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~Im Regen geschrieben~
Wer wie die Biene wäre,
die die Sonne auch durch den Wolkenhimmel fühlt,
die den Weg zur Blüte findet
und nie die Richtung verliert,
dem lägen die Felder in ewigem Glanz,
wie kurz er auch lebte
er würde selten
weinen.
Hilde Domin
o-O-o-O-o
Epilog:
Tod
~*~
Er weiß nicht genau wie spät es ist, aber er fühlt sich müde.
Die Straßen sind dunkel. Die Gedanken der anderen um ihn her nimmt er nur als schwache Schemen war. Wie eine fremde Landschaft, die viel zu schnell an ihm vorüberzieht. Sie sind so entschlossen. Zorn und wiederaufkeimende Trauer. Gespannte Ruhe und Freude auf den Kampf mischen sich mit völliger Gleichgültigkeit. Eine nervöse Stimmung von der einen Seite, ein finsteres Brodeln von der anderen.
Er lässt sich davon nicht verwirren, blendet das alles so gut es geht aus. Er sieht nicht noch einmal zum Haus zurück, als sie es verlassen. Es bedeutet ihm nichts. Nach den anderen blickt er sich auch nicht um. Alle achten mehr oder weniger konzentriert auf den Weg, schauen sich nicht an.
Dann hebt er doch den Blick, als er ein weiches Licht bemerkt, das die leichten Schatten der Bäume auf den Weg malt. Mit atemberaubender Geschwindigkeit jagt ein stürmischer Wind die Wolken vor sich her. Ihre Ränder werden vom Vollmond weiß gefärbt und zerfetzt. Fast glaubt er, Bilder in den Wolken zu sehen, aber da sind keine. Es ist zu lange her, dass er sie zum letzten Mal gesehen hat. Wie so vieles andere sind sie für immer gegangen. In der Ferne macht ein Wetterleuchten eine Gewitterfront zu einem bizarren, transparenten Kunstwerk, während das Mondlicht verfliegt und sich der Himmel verdunkelt.
„Untergang“ gehen ihm Farfarellos Worte durch den Kopf. „Untergang“ scheint es ihm aus den Gedanken um ihn her zuzubrüllen. Und auch der Wind flüstert nun leise ein Wort. Aber er kann es nicht hören.
~°~
„Hast du die gesehen?“
„Hm.“
„Und? Was hast du dir gewünscht?“
„Nichts.“ Dein Kopf lag leicht auf meiner Schulter, während wir in den von Sternen durchzogenen Himmel sahen. Es muss irgendwann im August gewesen sein, als der Himmel über Schweden für wenige Stunden dunkel wurde. „Mir fällt im Moment nichts ein.“
„Warum wünschst du dir dann nicht, dass es ewig so bleibt?“
Du antwortetest nicht sofort. Ich wartete geduldig, folgte einmal mehr dem Verlauf der Milchstraße, die sich als breites Band durch das Schwarz des Himmels zog.
Mit der warmen Nachtluft wehte ein Hauch Melancholie zu mir herüber.
„Dafür reicht eine Sternschnuppe nicht aus.“
~*~
Die Autofahrt dauert an. Alle schweigen. Es ist keine unangenehme Stille. Nicht für ihn zumindest. Vielleicht wird er Töne nie wieder als angenehm empfinden.
Vielleicht wird auch alles besser. Mit der Zeit... Er glaubt nicht, dass er das herausfinden wird. Er weiß, dass er es nicht will.
Er denkt noch einmal über den Plan nach, den sie heute Abend durchführen werden. Ein guter Plan, zweifellos, wenn sie etwas gegen SZ ausrichten wollen. Ein Plan, den er nicht kennt. Er weiß nicht, was die anderen tun werden. Er weiß nicht, was er selbst tun wird. Vage erinnert er sich an Crawfords Anweisungen. Seine Fähigkeiten muss er nicht einsetzen. Könnte es vielleicht auch nicht in vollem Umfang. Aber es wird auch ohne gehen. Der Mantel, den er trägt gleicht einem Waffenarsenal.
Crawfords Anweisungen... Ob er sie befolgen wird?
Oder nicht?
Ein letztes Spiel. Die Chancen stehen eins zu eins.
Was auch geschieht, die Bank gewinnt.
~°~
Da sind noch Hunderte von Erinnerungen. Eine schöner als die andere. Ein ganzes Leben mit dir. Ich kann kaum glauben, dass es nur ein paar Monate waren.
Vorbei. Hunderte von Erinnerungen - eine trauriger als die andere.
Warum erzähle ich dir davon? Warst du nicht dabei? Ist es nicht schrecklich, dass ich seit Tagen mit dir rede? Hörst du zu? Hörst du mich?
So vieles, von dem ich dir noch sagen wollte, wie viel es mir bedeutet hat. Hörst du zu? Weißt du es? Wusstest du es vielleicht schon? Habe ich es dir gesagt?
Du warst der wichtigste Mensch in meinem Leben - bist es immer noch. Ich hatte gehofft, dass es nicht so wäre, dass ich mir wichtiger wäre, dass ich weitermachen könnte. Aber es geht nicht.
Hast du es gesehen? Ich kann nicht ohne dich leben. Ich schaffe es nicht. Das Herz schlägt weiter, aber ich hasse es dafür. Für jeden einzelnen Schlag hasse ich es. Ich atme, aber die Luft riecht nach Blut. Ich esse, aber... - Nein, das war gelogen, ich esse nicht. Ich kann mich nicht dazu überwinden.
Warum hast du mir das Leben gerettet? Wozu? Ich hasse es. Ich hasse es!
War es ein Geschenk? Dachtest du, du tätest mir einen Gefallen? Ich nehme es nicht an! Ich werde nicht leben. Eine einfache Entscheidung. Jetzt habe ich sie getroffen.
Hast du etwas dagegen? Wolltest du, dass ich weiter lebe?
~*~
Laute Schüsse machen seine Ohren taub. Nachdem sie das Security-Personal hinter sich hatten, war er direkt in eine Versammlung geplatzt. Die anderen sind nicht mehr da, führen ihre Aufträge aus. Die flüchtige Frage taucht auf, wie lange Crawford das alles schon geplant hat. Wie weit. Aber es soll das einzige Mal bleiben. Es ist zu spät.
Der Rückstoß der Waffe ist ein angenehmes Gefühl. Ebenso die Angst, der Schrecken, die Panik der Anwesenden. Der Schmerz. Die Verwirrung. Tausende von Eindrücken, so stark miteinander vermengt, das sie fast ein einheitliches Bild ergeben. Ein rotschwarzes, ungeheures Flackern aus Schatten und Blut. Nicht unähnlich modernen Gemälden, nur um vieles intensiver. Es lässt ihn fast vergessen und er genießt es.
Vielleicht ist da doch ein winziges Körnchen Rache, vielleicht ist es nur Wahnsinn. Keiner von ihren Opfern weiß, was geschehen ist. Keiner von ihnen hat mit dem hier gerechnet. Sie sind so ahnungslos, aber er hat kein Mitleid. So wenig wie er sie hasst. Sie sind ihm gleichgültig. Ob er ihre Schreie hört oder zusieht, wie die Kugeln ihre Schädel zertrümmern, wie sich ihr Blut an den Wänden seltsame Wege sucht. Es berührt ihn nicht. Keiner ihrer Blicke.
War es früher nicht genauso?
Nein, früher war es anders. Es hat ihn auch damals nicht berührt, aber früher war jeder Tote ein Sieg. Ein Beweis für das Überleben des Stärkeren, sein Überleben.
Heute gehört er zu ihnen - oder wird es bald. Jedes Mal, wenn seine Kugel einen der Fliehenden trifft, ist da ein Funken Neid.
~°~
Rot und Schmerz und Blut. Ich lasse mich mitreißen von den brodelnd konfusen Gedanken der Sterbenden, lasse mich überrollen von Tod und Wahnsinn. Was sollte mich aufhalten? Wer?
Wie erinnert man sich? Vielleicht muss man alles abtöten, alles ausbrennen, zerstören. Vielleicht muss man alle Würmer zu Asche verbrennen. Bis man den Boden der Kiste sieht. Den Abgrund.
Ich weiß es wieder, kann es vor mir sehen. Unsere Verfolger, deine Mörder. Wie konnten wir so dumm sein? Wie konnten wir die Falle nicht sehen?
War es nicht ein Fehler, zu glauben, etwas so zerbrechliches verteidigen zu können? Mit Gewalt?
Wir waren vorsichtig gewesen, waren den Hinweisen gefolgt, arbeiteten an einem Plan. Zum Angriff... zur Verteidigung. Angriff ist die beste Verteidigung.
Eine falsche Adresse. Sie warteten schon. Es waren so viele. Und wir kämpften, als hätten wir nichts zu verlieren. Absurd, ich weiß. Wir hatten alles zu verlieren.
Und dann diese eine Kugel, die ich nicht gesehen habe. Ich wünschte, du hättest sie auch nicht gesehen. Vielleicht hätte sie mich gar nicht getroffen.
Dass eine Kugel ausreichen würde...
Ich konnte es nicht begreifen. Eine Kugel... das ist unfassbar - immer noch.
Aber da war dein Blut, das sich so rasend schnell ausbreitete. Dein Leben, das mir durch die Finger rann, sich nicht halten ließ. Deine Gedanken, die mich immer schwächer erreichten, schwanden.
„Es war... sehr dumm von uns,... zu glauben, dass wir es schaffen würden. Man hat... eben doch nur ein Leben.“
Dumm, ja. Aber hatten wir es wirklich geglaubt? Jetzt kommt es mir nur noch wie verzweifelte Hoffnung vor...
Die Nacht verschwamm, Schwärze fraß sich in die Welt, breitete sich aus, wie die Blutlache um uns her. Das Rauschen in meinen Ohren war so laut, dass ich keine Schreie hörte. Was war das? Wut, Zorn, Mordlust?
Du bist einfach gegangen! Wolltest du mich dort zurücklassen? Zwischen all den Mördern?
Ich habe sie alle getötet. Mit einem Schlag. Dafür mussten sie sterben. In gewisser Weise war es befriedigend. Wie viele waren es? Es hätte mich umbringen sollen.
Oder ich hätte ihnen eine Chance dazu lassen sollen. Lächerlich. Als ob es damals auch nur einen klaren Gedanken in mir gegeben hätte.
~*~
„Schuldig! Komm!“ Crawford steht in der Tür zum Konferenzzimmer. Die anderen sind schon weg, sichern die Ausgänge, lassen niemanden entkommen.
Schuldig blickt auf, nimmt seine Umgebung wahr. Leichen. Auf dem Boden, auf den teuren Lederstühlen. Blut. Überall. Es tropft von den Wänden, den Fenstern, vom großen Konferenztisch aus Tropenholz auf den Boden, bildet große, dunkle Pfützen.
Die Angst, die Panik sind verschwunden. Niemand lebt mehr. Der Rausch ist vorbei.
Er sieht an sich herab. Auch er ist voller Blut. Aber es ist nicht sein eigenes. Sein Herz schlägt immer noch verbissen weiter.
Er lässt sich in einen der freien Stühle sinken, sieht zu, wie die Blutlache vor ihm sich ausbreitet und langsam auf ihn zukommt.
„Schuldig. Bitte, komm.“
Er sieht überrascht auf. Crawford steht immer noch in der Tür, scheint auf ihn zu warten.
Schritte auf dem Gang, jemand rennt vorbei, hält an, kommt zurück.
„Was machst du noch hier? Das Feuer ist gelegt, die Sprengsätze verteilt, Nagi hat den Alarm abgestellt, alles nach Plan. Warum - ... oh, Schuldig.“ Erst jetzt bemerkt Yohji ihn zwischen all den Leichen. „Kommt, wir müssen raus.“
Schuldig schüttelt nur leicht den Kopf. „Ich werde bleiben.“
Crawford schließt die Augen, ballt die Hände zu Fäusten. Es ist nur eine Sekunde, dann strafft er sich wieder. Er nickt. „In Ordnung.“
„Aber Aya hat sich für dich geopfert. Du verdankst ihm dein Leben! Willst du das einfach wegwerfen? Er würde doch wollen, dass du weiter lebst.“
Einen Moment lang, starrt Schuldig Yohji nur verblüfft an, dann wendet er den Blick ab. Tränen bahnen sich ihren Weg durch das Blut auf seinem Gesicht, über seine lächelnden Lippen. „Egoistischer Bastard!“
~°~
Brads Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Befehlend, drängend. Aber ich höre gar nicht hin, sehe mich nur um.
So viele. War ich das? Ich kann mich kaum erinnern.
Was würdest du jetzt denken? Wärst du entsetzt? Ja, ganz bestimmt. Ich wäre auch gern entsetzt. Ich warte immer noch auf irgendein normales Gefühl, irgendeines, für das ich den Namen kenne. Aber da ist keines. Ich bin nicht wütend. Auf wen auch? Der Neid ist verschwunden, seit ich mich entschieden habe. Das Andere geht weit über Trauer und Verlust hinaus, so weit, dass die Worte lächerlich wirken. Was bleibt mir also noch?
Ich setze mich, warte. Ich weiß nicht, worauf.
Crawford ist immer noch da. Er will, dass ich mitkomme. Er hat ‚Bitte’ gesagt. Was für ein Schock! Jetzt hab ich alles erlebt, jetzt kann ich glücklich sterben. Der Gedanke amüsiert mich.
Balinese kommt herein, redet von Feuer und Sprengsätzen. Jetzt weiß ich wenigstens, worauf ich warte. Er ist hektisch, will auch, dass ich gehe. Warum eigentlich? Was ist los mit euch Weiß, dass ihr ständig Leute retten wollt?
Ich werde nicht gehen. Ich würde mich dafür hassen.
Brad versteht es. Vielleicht gibt er auch nur auf. Egal, ich bin ihm dankbar. Er wird richtig emotional - für seine Verhältnisse.
Aber Yohji macht mir Vorwürfe, versucht, mich umzustimmen, mich zu erpressen. Was ist los mit euch?
Natürlich würdest du wollen, dass ich weiter lebe. Als ob ich das nicht wüsste! Am Ende soll ich vielleicht noch irgendeinen Sinn finden und ohne dich glücklich werden! Glaubst du das? Willst du das? Dachtest du wirklich, dass ich das kann?
Nein, sicher nicht! Dafür kanntest du mich zu gut. Du wolltest mich einfach nicht überleben. Das ist es doch. Wenn ich die Chance gehabt hätte, hätte ich es genauso gemacht.
Egoistischer Bastard!
Aber ich bin dir nicht böse. Nur traurig, dass es so schnell vorbei war. Ich dachte immer, ich würde jung sterben und hatte nichts dagegen. Aber mit dir hätte ich gern noch einige Jahre gelebt...
Die anderen sind weg. Ich merke, dass ich weine. Um dich... um mich...
Ich wünschte, ich könnte glauben, dich irgendwo wieder zu sehen. Das wäre wirklich schön. Aber vielleicht ist da ja irgendwas. Man kann nie wissen... Und vielleicht drückt ja Gott oder wer auch immer ein Auge für uns zu...
Ich muss husten, der Rauch ist schon ziemlich dicht. Flammen kann ich noch keine sehen. Sicher werden die Sprengsätze gleich gezündet. Es kann nicht mehr lange dauern.
Dann höre ich es. Mehrere Explosionen. Ein Grollen, als das Gebäude anfängt einzustürzen. Der Boden schwankt, bekommt Risse...
~*~
Kalter Wind pfeift durch die Straßen, reißt an der Kleidung der Beobachter. Aus dem tiefen Schatten des gegenüberliegenden Gebäudes sehen sie auf das orange Schimmern, das durch die Fenster der unteren Stockwerke nach außen dringt.
Explosionen durchbrechen das Geschehen. Die Zeit scheint inne zu halten. Wie in Zeitlupe stürzt das Gebäude in sich zusammen. Die Sprengsätze waren gut angebracht, die Zerstörung gut berechnet.
Fassungslos stehen die Beobachter im Dunkel, werden Zeugen ihres Sieges.
Der leise heulende Wind trägt feine Eiskristalle mit sich, die nach und nach immer zahlreicher werden. Der erste Schnee dieses Jahr. Immer heftiger fällt er vom Himmel, versucht die grauen Straßen mit der unschuldigen Kälte zu bedecken, Weiß gegen das tiefe Schwarz des Himmels zu setzen.
Es wird nicht gelingen.
Die Welt ist grau.
ENDE
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17.April bis 25.September 2004

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© 2004 by Elster |
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