir diese Fälle mal außen vor.) Mag sein, daß in den russischen und chinesischen Bürgerkriegen des 20. Jahrhunderts und im amerikanischen "Bürgerkrieg" des 19. Jahrhunderts auch systematisch die mehr oder weniger wehrlose gegnerische Zivilregierung ausgerottet wurde - aber das waren einseitige Übergriffe des Militärs, keine echten Kämpfe. Dagegen kämpften im Spanischen Bürgerkrieg tatsächlich die Bürger (und Arbeiter) der unterschiedlichen politischen Parteiungen gegen einander - und das machte ihn so furchtbar. Während die Truppen an der Front oftmals nur Sitzkrieg spielten (nicht nur bei Gironella kann man nachlesen, daß sie sich gegenseitig die Sportnachrichten, insbesondere die Ergebnisse der Fußballspiele und der Stierkämpfe, übermittelten und bisweilen auch schon mal gegeneinander antraten), tobte sich der Mob im Hinterland aus - insbesondere der rote Mob in Katalonien, die anarchistischen "Milizen", nachdem sie einmal Waffen in die Pfoten bekommen hatten. Daß die andere Seite am Ende des Krieges Rache nahm - wer wollte es ihr verdenken? Dikigoros vertritt ja immer die Auffassung, daß man solche Dinge nicht aufrechnen sollte, und Gironella tut das auch nicht; aber es war wohl so, daß die Roten für mindestens 75% der Ziviltoten verantwortlich waren und auch ca. 75% der Gefallenen stellten, da ihre Soldaten schlecht ausgebildet waren - der Volkssturm im letzten Kriegsjahr praktisch gar nicht - und rücksichtslos verheizt wurden. (Gironella beschreibt, wie bei den letzten sinnlosen Offensiven der Roten die kommunistischen Politikommissare "Feiglinge", die nicht blindlings vorgehen, von hinten erschießen.) Aber auch seitens der offiziellen Truppen kamen Greuel und Kriegsverbrechen vor - auf beiden Seiten. Bei den Mörderbanden der "Internationalen Brigaden" sowieso; aber auch bei den "Nationalen". Die gaben zwar vor, nur die Ordnung wieder herstellen zu wollen; aber Franco kämpfte mit "seiner" Fremdenlegion, die sich - anders als ihr französisches Vorbild - aus Afrikanern rekrutierte, blutrünstigen Monstern, die kurzerhand massakrierten, was immer ihnen vor die Flinte oder vors Bajonett kam. (Man hat Gironella verschiedentlich vorgeworfen, das weitgehend verschwiegen zu haben und ihm unterstellt, sich damit bei Franco lieb Kind machen zu wollen - dem er bescheinigt, jegliche "Ausschreitungen", wo immer er persönlich anwesend war, unterbunden zu haben, und der ihn nach Lektüre jenes Buches auch prompt begnadigte und dessen Authentizität sehr lobte -; aber wie dem auch sei, er hatte gut daran getan; denn sonst wäre sein Werk heute sicher als "rassistisch" verboten.)

Auch die lieben Verbündeten aus den "zivilisierten" europäischen Nachbarländern hatten kräftig an den Kriegsgreueln mitgewirkt - wiederum alle, sowohl die Linken als auch die Rechten, und auch da nicht nur die Deutschen, wie man uns heute weis machen will. Ob sie den Krieg und die Leiden verlängert haben? Schwer zu sagen. Hätte die eine Seite auf ausländische Hilfe verzichtet, dann hätte die andere wohl binnen weniger Wochen oder Monate gesiegt. Aber wäre das besser gewesen? Für wen, liebe Leser? Für "die" Spanier? Die gab es nicht. (Und Dikigoros zweifelt weiterhin daran, daß es sie gibt.) Für die Katalanen, Basken, Kastilier? Es kommt wohl darauf an, wer den Krieg gewonnen hätte. Aber gab es in Spanien die Linke oder die Rechte? Wer Gironella gelesen hat, vermag daran nicht mehr so recht zu glauben. Von Orwell erfahren wir ja nur, daß es unter den militärischen und para-militärischen Verbänden der "Linken" keine einheitliche Führung (und wohl auch keine gleich gerichteten Interessen) gab; aber bei den "Rechten" war es nicht viel anders; und in der Zivilbevölkerung könnte man meinen, daß es so viele unterschiedliche politische Ansichten wie Köpfe gab. Wahrscheinlich wäre nach einem Sieg der "Linken" binnen kurzem ein neuer Bürgerkrieg zwischen deren Bestandteilen - den Republikanern, den Sozialisten, den Kommunisten, den Anarchisten, den Freimaurern, den baskischen und katalanischen Nationalisten und was sich sonst noch dort tummelte - ausgebrochen und hätte womöglich noch einmal so viele Opfer gefordert. (Vielleicht hätte es auch einen Krieg gegen Portugal gegeben, das die Kommunisten ja ebenfalls vom Kapitalismus "befreien" wollten; und ob die Linken so vernünftig gewesen wären wie Franco, Spanien aus dem Zweiten Weltkrieg heraus zu halten, erscheint Dikigoros auch nicht sicher.) So gesehen war Francos Sieg für die Mehrheit der Menschen in Spanien wohl das geringere Übel. Sah Gironella das auch so? Schwer zu sagen. Er läß seine Hauptgestalten ja viele Diskussionen führen über Gott und die Welt - folglich auch über die Politik. Einen Falangisten läßt er sagen, was nach seiner Meinung "Patriotismus" sei: Etwas, das über den bloßen Regionalismus der Separatisten hinaus geht, aber nicht so weit wie die Weltrevolutionspläne der Trotskisten oder die Träume der Konservativen von der Wiedererrichtung des spanischen Kolonialreichs in Lateinamerika. Das klingt auf Anhieb vernünftig; aber so kann eigentlich nur jemand empfinden, der wie "Ignacio" einen Vater aus Madrid und eine Mutter aus dem Baskenland hatte, selber in Malaga aufgewachsen und den nur der Zufall nach Katalonien verschlagen hat (so wie nur der Zufall Dikigoros ins Rheinland verschlagen wurde - dadurch wäre er nie zum Möchtegern-Separatisten geworden wie einst nach dem Ersten Weltkrieg Adenauer, der halt ein "echter" Rheinländer war, nach Geburt und Abstammung). Wenn man mal etwas länger darüber nachdenkt, liegt der Teufel nämlich im Detail. Um das, das Dikigoros im Anfangsabsatz kurz angerissen hat, mal etwas weiter auszubreiten: Sind denn Katalonien und das Baskenland bloße "Regionen"? Sind Basken und Katalanen nicht vielmehr Völker mit eigener Sprache und Kultur, die wirtschaftlich und politisch durchaus auf eigenen Beinen stehen könnten? Und wenn nicht, warum sollen sie ausgerechnet zu Spanien gehören? Gibt es nicht neben den drei baskischen Provinzen in Spanien auch drei baskische Provinzen in Frankreich? Warum soll Galizien - die Heimat Francos -, wo ein portugiesischer Dialekt gesprochen wird, zu Spanien gehören, und nicht zu Portugal? Warum trennen Niederländer und Niedersachsen, Ostmärker und Bayern, Ostukraïner und Russen Staatsgrenzen, während Engländer und Schotten, Bretonen und Franzosen, Türken und Kurden im selben "Staat" leben müssen? Nein, das ist auch keine Patentlösung; aber, um auch das noch einmal zu wiederholen: Wenn die "Republikaner" den Bürgerkrieg gewonnen hätte, wären sie ebenso wenig bereit gewesen, den nicht-kastilischen Völkern der Iberischen Halbinsel die Unabhängigkeit zu gewähren wie es Lenin nach dem Sieg der Sowjet-Revolution gegenüber den nicht-russischen Völkern des Tsarenreichs war.

Exkurs. Ist Dikigoros nicht zugunsten der Basken und Katalanen voreingenommen, und noch dazu aus ganz unsachlichen Gründen, bloß weil er dort vielleicht mal einen angenehmen Urlaub verbracht hat? Schreibt er nicht sonst immer, daß es kein Verdienst sei, wenn ein Volk zufällig auf Bodenschätzen sitze wie z.B. die arabischen Scheichs in der Wüste auf Millionen Tonnen Erdöl, und daß ihnen das noch längst kein Recht auf irgendwelche Ansprüche gebe... Was können die Kastilier dafür, daß alle nennenswerten Bodenschätze der Iberischen Halbinsel in Asturien, im Baskenland und in Katalonien liegen, während bei ihnen selber nichtmal ordentliche landwirtschaftliche Flächen zur Verfügung stehen? Pardon, liebe Leser, daber da besteht denn doch ein ganz gewaltiger Unterschied: Die Araber haben noch nie etwas mit "ihrem" Erdöl anfangen können - sie wären bis heute nicht mal in der Lage, es selber aus der Erde zu holen, geschweige denn zu verarbeiten, sondern lassen sich das alles von Ausländern machen und dazu noch fürstlich bezahlen - mit welchem Recht? Eben, mit gar keinem. Wenn man das ganze Muslimpack dort ausrotten würde, käme nicht ein Tropfen Erdöl weniger heraus... In "Spanien" ist das ganz anders, da holen die Asturier, Basken und Katalanen ihre Bodenschätze seit eh und je selber aus der Erde und verarbeiten sie auch in entsprechenden Industrien. Dagegen hat es in Kastilien noch nie ein echtes Gewerbe gegeben, geschweige denn Industrie; wenn man die Asturier, Basken und Katalanen ausrottete, dann würde das alles augenblicklich zusammen brechen; denn die Kastilier sind eigentlich nur zu einem gut: zum Kriegführen. (Nebenbei bemerkt sind sie auch an der Unfruchtbarkeit des von ihnen bewohnten Landes nicht unschuldig; sie haben nämlich die Wälder abgeholzt, um daraus Kriegsschiffe zu bauen, was zur Bodenerosion führte, und nun wächst dort halt gar nichts mehr.) Eigentlich haben sie von allen Völkern der Iberischen Halbinsel die wenigste Kultur; selbst ihre Sprache ist ein kümmerliches Gekrächze, verglichen mit allen anderen "Dialekten", deren Sprechern sie als einheitliche Verwaltungssprache aufgezwungen wurde. Nein, Dikigoros ist nicht zugunsten der Basken, Katalanen usw. voreingenommen, ganz im Gegenteil, denn er selber kann sich in Spanien nur auf Kastilianisch verständlich machen. (Obwohl er Katalanisch und Galizisch lesen kann und auch versteht - soweit reichen seine Französisch-, Italienisch- und Portugiesisch-Kenntnisse noch :-) Exkurs Ende.

Zurück zum Spanischen Bürgerkrieg. Da ging es ja um mehr als nur um die Unabhängigkeit einiger "Regionen". Es ging um die Gesellschaftsordnung aller; und auch darüber läßt Gironella seine Hauptgestalten ausgiebig diskutieren. Da standen sich zwei Grundideen unversöhnlich gegenüber (wie anderswo in Europa auch): Die "Rechten" wollten die Klassengegensätze (die es - nicht nur in Spanien - unzweifelhaft gab, das war das einzige, worüber alle einig waren) überwinden; die "Linken" wollten die oberen Klassen der "Diktatur des Proletariats" unterwerfen bzw. sie, wenn denen das nicht paßte, ausrotten - merkwürdigerweise hatte es noch niemand offen auf seine politischen Fahnen geschrieben, die Unterklassen auszurotten und durch Maschinen und Roboter zu ersetzen - wozu die noch durchfüttern, wenn sie ohnehin nicht mehr gebraucht wurden und nur Arbeitslosengeld verbrieten? Aber im Ernst, liebe Leser, was soll das mit den Klassen? Sie mögen ja bestehen, aber im unerbittlichen Regelbuch der Natur sind sie nur Makulatur. Was würde denn geschehen, wenn man eine "Klasse" komplett ausrotten würde? Was bei der Ausrottung der Oberschicht passiert, haben wir ja in Rot-China gesehen: Totale Verblödung des Volkes, das nur noch durch Diebstahl geistigen Eigentums vom Ausland überleben kann. Und umgekehrt? Die Oberschicht neigt dazu, körperlich zu erschlaffen, sich bedienen zu lassen, selbst die 200 m zum Briefkasten mit dem Auto zu fahren und Fett anzusetzten; ihre weiblichen Bestandteile neigen dazu, kaum Kinder zu bekommen (und wenn doch, ihre Erziehung anderen zu überlassen) und sich statt dessen dreimal am Tag umzuziehen und stundenlang frisieren und schminken zu lassen - nein, auch damit läßt sich kein Staat machen. Nach dem unerbittlichen Gesetz der Natur - das auch gilt, wenn der Mensch es nicht [an]erkennen will - gibt es nur zwei "Klassen": Diejenigen, die körperlich und geistig bereit und in der Lage sind, etwas auf die Beine zu stellen, und die wo nicht. Und die ersteren, die einen natürlichen Adel darstellen, regenerieren sich offenbar aus allen "Klassen" und Schichten; und echte "Eliten" (im Sinne von "Auslese") entstehen dort, wo jemand aus der finanziellen "Oberschicht" so [einfluß]reich ist, daß er (oder sie) es sich leisten kann, ohne Rücksicht auf Mitgift und Standesdünkel sich eine[n] Ehepartner[in] aus einer "niederen" Schicht des natürlichen Adels zu nehmen. Alles andere ist politischer Firlefanz, der auf Dauer keinen Bestand haben kann. (Hat das etwas mit der "Rassenideologie" der Nazis zu tun? Nein, nicht wirklich, denn es gibt in allen Völker und Rassen "sone und sone"; aber es stimmt schon, daß die "falangistische" Theorie dem auf dem Papier am nächsten kommt; in der Praxis hat Dikigoros allerdings nicht feststellen können, daß die Spanier aus der Franco-Zeit ihre Klassenschranken besser überwunden hätten als andere Völker unter anderen Systemen - insbesondere gibt es dort bis heute keine echte, breite "Mittelschicht" -; und der Durchschnitts-Spanier ist auch nicht schöner, gesünder oder tüchtiger geworden.)
(...)

War also der Spanische Bürgerkrieg für und nichts und wieder nichts geführt worden? Aus heutiger Sicht... aber auf die kommt Dikigoros am Ende dieses Kapitels seiner "Reisen durch die Vergangenheit" noch einmal zurück. Nein, fragen wir mal etwas, was man nach Meinung der meisten "seriösen" Historiker nie fragen soll: Was wäre geschehen, wenn Franco & Co. 1936 nicht geputscht hätten? Hätte er nicht einfach alles laufen lassen können, bis sich die Linken untereinander zerfleischt hätten? Hätte Mussolini das wertlose Abessinien nicht den Engländern überlassen können? Hätte Hitler nicht, statt im September 1939 Polen anzugreifen, in aller Ruhe abwarten können, bis die zum Krieg gegen Deutschland ohnehin längst entschlossenen Alliierten ihre seit 1937 massiv betriebene Aufrüstung abgeschlossen und dem Reich dann unter einem anderen Vorwand den Krieg erklärt hätten, der dann wahrscheinlich weniger lange gedauert und Deutschland weniger Opfer gekostet hätte? Tja, das hätten sie allemal gekonnt. Dann wäre die Volksrepublik Spanien wahrscheinlich 1990/91 in ihre Bestandteile auseinander gebrochen, wie die Sowjet-Union, Jugo-Slawien und die Tschecho-Slowakei. Und wahrscheinlich hätten die Basken und Katalanen dann zwar ihre Unabhängigkeit gehabt - die ihnen bis heute verweigert wird -, aber dafür nach über einem halben Jahrhundert Sozialismus einen Lebensstandard wie heute die Menschen in Kuba, Nordkorea, Rotchina und vielen Nachfolgestaaten der SU. Und, wer weiß, wenn wir mal auf den Balkan schauen... vielleicht hätten die Völker der Iberischen Halbinsel dann einen ähnlich mörderischen Bürgerkrieg "nachgeholt" wie die Ex-"Jugoslawen", viel länger und noch folgenschwerer als der spanische? (Aber das ist eine andere Geschichte.)

Merkwürdigerweise wurde "Eine Million Tote" mit "nur" 150.000 verkauften Exemplaren zwar ein Achtungserfolg, mehr aber auch nicht - nach den siebenstelligen (inzwischen sogar 8-stellingen; Ende des 20. Jahrhunderts betrug die weltweite Auflage knapp 12 Millionen) Verkaufszahlen von "Die Zypressen glauben an Gott" war das schlicht eine Enttäuschung.
(...)

Woran es lag? Hat Gironella irgend etwas falsch dargestellt? Ja, aber daran lag es wohl nicht. Dennoch will Dikigoros es seinen Lesern nicht vorenthalten, vor allem nicht seinen deutschen Lesern, die meinen mögen, daß die Rolle der Deutschen - im Guten wie im Bösen - zu kurz gekommen sei. In Deutschland neigt man ja bis heute dazu, die eigene Rolle sehr hoch zu bewerten: "Ohne Legion Condor kein Sieg Francos" oder "Der Bombenangriff auf Guernica war das erste Luftkriegsverbrechen der Geschichte" sind Sätze, denen man so oder ähnlich formuliert, immer wieder begegnet. Nicht so bei Gironella. Er erwähnt zwar die Deutschen ein paarmal kurz, aber entscheidende Bedeutung mißt er ihnen nicht bei. (Und, mal unter uns, liebe Leser: Der erfolgreichste Pilot der "Legion Condor", Werner Mölders, hatte gerade mal 14 Abschüsse zu verzeichnen - spricht das für eine "überragende Bedeutung"?) Den unglückseligen Luftangriff auf Guernica handelt er mit zwei Sätzen ab, von denen einer sinngemäß lautet, daß ja eigentlich die Roten schuld waren, die aus dem heiligen Städtchen der Basken einen Militärknotenpunkt gemacht hatten. Ansonsten hatten die Nationalen ihre eigene Luftwaffe, von der sie wie gesagt wenig Gebrauch machten. Und wenn Gironella mal über ausländische Verbündete schreibt, dann sind es - mit Ausnahme eines mäkeligen deutschen Majors, der immer alles besser weiß, und eines Grüppchens junger BDM-Mädchen auf Freundschaftsbesuch bei der Falange - fast immer Italiener, mit denen seine Hauptgestalten zusammen treffen - übrigens nur solche auf Seiten der "Nationalen", obwohl auch auf Seiten der "Republik" viele Freiwillige aus Italien mit kämpften; aber da konzentriert sich Gironella auf die Russen. Das ist verständlich und richtig. Nicht verständlich und unrichtig ist dagegen seine Darstellung der Anarchisten, die bei ihm viel zu gut weg kommen. Welche anderen Quellen zum Spanischen Bürgerkrieg man auch studiert - selbst solche, die den Anarchisten durchaus nicht ohne Sympathien gegenüber stehen -, so wird doch deutlich, daß der größte Teil des sinnlosen roten Terrors gegenüber der Zivilbevölkerung, besonders in Katalonien, von ihnen ausging, und daß die Kommunisten (und Sozialisten, die sich in Katalonien zusammen geschlossen hatten - was bei Gironella nicht richtig heraus kommt) diesem Spuk im Frühling 1938 nicht ganz grundlos ein Ende mit Schrecken bereiteten, nachdem ihnen klar geworden war, daß die Anarchisten damit den Roten insgesamt die Sympathien der Bevölkerung verscherzten. Bei Gironella wird der Anarchismus vor allem durch die schillernde Figur des Polizei-Offiziers Julio verkörpert, der immer wieder versucht, die größten Exzesse zu verhindern - allerdings oft erfolglos - und die gröbsten Härten für die Betroffenen - vor allem die Familie Ignacios - zu mildern. Nicht, daß er ein Engel wäre: Er ist derjenige, der die Waffenkäufe der Republik im Ausland tätigt und sich dabei von den Verkäufern schmieren läßt, um sich dann als wohlhabender Exilant in Frankreich nieder zu lassen - ein Typ wie Rhett Butler in "Vom Winde verweht". Was hatte Dikigoros oben noch moniert? Ach ja, die fehlenden Einzelheiten zu den französischen Konzentrationslagern für geflohene Anhänger der spanischen "Republik". Auch die entnimmt er vorsichtshalber Werken kommunistischer Autoren, die über jeden Verdacht der "Relativierung" oder des "Revisionismus" erhaben sind. Danach ging es in deutschen Konzentrationslagern jener Zeit vergleichsweise komfortabel zu. (Gegen Gurs war Dachau ein Erholungsheim). Die französischen bestanden - ähnlich den amerikanischen Lagern für deutsche Kriegsgefangene 1945 - meist nur aus einer grünen Wiese mit Stacheldraht und schwer bewaffnetem Militär drum herum, d.h. ohne Unterkunft und ohne hygienische Einrichtungen; die Insassen starben wie die Fliegen. Nachdem Frankreich dem Deutschen Reich im September 1939 den Krieg erklärt hatte, wurde die Zahl der Konzentrationslager auf 103 erhöht; dort landeten nun auch die "feindlichen Ausländer", z.B. die aus dem "Dritten Reich" nach Frankreich geflohenen deutschen Juden und die Millionen Elsässer, die alsbald aus ihrer Heimat deportiert wurden, weil die Regierung in Paris Angst hatte, sie könnten sich auf ihre deutschen Wurzeln besinnen und gegen sie stellen. Lebend raus aus dem KZ kam man nur, wenn man sich "freiwillig" als Zwangsarbeiter meldete; wenn man Glück hatte, kam man nach Flandern, wenn man Pech hatte, zum Bau der Sahara-Eisenbahn in die Wüste (oder, wenn man Elsässer war, 1944/45 mit der Fremdenlegion nach Indochina - aber das ist eine andere Geschichte).

Dem dritten Band seines Bürgerkriegsromans gab Gironella 1966 den Titel "Ha estellado la paz [Der Friede ist ausgebrochen]". Das erinnert Dikigoros an den cynischen Spruch: "Genießt den Krieg, der Friede wird fürchterlich!" Ja, das mag für manche zutreffen: Für die Kriegsgewinnler
(...)
Es war der schwierigste und undankbarste Teil seines Epos. Schwierig, weil es über Kriege und ihre Vorgeschichte fast immer irgendwelche Quellen gibt, die man auswerten kann - aber wen interessiert schon die Nachkriegszeit? Das ist wie im Film: da endet entweder die Liebesgeschichte mit der Heirat, oder der Krieg mit einem Sieg (merke: die Verlierer haben keine Filme zu drehen, und wenn doch, dann nur solche, die den Sieger verherrlichen!); was danach kommt, mag zwar objektiv viel wichtiger sein, aber... und deshalb ist es halt undankbar, darüber zu schreiben. 30 Jahre waren seit Beginn des Bürgerkriegs vergangen, eine ganze Generation; die Spanier waren satt und faul geworden und wollten von dieser ihrer jüngsten Vergangenheit nichts mehr wissen - wozu alte Wunden aufreißen? Und im Ausland wollte man davon schon gar nichts hören: Franco war ein böser Fascist, alles was er getan hatte mußte schlecht gewesen sein (so wie alles, was Hitler getan hatte, schlecht gewesen sein mußte); also bloß nichts Ausgewogenes, "Relativierendes" über ihn! So wurde dieser Band - der außer ins Englische, Französische und Katalanische nicht mehr übersetzt wurde - zum Ladenhüter.

War er wirklich so schlecht? Oder so unsachlich? Gewiß, es fehlt einiges. Beginnen wir wieder mit dem, worüber Gironella nichts schreibt - sei es aus Unwissenheit, sei es aus Rücksicht auf Franco. Der hatte, wie sich bald heraus stellte, alle nur belogen, betrogen und ausgenutzt: Die "Carlisten" bekamen zwar auf dem Papier eine Monarchie; aber erstens nicht mit "ihrem" Kandidaten, und zweitens behielt Franco die Zügel selber bis zu seinem Tode fest in der Hand. (Vielleicht aus gutem Grunde; dem Chilenen Pinochet, der sie eine Generation später voreilig an die Zivilisten abgab, sollten die Roten, als sie wieder an die Macht kamen, auf seine alten Tage noch den Prozeß machen.) Die Falange, einen Haufen idealistischer fortschrittlicher junger Leute, riß Franco an sich, zwang sie zur Vereinigung mit den ultra-konservativen Carlisten (wer nicht mitmachen wollte, landete im Gefängnis, was Gironella nicht verschweigt - vielleicht ist das eine der Passagen, ob derer man ihm Mut vor Franco nachgesagt hat), höhlte sie aus und machte ihre Hülle zur Marionette - eine "Staatspartei" wurde sie nie; sie hatte ganz im Gegenteil viel weniger Einfluß auf Staat und Gesellschaft als irgendeine politische Partei in den so genannten "Demokratien" des Westens oder den "Volksdemokratien" des Ostens. Die Kirche tastete Franco zwar nicht an - er tat ja selber fromm bis zur Bigotterie -; aber ihren alten Einfluß von vor 1931 erhielt sie auch nicht zurück (und das war vielleicht gut so - aber die Kleriker hatten sich das anders gedacht, als sie ihn unterstützten). Und die ausländischen Verbündeten? Franco dankte ihnen ihre Hilfe schlecht; und so wie er schuld daran war, daß der Spanische Bürgerkrieg fast drei Jahre dauerte und rund eine Million Tote kostete, so trug er auch schuld daran, daß der Zweite Weltkrieg sechs Jahre dauerte... nein, daran daß es überhaupt einen Zweiten Weltkrieg mit 50 Millionen Toten und 30 Millionen Nachkriegstoten (in Mitteleuropa, Indien und China) gab: Im Juni 1940 hätte Franco den europäischen Krieg zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien (denn mehr war damals nicht mehr/noch nicht) mit einem Schlag beenden können, wenn er Hitler erlaubt hätte, seine Fallschirmjäger das damals noch so gut wie unverteidigte Gibraltar einnehmen zu lassen: Der Eingang zum Mittelmeer wäre für die Briten versperrt gewesen, sie hätten Malta ebenso wenig halten können wie Ägypten und ihre übrigen Kolonien im Nahen Osten - der Aufstand im Irāq hätte Erfolg gehabt -, sie hätten weder Kreta und die griechischen Häfen besetzen noch die mit Deutschland befreundete jugoslawische Regierung stürzen können, es hätte folglich keinen Balkanfeld und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch keinen Rußlandfeldzug gegeben, mit anderen Worten: Der "Zweite Weltkrieg" wäre aus gewesen, bevor er richtig begonnen hätte, es hätte keinen "Holocaust" gegeben, Indien wäre ohne großen Kampf frei (und Persien gar nicht erst besetzt) worden, da wäre es selbst dem Menschheitsverbrecher Roosevelt schwer gefallen, einen neuen Weltenbrand zu entfachen. Kleine Ursachen, große Wirkungen - aber so war es.

Zurück nach Spanien. Francos Rache an den Unterlegenen war fürchterlich. Er hatte zwar versprochen, seine Kriegsgegner nicht zu verfolgen, und er hielt sich viel darauf zugute, daß er dies auch weitgehend hielt - es gab keine millionenfachen Morde und politische Verfolgungen wie in Frankreich seit 1944 oder in Mittel- und Osteuropa seit 1945. Aber dieses Versprechen enthielt eine ausdrückliche Einschränkung: "sofern kein Blut an ihren Händen klebt". Nun, die schlimmsten Rädelsführer der Linken waren tot oder hatten sich rechtzeitig ins Ausland abgesetzt (von wo sie nach Francos Tod, so sie ihn überlebt hatten, wieder auftauchen sollten wie die Ratten aus ihren Löchern, und mit allen Ehren wieder nach Spanien zurück kehren durften - wenn Ihr Dikigoros fragt, dann war das der größte Skandal des Spanischen Bürgerkriegs und seiner Nachgeschichte überhaupt), d.h. die Großen ließ man laufen, und die Kleinen... Hängte man sie? Nun, zunächst einmal denunzierte man sie, denn ihre Opfer bzw. deren Angehörige verziehen ihnen nicht so schnell. Der Riß ging nicht nur durch die Völker und Stämme der Iberischen Halbinsel, sondern mitten durch sie hindurch. (Bisweilen sogar durch die Familien; aber das war manchmal sogar von Voteil, denn einige entdeckten, daß die Bande des Blutes doch wichtiger waren als die Ideologie; und das Franco-Regime war recht großzügig bei der Anerkennung von Persilscheinen, die ein Verwandter dem anderen ausstellte, um ihm zu bescheinigen, daß er nut gezwungenermaßen bei den Roten mitgemacht hatte und im Grunde seines Herzens immer bei den "Nationalen" war :-) Aber darüber hinaus gab es noch etwas, über das man außer bei Gironella nirgendwo liest: Den Fragebogen. Nanu, etwa so etwas wie es die US-Besatzer nach 1945 in Deutschland einsetzten, um die bösen Nazis von den braven Widerstandskämpfern zu trennen, wie es Ernst von Salomon in seinem gleichnamigen Hauptwerk so eindrucksvoll beschrieben hat? Ach, viel idiotischer: Die Roten hatten, als sich ihre Niederlage abzeichnete, eine geradezu unglaubliche Dummheit an den Tag gelegt: Zunächst einmal wollten sie alle möglichst weit weg, d.h. nicht bloß bis nach Frankreich, sondern am besten nach Rußland, am zweitbesten nach Mexiko usw. Dieses - vermeintliche - Privileg (Dikigoros hat auch die Memoiren von Spaniern gelesen, die bei der Gelegenheit tatsächlich nach Rußland ausgeflogen wurden und dort überlebt haben - es waren nicht viele) mußte man sich aber verdient haben; und den Nachweis darüber sollte man auf jenem Fragebogen führen. Also: Wer hatte sich bei Mord und Totschlag an Priestern und anderen Feinden des Kommunismus besonders hervor getan? Gironella stellt es so dar, als hätten die meisten Fragebogenausfüller maßlos übertrieben, nach dem Motto: Wer kann denn schon so genau nachprüfen, ob und wie viele Feinde ich getötet habe? Mag sein, daß da sich da der eine oder andere Mord als zusätzliche "Heldentat" eingeschlichen hat, aber ganz aus den Fingern gesaugt wird sich das wohl auch nicht jeder haben. Wie gesagt, jene bildschöne Sammlung Fragebogen fiel nach dem Krieg - wie auch immer - Franco in die Hände; und was gibt es besseres für eine Strafverfolgungsbehörde als schriftliche Geständnisse, dazu noch ganz freiwillig?! Solange die Täter in französischen Konzentrationslagern einsaßen, hatte Franco keinen Zugriff auf sie. Daran änderte sich auch nichts nach der Niederlage der Dritten Republik gegen Hitler, denn Franco wollte weder den noch Pétain um einen Gefallen bitten, außerdem hatte er im ausgepowerten Spanien genug hungrige Mäuler zu stopfen und konnte auf die geflohenen Roten gut verzichten. Aber 1944, als das Vichy-Regime zusammen brach, stellte man die Insassen vor die Alternative: Entweder nach Indochina oder in die Sahara oder - zurück nach Spanien. Und da meinten halt viele der wenigen, die überlebt hatten, schlimmer als in einem französischen KZ könne es in einem spanischen Gefängnis auch nicht sein. Auf die Idee, daß die Kommunisten ihre Fragebögen nicht rechtzeitig vernichtet hatten, wären sie wohl nicht gekommen... Aber das Schicksal jener roten Verbrecher - denn das waren auch diejenigen, die auf dem Fragebogen etwas übertrieben haben mögen - war noch nicht das schlimmste, sondern das der "ganz normalen" Katalanen und Basken. Da brauchte Franco selber gar niemanden an die Wand zu stellen - die Verluste waren ja schon hoch genug, dafür hatten, gerade in Katalonien, die Linken schon selber gesorgt; aber er füllte die Lücken gezielt so auf, daß die Substanz jener Völker zerstört werden sollte: mit "Umsiedlern" aus Südspanien, vor allem aus Granada, pardon Andalusien. Im Baskenland wäre es ihm beinahe gelungen: Die künstliche Überfremdung ist so weit gediehen, daß es selbst heute bei den Wahlen keine Mehrheit für ein unabhängiges Baskenland mehr gibt; seine Befürworter mußten in den Untergrund gehen und werden heute von Unwissenden in aller Welt als "Terroristen" diffamiert, obwohl sie - anders als andere, die für ihre Terrorakte gegen Frauen, Kinder u.a. Zivilisten mit eigenen, vom Ausland finanzierten Staaten und sogar Friedensnobelpreisen belohnt wurden, wie Arafat oder Mandela - ihren Kampf stets nur gegen den Militär- und Polizei-Apparat der kastilianischen Besatzungsmacht richten.

* * * * *

Nach diesem Reinfall hängte Gironella seine Rolle als Chronist der spanischen Geschichte vorerst an den Nagel - die "Bürgerkriegs-Trilogie" war ohnehin abgeschlossen - und begann eine neue Fase in seinem Schriftstellerleben, in der man ihn auch unter die großen Reiseschriftsteller des 20. Jahrhunderts hätte einreihen können: Bereits 1963 war er nach Kuba gereist - nicht so sehr aus Interesse an Castro, sondern vielmehr an Martí, dessen geistigem Großvater, der auch nicht-kommunistischen Kubanern bis heute als "Freiheitsheld" gilt. (Gironellas Sohn hat dieses Interesse übrigens später fortgeführt und ein Martí-Museum dortselbst finanziert.) 1965 war er in die Volksrepublik China gereist und hatte - anders als viele andere westliche Reisende jener Zeit - das rote Regime in Peking durchschaut. "Ungezählte Tränen" nannte er seinen Bericht. 1969 besuchte er Japan, zur wohl interessantesten Zeit, die sich denken läßt: An der Schwelle seines Aufstiegs zu einer industriellen Weltmacht.
(...)
1971: Condenados a vivir
1975: Ägypten, Indien, Ceylon - also auf Dikigoros' Route
1978: Der Skandal des Heiligen Landes.
1978: In Asien stirbt man unter freiem Himmel
1982: Der Skandal des Islam (Ägypten, Iran, Kuwait) - sein Vermächtnis.

* * * * *

Doch dann kehrte Gironella auf seine alten Tage - er war jetzt fast 70, ein Alter in dem das Reisen beschwerlich zu fallen beginnt - zur Geschichte Spaniens zurück: 1986 veröffentlichte er "Los hombres lloran solos [Männer weinen einsam]".
(...)

* * * * *

Nachbemerkung. Hat es etwas genutzt, daß Gironella die vielen tausend Seiten über Geschichte, Vor- und Nachgeschichte des Spanischen Bürgerkriegs geschrieben hat? Nein, hat es nicht, denn wer lernt schon aus der Geschichte? Eben, und die Völker der Iberischen Halbinsel machen da keine Ausnahme. Wofür hatten ihre Vorfahren gekämpft, vor allem die Katalanen und Basken? Für die Unabhängigkeit? Aber nun ist Franco schon lange unter der Erde, und seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts sind wiederholt die Sozialisten und andere "Republikaner" in Madrid an die Macht gekommen. Aber die Zentralregierung war und ist weniger denn je bereit, die Gebiete mit dem nach wie vor höchsten Steueraufkommen (selbst neue Branchen wie der Tourismus werfen hier am meisten ab!) in die Unabhängigkeit zu entlassen. Etwas papierene "Autonomie" haben sie ihnen gnädig gewährt, d.h. sie dürfen ihre eigene Sprache auch offiziell wieder sprechen und schreiben - aber das hatten sie schon immer getan, auch als es eigentlich noch verboten war. Madrid hat ein paar willfährige Kreaturen gefunden, die sich zur Täuschung der Wähler als "baskische Nationalpartei" bezeichnen, aber gar keine eigene Nation anstreben, diffamiert nun den Lokalpatriotismus derer, die gegen die Nationalisten Francos gekämpft haben, als bösen "Nationalismus" und diejenigen, die dafür weiter mit der Waffe in der Hand zu kämpfen bereit sind, als "Terroristen". Und als die E.T.A. bereit war, die Waffen nieder zu legen und an der Wahlurne weiter zu kämpfen, hat Madrid anno 2003 ihre Partei verboten - so viel Angst haben die "Verfassungsrichter" der "Demokratie" vor dem Willen der Wähler! Worauf setzt die "spanische" Zentralregierung dann? Nun, auf die gleichen Methoden wie einst Franco: Überfremdung der bösen nicht-kastilischen Völker, um sie auch in ihren eigenen Ländern zur Minderheit zu machen. So wie Franco Marokkaner für den Bürgerkrieg geholt hatte und nach dessen Ende Andalusier im Baskenland angesiedelt hatte, so holt Madrid heute wieder "Neubürger" aus Marokko. Das ist zwar längst keine spanische Kolonie mehr, aber über die Enklaven Ceuta und Melilla kommen täglich tausende Schwarzafrikaner ins Land, und die sind der Zentralregierung allemal lieber als aufmüpfige Katalanen oder Basken, deshalb gewährt man ihnen regelmäßig in großen Schüben das Bürgerrecht - mit katastrofalen Folgen. (Die offiziell schön geredet werden. Kürzlich las Dikigoros eine Verlautbarung, wonach der Zustrom von Immigranten in Spanien Arbeitsplätze geschaffen habe: auf den Sozialämtern, bei der Polizei usw. - bloß sind das leider keine produktiven Arbeitsplätze, ganz im Gegensatz zu den viel gescholtenen Schwarzarbeitern am Bau, die aber meist aus der ehemaligen SU gekommen sind - späte Wiedergutmachung für die Einmischung ihrer Vorfahren in den Spanischen Bürgerkrieg :-) Längst sind die "Demokraten" für die Völker der Iberischen Halbinsel schlimmer geworden als es Franco jemals war - sie vernichten mutwillig ihre Substanz. Und wie reagieren die Basken und Katalanen? Sie verbünden sich erneut mit dem Teufel gegen Belzebub: Die baskischen Nationalisten haben sich 2005 mit der Ehak (der Kommunistischen Partei des Baskenlandes) zusammen geschlossen (die ja nun nicht mehr von Moskau gesteuert wird) und dieser zu ungeahnten Wahlerfolgen verholfen. Was hat die - sozialistische - Zentralregierung dagegen getan? Etwa die kommunistische Partei verboten? Nein, das geht ja denn doch nicht. Statt dessen hat sie 2007 die Aufstellung ihr unliebsamer Kandidaten verboten - voilà, das ist die Demokratie, für bzw. gegen die 1936-39 so erbittert gekämpft wurde. Wäre der Bürgerkrieg anders ausgegangen, wäre sie halt ein paar Jahrzehnte früher gekommen, aber im Endeffekt hätte sich wohl nichts geändert.

(Fortsetzungen folgen)


weiter zu Aleksandr Solzhenytsin

zurück zu George Orwell

heim zu Schriftsteller des 20. Jahrhunderts