DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT . . .
Sándor Szathmári, Vojaĝo al Kazohinio*
*Reise ins Land der kranken Menschen

[Sándor Szathmári] [Englische Ausgabe]

Ein Kapitel aus Dikigoros' Webseite
LÄSTERMAUL  AUF  REISEN
Große Satiren der Weltliteratur

Schon wieder so ein völlig unbekannter Autor und ein völlig unbekanntes Werk? Tröstet Euch, liebe Leser, diesmal ist das verzeihlich, denn Sándor Szathmáris "Vojaĝo al Kazohinio" kennt selbst in Ungarn heute fast niemand mehr (obwohl es 1998 neu aufgelegt wurde - zum ersten Mal nach 40 Jahren), und es darf bezweifelt werden, ob ihn zu dem Zeitpunkt, als er diesen Roman schrieb (1935-37 auf Ungarisch, 1938 auf Esperanto), allzu viele kannten. Das mag vielerlei Gründe gehabt haben, aber der wichtigste war[en] zweifellos die Sprache[n]. Die ungarische Fassung war im Ausland unverkäuflich - denn welcher Nicht-Ungar spricht schon Ungarisch? Und Esperanto? Selbst wenn man nicht schon die Idee einer Universalsprache für absurd hält, wie das z.B. George Orwell tut (der sie in "1984" als "Newspeak [Neusprech]" auf die Schippe nimmt), muß man einräumen, daß die "lingvo internacia" (internationale Sprache), nach dem Pseudonym ihres Erfinders, des polnisch-jüdischen Arztes Ludwik Zamenhof auch "Esperanto" (der oder die [zu er-]Hoffende]) genannt, eine Mißgeburt war. Esperantisten werden dieser Feststellung vehement widersprechen und auf die leichte Erlernbarkeit, die logische Grammatik, den universellen Wortschatz usw. hinweisen. Gewiß, Esperanto ist für manche Leute leicht zu erlernen, nämlich solche, die der indoeuropäischen Grammatik mächtig sind und schon mindestens je eine germanische, romanische und slawische Sprache beherrschen, denn aus denen ist der Wortschatz zusammen gesetzt; für jemanden, der keine indo-europäische Muttersprache hat, ist Esperanto dagegen ebenso schwierig zu erlernen wie früher Aramäisch, Griechisch oder Lateinisch bzw. heutzutage Englisch, Hindustani, Bahasa oder Ki-Suaheli (wobei ja bisweilen behauptet wird, daß auch die letzteren "leicht zu erlernen" seien; aber das meinen vor allem solche Leute, die über ihre - zugegebenermaßen leicht erlernbaren - Anfangsgründe nie hinaus gelangt sind :-), die ja auch Mischsprachen sind (was freilich gerade ihre Schwierigkeit und teilweise "Unlogik" ausmacht). So kam es, wie es kommen mußte: Die "Reise nach Kazohinio" erschien zunächst einmal, nein sogar dreimal - 1941, 1946 und 1957 - auf Ungarisch; die vollständige Esperanto-Fassung wurde erst 1958, zwei Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, erstmals veröffentlicht und - ein Flop.

Als Dikigoros von der Bundeswehr kam, hatte er noch etwas Zeit bis zum Beginn seines ersten Studiensemesters. (Durch das "Kurzschuljahr", das der schwachsinnigen Verschiebung des Schulanfangs von Ostern auf Sommer in den 1960er Jahren diente, hatten die Betroffenen zwar scheinbar drei Monate Zeit "gewonnen"; die verloren sie aber wieder, weil sie nach dem Abitur - oder dem Wehrdienst - in der Regel drei Monate auf den Semesterbeginn warten mußten, denn der war noch immer nach den Oster- bzw. Herbstferien. Die deutsche Bildungspolitik war schon damals eine Katastrofe; in jenen Tagen wurde der Grundstein gelegt für das, was heute unter dem Stichwort "Pisa" bejammert wird - aber das ist eine andere Geschichte.) Andere junge Leute hätten in dieser Zeit vielleicht eine schöne Weltreise unternommen; aber Dikigoros hatte da, wie aufmerksame Leser seiner "Reisen durch die Vergangenheit" wissen, keinen Nachholbedarf, sondern wollte vielmehr endlich mal ein wenig in den vermeintlich "wissenschaftlichen" Universitätsbetrieb hinein riechen. (Er wußte noch nicht, daß diese Art "Wissenschaft" nichts mit dem Schaffen von Wissen, sondern allenfalls mit dem Wiederkäuen von vermeintlichem Wissen vergangener Tage zu tun hat.) Da bot sich der Ferienkurs "Esperanto für Anfänger" für Hörer aller Fakultäten beinahe als Ideallösung an. Die Grammatik dieser Sprache ließ sich tatsächlich in zwei Wochen erlernen, und der Wortschatz war ihm zumindest passiv geläufig, denn er stammte mit wenigen Ausnahmen aus Sprachen, die er allesamt beherrschte. Und das erste Buch, das er auf Esperanto las - der geneigte Leser ahnt es sicher schon - war just "Vojaĝo al Kazohinio" von Sándor Szathmári. [Der sich auf Esperanto eigentlich "Ŝándor" schreiben müßte, denn das Anfangs-s spricht sich im Ungarischen wie ein deutsches "Sch", und das wird im Esperanto durch ein "S" mit Circonflex dargestellt; der Circonflex über dem "g" zeigt übrigens an, daß sich dieses wie "dsch" ausspricht. Inzwischen hat es Versuche gegeben, das "alte" Esperanto einer Rechtschreibreform zu unterziehen und auch sonst etwas "umzugestalten"; aber durchgesetzt hat sich dieses "Neu-Esperanto" - auch "Linguna" genannt - ebenso wenig wie das alte; wer sich wider Erwarten für die Einzelheiten interessiert, kann sie hier nachlesen.]

Was bedeutet eigentlich "Kazohinio"? Auf diese - logische - Frage, die Dikigoros seinem Dozenten sogleich stellte, wußte dieser keine Antwort. Dabei gibt Szathmári im 3. Kapitel doch eine ganz eindeutige Definition: "Kazo ist die reine Vernunft, die in einer mathematischen Geraden und Klarheit erkennt, wann und wie gehandelt werden muß, damit der Einzelne durch die Gesellschaft ein Höchstmaß an Wohlergehen und Bequemlichkeit erreichen kann." So so, Wohlergehen und Bequemlichkeit des Einzelnen durch die Gesellschaft, da fiel Dikigoros prompt der Satz des großen Cynikers Frédéric Bastiat ein: "Staat ist die große Fiktion, vermöge derer jeder glaubt, auf Kosten des anderen leben zu können." [In dieser etwas ungenauen Übersetzung hatte Dikigoros es bei Nietzsche zitiert gefunden; die französische Original-Version, genauer gesagt die französischen Versionen las er erst viel später, und bis heute weiß er nicht, welche die richtige ist. Bitte, trefft selber Eure Wahl: "L'État, c'est la grande fiction à travers laquelle tout le monde s'efforce de vivre aux dépens de tout le monde." Oder: "L'État est cette grande fiction sociale à travers laquelle chacun essaie de vivre aux dépens de tous les autres." Gewiß, der Tenor ist der gleiche, aber es ist doch bezeichnend, wie man den Leuten selbst das gedruckte Wort im Munde herum dreht. Die zweite Version könnte die ältere sein, da sich offenbar schon Nietzsche auf sie gestützt hat; andererseits scheint sie moderner, wie zur Verdeutlichung zurecht gemacht ad usum Delphini, genauer gesagt für die minder bemittelten Pisa-Schüler unserer Zeit, die das Wort "s'efforcer" (sich anstrengen) nicht mehr kennen. Schöner ist sicher die erste Version (mit 2x "tout le monde", zumal sie auch an den Spruch vom Kapitalismus und Sozialismus erinnert: Im ersteren wird der Mensch vom Menschen ausgebeutet, im letzteren ist es genau umgekehrt - aber auf solche "Gegensätze" kommen wir gleich zurück, behaltet das einfach nur kurz im Hinterkopf. Den Esperantisten ist Bastiat übrigens wohl bekannt - aber auf einer weit verbreiteten Internetseite erwähnen sie "L'État" mit keinem Wort, sondern behaupten statt dessen, daß die kurze Satire "Pétition des fabricants de chandelles" (Petition der Kerzenfabrikanten) sein bekanntestes Werk sei. Als ob so etwas in unserer Fortschritts- und Technik-feindlichen Zeit noch jemand kennen wollte!]

Zurück zu der Frage, was mit "Kazohinio" gemeint sein soll. "Hinoj" nennen sich die Menschen jener merkwürdigen Welt, in die es Gulivero verschlagen hat, also muß "Kazohinio" wohl soviel bedeuten wie "Land der Vernunftmenschen". - "Aber meint Szathmári das denn wirklich so?" fragte Dikigoros, dem das durchaus nicht alles vernünftig - und schon gar nicht bequem vorkam - seinen Dozenten. "Aber natürlich", meinte der - er war überzeugter Marxist -, "das ist ja gerade der Gegensatz zu den Be-hinoj, den verrückten Kapitalisten." Hm... auf die simple Idee, die Bezeichnung mal wörtlich zu nehmen, schien bis dahin (und scheint auch bis heute, nach fast sieben Jahrzehnten) noch niemand gekommen zu sein: "Kazo" ist der Krankheitsfall, und somit bedeutet "Kazohinio" schlicht und einfach "Land der kranken Menschen" - wobei die Hinoj nicht weniger krank sind als die Be-hinoj, nur eben auf umgekehrte Art und Weise. Aber muß nicht das Gegenteil von "krank" notwendigerweise "gesund" sein? Nein, liebe Leser, zumindest wollte Szathmári das nicht glauben. Sein Pessimismus ging viel tiefer: Ähnlich wie Swift und Voltaire hielt er den Menschen grundsätzlich für unfähig, eine "perfekte" Welt zu schaffen - und solange man das ganz wörtlich nimmt, ist das ja auch nur realistisch: "Perfekt" bedeutet "vollendet", und da die Welt nie still steht, sondern "alles fließt" - wie schon die alten Griechen wußten - kann sie sich immer nur weiter entwickeln; man kann allenfalls fragen, in welche Richtung sie sich entwickelt, und was der Mensch zu dieser Entwicklung beiträgt. Dabei darf man nicht übersehen, daß die eben zitierte Definition nicht die Meinung des Autors wiedergibt, sondern halt die Auffassung eines Hino, der die Be-hinoj für Geisteskranke hält [Anmerkung für des Esperanto nicht mächtige Leser: Alle Substantive enden im Singular auf -o und im Plural auf -oj], was auf Gegenseitigkeit beruht, denn jeder ist halt davon überzeugt, daß seine Gesellschaftsform nicht nur die bessere, ja beste, sondern die einzig gesunde sei, und daß folglich alle anderen schlecht und "krank" sein müssen - schaut Euch bloß mal die heutigen Demokratisten an, die das genauso felsenfest glauben wie die Geisteskranken beider couleurs in Kazohinien... Denn haben wir nicht gelernt, daß "falsch" und "richtig", "gut" und "böse" mathematisch zwingende Gegensätze sind? Also muß doch derjenige, der das Gegenteil von etwas tut, das als "falsch" und "böse" erkannt ist, etwas "richtiges" und "gutes" tun, oder? Sicher - so sicher wie 2+2 nicht 5 sind, also -5 sein müssen!

Exkurs für sprachlich Interessierte. Esperantisten müssen das freilich so sehen, denn das ganze System der Adjektive - von denen manche Psychologen ja meinen, daß sie das wichtigste an einer Sprache seien - (und auch einige daraus abgeleitete Verben und Substantive) beruht auf dieser Gegensätzlichkeit: Um den zu erlernenden Wortschatz insoweit zu halbieren, teilte Zamenhof die Eigenschaftswörter in zwei große Gruppen von Paaren mit jeweils entgegen gesetzter Bedeutung ein, in positive und negative: hoch, gut, neu, voll, oben etc. gehörten zur ersteren Kategorie, und um ihr Gegenteil auszudrücken, setzte man ihnen die Silbe "mal-" vor. Die Idee klingt auf den ersten Blick bestechend - wir sagen ja bisweilen auch "unklug" statt dumm, "ungut" statt schlecht, "unverschlossen" statt geöffnet, "unwahr" statt erlogen, "unrichtig" statt falsch, "unschwer" statt leicht, "ungesund" statt krank, "unmodern" statt altmodisch oder "unfreundlich" statt feindlich. Warum also nicht auch "Unfreund[schaft] (malamik[ec]o)" statt Feind[schaft], "unhilfreich (malhelpa)" statt hinderlich, "uneinfach (malfacile)" statt schwierig, "Ungewinn (malgajno)" statt Verlust, "unsparen (malŝpari)" statt vergeuden, "unsatt (malsata)" statt hungrig, "unrechts (maldekstra)" statt links, "unreich (malriĉa)" statt arm, "unvor (malantaŭ)" statt hinter, "unmutig (malkuraĝa)" statt feige usw.? [Dikigoros beschränkt sich auf Beispiele aus "Vojaĝo al Kazohinio", sonst müßte er hier ein halbes Wörterbuch abtippen.] Gute Frage, liebe Leser, aber mit etwas Nachdenken werdet Ihr die Antwort finden: Habt Ihr nicht auch das un-gute Gefühl (wenn Ihr nicht gerade Hinoj seid, die ja bekanntlich keine Gefühle haben :-), daß damit eine durchaus fragwürdige moralische Bewertung verbunden ist, die unser Denken - ganz wie in Orwells "1984" - mittels Sprache manipulieren soll? "Mal[a]" kommt ja nicht umsonst vom lateinischen "malus", das nicht einfach nur einen Gegensatz bedeutet, sondern "schlecht" - das Gegenteil von "gut" - und insofern durchaus mit der deutschen Vorsilbe "un-" zu vergleichen ist; dagegen sind die nicht wortverwandten Adjektive meist neutral ("schlecht" ist nur vermeintlich ein unpassendes Beispiel, denn es hat seine negative Bedeutung erst in den letzten beiden Jahrhunderten angenommen; bis dahin bedeutete es einfach "schlicht", nicht etwa "ungut".) Warum soll denn unter ("malsupra") schlechter sein als über, alt ("maljuna") schlechter als jung (das ist so ein Vorurteil des 20. Jahrhunderts - bis dahin hielt man das Gegenteil für richtig!), altmodisch ("malnova") schlechter als neumodisch (schaut Euch nur mal die "Reformen" der Ideologie-besessenen Neuerer um jeden Preis an!), leer ("malplena") schlechter als voll? (Wie war das: "Nur Flaschen müssen immer voll sein - was aber, wenn sie gerade zur Hälfte gefüllt sind? Ist das nun gut oder schlecht? :-) Diese scheinbare Ersparnis geht einher mit einem un-heilvollen (und auf lange Sicht un-heilbaren) Verlust von Ausdrucksfähigkeit - das hatte schon Orwell mit Recht kritisiert. Am Ende ist so eine Sprache dann zwei-, viel- oder noch mehr-deutig (oder viel mehr un-deutig :-), wie etwa das Chinesische - das mag reizvoll sein für Poëten und Linguïsten, aber für ihren eigentlichen Zweck, die Verständigung zwischen den Menschen - deren Verbesserung Zamenhof doch gerade auf seine Fahnen geschrieben hatte - eher reizunvoll und hinderlich, pardon un-förderlich. Exkurs Ende.

Aber beginnen wir nicht gleich mit dem 3. Kapitel - Dikigoros will seinen Lesern auch die ersten beiden nicht vorenthalten, die zwar scheinbar nichts zur Sache beitragen, aber dennoch vor Biestigkeit triefen ("la libro estas insida [das Buch ist hinterhältig - es hält etwas zurück]" warnt der Autor selber im Vorwort) und zugleich zeigen, daß die Gleichsetzung von Szathmáris "Gulivero" mit Swifts "Gulliver" viel zu vordergründig ist. (Aber Hintergründigkeit, pardon Un-vordergründigkeit ist ja für Esperantisten definitionsgemäß etwas schlechtes! Wie konnte Zamenhof nur der Fehler unterlaufen, "insida" durch seinen Wörterfilter rutschen zu lassen?) Während die Abenteuer des letzteren viel weniger mit Kritik an der eigenen Gesellschaft zu tun haben als ihnen immer wieder nachgesagt worden ist, haben die des ersteren überhaupt nichts Exotisches an sich; vielmehr sind sie ganz ausschließlich ein Spiegel, den Szathmári der "christlichen Zivilisation", den "Kulturnationen" seiner Zeit, allen voran den westlichen Demokratien unter der für selbstverständlich genommenen Führung der Weltmacht Großbritannien vorhält, insbesondere ihrer Arroganz gegenüber dem Fascismus, dem sie sich als echte Vorläufer der heutigen Gutmenschen moralisch derart überlegen wähnen, obwohl sie doch selber um keinen Deut besser sind - ganz im (un-mathematischen :-) Gegenteil: Im Jahre 1935 gelangen die Engländer, die ja nur die halbe Welt unterworfen, pardon "befreit" (jawohl, dieses Wort wurde damals schon so miß-, pardon gebraucht!) hatten, zu der Auffassung, daß die Befreiung der Abessinier von der brutalen Herrschaft des Negus nur ein Vorwand der bösen, fascistischen Italiener war, um ihr kleines Kolonialreich zu erweitern, dem mit allen demokratischen Mitteln - notfalls auch denen des Krieges (milito - obwohl "Un-Frieden" doch viel schöner, harmloser klänge; da hat sich Zamenhof etwas entgehen lassen :-) - entgegen getreten werden müsse. (Nein, diese biestigen Formulierungen stammen nicht von Dikigoros - obwohl er ihre Tendenz teilt -, sondern von Szathmári; es muß doch einen Grund haben, warum dieses "hinterhältige" Buch bis heute in England - und anderswo - nicht wohl gelitten ist!) Also heuert unser braver Gulivero als Schiffsarzt auf dem maroden Schlachtkreuzer "Invincible [Un-besiegbar]" an (seine brave britische Ehefrau ist froh, ihn los zu sein und freut sich schon auf die Lebensversicherung) und begibt sich auf die Fahrt gen Osten. Blöderweise wird der un-neue Pott im Indischen Ozean von einem feindlichen, pardon un-freundlichen U-Boot torpediert, und Gulivero landet als Schiffbrüchiger auf einer un-bekannten (malkonata) Insel.

Am nächsten Morgen beginnt Gulivero seinen Rundgang und stellt zunächst einmal fest, daß alles auffällig sauber, modern und gleichmäßig "reich" aussieht. Ja, liebe Leser, das ist so ein typisches Vorurteil der Utopisten (dem wir ja auch schon bei Radistschew begegnet sind), Gleichmacherei müsse immer bedeuten, daß es allen Menschen gleich gut geht; die geschichtliche Erfahrung ebenso wie die gegenwärtige Wirklichkeit lehren indes, daß immer und überall das Gegenteil der Fall ist: Wenn, dann geht es allen Menschen gleich schlecht, pardon un-gut; und wenn man daran etwas ändern will, dann geht das nur, indem man nach und nach die Lebensbedingungen einzelner (der "oberen Zehntausend"), dann immer breiterer Schichten verbessert. Nun trifft dies freilich in der Praxis immer wieder auf fast un-überwindliche Hindernisse, die weniger materielle als vielmehr psychologische Gründe zu haben scheinen, denn wie der große Psychologe Sigmund Freud zutreffend schrieb, hat der Mensch zwar einen starken Destruktionstrieb (er bezeichnete diesen sogar als seinen stärksten Trieb überhaupt), aber keinen sonderlich ausgeprägten Konstruktionstrieb. Nicht lange bevor Szathmári "Vojaĝo al Kazohinio" schrieb, hatte Freud - nicht weniger pessimistisch-realistisch als der Ungar - in "Die Zukunft einer Illusion" geschrieben, "daß sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht aufbauen muß; es scheint nicht einmal gesichert, daß beim Aufhören des Zwanges die Mehrheit der menschlichen Individuen bereit sein wird, die Arbeitsleistung auf sich zu nehmen, deren es zur Gewinnung neuer Lebensgüter bedarf." Tja, es macht den Menschen offenbar viel mehr Spaß (für Leser, die nur noch des Neudeutschen mächtig sind: "fun"), anderen etwas weg zu nehmen (und das, was sie nicht verbrauchen können, zu zerstören), als selber etwas im Schweiße ihres Angesichts zu erarbeiten; man könnte auch sagen: den Schlechteren (oder, wenn Ihr so wollt, den Menschen, denen es schlechter geht) fällt es viel leichter, die Besseren (oder, wenn Ihr so wollt, die Menschen, denen es besser geht) in den Dreck zu ziehen als sich selber zu [ver]bessern. Diese "psychologische Tatsache", wie Freud das nannte, mag man bedauern, aber der Mensch ist wie er ist, und bisher ist es noch niemandem gelungen, seinen Charakter von Grund auf zu ändern, egal von welcher politischen Ecke aus die Versuche, einen "neuen Menschen", einen "Übermenschen" o.ä. zu schaffen, bei dem das anders wäre, auch unternommen wurden.

Als Gulivero dann die Menschen seines Gastlandes kennen lernt (alle sehen gleich jung, schön und gesund aus, sind gut gekleidet, genährt, behaust usw.), stellt er als erstes fest, daß sie völlig emotionslos sind: Sie grüßen einander nicht, sie lächeln nicht, sie lachen und sie weinen nicht, sie kennen weder Liebe noch Haß, weder Feindschaft noch Freundschaft, weder Freude noch Trauer, weder Begeisterung noch Zorn, sondern sind ganz nüchtern und abgeklärt, halt wie es die naturwissenschaftliche, "mathematische" Vernunft verlangt. (Man beachte, daß Szathmáry - anders als Swift auf Laputa bzw. Balnibarbi - diese nicht als pure Theorie weltfremder "Wissenschaftler" abtut, die sich in der Praxis nicht verwirklichen läßt!) Nun sind aber Naturwissenschaften und Natur zwei paar Schuh', und Szathmári übersieht - wie so viele Utopisten -, daß der Mensch, wie alle anderen Lebenwesen auch, von Natur als "Sprache" nicht in erster Linie (geschweige denn ausschließlich) Wörter oder sonstige akustische Signale in die Wiege gelegt bekommen hat, sondern eine Vielzahl anderer, vor allem optischer Kommunikationsmittel wie Gesten, Mimik usw., die sich eben aus seinen Emotionen ableiten. [Völker, die diese Emotionen unterdrücken und statt dessen Masken des (falschen, pardon un-echten) Lächelns aufsetzen - "das Gesicht wahren", nennen sie das - wie die Chinesen, Thais, Japaner u.a. Ostasiaten, bezahlen dafür einen hohen Preis: sie leiden unter chronischen Magengeschwüren. Deshalb ist ihre bevorzugte Religion der Buddhismus, der des Menschen Seele nicht in Herz, Hirn oder Leber sucht, wie andere, emotionsstärkere Völker, sondern - im Bauch. Und wegen der Magengeschwüre ist es nach seinem Verständnis eine ständig schmerzende, kranke Seele, die ihr Träger folgerichtig unbedingt los werden will - deshalb strebt er nach ihrer völligen Auslöschung im "Nirwana". Ihr findet das weit hergeholt, liebe Leser? Denkt mal drüber nach und lernt die Ostasiaten kennen, dann werdet Ihr feststellen, daß es stimmt!]

Aber auch das darf ein Esperantist nicht zugeben, denn wenn wirklich ein bloßes Lächeln oder eine freundliche Geste den Kontakt zwischen Menschen herstellen (und den Frieden bewahren!) kann, wozu braucht es dann noch eine internationale Sprache? Wofür sollte man dann noch die Nationalsprachen und die Nationen abschaffen, wie es die Herausgeber von 1958 im Vorwort propagierten? Aber das mußte doch sein, denn "die Existenz der Nationen ist das mörderischte Gift der Menschheit. Das Leben der Menschheit kann erst beginnen mit dem Tode der Nationen. Die gefährlichste Form der Feindschaft ist nach Überzeugung des Autors der Nazismus." [Naciismo. Im Esperanto gibt es keine unterschiedlichen Wörter für "Nazismus" und "Nationalismus" - zurecht, denn eigentlich ist das erstere ja bloß eine Abkürzung des letzteren, Anm. Dikigoros.] Aber das ist wie gesagt die Meinung der Herausgeber - woran sie das bei Szathmári festmachen wollen, schreiben sie nicht dazu. Etwa daran, daß er den betont britischen Patriotismus Guliveros auf die Schippe nimmt? Aber wie paßt das zu der Doktrin, daß die braven, demokratischen Briten doch die erbittertsten Feinde der bösen Nazi-Deutschen waren (und sind) und den Nationalismus (außer dem eigenen, versteht sich :-) stets mit allen Mitteln bekämpft haben? Und sind die braven Hinoj, die uns Szathmári doch angeblich als Ideal hinstellt, nicht selber ganz engstirnige Nationalisten, oder zumindest Anti-Internationalisten? Weigern sie sich nicht hartnäckig, mit der Außenwelt, also mit anderen Nationen, auch nur in Kontakt zu treten, obwohl sie die technischen Möglichkeiten dazu durchaus hätten? Sind sie nicht das genaue Gegenteil unserer heutigen hochherzigen Politiker, die nichts unversucht lassen, um der ganzen Welt Demokratie, Fortschritt, Freiheit und andere "Menschenrechte" zu bringen, notfalls auch gegen ihren Willen und mit Waffengewalt? Die niemals die Hinoj von den Be-hinoj trennen würden, so wenig wie sie in Bosnien eine Trennung von orthodoxen Serben, katholischen Kroaten und muslimischen Bosniaken zulassen wollen oder in Afģānistān eine Trennung von Pathanen, Tadjiken, Usbeken u.a. NationenStämmen? Würde Szathmári seinen Gulivero heute nicht dorthin reisen lassen (oder, wenn es denn Inseln sein sollen, nach Ost-Timor, Nord-SumatraAceh, Nord-Ceylon, Nord-Irland oder auf die Süd-Molukken)? Wo ständen da wohl die Hinoj, und wo die Be-hinoj? Womöglich die letzteren auf beiden Seiten? Wie gesagt: das Buch ist hinterhältig! (Dikigoros macht keinen Hehl aus seiner persönlichen Überzeugung, daß der Tod der Nationen der Anfang vom Ende der Menschheit wäre, denn statt Kriegen würde es dann permanent Bürgerkriege geben, und die sind bekanntlich noch weit schlimmer - was Szathmári wußte, denn er erwähnte den Spanischen Bürgerkrieg, der gerade auf der Iberischen Halbinsel tobte, ausdrücklich.)

Aber die Hinoj haben nicht nur keine sichtbaren Emotionen, sondern auch keine anderen Gefühle, z.B. kein Schamgefühl: Männlich und Weiblein genieren sich nicht, voreinander in aller Öffentlichkeit nackt zu sein - z.B. beim Anprobieren von Klamotten -, und sie sprechen ganz offen über Sex, den sie als Arbeit ("seksolaboro") betrachten. Gulivero ist das natürlich furchtbar peinlich; aber Szathmári empfindet diese Gefühle des prüden Engländers offenbar als lächerlich. Dazu könnte man eine Menge sagen - in erster Linie, daß Szathmári, Freud und viele andere ihrer Zeitgenossen dieses Problem wahrscheinlich überbewertet haben. Übertriebenes Schamgefühl, Prüderie oder wie Ihr es sonst nennen wollt, liebe Leser, ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts; die Kinder des 20. Jahrhunderts haben vehement dagegen angekämpft; und nun deutet alles darauf hin, daß das 21. Jahrhundert ein Zeitalter der Schamlosigkeit, pardon der Unprüderie werden wird. (Dikigoros' persönliche Meinung zu dieser Entwicklung in einem Wort? Lest die beiden letzten Sätze noch einmal, dann wißt Ihr's.) Die Hinoj haben auch kein Gefühl für Schönheit oder Häßlichkeit. Kunst und Künstler gibt es nicht: Wozu noch Malerei und/oder Bildhauerei, da man doch die Fotografie erfunden hat? Wozu schöngeistige Literatur, da man doch genug Sachbücher zu lesen hat? Wozu Kochkunst, da man sein Essen doch geradezu perfekt - mit Vitaminen und naturidentischen Aromastoffen aufgepeppt - in der Pappschachtel aus dem Schnell-Restaurant bekommen kann, und dazu noch kostenlos?! Eben, liebe Leser, und der Strom kommt aus der Steckdose, auch kostenlos, denn das Geld ist ja abgeschafft - kein Hino weiß mit Guliveros englischen Pfundnoten etwas anzufangen, geschweige denn mit seinen Gold- und Silbermünzen. Wozu auch, jeder kann sich ja aus dem selbstverständlich vorhandenen Überfluß nach seinen Bedürfnissen nehmen, was und soviel er will. Und wer produziert das ganze? Jeder nach seinen Fähigkeiten, die ebenso selbstverständlich immer in ausreichendem Maße vorhanden sind, bei den einen halt weniger als bei den anderen: Wäschewaschen und andere schwere Handarbeiten verrichten bei den Hinoj die starken Männer, denn die Waschmaschine und andere Haushaltsgeräte sind offenbar noch nicht erfunden (kein Wunder, wenn die vermeintlich "leichteren" Arbeiten, bei denen man z.B. denken muß, von Frauen getan werden, die bekanntlich ein kleineres Gehirn haben als Männer :-).

Längerer Exkurs, den Ihr, liebe Kinder des 20. Jahrhunderts, bitte nicht überspringen wollt. Malerei und Bildhauerei werden also durch die Fotografie überflüssig? Und wenn nicht, dann doch jedenfalls diejenige Malerei und Bildhauerei, die "nur" Lebewesen und andere Dinge abbildet wie sie sind? Das wollen uns ja die Anhänger der "modernen Kunst" weis machen - aber da hat Dikigoros oft den Verdacht, daß ihnen bloß die Trauben zu hoch hängen, d.h. daß sie nicht einmal zu diesem "einfachen" Abbilden in der Lage sind und sich deshalb in irgendwelche Schmierereien und Klecksereien flüchten - "Kunst kommt von Können", hat mal jemand gesagt, und die meisten modernen "Künstler" sind schlicht Nichtskönner, die nur deshalb hofiert werden, weil sie im "Dritten Reich" als "entartet" verfemt waren und man das doch irgendwie "wiedergutmachen" muß. Aber mal ganz abgesehen davon, daß schon rein technisch ein zweidimensionales Foto nie eine dreidimensionale Plastik ersetzen kann, kann es auch ideell nicht das ersetzen, was wahre Kunst ausmacht - eben das Ideal. Seht Ihr, die Menschen, die ein Arno Breker oder ein Josef Thorak dargestellt haben, hat es so im 20. Jahrhundert nicht mehr gegeben - und Dikigoros bezweifelt, daß es sie je gegeben hat, auch nicht zur Zeit des Praxiteles im antiken Hellas. Aber ihre Plastiken erfüllten Vorbildfunktion, wenn Ihr so wollt eine Utopie, aber eine, der es wert ist nachzueifern, nämlich die des idealen Körpers. Die Aktfotografie/Pornografie von heute tut das auch - und das ist das eigentliche Geheimnis ihres Erfolgs, denn Sex zwischen häßlichen oder alten Menschen will niemand sehen -, sie zeigt stets nur junge, schöne Menschen mit perfekten Körpern, wobei sie freilich die Umstände vertuscht, unter denen diese Illusionen, pardon Ideale, zustande gekommen sind, nämlich unter dem Messer des Schönheits-Chirurgen - dem Bildhauer unserer Zeit - und dem Pinsel des Maskenbildners - dem Maler unserer Zeit. Und nun dürft Ihr Euch aussuchen, was besser oder schlimmer - oder "künstlerischer" - ist: Die Schönung des Bildes gegenüber dem Modell - das dann eben gerade nicht 1:1 abgebildet wird, so daß der Vorwurf der "Modernisten" ins Leere geht - oder die Schönung des Modells durch Silikon und Schminke und dessen 1:1-Ablichtung mittels einer Kamera.

Das alles konnte Szathmári noch nicht wissen. Aber etwas anderes hätte er besser wissen können, ja müssen: Glaubte er denn im Ernst, daß immer jemand bereit sein würde, freiwillig auf Straßenlaternen zu klettern, um defekte Glühbirnen auszuwechseln, oder in Gullis zu kriechen, um kaputte Abwasserrohre zu reparieren, wie Gulivero es bei seiner ersten Begegnung mit den Hinoj erlebt? Die Natur scheint uns diese Bereitschaft nicht in die Wiege gelegt zu haben, wie uns insbesondere ein Blick auf die so genannten "Natur-Völker" zeigt - von denen Szathmári freilich noch nie eines aus der Nähe gesehen hatte (damals gab es noch nicht in jeder größeren mitteleuropäischen Stadt ein Neger- oder Araberviertel, schon gar nicht in Budapeŝt :-). Was geschah denn mit den zivilisatorischen Einrichtungen, welche die europäischen Kolonialmächte in die Dritte Welt gebracht hatten, nach deren Entlassung in die Un-Abhängigkeit, also Fortfall des bösen Zwanges zur Fronarbeit, wenn mal eine Glühbirne ausfiel oder ein Wasserrohr brach? Haben sich die lieben Negerlein mit Feuereifer daran gemacht, das wieder in Ordnung zu bringen? Ha ha - wenn sie Glück hatten, also z.B. Erdöl oder andere wertvolle Bodenschätze, die ihnen die dummen Weißen für teures Geld abkauften, dann engagierten sie noch dümmere Weiße, die ihnen diese Arbeit abnahmen; wenn nicht, dann verfiel alles binnen einer Generation. Was wurde nach dem Fortfall des bei den faulen, pardon un-fleißigen Kanaken so verhaßten "Cultursteeltsels" aus Niederländisch-Indien, der reichsten Kolonie Asiens mit dem höchsten Nahrungsmittel-Export? Richtig: Indonesien, das ärmste Land Südostasiens mit dem höchsten Nahrungsmittel-Importbedarf. Was wurde aus Belgisch-Kongo, der reichsten Kolonie Afrikas mit den weltweit größten Vorkommen an Bodenschätzen? Richtig: Zaïre, das ärmste Land Afrikas. (Haben diese "befreiten" Völker übrigens den Krieg besiegt? Na klar, es gibt "nur" noch Bürgerkriege, s.o.; dafür sind die meisten Eingeborenen jetzt gleich - gleich arm.) Ja, auch dort gibt es kein Geld [mehr], man lebt von Entwicklungshilfe oder auf Pump, und alles, was noch zu haben ist, wächst kostenlos auf den Bäumen, von den Kokosnüssen bis zu den Bananen, genau so wie es der geistige Vater der Französischen Revolution, Johannes-Jakob Isaak Rosenwasser Jean-Jacques Rousseau einmal schrieb: "Die Früchte gehören allen." Wohl wahr, es muß sie nur jemand ernten, wie Gulivero in Kazohinien seine erste Glühbirne, pardon Birne. [An diesem Wortspiel und der Parallelität der Handlungen - Gulivero pflückt die Birne unmittelbar bevor seine beiden Begleiter die Glühbirne auswechseln - könnt Ihr übrigens erkennen, daß Szathmári das Stück ursprünglich nicht auf Esperanto, sondern auf Ungarisch geschrieben hat, auch wenn später oft etwas anderes behauptet wurde, denn "pero" und "ampolo" haben nun sprachlich gar nichts mit einander zu tun - wohl aber "körte" und "villanykörte".] Doch das tut er bezeichnenderweise nur, um seinen größten Hunger zu stillen - oder habt Ihr schon mal jemanden gesehen, der unter Lebensgefahr auf eine Straßenlaterne, pardon Palme klettert, um mehr zu pflücken als die paar Kokosnüsse, die er zum eigenen Verzehr braucht, wenn er für die Dienstleistung, anderen welche mit zu pflücken, nicht bezahlt wird (oder nicht vom Tallyman, der mit der Peitsche hinter ihm steht, angetrieben wird)? [Wenn er mehr erntet, kann er sie ja nicht verkaufen, und offenbar auch nicht eintauschen, denn Geld ist ja nichts anderes als ein Tauschmittel.] Eben, Dikigoros auch nicht. Exkurs Ende.

Und da wir gerade beim vorhandenen oder nicht vorhandenen Geld sind, müssen wir nun auf einen ganz wichtigen Punkt kommen, der dieses Buch den Kommunisten (und anderen Kollektivisten) so sympathisch macht: das fehlende Konzept von "Eigentum" bei den Hinoj. Wie schrieb der französische Anarchist Pierre Joseph Proudhon im 19. Jahrhundert: "La propriété, c'est le vol [Eigentum ist Diebstahl]!" (Nein, liebe Marxisten, dieser Satz stammt weder von Charly Murx noch von Fritze Engels - mit denen Proudhon alles andere als auf einer Reihe stand!) Und wie schrieb der oben erwähnte Jean-Jacques Rousseau schon im 18. Jahrhundert: "Der erste Mensch, der einen Zaun um ein Stück Land gezogen und gesagt hat: das ist mein Eigentum, war der eigentliche Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviele Laster, wie viele Kriege, wieviel Not und Elend könnte jemand verhindert haben, der die Zaunpfähle nieder gerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: Glaubt diesem Betrüger nicht...!" (Oder so ähnlich - wie Bastiat wird auch Rousseau immer wieder in leicht abgewandelter Form zitiert, aber der Tenor bleibt sich gleich. [Im nächsten Halbsatz kommt übrigens der Spruch mit den Früchten, die allen gehören, den Dikigoros schon zitiert hatte und deshalb hier weg läßt.]) Ja ja, wenn es nach einigen sozialistischen Utopisten geht, dann war der Erfinder des Privateigentums der größte Verbrecher der Menschheitsgeschichte; aber Dikigoros hat ja bereits an anderer Stelle geschrieben, daß er diesen ersten Gartenzaunbauer und Erfinder des Privateigentums vielmehr für den größten Wohltäter der Menschheitsgeschichte hält, und zwar aus den gleichen Gründen, die Radistschew genannt hat: Wer Privateigentum hat, also die Früchte seiner Arbeit selber genießen darf, dessen Arbeitseinsatz ist ungleich höher als wenn er auf fremde Rechnung arbeitet - auch das zählt zu den grundlegenden Charaktereigenschaften des Menschen, die man bedauern mag; aber Altruïsmus, pardon Un-Eigennützigkeit ist ihm nun einmal nicht in die Wiege gelegt worden. (Wie wir heute, d.h. seit Richard Dawkins und seinem bahnbrechenden Werk "The Selfish Gene [das egoïstische Gen]" wissen, gilt das sogar für den scheinbaren Altruïsmus unter Verwandten; Nächstenliebe hat - wie alle anderen moralischen Gebote auch - halt nur dann einen selektiven Wert, wenn sie sich auf die genetisch Nächsten beschränkt; diese "psychologische Tatsache" hat uns die Psycho-Biologie gelehrt, weshalb diese Disziplin von gewissen Utopisten und Polit-Narren auch zutiefst verabscheut wird :-) Alle Gesellschaftssysteme, die gegen diese Tatsache anzugehen versucht haben, sind schlicht und ergreifend gescheitert - und das meist ziemlich kläglich und mit katastrofalen Folgen für die menschlichen Versuchskaninchen. Objektiv gesehen mag Gemeinnutz vor Eigennutz gehen; aber subjektiv - also gefühlsmäßig - wird das dem Einzelnen nie restlos zu vermitteln sein, deshalb müsen Szathmáris Hinoj ohne Gefühle sein. Nebenbei bemerkt: Sind denn Gefühle etwas Unnatürliches, Irreales, das nur in der spinnerten Fantasie einiger kranker Menschen existiert? Ach was, das sind ganz reale, chemische Vorgänge in unserem Gehirn; und verlaßt Euch drauf, liebe Leser, wenn die keinen Sinn machen würden, dann hätte die Natur sie in ihrer Millionen Jahre langen Evolutionsgeschichte längst ausgemendelt!

Wie geht es nun weiter mit Gulivero? Es kommt, wie es kommen muß: Er wird bei den Hinoj nicht glücklich (wen wundert's - Glück ist ein Gefühl!); er hält deren Gesellschaft für krank. (Das Faß zum Überlaufen bringt sein vergeblicher Versuch, ihnen das Schachspielen beizubringen; sie verstehen seinen Sinn nicht, wie sie überhaupt den Sinn des Spielens - Übung - nicht verstehen wollen.) Also beschließen die, ihn zu kurieren, indem sie ihn zu den Be-hinoj schicken, bei denen alles ganz anders ist - wie Gulivero hofft, menschlicher. Und in der Tat, vieles erinnert uns an die menschliche Gesellschaft, wenngleich Szathmári einige Esperanto-Vokabeln für Abstracta neu erfindet, damit wir etwas zu knobeln haben, bevor wir die Parallelen sehen. Es beginnt eher harmlos damit, daß Gulivero die einfachsten Sitten und Gebräuche der Be-hinoj nicht kennt, z.B. wie man sich begrüßt, wie man sich kleidet und wie man ißt. Das scheint zwar alles noch im Rahmen des Erträglichen zu bleiben, etwa wie bei Swift auf Laputa; aber die nächsten Kapitel zeigen uns, daß es da einen fundamentalen Unterschied gibt: Die Einwohner von Laputa leben nur deshalb in schlechten Klamotten und baufälligen Häusern, weil sie unfähig sind, ihre - eigentlich guten - theoretischen Ideen in die Praxis umzusetzen. Aber die Be-hinoj wollen es genau so haben, wie es ist. Das kann man nun "ketni [Etikette]" nennen, aber gemeint ist viel eher das, was wir "Mode" nennen. Hat man nicht manchmal tatsächlich den Eindruck, daß uns der von der Werbeindustrie aufgebaute Konsumterror nur das als "chic" und "tragbar" erscheinen läßt, was un-schön, un-bequem, un-praktisch und manchmal direkt un-gesund ist? Guliveros Landsmann Desmond Morris hat in den 1960er Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel "Der nackte Affe", an dem Dikigoros besonders beeindruckt hat, wie er die bis heute "modische" Kleidung erklärt: Es handelt sich um die Ausrüstung der Engländer für die Fuchsjagd: Eng geschnittene Hosen und Jackets, steifer Hut und Kragen, in dem man kaum Luft bekommt. Und wenn man[n] sich anschaut, wie sich frau heute kleiden muß, wenn sie dem Diktat der Modezaren gehorchen will... Enge Korsetts, hochhackige Schuhe, auf denen sie kaum gehen, geschweige denn laufen kann, eine lächerliche Kopfbedeckung... Gewiß, die Regeln scheinen sich heute etwas gelockert zu haben; aber im Grunde genommen haben auch diejenigen, die dagegen - wie gegen so vieles andere - protestiert haben, angefangen mit den 68ern, nur den einen Zwang durch den anderen ersetzt (wie sang mal der Liedermacher Reinhard Mey in Annabelle: "... denn wir tragen ja die Nonkonformisten-Uniform!" :-), indem sie T-shirts und Jeans zur Norm erhoben, die ebenso eng, un-bequem und un-praktisch waren wie die Kleidungsstücke, die sie ersetzen sollten. Und so geht es Gulivero bei den Be-hinoj auch: Wer seine Klamotten nicht der letzten Mode angepaßt, d.h. völlig versaut hat, wird schief angesehen. Nun, das wäre ja noch zu ertragen, da die braven Hinoj den Be-hinoj (die sie hinter einer großen Mauer gefangen halten, aber nicht ganz in ihrem eigenen Saft schmoren lassen) immer wieder neue Häuser, Klamotten und Lebensmittel zur Verfügung stellen. Aber da wir gerade bei den letzteren sind: Auch da gibt es merkwürdige Tabus: So darf man in der Öffentlichkeit nicht nur nicht essen, sondern das Essen auch nicht erwähnen, d.h. es nicht beim Namen nennen, sondern nur umschreiben. Dagegen macht man Sex und Toilette in aller Öffentlichkeit, wie Gulivero zu seiner Empörung feststellt. Ihr seht, worauf Szathmári hinaus will, liebe Leser? Aber hätte er nur eine Generation früher gelebt, dann wäre es auch im zivilisierten Europa für einen wohl erzogenen Menschen ein Unding gewesen, in der Öffentlichkeit zu essen und/oder zu trinken. (Dikigoros erinnert sich noch an eine Lektion in seinem Englisch-Lehrbuch, in dem ein junges Mädchen Eiskreme auf der Straße ist. Ihr alter Lehrer wies sie sogleich darauf hin, "that a young lady must not eat ice cream in public".) Und noch eine Generation früher, als es noch nicht in jeder Wohnung ein Wasserklosett gab, war es - jedenfalls bei einfachen Menschen - ganz normal, sein Geschäft auf dem Donnerbalken im Hof zu verrichten.

Aber auch damit könnte man zur Not leben - ißt man halt hinter verschlossenen Türen, basta. Basta? Nein, das genügt den lieben GutmenschenMitmenschen eben nicht, sondern sie erwarten auch aktiven Konformismus, dem man sich nicht entziehen kann. Jemand, der sich nicht für eine bestimmte Religion oder eine bestimmte politische Richtung entscheiden will, ist kein Gutmensch, sondern ein verdächtiges Subjekt. Man muß Partei sein, auch wenn einem das eine wie das andere so absurd erscheint wie dem armen Gulivero: Sind die Unterschiede in der Kleidung der Pfarrer nicht ebenso un-wichtig wie die Symbole der politischen Parteien? Wen schert es, wie der Gottesdienst gefeiert wird, und ob jemand ein Hakenkreuz, Hammer oder Sichel, pardon, einen Kreis oder ein Viereck an die Wand schmiert? Nun, die Be-hinoj. Auch Gulivero wird in eine Konfession aufgenommen und sogar zum Meßdiener ernannt, als welcher er OblatenKieselsteine an die Schäfchen verteilen darf. Allerdings darfmuß er dafür auch sein von den Hinoj geliefertes Essen der Kirche abliefern, von der er dann diskret einen Teil zurück bekommt. Tja, liebe Leser, das mag Euch lächerlich erscheinen - und in seiner heutigen Form ist der Gottesdienst das vielleicht auch. Aber das hatte alles mal einen guten Grund; und noch vor einer Generation war es z.B. in griechisch-orthodoxen Kirche üblich, daß die Gläubigen eines Sprengels vor dem Gottesdienst Brot sammelten und dem Popen brachten. Der zerschnitt es dann und verteilte es beim Gottesdienst an die Gemeindemitglieder, damit alle, auch die Armen, etwas zu essen bekamen - das war "Kommunion", gemeinsames Mal, im besten Sinne des Wortes! Es gibt nichts, was Menschen so verbindet wie gemeinsames Essen und Trinken, selbst noch in Zeiten des Überflusses und des Übergewichts - oder was tut Ihr, wenn Ihr Euch mit Euren Freunden trefft? -, erst recht in Zeiten des Hungers; und die waren, als Szathmári das schrieb, auch in Europa noch längst nicht vorbei, und gerade er selber hätte das - wenn man denn seinen Biografen glauben darf - nur zu gut wissen müssen. Aber er will auf etwas anderes hinaus, denn die Umverteilung der Lebensmittel führt dazu, daß die Priesterkaste ("betikoj") sich selber satt ißt, aber große Teile der einfachen Bevölkerung hungern, obwohl eigentlich genug für alle da wäre; aber viele "Überschüsse" werden nicht verteilt, sondern vernichtet. Ja, liebe Leser, darüber ist, seit im 20. Jahrhundert erstmals Nahrungsmittel-Überschüsse erzielt wurden, viel lamentiert worden von den Weltverbesserern vor allem aus dem linken Lager. Ihre Argumentation: Wenn alle Überschüsse, die in den "reichen" Ländern produziert werden, an die Armen in der "Dritten Welt" verteilt würden, bräuchte niemand Hunger zu leiden. Wie war das mit den brasilianischen Kaffeebohnen, die in Lokomotiven verheizt wurden, weil der Weltmarktpreis gefallen war? Wie war das mit den Butterbergen und Milchseen der EWG? Usw., usw., es gibt noch heute reichlich Beispiele, und in der Theorie klingt das ja auch alles recht einfach. Aber die Praxis sieht leider anders aus. Gewiß gibt es in vielen Teilen der Welt vieles, was "für alle" reichen würde - aber es müßte erst einmal dorthin transportiert werden. das klappt schon im kleineren Rahmen nicht immer. Was half es, daß in der Sowjet-Union fast immer gute Ernten erzielt wurden, wenn die Produkte nicht rechtzeitig zu den Verbrauchern gebracht wurden, bevor sie verdarben? Und was hilft es uns, wenn irgendwo auf der Welt genügend Reis produziert wird, wenn er am anderen Ende der Welt benötigt würde? Sollen die einen ihn umsonst, d.h. auf ihre Kosten, zu den anderen bringen und dort verschenken? Na klar, würden Szathmári & Co. antworten, dei Hinoj tun das ja auch! Aber die wohnen ja auch nebenan! Nein, das Problem liegt gerade in der Verteufelung der Umverteilung an sich. Nicht wahr, derjenige, der die Produkte beim Erzeuger abnimmt und sie dann an den Verbraucher weiter verteilt, der Koofmich, der Pfeffersack, der Kornjude, ist immer der Böse, denn er beraubt die einen und betrügt die anderen, weil er sich selber bereichert. Aber ohne diese Verteiler sähe es noch schlimmer aus; es ist lediglich die Frage, ob die Umverteilung im konkreten Fall gut oder schlecht organisiert ist; und da scheint es in den "kapitalistischen" Ländern immer noch besser zu funktionieren als in denen, wo "Sozialismus" oder irgend eine andere Form der staatlichen Lenkung das übernimmt.

Exkurs. Inzwischen gibt es Leute, die meinen, diese Transport- und Verteilungsprobleme mit weltweitem Handelsaustausch lösen zu können. Aber die so genannte "Globalisierung" scheint in der Praxis das genaue Gegenteil zu bewirken: Skrupellose "Global players", pardon, internationale Unternehmen lassen dort produzieren, wo es am billigsten ist, zu Hungerlöhnen, und lassen das dort Produzierte dann nicht etwa an die Bedürftigen dortselbst verteilen, sondern ganz im Gegenteil in die reichen Länder transportieren, um es da mit maximalem Profit zu verkaufen. Das geht so lange gut, wie es in jenen Ländern genug Kaufkraft gibt, um jene Produkte abzunehmen. Aber allmählich macht die Billigkonkurrenz in den "armen" Ländern die "reichen" Länder kaputt, deren "teure" Arbeitsplätze verloren gehen, da sie nicht mehr profitabel sind. Und eines Tages, wenn die Reserven aufgezehrt sind, wird es keine Abnehmer mehr geben und das ganze Verteilungssystem bricht zusammen. Na und, wäre das so schlimm? Könnte man dann nicht alles wieder neu aufbauen? Wenn das so einfach wäre... Wenn die Produktions-Stätten erstmal still gelegt bzw. ins Ausland verlagert worden sind (jawohl, ganze Fabriken sind abmontiert und aus Europa nach Rotchina oder sonstwohin verschifft worden!), das Know-how der Arbeitslosener verloren gegangen ist (und nicht nur der: Die Techniker und Ingenieure, die ein Atomkraftwerk errichten und betreiben könnten, sind angesichts deren allmählicher Stillegung längst emigriert; wenn also die Scheichs - oder Mullahs - den Ölhahn zu drehen, gehen in Mitteleuropa ganz schnell die Lichter aus) und vor allem auch kein Kapital mehr vorhanden ist, dann wird es schwer sein, gegen die dann perfekt organisierten Produktionsstätten in der Dritten Welt anzukommen. Und glaubt bloß nicht, liebe Leser, daß sich das nur auf Industrie-Produkte bezieht (was ja schlimm genug wäre!); nein, es geht auch ganz konkret um Nahrungsmittel. Europa ist längst nicht mehr autark. (Verzeiht Dikigoros dieses "unmoralische" Wort, das ja aus dem Wortschatz der bösen Nazis kommt, die Deutschland von Nahrungsmittel-Einfuhren - und möglichst auch von anderen Importen - möglichst unabhängig machen wollten.) Von A wie Äpfel bis Z wie Zwiebeln, von Kartoffeln bis Weintrauben, von Rindfleisch bis Schnittblumen wird alles aus Übersee importiert, was früher einmal bei uns selber produziert wurde - ganz abgesehen von exotischen Früchten, die nicht unbedingt notwendig wären, an die wir uns aber gewöhnt haben. (Ja, auch Dikigoros schließt sich da nicht aus - Europa produziert auch nicht genug Reis für alle, geschweige denn Weizen für seine Nudeln; und auf Ananas und Bananen möchte er auch nicht verzichten :-) Wir sind längst in einem Teufelskreis gefangen; denn wenn diese Lieferungen ausfielen, würden wir auch in Europa schlagartig anfangen zu hungern - ob es da nicht doch besser war, ein paar Überschüsse an Milch und Butter zu produzieren? Wer hat denn heute noch einen eigenen Nutzgarten? Wer einen eigenen Hühner-, Kaninchen oder gar Schweinstall? Oder wer einen Wald in der Nähe, wo er Beeren und Pilze sammeln könnte (wenn er denn noch zu unterscheiden wüßte, welche eßbar und welche giftig sind? Gleiche Frage für Fische, wenn es denn noch Flüsse gäbe, aus denen man sie angeln könnte)? Wer wüßte noch ein Rebhuhn im Wald zu fangen, einen Hasen auf dem Feld oder ein Wildschwein im Wald zu erlegen? Eine Handvoll... Und der Rest? (Selbst mal angenommen, es gäbe in der Natur, d.h. außerhalb der Rinder- und Schweine-KZs und der Lege-Batterien, noch genügend Fleisch- und Geflügel-"Lieferanten" für alle Menschen, um satt zu werden.) Soll der verhungern? Nein, da wird es zu mörderischen Kämpfen kommen, gegen die die gelegentlichen Überfälle der Be-hinoj unterschiedlicher Konfessionen, die einander die Einrichtung demolieren, eher harmlos sind. Und macht Euch keine Illusionen, liebe "zivilisierte" Leser, wer dabei die Oberhand behalten wird: In den Vororten von Paris, London u.a. europäischen Metropolen sitzen schon diejenigen, die an solche Kämpfe längst gewöhnt sind, frei von Skrupeln o.ä. lästigen Gefühlen, ganz wie die Hinoj - aber das ist auch die einzige Parallele zu denen, ansonsten wird es nach ihrer Machtergreifung eher aussehen wie in den Favelas von Rio, in Lagos oder in den Slums von Kairo. Exkurs Ende.

Nun sieht Szathmári die Ursache für die Lebensmittelvernichtung aber nicht in der Bosheit raffgierigen Kapitalisten, sondern in der Verschwendungssucht der Kirche. Bei religiösen Festen werden stets Kleidung und Nahrung mutwillig zerstört, pardon geopfert, und der Prunk jener Feiern... Ja ja, liebe Leser, alles wahr: Es wird auf solchen Festen (aber nicht nur auf solchen religiösen Ursprungs) ungeheuer viel Zeit und Geld verschwendet: Denkt mal an das Sylvesterfeuerwerk, an die armen Osterlämmer, die Martinsgänse und die Thanksgiving-turkeys, und das in einer Zeit, da die Leute eh schon an Übergewicht leiden... (Aber das war halt nicht immer so!) Und die christlichen Kirchen (besonders die katholischen, aber nicht nur die, auch wenn die Protestanten das gerne behaupten), die muslimischen Moscheen, die buddhistischen und hinduistischen Tempel und welche Gotteshäuser Ihr Euch auch sonst immer anschaut, sind meist vom Feinsten, in der Regel die schönsten, größten und teuersten Gebäude am Standort - könnte man von dem Geld, das für ihre Errichtung und ihren Unterhalt ausgegeben wird, nicht etwas Gescheiteres auf die Beine stellen? Aber seht Ihr, diese Gebäude gehören doch nicht dem Priester, Mullah, Popen oder Bonzen, der darin den Vorbeter macht, sondern daran können sich alle Gemeindemitglieder erfreuen und es als "ihres" empfinden - ganz anders als die Prachtbauten und [Büro-]Paläste der weltlichen Herrscher, in die kein gewöhnlicher Untertan seinen Fuß setzen darf! A propos Bauten: Die sind bei den Be-hinoj nicht nur verfallen, sondern Szathmári nimmt sie auch als Aufhänger, um den Irrsinn der Arbeitslosigkeit im wahrsten Sinne des Wortes auf die Schippe zu nehmen: Immer wenn die Be-hinoj ein Haus fertig gebaut haben, fangen sie an, es wieder abzureißen, denn sonst würden ja die Maurer arbeitslos und könnten sich ihrerseits kein Haus leisten. Pervers, oder? Tja, liebe Leser, aber auf dieser traurigen Tatsache beruht unsere ganze "Wegwerfgesellschaft", der Konsumterror, der Druck auf die Verbraucher, ihrem Namen Ehre zu machen, damit die Produzenten "Umsatz" machen können; denn ohne Kriege, bei denen alles zerstört wird und wieder aufgebaut werden muß, stieße die auf Wachstum ausgelegte Industrie-Gesellschaft sehr schnell an ihre Grenzen, wenn etwa Häuser und Möbel noch 100 Jahre hielten, Kleider 50 Jahre, Autos und elektrische Geräte 25 Jahre usw. Nein, jeder Hausbrand, jeder Verkehrsunfall ist ein Gewinn, und was man nicht kaputt bekommt, muß halt wegen eines öfters wechselnden "Mode"-trends ausgetauscht werden - aber das hatten wir ja schon. Aber wer zwingt Euch, das mit zu machen? Jeans zu kaufen, die schon "neu" verwaschen und zerrissen aussehen, gute Kleider wegzuwerfen, deren Farbe nicht mehr "modern" ist, und Schuhe zu tragen, die vorne so spitz sind, daß sie Euch die Zehen zerquetschen, und hinten so hoch, daß Ihr Euch die Sehnen verkürzt? Eben: niemand! (Insoweit geht es Euch - noch - besser als dem armen Gulivero :-)

Exkurs. Gewiß, was Dikigoros in den letzten Sätzen geschrieben hat, ist leichter gesagt als getan, und das meinte Szathmári vielleicht auch gar nicht, nein bestimmt nicht, denn als er Guliveros fiktive Reise nieder schrieb, gab es das ja noch nicht in dem Maße wie heute. Aber einige - viel schlimmere - Idiotien seiner Zeit haben sich bis heute erhalten, und nichts deutet darauf hin, daß sie sich so schnell abschaffen ließen - sie scheinen im Gegenteil immer mehr um sich zu greifen. (Nein, nicht die Verkrüppelung der Füße chinesischer Frauen - das war schon zu Szathmáris Zeiten nicht mehr üblich, auch wenn die Maoïsten etwas anderes behaupten.) Wenn Ihr z.B. das Pech hättet, in gewissen nordafrikanischen Ländern zu leben, kämet Ihr nicht umhin, Euch beschneiden zu lassen, was für die Männer nur unangenehm sein mag, für die Frauen dagegen schon gesundheitsschädlich - wenn frau sich nicht auf den Standpunkt stellen will: Was mich nicht umbringt, macht mich härter und trägt zur Auslese der Stärksten im Überlebenskampf bei. In vielen muslimischen Ländern müßten Leserinnen, die nicht Gefahr laufen wollen, gesteinigt zu werden, immer brav verschleiert gehen - in einigen sogar von Kopf bis Fuß. Nun mag ein leichter Gesichtsschleier in der Wüste ganz praktisch sein; aber es ist etwas anderes, mit einem schwarzen Burkha und vergittertem Gesicht herum zu laufen. Und leider gibt es ähnliche Verrücktheiten nicht nur unter Muslimen, sondern auch in christlichen Landen: Es mag ja vernünftig sein, eine Alkoholfahne zu ächten - aber wer hat denn ein Interesse daran, ein gleiches mit der Knoblauchfahne zu tun? Gibt es etwas, das gesünder ist, besser schmeckt und riecht als Knoblauch? Ein Türke oder ein Koreaner würde Euch vielleicht noch darauf hinweisen, daß es Arterien-Verkalkung und damit Schlaganfällen und Herzinfarkten - also den häufigsten Todesursachen in Mitteleuropa - vorbeugt; und was könntet Ihr ihm da allenfalls entgegnen? "Wenn es solche Krankheiten nicht mehr gäbe, dann hätten die Ärzte ja keine Arbeit mehr und müßten verhungern!" Woran erinnert Euch das? Richtig, an die Sache mit den arbeitlosen Maurern, denen zuliebe die Be-hinoj die neu gebauten Häuser gleich wieder abreißen. Und wie war das mit den Zeichen, den Kreisen und den Vierecken? Tja, liebe Leser, der Mensch scheint tatsächlich das einzige Tier zu sein, das denen Bedeutung beimißt. Wie viele Kriege sind nicht schon im Zeichen des Kreuzes und des Halbmondes geführt worden? Ihr meint, die wären wohl auch ohne jene Symbole geführt worden? Schon möglich, aber hängt es ruhig eine Stufe tiefer auf, und es bleibt noch verrückt genug: Da gibt es zum Beispiel ein Land in Mitteleuropa, wo Menschen ins Gefängnis geworfen werden, wenn sie ein bestimmtes Kreuz gut finden, über das sich die Gutmenschen mehr aufregen als die Be-hinoj über alle feindlichen Symbole zusammen. (Dikigoros fragt sich immer, wer verrückter ist - diejenigen, die jenes Zeichen partout tragen wollen, oder diejenigen, die es verbieten.) Es soll sogar westliche Gutmenschen geben, die in bestimmten Tempeln Südasiens versucht haben, jenes dort ziemlich häufige Zeichen zu zerstören; und Dikigoros muß einräumen, daß er in diesem Punkt wie ein Be-hino denkt, nämlich großes Verständnis dafür hat, daß jene KrankGut-Menschen sich damit eine ordentliche Tracht Prügel eingehandelt haben. (Er persönlich hätte sich, tolerant wie er ist, auch nicht daran gestört, wenn man sie den Elefanten zum Zertrampeln vorgeworfen hätte, denen jenes Zeichen heilig ist :-) Exkurs Ende.

Aber mehr noch als auf die religiösen Feste und die damit verbundene "Verschwendung" hat sich Szathmári auf die religiöse Erziehung eingeschossen und auf die "Moral", die sie vermittelt. Schaut bitte einmal auf das rechte Titelbild und fragt Euch, was das soll. Da sehen wir eine Hand, deren Zeigefinger die Nase eines Kopfes berührt. Das ist die Art und Weise, mit der ein Betiko bei den Be-hinoj einem Gläubigen seinen Segen erteilt - es soll eine Karikatur des Handauflegens in der christlichen Kirche sein. Geschenkt. Dann ist da ein Auge, pardon, das darf bei den Be-hinoj nicht so genannt werden, denn das verstößt gegen die Moral, wie Gulivero erfährt, als er in aller Unschuld einem Be-hino-Kind erklärt, was das ist, und wozu es da ist, nämlich zum Sehen. Das Kind rennt gleich zum nächsten Moralapostel und klagt ihm, daß ihm da jemand etwas ganz anderes erzählt habe als er bisher gelernt hat. Gulivero wird ordentlich gerüffelt - man dürfe doch einem Kind nicht schon in so jungen Jahren erklären, wozu seine Organe gut seien. Szathmári spielt damit auf die Sexualerziehung an - ein Punkt, der heute überholt zu sein scheint; aber Vorsicht: Dieser Eindruck könnte täuschen. Die Entwicklung der Sexualmoral ist offenbar keine Einbahnstraße, sondern nur eine Funktion der gesellschaftlichen Verhältnisse, wie wir allein bei einem Blick auf das 20. Jahrhundert feststellen: Zu dessen Beginn war die Verklemmtheit und Prüderie auf einem Höhepunkt angelangt: Kinder wurden grundsätzlich nicht aufgeklärt, Frauen gingen unberührt in die Ehe usw. (Jedenfalls war das in den "bürgerlichen" Schichten der Städte so; auf dem Land dürfte es solche Probleme nicht gegeben haben, wenn die Kinder auf dem Bauernhof ihre Augen - egal wie sie diese nannten - aufmachten :-) Mit dem Ersten Weltkrieg fielen die moralischen Schranken, und im Dritten Reich wurde Sexualerziehung ganz groß geschrieben (vielleicht nicht in der Schule, aber in den Jugendorganisationen HJ und BDM). Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt eine neue Welle der Prüderie Einzug (jedenfalls in Europa; in den USA mag es anders gewesen sein), die erst mit der "sexuellen Revolution" der "68er" umgekehrt wurde. Warum das so ist? Schwer zu sagen... Leichter zu beantworten ist die Frage, wohin das jeweils führt: Offenbar führt eine erhöhte Moral - egal wie dumm, falsch, verlogen oder sonst man sie nennen mag - zu einer erhöhten Geburtenrate; wer keine Ahnung von Verhütung und Abtreibung hat, bekommt halt mehr Kinder als jemand, der nur der "freien Liebe" frönt und Sex als Selbstzweck ansieht. Und nach einem Krieg mit hohen Menschenverlusten scheint es Dikigoros ganz sinnvoll, die Geburtenrate zu steigern; ebenfalls sinnvoll wäre es in seinen Augen (pardon, aber in dem Punkt, daß die Augen zum sehen da sind, ist er "unmoralisch", ebenso wenn es darum geht, daß das Gehirn zum denken da ist - wenngleich das unter den gutmenschlichen Zensoren von heute als ebenso ketzerisch gelten mag wie das Mit-den-Augen-sehen unter den Be-hinoj :-), das in einer Zeit und an einem Ort zu tun, wo die Bevölkerung auf "natürliche" Weise auszusterben droht und statt dessen den überbevölkerten Gegenden der Welt (Lateinamerika, Afrika, Asien) sexuelle Unmoral zu predigen, damit sie sich nicht noch weiter vermehren. (Dann bräucht man auch keine Lebensmittel mehr an sie umzuverteilen, würde also zwei Probleme Szathmáris auf einen Schlag lösen :-) Aber diese Meinung scheint sich noch nicht allgemein durchgesetzt zu haben - würde sonst der oberste Betiko, pardon, der Papst, ständig in der Weltgeschichte herum reisen und ausgerechnet den Völkern der "Dritten Welt" predigen: "Seid fruchtbar und mehret Euch weiter", statt das zur Abwechslung mal in Europa zu tun? Aber dort scheint die Kirche ihren Kampf längst aufgegeben zu haben. Vielleicht ist dieser Punkt doch noch nicht überholt; und vielleicht sollte man Guliveros Standpunkt - und den der Be-hinoj - noch einmal überdenken.

Und wenn wir gerade beim Überdenken sind: Stimmt es eigentlich, daß es sich bei den politischen und konfessionellen Unterschieden im Grunde genommen um ein- und dieselbe Sauce handelt, die die einen halt mit einem Kreis und die anderen mit einem Viereck markieren? Ihr mögt das glauben, liebe jüngere Leser, die Ihr in einer Zeit lebt, da die Politiker - egal welcher Parteicouleur - doch alle mehr oder weniger dasselbe machen (wer es anders wollte, wäre doch ein "Verfassungsfeind" und dürfte gar nicht erst kandidieren, geschweige denn gewählt werden), und da auch die Unterschiede zwischen den meisten Konfessionen sich zu verwischen beginnen: Wo ist schon der grundlegende Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten? Oder zwischen Buddhisten des kleinen und des großen Wagen? Auch Shiwaïten und Wishnuïten ergänzen sich doch mehr als daß sie einander widersprächen... Wohl wahr, und doch ist auch das keine Einbahnstraße. In der Vergangenheit haben sich die Angehörigen der verschiedenen Konfessionen oft erbittert bekämpft, und z.T. tun sie das noch in der Gegenwart (ja, auch die christlichen - Dikigoros hat oben schon Nord-Irland erwähnt). Schaut Euch doch mal an, wie erbittert Sunniten und Shi'iten einander bekriegen, wenn es nicht gerade gegen gemeinsame Feinde, nämlich die "ungläubigen" Nicht-Muslime geht, gegen die der "heilige Krieg [jihād]" geführt werden muß - Tendenz rapide steigend, woraus Ihr Eure eigenen Schlüsse in Bezug auf die Zukunft ziehen könnt. Wenn es wirklich nur die albernen Symbole wären, die man damit bekämpfen könnte, daß man Diogonalen in die Rechtecke einzeichnet, wie das die Be-hinoj tun, dann wäre Dikigoros vor dem Halbmond nicht bange.

Da die Be-hinoj den Menschen nachempfunden sind, haben sie natürlich auch Schriftsteller. Die einen - "Fozofoj" genannt (hinter denen man unschwer unsere "Filosofen" erkennt - sind hoch angesehen, obwohl sie nur dummes Zeug daher schmieren; die anderen - "Makruoj" genannt - sind das, was wir heute "Satiriker" nennen, und ihr Kennzeichen ist, daß sie noch so viele Wahrheiten schreiben können... es nimmt sie einfach niemand ernst, sondern hält alles nur für gelungene Scherze. Wer wird uns da vorgestellt? In erster Linie Leute, die Euch auch Dikigoros auf dieser "Reisen durch die Vergangenheit" schon vorgestellt hat, wie "Zolter" [Voltaire] und "Zift" [Swift]. Aber dann kommt jemand, von dem Ihr, liebe nicht-ungarische Leser, wahrscheinlich noch nie gehört habt: "Zadaĉ". Wer verbirgt sich dahinter? Nun, Szathmári verwendet für seine Pseudonyme beinahe die Originalnamen; er ersetzt nur jeweils den Anfangsbuchstaben durch ein "Z"; und das "ĉ" steht in Esperanto für ein ungarisches "ch" (bzw. ein deutsches "tsch"). Es geht also um seinen Landsmann Imre Madách (1823-64), der 1861 ein Versepos in 15 "Bildern" schrieb, dessen deutscher Titel "Die Tragödie des Menschen" lautet und eine Reise Adams und Luzifers - wohl in Anlehnung an Faust und Mephisto bei Goethe - durch die Geschichte der Menschheit schildert, durchaus nicht satirisch, aber auch nicht gerade als Vergnügungsreise, sondern ganz realistisch als Kampf aller gegen alle.


Nun hat Szathmári - und haben andere - das wohl so verstanden, daß diese Geschichte geradewegs in den Untergang durch Selbstzerstörung führen muß, wovor nur eines schützen könne: die total[itär?]e Herrschaft der technokratisch-naturwissenschaftlichen Vernunft, wie wir sie bei den Hinoj finden; und daß Szathmári den guten Madách in einem Atemzug mit den beiden anderen Hochkarätern erwähnt, zeigt, daß er ihn als gleichwertiges Vorbild betrachtet. Warum Madách und sein Werk - das einst weltberühmt war und in immerhin 30 Sprachen übersetzt wurde, also praktisch alle, in denen im 19. Jahrhundert Bücher gedruckt wurden - heute außerhalb Ungarns so gut wie vergessen ist? Tja, das ist ein Treppenwitz der Literatur-Geschichte: Diese gängige Interpretation ist schlicht falsch, denn der Rat, eine solche Herrschaft der "Vernunft" zu errichten, kommt von niemand anderem als - Luzifer. Das letzte Wort aber hat bei Madách Gott der Herr, und das lautet sinngemäß: Nein, keine Herrschaft der Vernunft in Friedhofsruhe - kämpft gefälligst weiter, denn das Leben ist ein Kampf, d.h. auch Gott outet sich als Be-hino! Und genau das stand nun auch im Vorwort einer deutschen Ausgabe von 1943, ganz im Sinne der Nazis, die ja das Leben auch als Kampf verstanden. Das durfte aber nicht sein, deshalb wurde Madáchs Epos 1945 von den alliierten Besatzern verboten, zumindest in Deutschland; und nach Dikigoros' Kenntnis ist dieses Verbot bis heute nicht aufgehoben worden. (Inzwischen ist es jedoch von Ungarn aus ins Internet gesetzt worden; wer an Dikigoros' Auslegung zweifelt, kann es also selber nachlesen, und wenn die Seite, die er hier verlinkt hat, eines Tages verschwinden sollte, versuchen, es sich irgendwo anders zu ergoogeln.) Wie dem auch sei, nun kommt Gulivero ebenfalls auf die Idee, sich seinen Kummer über die Be-hinoj von der Seele zu schreiben und verfaßt ein Buch. Doch es ergeht ihm wie den "Makruoj": Als er den Entwurf einem seiner Be-hinoj-Bekannten vorliest, fühlt der sich überhaupt nicht angesprochen (obwohl er selber darin vorkommt - sogar mit richtigem Namen!), sondern lacht herzlich über die gelungene Satire.

Viel weniger lachen die Be-hinoj allerdings über Guliveros ständige Verstöße gegen ihre Sitten und Gebräuche; am Ende wird er als "Lamik [Ketzer]" zum Tode verurteilt; aber als er schon auf dem Scheiterhaufen steht, kommt eine Polizeistreife der Hinoj, befreit ihn und holt ihn zurück auf ihr Territorium. Dort hält ihm sein Betreuer Zatamon eine Standpauke, die dermaßen mit der Tür ins Haus fällt, daß auch der dümmste Leser nicht mehr zweifeln kann, was Szathmári meint: Der moderne MenschBe-hino sei entartet (vom ursprünglichen Hin), lebe nicht der Natur (als die "Kazo" nun plötzlich übersetzt wird) gemäß und sei deshalb - im Gegensatz etwa zu den Ameisen und anderen vernünftigen Tieren - zum Untergang verurteilt. Alles, was Gulivero über das Leben in seiner Heimat Großbritannien erzählt hat, finde Entsprechungen bei den Be-hinoj; auch er und seine Briten seien verrückt, was sich halt nur in anderen Verrücktheiten zeige. Diese "Beleidigung" seines Vaterlandes bringt das Faß bei Gulivero zum Überlaufen; er entfleucht der Nervenheilanstalt, in die man ihn eingewiesen hat, baut sich ein Schiff und segelt davon. Nach einigen Tagen trifft er auf ein britisches Kriegsschiff, das ihn aufnimmt, worüber er so glückselig ist, daß er nun all die Dinge tut, über die er sich vor kurzen noch bei den Be-hinoj so mokiert hat: Er küßt die Matrosen zur Begrüßung auf beide Wangen, fällt vor der britischen Flagge auf die Knie, singt lauthals die Nationalhymne, steht vor dem Kapitän stramm und grüßt zackig die schmucke Uniform mit den schönen Epauletten. Dann erzählt er von seinen Erlebnissen - und wieder fühlt sich niemand angesprochen, sondern alle lachen herzlich über die verrückten Be-hinoj.

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Warum wurde "Vojaĝo al Kazohinio" auch im Nachhinein kein Verkaufserfolg? Wegen der Sprachbarriere? Ach was, das mag zum Zeitpunkt seines ersten Erscheinens noch ein Grund gewesen sein; aber heute wäre es doch überhaupt kein Problem, es zu übersetzen. (Über 90% der Titel, die z.B. auf dem deutschen Büchermarkt erscheinen, sind Übersetzungen ausländischer Werke - und nicht nur aus dem Englischen! Aber auf "Wikipedia" liest man seit Jahr und Tag, daß eine Übersetzung von Szathmáris Hauptwerk ins Deutsche "in Vorbereitung" sei - bei dieser Ankündigung ist es freilich bis heute geblieben :-) Weil es sich nicht als Kinderbuch eignet? Übersetzungen von Swifts Original sind ja - nicht nur in Deutschland - eher knapp gesät, ganz im Gegensatz zur denen der gekürzten und verharmlosten Märchenausgabe. Aber man könnte auch Guliveros Reiseabenteuer entsprechend "bearbeiten", wenn man denn wollte! Weil es nur ein Abklatsch von Swifts Gulliver war? Aber war Szathmáris "Reise nach Kazohinio" nicht viel mehr? Zumindest eine legitime Fortsetzung? (Als solche - nicht als Überarbeitung - war sie jedenfalls gedacht, wie wir einem Satz Zatamons entnehmen können, der Gulivero vorwirft, aus seiner Reise nach Lilliput nichts gelernt zu haben; und die findet bei Szathmári ja gar nicht statt, sondern nur bei Swift.) Ist die Welt nicht inzwischen noch viel verrückter geworden als das England des 18. Jahrhunderts? Und hat Szathmári das nicht auch gut heraus gearbeitet? Nein, es scheint nur eine zutreffende Antwort zu geben: Weil der Zensur-Apparat seit Swift ganz erhebliche Fortschritte gemacht hat. Man läßt unliebsame Bücher zwar nicht mehr öffentlich verbrennen, aber man sorgt klammheimlich dafür, daß sie entweder gar nicht erst gedruckt oder aber gründlich tot geschwiegen werden. Noch nie funktionierte das so perfekt wie heute (vom Internet mal abgesehen - aber daran wird bereits fieberhaft gearbeitet; und auch wenn man in der BRD noch nicht ganz so weit ist wie z.B. in Rotchina, es wird kommen); und es ist immer leichter, ein Buch zu erlauben, von dem man sagen kann: "Ach, das betrifft ja nur das 18. Jahrhundert; wir heutigen haben das alles doch längst überwunden!" als eines, das noch immer auf die Gegenwart paßt. Auch die Sowjets hatten ja, wie Ihr im vorigen Kapitel gesehen habt, nichts gegen Radistschews Werke, weil die doch "nur" die Tsarenzeit betrafen - obwohl es unter ihrer Ägide noch viel schlimmer war, was freilich niemand zu schreiben wagen durfte. Aber auch bei uns haben Satiriker längst keine Narrenfreiheit mehr - und das, obwohl die Macht der von ihm so gehaßten Kirche und ihrer Konventionen doch weitgehend gebrochen ist. Haben Szathmári & Co. womöglich an der falschen Front gekämpft? Hat es Sinn gemacht, die alten Glaubensformen nieder zu reißen und sie durch den Glauben an künstliche, politische Ismen zu ersetzen wie Demokratismus, Liberalismus, Sozialismus (in alfabetischer Reihenfolge, da ist Dikigoros immer ganz bewußt neutral) etc.? Und das in einer Zeit, da die Welt sich offenbar gar nicht mehr entlang jener politischen Konfessionen teilt, sondern vielmehr entlang der "religiösen"?!? Wer bedroht denn unsere ach-so-"vernünftige" und "tolerante" Welt? Doch nicht etwa diejenigen, die glaubensstärker sind - und sei ihr Glaube noch so "unvernünftig" und "intolerant", wie etwa der an die "Nation of Islam", die so gar nichts für Satiren, Karikaturen usw. übrig hat? Wenn Ihr künftig noch Satiren lesen wollt - und wollt, daß das dereinst auch Eure Kinder und Enkel noch tun können -, dann kämpft nicht mit vermeintlicher "Vernunft" gegen Eure eigene Nation, Religion oder Konfession, sondern wehrt Euch gegen diejenigen, die sie Euch nehmen wollen, denn die tun das nicht, um Euch von Eurem Glauben, von "der" Religion und ihren Zwängen zu "befreien", sondern ganz im Gegenteil, um Euch ihrem eigenen Glauben, ihrer Religion und ihren ungleich größeren Zwängen zu unterwerfen - wie die Be-hinoj den armen Gulivero bei Szathmári.


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