DER WEG DES TEES . . .
VON CHINA NACH CHINATOWN

[Denkmal Konfuzius in USA]
[Gleichgesinnte]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

(FORTSETZUNG VON TEIL I)

Die Chinesen sind anders, und das ist bemerkenswert. Zwar haben auch sie ihre Kriminalität, aber die behalten sie unter sich. Sie greifen nicht nach außen über, und umgekehrt traut sich niemand, sie anzugreifen. Und sie wahren ihre Kultur (eine viel höhere Kultur als die derjenigen, die so laut nach "Gleichberechtigung" und "Wiedergutmachung" schreien) und sperren dennoch keinen Fremden aus: Weiße, Schwarze oder Rote, sie alle können ungefährdet durch Chinatown gehen, selbst bei Nacht und durch die schlimmsten Viertel, in denen Prostitution, Glücksspiel und Drogenhandel gepflogen werden - solange sie sich selber ordentlich benehmen, wird ihnen nichts geschehen. Gewiß, das Lächeln der Asiaten ist nur eine höfliche Maske, und man kann auf Anhieb nie sagen, ob es echt oder falsch ist, das weiß auch Benni; aber er lächelt zurück - auch er, der in einer streng katholischen Familie aufgewachsen ist, hat gelernt, zu heucheln. Und noch etwas ist anders: Die weißen Amerikaner trinken Alkohol in Mengen: Wenn sie irischer, deutscher oder skandinavischer Abstammung sind, bevorzugen sie Bier, mit französischen, italienischen oder griechischen Vorfahren lieber Wein, mit schottischen, englischen oder slawischen Ahnen auch schon mal härtere Sachen, die man hier mit dem Sammelbegriff "Likör" bezeichnet und nur noch in speziellen "Liquor stores" verkauft. Die roten Amerikaner haben das ebenfalls getan und sich dadurch trotz aller gut gemeinter Hilfsprogramme der Regierung schon beinahe selber ausgerottet. Auch die schwarzen Amerikaner (die jetzt offiziell "Afrikaner" heißen, "black" ist ein Schimpfwort geworden) besaufen sich gerne, zumal wenn sie arbeitslos sind und sonst nichts mit sich anzufangen wissen. Nur die Chinesen tun das nicht - die trinken Tee. Und wenn Benni sich so umschaut: Sollte er jemals in den USA leben wollen oder müssen, dann nur hier im Chinatown von San Francisco. Der Vetter seiner Mutter, der nach dem Krieg nach Oregon ausgewandert ist und dort eine Farm hat, spürt, daß sein Neffe zuhause in Germany nicht zufrieden ist mit seinem Leben, und bietet ihm und seiner Frau an, zu ihm zu ziehen. Aber die beiden lehnen nach kurzer Bedenkzeit ab. Ninotschka, deren Bruder in den Staaten lebt, will in Deutschland bleiben - sonst hätte sie ja gleich mit nach New York gehen können, wo ohnehin die Zentrale ihres Arbeitgebers sitzt -, und auch Benni selber ringt sich schließlich zu der Überzeugung durch, daß er seinen Weg zuhause machen muß und wird.

Statt in den Wilden Westen reist Tarzan unterdessen in den Fernen Osten - und trifft auch dort auf Chinesen. Und vor allem auf die chinesische Küche, die er dort kennen und lieben lernt. Wenn Ihr mal in einem deutschen (oder englischen oder sonstigen europäischen) "China-Restaurant" wart, liebe Leser, glaubt Ihr vielleicht, süß-saure Haifischflossen-Suppe, Krabben-Brot, glasiertes Rinderfilet, Peking-Ente oder Hühnchen mit Reis, Dampfnudeln, Bambusstreifen, Morcheln, Soja- oder Mungbohnen-Sprossen mit grünem Tee mit Jasmin-Blüten und einem Pflaumenschnaps zur Verdauung sei ein "typisch chinesisches" Gericht? Weit gefehlt - das ist ein Luxus-Mahl für die dünne Oberschicht, früher für Mandarine, heute für Partei-Bonzen (übrigens ein chinesisches Wort)! Die (fast ebenso dünne) Mittelschicht war und ist froh, wenn sie Reis mit etwas Fisch-Sauce bekommt, und die Unterschicht ist nach wie vor froh, wenn sie nicht verhungert. Dennoch - oder gerade deshalb - haben die Chinesen aus der Not eine Tugend gemacht (wie die Mitteleuropäer nach 1945, mit denen sie drei Jahrzehnte später auch noch die Auto-, Fernseher- und Telefonlosigkeit teilen, was sie Tarzan irgendwie sympathisch macht) und sich im Laufe der Jahrtausende angewöhnt, selbst einfachste Gerichten höchst schmackhaft zuzubereiten - und sei es nur eine Suppe aus Hühnerfüßen und Kohlblättern und der zweite oder dritte Aufguß eines dünnen Tees. Chinesen leben in der Regel bescheiden und genügsam; wenn sie mit ihrem Leben unzufrieden sind, lassen sie es andere jedenfalls nicht merken - vielleicht liegt das in ihren Religionen begründet, die Armut und Askese als Ideale predigen; vielleicht haben aber auch nur wegen dieser typisch chinesischen Geisteshaltung Religionen wie der Taoismus, der Buddhismus und der Kommunismus in China Fuß fassen können; Tarzan wagt diese Frage nach Ursache und Wirkung ebenso wenig zu entscheiden wie die, was zuerst da war: die Henne oder das Ei. (Auch diese Frage soll übrigens aus China stammen.)

[Teestube in Kuala Lumpur, Malaysia]

Chinesen sitzen aber nicht nur in "Rot"-China - wo man das ja annehmen sollte -, sondern auch in ganz anderen Ländern, vor allem in denen, die die Sprachwissenschaftler unter dem irreführenden Begriff "Austronesien" - Süd-(See-)Inseln - zusammen fassen. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zählte dazu auch die kleine Insel, früher von den Portugiesen "Formosa" - die Schöne - genannt, heute von den "National"-Chinesen "Taiwan" - große Insel. Deren austronesische Ur-Einwohner stellen nur noch eine verschwindende Minderheit ohne Macht und Einfluß dar, und so wie die wollen die Einwohner der Nachbar-Inseln nicht enden. Deshalb werden die Chinesen - seien es Angehörige der tüchtigen Mittelschicht, die vor dem Kommunismus geflohen sind, seien es fleißige Arbeiter, die schon zu Kolonialzeiten eingewandert waren, und deren Nachkommen - dort mit scheelen Blicken angesehen. In Thailand haben sie Handel und Banken an sich gebracht, in Malaysia und Indonesien immerhin den Kleinhandel und die "mittelständischen" Industrie-Betriebe (soweit es dort so etwas gab). "Malaysia" ist eine neue Wortschöpfung aus "Malaya" (einer britischen Kolonie auf der Halbinsel Malakka) und "Singapur" - Löwenstadt -, der großen Stadt an deren Südspitze, die überwiegend von Chinesen bewohnt wird. Wenige Jahre nach der Unabhängigkeit gehen sie getrennte Wege; Singapur wird selbständig, blüht und gedeiht als kosmopolitische Handels-Metropole; Malaya (das sich weiter "Malaysia" nennt) murkst alleine vor sich hin, schließt systematisch alle Nicht-Malaien (also vor allem die Chinesen) von Staats-Ämtern und Manager-Posten in Staats-Betrieben aus und verhindert so, daß es jemals auf einen grünen Zweig kommt.

Noch schlimmer in Indonesien: Da stürzt 1965 ein General einen anderen vom Thron des Staatspräsidenten und nimmt als Vorwand für diesen Staatsstreich einen "drohenden kommunistischen Putsch". Nun sind die in Indonesien lebenden Chinesen zwar alles andere als Kommunisten (eher im Gegenteil Kapitalisten reinsten Wassers), aber dem Mob, den man auf sie los läßt, ist das ziemlich egal - von Zeit zu Zeit müssen die Malaien mal Amok laufen, das steckt ihnen im Blut: Fast eine Million Chinesen wird ermordet, den Überlebenden zerstört man ihre berufliche Existenz, indem man ihre Läden abfackelt, ihre Jobs kündigt oder sie aus ihrer Heimat vertreibt - da fällt es schwer, weiter an das Motto "abwarten und Tee trinken" zu glauben. Der Westen ist mit schuldig, denn dort herrscht eine geradezu komplizenhaft anmutende Verschwörung des Schweigens, wie überall, wo seit dem Zweiten Weltkrieg primitive, von Haß und Neid erfüllte Menschen aus der "Dritten Welt" Verbrechen gegen kulturell höher stehende Menschen begehen. Die Erwähnung all dieser Verbrechen ist mit einem merkwürdigen Tabu belegt, angefangen bei den Greueltaten der Indonesier an den Holländern im "Unabhängigkeitskrieg" - interessierte Leser können hier etwas mehr dazu lesen - über die Massaker der Mau-Mau in Kenya an den englischen Siedler[inne]n (heute tun gewisse "Historiker[innen]" gerade so, als sei es umgekehrt gewesen!) bis zu den Massenmorden der Rot-Chinesen und Kambodjanern an ihrer eigenen Oberschicht, aber auch an kulturell höher stehenden Minderheiten, wie in Tibet oder Biafra (für diesen schmutzigen Krieg hat der Westen den Nigerianern sogar die Waffen geliefert). Von diesem furchtbaren Schlag haben sich die Chinesen in Indonesien noch immer nicht richtig erholt, und mit ihnen das ganze Land nicht, denn die Chinesen bildeten das Rückgrat des Wirtschaftslebens unter den meist weniger intelligenten und oft ziemlich faulen Malaien.

Tarzan versucht, im Gespräch mit Chinesen und älteren Indonesiern (die meist vernünftiger sind, da sie noch die holländische Kolonialzeit mit erlebt haben), heraus zu finden, was dahinter steckt. Es scheinen nicht nur materielle Gründe zu sein ("die Chinesen sind die Juden Südost-Asiens", sagt ihm jemand, "bei denen ist etwas zu holen, wenn man sie enteignet") oder rassische, sondern überraschenderweise auch und vor allem religiöse: Die Chinesen sind überwiegend Buddhisten oder Christen. Ersteres sind auch die Thais - deshalb bleiben die Chinesen in Thailand relativ ungeschoren. Die Malaysier und Indonesier dagegen sind Muslime. Freilich Muslime, die es angeblich nicht gar so genau nehmen mit ihrer Religion - ihre Auslegung des Islam gilt weltweit als die laxeste, toleranteste, so hat Tarzan es jedenfalls zuhause gelernt. Aber die Zeiten ändern sich, gerade in den Jahren, da Tarzan diese Länder besucht. Anfangs fällt ihm noch nichts Besonderes auf; aber dann fragt ihn eines Tages der Vorsteher eines kleinen Klecker-Bahnhofs an der Ostküste der Halbinsel Malakka (wo es praktisch keine Chinesen mehr gibt), ob es denn in Deutschland auch Muslime gebe. "Ja," meint Tarzan gedehnt, "etwa 6 Millionen, zumeist Türken." - "Ach wie schön, Allah sei Dank, hoffentlich werden es noch mehr," meint der Malaie und ist ehrlich froh ob so guter Nachrichten. Tarzan sagt nichts. Auf dem Rückflug sitzen junge malaysische Mädchen in Kopftüchern neben ihm. Sie fliegen über Pākistān und Persien, wo gerade der Schah gestürzt wurde und muslimische Fundamentalisten die Macht ergriffen haben, um ihr Terror-Regime zu errichten, das sie "islamischer Gottes-Staat" nennen, da seine Anführer Ayatollahs sind und ihr oberster Bandit ein Imam. Es ist Tarzans letzte Reise in ein muslimisches Land; und seine Sympathie für die Malaien hat rapide abgenommen.

"Siehste," meint Olli, als Tarzan das nach seiner Rückkehr zum besten gibt, "bleibe im Lande und nähre dich redlich." Dann führt er seine neuesten Dias vor: Die 999. Aufnahme der nächsten Dorfkirche, wieder um eine andere Tages- oder Jahreszeit und wieder aus einem um ein oder zwei Grad anderen Winkel, aus ein oder zwei Meter mehr oder weniger Entfernung, mit einem neuen Objektiv, einem neuen Filter oder einem neuen Film. Olli ist inzwischen an den Waldesrand gezogen und hat sich in seiner Studentenbude eingerichtet wie ein Mönch in seiner Zelle: an den Wänden stehen ausnahmslos graue Regale, in den Regalen stehen Aktenordner, fein säuberlich beschriftet, und in den Aktenordnern sind Kopien abgeheftet, alle sorgfältig bearbeitet, mit Kommentaren und Fußnoten versehen - die Bibliothek eines Privat-Gelehrten, die von Monat zu Monat weiter anwächst und alles andere überwuchert. Nur die HiFi-Anlage, die Kochplatte mit dem Tee-Kessel und die Dia-Leinwand stören noch das triste Einerlei. An den Wochenenden kommt Benni zu Besuch und führt seine Urlaubs-Fotos vor. An einen Dia-Abend - Benni ist gerade wieder mal aus Kalifornien zurück - erinnert sich Tarzan noch genau. "Was ist denn das?" fragt Olli. "Die Golden Gate Bridge," will Tarzan gerade sagen, aber Benni komt ihm zuvor: "Agfa CT 18, 21 mm Weitwinkel mit Parallax-Ausgleich, Blende 8, 1/200 Belichtung," sagt er wie aus der Pistole geschossen. Genau so hatte Olli die Frage auch gemeint, und die Diskussion wird mit der Frage fortgesetzt, ob in Anbetracht der Lichtverhältnisse nicht der Einsatz eines Kodak-Films eine noch schärfere Auflösung gezeitigt hätte... Als Benni und Tarzan dann gemeinsam nach Hause radeln (sie wohnen um die Ecke), meint Benni nur kopfschüttelnd: "Vor lauter Kopieren kommt unser guter Olli gar nicht mehr zum Studieren. Ein Glück, daß ich mein Studium abgeschlossen habe; ich glaube, ich verzichte endgültig auf die Promotion..."

[San Francisco, Golden Gate Bridge]

Eines Tages hat auch Tarzan seine Studien abgeschlossen, ist Gerichts-Referendar und sichtet die Angebote für seine Wahlstage, von der er weiß, daß sie die Weichen stellen wird für seine berufliche Zukunft: Eine Auslandshandelskammer soll es sein. Ein gutes Dutzend Stellen stünden ihm offen - welcher deutsche Jurist hat schon neben den Standard-Sprachen Englisch und Französisch, die fast jeder mal ein paar Jahre auf der Schule hatte, so exotische Sprachen wie Bahasa, Hindi, Japanisch und Mandarin gelernt? Tarzan hat die Qual der Wahl. Einige Angebote, z.B. die aus Südafrika und Indonesien, legt er direkt ad acta - für die Zukunft des ersteren sieht er im wahrsten Sinne des Wortes schwarz, und für die des letzteren grün, das ist die Farbe des Islam, und das läuft für ihn auf das gleiche hinaus. [Er soll Recht behalten: Noch vor Ende des Jahrtausends werden in Indonesien die christlichen Kirchen und - wieder einmal - die Häuser der Chinesen brennen. Und auf indonesischen - und malaysischen - Internet-Seiten wird man wie folgt begrüßt werden: "Allen muslimischen Brüdern und Schwestern As-Salam-u-Alaikum, und für Nicht-Muslime guten Tag!" Was würde wohl ein Indonesier sagen, wenn er in Bayern mit den Worten empfangen würde: "Allen Brüdern und Schwestern in Christo Grüß Gott, und für Nicht-Christen guten Tag!"?] Japan nötigt ihm Bewunderung ab - seit er, der bis dahin nie etwas anderes als alte, langlebige Volkswagen gefahren war, zum erstenmal am Steuer eines neuen Honda-Kleinwagens saß, hat er schlagartig begriffen, wie Recht Benni mit seiner Prognose hatte, daß Deutschland technisch bald ins Hintertreffen geraten würde gegenüber Fernost. Es ist die Zeit des japanischen Wirtschaftswunders und der scheinbar unaufhaltsam steigenden Kurse an der Aktien-Börse von Tōkyō; der Nikkei erreicht fast täglich neue Rekordmarken (später, als die Seifenblase platzt, wird man vom "großen Bubble Gum" sprechen). Indien, das ihn kulturell und menschlich fasziniert, wäre privat sicher erste Wahl - aber hat das, beruflich gesehen, wirklich Zukunft? Das ist wie die Qual der Wahl beim Tee: fermentiert (wie in Indien) oder unfermentiert (wie in China und Japan)?

Und es ist eben mehr als eine Frage des Tee-Geschmacks: Bei den Japanern kommt es eigentlich gar nicht so sehr auf den Tee an als auf das Drumherum. Beim Cha-no-yu, der japanische Tee-Zeremonie, die dieser Seite ihren Namen geliehen hat (Cha=Tee, no=von, yu= Weg), ist das Trinken der heißen Brühe nicht das wichtigste. Vielmehr ist - wie bei einer guten Reise - der Weg das Ziel: die Auswahl des Geschirrs, das Abkochen des Wassers (und sein Wieder-abkühlen-lassen auf eine ganz bestimmte Temperatur, je nach Teesorte), das sorgfältige Ein- und Umrühren der Tee-Blättchen mit dem Schneebesen, die Verbeugungen und höflichen Sprüche zwischendurch, die Konzentration darauf, alles genau so hin zu bekommen, daß es den Gästen gefällt... Was tun dagegen die Inder? Sie kippen alle Zutaten zusammen, kochen die Mischung kurz und lieblos auf, schütten sie in schäbige Ton-Becherchen (die man hinterher weg wirft - welcher Inder würde schon aus einer bereits von jemand anderem benutzten Tasse trinken? Könnte ja jemand von niederer Kaste sein!) und halten schon die Hand auf, bevor man ganz ausgetrunken hat, um abzukassieren. So hat Tarzan es jedenfalls erlebt, wenn er seinen Tee zwischen Ein- und Auslaufen der Züge in den Bahnhöfen von den an den Bahnsteigen auf- und ablaufenden Tschāy-wallahs durch's Fenster gekauft hat. Der Gedanke, daß das vielleicht nicht die "normale" Situation ist, kommt ihm damals nicht. Eigentlich ist die Tee-Zeremonie eine chinesische Erfindung; sie soll mit dem Tee (und mit dem Buddhismus) im frühen Mittelalter nach Japan gelangt sein. Aber die Japaner haben sie - wie in jüngster Vergangenheit die Produkte der westlichen Technologie - nicht einfach gedankenlos kopiert, sondern sie erst genau analysiert, dann nach und nach verbessert und sie schließlich ganz ihren eigenen Bedürfnissen angepaßt. Das imponiert Tarzan. Also setzt er sich zwischen zwei Tassen Tee an die Schreibmaschine (einen Computer hat er noch nicht), schaut auf seine neue, billige, japanische Quarz-Uhr und tippt eine Annahme des Angebots aus Ôsaka, der japanischen Handels-Metropole - in Indien wäre Bambai sein Einsatzort gewesen, und das ist ausgerechnet die Stadt, die ihm dort am wenigsten gefallen hat. Gerade will er den Brief zur Post bringen, da trudelt noch ein Angebot aus den USA ein.

Tarzan glaubt an Winke des Schicksals mit dem Zaunpfahl und überdenkt seine Entscheidung noch einmal: Japan und Indien laufen ihm nicht weg; aber in den USA ist er seit seinem Militärdienst nicht mehr gewesen. Ist das nicht eine Schande für einen studierten Anglisten (er hat auch darin inzwischen seinen Abschluß gemacht)? Er entscheidet sich also für eine Rückkehr in die Südstaaten, mit denen es inzwischen steil bergauf gegangen ist - seit viele tüchtige, weiße "Yuppies" aus dem Norden dorthin gezogen sind und die Wirtschaft auf Vordermann gebracht haben, spricht man nicht mehr vom "Black Belt", dem "Schwarzen Gürtel", sondern vom "Sun Belt", dem "Sonnen-Gürtel". Und Tarzan bereut seine Entscheidung nicht - die Zeit dort zählt zu den schönsten seines Lebens. Das erste, was er an der neuen Arbeitsstätte durchsetzt, ist, daß statt Kaffee von allen Tee getrunken wird. Indischer. Er bezahlt ihn aus eigener Tasche, aber das ist es ihm wert. Und er erfährt endlich, was es mit der "Bostoner Tee-Party" von 1773 auf sich hatte, die den Unabhängigkeitskrieg der amerikanischen Kolonien von Groß-Britannien eingeleitet haben soll.

Auf der Schule, im Englisch-(nicht im Geschichts-)Unterricht, hatte er gelernt, daß die Briten damals ihre Kolonisten mit einer hohen Tee-Steuer erpreßten, woraufhin diese sich mit der heldenhaft-demokratischen Formel "Keine Besteuerung ohne Vertretung [im Parlament]" zum Freiheits-Kampf erhoben hätten. Der habe zunächst so ausgesehen, daß sie sich als Indianer verkleideten, die britischen Tee-Schiffe im Hafen von Boston enterten und die Ladung über Bord warfen. Das nannten sie "Tee-Party"; und anschließend erklärten sie ihre Unabhängigkeit, gewannen den Krieg gegen England und waren endlich frei... Tja, was steht nicht alles für dummes Zeug in vermeintlich klugen Büchern - immerhin läßt sich noch in etwa rekonstruieren, wie es zu diesem blühenden Blödsinn kam: Im Hafen von Boston hängt eine Gedenktafel, auf der - nicht unbedingt falsch, aber halt verkürzt und somit leicht mißverständlich - geschrieben steht: "Hier, am Griffin's Quai [...] warfen 90, z.T. als Indianer verkleidete Bürger von Boston die Ladungen in Meer [...] und ließen die Welt wiederhallen von der patriotischen Tat der Bostoner Tee-Party." Tatsächlich hatten sie sich nicht "als Indianer verkleidet", sondern ausgezogen, bevor sie ins Wasser schwammen und zu den Schiffen hinüber schwammen (das sollte diese Wendung auch bedeuten, aber spätere Generationen wußten das nicht mehr) und sich vorher die Gesichter schwarz angemalt, wie es noch heute Soldaten tun, um sich zu tarnen. Niemand hat diesen Dummen-Jungen-Streich als "Tee-Party" bezeichnet; vielmehr feierten eine Woche später ein paar Ladies der High Society eine so genannte "Tee-Party" ohne Tee, d.h. sie tranken ein Gesöff, das sie aus getrockneten Himbeerblättern zubereitet hatten und "Hyperion" nannten. Im übrigen war das mit der Tee-Steuer bloß ein Vorwand für Leute, die in der Kolonie ihr eigenes Süppchen kochen wollten, denn diese Steuer war ein glatter Witz: Die Engländer selber - d.h. die auf den britischen Inseln - zahlten mehr als das doppelte an Tee-Steuern, obwohl der Weg kaum halb so weit war wie in die USA. (Der Tee wurde aus China - in Indien wurde damals noch keiner angebaut - nicht etwas direkt in die USA gebracht - deren Westküste noch nicht besiedelt war, jedenfalls nicht von Weiß -, sondern wurde um das Kap der Guten Hoffnung um ganz Afrika herum nach London geschippert, und von dort über weiter den Atlantik nach Boston.) Die Führer der "demokratischen" Unabhängigkeitsbewegung - allen voran der Tabakpflanzer George Washington aus Virginia - fülten sich vielmehr als Aristokraten und wollten endlich ihre eigenen Fürstentümer. (An einen Staatenbund oder gar Bundesstaat dachte niemand von ihnen - aber das ist eine andere Geschichte.)

In den USA beginnt Tarzan auch über die Rolle nachzulesen und nachzudenken, die die Amerikaner in China gespielt haben: Im 19. Jahrhundert kamen als "Missionare" getarnte Krämerseelen, die das Land mit Bibeln überschwemmten (jawohl, das war damals der Hauptexportartikel der USA nach China - 'zig Millionen wurden gedruckt!), dann, zwischen den Weltkriegen, die Japan-Feinde, die dafür sorgten, daß dieser lästige potentielle Konkurrent in China militärisch und wirtschaftlich gebunden blieb; dann, am Ende des 2. Weltkriegs, der kleine Narr Truman, der auf den größeren Narren Stilwell hörte und den Roten zum Sieg im Bürgerkrieg verhalf, weil er die (in den USA aufgewachsene und daher ziemlich zickige) Frau des Marschalls Tschang Kai-shek persönlich nicht mochte; schließlich die beiden größten Narren, die bis dahin auf dem amerikanischen Präsidenten-Thron gesessen hatten: Kennedy, der den - vornehmlich gegen China gerichteten - Vietnam-Krieg, der längst eingeschlafen war, wieder entfachte (sofort nach seinem Ende sollten sich die chinesischen und die siegreichen vietnamesischen Kommunisten in die Haare kriegen, was aller Welt bewies, wie überflüssig er aus amerikanischer Sicht gewesen war) und sein Gegenspieler und Nachfolger Nixon, der Amerikas treuen Bündnis-Partner Taiwan verriet (auf seine Veranlassung wurde die kleine Insel-Republik nach und nach weltweit geächtet und zugunsten des roten Terror-Regimes aus allen internationalen Veranstaltungen hinaus geworfen, vom UN-Sicherheitsrat bis zu den Olympischen Spielen), um mit den Rot-Chinesen Pingpong zu spielen, in dem Glauben, den USA damit einen neuen Absatzmarkt mit "einer Milliarde Konsumenten" zu sichern. Er übersah dabei freilich (wie alle, die aus dem finanziellen Desaster mit dem vermeintlichen Absatz-Paradies Lateinamerika nichts gelernt hatten), daß ein Absatzmarkt zwar gut und schön ist, aber nur, wenn die Käufer die Ware irgendwann auch mal bezahlen und nicht nur auf Pump konsumieren, ohne die Schulden zu begleichen. Letzteres haben die Rot-Chinesen nie gekonnt und wohl auch von Anfang an nicht beabsichtigt; ihnen geht es vielmehr darum, selber Absatzmärkte im Westen zu gewinnen - und sie verkaufen nicht auf Pump.

[Die Illusion des Westens: China als 'The Great Mall']

Merkwürdig, daß noch niemand den potentiellen Absatzmarkt Indien entdeckt zu haben scheint - aber vielleicht will der auch gar nicht "entdeckt" werden (schon gar nicht von den USA, jedenfalls nicht, solange die Kongreß-Partei regiert, die der Sowjet-Union nahe steht). Jedenfalls hat das dazu geführt, daß Indien noch nicht in dem Maße verwestlich ist wie viele andere Staaten der "Dritten" Welt. Auf seinem nächsten Indien-Urlaub macht Tarzan einen weiten Bogen um die Großstädte - soweit die sich halt vermeiden lassen. Er besucht endlich die Hochburg des indischen Tees, Darjiling, stößt allerdings auch dort zu seinem Entsetzen auf eine weitgehend zerstörte Umwelt, von Auto-Abgasen versmogte Straßen und Tee-Plantagen. (Vielleicht täte den Indern, wenn sie schon nicht mehr auf Ochsenkarren fahren wollen, ein paar moderne amerikanische Autos mal ganz gut, statt der schrottreifen Klapperkästen uralter britischer oder sowjetischer Produktion?) Der beste Tee landet jetzt nicht mehr auf Auktionen, sondern wird von den Arbeitern und Angestellten unterschlagen und schwarz verkauft. Er ist immer noch von unglaublich guter Qualität, und Tarzan bereut im Nachhinein, daß er aus Angst, nur zum Probieren erstklassige Ware vorgesetzt zu bekommen, beim Einpacken aber betrogen zu werden, nicht mehr mitgenommen hat. Damit ist seine Entscheidung (und die seiner Frau sowieso) zugunsten des indischen Darjiling-Tees gefallen; chinesischen Tee (der nicht aus China, sondern aus Taiwan kommt) trinkt er nur noch, wenn er nachts durcharbeiten muß und wach bleiben will.

* * * * *

In Moskau geht es derweil Richie an den Pelz-Kragen: Mit der Wirtschaft der Sowjet-Union ist es in den letzten Jahren steil bergab gegangen; und nun rächt sich, daß viele deutsche Firmen so leichtsinnig waren, die paar Mark für den Abschluß von Hermes-Bürgschaften zu "sparen", weil die Sowjet-Union doch als ein so zuverlässiges Schuldnerland galt. Die beginnen jetzt mit spitzem Griffel nachzurechnen, ob es sich wirklich lohnt, dem schlechten Geld, daß sie schon dort gelassen haben, noch weiter gutes Geld hinterher zu werfen. Die Sowjets haben Milliarden an Auslandsschulden aufgetürmt, d.h. in Valuta, die sie nun nicht mehr bedienen können. Sie bittet um Verhandlungen über Stundungen und Umschuldungen. Da ist an den Kauf (geschweige denn an das Bezahlen) von Importwaren aus dem Valuta-Ausland in absehbarer Zeit nicht zu denken. Wer kein Geld hat, um etwas zu kaufen, pumpt; wer keinen Kredit mehr hat; klaut, und wer nicht geschickt genug ist, um zu klauen, raubt. Ausländer in Moskau - der einst sichersten Großstadt der Welt - tun jetzt gut daran, sich einen Leibwächter zuzulegen, oder wenigstens eine ordentliche Handfeuerwaffe. Aber das ist wie mit der teuren Foto-Ausrüstung: Richie könnte sich zwar die besten Waffen leisten, aber er weiß sie nicht zu bedienen, denn er hat als einziger der vier "Teeblättler" nicht gedient (ein willfähriger Arzt - ein Freund seines Vaters - hatte ihn krank geschrieben, obwohl er kerngesund war) und sich auch nie am gemeinsamen Luftpistolen-Training beteiligt. (Das hatten sie damals vor allem auf Wunsch ihrer Freundinnen angefangen, die Angst vor der zunehmenden Kriminalität auch auf Deutschland Straßen hatten, und er hatte keine Freundin - warum sollte er da als 7. Rad am Wagen mitmachen?) Aber wozu denn auch? Er hat doch nicht umsonst seinen Schäferhund - der inzwischen voll ausgewachsen ist und Furcht erregend aussieht - nach dem "größten Feldherrn aller Zeiten" benannt und gut erzogen, der wird ihm Schutz genug sein. Aber zu diesem Zweck hätte er den guten Adi wohl etwas weniger brav erziehen müssen: Er wird am hellichten Tag auf offener Straße entführt, vor Richies Augen, von einer Bande zerlumpter Jugendlicher, und taucht nicht wieder auf - in Moskau gibt es inzwischen Menschen, die Hundefleisch essen. (Und was spricht in diesem Fall schon dagegen? Adi ist sicher mit sehr viel besserem Futter groß gezogen worden als 99% des Schlachtviehs aus den Tiermehl-Verwertungsanstalten in Ost und West.)

Ob die Sowjet-Union überhaupt jemals wieder auf ein grünes Tee-Blatt, geschweige denn auf einen grünen Zweig kommen wird? Lohnt es sich noch, Geld in sie hinein zu pumpen? Gewiß doch, sagen die Funktionäre der Industrie- und Handels-Verbände; aber ihr Geld ist es ja nicht, das dort in den Sand gesetzt wird, sondern nur das ihrer Mitglieder, der Wirtschaftsunternehmen. Richies Brötchengeber (nein, "Arbeitgeber" kann man ihn beim besten Willen nicht nennen, denn mit Arbeit ist das ganze ja nicht verbunden!) schwankt noch, was er tun soll. Da nimmt ihm ein privates Ereignis im Familienkreis die Entscheidung ab: Die Ehe zwischen seinem Sohn und Richies Schwester scheitert; und nun ergeben sich plötzlich zwingende betriebliche Gründe, den Laden im Moskau dicht zu machen. Richie wird gefeuert, steht ohne abgeschlossene Ausbildung (außer Geld ausgeben und Tee trinken hat er praktisch nichts gelernt), ohne vorzeigbare Berufserfahrung und ohne irgendwelche Perspektiven auf der Straße. Der zuständige Sachbearbeiter beim Arbeitsamt schaut sich seine Akte an und meint dann nur mitleidig: "Ihnen kann ich nicht mal eine Umschulung anbieten; es gibt ja nichts, von wo man Sie umschulen könnte, Sie haben ja nicht mal eine Lehre abgeschlossen; und mit verkrachten Studenten und Abiturienten kann ich die Straße pflastern, wobei die meisten noch nicht mal halb so alt sind wie Sie."

* * * * *

Zu einem der besagten Industrie- und Handels-Verbände haben seine Reisen inzwischen auch Tarzan geführt. Er ist auf einem dieser äußerlich so attraktiven Schleudersitze gelandet - hätte er nicht wissen müssen, daß er sich nie darauf hätte einlassen dürfen? Aber woher denn. An seinem Arbeitsgebiet gibt es überhaupt nichts auszusetzen; nur vertretungshalber, wenn der Kollege verhindert ist, der das Nachbar-Referat - Außenhandel mit dem Comecon, insbesondere der Sowjet-Union, sowie dem Iran und Irak - leitet, soll er ab und zu mal für ihn einspringen. Das gefällt ihm zwar nicht sonderlich, aber es ist keine große zeitliche Belastung, in der Regel nur ein paar Unterschriften. Kollege Rainer ist oft weg, er muß sehr tüchtig sein; verschiedentlich sind ihm Beförderungen innerhalb des Verbands angeboten worden, sagt man; aber obwohl er schon Mitte 50 ist, bleibt er seinem Referat treu: "Hier gefällt es mir, die Kollegen sind nett, die Arbeit macht mir Spaß, warum sollte ich da wechseln?" sagt er, wenn er darauf angesprochen wird. Das ist eine offene und ehrliche Antwort, denkt Tarzan (was denkt man nicht alles...), das gefällt ihm.

Auch die amerikanischen Diplomaten, mit denen er gelegentlich zu tun, hat, sind offen und ehrlich zu ihm - aber auf ganz andere, eben auf amerikanische Art. Mit dem Handels-Attaché trifft er sich öfters zum Essen oder Teetrinken. (Außerhalb, denn wenn es etwas an Dikigoros' Arbeitgeber auszusetzen gibt, dann sind es die alten Bleirohre in dem alten Verbands-Gebäude, aus denen so schlechtes Wasser kommt, daß die meisten Kollegen es vorziehen, dessen schlechten Geschmack durch starken Kaffee mit viel Milch und noch mehr Zucker zu überdecken; auch Tarzan gewöhnt sich an, reichlich Milch und Zucker in seinen Tee zu schütten; das erhöht zwar die Kalorienzufuhr, aber darüber macht er sich vorerst keine Gedanken.) So auch nach einer erfolgreichen Verhandlungsrunde der deutschen Wirtschaftsverbände mit dem U.S.-Handelsministerium. Tarzan glaubt viel erreicht zu haben und ist bester Stimmung; Steven dämpft seine Freude: "Warum glaubst du eigentlich, geht es auf dem Papier immer so glatt?" fragt er. "Nun, auf beiden Seiten sitzen halt vernünftige Leute." - "Das denkst du. Wir geben immer nach, in der Hoffnung, daß ihr euch endlich mal an die Vereinbarungen haltet, wenn wir euch schon so weit entgegen kommen. Aber was tun deine Leute? Die schicken dich doch in Verhandlungen, von denen sie genau wissen, daß es völlig egal ist, wie sie ausgehen. Wenn du nichts erreichst, tun sie trotzdem, was sie wollen." - Was willst du damit sagen?" - "Was eure Leute da treiben, ist ein klarer Verstoß gegen die Embargo-Vorschriften des COCOM. Ihr kauft bei uns billig kriegsverwendungsfähige Computer-Technologie ein und verkauft sie unter falscher Flagge teuer in die Länder des Warschauer Pakts weiter, weil das das einzige ist, was die immer noch in harten Devisen bezahlen. Und im Golfkrieg beliefert ihr beide Seiten mit Chemie-Fabriken, in denen Massenvernichtungswaffen hergestellt werden können." - "Das Bundesamt für Außenwirtschaft hat alle Exporte geprüft und genehmigt," sagt Tarzan vorsichtig und fragt sich insgeheim, ob die Amis nicht nur sauer sind, weil ihre Firmen das Zeug lieber selber verkaufen würden. "Du weiß doch genau, daß dein Kollege Rainer die besticht, von einem Teil des Geldes, mit dem die Russen und die Mullahs ihn bestochen haben." Nein, das weiß Tarzan nicht, obwohl er sich auch schon gefragt hat, wieso Rainer - der offiziell keine höhere Stellung bekleidet als er selber - den dicksten Wagen im ganzen Verband fährt und die schönste Villa bewohnt. Ihr gemeinsamer Abteilungsleiter hat ihn mal beim Mittagessen mit der Nase darauf gestoßen, sich aber über die mutmaßlichen Gründe nicht weiter ausgelassen. Warum sollte da ausgerechnet er, Tarzan, sich in die Angelegenheiten dieser Kaffeetrinker einmischen? Der Abteilungsleiter ist ein verbitterter alter Mann, der auf alle und alles neidisch ist, vor allem auf seinen Vorgänger, der jetzt Geschäftsführer des Verbandes ist und so gar keine Anstalten macht, diesen Posten endlich für ihn zu räumen.

[Kollege Rainer bei der Arbeit]

"Wir werden die Verantwortlichen demnächst hoch gehen lassen," sagt Steven eines Tages beim Tee, "und derjenige, der die getürkten Export-Anträge bei euch im Verband unterschreibt, geht in den Bau. Halt doch nicht deinen Kopf hin für diese Ärsche." Tarzan denkt nach und prüft nach, was ihm der Handels-Attaché gesagt hat, in der einen Hand die Akten, die ihm sein Kollege Rainer "vertretungshalber" zum Unterschreiben da gelassen hat, in der anderen die Teetasse. Das Wasser hier ist das härteste und bitterste, das er je getrunken hat, selbst der beste Tee wird daran zuschanden (kein Wunder, daß die anderen alle Kaffee trinken, der vertuscht das besser - passend zur Verbandspolitik); er fühlt sich zum kotzen und meldet sich erstmal krank. Noch bitterer für Tarzan ist die Erkenntnis, beruflich auf's falsche Pferd gesetzt zu haben. Er wirft seinen Job hin, geht zurück in die USA und drückt noch einmal die Schulbank, macht sein amerikanisches Anwaltsexamen. Dann geht er zurück in sein Universitäts-Städtchen, hängt sich ein Schild "Rechtsanwalt" vor die Tür und fängt noch einmal von vorne an - bei null.

Harte Zeiten, in denen er auf keine große Hilfe rechnen kann: Sein Vater ist pensioniert, seine jüngere Schwester plötzlich verwitwet (ihr Mann, der mit Mitte 40 einem Herzinfarkt erliegt, hinterläßt nicht mal eine Lebens-Versicherung, geschweige denn eine ordentliche Witwenrente), und seine Frau bekommt ihren Vertrag an der Universität nicht verlängert. "Die nehmen halt lieber einen unfähigen Mann als eine fähige Frau", sagt sie, "die Männer sorgen schon dafür, daß eine Frau Beruf und Familie nicht vereinbaren kann." Alle ihre Freundinnen und Kolleginnen - jedenfalls die beruflich halbwegs "erfolgreichen" - sind alte Jungfern geblieben, und dennoch soll es bei keiner von ihnen zu der wissenschaftlichen Karriere reichen, die sie sich um diesen Preis erhofft hatten. "Kluge Frauen heiraten eben früh," meint Tarzan, "nur die, die zu dumm oder zu häßlich sind, um einen Mann zu finden, müssen studieren und selber arbeiten gehen." - "Danke. Dann bin ich ja mal gespannt, wie du mich ernähren willst. Als ob heutzutage eine Frau noch versorgt wäre, wenn sie heiratet. Ich kenne jedenfalls keine, die nicht weiter arbeiten würde." Sagt's und sucht sich einen anderen Job (aber zum Glück für Tarzan keinen anderen Mann), unter ihrer Qualifikation, aber was hilft's. Da fällt es nicht leicht, weiter an den Spruch "abwarten und Tee trinken" zu glauben... "Doch," sagt er sich trotzig, "jetzt geht es darum, körperlich und geistig fit zu bleiben, bis bessere Zeiten kommen, damit ich nicht so ende wie mein Schwager."

Tarzan wirft einen kritischen Blick in den Spiegel und auf seine Freunde: Daß Richie etwas Wohlstands-Speck angesetzt hat, ist ganz normal, in Rußland war ja ständig Winter, da brauchte man das. Doch Benni geht inzwischen auf die zweieinhalb Zentner zu, und er selber auf die zwei Zentner. Er trinkt ja auch gerne mal ein Gläschen, oder auch mehr als eines. (Er hat einen nicht alltäglichen Geschmack entwickelt: beim Bier dunkles Hefeweizen aus Bayern, beim Weißwein trockener Gutedel aus dem Markgräflerland, beim Südwein trockener weißer Port [ja, liebe Leser, so etwas gibt es tatsächlich!] und beim Schnaps Slivovic aus Jugoslawien. Nur beim Rotwein ist er weniger wählerisch, da darf es auch ein einfacher Valpolicella aus Italien sein.) Und wer viel trinkt, braucht bekanntlich eine gute Grundlage, muß also auch ordentlich essen. Hatte Olli - der immer eisern auf Linie geachtet und nie einen Tropfen Alkohol angerührt hat - nicht so oft gesagt: "Komm' doch mal wieder mit zum Sport"? Hatte er; aber irgendwie konnte Tarzan den inneren Schweinehund nicht überwinden... Er erinnert sich noch genau, wie das alles angefangen hat: Vor seiner Reise nach Ceylon hatte er sich - gewitzt durch seine erste Indien-Fahrt, auf der er acht Kilo abgenommen hatte - ganz gezielt eine kleine Fett-Reserve angefuttert. Da er dort aber von Familie zu Familie weiter gereicht und gut verpflegt worden war, hatte er nicht etwa ab-, sondern noch weiter zugenommen. Und dem Tee war er angesichts der dortigen Erfahrungen auch zunehmend untreu geworden. Das ist nun die Quittung, und er muß die Suppe, die er sich da eingebrockt hat, wieder auslöffeln. Was sagt der Arzt, den er konsultiert: "Nicht rauchen, weniger essen und trinken, Sport treiben."

Also fängt Tarzan wieder an, Sport zu treiben - auch bei null, denn mit seiner einstigen Lieblings-Sportart, dem Basketball, kann er keinen Blumentopf mehr gewinnen: In jungen Jahren war er für gewöhnlich der größte und sprungstärkste Spieler auf dem Feld (damit konnte er seine technischen Schwächen einigermaßen ausgleichen); aber inzwischen ist eine Generation von Spielern herangewachsen, die ihm auf den Kopf spucken kann. Die hohen Mitgliedsbeiträge für exklusive Golf- oder Tennis-Clubs kann er sich zur Zeit nicht leisten; also backt er ganz kleine Brötchen: laufen, springen und werfen, das kann man immer brauchen, und man kann es fast umsonst in jeder Freizeitsport-Gruppe machen. Er beginnt auch wieder chinesischen Tee zu trinken - zu jedem Trainings-Abend nimmt er eine Thermos-Kanne davon mit. "Na, Sportfreund, womit dopst du dich denn da?" flachsen die anderen, denen er anfangs mit hängender Zunge hinterher läuft, "das Zeug scheint aber nicht viel zu taugen." Und gehen ungeniert nach dem Training ihr Bierchen trinken und ihre Zigaretten rauchen. Mit Ach und Krach schafft er das Sportabzeichen, ein silbernes, als einziger - alle anderen haben ein goldenes. Aber darum geht es ihm ja gar nicht; er will nicht nur einmal im Jahr vorbei kommen und die Prüfungen machen (andere, die besser drauf sind als er, können das, denn objektiv betrachtet sind die Anforderungen gar nicht so hoch), sondern er will wieder richtig fit werden. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen, und ganz langsam steigert er sich, von Jahr zu Jahr; als 40-jähriger Senior wird er leistungsmäßig wieder dort sein, wo er als 14-jähriger Jugendlicher seine aktive Leichtathletik-Laufbahn beendet hatte.

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Auch der dritte Angehörige des "vierblättrigen Teeblatts" hat Probleme: Ollis alter Doktorvater ist gestorben, auf einer Pilgerreise nach Jerusalem. Das war abzusehen, denn dem guten Professor ging es bereits seit einigen Jahren - er war inzwischen emeritiert - gesundheitlich nicht mehr so gut (er litt an den Spätfolgen einer Reise nach Sachsenhausen). Aber Olli hatte es darauf ankommen lassen und hoch gepokert: Benni und Tarzan hatten ein gutes Examen gemacht, er wollte es noch besser machen, seine beiden Freunde übertrumpfen. Gut Ding will Weile haben, zumal Olli sein Studium zwar nicht verbummelt, aber weitgehend verjobbbt hat; und um die Zeit, die das kostete, wieder herein zu bekommen, wollte er gleich promovieren, ohne vorher einen "niederen" Abschluß zu machen, wie es eigentlich schon lange üblich war und seit neuestem sogar vorgeschrieben ist: Die Universität hat eine Verordnung erlassen, daß alle Studenten, die nach dem Jahre X das Studium aufgenommen haben (und Olli fällt just darunter), als Zulassungs-Voraussetzung zur Promotion ein Staats- oder Magister-Examen abgelegt haben müssen, das mindestens mit "gut" bewertet ist. Sein alter Professor, den sie "Papa Gnädig" nannten, war denn auch - seinem Spitznamen Ehre machend - mit Olli überein gekommen, daß er ihm den ersten Teil seiner Doktorarbeit als Magisterarbeit anerkennen würde und den zweiten und dritten Teil als Dissertation (die sonst eh zu lang geworden wäre).

Aber davon will sein Nachfolger, Professor Schniefer, nichts wissen. Der - ein ausgesprochener Überflieger - ist selber nur wenig älter als Olli und schnauzt ihn ganz ungnädig an, als er erfährt, daß er nicht mal das "Große Latinum" hat: "Und da wagen Sie es, zu mir zu kommen? Sie wollen mal promovieren? Was haben Sie denn all die Jahre getrieben? Kommen Sie wieder, wenn Sie Ihr Latinum nachgeholt haben!" Aber Fremdsprachen sind nicht Ollis Tee-Tasse, wie der Engländer sagt, er schafft es einfach nicht - sonst hätte er es doch schon längst getan! Er gibt das Studium auf - dabei hatte er beim Schach, wenn er mal schlecht stand, immer trotzig gesagt: "aufgeben tut man Pakete!" Seine langjährige Freundin läuft ihm davon und heiratet einen wohl bestallten Apotheker. Er ertränkt seinen Kummer in Asam-Tee (nein, er hat sein Lebtag keinen Alkohol angerührt und wird das auch jetzt nicht tun) und endet als Dia-Vorführer an der örtlichen Volkshochschule. Denn für die Knochen-Arbeit aus seinen frühen Studenten-Tagen ist er inzwischen zu alt geworden - außerdem machen Ausländer aus der Dritten Welt die gleiche Arbeit für das halbe (oder noch weniger) Geld, schwarz auf die Hand. Bald schließt er sich denen an, die sagen: "Scheiß-Ausländer" und "Ausländer raus". (Nein, nicht "falsche Asylanten" oder "kriminelle Ausländer" oder "muslimische Schläfer" oder sonst irgend etwas, womit er auch in Dikigoros einen Gleichgesinnten finden könnte, sondern einfach so, dumm und pauschal: "Ausländer"!) Den Kontakt zu seinen alten Freunden dagegen bricht er ab und läßt sich bei niemandem mehr blicken. Sogar den Sport gibt er auf, denn bei den Jungen kann er nicht mehr mit halten (hinterher laufen will er nicht, dafür ist er zu ehrgeizig), und auf den Senioren-Sportfesten könnte er ja Tarzan wieder treffen, und das wäre ihm peinlich. Er schämt sich ob seiner Erfolglosigkeit, und so erfährt er nicht, daß bei den anderen auch nicht immer alles glatt läuft...

Aber Benni kommt zurück (oder, wie man jetzt sagt: feiert ein Comeback): Er hat seinen Frieden mit seiner Mutter und mit der Mutter Kirche gemacht, seit seine Frau auch Mutter geworden ist und er seinen Sohn hat katholisch taufen lassen: Plötzlich kann ihm der Erzbischof doch einen Job an der katholischen Privatschule vor Ort besorgen; nun kann er jeden Morgen zwei Stunden länger schlafen und sich ein Kännchen Tee mehr gönnen. Das Rauchen gewöhnt er sich wieder ab, und mittags macht er einen Dauerlauf am Fluß entlang und speckt endlich auch etwas ab. Seine Schwester und sein Schwager schauen neidisch zu: ihre Ehe hat der liebe Gott nicht mit Kindern gesegnet, und das nimmt die Mutter als himmlischen Fingerzeig, ihr gesamtes Vermögen Benni zu vermachen. Als gar noch eine Tochter geboren und ebenfalls brav katholisch getauft wird, steigt Benni automatisch (nein, das ist natürlich "eine rein zufällige Koïnzidenz", wie er es doppelt gemoppelt ausdrückt) zum Fachleiter auf. Er wird mit seiner Schulklasse sogar zum Tee beim Bundeskanzler eingeladen und brilliert bei dieser Gelegenheit mit seiner Sach- und Fachkenntnis.

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Auch Tarzan hat sich inzwischen eine neue berufliche Existenz aufgebaut, und seine Freunde nennen ihn jetzt "Dikigoros" - das ist das griechische Wort für Rechtsanwalt. Einer seiner ersten Mandanten - wie das so ist, wenn man anfängt - ist der Onkel eines Bekannten. Er ist gelernter Polizist, aber "wegen mangelnder gesundheitlicher Tauglichkeit" (oder, wie er meint, weil einem Vorgesetzten seine Nasenspitze nicht mehr gepaßt hat - dafür braucht man also kein Ausländer in China zu sein :-) früh-pensioniert worden. Nun will er sich als "Kaufmann" versuchen, und er hat gehört, daß die Rot-Chinesen alles Mögliche billig herstellen. Sein letztes Fahrrad - made in Germany - war ziemlich teuer und ist trotzdem schon kaputt, schlechter können chinesische Fahrräder auch nicht sein, denkt er sich, aber bestimmt viel billiger. In der nächsten Kneipe trifft er einen Rot-Chinesen, der in Deutschland offiziell als "Student" herum läuft, d.h. mit einem schönen, großzügigen Stipendium der BRD auf Kosten derer Steuerzahler, aber in Wirklichkeit gar nicht daran denkt zu studieren, sondern vielmehr daran, (krumme) Geschäfte zu machen. Mit dem tut sich der Onkel zusammen und gründet eine "Import-Export-Firma", ein "Joint-venture" nennt er das, obwohl er gar nicht so genau weiß, was das eigentlich ist, ob man es irgendwo anmelden muß und was es sonst noch zu beachten gilt; aber er fragt eigentlich nur: "Wie ist es am billigsten?" - "Am billigsten ist es, einfach eine BGB-Gesellschaft zu gründen," sagt Dikigoros, "aber juristisch gesehen wäre das eigentlich die schlechteste Lösung." - "Egal, ich gründe also eine BGB-Gesellschaft. Was kostet es denn, wenn ich Sie einen Vertrag aufsetzen lasse?" - "Das kostet..." - "Geht das nicht auch etwas billiger?" - "Sie könnten natürlich einfach einen mündlichen Vertrag mit Ihrem Partner schließen, das kostet gar nichts; aber juristisch gesehen..." - "Egal, ich schließe also einen mündlichen Vertrag." Und so geht das weiter, mit den Kaufverträgen seiner chinesischen Lieferanten, mit den Vertriebsverträgen seiner deutschen Abnehmer... Hauptsache billig, denn Geld um groß zu investieren hat der Onkel nicht flüssig, nur seine magere Pension. Dikigoros ist skeptisch und sagt ihm das auch ganz offen (was ein Anwalt ja eigentlich nie tun sollte, denn des Mandanten Willen ist sein Himmelreich; aber Dikigoros ist damals noch neu im Geschäft).

Der Onkel fegt diese Bedenken mit einer großzügigen Handbewegung hinweg: "Ach was, Mao ist tot, und die Viererbande ist beseitigt. Da ist doch schon lange kein Kommunismus mehr, das nennt sich nur noch so. China ist der Markt der Zukunft, das sehen Ihre amerikanischen Freunde übrigens genauso." Dann fliegt er nach China, nach Schanghai, und kehrt ganz beeindruckt zurück: "Da bauen sie jetzt Hochhäuser, ganz viele, das ist doch ein Zeichen, daß es aufwärts geht. Natürlich ist das Leben dort nicht leicht. Da muß noch richtig rangeklotzt werden, von Hand, und viel zu essen und zu trinken gibt es wohl auch nicht für die Einheimischen. Mag auch sein, daß es in manchen Fabriken Kinderarbeit gibt und daß politische Gefangene umsonst arbeiten müssen, aber was geht uns das an? Mir geht es nur darum, daß ich billige Fahrräder geliefert bekomme; und das haben sie mir versprochen." Tee hat er keinen mit gebracht (auf Befragen: "Die Chinesen trinken selber nur heißes Wasser; der Tee geht in den Export"). Aber das ist nicht der einzige Haken. Erst kommen gar keine Fahrräder, dann kommen sie mit Verspätung und nicht in der bestellten Stückzahl, dann nicht in der bestellten Qualität, und am Ende soll auch noch der Preis deutlich höher sein als vereinbart. Seine deutschen Abnehmer pochen auf ihre Verträge und machen Schadensersatz geltend. Noch bevor er den Laden dicht machen kann, brennt sein chinesischer "Partner" mit der Betriebskasse durch. Der Onkel - der mit seinem ganzen Privatvermögen haftet, da er die paar Mark sparen wollte, die es gekostet hätte, eine GmbH zu gründen - muß sein Haus der Bank verkaufen, um die Schulden zu bezahlen, und mietet es zurück. Dafür zahlt ihm das Sozialamt Wohngeld; das ist nett und kostet den Steuerzahler auch nicht mehr als ein Stipendium für ausländische Studenten...

Im übrigen erleiden nicht nur kaufmännisch unerfahrene Polizisten a.D. Schiffbruch in China; auch hoch gelobte "Jungunternehmer", die den Deutschen jahrelang als große Vorbilder hingestellt worden sind, wie der windige Windbeutel, setzen reichlich Steuergelder und Kredite in den Sand. Sie sehen nicht, daß die korrupten Machthaber lediglich den Namen geändert haben, nicht aber das System: Sie nennen die Privilegien, die Sprößlingen der KP-Bonzen (und nur denen) gewährt werden, um sich die Produktions-Mittel unter den Nagel zu reißen, "wirtschaftliche Freiheit" - für ausländische Investoren gibt es keine Wettbewerbsfreiheit, die sind nur dazu da, um geschröpft zu werden, ganz wie die großen Theoretiker des Marxismus-Leninismus-Maoismus es immer gepredigt haben. Dikigoros fragt sich, ob die großen Wirtschafts-Kapitäne, diese Nieten in Nadelstreifen, zu blind sind, um sich mal in Peking umzuschauen: Hängt da nicht immer noch das überlebensgroße Portrait Maos über dem großen Tor am "Platz des himmlischen Friedens" (der in letzter Zeit wiederholt zum Platz des höllischen Unfriedens geworden ist)? Und gilt Maos Mausoleum nicht immer noch als nationales Heiligtum, wie das Ljenins in Moskau? Und sehen sie nicht, daß auf den Geldscheinen immer noch Maos Visage prangt? Natürlich nicht, denn Ausländer dürfen ja kein chinesisches Geld besitzen, sondern müssen mit einer Art Ausländer-Gutscheinen zahlen, die dem Zwangsumtausch unterliegen und alles etwa zehnmal so teuer machen wie für Einheimische. (Aber liebe Unternehmer, da schaut man doch den Leuten auf dem Markt mal auf die Pfoten, dann muß man es trotzdem sehen, auch ohne die Lappen selber in der Hand zu haben - oder seid ihr selbst dafür zu blöd?) Rot-China erweist sich nicht als Markt der Zukunft, sondern als Milliarden-Grab. Auch die Hochhäuser in Schanghai stehen leer, sind Investitions-Ruinen. In Rot-China ist alles nur Fassade, wie Dikigoros nach und nach hinter vorgehaltener Hand erfährt (auch auf diesem Thema lastet im Westen ein großes Tabu); die können nicht mal ordentlichen Tee für den Export produzieren - er ist mit Pestiziden vergiftet, wie unabhängige Tests ergeben.

Dikigoros hat es sich seit seinen Erfahrungen in Süd-Amerika angewöhnt, überall auf der Welt - auch in Europa - im Chinesen-Viertel zu übernachten und zu essen (dort ist es am saubersten und sichersten, wenn auch nicht mehr unbedingt am billigsten, denn andere Leute merken das auch, und die steigende Nachfrage treibt die Preise nach oben); deshalb kann er Vergleiche anstellen. Er fragt sich oft, warum die Auslands-Chinesen so ehrlich, tüchtig und erfolgreich sind (und dafür so verhaßt), die Rot-Chinesen dagegen solche Gauner, Betrüger und Versager (und dafür so verhätschelt). Sollte es den Kommunisten tatsächlich gelungen sein, in nur zwei Generationen einen neuen, minderwertigen Menschen zu züchten? Aber das widerspräche allen Gesetzen der Vererbungslehre. Oder liegt es daran, daß die meisten von ihnen ihr Land nicht verlassen dürfen, also nie auf Reisen gehen? Oder sagt ihnen ihr Unterbewußtsein, daß sie im Ausland härter arbeiten müssen als zuhause, wo ihnen der Huangho die reichen Ernten dreimal jährlich frei Haus liefert? Oder liegt es einfach nur daran, daß sie im Ausland Tee zu trinken bekommen, zuhause aber nur heißes Wasser? Das muß es wohl sein... (Und das meint Dikigoros ganz ernst; der Mensch ist, was er ißt und trinkt!) Dikigoros fragt sich auch oft, ob nicht in seinem eigenen Unterbewußtsein das schlechte Tee-Wasser beim Verband letztendlich den Ausschlag dafür gegeben hat, daß er ihm den Rücken gekehrt hat, daß ihn also der Tee davor bewahrt hat, in eine Falle zu tapsen, aus der er vielleicht nicht so ungeschoren wieder heraus gekommen wäre wie sein gewiefter Ex-Kollege Rainer: Im Amt für Außenwirtschaft rollen zwar ein paar Köpfe, aber alles auf Bewährung, in den Bau geht niemand; und Rainer wird vom Verband nahe gelegt, freiwillig zu kündigen - was er auch tut; aber er macht sich als "Berater" selbständig, und seine krummen Geschäfte mit dem Ostblock laufen munter weiter. Erst als der Comecon und die Sowjet-Union zusammen brechen, wird er Probleme bekommen.

Dikigoros dagegen, der inzwischen Mandanten von New York bis Tōkyō hat, macht sich nun endlich selber einmal auf den Weg nach Rußland. Er hatte auf der Schule Russisch gelernt, und obwohl er das während seines Studiums nicht mehr vertieft hat, ist noch ein bißchen davon hängen geblieben. In Moskau, wo er im tiefsten Winter - die Moskwá ist zugefroren - ankommt, ist eine Art Goldgräber-Stimmung ausgebrochen: Die "Religions-Museen" sind wieder Kirchen und zum Teil aufwendig renoviert worden, die Inschriften in der alten Schrift des 19. Jahrhunderts, wie Dikigoros - der nur die vereinfachten sowjetischen Zeichen gelernt hat - stirnrunzelnd feststellt. Und nicht nur das gibt Anlaß zum Stirnrunzeln, sondern auch und erst recht die vielen anderen negativen Begleit-Erscheinungen des "Goldrausches": Nepper und Nutten, Zocker und Zuhälter, Gewaltverbrecher und Wirtschafts-Kriminelle aller Herren Länder geben sich die Klinke in die Hand. An eine Fahrt in der "Transsib" ist für einen unbewaffneten Westler nicht mehr zu denken - es wäre mit einiger Sicherheit seine letzte Reise. Der Zug ist also abgefahren... Schon wer so leichtsinnig ist, in einem der teuren Hotels im Zentrum abzusteigen, wird automatisch zur Zielscheibe der russischen Mafia - von der die Russen freilich behaupten, es sei die "kaukasische Mafia", so wie sie ihre besoffenen Landsleute, die die Straßengräben zieren, als "finnische Touristen" bezeichnen. Eine Gruppe Mitreisender wird am hellichten Tag von einer Bande Halbwüchsiger mit gezogenen Messern überfallen und ausgeraubt, wie sich Dikigoros kopfschüttelnd erzählen läßt. (Sie laufen ja auch in nagelneuen Bundeswehr-Parkas mit deutscher Flagge und mit teurer Foto-Ausrüstung herum, während er selber eine uralte, wattierte Regenjacke seines seligen Großvaters und eine billige Pelzmütze trägt; das wirkt so echt, daß ihn alte russische Mütterchen in der Moskauer Innenstadt nach dem Weg fragen!) Er ist im Süden der Hauptstadt abgestiegen, im "Sporthotel" (als international erfolgreicher Senioren-Sportler steht ihm das zu), und fährt jeden Morgen eine knappe Stunde mit der berühmten Metro ins Zentrum. Dafür kostet die Übernachtung nicht mal ein Zehntel der Preise im Zentrum. Gewiß, man muß ein paar Abstriche machen. "Wo bleibt denn das Frühstück?" fragt er eines Morgens. Die Bedienung druckst herum: "Wir haben keinen Kaffee mehr." - "Was, ich zahle hier in harter Valuta, und dafür können Sie nicht mal was zu trinken besorgen? Was wird denn in den Rubl-Hotels serviert?" - "Tee und Wodka." - "Ja, zum Teufel nochmal, warum sagen Sie das nicht gleich? Ich trinke sowieso viel lieber Tee!"

So schließt sich der Kreis zur Jugendzeit von Dikigoros' Vater, als es auch keinen Kaffee gab - aber weniger schlecht als der Tee heute im Moskau kann der Ersatz-Kaffee damals auch nicht geschmeckt haben. Der Tee in der Sowjet-Union hat sich dem homo communisticus, der ihn kultiviert hat, angeglichen: an Körper und Geist verkrüppelt, minderwertig. Und inzwischen herrscht im Kaukasus ein mörderischer Krieg um Siedlungs-Gebiete, Erdöl und Pipelines; da hat man ganz andere Sorgen als sich um die herunter gekommenen grusinischen Teepflanzungen zu kümmern oder sie gar wieder auf Vordermann zu bringen. Auch in den türkischen Ex-Republiken der SU - die nun fünf unabhängige Staaten bilden, die freilich einzeln alles andere als wirtschaftlich überlebensfähig sind - herrscht Bürgerkrieg. Bennie hatte gut daran getan, sie noch zu Sowjet-Zeiten zu besuchen, als wenigstens Ruhe und Ordnung herrschte; auch dieser Zug ist also endgültig abgefahren.

Der Tee hat einen langen Weg hinter sich: In seiner Heimat China, wo noch immer die Kommunisten herrschen, gibt es keinen mehr, der genießbar wäre, in seiner zweiten Heimat Rußland ebensowenig; in Europa - wo er ja nie angebaut wurde - hat der Kaffee letztlich doch gesiegt, ebenso in Amerika, von Alaska bis Feuerland. [Etwas Statistik gefällig? Bitte sehr: In der BRD werden pro Jahr und Kopf fast 150 l Kaffee getrunken, fast 120 l Bier und über 20 l Wein. Theoretisch liegt der Teekonsum mit ca. 25 l zwar noch über dem des letzteren, aber diese Zahl wird verzerrt, zum einen durch die ca. 6 Millionen Türken, Rußland-"Deutschen" und Ostfriesen - die knapp 300 l p.a. trinken -, zum anderen durch Leute wie Dikigoros, der ca. 500 l p.a. trinkt. (Seine Frau - die im Gegensatz zu ihm keine Milch trinkt - bringt es sogar auf 700 l p.a.) Der Teeverbrauch des "typischen" Deutschen dürfte dagegen unter 10 l Tee p.a. liegen, also noch unter dem reinen Alkohols.] "Die meisten Angehörigen unserer westlichen Gesellschaften sind so krank," sagt ein alter Medizin-Professor, den Dikigoros darauf anspricht, "daß sie morgens die Pumpe nur noch in Gang bekommen, wenn sie sich eine Kanne Kaffee rein schütten. Und tagsüber brauchen sie Nikotin oder andere Drogen, um die Spannung zu halten, abends dann Alkohol, um die Spannung wieder zu lockern, und nachts Valium, um überhaupt noch schlafen zu können. Nach dem ersten Herzinfarkt bekommen sie einen Schrittmacher, nach dem zweiten ein Begräbnis erster Klasse. Sie regen sich über die Menschen des ehemaligen Ostblocks auf, aber die meisten hier sind doch nicht viel besser. Was wollen Sie da mit Ihrem Tee? Der wirkt auf's Gehirn, und das haben die Leute heutzutage doch abgeschaltet. Die lassen denken... von den Medien." Nur an der Westküste Kaliforniens hat sich eine kleine Gemeinde erhalten, die ihrer alten Kultur und damit dem Tee treu geblieben ist, vielleicht weil er das letzte ist, was sie noch mit China verbindet. Das einst so treue "vierblättrige Teeblatt" aber ist nicht mehr: Olli ist tot, Richie verschollen, und Ehefrauen können nun mal kein Männer-Quartett auffüllen, schon gar nicht, wenn sie einander so wenig mögen wie Ninotschka und Erika (die mit Bennis früherer Verlobten befreundet war): Familie Benni und Familie Dikigoros sind zwar fast Nachbarn, wohnen immer noch um die Ecke im selben Ort, aber es verbindet sie nichts mehr - nicht einmal der Tee. Dikigoros schließt neue Freundschaften: mit Little Joe, der Schnapsnase, Zille, dem Bier-König, und Vladi, der wandelnden Kaffee-Maschine. (Erst im Rückblick wird Dikigoros klar, wie sehr seine Mitmenschen für ihn das verkörpern, was sie bevorzugt essen und am liebsten trinken.) Aber davon - und von den Reisen, die er mit ihnen unternimmt - erzählt er an anderer Stelle.

* * * * *

Nachtrag: Im Jahre 2001 trifft Dikigoros durch Zufall - über eine Kollegin, die sich auf Ausländerrecht spezialisiert hat - Richie wieder. Der arbeitet jetzt beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in Nürnberg und schreibt brillante Analysen, warum Flüchtlinge aus Rot-China grundsätzlich nicht als politisch Verfolgte anerkannt werden können: weil es dort nach Auskunft der Regierung in Peking (das schreibt man jetzt "Beijing" - obwohl das der richtigen Aussprache noch viel weniger nahe kommt) gar keine politisch Verfolgten gibt. Dann muß es wohl stimmen. Im selben Jahr fliegt der Präsident von Bananistan, ein lächerlicher alter Saufbruder, der zu Unrecht als besonders fromm gilt (er ist nämlich auch hoher Funktionär der Evangelischen Kirche seines Landes und glaubt deshalb zu wissen, welches Volk von Gott ausersehen ist Kriege zu führen und welches nicht) nach Indonesien, wo in den letzten drei Jahren erneut fast eine Million christlicher Chinesen dem Terror der Muslime zum Opfer gefallen sind. (In deutschen Massenmedien werden daraus "ein paar tausend".) Er läßt sich dort mit einer Kopfbedeckung ablichten, die "batak" sein soll, tatsächlich aber an die Narrenkappen erinnert, die im späten Mittelalter die Opfer der Inquisition tragen mußten, und faselt dumm herum, daß die Deutschen noch viel von den Indonesiern lernen könnten in Sachen religiöser Toleranz. (Er liest zwar nur ab, was ihm irgendwelche Berater aufgesetzt haben, wahrscheinlich ohne es richtig zu verstehen oder auch nur verstehen zu wollen - aber schlimm genug...) Auch dort gibt es also keine aus rassischen oder religiösen Gründen Verfolgte, schon gar keine chinesischen Christen, die etwa in Deutschland Anspruch auf Asyl anmelden könnten; denn das würden die kommunistischen Machthaber in Peking ganz ungnädig aufnehmen. Und Deutsche und Chinesen - zumindest die herrschenden Partei-Bonzen der Bundes-Republik und der Volks-Republik - sind doch Gleichgesinnte. Ist das wirklich ein Grund zur Freude?

[Deutschlands Zukunft in guten Händen - CDU-Wahlplakat]

Nachtrag: Nein, es sind tatsächlich nur die Partei-Bonzen, die jene zweifelhafte Freundschaft unter Gleichgesinnten pflegen. Das zeigte sich in überraschender Deutlichkeit im Mai 2010 in Schanghai anläßlich der "Weltausstellung" - einer jener seit Erfindung des Internets völlig überflüssigen Veranstaltungen, die einen Haufen Geld kosten, aber den Ausstellern meist nichts einbringen, jedoch von den Regierungen der ausrichtenden Staaten - in diesem Falle der VRC - aus Gründen des Prestiges immer wieder angezettelt werden. Doch das chinesische Fußvolk - das man leichtsinnigerweise zu jener Veranstaltung zuließ - machte aus seinem Herzen keine Mördergrube, sondern trug seinen abgrundtiefen Haß gegen die Deutschen (auch denen aus der RÖ und der Schweiz :-) ganz offen zur Schau: Vom ersten Tag an wurden deren Pavillons von gewalttätigen Demonstranten belagert, die rund um die Uhr "Nazis raus" und andere nette Slogans skandierten. Bis schließlich der bedauernswerte Leiter der deutschen Delegation drohte, die Zelte abzubrechen - und das, kurz bevor der Präsident der BRDDR seinen Besuch angesagt hatte, ein besonders guter Gutmensch, für den in der VRC alles zum Besten stand, und der davon um keinen Preis etwas merken durfte!

Die rotchinesische Obrigkeit griff hart durch, ließ die Demonstranten von Einheiten der Staatssicherheit nieder knüppeln und den deutschen Pavillon weiträumig absperren - von da an durften nur noch handverlese, regimetreue und "deutschfreundliche" Personen in seine Nähe. Der Gutmensch kam, sah nichts und schwafelte von der großartigen "Völkerfreundschaft" und der "guten wirtschaftlichen Zusammenarbeit" zwischen Chinesen und Deutschen; und in den deutschen Medien wurden Nachrichten über das Geschehen der ersten Tage in Schanghai rigoros unterdrückt. (Aber es gibt ja noch andere Quellen, aus denen man sich informieren kann - noch ist das Abhören feindlicherausländischer Sender und Webseiten nicht wieder unter Strafe gestellt :-)

[Karikatur von Götz Wiedenroth - mit freundlicher Genehmigung des Verfassers


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