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~Ballade des äußeren Lebens~
Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
und alle Menschen gehen ihre Wege.
Und süße Früchte werden aus den herben
und fallen nachts wie tote Vögel nieder
und liegen wenig Tage und verderben.
Und immer geht der Wind, und immer wieder
vernehmen wir und reden viele Worte
und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.
Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen,
und drohende und totenhaft verdorrte...
Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen
Einander nie? und sind unendlich viele?
was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?
Was frommt das alles uns und diese Spiele,
die wir doch groß und ewig einsam sind
und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben?
Und dennoch sagt der viel, der „Abend" sagt,
ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.
Hugo von Hofmannsthal
o-O-o-O-o
Prolog:
Vergänglichkeit
~*~
Ein Schuss durchbricht das Geschehen, lässt alles erstarren. Die Zeit scheint plötzlich
langsamer zu vergehen. Wie in Zeitlupe fällt der Getroffene, während sich ein feiner, roter
Nebel dort ausbreitet, wo ihn die Kugel durchdrungen hat. Fassungslos steht der Beobachter
dahinter, kann nicht wirklich glauben, was er sieht. Nur langsam sickert die Erkenntnis zu ihm
durch, als sich das Blut des Sterbenden warm und feucht auf seine Haut legt.
~°~
„Ich fürchte mich nicht vor dem Tod."
„Warum nicht?"
„Weil es etwas gibt, das ich viel mehr fürchte."
Ich lehnte mich zurück in deine Arme und drehte den Kopf leicht, um in dein Gesicht zu
sehen. Du sahst schlecht aus. Müde, traurig, völlig am Ende, aber doch irgendwie... zufrieden.
Vielleicht sogar glücklich. So einen Ausdruck hatte ich in deinem Gesicht noch nie gesehen.
~*~
Die Welt, die eben noch still zu stehen schien, nimmt plötzlich all ihre Kraft zusammen und
dreht sich mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit weiter. Das Blut breitet sich
rasend schnell über die Kleidung aus, alle Versuche des Anderen, die Blutung zu stoppen
scheitern – und dann, mit einem Schlag, wird es ihm klar: Es ist vorbei.
Zu spät.
Immer und immer wieder hallen diese Worte in seinem überspannten Verstand nach, nehmen
an Lautstärke ab oder zu, verlieren aber nichts von ihrer schrecklichen Bedeutung.
Dann reißt ihn eine Stimme aus den Gedanken. Sie klingt schwach, leise, ist kaum mehr als
ein Flüstern, aber natürlich kann er die Worte verstehen. Sie sind allgegenwärtig, um ihn und
in ihm.
„Es war... sehr dumm von uns,... zu glauben, dass wir es schaffen würden. Man hat... eben
doch nur ein Leben."
Die Stimme erstirbt. Die Stille, die sich um ihn her ausbreitet rauscht in seinen Ohren. Für
einen Augenblick, einen Sekundenbruchteil scheint die Welt zu verschwimmen. Schwärze
breitet sich aus, klare Formen verschwimmen und ätzen dunkle Löcher in die Nacht.
Dann ist alles ruhig. Die Mörder sind einfach verschwunden. Auch etwas, was er nicht
versteht, irgendetwas muss er vergessen haben – oder übersehen.
Er beugt sich näher zu dem Anderen herunter, einige Strähnen seines Haares streichen sanft
über die blasse Haut, ihre Gesichter sind nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt, er
könnte seinen Atem spüren – aber da ist nichts.
Es vergehen Minuten oder Stunden, während er völlig reglos dasitzt, nicht begreifen will, was
gerade geschehen ist, dass er neben einer Leiche kniet. Nur noch ein toter Körper. Und sein
Blut überall an ihm.
~°~
„Was ist es, wovor du dich fürchtest?"
Ein seltsamer Blick aus diesen sonst so kalten Augen.
Du zögertest lange, bevor du antwortetest.
„Der Wahnsinn. Ich fürchte mich davor, den Verstand zu verlieren."
~*~
Er kann sich nicht mehr daran erinnern, wie er dorthin gekommen ist. Um ihn her sind laute
Musik und Stimmen, die gegen das Dröhnen der Bässe anzukämpfen scheinen, sich immer
wieder verlieren, aber natürlich hört er sie trotzdem. Alle. Zur gleichen Zeit.
Sein Kopf schmerzt. Der Rauch, der die Luft erfüllt, verursacht ihm Übelkeit. Er schiebt sich
durch eine Menschenmenge, die ihn mit gleichgültigen, irritierten Blicken misst. So als sähe
sie alle Tage einen Mann blutbeschmiert und ziellos durch die Bar wandern.
Ihm ist, als ob er schwebt, er bemerkt die Augenpaare nicht, die sich auf ihn richten, nicht,
wie die Leute ihm beunruhigt und doch widerwillig aus dem Weg gehen. Er sieht nicht, fühlt
nicht und er wünscht nur, auch diese verdammte Musik nicht zu hören.
Alles ist taub, irgendwie verschwommen, aber er weiß, dass etwas nicht stimmt, dass er schon
wieder etwas vergessen hat. Oder ist es dasselbe?
Er setzt sich auf einen Barhocker. Seine Hand klammert sich um einen schmalen Anhänger,
den er um den Hals trägt. Er weiß im Augenblick nicht, wieso, aber er will ihn nicht ansehen,
will sich nicht erinnern. Sein Zustand ist ihm unangenehm. Seine Gedanken kommen ihm vor,
wie eine Kiste voller Würmer, die man einmal kräftig geschüttelt hat. Einige Erinnerungen
sind verschüttet und immer wenn er versucht, sie wieder frei zu legen, lenken ihn diese sich
windenden, wirren Gedanken ab. Aber wer sagt, dass das Erinnern nicht viel schlimmer ist?
~°~
„Glaubst du an Gott?"
„Redest du nicht ein wenig zu viel mit Farfarello?"
Ich zuckte nur mit den Schultern. „Er ist ein interessanter Gesprächspartner."
„Er ist ein blutrünstiger Psychopath."
Ich winkte ab. „Das ist nur eine seiner Persönlichkeiten. Du solltest ihn nicht verurteilen."
„Du hast Recht. Gerade ich sollte das nicht." Du wirktest plötzlich sehr bedrückt. Wir
schwiegen eine Weile.
„Nein."
Ich sah dich fragend an, hatte meine Frage schon wieder vergessen.
„Ich glaube nicht an Gott. Wenn ich das täte, müsste ich ihn für seine Gleichgültigkeit hassen,
wie Farfarello es tut."
„Glaubst du, du wärst dann wie er?"
Du schütteltest nur den Kopf. „Er handelt irrational. Wenn Gott gleichgültig ist, kümmert es
ihn auch nicht, ob man sich oder andere verletzt."
So eine Antwort konntest wirklich nur du geben. „Ja, ja, immer noch der kühle, logische
Eisblock." Flüsterte ich, bevor ich dich in eine Umarmung zog und dich küsste.
~*~
Die Musik und die Stimmen sind leiser geworden. Schließlich gänzlich verstummt. Ein lautes,
demonstratives Räuspern reißt ihn aus seiner Starre. Ein kurzes Heben des Kopfes bestätigt
seine Vermutung. Die Bar ist leer. Bis auf ihn und den Barkeeper, der nun ungeduldig neben
ihm steht. Ein junger Mann mit wild in alle Richtungen abstehendem, blaugefärbtem Haar
und Brille. Eine eigenwillige Mischung, irgendwie. Normalerweise hätte er das lächerlich
gefunden, sich darüber lustig gemacht. Aber nicht jetzt. Es ist niemand mehr da, der nur den
Kopf schüttelt und ihm liebevoll sagt, dass er ja wohl auch etwas... unkonventionell auftritt.
Schnell versucht er die Erinnerungen, die ihn bestürmen, wieder zu verdrängen, aber lange
wird ihm das nicht mehr gelingen.
Der Blauhaarige drängt sich wieder in seine Gedanken, holt ihn zurück in die Gegenwart. Er
will schließen, sagt er. Vermutlich nicht zum ersten Mal. Durch hochliegende, schmale
Fenster fällt schon dämmriges Licht in den Raum. Die Stühle sind hochgestellt, der Boden
gefegt, der Tresen blank poliert. Nur sein Glas steht noch darauf, wirkt eigenartig verloren. Er
hat den Drink nicht angerührt, weiß nicht einmal, was es ist. Aber das spielt auch keine Rolle.
Der komische Vogel redet weiter auf ihn ein. Er solle nach Hause gehen. Nach Hause, es
kostet ihn Mühe, nicht bitter aufzulachen. Oder zu weinen... Er hat kein Zuhause. Nicht mehr.
Nie wieder. Nur eine Wohnung, irgendwo in dieser Stadt, in die er nie mehr zurückkehren
wird. In der er nie richtig gewohnt hat. Was wohl der Vermieter mit den Sachen anstellen
wird?
~°~
„Glaubst du, dass wir irgendwann für unsere Taten bestraft werden?"
Du zogst nur verwundert die Augenbrauen hoch.
„Warum fragst du so etwas? Ich denke, du glaubst an nichts."
„Man kann nie wissen..."
Du lächeltest. „Für mich spielt das keine Rolle. Alles was ich getan habe, war meine
Entscheidung. Ich bin bereit, die Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen und
entgegen allem, was du glauben magst, ist es nicht der Sinn einer Strafe, ihr um jeden Preis zu
entgehen."
Du kamst näher, beugtest dich zu mir herunter. Federleicht fuhren deine Lippen über meine
Haut. Und ich wünschte mir nichts mehr, als dass ich so denken könnte wie du. Aber da war
zu vieles in meinem Leben, was ich bereute, besonders seit du da warst. Zu viel Reue. Und zu
viel Schuld.
~*~
Der Heimatlose steht schließlich auf und geht. Verlässt einfach die Bar. Der Blauhaarige
atmet erleichtert auf. Er hatte schon Angst, dass der Typ gar nicht mehr verschwindet. Er will
langsam Feierabend machen und hat keine Lust, noch die Polizei zu rufen und Überstunden
zu machen, nur weil dieser offenbar Geisteskranke nicht reagiert, wenn man ihn auffordert, zu
gehen. Aber nun ist ja alles gut. Der Barkeeper löscht das Licht, schließt ab und wird den
Vorfall schon in wenigen Tagen vergessen haben. Es gibt einfach zu viele Verrückte in dieser
Stadt.
Währenddessen tritt der Heimatlose vor die Tür. Sieht auf zu einem Himmel, den schwere,
graue Wolken verbergen. Nur am Horizont ist Licht, das die Wolken von unten in fahlem,
kränklichem Gelb beleuchtet. Aber vielleicht sind das auch nur die Lichter der Stadt. Es ist
vielleicht fünf Uhr früh. Vielleicht später. Oder früher. Er kann es nicht sagen. Seine
Armbanduhr ist stehen geblieben. Wie ausgesprochen passend. Er wird sie nicht mehr
reparieren lassen, die Zeit spielt keine Rolle mehr für ihn. Er dreht sich nach links und geht
ziellos mitten auf der Straße entlang. Vielleicht nimmt ihn ja noch ein Auto mit, im
tödlicheren Sinne, denkt er zynisch. Aber er hat kein Glück. Es wird Zeit, sich zu erinnern.
~°~
„Du weißt doch, dass ich gelogen habe?"
Du saßest neben mir im Flieger. Das leise Rauschen der Klimaanlage und die gleichmäßigen
Atemzüge der schlafenden Passagiere waren die einzigen Geräusche um uns her.
„Wann sollst du gelogen haben?" fragte ich zurück.
„Du Idiot, musst du eigentlich bei allem nachfragen?"
„Vielleicht will ich's ja von dir hören?"
„Wer hätte gedacht, dass man eine Unterhaltung nur mit Fragen führen kann..."
„Ja wer?"
Du verdrehtest nur die Augen und sahst aus dem Fenster.
Schließlich drehtest du dich aber doch noch einmal zu mir um.
„Ich habe gesagt, dass ich dich nicht liebe. Das war gelogen."
„Ach das... das war mir doch sowieso klar." Ich grinste breit, obwohl mir in Wirklichkeit
nichts wichtiger war, als dieses Geständnis. Aber ich glaube, das wusstest du.
„Idiot!" Du wandtest dich wieder ab, aber auf deinem Gesicht lag ein Lächeln.
Über den Wolken ging die Sonne auf.
Erstens: Wahrheit

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© 2004 by Elster |
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