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Was du auch seist - Seel' oder Leib -
Ich bitt' dich!
Geh nicht von mir!
Bleib!
Oder lass beid' uns weiterflieh'n!
Wie Winde weh'n
Und Wolken zieh'n
Es ist zu spät -
Du warst
- Du bist -
Der teure Wahnsinn, der mein Herz zerfrisst.
Lord Byron
o-O-o-O-o
Viertens:
Flucht
~°~
Am Tag, an dem Aya starb, hatte ich mich nicht mit dir beim Krankenhaus getroffen. Ich war
in der Nacht zuvor mit den anderen auf einer Mission gewesen und schlief noch, als du es
erfuhrst. Ich wünschte, ich wäre bei dir gewesen. Ich weiß, was dir deine Schwester bedeutet
hat. Du hattest zuletzt nicht mehr wirklich geglaubt, dass sie noch aufwachen würde, hattest
es mir selbst gesagt. Aber du hattest gehofft. Die ganze Zeit. Hattest dich danach gesehnt,
dass wenigstens dieser eine Teil deines früheren Lebens irgendwie überdauern würde. Dass
der letzte Mensch, der dir von deiner Familie geblieben war, die Katastrophe unbeschadet
überstehen würde. Unbeschadet. Unverändert. Vielleicht wolltest du auch wissen, ob es für
dich möglich wäre. Absurd und doch einleuchtend.
Ich wurde von deinen Gedanken aus dem Schlaf gerissen. Es waren keine klaren Bilder, nicht
ein einziger schlüssiger Satz. Es wirkte wie ein Fiebertraum, ein Alptraum. Und er traf mich
mit voller Wucht. Vermischte sich mit meinen eigenen Träumen, meinen Erinnerungen. Ich
wachte schweißgebadet auf, fand nur schwer wieder den Weg in die Realität, sah mich lange
verwirrt in meiner Wohnung um, in die schon kupfergelbes Sonnenlicht fiel. Ich sah auf die
Uhr. Gerade erst neun. Normalerweise wachte ich um eine solche Zeit nicht auf, wenn ich
einmal schlief, da konnte um mich her die Welt untergehen. Doch das nagende Gefühl der
Trauer und Verlassenheit, das ich erst auf den Traum geschoben hatte, ging nicht. Es blieb
einfach da und plötzlich begriff ich.
Ich glaube, so schnell war ich noch nie aufgestanden. Ich wusste, es musste etwas
Schreckliches geschehen sein, dass deine Empfindungen mich so stark erreichten. Ich hatte
Angst um dich, wollte dich suchen. Die Versuche, dich telepathisch zu erreichen, scheiterten.
Du schienst kaum etwas bewusst mitzubekommen, warst viel zu sehr in dieses Chaos in
deinem Inneren verstrickt. Ich hatte keine Ahnung, was du in diesem Zustand tun würdest.
Ohne weiter nachzudenken stürzte ich durch die Wohnung, aus der Tür hinaus, war schon fast
auf der Treppe, als ich aus den Augenwinkeln eine winzige Bewegung wahrnahm, mich
erschrocken umdrehte und – dich sah.
Du saßest in der Ecke neben meiner Wohnungstür, hattest die Beine angewinkelt und an den
Körper gezogen. Ich wäre beinah an dir vorbeigelaufen, ohne dich zu bemerken, aber als du
mich gehört hattest, hattest du den Kopf gehoben und sahst mich jetzt schweigend an.
Die roten Haare hingen dir wirr ins Gesicht, das eingefallen wirkte und noch blasser als sonst.
Aschfahl. Deine Augen waren gerötet. Hattest du geweint? Du wirktest schon wieder so
gefasst, so unbewegt. Wenn ich deine Verzweiflung nicht gespürt hätte, vielleicht hätte ich
mich von deiner so eisern aufrecht erhaltenen Fassade täuschen lassen.
Dein Blick schien beinah durch mich hindurch zu gehen. Warum warst du hier? Und wie lang
schon? Warum hattest du nicht einfach geklingelt?
„Aya ist tot." Deine Stimme klang so dumpf und abwesend, als würdest du den Satz ablesen.
Ich hatte es schon vermutet. Es überraschte mich nicht und ich wusste, dass auch du
irgendwie damit gerechnet hattest. Aber das änderte nichts. Machte nichts besser. Der letzte
Rest deines früheren Lebens, die letzte Hoffnung, es irgendwie zurückzubringen, war für
immer verschwunden. Du und ich wussten, dass es für dich auch vorher schon unmöglich
gewesen war umzukehren. Seit dem Tag, an dem wir uns das erste Mal begegnet waren. Aber
jetzt war es endgültig.
Du warst nach diesem einen Satz wieder vollständig in dir selbst versunken, reagiertest nicht,
als ich mir deinen Arm um den Hals legte und dich vom Boden hochzog. Trotzdem schien
diese kurze Äußerung etwas bewirkt zu haben. Deine Gedanken hatten sich etwas beruhigt,
folgten wieder halbwegs erkennbaren Bahnen. War es dir so wichtig gewesen, es mir zu
sagen? Warum?
‚...Infektion der Atemwege... Erreger... gegen Antibiotika immun... konnten nichts mehr tun...
mir sehr leid...' Eine fremde Stimme, die in deinen Gedanken widerhallte.
Ich führte dich in die Wohnung. Ein Teil deines Verstandes erkannte sie, fragte sich, wie du
hierher gekommen warst. Ein anderer Teil fragte sich, warum du nicht den Mut gehabt hattest,
zu klingeln. Aber diese Gedanken gingen fast unter in der Trauer um deine Schwester. Doch
da war noch etwas anderes. Schuldgefühle? Ein schlechtes Gewissen? Aber warum?
Ich fand keine schlüssigen Antworten auf meine Frage, hielt es jedoch nicht für gut, jetzt mit
dir darüber zu sprechen. Du warst noch viel zu durcheinander, um mit mir zu reden. Und ich
war im Augenblick nur erleichtert, dass es dir gut ging und du hier bei mir warst. Dass ich
dich trösten konnte, auch wenn ich vielleicht die Person war, die am schlechtesten auf der
Welt dazu geeignet war.
Ich ließ dich vorsichtig auf die Couch sinken und setzte mich neben dich. Legte eine Hand auf
deine. Ich weiß nicht, wie lange wir so zusammensaßen. Irgendwann legtest du deinen Kopf
auf meine Schulter. Meine freie Hand suchte sich einen Weg um deine Schultern, strich
federleicht über deinen Hals und verharrte schließlich sanft streichelnd in deinem Nacken. Ich
wandte mein Gesicht deinem Kopf zu, streifte mit der Nasenspitze deine Haare, genoss den
Geruch, den ich so liebte. Für mich rochst du nach Meer und Sturm. Wahrscheinlich war es
nur dein Shampoo, aber was spielt das schon für eine Rolle. Es war ein einzigartiger Duft. Du
warst einzigartig.
„Als sie es mir sagten..." Ein leichtes Zittern ging durch deinen Körper, als du zu sprechen
begannst. Auch deine Stimme schwankte, drohte zu kippen. Du unterbrachst dich, sprachst
dann mit festerer Stimme weiter. Es klang seltsam monoton, aber nicht gefühllos, sondern
todtraurig. „Ich konnte es erst nicht begreifen und dann... ich war so verzweifelt, so..." Du
rangst sichtlich um Worte, gabst es dann aber auf. Es war nicht wichtig. Du wusstest, dass ich
es verstand, dass ich es auch fühlte. „Aber irgendwie... war ich auch... erleichtert?" Ich konnte
spüren, wie dein Körper sich verkrampfte, wie du versuchtest, ein Schluchzen zu
unterdrücken. Selbst jetzt konntest du keine Schwäche zeigen. Ich wusste, dass das nicht
deine Absicht war, sie gehörte einfach zu dir. Diese kühle, marmorne Stärke. Ich wartete
geduldig, dass du weiterredetest. Jetzt verstand ich die Schuldgefühle. Aber es gab nichts, was
ich tun, was ich sagen konnte. Vielleicht hatte ich auch einfach Angst, etwas Falsches zu
sagen. Es war so viel einfacher, nur dort bei dir zu sitzen und zu schweigen. Auch ich hatte
ein schlechtes Gewissen und ich hatte sicher mehr Grund als du.
„Ich... ich konnte es kaum ertragen, sie so zu sehen. Sie jeden Tag zu besuchen und... –
Zu Anfang habe ich noch mit ihr gesprochen, aber... aber es war alles umsonst." Du zittertest
nun stärker, deine Stimme bebte und klang gepresst, aber laut und deutlich. Und jeder Satz
traf mich wie ein Eisdorn, jagte Schmerzen durch meinen Magen, durch mein Herz.
Es tut mir leid. Es tut mir leid! Es tut mir leid! Ich kann es dir nicht oft genug sagen, habe es
aber nur dieses eine Mal getan. Du wolltest es nicht hören, wolltest nicht daran erinnert
werden, wer dir das alles angetan hat. Ich denke, Vergessen ist leichter als Vergeben.
„Ich habe gedacht... gedacht, dass es vielleicht besser so ist. Aber das ist es nicht... nicht für
sie. Es ist nur für mich besser so. Ich wollte aber doch nicht, dass..." Ein Schluchzen entrang
sich nun doch deiner Kehle, du verbargst dein Gesicht an meiner Schulter. Ich umarmte dich,
zog dich näher an mich und strich dir beruhigend über den Rücken.
„Natürlich hast du es nicht gewollt.", flüsterte ich leise in deine Haare, wollte dich irgendwie
trösten. Du solltest dir keine Vorwürfe machen. Alles war besser als dieser Schwebezustand
zwischen Leben und Tod, diese quälende Ungewissheit, die du so lange ertragen hast. Früher
oder später wärst selbst du daran verzweifelt.
Irgendwann hattest du dich wieder soweit gefangen. Du warst erschöpft, müde, bliebst einfach
an mich gelehnt sitzen, in einem Dämmerzustand, nicht wirklich schlafend, nicht wirklich
wach. Ich rutschte vorsichtig in eine bequemere Position, dann blieb auch ich reglos sitzen,
starrte nachdenklich aus dem Fenster. Flüchtig ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass
das Wetter viel zu schön war. Man sollte nicht meinen, dass so etwas an sonnigen Tagen
geschieht. Man glaubt immer, wenn sich schreckliche oder schicksalhafte Dinge ereignen,
würde es stürmen und regnen oder wenigstens wäre der Himmel grau... Ich weiß auch nicht,
wie ich darauf gekommen bin. Ich wollte mich ablenken, wollte nicht daran denken, dass sich
von jetzt an alles ändern würde. Wie würde es weitergehen? Jetzt warst du hier, aber würdest
du auch bleiben? Ich weiß nicht mal, auf was ich hoffte, aber es war so ziemlich das erste Mal
in meinem Leben, dass ich mir überhaupt Gedanken um die Zukunft machte. Ich war nicht
sehr geübt darin.
Ich erinnerte mich, wie Crawford sich gestern von mir verabschiedet hatte. An sich schon eine
Besonderheit und dann hatte er auch noch diesen unsäglich überheblichen Ausdruck auf dem
Gesicht, der aller Welt zu sagen scheint: „Ich weiß etwas, was du nicht weißt." Ich hasse
diesen Ausdruck. Braddy macht sich um nichts anderes als um die verdammte Zukunft
Sorgen, hab ich manchmal das Gefühl. Sein Pech. „Mach keine Dummheiten.", hatte er
gesagt und mich dabei angesehen, als wäre ohnehin alles zu spät und alles Gerede würde
nichts mehr bringen.
Hinterher ist man immer schlauer.
Dein Kopf rutschte ein Stück von meiner Schulter. Die Bewegung riss mich aus meinen
Gedanken, ließ mich meine Aufmerksamkeit wieder auf dich richten. Du warst eingeschlafen.
Wenn du schliefst, sahst du noch viel jünger aus als du eigentlich warst. Du wirktest dann
schwach und zerbrechlich. Ein Trugschluss. Eine Illusion, die anhielt, solange deine Augen
geschlossen waren, solange sie nicht scharf und durchdringend alles zu durchschauen
schienen.
Du warst immer noch so blass, deine Augen immer noch gerötet, aber es ging dir besser.
Vielleicht lag das tatsächlich an mir. Du hattest gesagt, dass du mich bräuchtest. Aber
meintest du wirklich mich oder irgendjemanden? Du wolltest nicht, dass ich dich allein lasse,
aber würdest du es tun? Würdest du mich einfach allein lassen? Du hattest gesagt, du würdest
mich nicht lieben. Ich zweifelte daran, hoffte verbissen, dass du es nur gesagt hattest, um dich
zu schützen. Ich konnte das verstehen, denn ich war ehrlich gewesen. Und jetzt hatte ich
Angst. Weil du Macht über mich hattest und es wusstest und ich hilflos dagegen war. Das war
unfair. Ich kann verstehen, dass du so gehandelt hast und ich könnte dir niemals deshalb böse
sein. Aber es war grausam von dir.
Ich konnte deine Nähe plötzlich nicht mehr ertragen, obwohl oder gerade weil ich sie so
liebte. In dein schlafendes Gesicht zu sehen, nahm mir den Atem. Ich wünschte mir so sehr,
dich irgendwie halten zu können, aber ich konnte es nicht. Ich stand vom Sofa auf, konnte
einfach nicht mehr neben dir sitzen als wäre alles in Ordnung. Ich achtete darauf, dass du
nicht aufwachtest, hob deine Beine auf die Couch und deckte dich zu.
Ich wollte raus, wollte spazieren gehen, doch als ich an der Tür stand, fiel mein Blick noch
einmal auf dich und plötzlich konnte ich nicht mehr gehen. Nicht mal für kurze Zeit. Was,
wenn du aufwachen würdest und einfach gingst? Ohne ein Wort des Abschieds. Ich weiß, das
war albern, aber irgendwie zu versuchen, dich aufzuhalten, war alles was ich tun konnte.
Außerdem war da keine Vernunft, wenn es um dich ging.
Also versuchte ich, mich irgendwie zu beschäftigen, bis du aufwachen würdest. Es ging nicht
besonders gut. Früher oder später saß ich doch wieder vor der Couch auf dem Boden, konnte
meine Blicke nicht von dir lösen, horchte auf deine Atemzüge, versuchte, deine Gedanken
aufzuschnappen. Ich konnte sie immer noch nicht so lesen, wie die Gedanken anderer
Menschen. Manchmal war es leicht, manchmal schwieriger. Manchmal versank ich in deinen
Gefühlen, dann wieder nahm ich gar nichts wahr. Es kam mir bisweilen vor wie ein
Spinnennetz. Schön und bizarr und verworren. Klebrige Fäden, die so dünn wirkten und doch
das Fortkommen verhinderten, dazwischen große Löcher, wie klaffende Wunden. Und ich
war gefangen. Ich weiß nicht, woran das lag. Vielleicht, weil du auf deine Art verrückt warst.
Nicht so wie Farfarello, aber irgendwie. So verrückt wie ich allenfalls.
Irgendwann merkte ich, dass du die Augen geöffnet hattest und mich beobachtetest. Mein
Gesicht war nur wenige Zentimeter von deinem entfernt. Deine Hand strich leicht über meine
Wange, legte sich in meinen Nacken und zog mich näher. Wir küssten uns und für eine Weile
fielen alle Zweifel von mir ab und ich vergaß meine Angst.
~*~
Er ist Farfarello in Crawfords Arbeitszimmer gefolgt. Jetzt sitzt er in einem der Sessel und
spürt, wie er immer wieder von den Blicken der Anderen gestreift wird. Neugierig?
Ängstlich? Besorgt? Er weiß es nicht, aber er muss schrecklich aussehen. Sicher nur halb so
schlimm, wie er sich fühlt, aber davon bekommen sie nichts mit.
Es hat ihn nicht wirklich erstaunt, Weiß hier vorzufinden. Nicht nach der Begegnung mit
Yohji.
Weiß... Ob sie das jetzt immer noch sind? Sie sehen fertig aus, aber das macht es auch nicht
besser. Die drei sitzen auf dem kleinen Sofa, gegenüber von dem zweiten Sessel, in dem Nagi
Platz genommen hat. Der Junge ist gewachsen, seit Schuldig ihn das letzte Mal gesehen hat.
Kein Wunder... das ist jetzt über ein halbes Jahr her.
Farfarello lehnt ruhig an der Wand, wirkt viel entspannter als Crawford, der mit blasser,
ernster Miene hinter seinem Schreibtisch sitzt.
Die Weiß haben nichts gesagt, vielleicht nicht einmal bewusst gedacht, aber für Schuldig
hängt der Vorwurf glasklar im Raum. Weil er selbst es glaubt. Es ist seine Schuld.
„Du weißt, dass wir nicht mehr für SZ arbeiten.", beginnt das Orakel nach einer Weile, in der
sie sich alle angeschwiegen haben.
Schuldig antwortet nicht. Das weiß er schon seit sie versuchen, ihn umzubringen. Sie hätten
Schwarz geschickt, schon als Exempel: das Team eliminiert den Verräter selbst. Und
Crawford hätte sich nicht weigern können, ohne sich gegen sie zu stellen.
„Wir haben Weiß unsere Unterstützung gegen sie angeboten, nachdem du gegangen bist."
Schuldig ist sich sicher, dass die Tatsachen ein wenig anders liegen, dass es in Wirklichkeit
Schwarz war, die Hilfe brauchten, nachdem sie SZ verraten hatten. Er weiß, Crawford würde
das nie zugeben, nicht mal vor sich selbst.
Er hört nicht wirklich zu, will davon nichts wissen. Er achtet auf das Gesagte genauso wenig
wie auf die Gedanken der Anwesenden. Er will nur seine Ruhe.
Crawford sieht ihn forschend an, seufzt dann. „Da dich das alles offensichtlich nicht
interessiert, kommen wir zum Wesentlichen. Wirst du mitkommen?"
Schuldig sitzt reglos da, scheint die Frage gar nicht gehört zu haben. Alle Augen sind auf ihn
gerichtet, sie warten auf seine Entscheidung. Er fragt sich flüchtig, warum. Weshalb ist es für
sie wichtig, ob er an dieser Mission teilnimmt oder nicht? Ihm selbst ist es gleich. Es macht
keinen Unterschied, ob noch ein paar Menschen mehr oder weniger sterben. Ob von SZ oder
Weiß oder Schwarz.
„Willst du denn gar nichts tun?", reißt ihn Siberian aus den Gedanken. „Sie haben Aya
getötet! Hat er dir denn überhaupt nichts bedeutet?"
Schuldig erwidert nur ruhig den zornigen Blick. Ken glaubt nicht wirklich, was er sagt, aber
er hat das Schweigen nicht mehr ertragen, ist zu ungeduldig und zu aufgewühlt, um ewig auf
Schuldigs Antwort zu warten. Omi und Yohji ziehen ihn zurück auf die Couch, sehen sich
besorgt, vielleicht sogar verlegen nach der Reaktion der Schwarz um.
Aber es geschieht nichts. Der Telepath sitzt immer noch in seinem Sessel, scheinbar
unerschütterlich, aber in Wirklichkeit ist da nur nichts mehr, was ihn noch irgendwie berühren
könnte. Der Blick aus den leeren Augen bohrt sich weiter in Kens, dann reißt er sich los und
schaut aus dem Fenster.
„Ich weiß, was sie getan haben. Ich war dabei." Die Worte haben selbst in seinen eigenen
Ohren einen seltsamen Klang, dumpf und hohl. Aber vielleicht bildet er sich das nur ein und
seine Stimme klingt völlig normal und nur in seinem Kopf arbeitet nichts mehr richtig.
~°~
Du bliebst. Wir sprachen nicht darüber, wie es weitergehen würde. Ich fragte nicht, fürchtete
mich zu sehr vor der entgültigen Antwort. Es war inzwischen spät am Abend. Du lagst neben
mir im Bett. Dein Kopf auf meiner Brust. Deine Hand strich immer wieder über meinen Hals,
mein Gesicht, durch meine Haare. Dein Blick war in die Ferne gerichtet, fast verträumt. Ein
Lächeln lag auf deinen Lippen. Ein ungewöhnlicher Anblick. Atemberaubend schön. Ich liebe
dich...
„Ich werde nicht mehr für Kritiker arbeiten.", sagtest du einfach. Deine Stimme war leise und
schwer. Ich wartete angespannt, wie es weitergehen würde. „Ich werde Japan verlassen." Dein
nächster Satz war wie ein Schlag ins Gesicht, nun, nachdem ich schon Hoffnung geschöpft
hatte. Du musst es gesehen haben, denn plötzlich fokussierte sich dein Blick auf mich. Die
Amethyste waren so stechend wie immer, aber dein Blick war warm und das Lächeln blieb.
„Nur für eine Weile. Vielleicht hilft es. Glaubst du, man kann alles hinter sich lassen?"
Ich schüttelte nur traurig den Kopf.
„Wahrscheinlich hast du recht, aber ich will es trotzdem versuchen. Kommst du mit?"
~*~
„Wenn du darauf bestehst, komme ich mit.", durchbricht Schuldig schließlich die Stille, die
nach seinen Worten wie dichter Nebel den Raum erfüllt.
Crawfords nachdenklicher Blick ruht einen Moment auf ihm. „Das kann ich nicht."
Grüne Augen sehen überrascht auf, suchen den Blick des Orakels. Wenige Sekunden Stille,
dann wendet sich Schuldig ab, sieht wieder aus dem Fenster. „So ist das... na gut, um der alten
Zeiten Willen..."
Crawford nickt leicht, plant dann mit den anderen den genauen Verlauf. Schuldig versucht,
wenigstens halbwegs zuzuhören, aber er ist zu unkonzentriert.
Warum versucht er sich eigentlich zu erinnern? Vielleicht könnte er vergessen. Verdrängen.
So wie früher. Das müsste doch möglich sein.
Oder hat er sich so stark verändert?
Er hätte im kalten, grauen Regen des Parks auf seine Kopfschmerzen hören sollen.
Jetzt will er die Erinnerungen nicht mehr aufgeben, kann es nicht.
Wie das meiste im Leben läuft auch diese Überlegung auf eine einfache Entscheidung hinaus.
Vergangenheit oder Zukunft.
Wenn es nicht schon längst zu spät ist.
~°~
Mit einem dumpfen Geräusch kam der große Hartschalenkoffer auf dem Boden des
Kofferraumes auf. Noch ein kurzes Rumpeln, dann knallte der Taxifahrer die
Kofferraumklappe zu und stellte sich wartend neben die Fahrertür.
Widerwillig riss ich mich vom Anblick der Villa los und setzte mich ins Auto. Mir wäre es
vorher nicht im Traum eingefallen, das hier als mein Zuhause zu bezeichnen, aber absurder
Weise schoss mir gerade dieser Begriff in dem Augenblick durch den Kopf. Bei meiner
Wohnung war da nichts gewesen. Die hatte ich einfach abgeschlossen und war gegangen...
Als der Wagen anfuhr, wandte ich den Blick endgültig ab und zuckte die Schultern. Es war
nicht weiter wichtig. Wir würden zusammen fortgehen und vielleicht wäre es ja möglich, alles
hinter sich zu lassen. Was wusste ich schon?
Das Autoradio dudelte leise vor sich hin, die Beatles sangen, dass alles, was man brauche,
Liebe sei, und ich summte leise mit. Vielleicht war es doch mehr als eine Seifenblase.
Es dauerte nicht lange, bis der Wagen vorm Koneko zum Stehen kam. Ich wartete auf dich,
darauf, dass du rauskämst. Die Zeit verging. Ich sah auf die Uhr. Hatte ich mich geirrt? War
das nicht die Uhrzeit, die du mir genannt hattest? Nervös stieg ich aus dem Wagen, lief
unruhig auf dem Gehweg hin und her. Der Laden war geschlossen. Es sah überhaupt leer aus.
Ich lehnte mich gegen den Wagen, stieß mich dann ab und ging auf die Tür zu den darüber
liegenden Wohnungen zu. Nur um auf dem halben Weg wieder umzudrehen, dem Taxifahrer
zu sagen, er solle warten. Der zuckte nur mit den Schultern. Ich zögerte vor dem Klingeln.
Was, wenn einer der anderen an die Tür ging? Hattest du ihnen von deiner Abreise erzählt?
Würden sie versuchen, dich aufzuhalten? Wolltest du überhaupt noch weg? Plötzlich kam mir
alles wie ein Traum vor.
Irrte ich mich auch wirklich nicht? Als du gestern morgen gegangen warst, hatten wir diese
Uhrzeit ausgemacht. Das Datum stimmte auch. Nur du warst nicht da. Auch als ich klingelte,
öffnete niemand.
Schon in den letzten Tagen, war ich nervös gewesen, hatte kaum gewusst, wie ich die Zeit
totschlagen sollte. Du hattest mehr als genug zu tun, wolltest nicht einfach so verschwinden.
Du wolltest dich um die Beerdigung deiner Schwester kümmern und dafür sorgen, dass
Kritiker dich gehen ließ. Hatte es da Probleme gegeben? Aber wenn, dann hättest du mir doch
sicher etwas gesagt. Langsam fing ich an, mir Sorgen zu machen.
Dann endlich spürte ich deine Präsenz in der Nähe. Kurz darauf fuhr dein Wagen vor, hielt
direkt hinter dem Taxi. Du stiegst aus der Beifahrertür aus, als hättest du es sehr eilig, das
Innere des Fahrzeugs zu verlassen. Mit dir kam eine ganze Welle aufgestauter Emotionen von
Unglaube bis hin zu nur mühsam unterdrücktem Zorn. Du hattest kaum drei Schritte vom
Auto weg getan, als auch schon Yohji auf der Fahrerseite ausstieg und heftig auf dich
einredete. Ich stand ein Stück entfernt, konnte nicht alles verstehen, aber selbst ohne die
Gedanken, die ich auffing, hätte ich mir sehr gut vorstellen können, worum es ging.
Offensichtlich hattest du Weiß in deine Pläne eingeweiht. Ich grinste etwas schadenfroh.
Ken und Omi waren jetzt ebenfalls ausgestiegen, liefen etwas ratlos hinter euch her. Im
Gegensatz zu dir hatten mich die anderen noch nicht entdeckt. Du schienst Yohji völlig zu
ignorieren, lächeltest mir nur zu. Yohji, der verdutzt über das Lächeln deinem Blick gefolgt
war, blieb wie angewurzelt stehen, als er mich sah. Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut und er
holte dich mit zwei Schritten wieder ein und hielt dich am Arm fest. Inzwischen wart ihr nah
genug, dass ich dem Gespräch ohne Probleme folgen konnte.
„Aya, warte! Bist du jetzt völlig durchgedreht? Ich meine, das kann doch nicht dein Ernst
sein." Balinese schien außer sich zu sein. Er schrie dich fast an, während du nur ruhig stehen
bliebst und dich zu ihm umdrehtest.
„Jetzt hör du mir mal zu.", unterbrachst du ihn und schütteltest seinen Arm ab. „Du redest
jetzt seit ungefähr einer Stunde auf mich ein und glaub mir, du hast nichts gesagt, worüber ich
nicht auch schon nachgedacht habe. Ich bin weder verrückt noch mache ich Witze und es
reicht mir langsam, dass ausgerechnet du mir Vorträge hältst. Es ist mein Leben und ich bin
mir ganz sicher, dass du das nicht besser beurteilen kannst als ich." Mit diesen Worten
drehtest du dich um und gingst auf mich zu zur Tür. Yohji blieb einfach stehen und starrte
mich hasserfüllt an, während Ken und Omi, die während des Streites in sicherer Entfernung
stehen geblieben waren, nun näher kamen und Anstalten machten, ihn mit zum Haus zu
schleifen. Auch sie schienen nicht besonders begeistert zu sein, waren aber ratlos, wie sie dich
von einem einmal gefassten Entschluss abbringen sollten.
Inzwischen warst du bei mir angelangt und kramtest in deinen Manteltaschen nach den
Schlüsseln. Mit dem linken Arm drücktest du eine Urne an deinen Körper. Also kamst du
gerade von der Einäscherung. Aber du gingst nicht weiter darauf ein, entschuldigtest dich
stattdessen für dein Zuspätkommen. Stau. Mir war das egal, Hauptsache, du warst hier.
„Ich hätte es ihnen vielleicht früher sagen sollen.", murmeltest du nachdenklich.
Ich zuckte nur mit den Schultern, während du die Schlüssel endlich gefunden hattest und die
Tür öffnetest. „Wieso? Dann hättest du das den ganzen Tag gehört. Warum hast du es ihnen
überhaupt gesagt?"
„Jetzt stell dir mal vor, sie hätten dich ohne Vorwarnung gesehen...
Ich bin noch nicht fertig. Wartest du bitte solange?" Die Tür war offen. Mit einem „Komm
rein!" betratest du das Haus.
Doch in dem Moment, in dem ich deiner Einladung folgen wollte, vertrat mir Yohji den Weg.
„Nur über meine Leiche."
Wieder schlich sich ein Grinsen auf meine Lippen. „Ließe sich einrichten, Balinese." Es war
nicht ganz ernst gemeint. Nicht ganz.
Der Weiß erbleichte vor unterdrückter Wut. „Wenn ihm etwas passiert, dann..."
Ich sah ihn nachdenklich an. Auch bei den anderen Beiden konnte ich die Entschlossenheit
wahrnehmen, die in dieser Drohung lag. Das Grinsen verschwand aus meinem Gesicht,
während ich mich einfach an Yohji vorbeidrängelte. „In dem Fall brauche ich euch nicht.",
sagte ich nur noch, ohne mich umzudrehen und setzte mich dann ins Wohnzimmer.
Auch die anderen kamen herein und ließen sich mir gegenüber auf ein Sofa fallen, musterten
mich verstohlen und feindselig. Eine echt angenehme Stimmung macht sich breit. Es roch
nach Räucherstäbchen. Du hattest für die Urne einen Altar aufgebaut und zündetest nun
schweigend einige an. Dann standest du auf und erklärtest, dass du noch ein paar Sachen
packen müsstest. Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf und sprang auf, um dir zu helfen
und so der drückenden Atmosphäre zu entkommen.
Ich war noch nie in deinem Zimmer gewesen. Es wirkte ziemlich leer. Das Bett war nicht
bezogen, an den Wänden waren zwei oder drei hellere Rechtecke zu sehen, wo bis vor
Kurzem noch Bilder gehangen hatten. Die Schränke waren ausgeräumt. Zwei große Koffer
enthielten nun den Großteil deiner Sachen und standen fertig gepackt neben dem Bett.
Von wegen packen. Stattdessen zogst du mich an dich und plötzlich spürte ich deine Lippen
auf meinen, deine Zunge, die leicht darüber strich, deinen Atem, der einen flüchtigen Moment
lang über meine Wange strich. Überrascht sah ich auf deine geschlossenen Augen, die meinen
fast zu nah waren, um sie deutlich zu erkennen, erwiderte dann den Kuss. Dein Körper so nah
an meinem, deine Hände an meinem Nacken, an meiner Hüfte, das war ein berauschendes
Gefühl. Es verdrängte all deine zweifelnden Gedanken. Die ganze Zeit über waren sie da
gewesen. Ich hatte sie nicht bewusst wahrgenommen, aber jetzt bemerkte ich es. Das Gefühl,
einen Fehler zu machen, Weiß im Stich zu lassen. Ohne, dass du es selbst bemerktest, fiel die
Unsicherheit von dir ab. Du freutest dich auf die Reise. Du wolltest es so. Trotz allem, was
dagegen sprach. Ich war so glücklich in diesem Moment. Meine Hände wanderten über
deinen Rücken, zogen dich noch näher.
Irgendwann löstest du den Kuss, sahst mich seltsam nachdenklich an. „Ich hab dich vermisst."
Du legtest deinen Kopf auf meine Schulter. „Sie machen sich sorgen um mich. Wegen dir.
Dabei wäre ich ohne dich..." Du sprachst nicht zu Ende, verteiltest stattdessen sanfte Küsse
auf meinen Hals. Ich schluckte hart. Draußen wartete immer noch das Taxi und wenn ich
ehrlich war, wollte ich hier so schnell wie möglich mit dir verschwinden. Also trat ich ein
paar Schritte zurück. „Gehen wir."
In deinen Augen blitzte es. Ein fast schon amüsierter Ausdruck lag auf deinem Gesicht, als du
nicktest und die beiden Koffer dann von mir gefolgt aus dem Zimmer trugst. Aus dem
Wohnzimmer konnte man die Stimmen deiner Teammitglieder hören, die wohl noch nicht so
richtig über die Neuigkeiten hinweggekommen waren. Als wir eintraten, verstummten sie
schlagartig.
Du stelltest die Koffer ab. „Ich wollte mich nur verabschieden..." Deine Stimme klang so kühl
und irgendwie vorwurfsvoll. Du wolltest, dass sie es akzeptierten. Das war schon ziemlich
viel verlangt, wenn man bedachte, dass du ihnen erst vor wenigen Stunden reinen Wein
eingeschenkt hattest.
Zögernd blickten sie auf, musterten die gepackten Koffer und mich, wie ich in der offenen
Tür stand. Nach und nach standen sie auf und kamen auf dich zu, blieben dann zögernd
stehen, offensichtlich unsicher, was sie tun sollten.
Plötzlich stürmte der Kleine vor und umarmte dich. „Du willst also wirklich gehen... Pass auf
dich auf, ja?"
Etwas überrumpelt nicktest du nur. Auch die anderen zwei schienen nun ihre Sprache wieder
gefunden zu haben.
„Na ja... Mach's gut..." Ken wusste offensichtlich nicht, was er sagen sollte. Meine
Anwesenheit machte das nicht unbedingt besser.
„Ach, mach doch was du willst." Yohji hatte sich eine Zigarette angezündet, warf nun finstere
Blicke durch die Gegend.
Omi hatte sich wieder von dir getrennt und alle standen jetzt schweigend herum. Wie ich
Abschiede hasse. Als ich meine Sachen aus der Villa geholt habe, war außer Farf keiner da
gewesen. Und der war gerade nicht ansprechbar gewesen. Oder zumindest nicht in einem
Zustand, in dem man mit ihm sprechen wollte. Ich war ganz froh darüber.
„Danke." Die Erleichterung in deiner Stimme ließ mich lächeln. Mit dieser Reaktion von
Weiß hattest du nicht gerechnet. Hattest nicht geglaubt, dass sie deine Entscheidung
hinnehmen würden, ohne sie nochmals in Frage zu stellen. Du kanntest deine Freunde doch
schlechter als du dachtest.
Yohji grinste dich schief an.
Du gingst noch einmal auf den Altar zu, nahmst deinen Ohrring ab und legtest ihn neben die
Urne.
Aya war tot.
Ich nahm die Koffer und du folgtest mir hinaus, bliebst an der Tür noch ein letztes Mal
stehen. „Auf Wiedersehen."
An der Haustür nahmst du deinen Mantel mit, während ich schon deine Koffer im Kofferraum
des Taxis verstaute. Dann waren wir verschwunden.
Wir saßen im Fond des Wagens nebeneinander. Ich lauschte auf das Geräusch des Motors,
das leise Gedudel aus dem Radio, ab und zu unterbrochen vom Knacken des Funkgeräts. Es
klang wie jedes Taxi. Es roch auch so. Der seltsame Geruch, den alle Autos irgendwie haben
und dann, fast nicht wahrnehmbar, die Gerüche der wechselnden Passagiere. Schweiß,
Zigarettenrauch, unzählige Parfüms. Ich weiß nicht, ob ich den Geruch mag. Vielleicht bilde
ich ihn mir auch nur ein. Vielleicht riecht in Wirklichkeit jedes Taxi anders, vielleicht ist gar
nicht alles so gleich und so klischeehaft, wie ich immer denke. Möglicherweise will ich nur,
dass es so ist. Damit es nicht an mir liegt, wenn mich das alles langweilt.
Aber in diesem Moment langweilte ich mich nicht. Ich war zufrieden. Das Taxi war etwas
besonderes. Du warst hier, saßest neben mir. Wenn du in der Nähe warst, schien alles
interessanter, echter, irgendwie besser.
Du sahst aus dem Fenster. Ich sah dein Halbprofil als blasse Spiegelung an der Scheibe.
Dahinter Autos und Menschen. Davor dich. Mir fällt nichts ein, was ich jemals lange
betrachten konnte, ohne es müde zu werden. Außer dir. Die Art wie du dich bewegtest, dein
Haar, dein Gesicht, deine Haltung, wenn du ganz still saßest wie jetzt, die Art, wie du etwas
ansahst, deine Lippen, wenn du sprachst, dein Körper, deine Stimme, deine Gedanken, von
denen mich immer mehr erreichten, deine schrecklichen, schönen Augen, dein Atem, dein
Geruch, der Geschmack deiner Haut, dein Lachen...
Selbst jetzt lässt du mich nicht mehr los. Ich bin wahnsinnig. Besessen von dir. Ich weiß.
Auch wenn es mich verzweifeln lässt, mich fast den Verstand verlieren lässt, es ist so schön,
an dich zu denken. Selbst wenn ich es könnte, würde ich dich nicht vergessen wollen.
Ist das Liebe? Und wenn ja, ist es nicht eine seltsame Art zu lieben? Ich bin mir sicher, du
würdest nicht denken, dass es seltsam ist. Schließlich war es auch deine Art zu lieben.
Du holtest den zweiten Ohrring aus einer Tasche, betrachtetest ihn traurig, während die Stadt
draußen vorbeiraste. Ich sah ebenfalls auf das kleine, goldene Schmuckstück in deinen
Händen. Sein Gegenstück lag nun auf dem Altar, gehörte dort irgendwie hin, in die Nähe des
Mädchens, das dir so viel bedeutet hat.
„Hier." Du legtest ihn mir in die Hand und lehntest dich zurück, sagtest den Rest der Fahrt
über kein Wort mehr. Ich weiß nicht genau, warum du ihn mir damals gabst. Ich habe nie viel
darüber nachgedacht. Es passte einfach.
Der Ohrring hängt an einer dünnen Kette um meinen Hals...
Es dauerte nicht allzu lange, bis wir am Flughafen ankamen. Das Schweigen zwischen uns
war nicht unangenehm. Wir dachten beide über das nach, was geschehen war, was geschehen
würde, was wir zurückließen.
~*~
Seit der Besprechung sind ein oder zwei Stunden vergangen. Schuldig ist wieder auf seinem
Zimmer. Wartet. Auf was auch immer.
Unten im Wohnzimmer sitzen die Weiß zusammen. So ist es die letzten Abende immer
gewesen. Seit sie bei Schwarz sind, sind sie enger zusammengerückt. Und erst recht nach
Ayas Tod.
Aya... Sie hatten es zu verhindern versucht, seit Crawford es ihnen vor einem viertel Jahr
gesagt hatte. Es war der eigentliche Grund für ihre Zusammenarbeit gewesen. Nicht SZ.
Aber sie waren zu spät gekommen, hatten nur noch Ayas Leiche gefunden und die der SZ-
Agenten. Brad hatte sich dann auf die Suche nach Schuldig gemacht. Und da sind sie nun.
Warum waren die beiden nur zurück nach Japan gekommen? Wenn sie im Ausland geblieben
wären, vielleicht wäre dann alles anders gekommen...
Der Fernseher läuft, aber Yohji achtet nicht darauf. Wie schon so oft kommt er zu der
Erkenntnis, dass es nicht zu verhindern gewesen war. Vielleicht, wenn sie schneller gewesen
wären... wenn sie eine Möglichkeit gehabt hätten, die Beiden zu warnen... vielleicht...
Yohji hört leise Schritte und das Öffnen der Tür. Er dreht sich im Sessel um und sieht
Crawford, der äußerlich ruhig dasteht. „Wir müssen bald los. Macht euch fertig."
Ken und Omi nicken und gehen aus dem Raum, ohne etwas zu sagen. Die Stimmung ist wie
immer gedrückt. Kein Wunder. Aber sie werden schon irgendwie darüber hinwegkommen.
Über die meisten Sachen kommt man irgendwie hinweg. Bei Schuldig ist er sich da nicht so
sicher.
Er schaltet den Ton vom Fernseher aus. „Warum willst du ihn mitnehmen? Er sieht nicht so
aus, als wäre er besonders gut in Form. Um genau zu sein sieht er aus wie ein Gespenst."
Crawford schweigt einen Augenblick, starrt an Yohji vorbei auf den immer noch flimmernden
Fernseher. „Er ist notwendig. Er minimiert das Risiko für alle Beteiligten."
Yohji sieht ihn zweifelnd an. „Wenn er in diesem Zustand mitmacht, ist es ziemlich
wahrscheinlich, dass er stirbt."
Crawford nickt nur und senkt den Blick.
Yohjis Augen weiten sich entsetzt. „Du wirst ihn einfach sterben lassen?"
Ein wütender Blick aus braunen Augen trifft ihn, während Crawford mit leiser, drohender
Stimme redet. „Glaubst du vielleicht, mir liegt nichts an ihm? Denkst du, ich hintergehe euch
alle? Wenn du mir nicht mal soweit traust, warum bist du dann hier?"
„Nein, das ist es nicht, aber..."
„Wenn ich es irgendwie ändern könnte, würde ich es tun. Aber wenn er heute hier bleibt,
würde es auch nicht helfen. Es wird nicht besser mit ihm. Nur immer schlimmer. Ich kann die
Anderen nicht dadurch in Gefahr bringen. Ohne ihn schaffen wir es wahrscheinlich nicht."
Yohji beobachtet Crawford genau. Es ist nicht leicht, das zu akzeptieren, auch für Crawford
nicht. Aber er scheint sich seiner Visionen sehr sicher zu sein, sonst würde er niemals eine
solche Entscheidung fällen. Obwohl er sich sehr gut unter Kontrolle hat, verraten ihn winzige
Zeichen. Kleinigkeiten in Gestik, Mimik und Tonfall, die Yohji aber nicht entgehen.
Das Orakel ist bei weitem nicht so ruhig und überlegen wie er es ihm und den Anderen immer
weismachen will. Er ist angespannt, besorgt und er trauert.
„Es tut mir leid." Yohji sagt es sehr leise, aber er meint es ernst. Wie auch die anderen beiden
hatte er sich auf seltsame Weise betrogen gefühlt, als sie Schuldig retten konnten, Aya aber
nicht. Dabei hatte Crawford die ganze Zeit über gewusst, dass es nur scheinbar so war.
„Ja, mir auch."
Yohji steht auf und geht nun auch hinaus, um sich fertig zu machen. An Brad vorbei, der
immer noch, den Blick auf den Fernseher gerichtet, mitten im Zimmer steht. Mit dem Rücken
zum Orakel bleibt er noch einmal stehen. „Sollte ich sonst noch was über die Mission
wissen?"
„Nein. Es wird alles gut gehen. Abgesehen davon."
Yohji nickt leicht, ist schon fast durch die Tür gegangen, als Crawfords Stimme ihn noch
einmal innehalten lässt. „Habt ihr euch entschieden?"
„Ja. Wir werden bleiben – für eine Weile."
„Das ist gut."
~°~
Ich hatte nicht erwartet, am Flughafen auf Crawford zu treffen. Er stand ruhig da, wartete auf
uns. Trotz seines Anzuges, seines souveränen Auftretens als Geschäftsmann oder was auch
immer er darstellen wollte, wirkte er hier in der Halle, zwischen all den Umherhastenden
seltsam deplatziert.
Wir blieben stehen. In angemessenem Abstand. „Was machst du hier?"
„Das selbe könnte ich dich fragen. Wie würdest du das bezeichnen?"
Ich schwieg, überlegte fieberhaft, was jetzt passieren würde. „Das kommt darauf an..."
„Worauf?" Er zog eine Augenbraue hoch, eine dieser wahnsinnig arroganten Gesten, die er
bis zur Perfektion beherrscht. „Wie wäre es mit ‚Verrat'?" Er näherte sich einen Schritt.
Ich meinte spüren zu können, wie du dich hinter mir anspanntest, dich auf einen Angriff
vorbereitetest. Auch ich war misstrauisch.
„Nicht der Terminus, der mir vorschwebte, aber der Wortlaut, den SZ nutzen wird..."
Ich verfolgte mit angehaltenem Atem, wie seine Hand zur Innentasche seines Sakkos
wanderte, erwartete fast, eine Waffe zu sehen.
Aber es war nur ein Umschlag.
„Schadensbegrenzung. Da du sicher nicht an so etwas gedacht hast, habe ich mich um Pässe
und Ausweise gekümmert. Außerdem habe ich mir die Freiheit genommen, dein Geld mit
Nagis Hilfe auf neue Konten zu transferieren. Wenn du Glück hast, können sie nicht
zurückverfolgt werden. Die neuen Karten und Papiere sind in dem Umschlag. Für ihn habe
ich sicherheitshalber auch welche. Dein Handy entsorgst du am besten auch so schnell wie
möglich. Kauf dir irgendwo ein neues."
Ich war sprachlos. Arschloch! Ich wette, er hatte diese ganze Show nur abgezogen, um jetzt
mein blödes Gesicht zu sehen. Man sollte ihn nicht für so albern halten...
Er drückte mir den ziemlich dicken Umschlag in die Hand und wollte schon wieder
verschwinden. „Hey Brad!" Ich musste grinsen. Das Ganze kam mir plötzlich so absurd und
einfach vor. "Danke. Und grüß die anderen von mir."
Er nickte nur kurz und ging dann.
Nur wenige Stunden später saßen wir in einigen Kilometern Höhe und ließen alles unter uns
zurück, sahen uns den Sonnenaufgang über den Wolken an.
Es ist seltsam, wie Glück sich in der Erinnerung anfühlt. Eine verwirrende Mischung aus
Trauer und Freude. Nostalgie, in gewisser Weise.
Und wir waren glücklich. Für einige Monate.
Nicht ungetrübt, das nicht. Ich denke, uns beiden war klar, dass es nicht gut gehen würde,
aber solange man es nicht aussprach, war die Gefahr nicht real, nahm keine Gestalt an.
Es würde ewig so sein. Unsere gemeinsame Lüge. Wir hatten inzwischen Übung darin, die
Realität fern zu halten. Der Luftdruck war günstig für Seifenblasen wie unsere.
Es war keine Flucht, es war eine Reise. Das Ziel unbekannt.
Zwei Wochen London, vier Tage Marokko, ein Monat Provence...
In vollen Zügen das Leben genießen. Den Augenblick auskosten.
Gleißend blaue Himmel, warmer Regen, endlose Mohnfelder, hektische, tobende Städte, in
der Zeit erstarrte Nadelwälder, Farben, Essen, Lachen, Rausch, Musik, Du, Du und immer
wieder Du.
Vergangenheit existierte nicht, Zukunft war jetzt. Es war so leicht. So intensiv.
So verzweifelt.
Wir wussten es. Dass jeder Tag der letzte Tag war. Das diese Ewigkeit nicht anhalten würde.
Aber wir ignorierten das, solange wir konnten. Selbst als die ersten SZ-Agenten starben, war
es noch eine Reise, dachten wir noch, wir könnten sie aussperren wie alles andere.
Und dann die Erkenntnis, das Eingeständnis, die Rückkehr.
Eine Falle, das Ende. Was sonst?
Aber wir mussten einfach versuchen, es zu verteidigen.
Epilog: Tod

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