Moralische Erbauung und vor allem moralische Ermahnungen sowie Unterweisung
waren ein wichtiger Bestand der Kinder- und Jugendliteratur des 18. Jahrhunderts.
Eine solche moralische Beispielerzählung ist
Christian Gotthilf Salzmanns Traktat
Die Reichen sind sehr nützlich,
besonders wenn sie ihr Geld gut anwenden, der zuerst 1783 in einem seiner
Elementarbücher erschien, zu dem auch andere Autoren, z. B. Joachim
Heinrich Campe und Christian Felix Weisse, Beiträge lieferten.
Vom Nutzen des Reichtums
In einem Städtchen legten ein Paar kluge Bürger Fabriken von
wollenen Zeugen an, und viele hundert Menschen fanden darin durch ihre
Arbeit Nahrung. Einige kämmten die Wolle, andere spannen sie, noch
andere webten, und etliche färbten die Zeuge. Alle diese Arbeiten
wurden ihnen bezahlt, und sie konnten sich von dem Gelde, das sie verdient
hatten, Speise, Kleidung und Feuerung kaufen.
Aber freylich hatten die beyden Bürger, die die Fabriken angelegt
hatten, den mehresten Gewinn davon: denn sie verkauften die Zeuge, die
sie hatten verfertigen lassen, und bekamen dafür immer etwas mehr,
als sie ihnen kosteten, und wurden auf diese Art immer reicher.
Dieß gönnten ihnen nun die Armen nicht, murrten wider sie,
und sagten, sie könnten sich unmöglich durch erlaubte Mittel
ihren Reichthum erworben haben.
Nach einiger Zeit entstand ein Krieg, in welchem diese Bürger
viel einbüßten. Die Kaufleute, die ihnen hätten zahlen
sollen, verarmten und bezahlten nicht; sie selbst mußten einigemahl
starke Contribution an die Feinde zahlen, und ein Wagen voll Waare, den
sie zur Messe schickten, wurde ihnen weggenommen. Dadurch verloren sie
so viel, daß sie nicht im Stande waren, die Fabriken fortzusetzen,
sondern sie eingehen lassen mußten.
Dadurch entstand denn unter Allen, die für sie gearbeitet hatten,
große Noth. Es war nun niemand mehr da, der ihnen Arbeit gegeben,
und sie bezahlt hätte: folglich litten sie an den allernothwendigsten
Dingen Mangel. Sie mußten Kleidung, Betten und Hausgeräthe verkaufen,
um nur Brod zu bekommen. Und da sie nichts mehr zu verkaufen hatten, zerstreueten
sie sich; einige ließen sich als Soldaten, andere als Colonisten
nach Rußland anwerben, und manche mußten sogar den Bettelstab
ergreifen.
Diese sagten oft: „ach! damals war noch gute Zeit, da die zwey reichen
Bürger bey uns wohnten! da hatten wir beständig unser Brod; aber
nun, da diese verarmt sind, ist es mit uns gänzlich aus."
Christian Gotthilf Salzmann: Moralisches Elementarbuch. Zweyter Theil.
Neue verbesserte Auflage. Leipzig 1795, S. 345-347.
"Christian Gotthilf Salzmann: Vom Nutzen des Reichtums,"
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